Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Sechstes Hauptstück - 373-376
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- 0:00Unterkapitel 373 Anmaßung dieses Kapitel handelt von der
- 0:07Anmaßung, also von überheblichem Verhalten oder Arroganz.
- 0:11Nietzsche warnt eindringlich davor, dieses Unkraut in uns
- 0:14wachsen zu lassen, weil es uns jede gute Ernte verdirbt.
- 0:18Er meint damit, selbst wenn wir eigentlich gute Dinge tun,
- 0:21werden diese durch Arroganz wertlos gemacht, egal ob wir
- 0:25herzlich sind, jemanden ehren, vertraulich sind.
- 0:28Freundschaftlichen Rat geben oder sogar Fehler eingestehen,
- 0:32sobald Arroganz dabei ist, erzeugt das bei den anderen
- 0:34Widerwillen. Nietzsche erklärt, dass der
- 0:37anmaßende Mensch sich immer verrechnet, der Anmaßende will
- 0:41mehr bedeuten oder gelten, als er eigentlich ist.
- 0:44Er hofft auf einen sofortigen Erfolg, er will, dass die
- 0:48anderen ihm Ehre erweisen, oft aus Angst oder Bequemlichkeit,
- 0:52aber die Rache der anderen folgt.
- 0:54Die Menschen ziehen innerlich von dem Wert, den sie dem
- 0:57anmaßenden bisher beigemessen haben, genauso viel ab, wie er
- 1:00zu viel gefordert hat. Nietzsche sagt, Nichts lassen
- 1:04sich die Menschen teurer bezahlen als Demütigung, das
- 1:08bedeutet, wenn jemand arrogant auftritt und andere klein macht,
- 1:11um selbst groß zu wirken, erreicht er das Gegenteil, er
- 1:15macht sein wirkliches, vielleicht sogar großes
- 1:18Verdienst in den Augen der anderen klein und verdächtig.
- 1:22Man tritt sozusagen mit staubigen Füßen auf das eigene
- 1:25Verdienst. Deshalb rät Nietzsche, selbst
- 1:28ein stolzes Benehmen nur dort zu zeigen, wo man ganz sicher ist,
- 1:31nicht missverstanden zu werden, zum Beispiel bei engen Freunden
- 1:35oder Ehepartnern im allgemeinen Verkehr mit Menschen ist es eine
- 1:39große Dummheit, sich den Ruf der Anmaßung Zuzuziehen.
- 1:43Nietzsche meint sogar, es sei besser, höflich zu lügen, als
- 1:46arrogant zu wirken, wenn man die Höflichkeit noch nicht gelernt
- 1:49hat. Unter Kapitel 374 Zwiegespräch
- 1:56hier lobt Nietzsche das Gespräch unter 4 Augen, das Zwiegespräch
- 2:00als das vollkommene Gespräch. Warum ist das so?
- 2:04Weil man alles, was man sagt, den Tonfall, die Gesten, die
- 2:08Wortwahl ganz genau auf diese eine andere Person abstimmen
- 2:12kann. Es ist wie beim Brief schreiben,
- 2:15man schreibt demselben Menschen anders als einem anderen, im
- 2:18Zwiegespräch gibt es nur eine einzige Spiegelung der Gedanken.
- 2:22Der Partner ist wie ein Spiegel, in dem wir unsere Gedanken
- 2:25möglichst schön sehen wollen. Aber sobald mehr Menschen dazu
- 2:28kommen, 23 oder noch mehr Gesprächspartner, wird es
- 2:33schwierig, die Rücksichtnahme auf den Einzelnen geht verloren,
- 2:37was dem einen gefällt, passt dem anderen vielleicht nicht, man
- 2:41kann sich nicht mehr individuell auf das Gegenüber einstellen,
- 2:45die verschiedenen Rücksichten kreuzen sich und heben sich
- 2:47gegenseitig auf. Die Folge ist, dass der Mensch
- 2:51sich zurückziehen muss. Er kann nicht mehr fein und
- 2:53persönlich kommunizieren, er muss die Dinge so hinstellen,
- 2:57wie sie sind, ohne sie für den anderen nett zu verpacken.
- 3:01Der Spieleboom spielende Äther der Humanität, also die leichte
- 3:04menschliche Atmosphäre, geht verloren, das Gespräch wird
- 3:08weniger angenehm, Nietzsche beobachtet, dass Männer in
- 3:12Gruppen oft anfangen, sehr laut und bestimmt zu reden, es klingt
- 3:16so, als würden sie sagen. Das bin ich, das sage ich nun.
- 3:20Haltet davon, was ihr wollt, sie nehmen keine Rücksicht mehr auf
- 3:24Feinheiten, das ist auch der Grund, warum geistreiche Frauen
- 3:28oft einen seltsamen Eindruck hinterlassen, wenn man sie nur
- 3:31in Gesellschaft, also in einer Gruppe kennenlernt, da sie zu
- 3:36vielen sprechen müssen, verlieren sie ihre geistige
- 3:38Liebenswürdigkeit, sie wirken dann oft berechnend oder wollen
- 3:42einen öffentlichen Sieg erringen.
- 3:45Erst im Zwiegespräch unter 4 Augen finden Sie ihre Anmut und
- 3:49ihren Geist wieder und werden wieder sie selbst Unterkapitel.
- 3:55375 Nachruhm in diesem Abschnitt beschäftigt sich Friedrich
- 4:01Nietzsche mit dem Thema des Nachruhms, also der Berühmtheit,
- 4:04die ein Mensch erst nach seinem Tod erlangt.
- 4:07Er hinterfragt den Wunsch vieler Menschen, erst in einer fernen
- 4:10Zukunft Anerkennung zu finden. Nietzsche sagt, dass die
- 4:13Hoffnung auf spätere Anerkennung nur dann einen Sinn ergibt, wenn
- 4:17man von einer falschen Annahme ausgeht.
- 4:20Diese falsche Annahme ist der Glaube, dass die Menschheit sich
- 4:23im Wesentlichen nicht verändert, man müsste glauben, dass das,
- 4:26was heute als groß oder bedeutend empfunden wird, auch
- 4:30für alle Ewigkeit als groß gelten muss.
- 4:33Doch Nietzsche stellt klar, das ist ein Irrtum, die Menschheit
- 4:38wandelt sich ständig. Ihre Gefühle und ihre Urteile
- 4:41darüber, was schön und was gut ist, verändern sich im Laufe der
- 4:44Zeit sehr stark. Es ist laut Nietzsche eine reine
- 4:48Fantasterei, also eine weltfremde Einbildung, wenn
- 4:51jemand von sich glaubt, er sei seiner Zeit eine Meile voraus
- 4:55und die gesamte Menschheit müsse später genau den Weg gehen, den
- 4:59er vorgezeichnet hat. Nietzsche bringt dazu ein
- 5:02Beispiel aus der Wissenschaft. Ein Gelehrter oder Forscher, der
- 5:05zu seinen Lebzeiten verkannt wird, darf heute sicher sein,
- 5:08dass seine Entdeckung später von anderen gemacht wird, wenn sie
- 5:12wirklich wichtig ist. Das Beste, was diesem verkannten
- 5:15Gelehrten später passieren kann, ist, dass ein Historiker ihm
- 5:18irgendwann zugesteht, dieser Mann hat das damals schon
- 5:21gewusst. Aber dieser späte Ruhm hat einen
- 5:24bitteren Beigeschmack, denn der Historiker wird hinzufügen, dass
- 5:28der Gelehrte damals nicht fähig war, seine Erkenntnis so zu
- 5:31vermitteln, dass die Menschen ihm glaubten.
- 5:34Wenn man zu Lebzeiten nicht anerkannt wird, legt die
- 5:37Nachwelt das fast immer als einen Mangel an Kraft aus.
- 5:40Es wird als Schwäche gesehen, seine Wahrheit nicht
- 5:43durchgesetzt zu haben. Zusammenfassend warnt Nietzsche
- 5:46davor, die eigene Einsamkeit stolz vor sich Herzutragen.
- 5:50Man sollte nicht so tun, als sei man zu gut für diese Welt und
- 5:54deshalb einsam. Ergibt zu, dass es Ausnahmefälle
- 5:57gibt, in denen ein Genie wirklich zu früh für seine Zeit
- 6:00ist aber in den allermeisten Fällen sind es unsere eigenen
- 6:04Fehler, unsere Schwächen und unsere kleinen Verrücktheiten,
- 6:07die verhindern, dass unsere eigentlich großen Eigenschaften
- 6:10von anderen anerkannt werden. Unter Kapitel 367 von den
- 6:16Freunden in diesem ausführlichen Abschnitt untersucht Nietzsche
- 6:21das Wesen der Freundschaft und wie wir uns in unseren
- 6:24Beziehungen zu anderen Menschen oft täuschen.
- 6:27Er fordert den Leser auf, einmal ganz ehrlich mit sich selbst zu
- 6:30überlegen. Dabei wird man feststellen, wie
- 6:33unterschiedlich die Empfindungen sind.
- 6:35Selbst unter den engsten Bekannten.
- 6:38Man wird bemerken, wie geteilt die Meinungen sind, selbst wenn
- 6:42Freunde scheinbar die gleiche Meinung haben wie wir, hat diese
- 6:45Meinung in ihren Köpfen oft einen ganz anderen Stellenwert
- 6:48oder eine andere Stärke als in unserem eigenen Kopf.
- 6:51Nietzsche weist darauf hin, dass es unzählige Anlässe gibt, sich
- 6:54misszuverstehen oder sich feindselig voneinander zu
- 6:57entfernen, wenn man darüber nachdenkt, muss man sich
- 7:00eingestehen. Der Boden, auf dem unsere
- 7:03Freundschaften und Bündnisse stehen, ist sehr unsicher.
- 7:06Es braucht nur wenig, bildlich gesprochen, einen kalten
- 7:09Regenguss oder schlechtes Wetter und wir fühlen uns plötzlich
- 7:13einsam. Jeder Mensch ist im Grunde
- 7:16vereinsamt, doch Nietzsche zeigt einen Ausweg aus dieser
- 7:19traurigen Einsicht, wenn jemand begreift, dass die Meinungen
- 7:23seiner Mitmenschen genauso notwendig und unverantwortlich
- 7:26sind wie ihre Handlungen, dann ändert sich der Blickwinkel.
- 7:30Mit notwendig und unverantwortlich meint Nietzsche
- 7:33hier, dass ein Mensch sich seine Meinungen nicht frei aussucht.
- 7:37Die Meinungen entstehen zwangsläufig aus einem Geflecht
- 7:39von Ursachen, aus dem Charakter des Menschen, seiner
- 7:42Beschäftigung, seinem Talent und seiner Umgebung.
- 7:46Wer das versteht, verliert die Bitterkeit, er muss nicht mehr
- 7:50wie jener sterbende Weise rufen, Freunde, es gibt keine Freunde.
- 7:54Dieser Ausruf wird oft dem antiken Philosophen Aristoteles
- 7:57zugeschrieben und drückt die Enttäuschung über die
- 8:00Unmöglichkeit wahrer Freundschaft aus.
- 8:02Statt verbittert zu sein, wird der Einsichtige sich
- 8:05eingestehen, ja, es gibt Freunde, aber diese
- 8:08Freundschaften basieren oft auf einem Irrtum oder einer
- 8:11Täuschung darüber, wer wir wirklich sind.
- 8:14Freunde müssen oft erst lernen zu schweigen, um Freunde zu
- 8:17bleiben. Nietzsche erklärt, dass fast
- 8:19alle menschlichen Beziehungen darauf beruhen, dass bestimmte
- 8:22Dinge niemals ausgesprochen werden und man an gewisse Themen
- 8:25niemals rührt. Wenn diese kleinen Steine des
- 8:28Anstoßes doch ins Rollen kommen, zerbricht die Freundschaft oft
- 8:31daran. Nietzsche stellt die provokante
- 8:34Frage, gibt es überhaupt Menschen, die nicht tödlich
- 8:37verletzt wären, wenn sie wüssten, was ihre besten Freunde
- 8:40im Grunde ihres Herzens wirklich über sie wissen und denken?
- 8:44Die Lösung liegt für Nietzsche in der Selbsterkenntnis.
- 8:48Indem wir uns selbst erkennen und unser eigenes Wesen nicht
- 8:51als etwas festes, sondern als eine sich wandelnde Sphäre von
- 8:54Meinungen und Stimmungen betrachten, lernen wir uns
- 8:57selbst ein wenig geringer zu schätzen.
- 8:59Wir nehmen uns nicht mehr so wichtig, das bringt uns wieder
- 9:02ins Gleichgewicht mit den anderen.
- 9:05Es ist zwar wahr, dass wir gute Gründe haben, unsere Bekannten,
- 9:08selbst die größten unter ihnen, in manchen Punkten gering zu
- 9:11schätzen oder ihre Schwächen zu sehen.
- 9:15Aber wir haben genauso gute Gründe, diese kritische Haltung
- 9:18gegen uns selbst zu richten. Nietzsches Fazit ist
- 9:21versöhnlich. Wir wollen es miteinander
- 9:24aushalten, da wir es ja schließlich auch mit uns selbst
- 9:27aushalten müssen. Vielleicht kommt dann für jeden
- 9:30einmal der glückliche Moment, in dem er den alten Spruch des
- 9:33Sterbenden Weisen umkehren kann, während der sterbende Weise
- 9:37rief, Freunde, es gibt keine Freunde, ruft Nietzsche als
- 9:41lebender Tor. Also als jemand, der das Leben
- 9:44bejaht, auch wenn es unvernünftig scheint.
- 9:47Feinde, es gibt keinen Feind damit meint er, dass man durch
- 9:52das Verständnis der menschlichen Natur aufhört, andere als
- 9:54böswillige Feinde zu betrachten, da ihre Handlungen und Meinungen
- 9:58notwendig aus ihrem Wesen entstehen.