Latest / Wir lesen... Bücher Kapitel für Kapitel besprochen / Hörbuch: "Die Alternative für Deutschland" von Kian Sobek - Kapitel 10
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- 0:01Kapitel 10 der Riss im Boden die Halle gehörte Olena in der
- 0:06Stunde vor 6 sowie die Zahnarztpraxis, ihr Gehörte und
- 0:09die Büros am Ring in der Stunde, in der niemand sie haben wollte.
- 0:13Sie putzte hier seit dem Herbst dreimal die Woche die
- 0:16Verwaltungsräume oben und den schmalen Gang, der an der
- 0:19Werkhalle entlang führte. Und manchmal, wenn die Tür offen
- 0:22stand, auch ein Stück der Halle selbst den Boden vor den Büros,
- 0:25dort, wo der Staub von den Maschinen sich legte, ein feiner
- 0:28metallischer Staub, der nach Öl roch und nach kaltem Stahl, und
- 0:32der sich anders aufnehmen ließ als anderer Staub, schwerer als
- 0:36hänge er sich an den Lappen, statt sich von ihm nehmen zu
- 0:38lassen. Sie mochte diese Stunde.
- 0:41Das Deutsche, das sie tagsüber wie eine zweite Haut trug,
- 0:44leicht zu eng, an manchen Stellen Scheuernd, brauchte sie
- 0:47hier nicht, weil hier niemand war, mit dem man sprach.
- 0:50Hier sprach nur die Halle, und die Halle sprach eine Sprache,
- 0:54die Olena Verstand, ohne sie übersetzen zu müssen, die
- 0:57Einzige, die ihr keine zweite Haut abverlangte.
- 1:00Die Sprache der Lasten und der Stützen der Kräfte, die durch
- 1:03ein Bauwerk laufen, von oben nach unten, immer nach unten dem
- 1:07Boden zu, weil alles, was ein Mensch baut, am Ende nur ein
- 1:10Versuch ist, eine Last ordentlich in die Erde zu
- 1:12leiten, ohne dass etwas dabei bricht.
- 1:15Sie hatte das einmal gekonnt, sie hatte es nicht nur gekonnt,
- 1:18sie war gut darin gewesen, sehr gut in der Stadt, die jetzt eine
- 1:21Koordinate war, ein Punkt hinter Glas.
- 1:24Sie hatte Hallen gerechnet wie diese, größer als diese und
- 1:28Brücken und ein Klärwerk und einen Wasserturm, der vielleicht
- 1:31noch stand und vielleicht nicht mehr.
- 1:33Sie wusste es nicht, sie fragte nicht, weil das Fragen sie an
- 1:36die Stelle in der Leitung geführt hätte, an der die
- 1:39Verbindung abriss, sie hatte gewusst, wieviel ein Boden trägt
- 1:43und an welcher Stelle er nachgibt, und dieses Wissen war
- 1:45ihr geblieben, als alles andere ihr genommen worden war,
- 1:48geblieben wie ein Akzent, den man nicht ablegt, und es meldete
- 1:52sich. Ungefragt.
- 1:53Jedes Mal, wenn sie hier den Lappen über den Beton zog, denn
- 1:57der Beton, hier sprach er, sprach seit Wochen leise, und
- 2:00sie war die einzige, die zuhörte, weil sie die einzige
- 2:03war, die früh genug allein hier war, um es zu hören.
- 2:06In der hinteren Ecke der Halle, dort, wo eine schwere Maschine
- 2:10stand, eine von den Großen, die Olena nicht kannte und nicht
- 2:13kennen musste, lief ein Riss durch den Boden.
- 2:16Er war im Herbst noch nicht da gewesen oder doch, aber haarfein
- 2:20kaum sichtbar. Eine Linie, die man für einen
- 2:22Kratzer hielt. Jetzt war er breiter, er lief in
- 2:26einem Bogen um den Fuß der Maschine und an seinem tiefsten
- 2:29Punkt hatte der Boden begonnen, sich zu senken, kaum merklich,
- 2:32ein 2 Millimeter, vielleicht nichts, was ein Auge sah, das
- 2:36nicht darauf trainiert war, aber olenas Auge war darauf
- 2:39trainiert. Ihr Auge sah die Senkung, weil
- 2:41ihr Auge sie suchte. Jeden morgen, seit Wochen mit
- 2:44der alten Ungefragten Aufmerksamkeit der Ingenieurin,
- 2:47die nicht aufhört, ein Bauwerk zu lesen, auch wenn man ihr
- 2:50einen Lappen in die Hand gegeben hat statt eines Rechenschiebers.
- 2:54Und sie sah noch etwas, das mit dem Riss zusammenhing, auch wenn
- 2:57niemand sonst die beiden Dinge zusammenbrachte, an der Wand
- 3:00über der Ecke lief ein Fallrohr herunter von einer Dachrinne,
- 3:04und das Fallrohr hatte eine schadhafte Stelle, eine Muffe,
- 3:07die nicht dicht war und bei Regen.
- 3:10Und es hatte viel geregnet in diesem Winter, sickerte Wasser
- 3:13heraus, lief an der Wand hinab, sammelte sich am Fuß und
- 3:17verschwand in einer Fuge zwischen Wand und Boden,
- 3:20dorthin, wo niemand hinsah, unter die Bodenplatte, in das
- 3:23Bett aus Schotter und Sand, auf dem die Platte ruhte.
- 3:26Olena hatte den feuchten Fleck gesehen, morgen um morgen die
- 3:30dunkle Stelle am Wandfuß. Die nach Regen größer war und
- 3:34nach trockenen Tagen kleiner. Und sie hatte, ohne es zu
- 3:37wollen, die Rechnung gemacht, die sich von selbst machte, in
- 3:39ihr das Wasser spült, das Bett unter der Platte aus.
- 3:43Es trägt den Sand fort, Korn um Korn in den Untergrund und wo
- 3:47der Sand fehlt, hat die Platte keine Auflage mehr.
- 3:50Und wo die Platte keine Auflage hat, gibt sie nach, und wo sie
- 3:53nachgibt, reißt sie, und der Riss läuft genau dorthin, wo die
- 3:57schwere Maschine die größte Last in den Boden drückt, weil dort,
- 4:00wo Last und fehlende Auflage zusammentreffen, ein Bauwerk
- 4:04immer zuerst bricht. Es war kein Geheimnis, es war
- 4:07einfache Bauphysik, das erste, was man lernte, das Wasser und
- 4:11der Sand und die Last. Aber man musste es sehen wollen
- 4:14und man musste am Wandfuß den feuchten Fleck mit dem Riss im
- 4:17Boden verbinden, der 10 Schritte entfernt war.
- 4:20Und das tat niemand, der die Halle bei Tag betrat, im Lärm,
- 4:23in Eile mit dem Kopf bei den Aufträgen, das Tat nur eine
- 4:27Frau, die früh allein hier war und die einmal gewusst hatte,
- 4:30wie ein Boden trägt. Karla weit kam an diesem Morgen
- 4:33früher als sonst oder Olena war später dran.
- 4:36Sie wusste es nicht, jedenfalls war die Tür zur Halle offen und
- 4:40das Licht in der hinteren Ecke an, und als Olena mit ihrem
- 4:43Eimer um die Maschinen kam, stand die Chefin dort allein in
- 4:47der Ecke mit dem Riss und sah auf den Boden mit verschränkten
- 4:50Armen und neben ihr auf einem Hocker lag eine aufgeschlagene
- 4:53Mappe, ein Gutachten. Olena sah die Zeichnungen und
- 4:56die Zahlen kopfüber aus 10 Schritten, und sie sah am Rücken
- 5:00der Frau an den verschränkten Armen an.
- 5:02Der Art, wie der Kopf leicht zur Seite hing, dass es schlechte
- 5:05Zahlen waren. Olena blieb stehen, sie kannte
- 5:08Carla Veit nicht nur vom Sehen, die Chefin, die als erste kam
- 5:12und als letzte ging eine Frau mit einem Gesicht, das aussah,
- 5:16als habe es das Lächeln vor Jahren abbestellt, man grüßte
- 5:19sich, wenn man sich morgens begegnete, knapp ein Nicken,
- 5:23mehr nicht, das übliche Nicken zwischen einer, die putzt, und
- 5:26einer, der die Halle gehört. Olena wollte weitergehen, leise
- 5:31mit dem Eimer, um nicht zu stören, weil stören das letzte
- 5:34war, was sie sich erlauben durfte, sie, die unsichtbar sein
- 5:37musste, um geduldet zu werden. Aber dann hörte sie, wie Carla
- 5:41halb zu sich selbst, halb zu der offenen Mappe ein Wort sagte.
- 5:45Ein leises, müdes, hartes Wort, und es war ein deutsches
- 5:49Fluchwort, und unter dem Fluchwort lag etwas, das Olena
- 5:52kannte, die Stimme eines Menschen, dem man gerade gesagt
- 5:55hat, dass die Reparatur teurer ist als der Schaden zu ertragen
- 5:59und der beides nicht bezahlen kann.
- 6:01Sie wollen die ganze Platte herausnehmen, sagte Karla, und
- 6:04Ulena Begriff erst einen Moment später, dass die Worte ihr
- 6:07galten, dass die Chefin sie tatsächlich angesprochen hatte,
- 6:10sie, die Putzfrau mit dem Eimer, weil sie zufällig da war, und
- 6:13weil ein Mensch, der eine schlechte Nachricht allein
- 6:15trägt, manchmal mit dem ersten redet, der vorbeikommt, auch
- 6:19wenn es die Putzfrau ist, die ganze Bodenplatte in dem Bereich
- 6:23Aufstemmen, neu gründen, neu gießen. 6 Wochen Stillstand für
- 6:28die Maschine und was es kostet will ich gar nicht laut sagen.
- 6:32Sie lachte ein Lachen ohne Boden, als hätte ich das gerade
- 6:35übrig. Olena stand mit ihrem Eimer und
- 6:38schwieg und in ihr stritten 2 Dinge, wie sie seit 4 Jahren in
- 6:42ihr stritten, wenn sie etwas wusste, das zu sagen ihr nicht
- 6:45Zustand das. Das eine war die Vorsicht, die
- 6:48sie sich angelegt hatte, wie die zweite Haut, die Vorsicht der
- 6:51Geduldeten, die gelernt hat, dass man nicht auffällt, nicht
- 6:54widerspricht, nicht klüger ist als die, in deren Land man lebt,
- 6:57weil das Klügersein einem Übel genommen wird, schneller als
- 7:00alles andere schweig sagte, die Vorsicht Geh weiter, es ist
- 7:05nicht dein Boden, nicht deine Maschine, nicht dein Land.
- 7:08Das andere war der Riss, der. Der Riss lief durch den Boden,
- 7:11falsch gedeutet und an dem falschen Deuten hing ein
- 7:14Schaden, der nicht sein musste und Olena konnte einen Riss
- 7:18nicht falsch gedeutet liegen lassen.
- 7:20Das war stärker als die Vorsicht, das war die andere
- 7:23Haut, die Ältere, die unter der zweiten lag und die niemand ihr
- 7:26genommen hatte, die Ingenieurin, die nicht zusehen kann, wie man
- 7:29ein Bauwerk falsch behandelt sowie Jasmin 2 Kreise weiter
- 7:33nicht zusehen konnte, wie man einen Menschen falsch
- 7:35behandelte, auch wenn keine der beiden Frauen je von der anderen
- 7:38hören würde. Es ist nicht die Platte, sagte
- 7:42Olena. Sie sagte es leise auf Deutsch
- 7:45mit dem leichten anderen Rhythmus, den ihr Deutsch hatte,
- 7:48und sie hörte sich den Satz sagen und erschrak ein wenig
- 7:51über ihn, über die Anmaßung, die in ihm lag, die Putzfrau, die
- 7:55der Chefin sagt, was nicht ihre Platte ist.
- 7:58Karla drehte sich um. In ihrem Gesicht war zuerst
- 8:01nichts, dann Verwunderung und dann langsam etwas schärferes
- 8:05Wacheres der Blick eines Menschen, der gewohnt ist,
- 8:08abzuschätzen, ob eine Aussage Substanz hat oder nicht.
- 8:11Wie meinen Sie das nicht die Platte und Olena einmal über die
- 8:16Schwelle ging weiter, weil man einen halb ausgesprochenen Riss
- 8:20nicht halb ausgesprochen lassen kann, sie stellte den Eimer ab.
- 8:24Sie ging die 10 Schritte zur Wand, zu dem Fallrohr und legte
- 8:28die Hand an die Feuchtestelle am Wandfuß.
- 8:30Und sie spürte unter den Fingern, dass der Beton dort
- 8:33kühler war und dunkler Durchfeuchtet.
- 8:36Und sie sagte in der knappen, präzisen Sprache, die ihr für
- 8:39diese Dinge geblieben war, klarer als ihr Alltagsdeutsch,
- 8:43weil es die Sprache war, in der sie einmal zu Hause gewesen war.
- 8:46Das Fallrohr ist undicht, hier die Muffe, bei Regen läuft das
- 8:50Wasser an der Wand herunter und hier in die Fuge unter die
- 8:53Platte. Es spült den Untergrund aus den
- 8:56Sand. Das Bett, auf dem die Platte
- 8:57liegt, seit Wochen jeden Regen ein bisschen mehr.
- 9:01Sie ging zurück zum Riss, zur Maschine und zeichnete mit dem
- 9:05Fuß die Linie des Risses nach den Bogen, und hier, wo die
- 9:09Maschine am schwersten drückt, hat die Platte ihre Auflage
- 9:12verloren, sie hängt frei, deshalb senkt sie sich, deshalb
- 9:16der Riss, es ist nicht die Platte, die schlecht ist, es ist
- 9:20das Wasser, das ihr den Boden wegnimmt.
- 9:22Karla sah sie an und sie sah nicht mehr auf eine Putzfrau.
- 9:25Das merkte Olena sofort, der Blick hatte sich geändert, war
- 9:29von oben nach gerade ausgewandert, der Blick einer
- 9:32Frau, die Material liest auf eine andere, die Material liest.
- 9:37Wenn das stimmt, sagte Karla langsam, dann muss ich nicht die
- 9:40Platte herausnehmen, nein, sie müssen das Wasser stoppen, das
- 9:44Rohr abdichten, die Fuge schließen, damit kein Wasser
- 9:47mehr unter die Platte kommt. Und dann den Hohlraum unter der
- 9:50Platte verfüllen, von der Seite mit einer Suspession, einem
- 9:54Zementmörtel, der den ausgespülten Sand ersetzt und
- 9:57der Platte wieder eine Auflage gibt.
- 9:59Das kann man machen, ohne Aufzustemmen, ohne 6 Wochen
- 10:02Stillstand in ein paar Tagen, an einem Wochenende vielleicht, es
- 10:06ist viel weniger, als sie ihnen aufgeschrieben haben, sie
- 10:09verstummte. Sie hatte zu viel gesagt, das
- 10:12spürte sie sofort. Sie hatte geredet wie früher in
- 10:15der Sprache von früher, mit der Sicherheit von früher, und sie
- 10:18senkte den Kopf ein wenig und griff nach dem Eimer bereit,
- 10:21sich zurückzuziehen in die Unsichtbarkeit, in der sie
- 10:23sicher war, bereit, sich zu entschuldigen für die Anmaßung,
- 10:27aber Carla entschuldigte sie nicht.
- 10:30Carla stand da und sah sie an und in ihrem Gesicht arbeitete
- 10:33etwas. Und dann fragte sie in einem
- 10:35völlig anderen Ton als dem, in dem man mit einer Putzfrau
- 10:38spricht, in dem Ton, in dem man mit einer Kollegin spricht,
- 10:42deren Urteil zählt. Woher wissen Sie das?
- 10:45Olena zögerte, es war eine einfache Frage und die schwerste
- 10:49von allen, weil die Antwort die Koordinate berührte, den Punkt
- 10:52hinter Glas, das Leben vor diesem Leben.
- 10:55Aber Carla hatte sie nicht in dem kalten Ton gefragt, indem
- 10:58man sie sonst fragte, woher sie wirklich komme in dem Ton, der
- 11:02seit der Wahl in der Frage lag, der einen aussortierte Carla,
- 11:06hatte sie gefragt, wie eine Fachfrau die andere, und auf
- 11:09diese Frage zum ersten Mal seit langem konnte Olena die Wahrheit
- 11:13sagen, ohne dass sie sie kleiner machte.
- 11:16Ich war Bauingenieurin, sagte sie zu Hause vorher.
- 11:20Ich habe Hallen gerechnet wie diese und Brücken, Wasser und
- 11:24Sand und Last. Das ist das erste, was man
- 11:26lernt. Das Wasser ist immer geduldiger
- 11:29als der Beton vorher. Das Wort stand im Raum, und
- 11:33Carla, die keine Frau für große Fragen war, fragte das
- 11:36Naheliegende nicht, fragte nicht nach dem Krieg, nach der Flucht,
- 11:39nach dem, was zwischen vorher und jetzt lag und was Olina auf
- 11:43einen Eimer und einen Lappen reduziert hatte.
- 11:46Sie sah Olena nur an und in ihrem nüchternen, harten Gesicht
- 11:49war für einen Moment etwas, das fast wie Zorn aussah, aber kein
- 11:53Zorn auf Olena war, sondern ein Zorn auf etwas Größeres, auf
- 11:57eine Welt, die eine Frau, die Brücken rechnen konnte, in der
- 12:00Halle einer anderen den Staub von Maschinen wischen ließ, weil
- 12:03sie aus dem falschen Land über die falsche Grenze gekommen war.
- 12:07Wie heißen sie, fragte Carla Olena Kovalenko Carla Veit.
- 12:13Sie sagte ihren eigenen Namen, als sei das nötig, als spreche
- 12:15man nicht mit jemandem, dem man den eigenen Namen schuldig ist.
- 12:18Wenn man eine Putzfrau ist, dann sah sie wieder auf den Riss, auf
- 12:22den Boden lange, und Olena sah, wie sie rechnete, im Kopf die
- 12:26kaufmännische Rechnung, die Carla immer rechnete, was die
- 12:29Platte gekostet hätte, was die Abdichtung kosten würde, die
- 12:32Differenz, die Wochen, die sie nicht verlor und unter der
- 12:35kaufmännischen Rechnung lief, eine andere, das sah Olena auch.
- 12:39Eine, die nichts mit Geld zu tun hatte und die Karla sich
- 12:42vielleicht selbst nicht eingestand.
- 12:44Die Rechnung darüber, was es bedeutete, dass diese Frau, die
- 12:46hier putzte, ihr gerade vielleicht 6 Wochen und einen
- 12:49Haufen Geld gespart hatte, mit einem Blick, den niemand sonst
- 12:52gehabt hatte, weil niemand sonst hingesehen hatte, ich lasse das
- 12:56prüfen, sagte Karla schließlich, was sie sagen, wenn es stimmt.
- 13:01Und ich glaube, es stimmt, es klingt richtig, es klingt
- 13:04verdammt viel richtiger als das hier.
- 13:06Sie schlug mit dem Handrücken gegen die Mappe auf dem Hocker,
- 13:09dann haben sie mir gerade meinen Winter gerettet, sie machte eine
- 13:13Pause und dann sagte sie etwas, das Olina nicht erwartet hatte,
- 13:17dass niemand seit 4 Jahren zu ihr gesagt hatte, etwas, das die
- 13:20zweite Haut, das enge Deutsch für einen Moment nicht scheuern
- 13:24ließ, eine Frau, die das sieht, was meine Gutachter nicht sehen,
- 13:28gehört nicht mit einem Eimer in meine Halle.
- 13:30Kommen Sie nächste Woche zu mir ins Büro, nicht zum Putzen, zum
- 13:34reden. Ich habe hier mehr Probleme, die
- 13:36kein Mensch löst. Und vielleicht, ich verspreche
- 13:39nichts, vielleicht kann ich sie brauchen für etwas, das Ihrem
- 13:42Kopf näher ist als ihrem Lappen. Olina stand da mit dem Eimer in
- 13:46der Hand und spürte, wie etwas in ihr sich bewegte, das sich
- 13:49lange nicht bewegt hatte, etwas vorsichtiges, fast
- 13:52schmerzhaftes, weil es an einer Stelle ansetzte, die sie
- 13:54versiegelt geglaubt hatte. Es war keine große Geste.
- 13:58Carla hatte ihr keine Stelle versprochen, kein Gehalt, nichts
- 14:01Festes. Sie hatte nur gesagt, kommen sie
- 14:03zum Reden und sie hatte, ich verspreche nichts dazu gesagt,
- 14:06weil sie eine Frau war, die nichts versprach, was sie nicht
- 14:09halten konnte, aber sie hatte Olena angesehen und etwas in ihr
- 14:13gesehen, das nicht der Eimer war, nicht die Geflüchtete,
- 14:16nicht die Frau mit dem Akzent, sondern die andere, die Ältere,
- 14:19die unter allem lag, die, die wusste, wie ein Boden trägt, sie
- 14:23hatte ihr etwas zugetraut, statt ihr etwas abzunehmen.
- 14:26Und das Begriff Olena, während sie ihren Eimer aufnahm und sich
- 14:30abwandte, damit Carla ihr Gesicht nicht sah, war die erste
- 14:33Hand seit 4 Jahren, die sich ihr Entgegenstreckte, ohne ihr dabei
- 14:37klarzumachen, wie tief sie gefallen war.
- 14:40Sie putzte die Büros zu Ende an diesem Morgen, mit Händen, die
- 14:43nicht ganz ruhig waren, und als sie hinaustrat, war es hell
- 14:47geworden über der Stadt, ein kalter, klarer Morgen, der erste
- 14:51seit Wochen ohne Regen. Und der Schnee der Nacht lag
- 14:54dünn und sauber auf den Dächern und roch nach nichts, wie er
- 14:57hier immer nach nichts roch. Aber zum ersten Mal seit langem
- 15:01störte sie der Geruch nach nichts nicht so sehr, sie ging
- 15:04zur Bahn durch die erwachende Stadt und sie dachte an Danielo,
- 15:08der jetzt Aufstand in der Wohnung und der ihr beim
- 15:10Frühstück auf Deutsch antworten würde und Sie bitten würde, auf
- 15:13der Straße nicht ukrainisch zu sprechen und sie wusste, dass
- 15:17dieser Schmerz blieb, dass die Wohnung still bleiben würde in
- 15:20der weichen Sprache. Dass die Koordinate hinter Glas
- 15:22blieb, ein Punkt, zu dem es keine Rückkehr gab.
- 15:25Das alles blieb, und doch hatte sich etwas verschoben, kaum
- 15:29merklich, ein 2 Millimeter, nichts, was ein Auge sah, das
- 15:32nicht darauf trainiert war, in der hinteren Ecke einer fremden
- 15:35Halle hatte eine Frau sie angesehen und das gesehen, was
- 15:38sie war, und nicht das, wozu man sie gemacht hatte, es war wenig,
- 15:43es war fragil, dünn wie das Eis, auf dem sie ihr Leben gebaut
- 15:46hatte, dünn wie der Mörtel, der einen ausgespülten Boden wieder
- 15:49trägt. Aber es trug.
- 15:52Für den Moment trug es und Olena, die ihr Leben lang
- 15:55gewusst hatte, dass man ein Zuhause nicht findet, sondern
- 15:57baut Korn um Korn. Auflage um Auflage, ließ den
- 16:01Gedanken zu, vorsichtig, dass man vielleicht auch hier an
- 16:04diesem fremden, geruchlosen Ort etwas bauen konnte, das Stand
- 16:08nicht die Heimat, die verloren war, aber etwas anderes, etwas
- 16:12Neues auf einem Boden, der vielleicht doch trug, wenn man
- 16:15nur das Wasser stoppte, das ihn von unten wegnahm, sie wusste
- 16:19nicht, was kommen würde. Sie wusste nicht, dass der
- 16:22Winter, der jetzt zu Ende ging, der letzte ruhige sein würde.
- 16:25Dass im Osten ein Krieg sich seinem furchtbaren Ende
- 16:28zuneigte, das keine Erlösung sein würde, und dass die fragile
- 16:31Wärme dieses Morgens auf eine Probe gestellt würde, für die
- 16:34kein Mörtel der Welt reichte. Sie wusste nur, dass eine Frau
- 16:38ihr gesagt hatte, sie gehöre nicht mit einem Eimer in die
- 16:40Halle und dass sie es geglaubt hatte, einen Atemzug lang, und
- 16:44dass dieser eine Atemzug in einem Leben, das aus
- 16:46angehaltenem Atem bestand, mehr war als nichts.
- 16:50Sie ging zur Bahn und hinter ihr lag die Halle, in der jetzt das
- 16:53Licht anging. Reihe um Reihe und in der
- 16:56hinteren Ecke der Riss im Boden, der kein Schaden an der Platte
- 16:59war, sondern ein Wasser, das man stoppen konnte, wenn man nur
- 17:02wusste, wo man hinsehen musste. Ende, Teil I.