Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Sechstes Hauptstück - 367-372
Transcript
- 0:00Unterkapitel 367 die Stunden der Beredsamkeit in diesem Abschnitt
- 0:07beschäftigt sich Nietzsche mit der Fähigkeit, gut zu reden,
- 0:11also mit der Beredsamkeit. Er beobachtet, dass es 2 ganz
- 0:15unterschiedliche Situationen gibt, in denen Menschen
- 0:17besonders gut sprechen können, der erste Typ Mensch braucht
- 0:21jemanden, der ihm deutlich überlegen ist, wenn er zu
- 0:24jemandem aufschaut, den er anerkennt, dann kann er gut
- 0:26reden. Er fühlt keinen Neid und keinen
- 0:29Wettbewerbsdruck, sondern kann frei sprechen.
- 0:33Der zweite Typ Mensch ist genau anders herum, er findet seine
- 0:37Freiheit im Reden und seine besten Formulierungen nur dann,
- 0:40wenn er vor jemandem steht, dem er sich selbst überlegen fühlt.
- 0:44Er braucht das Gefühl, besser oder klüger zu sein als sein
- 0:47Zuhörer, um richtig aufzublühen. Nietzsche sagt, dass der Grund
- 0:51bei beiden derselbe ist. Sie reden nur dann gut, wenn sie
- 0:54sich völlig ungezwungen fühlen. Der erste Typ fühlt keinen
- 0:58Wettbewerb, weil der andere ohnehin höher steht.
- 1:02Der zweite Typ fühlt keinen Wettbewerb, weil der andere
- 1:05tiefer steht. Nietzsche stellt am Ende eine
- 1:08spannende Frage über den Ehrgeiz, er fragt, welcher von
- 1:11beiden wohl der ehrgeizigere Mensch ist.
- 1:14Ist es derjenige, der gut redet, weil er gewinnen will und im
- 1:17Wettstreit steht, oder ist es derjenige, der aus genau diesem
- 1:20Grund schlecht redet oder sogar verstummt, weil ihn der Ehrgeiz
- 1:24hemmt? Nietzsche lässt diese Frage
- 1:26offen, deutet aber an, dass der Ehrgeiz oft eher sprachlos macht
- 1:30als beflügelt. Unter Kapitel 368 das Talent zur
- 1:36Freundschaft hier analysiert Nietzsche, wie verschiedene
- 1:41Menschen Freundschaften schließen und pflegen, er
- 1:44unterscheidet dabei 2 grundlegende Arten von Menschen,
- 1:47die ein besonderes Talent zur Freundschaft haben.
- 1:50Der erste Typus ist wie eine Leiter.
- 1:53Dieser Mensch entwickelt sich ständig weiter und steigt
- 1:56geistig immer höher. Für jede Phase seines Lebens und
- 2:00seiner Entwicklung findet er einen passenden Freund, der
- 2:03genau zu dieser Stufe gehört. Das Problem dabei ist, dass
- 2:07diese Reihe von Freunden untereinander oft gar nichts
- 2:09miteinander zu tun hat, sie können sich sogar widersprechen
- 2:13oder nicht leiden, weil sie zu ganz unterschiedlichen Phasen
- 2:16des Lebens gehören, wenn der Mensch sich weiterentwickelt,
- 2:19lässt er die alten Freunde oft hinter sich.
- 2:22So wie man eine Sprosse auf einer Leiter verlässt, um die
- 2:25nächste zu erreichen. Der zweite Typus ist wie ein
- 2:29Kreis dieser Mensch übt eine Anziehungskraft auf ganz
- 2:32unterschiedliche Charaktere und Begabungen aus, er sammelt
- 2:36Freunde um sich und schafft es, dass diese Freunde auch
- 2:39untereinander in Beziehung treten, obwohl sie sehr
- 2:42verschieden sind, entsteht durch diesen Menschen eine Verbindung
- 2:44zwischen ihnen in diesem Menschen ist sozusagen schon
- 2:48vorgezeichnet, dass diese unterschiedlichen Naturen
- 2:50zusammengehören. Nietzsche fügt noch eine
- 2:54interessante Beobachtung hinzu. Es gibt Menschen, die zwar ein
- 2:57großes Talent haben, gute Freunde zu haben, also Menschen
- 3:01anzuziehen, die gut für sie sind, aber sie haben oft weniger
- 3:05Talent, selbst ein guter Freund zu sein.
- 3:09Unter Kapitel 369 Taktik im Gespräch in diesem Abschnitt
- 3:16gibt Nietzsche einen Ratschlag für kluge Gesprächsführung.
- 3:19Er beschreibt eine Situation. In der man sich mit jemandem
- 3:22unterhält und nach diesem Gespräch noch mit einer dritten
- 3:24Person sprechen möchte. Der Rat lautet, Wenn man mit
- 3:28jemandem spricht, sollte man die Gelegenheit nutzen, um gut über
- 3:32den zukünftigen Gesprächspartner zu reden, man sollte ihn loben
- 3:35oder positiv erwähnen. Warum tun kluge Menschen das,
- 3:40wenn sie wollen, dass jemand ihnen wohlgesinnt ist?
- 3:42Dann geben Sie diesem Menschen im Gespräch die Möglichkeit,
- 3:45selbst zu glänzen, sie spielen ihm sozusagen den Ball zu.
- 3:50Sie sorgen dafür, dass der andere einen guten Witz machen
- 3:52kann oder etwas Kluges sagen darf.
- 3:55Nietzsche stellt sich ein lustiges Szenario vor, wenn sich
- 3:582 sehr kluge Menschen unterhalten, die sich
- 4:01gegenseitig günstig stimmen wollen, dann würden sie sich
- 4:03ständig die Bälle zuwerfen, jeder würde versuchen, dem
- 4:07anderen die Gelegenheit zu geben, geistreich oder
- 4:09liebenswürdig zu erscheinen, das Risiko dabei ist, dass keiner
- 4:13den Ball annimmt, weil jeder nur höflich sein will.
- 4:16Das Gespräch könnte dann völlig geistlos und langweilig
- 4:19verlaufen, weil jeder nur damit beschäftigt ist, dem anderen die
- 4:22Bühne zu überlassen, anstatt selbst etwas Interessantes zu
- 4:26sagen. Unterkapitel 370, Entladung des
- 4:31Unmutes Nietzsche beschreibt hier ein psychologisches
- 4:36Phänomen, wie Menschen damit umgehen, wenn ihnen etwas
- 4:39misslingt oder schief geht. Wenn einem Menschen etwas nicht
- 4:43gelingt, sucht er die Schuld lieber bei einer anderen Person
- 4:46als beim Zufall. Warum ist das so, wenn man
- 4:49glaubt, dass ein böser Wille eines anderen Menschen schuld
- 4:52ist, kann man wütend auf diese Person sein, man kann sich an
- 4:56ihr rächen oder sie zumindest gedanklich verantwortlich
- 4:59machen, das erleichtert die eigene gereizte Stimmung, wenn
- 5:04man hingegen einsieht, dass es einfach nur Pech oder Zufall
- 5:07war, kann man niemanden dafür bestrafen.
- 5:10Man muss den Ärger, den Unmut herunterschlucken, was viel
- 5:14schwieriger ist. Nietzsche gibt ein Beispiel aus
- 5:17der Politik oder dem Leben bei Hofe.
- 5:19Wenn einem Fürsten etwas misslingt, sorgen seine Höflinge
- 5:22oft dafür, dass eine einzelne Person als Schuldiger
- 5:25dargestellt wird, sie opfern diesen Menschen im Interesse
- 5:29aller anderen, der Fürst kann dann seine Wut an diesem einen
- 5:33Menschen auslassen, da er seinen Ärger nun entladen hat, ist er
- 5:37wieder umgänglich. Und alle anderen sind vor seiner
- 5:39schlechten Laune sicher. Unterkapitel 371 die Farbe der
- 5:46Umgebung annehmen in diesem Unterkapitel geht es darum, wie
- 5:51sehr wir von den Gefühlen unserer Mitmenschen beeinflusst
- 5:54werden. Nietzsche fragt, warum zu und
- 5:56Abneigung so ansteckend sind, wenn wir uns in der Nähe eines
- 6:00Menschen befinden, der sehr starke Gefühle hat, ist es
- 6:03schwer, sich dem zu entziehen. Es ist, als wären wir ein Gefäß,
- 6:07das mit den Gefühlen des anderen gefüllt wird, ob wir wollen oder
- 6:11nicht. Erstens ist es sehr anstrengend,
- 6:14gar kein Urteil, Zufällen, wenn jemand in unserer Umgebung etwas
- 6:17stark liebt oder hasst. Und wir bleiben völlig neutral.
- 6:20Fühlt sich das oft unangenehm an, es kann sogar unsere
- 6:24Eitelkeit verletzen, weil wir uns dann unentschlossen oder
- 6:26schwach vorkommen, deshalb neigen wir dazu, Partei zu
- 6:30ergreifen, wir schließen uns der Meinung unserer Umgebung an.
- 6:33Vielleicht sogar gegen unsere eigentliche Überzeugung, nur
- 6:36weil es unserem Stolz schmeichelt, eine feste Meinung
- 6:39zu haben. Zweitens, und das passiert noch
- 6:42häufiger, merken wir oft gar nicht, wie wir unsere Haltung
- 6:45ändern, wir gewöhnen uns langsam an die Art, wie unsere Umgebung
- 6:49fühlt und denkt, weil es angenehm ist, wenn man sich mit
- 6:52anderen versteht und zustimmt, übernehmen wir unbewusst ihre
- 6:55mal Farbe, wir fangen an, so zu denken und zu fühlen wie die
- 6:59Menschen um uns herum und tragen bald alle Zeichen unserer
- 7:02Umgebung. So wie eine Parteifarbe.
- 7:06Unterkapitel 372 Ironie. Nietzsche untersucht hier die
- 7:14Ironie und ihren eigentlichen Zweck.
- 7:16Er sagt, dass Ironie eigentlich nur in einem ganz bestimmten
- 7:19Fall angebracht ist, nämlich als pädagogisches Mittel für einen
- 7:23Lehrer im Umgang mit Schülern. In diesem Fall dient die Ironie
- 7:26dazu, den Schüler zu beschämen oder zu demütigen, aber auf eine
- 7:31heilsame Weise. Der Schüler soll merken, dass er
- 7:34etwas noch nicht verstanden hat und dadurch gute Vorsätze
- 7:37fassen, besser zu werden. Er soll dem Lehrer dankbar sein
- 7:41und ihn wie einen Arzt verehren, der ihn von Unwissenheit heilt.
- 7:45Wie funktioniert das? Der Lehrer stellt sich
- 7:48unwissend, das ist die ursprüngliche Bedeutung von
- 7:51Ironie, er tut so, als wüsste er weniger als der Schüler, der
- 7:56Schüler fällt darauf herein, wird vielleicht vorlaut und
- 7:59zeigt seine Wissenslücken. Dann deckt der Lehrer mit einem
- 8:03Schlag auf, dass er es doch besser wusste und beschämt den
- 8:06Schüler damit außerhalb dieses Lehrer Schüler Verhältnisses
- 8:10hält Nietzsche Ironie jedoch für eine Unart und einen gemeinen
- 8:13Charakterzug. Viele Schriftsteller nutzen
- 8:16Ironie, weil sie darauf setzen, dass es Menschen gibt, die sich
- 8:19dem Autor gerne überlegen fühlen wollen.
- 8:22Der Autor stellt sich dumm, der Leser fühlt sich klug und dann
- 8:26schnappt die Falle zu. Nietzsche warnt davor, sich an
- 8:30Ironie und Sarkasmus, das ist der beißende Spott, zu gewöhnen.
- 8:34Das verdirbt den Charakter, man fühlt sich dadurch ständig
- 8:37anderen überlegen und freut sich am Schaden anderer, was man
- 8:40Schadenfreude nennt. Am Ende wird man wie ein
- 8:43bissiger Hund, der nur noch beißen kann und verlernt hat,
- 8:46freundlich zu lachen.