Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 2- 94-99
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- 0:00Unterkapitel 94 Wachstum nach dem Tode Nietzsche reflektiert
- 0:08hier darüber, wie sich die Bedeutung von Gedanken und
- 0:10Werken nach dem Tod ihres Schöpfers verändern kann.
- 0:14Er nimmt den französischen Schriftsteller Fontinell als
- 0:16Beispiel, dessen kühne Worte über Moral zu seiner Zeit nur
- 0:20als witzige, aber harmlose Spielereien angesehen wurden,
- 0:24selbst die klügsten Köpfe und vielleicht sogar fontinelle
- 0:26selbst sahen nicht die tiefere Wahrheit darin.
- 0:30Doch dann sonitsche geschieht etwas Unglaubliches.
- 0:34Diese Gedanken werden zu Wahrheiten, die Wissenschaft
- 0:37beweist sie das, was einst ein Spiel war, wird zum Ernst.
- 0:43Wenn wir heute fontinelles Dialoge lesen, tun wir das mit
- 0:46einem ganz anderen Verständnis als seine Zeitgenossen wie
- 0:48Voltaire oder helvetius wir erkennen die tiefere Bedeutung
- 0:53und heben Fontinelle deshalb auf eine viel höhere Stufe der
- 0:56Geistesgrößen, als man es damals tat.
- 0:59Die zentrale Frage, die Nietzsche am Ende stellt,
- 1:01lautet, geschieht dies mit Recht oder mit Unrecht?
- 1:06Er lässt die Frage offen, aber der Gedanke ist klar, die wahre
- 1:10Bedeutung eines Werkes oder eines Gedankens entfaltet sich
- 1:13oft erst lange nach seiner Entstehung, spätere Generationen
- 1:17können darin Wahrheiten erkennen, die dem Schöpfer
- 1:19selbst und seinen Zeitgenossen verborgen blieben, die
- 1:23Geschichte selbst verleiht den Gedanken ein Wachstum nach dem
- 1:26Tode. Unterkapitel 95 Chamfort in
- 1:33diesem Abschnitt analysiert Nietzsche die widersprüchliche
- 1:36Persönlichkeit des französischen Schriftstellers Nicolas
- 1:39Chamfort. Er wundert sich, warum ein so
- 1:42scharfsinniger Kenner der Menschen sich während der
- 1:45französischen Revolution auf die Seite der Masse stellte, anstatt
- 1:48sich in philosophischer Distanz zurückzuziehen.
- 1:52Nietzsches Erklärung dafür ist, dass in Chamfort ein Instinkt
- 1:55stärker war als seine Weisheit. Der Hass auf den Adel, dieser
- 2:00Hass, so vermutet Nietzsche, stammte von seiner Mutter und
- 2:03war ein tief verwurzelter Rachedurst aus seiner Kindheit.
- 2:07Obwohl Jean fort lange Zeit versuchte, sich dem Adel
- 2:09anzupassen und teil davon zu werden, konnte er diesen Anblick
- 2:13seiner eigenen Verstellung am Ende nicht mehr ertragen, er zog
- 2:18sich symbolisch das Gewand des Pöbels an, aus einem schlechten
- 2:21Gewissen heraus seine Rache so lange vernachlässigt zu haben.
- 2:25Nietzsche spekuliert, dass die Revolution ohne champforts
- 2:28scharfen Witz und seinen Hass viel langweiliger und weniger
- 2:32geistreich gewesen wäre. Sein Hass und seine Rache hätten
- 2:36eine ganze Generation von brillanten Köpfen geprägt, wie
- 2:39zum Beispiel Mirabeau, der zu champfort Aufschaute.
- 2:43Abschließend wundert sich Nietzsche, warum Champfort in
- 2:45Frankreich so fremd geblieben ist.
- 2:47Ähnlich wie der Schriftsteller Stendal.
- 2:50Er beschreibt Champfort als einen düsteren, leidenden und
- 2:53glühenden Denker. Dessen Wesen eher dem eines
- 2:56Italieners, Vidante oder Leopardi gleicht als dem eines
- 3:00typischen Franzosen. Seine letzten Worte, dass das
- 3:04Herz in dieser Welt entweder brechen oder erstarren müsse,
- 3:08sein, so Nietzsche, keine Worte eines sterbenden Franzosen,
- 3:13Unterkapitel 69 2 Redner hier vergleicht Nietzsche 2
- 3:20verschiedene Typen von Rednern und wie sie ihre Leidenschaft
- 3:23und Vernunft einsetzen. Der erste Redner erreicht die
- 3:27volle Kraft seiner Vernunft nur dann, wenn er sich von seiner
- 3:30Leidenschaft mitreißen lässt. Die Leidenschaft pumpt ihm
- 3:34sozusagen Blut und Hitze ins Gehirn und zwingt seine hohe
- 3:37Geistigkeit zur Entfaltung. Ohne diese emotionale Erregung
- 3:41bleibt sein wahres Potential verborgen.
- 3:44Der zweite Redner versucht das gleiche, er will seine Argumente
- 3:48ebenfalls mit Leidenschaft vortragen, um überzeugend zu
- 3:51wirken, aber bei ihm hat es meistens einen schlechten
- 3:54Effekt. Er spricht dann unklar und
- 3:56verwirrt, übertreibt und weckt Misstrauen gegen die Vernunft
- 4:00seiner eigenen Sache. Er spürt dieses Misstrauen sogar
- 4:03selbst, was zu plötzlichen Sprüngen in kalte und abstoßende
- 4:06Töne führt, bei ihm überflutet die Leidenschaft den Geist,
- 4:10anstatt ihn zu beflügeln. Dieser zweite Redner ist jedoch
- 4:14auf dem Höhepunkt seiner Kraft, wenn er dem Sturm seiner Gefühle
- 4:17widersteht und ihn fast schon verspottet, erst dann tritt sein
- 4:21wahrer Geist hervor. Logisch, spöttisch, spielerisch
- 4:26und gleichzeitig furchtbar. Nietzsche zeigt hier, dass das
- 4:30Verhältnis von Vernunft und Leidenschaft bei verschiedenen
- 4:33Menschen sehr unterschiedlich sein kann, während der eine die
- 4:37Leidenschaft braucht, um zu denken, muss der andere sie
- 4:40beherrschen, um seine volle geistige Kraft zu entfalten.
- 4:44Unterkapitel 97 von der Geschwätzigkeit der
- 4:48Schriftsteller. Nietzsche beschreibt hier
- 4:52verschiedene Arten von Geschwätzigkeit, die er bei
- 4:55Schriftstellern beobachtet. Er meint damit nicht einfach
- 4:58nur, dass jemand viel redet, sondern er charakterisiert den
- 5:02Stil und die Art des Schreibens, die aus einer bestimmten inneren
- 5:05Haltung entspringt. Er nennt folgende Beispiele
- 5:09Geschwätzigkeit des Zornes, wie man sie oft bei Martin Luther
- 5:13oder Arthur Schopenhauer findet, ihr Schreiben ist von Wut und
- 5:17Polemik angetrieben. Geschwätzigkeit aus einem großen
- 5:20Vorrat von Begriffsformeln wie bei Immanuel Kant.
- 5:25Sein Schreiben ist voll von abstrakten Begriffen und
- 5:28komplexen Systemen. Geschwätzigkeit aus Lust an
- 5:31immer neuen Wendungen wie bei Michelle de Monteñe er liebt es,
- 5:36ein Thema von allen Seiten zu betrachten und immer neue
- 5:39Perspektiven zu finden, Geschwätzigkeit hämischer
- 5:43Naturen hier nennt er keinen Namen.
- 5:46Sondern verweist auf Schriftsteller seiner Zeit, die
- 5:49aus Bosheit und Häme schreiben, Geschwätzigkeit aus Lust an
- 5:53guten Worten und Sprachformen, wie man sie in der Prosa von
- 5:58Goethe findet. Hier steht die Schönheit der
- 6:00Sprache im Vordergrund, Geschwätzigkeit aus innerem
- 6:04Wohlgefallen an Lärm und Wirrwarr der Empfindungen, als
- 6:08Beispiel nennt er den schottischen Schriftsteller
- 6:11Thomas Carlyle, dessen Stil als sehr leidenschaftlich und
- 6:14chaotisch gilt. Mit dieser Aufzählung zeigt
- 6:17Nietzsche, dass der Schreibstil eines Autors immer auch ein
- 6:20Spiegel seiner Persönlichkeit und seiner inneren Antriebe ist.
- 6:24Was wir als geschwätzig empfinden, kann aus ganz
- 6:27unterschiedlichen Quellen kommen, aus Wut, aus
- 6:30Systemdenken, aus Spielfreude oder aus innerem Chaos.
- 6:35Unterkapitel 89 zum ruhme Shakespeares.
- 6:43Nietzsche drückt hier seine tiefste Bewunderung für William
- 6:46Shakespeare aus, und zwar für dessen Darstellung des Brutus in
- 6:49der Tragödie Julius Caesar. Das Schönste, was er über
- 6:53Shakespeare sagen könne, sei, dass dieser an Brutus geglaubt
- 6:57habe, Shakespeare habe diese Art von Tugend, die Unabhängigkeit
- 7:01der Seele, ohne jeden Zweifel oder Misstrauen dargestellt für
- 7:06diese Unabhängigkeit der Seele, so Nietzsche, kann kein Opfer zu
- 7:09groß sein. Nicht einmal das Opfer des
- 7:12liebsten Freundes. Wenn durch diesen die Freiheit
- 7:14großer Seelen in Gefahr gerät. Nietzsche meint, dass
- 7:18Shakespeare die Figur des Caesar so großartig darstellt, gerade
- 7:22um die innere Größe des Problems von Brutus zu zeigen und die
- 7:25seelische Kraft, die nötig war, um diesen Konflikt zu lösen, die
- 7:30Frage, ob es wirklich die politische Freiheit war, die
- 7:32Shakespeare hier bewegte, oder ob diese nur ein Symbol für
- 7:35etwas tieferes, Unaussprechbares war, lässt er offen.
- 7:40Er vergleicht die Melancholie des Brutus mit der des Hamlet
- 7:43und vermutet, dass Shakespeare ähnliche innere Konflikte aus
- 7:46eigener Erfahrung kannte. Doch vor der ganzen Gestalt und
- 7:50Tugend des Brutus habe Shakespeare sich auf den Boden
- 7:53geworfen und sich unwürdig und fern gefühlt.
- 7:56Das Zeugnis dafür findet man in seiner Tragödie selbst.
- 8:00Shakespeare lässt in dem Stück zweimal einen Poeten auftreten
- 8:03und übergießt ihn mit Verachtung.
- 8:06Brutus selbst verliert die Geduld mit dem pathetischen und
- 8:09eingebildeten Dichter. Nietzsche, interpretiert dies
- 8:12als Selbstverachtung Shakespeares, des Dichters, der
- 8:15diese Zeilen schrieb. Er sah sich selbst als
- 8:18unvollkommen im Vergleich zum Ideal des Brutus Unterkapitel 99
- 8:26die Anhänger Schopenhauers. In diesem Kapitel kritisiert
- 8:31Nietzsche die Art und Weise, wie die Deutschen die Philosophie
- 8:34von Arthur Schopenhauer aufgenommen haben.
- 8:37Er vergleicht dies mit dem Kontakt zwischen Kulturvölkern
- 8:40und Barbaren, bei dem die niedrigere Kultur oft zuerst die
- 8:44Laster und Schwächen der Höheren annimmt, Nietzsche fragt, was
- 8:48die deutschen Anhänger Schopenhauers zuerst von ihrem
- 8:50Meister übernehmen, es seien nicht seine Stärken, sein klarer
- 8:55Tatsachensinn, sein Wille zur Vernunft.
- 8:57Sein starkes intellektuelles Gewissen oder seine Reinlichkeit
- 9:01in religiösen Fragen? Nietzsche nennt ihn hier einen
- 9:04Voltairianer, also einen Aufklärer, auch seine
- 9:08unsterblichen Lehren über die Natur des Intellekts oder die
- 9:10Unfreiheit des Willens würden nicht als Erstes faszinieren.
- 9:14Stattdessen, so Nietzsche, seien es Schopenhauers mystische
- 9:18Verlegenheiten und Ausflüchte, also seine Schwächen.
- 9:23Dies sind die Stellen, an denen der klare Denker sich vom
- 9:25Wunsch, ein Weltenenträtsler zu sein, verführen ließ.
- 9:29Dazu gehören die Lehre von einem einzigen Willen, die Leugnung
- 9:33des Individuums, die Schwärmerei vom Genie und der Unsinn vom
- 9:37Mitleide diese Laster und Ausschweifungen eines
- 9:41Philosophen, so Nietzsche, werden immer am leichtesten
- 9:44nachgeahmt, weil sie keine lange Vorübung erfordern.
- 9:48Als prominentestes Beispiel für einen Missverstandenen
- 9:50Schopenhauerianer nennt er. Richard Wagner Wagner habe sich
- 9:55von Schopenhauers Lehre verführen lassen und seine
- 9:58eigene Kunst fälschlicherweise durch Begriffe wie Wille, Genie
- 10:03und Mitleid interpretiert. Nietzsche argumentiert, dass das
- 10:07eigentliche Wesen von Wagners Helden die Unschuld der höchsten
- 10:11Selbstsucht und der Glaube an die große Leidenschaft, dem
- 10:15Geist Schopenhauers fundamental widerspricht.
- 10:18Wagner habe sich also von den falschen Teilen Schopenhauers
- 10:22verzaubern lassen und dadurch sogar die Wissenschaft selbst
- 10:25abgelehnt.