Latest / Wir lesen... Bücher Kapitel für Kapitel besprochen / Hörbuch: "Die Alternative für Deutschland" von Kian Sobek - Kapitel 35
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- 0:01Kapitel 35 was bleibt? Die Bewegung zerbrach nicht an
- 0:06einem Tag und sie zerbrach nicht laut und Niklas, der sie von
- 0:09innen gekannt hatte, sah ihr beim Zerbrechen zu wie einem
- 0:12Gebäude, dem man den tragenden Pfeiler weggezogen hat.
- 0:15Erst geschieht nichts, dann ein rieseln, dann fällt es in sich
- 0:19zusammen, von innen, ohne dass es jemand stößt, er las es in
- 0:23den Zeitungen, hörte es in der Stadt, in den Gesprächen, die
- 0:25jetzt anders klangen als noch vor Monaten.
- 0:28Der Skandal hatte etwas getan, das keine Gegenrede je geschafft
- 0:31hätte. Er hatte die Geschichte
- 0:33zerstört, die die Bewegung über sich selbst erzählte, die
- 0:36unseren zuerst, das war der Satz gewesen, der alles getragen
- 0:40hatte, das Versprechen der Köder, die Wärme, der Satz, der
- 0:45Menschen wie Niklas aufgenommen hatte, die nie das Gefühl gehabt
- 0:48hatten, zu irgendwem zu gehören. Und genau dieser Satz lag jetzt
- 0:52in Trümmern, weil eine tote Arbeiterin bewiesen hatte, dass
- 0:55er eine Lüge war, dass die unseren nie die Arbeiter gemeint
- 0:58hatte, nie die Schwachen, nie die, für die man zu sprechen
- 1:01vorgab, sondern nur die brauchbaren, die nützlichen, und
- 1:04dass alle anderen, die alten, die Kranken, die Working Class,
- 1:08in deren Namen man Wahlkampf machte, entsorgt wurden, leise
- 1:12durch Aufschub von genau der Hand, die ihnen Schutz
- 1:15versprochen hatte, die Menschen, die die Bewegung getragen
- 1:18hatten, verschwanden nicht. Sie tauchten nur wieder ab,
- 1:21dorthin, wo sie hergekommen waren, in die Schichten und die
- 1:24Wohnungen und die Warteschlangen, und niemand
- 1:27holte sie. Das war das zweite, dass Niklas
- 1:30von seinem schmalen Grat aussah, und es machte ihn auf eine neue,
- 1:34stillere Art zornig. Die Stadt, die jetzt über die
- 1:37Bewegung triumphierte, wollte von denen, die zu ihr gelaufen
- 1:41waren, so wenig wissen wie zuvor.
- 1:44Man verachtete sie wieder erleichtert mit gutem Gewissen.
- 1:47Jetzt, als hätte der Skandal die Verachtung geadelt, dieselbe
- 1:50Verachtung, die sie überhaupt erst an sandras Tische getrieben
- 1:53hatte. Die klugen schrieben kluge Texte
- 1:55darüber, wie man auf so etwas hereinfallen konnte, und keiner
- 1:59der klugen hatte je mit einem Scanner in der Hand gestanden,
- 2:02der die Sekunden zählte oder eine Kündigung gelesen, die
- 2:05einen Duzte, niemand fragte, was diese Menschen gebraucht hätten,
- 2:08damals, vor den langen Tischen. Die Demütigung, die alles
- 2:12angefacht hatte. Das Armband, das zählen, die
- 2:15Ämter, die Mieten, das Gefühl, eine Kraft zu sein und kein Name
- 2:18war nicht verhandelt worden, nicht einmal benannt.
- 2:21Man hatte die Partei geschlagen und den Boden gelassen, auf dem
- 2:24sie gewachsen war und werden Boden lässt, dachte Niklas, ohne
- 2:27das Wort dafür zu haben, dass ein Klügerer dafür gehabt hätte,
- 2:30der hat nicht die Ernte verhindert, der hat sie nur
- 2:32verschoben. Petra Roth war zum Symbol
- 2:35geworden. Das war die Ironie, die Niklas
- 2:37nicht losließ, die ihn nachts wachhielt neben der Trauer, die
- 2:40nicht weniger wurde. Dass seine Mutter, die zu
- 2:43Lebzeiten niemand gesehen hatte, die 3 Jobs lang unsichtbar
- 2:46geblieben war, im Tod ein Gesicht bekam, das die ganze
- 2:49Stadt kannte. Ein Name, der in jeder
- 2:51Diskussion fiel, ein Beweis, der die Bewegung von innen aushöhlte
- 2:56sie war das geworden, was sie nie hatte sein wollen, was kein
- 2:58Mensch sein will, ein Symbol. Und Niklas wusste nicht, ob er
- 3:02das ertragen konnte, dass seine Mutter, sein konkreter,
- 3:06einzelner geliebter Mensch mit den grauen Händen und der dünnen
- 3:09Suppe zu einer Idee geworden war, zu einem Argument, das
- 3:13Fremde benutzten, um andere Fremde zu überzeugen.
- 3:16Es traf ihn an unerwarteten Stellen im Bus, wenn 2 hinter
- 3:20ihm über den Fall redeten, über die Rot, als wäre das ein
- 3:23Aktenzeichen und kein Mensch, der ihm morgens das Brot
- 3:26geschmiert hatte, als er klein war.
- 3:28Auf der Straße, wo ihr Name auf einem Plakat klebte, groß in
- 3:32Großbuchstaben neben einer Parole, die er nicht las, weil
- 3:35er den Namen nicht neben einer Parole sehen konnte.
- 3:38Sie hatten ihr ein Gesicht gegeben, aber es war nicht ihr
- 3:41Gesicht, es war ein Gesicht, das sie brauchten, glatt, brauchbar,
- 3:45ein Werkzeug, die echte Petra, die, die zu müde gewesen war zum
- 3:49Reden, wenn sie nachts heimkam, die die Heizung niedrig drehte,
- 3:52um zu sparen, die nie nach etwas für sich selbst gefragt hatte.
- 3:55Die kannte keiner von denen, die jetzt ihren Namen im Mund
- 3:58führten, und Niklas hütete sie. Diese echte Petra hielt sie
- 4:03zurück, gab sie niemandem, weil er ahnte, dass es das letzte
- 4:06war, was ihm von ihr blieb, dass er der einzige war, der sie noch
- 4:09als Mensch kannte und nicht als Beweis, sie kamen zu ihm in
- 4:13diesen Wochen, das hatte er nicht erwartet, Journalisten
- 4:16zuerst, die mit ihm reden wollten, die aus ihm machen
- 4:18wollten, was sie aus Petra gemacht hatten, ein Symbol der
- 4:22Aussteiger. Der Sohn, der die Bewegung
- 4:24verraten hatte, aus Liebe, aus Trauer, der Held der Geschichte,
- 4:28der von der falschen Seite gekommen war und das Licht
- 4:31gesehen hatte. Sie hatten ihre Erzählung schon
- 4:33fertig, Niklas hörte es an ihren Fragen, sie wollten nur, dass er
- 4:36die Lücken füllte, die Stellen, an denen ihr Held sprechen
- 4:39musste, damit die Geschichte rund wurde, er gab ihnen nichts
- 4:43oder fast nichts, er sagte, was war, war knapp, ohne
- 4:47Ausschmückung, dass er die Kisten gefahren hatte, ohne zu
- 4:51wissen, was darin war. Dass seine Mutter gestorben war,
- 4:55dass er das Foto gemacht hatte, weil er begriffen hatte, was sie
- 4:58taten, mehr nicht. Er weigerte sich, der Held zu
- 5:01sein, er weigerte sich zu sagen, was sie hören wollten, die
- 5:05schönen Sätze über Umkehr und Erkenntnis und Mut, weil nichts
- 5:08davon stimmte, weil es kein Mut gewesen war und keine
- 5:11Erkenntnis, sondern nur ein Mensch, dem man die Mutter
- 5:14genommen hatte und der nicht mehr anders konnte.
- 5:18Er hatte nichts Heldenhaftes getan.
- 5:20Er hatte ein Foto gemacht und es einer Frau gegeben, die es lesen
- 5:23konnte. Das war alles, und er ließ sich
- 5:26nicht zu mehr machen, so wie er sich im Gegenzug weigerte, sich
- 5:30zum Märtyrer machen zu lassen. Von der anderen Seite, von
- 5:33denen, die er verlassen hatte und die jetzt von Verrat
- 5:36sprachen, vom Nestbeschmutzer, vom Judas, der die seinen ans
- 5:39Messer geliefert hatte. Zwischen Held und Verräter das
- 5:42lernte Niklas in diesen Wochen, gab es einen schmalen Grad, auf
- 5:46dem ein Mensch stehen konnte, wenn er sich weigerte, beides zu
- 5:49sein, den Grad der schlichten Wahrheit, dass er getan hatte,
- 5:52was er hatte tun müssen, und dass es weder schön noch edel
- 5:55gewesen war, sondern nur richtig, und dass richtig und
- 5:58edel nicht dasselbe sind. Beide Seiten wollten dasselbe
- 6:01von ihm, das Begriff er langsam. Sie wollten, dass er groß wurde,
- 6:06die einen wollten einen Helden, die anderen einen Verräter.
- 6:10Aber beide brauchten ihn größer als er war.
- 6:12Eine Figur. Ein Beispiel, an dem sich ihre
- 6:15Geschichte festmachen ließ, und das einzige, was er ihnen
- 6:18entgegenhalten konnte, das Einzige, was ihm gehörte, war
- 6:21seine Kleinheit, er war kein Held, er war kein Verräter, er
- 6:26war ein Mann, der Kisten gefahren hatte und dessen Mutter
- 6:28gestorben war und der danach das einzige getan hatte, was ihm
- 6:31noch übrig blieb. Wer das zu einer großen
- 6:34Geschichte machte, in die eine oder die andere Richtung Log,
- 6:37und Niklas hatte genug von Lügen, von der warmen Lüge, der
- 6:40Bewegung und jetzt von der schönen Lüge der Zeitungen, er
- 6:43wollte nur noch das Wahre, auch wenn das wahre klein war und
- 6:46unscheinbar und in keine Schlagzeile passte, die Arbeit
- 6:50fand ihn statt, dass er sie suchte, und sie kam aus der
- 6:53Richtung, aus der er sie am wenigsten erwartet hätte.
- 6:56Carla weit rief ihn an, ein paar Wochen nach der Veröffentlichung
- 7:00mit ihrer knappen kaufmännischen Stimme, die kein Wort zu viel
- 7:03machte. Sie habe gehört, er Suche
- 7:05Arbeit, sie habe in der Halle eine Stelle, nichts großes,
- 7:08Materialwirtschaft, Logistik, das Organisieren von Lieferungen
- 7:12und Lagern, und sie brauche jemanden, der das könne, der
- 7:15wisse, wie man Wege plant und Bestände führt, und sie habe
- 7:18sich sagen lassen, dass er das könne, ob er Interesse habe.
- 7:22Niklas hatte zuerst nicht verstanden, warum sie
- 7:25ausgerechnet ihn fragte. Einen, der nichts vorzuweisen
- 7:28hatte, als eine abgebrochene Ausbildung und 3 Jahre Lager und
- 7:32ein Jahr bei einer Bewegung, die jetzt in Trümmern lag.
- 7:35Erst später Begriff er, dass genau das der Grund war, dass
- 7:38Carla Veit, die ihren Auftrag gekündigt hatte, weil sie es
- 7:41nicht mehr ertrug, das Falsche zu unterschreiben, in ihm etwas
- 7:44erkannte, das mit ihr verwandt war, einen Menschen, der einen
- 7:47hohen Preis bezahlt hatte für eine Sache, die richtig war, sie
- 7:50sprach nicht darüber. Carla Veit sprach über nichts,
- 7:53was sich nicht beziffern ließ, aber sie gab ihm die Stelle und
- 7:57in der Art, wie sie es tat, ohne Pathos, ohne ein Wort über das,
- 8:00was sie verband, lag eine Anerkennung, die Niklas mehr
- 8:03bedeutete, als jede Rede. Es war ehrliche Arbeit, das war
- 8:08das Wort, das Niklas dafür fand, und es war ein Wort, das er
- 8:11vorher nie benutzt hatte, weil ihm der Unterschied nie
- 8:14aufgefallen war. Zwischen Arbeit, die einen
- 8:17verbrauchte, ohne dass man wusste, wofür dem Lager, in dem
- 8:20ein Armband seinen Weg zählte, der App, die ihm Sekunden
- 8:24Zuteilte, der Bewegung, die ihn warm hielt und dafür benutzte,
- 8:27und Arbeit, die einfach das war, was sie war, Material
- 8:31organisieren, Lieferungen planen, dafür sorgen, dass das
- 8:35richtige Teil zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, damit die
- 8:38Frauen und Männer an den Maschinen arbeiten konnten.
- 8:41Es war keine große Arbeit. Aber sie war sauber, niemand
- 8:45wurde dabei sortiert, niemand starb an einer Kiste, die Niklas
- 8:48fuhr und am Ende des Tages wusste er, was er getan hatte,
- 8:52und es lag ihm nichts im Magen. Er war gut darin, das war eine
- 8:56Entdeckung, die ihn überraschte, weil ihm nie jemand gesagt
- 8:59hatte, dass er gut in etwas sein könnte.
- 9:02Er kannte die Logistik, kannte sie im Körper von den Jahren im
- 9:06Lager, wusste, wie Material fließt, wo es sich staut, wie
- 9:09man Wege kurz hält und bestände niedrig und in der kleinen
- 9:13Halle, in der nicht ein Armband seinen Weg zählte, sondern in
- 9:16der man ihn beim Namen kannte, wurde aus dem, was ihn im Lager
- 9:19verbraucht hatte, plötzlich etwas, das ihm gehörte, ein
- 9:22Können, ein Wert. Reinhold, der alte Werkmeister,
- 9:27knurrte ihm nach einer Weile zu, dass es lange keinen gegeben
- 9:30habe, der das Lager so im Griff gehabt habe.
- 9:33Und es war das erste Lob, das Niklas seit Jahren bekam, das
- 9:37nicht warm und einnehmend war, wie Sandras Lob, das Nichts von
- 9:40ihm wollte, sondern einfach feststellte, dass er gute Arbeit
- 9:44machte. Es war ein karges Lob, es
- 9:47bedeutete ihm mehr als alle Wärme der Bewegung zusammen, es
- 9:50war der Takt, der anders war. Im Lager hatte ein Gerät den
- 9:54Takt vorgegeben, hatte ihm Sekunden zugeteilt, hatte
- 9:57gezählt und gemessen und ihn gehetzt.
- 9:59Ein blaues Leuchten, das nie aufhörte, das immer einen
- 10:02nächsten Auftrag hatte, einen kürzeren Weg, eine schnellere
- 10:05Zahl. Sein Körper hatte sich diesem
- 10:07Takt unterworfen, hatte aufgehört, einen eigenen zu
- 10:10haben, war nur noch die Verlängerung eines Displays
- 10:13gewesen, das ihn trieb, hier gab es kein Display, das ihn trieb,
- 10:17es gab die Arbeit, und die Arbeit hatte einen Rhythmus.
- 10:20Aber es war ein menschlicher, einer, den er selbst setzte, der
- 10:23sich nach dem richtete, was zu tun war, und nicht nach einer
- 10:26Zahl, die immer schon zu hoch war.
- 10:28Er merkte es an seinem Körper, der Abends nicht mehr leer war,
- 10:31Ausgedrungen, sondern müde, auf eine Art, die sich auffüllen
- 10:34ließ über Nacht, er aß wieder richtig, er hatte vergessen,
- 10:38dass Hunger ein Gefühl sein konnte und nicht nur ein
- 10:40Zustand, in dem man arbeitete. Abends ging er nach Hause in die
- 10:45Wohnung, die jetzt seine war, nicht mehr die seiner Mutter,
- 10:48weil er den Topf endlich ausgeleert und den Herd geputzt
- 10:51und die Fenster aufgerissen hatte.
- 10:53An einem Tag, an dem er begriffen hatte, dass das
- 10:55Festhalten am Topf kein Festhalten an ihr war, sondern
- 10:58nur ein Festhalten am Schmerz. Er war allein dort, das war die
- 11:02Wahrheit seines Lebens, jetzt nach allem, er war allein.
- 11:06Die Bewegung war weg und mit ihr die Wärme, die ihn aufgenommen
- 11:09hatte. Und er hatte sie nicht ersetzt,
- 11:11hatte keine neue Gemeinschaft gefunden, die ihn umfing, keinen
- 11:14Kreis, in den er sich lehnen konnte, aber das Alleinsein war
- 11:18anders geworden, das war es, was Niklas in diesen Herbstwochen
- 11:22langsam Begriff, in der stillen Wohnung, bei der ehrlichen
- 11:25Arbeit, dass es ein Alleinsein gab, das eine Wunde war, ein
- 11:29Mangel, ein Hunger. Das Alleinsein, das ihn in die
- 11:32Arme der Bewegung getrieben hatte, das ihn alles hatte
- 11:35glauben lassen, nur damit ihn jemand beim Namen nannte.
- 11:38Und dass es ein anderes Alleinsein gab, das keine Wunde
- 11:41war, sondern ein Stand, ein Boden, auf dem ein Mensch stehen
- 11:45konnte, ohne sich an das nächstbeste Feuer zu werfen.
- 11:48Er war nicht mehr allein, weil ihn niemand wollte, er war
- 11:51allein, weil er sich entschieden hatte, nicht mehr jeder Wärme zu
- 11:54folgen, die ihm jemand hinhielt. Und das war ein Alleinsein, mit
- 11:58dem man leben konnte, weil es das Alleinsein eines Menschen
- 12:00war, der sich selbst gehörte. Der Junge kam an einem Samstag
- 12:05unangemeldet und stand in der Tür, als Niklas öffnete, mit
- 12:09einem Gesicht, das verheilt war, an dem nur noch eine dünne Narbe
- 12:13über der Augenbraue von dem Abend hinter dem Einkaufszentrum
- 12:16erzählte. Meine Mutter sagt, ich soll
- 12:18danke sagen, sagte Dandlu er sagte es steif, auswendig
- 12:22gelernt in der Haltung eines Sechzehnjährigen, der lieber
- 12:25überall wäre als hier. Für damals, dass sie mich, na
- 12:29ja, du musst nicht sie sagen, sagte Niklas.
- 12:32Der Junge zuckte mit den Schultern, blieb in der Tür
- 12:35stehen, und Niklas sah ihm an, dass das Dankesagen nur der
- 12:38Vorwand war, dass etwas anderes ihn hergebracht hatte, etwas,
- 12:42für das er keine Worte hatte, weil Sechzehnjährige für das
- 12:45Wichtige nie Worte haben. Er ließ ihn stehen, machte
- 12:48keinen Druck, wartete und nach einer Weile sagte Danielo, ohne
- 12:52Niklas anzusehen, auf den Boden vor seinen Füßen.
- 12:55Ich hab gelesen, dass das Ihre, dass das deine Mutter war, die
- 12:59in der Zeitung, die gestorben ist.
- 13:02Ja, sagte Niklas, wegen denen. Es war keine Frage wegen denen,
- 13:07bei denen ich, wo ich dabei war und Niklas Verstand, was den
- 13:11jungen Hergetrieben hatte, was schwerer wog als jeder dank, die
- 13:14Scham. Dass Daniolo bei denen gewesen
- 13:17war, die seine Niklas Mutter auf dem Gewissen hatten, dass er
- 13:20mitgelacht hatte, Mitgezeigt hatte, mitgehört hatte, wie sie
- 13:23über die redeten, die nichts brachten, und dass er jetzt vor
- 13:26dem Sohn einer dieser Toten stand und nicht wusste, wie ein
- 13:29Mensch mit so einer Schuld weiterlebt.
- 13:31Niklas kannte diese Schuld, er kannte sie besser als irgendwer
- 13:35sonst, weil sie seine eigene war, größer noch als die des
- 13:38Jungen. Er hatte nicht nur mitgelacht,
- 13:40er hatte die Kisten gefahren. Ein Jahr lang hatte die Maschine
- 13:44durch die Stadt transportiert, die seine Mutter tötete, wenn
- 13:47einer kein Recht hatte auf den jungen Herabzusehen, dann er,
- 13:52und er sah noch etwas, als er den Jungen ansah, etwas, das ihn
- 13:55fror und wärmte zugleich, dass sie beide am selben Feuer
- 13:58gestanden hatten. Der Junge war zu denen gegangen,
- 14:02weil er hierher nicht gehört hatte, weil sie ihn weggeschoben
- 14:04hatten in der Schule und auf der Straße, weil er einen Namen
- 14:08trug, der falsch klang und weil die anderen, die harten, ihm
- 14:11angeboten hatten, dazuzugehören, wenn er nur hart genug wurde
- 14:14gegen die, die noch weiter unten standen.
- 14:17Es war derselbe Köder gewesen, der Niklas geholt hatte,
- 14:20dieselbe Wärme, die nichts schenkte, sondern kassierte
- 14:24dieselbe Faust, die sich als Hand ausgab.
- 14:28Der Junge hatte das falsche Feuer gesucht, weil er fror,
- 14:31genau wie Niklas gefroren hatte und der einzige Unterschied
- 14:34zwischen ihnen war, dass Niklas ein paar Jahre älter war und
- 14:38schon einmal verbrannt und dass er die Hand kannte, die sich
- 14:41später als Faust erwies, bevor sie sich schloss.
- 14:44Komm rein, sagte Niklas. Er machte dem Jungen einen Tee,
- 14:48weil er nicht wusste, was man sonst macht.
- 14:50Und sie saßen am Küchentisch, an dem Petra gesessen hatte, und
- 14:54Niklas sagte ihm, die einzige wahre Sache, die er ihm sagen
- 14:57konnte, die Sache, die er sich selbst in den Wochen davor
- 14:59mühsam erarbeitet hatte. Ich hab auch für die gearbeitet,
- 15:03nicht nur dabei gestanden, gearbeitet, ich hab das Zeug
- 15:07gefahren, mit dem sie es gemacht haben, ein ganzes Jahr.
- 15:11Er sah den Jungen an, weißt du, was ich gelernt hab?
- 15:15Dass es nicht drauf ankommt, wo du warst.
- 15:18Es kommt drauf an, was du machst, wenn du es kapierst.
- 15:21Ich hab ein Foto gemacht, du, du bist hierher gekommen, das ist
- 15:25nicht nichts, die meisten machen gar nichts, die meisten
- 15:28Guckenweg und reden sich ein, sie hätten ja nichts gewusst.
- 15:31Danilo trank den Tee und sagte lange nichts und dann, leise
- 15:34fragte er etwas, das zeigte, dass er zugehört hatte, dass die
- 15:38Worte angekommen waren, und das hört auf, irgendwann, dass man
- 15:42sich so, dass man sich schämt. Ich weiß nicht, sagt Dir Niklas
- 15:46Ehrlich, ich glaub nicht, dass es ganz aufhört, aber es wird
- 15:50leichter zu tragen, wenn du was Richtiges machst.
- 15:53Nicht um es gut zu machen, das kannst du nicht gut machen, aber
- 15:57um nicht derselbe zu bleiben, es wurde eine Gewohnheit danach,
- 16:02ohne dass sie es verabredet hätten.
- 16:05Der Junge kam samstags meistens und manchmal redeten sie, und
- 16:08manchmal redeten sie nicht, und einmal half Danielo ihm, ein
- 16:12Regal zu bauen und ein anderes Mal saßen sie nur da und sahen
- 16:15aus dem Fenster 2 Menschen, die dasselbe Feuer gesucht und
- 16:19dieselbe Faust bekommen hatten. Der eine alt genug, um dem
- 16:22anderen ein Stück voraus zu sein auf dem Weg aus der Scham.
- 16:26Niklas wusste, dass er kein Ersatz war, kein Vater, nichts
- 16:30dergleichen. Er war nur einer, der ein
- 16:33bisschen früher gestolpert und ein bisschen früher wieder
- 16:35aufgestanden war und der dem Jüngeren die Hand reichte, nicht
- 16:39von oben, sondern von der Seite, wie man sie einem reicht, der
- 16:42denselben Weg geht. Es war keine große Sache, es
- 16:45würde in keiner Zeitung stehen, es machte Petra nicht lebendig
- 16:48und die Schuld nicht ungeschehen.
- 16:51Aber an einem Samstagnachmittag im Spätherbst in einer Wohnung
- 16:54am Rand einer namenlosen Stadt saßen ein Mann und ein Junge an
- 16:58einem Küchentisch, an dem einmal eine Frau gesessen hatte, die
- 17:01niemand gesehen hatte. Und sie sahen einander, und das
- 17:04war, dachte Niklas, vielleicht das einzige, was am Ende zählte.
- 17:08Das einzige, was von all dem Lärm bleiben würde, nicht die
- 17:11Geschichte in der Zeitung, nicht der gestürzte Index, nicht die
- 17:14zerbrochene Regierung, sondern dass ein Mensch einen anderen
- 17:17nicht hatte liegen lassen. Draußen wurde es früh dunkel,
- 17:21wie es das im Spätherbst tut und in den Fenstern der Stadt ging
- 17:24das Licht an. Nicht mehr nur das Blaue der
- 17:26Bildschirme, sondern auch das warme Gelbe der Lampen, hinter
- 17:29denen Menschen saßen, aßen, redeten, lebten.
- 17:33Niklas stand auf, schaltete die Küchenlampe ein und das warme
- 17:37Licht fiel auf den Tisch. Auf die 2 Teetassen, auf das
- 17:41Gesicht des Jungen, der da blieb, weil er bleiben wollte.
- 17:44Und Niklas spürte zum ersten Mal seit dem Tod seiner Mutter
- 17:47etwas, das keine Trauer war und keine Schuld und keine Wärme,
- 17:51die ihn benutzte, sondern etwas einfacheres, Festeres.
- 17:55Dass er am richtigen Ort war, in seinem eigenen Leben, allein und
- 17:58doch nicht einsam. Und dass das genug war, dass es
- 18:02nach allem mehr als genug war.