Latest / GedankenGang - True Crime, Skandale und Analysen / Fall Fabian - Der 7te Prozesstag
Transcript
- 0:00Normalerweise sucht man bei der Aufklärung eines Verbrechens ja
- 0:02nach dem, was offensichtlich im Raum steht, also nach dem, was
- 0:06physisch da ist, nach einer Tatwaffe oder einem flüchtenden
- 0:11Zeugen, einem unbedachten Fingerabdruck vielleicht.
- 0:15Genau, die klassischen Spuren. Ja, aber was passiert, wenn das
- 0:19lauteste Beweisstück in einem Indizienprozess absolute Stille
- 0:23ist? Wenn genau dort, wo Daten sein
- 0:26müssten, eine gähnende Lehre herrscht.
- 0:29Das ist eine sehr zentrale Frage für diese Ausgabe.
- 0:32Richtig willkommen zu Gedankengang.
- 0:34Wir sprechen heute direkt zu dir über einen Prozess, der exakt an
- 0:37diesem Punkt angekommen ist. Wir blicken auf den siebten
- 0:40Verhandlungstag im Mordfall Fabian vor dem Landgericht.
- 0:43Rostock. Und das war ein Tag, an dem
- 0:45nicht das verhandelt wurde, was Zeugen sich vielleicht einbilden
- 0:48zu erinnern, sondern es ging um das, was die nackte Forensik
- 0:53diktiert. Mhm.
- 0:55Um dich da direkt mit in diesen Gerichtssaal zu nehmen.
- 0:58Die Atmosphäre an diesem siebten Prozesstag, die war wirklich
- 1:01erdrückend, das hat man wohl vom ersten Moment an gespürt.
- 1:05Absolut. Der Vorsitzende Richter, also
- 1:08Holger Schütt, hat die Sitzung nicht einfach nur formal
- 1:11eröffnet, er hat direkt eine sehr unmissverständliche Warnung
- 1:15an das Publikum ausgesprochen. Weil klar war, dass im Zuge
- 1:18dieser forensischen Beweisführung auch Bilder von
- 1:21Fabians verbrannten Leichnam auf den Monitoren im Saal gezeigt
- 1:24werden. Richtig, und das sind Momente in
- 1:27einem Prozess, die die sachliche Distanz aller Anwesenden massiv
- 1:31auf die Probe. Stellen, das war ja auch der
- 1:33Grund, warum fabians Mutter Dorina l.
- 1:35An diesem Tag nicht im Saal war. Sie hatte das schon im Vorfeld
- 1:38angekündigt. Was vollkommen verständlich ist,
- 1:41wenn man bedenkt, worüber wir heute sprechen, war das sicher
- 1:44die einzig schützende Entscheidung für sie, ja.
- 1:47Oberstaatsanwalt Harald Nowak, der die Anklage vertritt, hatte
- 1:50an diesem Tag im Grunde die geballte Macht der
- 1:53Kriminaltechnik hinter sich. Wir sprechen hier von Textilien,
- 1:56von digitalen Fußabdrücken oder eben deren Fehlen und natürlich
- 2:00von DNA. Lass uns da direkt in die
- 2:02physischen Beweise einsteigen. Den Anfang machte ja ein
- 2:05Textilsachverständiger des Landeskriminalamts.
- 2:08Ein Forensiker mit über 30 Jahren Berufserfahrung und seine
- 2:12Aufgabe war extrem komplex. Er musste das Gericht durch die
- 2:15Textilien Mikrokosmen führen, die am Opfer, am Tatort und eben
- 2:20im Umfeld der Angeklagten Gina h.
- 2:21Gesichert wurden. Der erste Schritt in so einem
- 2:23Verfahren ist ja immer die Rekonstruktion, also was genau
- 2:26trug das Opfer an dem Tag? Laut dem Sachverständigen hatte
- 2:29Fabian am Tag seines Verschwindens.
- 2:32Eine blaue Jeans und eine graumelierte Sweatshirtjacke der
- 2:34Marke Lidl an, das ist sozusagen der Ausgangspunkt.
- 2:37OK, und von diesem Ausgangspunkt kommen wir direkt zu den Spuren,
- 2:40die auf einen körperlichen Konflikt hindeuten.
- 2:43Denn unter dem rechten Daumennagel von Fabian wurde
- 2:47eine lila blaue Baumwollfaser sichergestellt.
- 2:51Das LKA hat diese Faser analysiert und sie passt exakt
- 2:55zu einem Pullover aus dem Haushalt der Angeklagten.
- 2:58Was schon n starkes Indiz ist. Ja, aber gleichzeitig, und das
- 3:01finde ich noch gravierender, fand man an Fabians
- 3:04Ärmelbündchen, also einem Teil der Kleidung, der dem Feuer
- 3:07zumindest teilweise standgehalten hat, eine
- 3:09Polyesterfaser. Genau.
- 3:11Und diese Faser gehört zu einer sehr spezifischen Reithose der
- 3:15Marke Maja de Lores. Das ist ja kein Kleidungsstück,
- 3:18dass man zufällig im Vorbeigehen mal streift.
- 3:20Nein, überhaupt nicht. Um zu verstehen, wie Forensisch
- 3:24wertvoll das ist, müssen wir uns ansehen, wieso eine
- 3:28Faserübertragung überhaupt funktioniert.
- 3:31Fasern fliegen nicht einfach durch die Luft und bohren sich
- 3:34unter einen Daumennagel. Richtig.
- 3:37Um eine Textilfaser unter den Nagel eines Menschen zu
- 3:40bekommen, braucht es Druck. Es braucht Reibung, einen festen
- 3:45Griff oder ein Kratzen. Das impliziert also eine
- 3:48physische Gegenwehr oder zumindest einen sehr engen,
- 3:52dynamischen Kontakt. Exakt.
- 3:55Und was diese Meyer de Lores Reithose angeht, in der Forensik
- 3:59bewertet man Spuren immer nach ihrer Spezifität.
- 4:03Eine graue Baumwollfaser ist ein Massenprodukt.
- 4:06Mhm. Aber ein spezifisches
- 4:08Polyestergewebe einer bestimmten hochpreisigen Reitsportmarke,
- 4:13das verengt den Kreis der möglichen Träger extrem.
- 4:16Das Gericht musste an diesem Punkt aber ja beweisen, dass
- 4:19Gina h. Diese Kleidung an exakt jenem
- 4:21Tag auch getragen hat, und da bedient sich die Justiz eines
- 4:25Beweismittels, das fast schon banal wirkt.
- 4:27Ein Selfie. Ja, um 15:58 Uhr, also nur
- 4:32wenige Stunden nach dem Zeitpunkt, an dem die Tat laut
- 4:35Ermittlern geschehen sein muss. Fotografiert sich Gina h.
- 4:38Selbst in ihrem Auto? Sie zeigt darauf ein
- 4:41Peacezeichen in die Kamera. Genau.
- 4:43Und sie trägt auf diesem Bild eine dunkle Jacke und eine
- 4:46dunkle Hose, die eben exakt zu diesem Spurenbild passen.
- 4:50Dieses Foto friert die Realität dieses Nachmittags
- 4:54unwiderruflich ein. Es ist ein unbestechlicher
- 4:57zeitlicher Anker. Die Verteidigung stand nach
- 5:00dieser Präsentation natürlich unter enormem Zugzwang.
- 5:03Rechtsanwalt Thomas Löcker, der Gina H.
- 5:05Vertritt, warf daraufhin ein, dass Ginas leiblicher Sohn
- 5:09ebenfalls eine solche graue Lidljacke besitze.
- 5:12Und er warf der Staatsanwaltschaft eine
- 5:14mangelnde Ermittlungstiefe vor, weil dieser Spur nicht
- 5:17nachgegangen worden sei. Wenn man das als Schöffe in so n
- 5:20Prozess hört, denkt man sich im ersten Moment vielleicht OK
- 5:23lidljacke Massenware. Das klingt nach einem
- 5:26begründeten Zweifel, aber die Reaktion des Gerichts darauf
- 5:30sprach Bände, richtig. Richter Schütt und auch
- 5:32Staatsanwalt Nowak haben den Verteidiger da verbal ziemlich
- 5:36scharf ausgebremst. Weil man in einem Strafprozess
- 5:38eben nicht einfach alternative Theorien in den Raum rufen kann,
- 5:42ohne sie Prozessual zu unterfüttern, oder?
- 5:44Ganz genau. Das deutsche Strafprozessrecht
- 5:46verlangt an dieser Stelle einen formalen Beweisantrag.
- 5:49Wenn die Verteidigung also behauptet, eine Spur stammt von
- 5:52einer anderen Person, muss sie beantragen, dass dieses
- 5:55spezifische Kleidungsstück beschlagnahmt und gutachterlich
- 5:58verglichen wird. Mhm ein reiner Zuruf, so nach
- 6:01dem Motto, der Sohn hat auch so eine Jacke, das ist juristisch
- 6:04wertlos und undokumentiert. Es ist im Grunde der Versuch,
- 6:08einen psychologischen Zweifel zu säen, ohne den harten
- 6:12Forensischen Weg zu gehen. Ja, und das Gericht lässt
- 6:15solche. Taktischen Manöver bei einer
- 6:17derart dichten Indizienlage ungern unkommentiert durchgehen.
- 6:21Wir haben jetzt also diese sehr spezifischen physischen Fasern,
- 6:25aber Fasern allein etablieren noch keinen lückenlosen
- 6:28Zeitstrahl der Tat. Nein, dafür muss man in die
- 6:31digitale Welt gehen. Und hier stoßen wir auf das
- 6:34Phänomen, dass wir eingangs erwähnt haben, das lauteste
- 6:38Indiz ist hier die Stille. Sein Kriminaloberkommissar hat
- 6:42die Handydaten von Gina h. Ausgewertet.
- 6:45Und das Ergebnis war, dass zwischen 11:21 Uhr und 12:42 Uhr
- 6:50ihr Telefon komplett aus dem Netz verschwunden war.
- 6:53Entweder ausgeschaltet oder im Flugmodus ein Zeitfenster von
- 6:58genau 71 Minuten. Und wir sprechen hier ja nicht
- 7:01von jemandem, der sein Handy chronisch vergisst oder tagelang
- 7:05nicht auflädt. Wir wissen aus früheren
- 7:09Verhandlungstagen zum Beispiel durch die Aussage ihres Ex
- 7:12Partners Matthias, dass die Angeklagte ihr Smartphone
- 7:16exzessiv genutzt hat. Ständige Nachrichten, permanente
- 7:21Erreichbarkeit. Und das ausgerechnet eine Person
- 7:24mit diesem Nutzungsprofil in exakt den 71 Minuten, in denen
- 7:28laut objektiver Ermittlungen die Tat stattgefunden haben muss
- 7:32eine komplette digitale Nulllinie aufweist, ist
- 7:35hochgradig auffällig. Das Handy hat sich auch nicht am
- 7:38Tatort eingeloggt. Es existierte für das
- 7:41Mobilfunknetz in dieser Zeit schlichtweg nicht.
- 7:44Es wirkt wie das bewusste Herbeiführen eines blinden
- 7:47Flecks. Bevor wir aber zu den noch viel
- 7:50gravierenderen Fahrzeugdaten kommen.
- 7:52Es gab in der Aussage des Kommissars ein Detail, das mich
- 7:55beim Lesen der Prozessmitschriften wirklich
- 7:58fassungslos gemacht hat. Musste die Störung durch den
- 8:01Hobby Ermittler. Ja, jemand hatte sich kurz nach
- 8:04Fabians Verschwinden unbefugt in dessen Google Account und in ein
- 8:09Online Spiel namens Brawl Stars eingeloggt.
- 8:12Das ist der absolute Alptraum für jede Soko.
- 8:15Wir haben heute ja diese True Crime Kultur, in der manche
- 8:18Menschen glauben, sie könnten von der heimischen Couch aus
- 8:21Kriminalfälle lösen, Mhm, aber technisch gesehen passiert da
- 8:25folgendes. Wenn jemand Unautorisiert auf
- 8:27die Accounts eines Vermissten zugreift, überschreibt er die
- 8:30letzten echten Metadaten. Die Polizei sieht plötzlich
- 8:34einen Login. Und die Familie klammert sich an
- 8:36die verzweifelte Hoffnung, dass das Kind noch lebt und auf
- 8:39seinem Handy spielt. Exakt.
- 8:41Die Ermittler müssen massive Ressourcen bündeln, um diese IP
- 8:45Adresse zu tracken, nur um dann festzustellen, dass es ein
- 8:48unbeteiligter Fremder war. Das zerstört temporär die
- 8:51Ermittlungsstruktur und ist eine unvorstellbare emotionale
- 8:55Belastung für die Angehörigen. Ein extrem wichtiger Punkt, den
- 8:58wir nicht ignorieren dürfen. Lasst uns nun den Blick von
- 9:02diesem gestörten Handyprofil auf ein viel größeres technisches
- 9:06System richten. Den Ford Ranger.
- 9:09Genau, den auffälligen Pickup der Angeklagten.
- 9:12Ein Sachverständiger der Dekra wurde in den Zeugenstand
- 9:15gerufen, um die Bordcomputer und GPS Daten dieses Wagens zu
- 9:19erläutern und hier wird die digitale Lehre fast schon
- 9:24absurd. Im gesamten Zeitraum vom 3.
- 9:26September bis zum 12. Oder 13.
- 9:29Oktober fehlen sämtliche automatischen Fahrzeugdaten.
- 9:32Wir sprechen davon knapp 6 Wochen.
- 9:35Und wie durch ein Wunder sind ab dem 14.
- 9:38Oktober, also exakt dem Tag, an dem Fabians Leiche an dem Tümpel
- 9:42gefunden wurde, alle Daten wieder lückenlos vorhanden.
- 9:45Der Dekra Gutachter nannte das wörtlich sehr komisch und um zu
- 9:49verstehen, warum ein Experte da stutzig wird, muss man wissen,
- 9:52wie moderne Autos funktionieren. Ja, ein Fahrzeug wie ein Ford
- 9:55Ranger ist kein reines Fortbewegungsmittel mehr, es ist
- 9:58im Grunde ein rollendes Rechenzentrum, Systeme wie der
- 10:01sogenannte Kanbus protokollieren im Hintergrund permanent jede
- 10:04Mikrobewegung. Bewegung.
- 10:05Also wann wird die Fahrertür geöffnet, wann greift das ABS
- 10:09ein, wie oft wird der Motor gestartet?
- 10:12Richtig, das sind Millionen von Datenpunkten, die das Auto für
- 10:15Diagnosezwecke speichert. Der Experte hat sehr deutlich
- 10:18gemacht, dass man sich nicht einfach mit einem Laptop ins
- 10:20Auto setzt, auf entfernen drückt und exakt dieses sechswöchige
- 10:24Fenster mal eben sauber löscht. Das erfordert also einen enormen
- 10:28technischen Aufwand und tiefgreifende Systemkenntnisse.
- 10:31Ganz genau im Prozess kam dann kurz die Theorie auf, das
- 10:35vielleicht. Recht ein sogenannter Jammer,
- 10:36also ein Störsender, eingesetzt wurde.
- 10:38Aber wenn ich das technisch richtig verstehe, blockiert ein
- 10:41Jammer doch in erster Linie von außen eingehende oder ausgehende
- 10:45Signale, also wie das GPS Mhm. Er blockiert aber nicht das
- 10:49interne Gedächtnis des Autos, das registriert, dass die Tür
- 10:52aufgemacht wurde. Genau so ist es.
- 10:54Ein Jammer stört die Kommunikation mit den
- 10:56Satelliten, löscht aber keine intern abgelegten
- 10:58Telemetriedaten. Und selbst wenn wir einen extrem
- 11:01seltenen technischen Defekt annehmen würden.
- 11:04Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Defekt exakt in den
- 11:06Wochen der Tat existiert und sich auf wundersame Weise an
- 11:09genau dem Tag in Luft auflöst, an dem die Leiche gefunden wird,
- 11:12die tendiert gegen 0. Ich finde, da passt ein
- 11:14bestimmtes Bild ganz gut. Stell dir vor, du gehst in einen
- 11:18seit Jahren ungenutzten, völlig verstaubten Raum und mitten auf
- 11:23dem Boden ist ein einzelnes quadratisches Stück perfekt
- 11:27sauber geputzt. Da liegt kein Staubkorn, ja.
- 11:31Diese vollkommene Lehre beweist dir paradoxerweise viel stärker,
- 11:36dass dort ein Gegenstand gestanden haben musste, entfernt
- 11:38wurde, als wenn der Arm einfach nur unordentlich wäre.
- 11:41Ein sehr treffender Vergleich. Die Frage ist aber, reicht das
- 11:44vor Gericht, wenn keine Daten da sind, kann man ja auch nicht
- 11:47beweisen, dass das Auto wirklich am Tümpel war.
- 11:50Ist das Fehlen von Daten juristisch mehr als nur ein
- 11:53ungutes Bauchgefühl? In der Sprache der Juristen
- 11:56sprechen wir hier von der freien Beweiswürdigung und der
- 11:59lebensnahen Plausibilität. Die Abwesenheit von Daten ist
- 12:03für sich genommen kein Beweis für einen Mord, aber sie ist ein
- 12:07massives Indiz für eine Vertuschungshandlung ein Gericht
- 12:10fragt sich immer, was ist die Logischste Erklärung für diesen
- 12:13Zustand, und wenn ein komplexes technisches System präzise im
- 12:17tatrelevanten Zeitraum ausfällt und danach wieder fehlerfrei
- 12:20arbeitet, dann schließt das Gericht in der Regel einen
- 12:23Zufall aus. Es wird also als aktiver
- 12:25Eingriff gewertet, und dieser Eingriff reiht sich als
- 12:28schwerwiegendes Puzzleteil in die Anklage ein.
- 12:31Exakt. Und genau an diesem Punkt des
- 12:33Prozesstages am Nachmittag wechselte das Bild dann von der
- 12:37abstrakten digitalen Vertuschung zur knallharten biologischen
- 12:41Realität, die. Digitale Lücke liefert uns das
- 12:44Muster des Verbergens, aber die Biologie verbindet dieses
- 12:47Fahrzeug unwiderruflich mit dem Opfer.
- 12:49Die Sachverständige des LKA für Blutspuren betrat den Saal
- 12:54allein optisch war das wohl schon ein Statement.
- 12:56Sie brachte 10 Aktenordner auf einem Rollwagen mit, das zeigt.
- 13:00Wie akribisch das Fahrzeug auseinandergenommen wurde, es
- 13:03wurde buchstäblich auf molekularer Ebene durchsucht.
- 13:06Und die Gutachterin präsentierte 2 zentrale Befunde.
- 13:10Zunächst einmal fand man im Fußraum des Ford Ranger relativ
- 13:14viel DNA von Fabian. Sie ordnete dies als mögliche
- 13:17Sekretspuren ein, beispielsweise Speicheltröpfchen, die beim
- 13:21Sprechen, Niesen oder Husten entstehen.
- 13:23Das beweist also, dass Fabian sich in diesem Auto aufgehalten
- 13:27hat. Aber das allein ist noch kein
- 13:29Beweis für ein Verbrechen, denn wir wissen, Fabian saß in der
- 13:31Vergangenheit öfter in diesem Wagen.
- 13:33Richtig, der Moment, in dem die Stimmung im Saal merklich
- 13:37umschlug, war der zweite Befund. Auf einem fein säuberlich
- 13:40gefalteten Stück Küchenrolle, das im Innenraum des Autos
- 13:44sichergestellt wurde, befand sich ein blasser
- 13:46orangebräunlicher Fleck. Und die molekulargenetische
- 13:49Analyse ergab da eine Trefferwahrscheinlichkeit von
- 13:52735000000 zu 1, dass dieses Blut von Fabian stammt, um.
- 13:57Diese Zahl kurz greifbar zu machen, 735000000 zu 1 bedeutet
- 14:02in der Sprache der Forensik praktisch absolute Gewissheit.
- 14:04Man berechnet anhand der Häufigkeit bestimmter
- 14:07genetischer Merkmale in der Bevölkerung.
- 14:10Wie wahrscheinlich es ist, dass eine andere zufällige Person
- 14:12exakt dieses DNA Profil aufweist.
- 14:15Das Ergebnis lässt also keinen vernünftigen Zweifel zu.
- 14:18Es ist sein Blut. Was die Forensiker aber stutzig
- 14:21machte, war die Beschaffenheit, oder?
- 14:23Ja, Blut trocknet normalerweise dunkelrot bis bräunlich ein.
- 14:27Es ist kräftig in der Farbe, aber dieser Fleck war blass und
- 14:30ausgewaschen. Und da finde ich die Arbeit des
- 14:33LKA wirklich sehr präzise. Die haben nicht einfach gesagt,
- 14:35das ist halt blass, die haben ein Experiment aufgebaut.
- 14:39Wir haben echtes Blut in verschiedenen Konzentrationen
- 14:42mit Leitungswasser verdünnt und es auf exakt dieselbe Art von
- 14:46Küchenpapier aufgetragen. Und das Spurenbild passte
- 14:50perfekt zu dem Fund aus dem Auto.
- 14:52Und wie interpretieren wir das? Kriminalistisch?
- 14:55Jemand hat offenbar eine Blutspur, also fabians Blut mit
- 14:59einem nassen Lappen oder Wasser weggewischt.
- 15:02Dabei wurde das Blut stark verdünnt.
- 15:03Und dann hat jemand dieses restliche feuchte Gemisch mit
- 15:07dem Stück Küchenrolle aufgenommen, das Papier
- 15:09zusammengefaltet und vielleicht in der Hektik im Auto liegen
- 15:13lassen. Genau dieses Spurenbild spricht
- 15:15Bände über den Tatablauf. Es zeugt von einer
- 15:18Säuberungsaktion, es gab aber auch Befunde, die ins Leere
- 15:21liefen, was wiederum für die Objektivität der Ermittlungen
- 15:24spricht. Du meinst die Messer?
- 15:26Ja. Die Polizei hatte insgesamt 24
- 15:29Messer beschlagnahmt, von großen Küchenmessern bis hinzu
- 15:33Taschenmessern. Weitere 11 stehen sogar noch zur
- 15:36Untersuchung aus und auf keinem einzigen dieser Messer fand sich
- 15:41auch nur die geringste Spur von fabians DNA.
- 15:44Die Tatwaffe, sofern es überhaupt eine Klinge war, fehlt
- 15:48also weiterhin. Richtig.
- 15:51Ich möchte hier noch einmal die Rolle des Advocatus Diaboli
- 15:54einnehmen, weil die Verteidigung genau das im Prozess auch
- 15:57versucht hat. Der Verteidiger fragte die
- 16:00Gutachterin gezielt, wie lange sich DNA in einem Auto hält.
- 16:04Und die Antwort war durchaus über Monate.
- 16:08Also rein hypothetisch. Fabian fährt im Sommer mit,
- 16:11blutet vielleicht aus der Nase oder kratzt sich eine Mücke auf,
- 16:14wischt es mit einem feuchten Tuch weg, könnte dieses Stück
- 16:17Küchenpapier nicht schon seit August daliegen?
- 16:20Warum ist das zwingend die Spur eines Mordes im Oktober?
- 16:24Isoliert betrachtet wäre das ein denkbares Szenario.
- 16:27Das ist das klassische Argumentationsmuster einer
- 16:29Verteidigung bei biologischen Spuren.
- 16:32Man bestreitet nicht die Spur selbst, man verschiebt einfach
- 16:35den Zeitpunkt ihrer Entstehung in eine harmlose Vergangenheit.
- 16:39Mhm, aber ein Gericht bewertet Spuren niemals im luftleeren
- 16:42Raum. Hier kommt ein weiteres
- 16:45entscheidendes Detail ins Spiel, dass die Staatsanwaltschaft
- 16:48eingeführt hat, Ginas Reitkleidung, also jene
- 16:51Kleidung, zu der die Faser am Leichnam passte, roch bei der
- 16:54Sicherstellung extrem penetrant nach Waschmittel.
- 16:57Sie war also massiv gereinigt worden.
- 17:00Das ist der Moment, in dem sich das Bild wirklich zusammenfügt.
- 17:03Wenn wir das als Mosaik betrachten.
- 17:05Wir haben eine Jacke, die stark nach Waschmittel riecht, wir
- 17:08haben Fasern dieser spezifischen Kleidung unter dem Nagel des
- 17:11Opfers. Ja, wir haben Verdünntes, also
- 17:14gereinigtes Blut des Opfers auf frischem Küchenpapier im Auto.
- 17:18Und wir haben eine wochenlange Löschung der Fahrzeugdaten, die
- 17:21exakt an dem Tag endet, als die Leiche entdeckt wird.
- 17:25Das ist im Grunde kein Mosaik mehr, das ist eine massive Wand
- 17:29aus Indizien und wie das Gericht all dies zusammenführt, bringt
- 17:33uns zur prozessualen Bedeutung dieses Tages.
- 17:36Oberstaatsanwalt Nowak zog da ein sehr klares Fazit.
- 17:40Er hat klargemacht, worum es in einem Indizienprozess geht.
- 17:43Er sagte sinngemäß, kein einziger dieser Punkte ist für
- 17:46sich allein genommen der finale Beweis.
- 17:48Ein ausgeschaltetes Handy ist kein Mordbeweis.
- 17:51Eine Phaser allein ist kein Mordbeweis.
- 17:53Aber die Koinzidenz, also das zeitliche und räumliche
- 17:57Zusammenfallen all dieser extrem unwahrscheinlichen Ereignisse.
- 18:01Lässt eigentlich keinen anderen logischen Schluss mehr zu.
- 18:03Die Beweisdichte ist an diesem Tag geradezu erdrückend
- 18:06geworden. Die Verteidigung steckt hier in
- 18:09einer Zwickmühle, aus der sie sich kaum noch befreien kann.
- 18:11Wenn ein Zeuge aussagt, kannst du als Anwalt den Menschen
- 18:15attackieren. Du kannst Fragen, haben Sie das
- 18:17wirklich genau gesehen? Ja, aber wie greifst du eine DNA
- 18:20Wahrscheinlichkeit von 735000000 zu 1 an, wie attackierst du die
- 18:24physikalischen Gesetzmäßigkeiten einer Faserübertragung?
- 18:28Die objektiven Spuren lügen nicht.
- 18:30Und die Alternative? Relativerklärungen der
- 18:32Verteidigung also die Massenjacke des Sohnes, die alte
- 18:35Sommer DNA, die wirken angesichts dieses massiven
- 18:38Gesamtbilds extrem dünn. Wenn wir also einen Schritt
- 18:40zurücktreten und die Erkenntnisse dieses Tages für
- 18:43den weiteren Prozessverlauf bündeln, sehen wir im Grunde 5
- 18:47wichtige Erkenntnisse, die das Gericht nun bewerten muss.
- 18:50Die erste ist ganz klar die biologische Verbindung.
- 18:53Das verdünnte Blut von Fabian auf der Küchenrolle belegt
- 18:57zweifelsfrei einen stattgefundenen
- 18:59Reinigungsversuch im Fahrzeug der Angeklagten Mhm.
- 19:03Die zweite Erkenntnis verankert das Geschehen körperlich.
- 19:07Die Fasern, besonders die unter dem Dauernagel, verknüpfen den
- 19:12Todeskampf von Fabian direkt mit der Kleidung aus dem Haushalt
- 19:15der Angeklagten. Die dritte Erkenntnis ist das
- 19:18zeitliche Versteckspiel. Genau in den entscheidenden 71
- 19:21Minuten schaltet die Angeklagte ihr intensiv genutztes
- 19:24Smartphone ab oder versetzt es in den Flugmodus.
- 19:27Viertens sehen wir die Dimension der Vertuschung, die technisch
- 19:31extrem aufwändige und unerklärliche Löschung aller
- 19:34Fahrzeugdaten für fast 6 Wochen, die eben präzise an dem Tag
- 19:38endet, als die Leiche gefunden wird.
- 19:40Und die fünfte und vielleicht wichtigste Erkenntnis betrifft
- 19:43die prozessuale Dynamik der Verteidigung, gehen schlichtweg
- 19:46die plausiblen Ausreden aus. Die bloße Behauptung von
- 19:50Alternativszenarien verfängt bei der Wucht dieser forensischen
- 19:53Beweise einfach nicht mehr. Das war der siebte
- 19:55Verhandlungstag, der Tag der stummen Zeugen, Daten,
- 19:59Stofffasern und Moleküle haben eine Erzählung geliefert, die
- 20:03ohne Emotionen auskommt, aber in ihrer Präzision gnadenlos
- 20:07sachlich ist. Das Gericht hat ein sehr dichtes
- 20:10Netz aus Fakten gespannt. Wir wissen jetzt viel mehr über
- 20:13das was und das wo. Aber wenn du jetzt ausschaltest
- 20:16und über diesen Fall nachdenkst. Nimm diese eine Überlegung mit.
- 20:20In einem Indizienprozess wie diesem gibt es einen Moment, an
- 20:24dem das Kippen beginnt, ein Moment, in dem die Beweislast so
- 20:28erdrückend wird, dass das verbriefte Recht zu schweigen
- 20:31nicht mehr wie ein Schutzschild wirkt, sondern eher wie ein
- 20:34stilles Eingeständnis. Wird dieser Moment für die
- 20:37Angeklagte kommen? Und wie will eine Verteidigung
- 20:40dieses dichte Netz durchdringen, wenn sie dem Gericht keine
- 20:43eigene, überprüfbare Version der Ereignisse anbietet?
- 20:47Wir danken dir fürs Zuhören. Bleib kritisch und aufmerksam
- 20:50bis zur nächsten Ausgabe von Gedankengang.