Latest / Im Krisenmodus / Cherson unter Drohnenangriffen – wie eine Stadt im Krieg weiterlebt
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- 0:00Stellt euch vor, ihr fahrt mit den Öffis und ihr wisst nicht bei Fahrtantritt,
- 0:05ob ihr überhaupt an eurem Ziel ankommt, weil möglicherweise eine Drohne in den
- 0:09Bus oder in die Straßenbahnen einschlägt.
- 0:12Wie lebt eine Stadt, wenn Busfahrer lernen müssen, vor Drohnen davon zu fahren?
- 0:16Wenn Kinder eigentlich weggebracht werden sollten, aber Tausende trotzdem bleiben?
- 0:21Und wenn für viele Menschen der Tag nicht im eigenen Schlafzimmer endet, sondern im Keller?
- 0:26Ich war vor einigen Tagen in Kherson im Süden der Ukraine und ich habe Menschen
- 0:30getroffen, die genauso leben. Einer von ihnen heißt Maxim.
- 0:34Seit 17 Jahren fährt er Bus in der Stadt und aktuell erklärt er seinen Fahrgästen
- 0:39manchmal nicht mehr den Fahrplan, sondern wie sie einen Drohnenangriff überleben.
- 0:47Ja, Drohnenangriffe haben in letzter Zeit deutlich zugenommen.
- 0:50Es gibt auch ständigen Artilleriebeschuss.
- 0:52Aber Artilleriebeschuss ist Artilleriebeschuss. Wir haben uns gewissermaßen schon daran gewöhnt.
- 0:57Wenn jedoch Drohnen angreifen, ist das etwas anderes. Wir sind mit elektronischen
- 1:01Ortungsgeräten ausgestattet. Daher kann es beängstigend sein,
- 1:04wenn ein Signal auf dem Bildschirm erscheint und man merkt, dass eine Drohne in der Nähe kreist.
- 1:09Wir tragen außerdem zusätzlichen Schutz, einen Helm. Und in solchen Momenten
- 1:12muss man eben schnell handeln und versuchen, die Menschen so schnell wie möglich
- 1:16in den nächsten Schutzraum zu bringen.
- 1:21Stadt, wie halten die Einwohnerinnen und Einwohner in der Stadt so etwas aus?
- 1:26Darum geht es in dieser Folge.
- 1:30Im Krisenmodus, der Podcast aus Krisen- und Kriegsgebieten aller Welt mit Journalist Jan Jessen.
- 1:39Hallo, ich bin Jan Jessen, Politikchef der NRZ und Kriegs- und Krisenreporter
- 1:43für die Funke Mediengruppe.
- 1:45Ihr findet meinen Artikel in der NRZ, der WAZ, der Berliner Morgenpost,
- 1:49dem Hamburger Abendblatt und auf unseren Portalen.
- 1:53Ich war vor einigen Tagen in Kherson unterwegs, das ist eine Stadt im Süden der Ukraine.
- 1:57Ukraine, eine Stadt, über die wir schon vielfach berichtet haben,
- 2:00hier in diesem Podcast, packen wir euch ein paar Folgen auch in die Shownotes rein.
- 2:04Kresson ist deswegen so besonders, weil die Stadt von den Russen besetzt war
- 2:08im Jahr 2022, wurde dann befreit im November 2022,
- 2:13und hat jetzt das Problem, dass Kresson liegt am Ufer des Njerbränes Flusses,
- 2:19der durch die Ukraine fließt und auf der anderen Seite des Flusses liegen jetzt
- 2:23die Russen und die schießen jeden Tag in die Stadt hinein seit der Befreiung.
- 2:27Mit Artillerie, mit Mörsern und jetzt in den vergangenen Monaten und Jahren
- 2:32vor allem Drohnen, die sie losjagen in die Stadt rein, kleine FPV-Drohnen,
- 2:37das sind diese kleinen Kamikaze-Drohnen, über die wir auch schon mehrfach,
- 2:40berichtet haben hier in diesem Podcast und da gibt es quasi jeden Tag zumindest
- 2:44Verletzte, ganz oft leider auch Tote und das macht das Leben natürlich in der
- 2:48Stadt sehr, sehr problematisch.
- 2:50In Kherson leben trotz allem immer noch 60.000 Menschen. Früher hatte die Stadt
- 2:55so um die 250.000 Einwohnerinnen und Einwohner.
- 2:58Jetzt sind es noch 60.000. Viele von denen sind allerdings Geflüchtete aus dem
- 3:02besetzten Süden des Landes.
- 3:04Und ja, für diese Menschen ist ihr Alltag von ständiger Gefahr geprägt.
- 3:10Also wenn man in der Stadt unterwegs ist, wenn man nach Kherson reinfährt,
- 3:14dann sieht man das auch sehr gut, wie bedrohlich die Situation ist,
- 3:18denn man fährt, wenn man in die Stadt reinkommt, durch Netztunnel,
- 3:22die quasi zumindest die ganze Innenstadt mittlerweile überdecken.
- 3:26Das sind, wie gesagt, so eine Art Tunnel links und rechts und obendrauf Netze,
- 3:31damit die Drohnen, wenn sie denn einschlagen, nicht Fahrzeuge darunter treffen.
- 3:36Man sieht auch überall in der Stadt Soldaten stehen mit Gewehren,
- 3:40mit Sturmgewehren, die den Himmel beobachten und eben schauen,
- 3:44ob da Drohnen im Anflug sind.
- 3:46Und dann natürlich, wenn die Drohnen ankommen, versuchen sie abzuschießen.
- 3:50Ja und diese Drohnen, wenn sie denn angreifen, wenn die russischen Drohnenpiloten
- 3:55es schaffen in die Stadt reinzukommen, die greifen einfach alles an.
- 3:57Die greifen keine militärischen Ziele an, das möglicherweise auch an der einen
- 4:01oder anderen Stelle, aber vor allem Zivilistinnen und Zivilisten,
- 4:04Leute, die da spazieren gehen, die ihre Einkäufe haben, Kinder, die irgendwie spielen,
- 4:10oder eben auch private Fahrzeuge und Busse oder Ambulanzwagen und andere Fahrzeuge,
- 4:16auch andere Rätungskräfte beispielsweise von der Feuerwehr.
- 4:18Aber das macht das natürlich sehr, sehr schwierig, auch als wir reingefahren
- 4:22sind in die Stadt, haben wir zum ersten Mal, als wir jetzt im Februar da waren,
- 4:26zum ersten Mal unsere Westen überkleben müssen, also wo wir das Presseschild drauf haben,
- 4:33damit wir nicht eben zum Ziel von russischen Drohnenpiloten werden,
- 4:36die angeblich eben auch wirklich Jagd auf Journalisten und Journalisten machen.
- 4:41Wir haben in Kherson jetzt beim letzten Mal, als wir da vor einigen Tagen waren,
- 4:45auch ein Busdepot besucht.
- 4:47Da roch es nach Öl, nach Schweißrauch.
- 4:51Wir haben Mechaniker gesehen, die an kaputten Fahrzeugen gearbeitet haben.
- 4:55Und wir haben gesprochen da mit einem Menschen, der Leiter der Verkehrsbetriebe
- 4:59in Kherson ist, Badin Melnik. Wie er hat uns erzählt, wie prekär die Situation
- 5:03ist, hat uns ein bisschen rumgeführt.
- 5:05Hat uns auch so einen Ambulanzwagen gezeigt, der total zerstört war.
- 5:08Und wo ein Patient drin gestorben war.
- 5:11Das hat er uns erzählt. Also auch da war eine Drohne durchs Dach geschlagen.
- 5:14Und von diesen Fahrzeugen sieht man halt viele. Also es stehen nicht nur Busse
- 5:17der Verkehrsbetriebe, sondern eben auch andere Fahrzeuge.
- 5:20Und ganz viele von denen waren eben beschädigt.
- 5:23Da waren die Windschutzscheiben zerstört und was weiß ich was.
- 5:25Also man hat eben gesehen, dass diese Fahrzeuge da einiges durchmachen.
- 5:28Und dann haben wir eben auch Maxim getroffen. Der hat vor so einem alten MAN-Bus
- 5:32gestanden und hat nur Splitterschutzweste getragen.
- 5:36Im Fahrerraum des Busses, da lag ein Helm und daneben ein Kasten mit Wechselgeld.
- 5:45Hallo, mein Name ist Maxim und ich bin Minibusfahrer im öffentlichen Nahverkehr in Kherson.
- 5:49Ich übe diesen Beruf seit über 17 Jahren aus, aber in den letzten fünf Jahren
- 5:53hat sich die Lage aufgrund der russischen Militäraggression deutlich verschlechtert.
- 5:57Trotzdem machen wir weiter und setzen unsere Arbeit fort. Dieses trotzdem,
- 6:02das hört man in den Kassen oft, es klingt hier nicht pathetisch,
- 6:05es klingt wie eine sachliche Entscheidung unter Zwang.
- 6:08Und Vadim, der Leiter der Verkehrsbetriebe, der hatte mir gesagt,
- 6:12dass also natürlich immer wieder die Busse zu Angriffszielen werden,
- 6:15dass auch die Busfahrerinnen und Busfahrer darunter,
- 6:18leiden, dass mittlerweile schon acht Busfahrerinnen und Busfahrer verletzt worden
- 6:23sind bei Attacken, zwei sind gestorben.
- 6:25Und da habe ich natürlich Maxim gefragt, warum er nicht einfach aufhört und
- 6:29warum er diesen Job weitermacht, der lebensgefährlich ist. Und er hat mir dann gesagt.
- 6:38Unsere Eltern und Kinder leben noch hier. Sie brauchen unsere Unterstützung.
- 6:42Wegzugehen ist nicht so einfach.
- 6:44Ja, es ist gefährlich hier, aber leider gibt es in den anderen Regionen oft
- 6:48keine Möglichkeit, ein neues Leben zu beginnen.
- 6:50Deshalb leben und arbeiten wir weiterhin hier, unterstützen uns gegenseitig und halten zusammen.
- 7:00Das ist ein möglicherweise entscheidender Punkt. Man stellt sich natürlich schon
- 7:05die Frage, wenn man in Kherson unterwegs ist und das Leben da beobachtet,
- 7:11warum gehen die Leute da noch einkaufen, warum versuchen die da ein normales
- 7:15Leben aufrecht zu erhalten, warum hauen die nicht einfach ab aus dieser Stadt,
- 7:18die eine der gefährlichsten in der Ukraine mittlerweile ist.
- 7:22Es ist einfach so, dass zum einen die Familien da leben, weil die Arbeit gebraucht
- 7:26wird und weil sie sich ein Leben außerhalb von Kherson nicht leisten können.
- 7:30Also viele haben dann eigene Häuser, eigene Apartments,
- 7:34und wenn sie dann Kherson verlassen würden und meinetwegen nach Kiew ziehen
- 7:38oder in irgendeine andere westliche ukrainische Stadt, würden sie eben zum einen
- 7:41keine Arbeit mehr haben und zum anderen weitaus mehr für ihr tägliches Leben
- 7:45bezahlen müssen als in Kherson.
- 7:46Und das können sich eben die allermeisten nicht leisten.
- 7:50Die Busse von Kherson sind deshalb weit mehr als nur normaler Nahverkehr.
- 7:54Sie sind eine Infrastruktur fürs Leben.
- 7:58Wir sind da mit Maxim in den Bus eingestiegen. Er hat sich auf den Fahrersitz
- 8:02gesetzt, wie gesagt, neben ihm der Helm.
- 8:03Er hat eine Schutzweste an, natürlich ein etwas ungewöhnlicher Anblick,
- 8:06ein Busfahrer mit Splitterschutzweste und der Helm daneben.
- 8:11Und ich bin eigentlich davon ausgegangen, weil an dem Tag, als wir in Chesson
- 8:14angekommen waren, ist genau an diesem Morgen dann auch ein junger Mann gestorben,
- 8:17ist auch ein Bus attackiert worden von einem russischen Drohnenpiloten und dann
- 8:21ist dann eben ein junger Mann gestorben.
- 8:23Und ich habe natürlich gedacht, naja, also der Bus wird wahrscheinlich total
- 8:26leer sein, da werden ein, zwei Leute drin sein oder sowas.
- 8:28Aber nein, von Haltestelle zu Haltestelle hat sich der Bus mehr gefüllt,
- 8:32war richtig pickepacke voll.
- 8:34Und eine Busfahrt kostet in den Kersen 10 Grivner, das sind umgerechnet ungefähr
- 8:3920 Cent, also durchaus darstellbar.
- 8:41Aber ja, wie gesagt, man wunderte sich eben schon, was dafür,
- 8:45dass der Bus so voll war, trotzdem dieser Lebensgefahr.
- 8:48Und naja, die Menschen sind eben zur Arbeit gefahren, andere waren auf dem Weg
- 8:51ins Krankenhaus, ich habe mich auch mit zwei älteren Damen unterhalten,
- 8:54die sagten, dass sie zu einer Untersuchung fahren müssten in ein Krankenhaus
- 8:58in der sogenannten Roten Zone, also in der Zone in der Stadt,
- 9:00die unter sehr, sehr schweren Attacken immer wieder leidet.
- 9:04Und auch das gehört zur Lebensrealität in Kherson dazu, zur Lebenswirklichkeit,
- 9:08dass da immer wieder Krankenhäuser angegriffen werden, immer wieder auch ärztliches
- 9:13Personal, pflegerisches Personal stirbt oder verwundet wird,
- 9:17immer wieder Patientinnen und Patienten sterben.
- 9:20Wir haben mal eine Geschichte gemacht, die wir hier auch im Podcast besprochen
- 9:23haben, in der Forensik in Kherson, da waren wir in der Leichenhalle,
- 9:27haben uns die angeschaut, da waren Opfer von russischen Angriffen drin,
- 9:32die gestorben waren bei irgendwelchen Explosionen und diese,
- 9:37kurz nachdem wir da waren, ist diese Leichenhalle dann eben auch bei einem russischen
- 9:40Angriff komplett zerstört worden und definitiv sind das natürlich keine legitimen
- 9:45Kriegsziele, legitimen militärischen Ziele, sondern das ist einfach Terror gegen
- 9:49die Zivilbevölkerung in Kherson.
- 9:53Auf der Fahrt merkte man schon die Anspannung. Auf der einen Seite gab es Leute,
- 9:57die sich ganz angeregt unterhalten haben.
- 9:59Auf der anderen Seite gab es Menschen, die man schon angemerkt hat,
- 10:02dass sie sehr froh waren, als sie die Fahrt beendet hatten.
- 10:07Man merkte schon, sie wissen, trotz dieser ganzen Routine, in der sie leben,
- 10:12dass sie quasi jeden Tag und bei jeder Fahrt in Lebensgefahr sind.
- 10:17Man hat auch draußen gesehen, die Menschen, die da unterwegs waren,
- 10:21die an den Haltestellen standen, die einkaufen waren, dass da immer wieder so
- 10:25der Blick nach oben ging in den Himmel, ein
- 10:29bisschen bange, also wo man merkte, die scannen den Himmel die ganze Zeit,
- 10:32ob da nicht wirklich irgendwas im Anflug ist,
- 10:35um sich dann entsprechend in Sicherheit zu bringen.
- 10:38Diese Fahrt führt eben auch durch die Netzzünder, über die ich vorhin schon gesprochen habe.
- 10:42Die können zwar nicht verhindern, dass Drohnen explodieren, aber sie vermindern
- 10:46die Wucht von Einschlägen.
- 10:47Das habe ich ein paar Mal gesehen, jetzt mittlerweile schon in der Ukraine. Also dass,
- 10:51man gesehen hat, oben auf das Netz ist eine Drohne eingeschlagen, die haben dann so,
- 10:56Kontaktzünder, also sobald die auf irgendwas draufschlagen, explodieren sie,
- 11:01und das ist bei den Netzen dann eben auch so, das reißt dann oben ein großes
- 11:04Loch ins Netz rein, aber das mindert natürlich die Wucht dieser Explosion.
- 11:08Also wenn so eine Drohne direkt in ein Fahrzeug einschlägt, dann sterben meistens
- 11:13die Leute in dem Fahrzeug oder sie werden zumindest mal schwer verwundet.
- 11:16Auch das haben wir schon ein paar Mal gesehen, beispielsweise im Oktober vergangenen
- 11:19Jahres, da waren wir in Kramatorsk unterwegs und haben dann eben auch mitbekommen,
- 11:23wie zwei Kollegen von uns ums Leben gekommen sind,
- 11:26die eine Geschichte über eine angegriffene Bushaltestelle machen wollten und
- 11:30dann selber attackiert wurden von einer Land-Zert-Drohne, einer russischen,
- 11:34und wo das Fahrzeug eben bei dem Einschlag komplett zerstört worden ist.
- 11:37Und die Behandlung ums Leben gekommen sind.
- 11:40Also diese Tunnel, diese Netze, die helfen ja schon, aber es ist natürlich irgendwie
- 11:45auch ein schwieriger Anblick, wenn du das siehst, dass die ganze Stadt dann
- 11:48eben so geschützt werden muss, weil diese Drohnen dann ständig angreifen.
- 11:53Maxime sagt auch, dass die Menschen sehr genau wissen, was seine Arbeit bedeutet.
- 12:00Die meisten Menschen tun das ja, natürlich. Sie unterstützen uns und wir erfahren
- 12:04viel Dankbarkeit, weil wir dazu beitragen, dass die Stadt funktioniert.
- 12:08Wir gehen Risiken ein und unsere Fahrgäste gehen ebenfalls Risiken ein.
- 12:12Aber die Menschen brauchen weiterhin Transportmittel, um zur Arbeit und was
- 12:16am wichtigsten ist, ins Krankenhaus zu kommen. Daher ist unsere Arbeit sehr wichtig.
- 12:21Busfahren ist in Kherson keine alltägliche Nebensache mehr. Es ist ein Teil,
- 12:25der Infrastruktur, die diese Stadt überhaupt noch am Leben hält.
- 12:29Wer zu arbeiten muss, ins Krankenhaus oder zu Angehörigen, ist auf diese Busse
- 12:32angewiesen. Und auch auf die Busfahrenden.
- 12:34Neben Maxime sind es insgesamt 59 Menschen, darunter auch ein paar Frauen,
- 12:39die jeden Tag in die Busse steigen und fahren.
- 12:41Aber wie gesagt, jede Fahrt kann zur Gefahr werden. Und wie groß die Bedrohung
- 12:46mittlerweile in Kherson ist, Das beschreibt Alexander Progotin,
- 12:50der Gouverneur der Region Kherson.
- 13:01Heute geht die größte Gefahr für die Region Kherson von russischen Drohnen aus.
- 13:05Wir erleben bis zu 5.500 Drohnenangriffe pro Woche.
- 13:09Sie jagen Zivilisten, Kinder, Krankenwagen und Rettungsteams.
- 13:13Betroffen sind ältere Menschen auf dem Weg zum Markt. Kinder bei einem Spaziergang
- 13:18und Sanitäter auf dem Weg zu einem Notruf.
- 13:21Den russischen Drohnenpiloten ist es egal, wen sie ins Visier nehmen.
- 13:27Das ist eben der wesentliche Unterschied zwischen Artilleriebeschuss und diesen Drohnenattacken.
- 13:33Als wir am Anfang angefangen haben, über den Ukraine-Krieg zu berichten,
- 13:38damals haben wir Drohnen maximal erlebt als Aufklärungsdrohnen.
- 13:42Da musste man natürlich auch mal ein bisschen gucken, Denn sobald eine Aufklärungsdrohne,
- 13:46gesichtet wurde, war klar, die lenkt jetzt die feindliche Artillerie oder die russische Artillerie.
- 13:52Aber trotzdem, Artilleriefeuer ist eben was sehr, sehr punktuelles.
- 13:56Und sobald so eine Granate mal losgeflogen ist, landet sie halt irgendwo,
- 13:59aber die kann nicht mehr nachjustiert werden. Und das ist bei Drohnen eben komplett anders.
- 14:03Drohnen fliegen, der Drohnenpilot identifiziert unten irgendein Ziel und kann
- 14:09dann eben seine Drohne punktgenau ins Ziel reinsteuern, ob man jetzt davon wegrennt oder nicht.
- 14:15Ist völlig egal. Also so eine Drohnenattacke, die ist eben wesentlich,
- 14:19wesentlich gezielter als Nattlerie oder Mörserangriff.
- 14:23Und das ist eben etwas, was den Alltag in Gerson maximal verändert hat und eben
- 14:30sehr, sehr, sehr gefährlich gemacht hat.
- 14:32Maxim hat ja vorhin erzählt, dass er an Bord so einen Detektor hat.
- 14:35Den hatten wir jetzt auch dabei.
- 14:36So einen Drohnen-Detektor, das ist ein Instrument, das sieht so ein bisschen
- 14:39aus wie ein Tablet mit drei Antennen.
- 14:42Ganz So ein Plastikding und da ist auch so ein Bildschirm drauf auf dem Detektor
- 14:48und die Idee bei dem Ding ist, dass es das Signal von anfliegenden Drohnen scannt oder aufnimmt und,
- 14:57dann, das funktioniert allerdings nur bei Drohnen, die funkgesteuert sind,
- 15:00funktioniert nicht bei Glasfaser gesteuerten Drohnen, die mittlerweile auch
- 15:04immer mehr auf dem Schlachtfeld zu sehen sind oder in den Städten.
- 15:07Aber bei Drohnen, die funkgesteuert sind, da catcht sozusagen dieses Gerät,
- 15:12das Funksignal und das Videosignal von den anfliegenden Drohnen.
- 15:16Dann hört man erstmal so ein Piepsen, was immer schneller wird,
- 15:19je näher die Drohne kommt.
- 15:20Und dann sieht man plötzlich auf dem Bildschirm das, was die Drohne sieht,
- 15:24die gerade im Anflug ist.
- 15:25Das ist natürlich echt scary, wenn man das sieht auf der einen Seite.
- 15:28Also man merkt eben jetzt, ist eine Drohne irgendwo in der Nähe,
- 15:31wenn plötzlich das Bild auftaucht auf dem Detektor.
- 15:35Aber auf der anderen Seite gibt es natürlich ein bisschen Sicherheit.
- 15:37Also wenn man sein eigenes Fahrzeug sieht, dann sollte man eben tunlichst den
- 15:41Wagen irgendwo parken und dann möglichst schnell aus dem Auto raus.
- 15:46Und genau das beschreibt Maxim eben auch.
- 15:48Er hat mir nämlich auch erzählt, was passiert, wenn der Detektor Alarm gibt.
- 15:53Ja, vor etwa einem Jahr, genauer gesagt etwas mehr als einem Jahr,
- 15:57am 20. Mai, hat eine Drohne einen Sprengsatz in der Nähe des Busses abgeworfen.
- 16:02Was uns gerettet hat, war der Alarm des Detektors.
- 16:05Ich sah, dass die Drohne in Angriffsposition war, also habe ich beschleunigt.
- 16:10Der Abwurf ist dann in der Nähe des Hinterrads, direkt neben dem Bus gelandet
- 16:14und hat ihn zum Glück nicht direkt getroffen.
- 16:16Das hat Maxim jetzt so ein bisschen beiläufig erzählt, aber ich meine,
- 16:19das war eben eine Situation, über die er da berichtet, die auch ganz schlimm hätte ausgehen können.
- 16:25Also wenn, wie gesagt, so eine Drohne einschlägt, die haben eine Sprenglast
- 16:29von bis zu neun Kilo. Das ist schon ordentlich, damit macht man schon große Schäden.
- 16:34Und ja, wie gesagt, in Kherson sterben im Grunde genommen, oder werden zumindest
- 16:39jeden Tag Menschen verletzt und ganz häufig eben auch Menschen getötet.
- 16:42Ich weiß noch, kurz nach unserem Besuch am 1. Juli gab es eine Meldung aus Kherson,
- 16:47dass auch wieder mal eine Drohne in den Bus reingeknallt ist.
- 16:50Und dann zwei Menschen in dem Bus gestorben sind. Ein junges Mädchen ist komplett
- 16:54in zwei Hälften zerrissen worden. Die Mutter hat versucht, das Kind dann rauszutragen.
- 16:58Also das Kind, die über 18 Jahre alt, war auf dem Weg zum College und wollte
- 17:02eigentlich nur sich einschreiben im College.
- 17:05Und dann, ja wie gesagt, wurden sie attackiert, wurden angegriffen und hat die
- 17:08Mutter versucht, die Tochter rauszutragen, aber da war nur der Oberkörper in ihrer Hand.
- 17:13Also eine ganz furchtbare Situation.
- 17:17Und ja, so beiläufig Maxim das erzählt, man muss halt irgendwie gucken,
- 17:21dass man ständig eben auf.
- 17:24Ständig irgendwie sensibilisiert ist für das, was um einen herum passiert und,
- 17:28dann muss man eben auch gute Reflexe haben, weil in solchen Momenten nur wenige
- 17:31Sekunden darüber entscheiden, ob Menschen leben oder sterben.
- 17:34Gas geben, Deckung suchen, den Bus zum nächsten Schutzraum bringen.
- 17:41Natürlich. Zuerst sollte man beschleunigen, den größten verfügbaren Baum als
- 17:45Deckung suchen, geradlinige Bewegungen vermeiden oder sich zu einem Schutzraum begeben.
- 17:50Da die Stadt über viele Schutzräume verfügt, ist eine lange Flucht meistens nicht nötig.
- 17:55Ziel ist es, die Menschen so schnell wie möglich zum nächsten Schutzraum zu bringen.
- 18:00Man darf nicht vergessen, Maxim ist kein Militär. Maxim ist einfach ein Busfahrer,
- 18:05aber eben ein Busfahrer, der über andere Dinge als Fahrpläne sprechen muss,
- 18:11über Ausweichbewegungen verdrohen.
- 18:12Und das ist natürlich.
- 18:16Schon so die bittere Realität in dieser Stadt.
- 18:21In der das Leben trotz allem aber irgendwie weitergeht. Und ein wirklich ganz
- 18:27spannender Ort in Kherson ist das Theater.
- 18:31Das Theater von Kherson, das ist ein Riesenbau, nennt sich Mikola-Kulisch-Theater,
- 18:37und war früher in der Ukraine sehr, sehr bekannt, weil es da auch immer wieder,
- 18:42Festivals gab mit internationaler Beteiligung.
- 18:45Es gab einen sehr bekannten Direktor dieses Theaters und seine Tochter,
- 18:53die haben wir eben genau in diesem Theater getroffen.
- 18:56Auch dieses Theater liegt jetzt in der roten Zone.
- 18:59Dieses Theater ist durch zig Angriffe relativ schwer beschädigt worden.
- 19:04Also die ganzen, die Mauer oder die Wände sind eben bedeckt mit Schrapnell-Naben.
- 19:11Es gibt keine Fenster mehr, sondern nur noch so Sperrholzplatten.
- 19:15Und ja, wie gesagt, haben wir Alexandra Knia getroffen, die nicht nur in dem
- 19:20Theater arbeitet, sondern sich auch mit ihrer Familie für Kinder engagiert.
- 19:29Unser Theatergebäude hat schon viel durchgemacht. Es wurde nach demselben Entwurf
- 19:32wie das Mariupola Dramatheater errichtet.
- 19:35Derzeit finden hier keine Aufführungen mehr statt. Die meisten unserer Produktionen
- 19:39sind nun Tourneespiele, die an sichereren Orten in der Stadt und der Region aufgeführt werden.
- 19:43Letztes Jahr hatten wir 13 Premieren. Die meisten davon fanden hier in Gerson
- 19:47statt und darüber freuen wir uns sehr.
- 19:57Diese Premiere, von der sie spricht, also dieses Theater ist eigentlich super
- 20:02groß. Wir waren da drinnen, wirklich ein ganz, ganz wundervoller Theatersaal.
- 20:06Er hat eigentlich Platz für 600 Menschen und war vor der russischen Invasion
- 20:12immer sehr, sehr gut besucht.
- 20:13Während der Besatzungszeit haben die Russen versucht, den Dirigenten dazu zu
- 20:18bewegen, für sie zu arbeiten.
- 20:20Das war er nicht gemacht, denn er ist im September 2022 erschossen worden.
- 20:23Dann Alexandras Vater, wie gesagt, lange Jahre der Direktor dieses Theaters,
- 20:29der hat sich dann abgesetzt, ist auch von den Russen misshandelt worden,
- 20:33weil er eben nicht für sie arbeiten wollte.
- 20:36Und jetzt sind sie eben wieder zurück und haben dann eben diese Theateraufführung
- 20:40unten im Keller. Also da waren wir unten drin, das ist wirklich ein ganz,
- 20:42ganz kleiner, wie so ein Kleinkunstsaal mit irgendwie 60 oder 70 Plätzen,
- 20:47ganz genau weiß ich das nicht mehr.
- 20:49Und da machen sie eben regelmäßig Aufführungen. Und das war für mich auch wieder
- 20:52so ein Symbol dafür, dass die Menschen sich da eben nicht kaputt machen lassen
- 20:56wollen, nicht kleinkriegen lassen wollen, sondern dass auch die Kultur da eben noch weiterläuft.
- 21:00Und das fand ich schon sehr, sehr, sehr beeindruckend, weil es natürlich auch
- 21:05zeigt, dass sie irgendwie versuchen, Normalität in Kherson zu leben, trotz allem.
- 21:16Wir organisieren Bildungs- und Kulturveranstaltungen, kreative Workshops, Kurse und Ferienlager.
- 21:20Wir bringen Kinder in die Karpaten und ins Ausland, damit sie eine sichere Umgebung
- 21:24und einen friedlichen Himmel erleben und sich vom Stress erholen können.
- 21:28Unser Ziel ist es, ihnen unvergessliche Erlebnisse zu schenken und ihnen zu
- 21:31ermöglichen, einfach Kind zu sein.
- 21:37Einfach Kind sein, das ist in Herzen längst keine Selbstverständlichkeit mehr,
- 21:41und deshalb finde ich auch diesen Satz so stark.
- 21:44Alexandra spricht auch über die Lage in der Stadt selbst.
- 21:51Es gibt ständigen Beschuss und Drohnenangriffe und leider verbessert sich die
- 21:54Situation nicht. Ich selbst habe bereits zwei Gehirnerschütterungen erlitten,
- 21:58eine durch Artilleriebeschuss und die andere bei einem Drohnenangriff.
- 22:02Gott sei Dank bin ich am Leben und unverletzt und lebe und arbeite weiterhin in Kherson.
- 22:07Doch leider ist die Lage so, dass die Menschen die Stadt verlassen müssen.
- 22:10Wir wissen das und verstehen es, weshalb wir Kinder dringend bitten, die Stadt zu verlassen.
- 22:19Bleiben und weg müssen, beides ist in Kherson gleichzeitig wahr.
- 22:22Alexandra bleibt, um Kindern zu helfen, sogleich versucht sie natürlich auch
- 22:27genau diese Kinder aus der Stadt herauszubringen. Und ihr werdet euch vielleicht
- 22:31an eine Folge in unserem Podcast erinnern, die packen wir euch auf jeden Fall
- 22:35auch nochmal in die Shownotes rein.
- 22:36Da haben wir eben genau über die Kinder gesprochen in Kherson.
- 22:39Es gibt also verschiedene Plätze in der Stadt, wo in Kellern sichere Plätze
- 22:45gebaut worden sind für Kinder, wo die Kinder spielen können,
- 22:48wo die Kinder auf Gleichaltrige treffen können.
- 22:50Denn draußen zu spielen ist lebensgefährliches Gebiet, die die Russen selber
- 22:54auf ihren Telegram-Kanälen veröffentlichen, wo man eben sieht,
- 22:58wie auf spielende Kinder Granaten abgeworfen werden von Solastdrohnen, Bombardrohnen.
- 23:03Drohnen und also es ist eben lebensgefährlich für Kinder draußen zu sein,
- 23:07deswegen gibt es für Kinder an der einen oder anderen Stelle eben diese Safe
- 23:11Spaces, wo die Kinder dann zumindest für ein paar Stunden diesen Irrsinn des
- 23:15Krieges vergessen können.
- 23:19Und im Keller, da waren wir auch, also diesmal bei dem jüngsten Besuch vor einigen Tagen in Kherson.
- 23:26Das war nämlich ein Keller, auch unter einem Wohnhaus in der Roten Zone.
- 23:34Und da sind abends, als die Dämmerung anfing, da sind dann eben einige alte
- 23:39Leute rausgekommen aus ihren Wohnungen, hatten ihre Klamotten dabei und haben
- 23:44sich eben auf den Weg in den Keller gemacht.
- 23:45In den Keller, in dem sie jetzt schon seit langer, langer Zeit jede Nacht verbringen,
- 23:52aus Angst vor dem russischen Beschuss, aus Angst vor russischen Drohnen,
- 23:55um einfach eine vergleichsweise ruhige Nacht zu haben.
- 23:59Ich habe da Ludmilla Robaniak getroffen.
- 24:03Ludmilla ist eine Verwalterin, die zuständig ist für sechs der Wohnblocks in
- 24:10dieser Gegend, wo wir waren und die sozusagen die Chefin dieses Kellers war
- 24:15und die Verwalterin dieses Kellers.
- 24:17Und früher hat sie bei der Bahn gearbeitet und heute, wie gesagt,
- 24:21kümmert sie sich eben als Verwalterin um die Wohnblöcke. Und seit fast drei
- 24:24Jahren verbringt sie die Nächte mit anderen Bewohnerinnen und Bewohnern dieser
- 24:28Wohnblöcke in dem Keller.
- 24:36Mein Name ist Ludmilla, ich bin 64 Jahre alt und wir befinden uns in der Stadt
- 24:41Kherson in einem Kellerbunker.
- 24:43Wir haben im September 2023 mit dem Bau dieses Ortes angefangen,
- 24:48weil er uns vor Beschuss bewahren sollte und uns bis heute schützt.
- 24:52Wenn es zu Beschuss kommt, haben wir hier keine Angst.
- 24:59Als wir da angekommen sind, das muss man sich so vorstellen,
- 25:03wie gesagt, alte, große Wohnblöcke, fünf, sechs Stockwerke hoch,
- 25:07da hat der Zahn der Zeit ziemlich dran genagt, der Putz blättert ab,
- 25:11also jetzt kein super tolles Viertel, in dem wir da unterwegs waren.
- 25:16Vor dem Wohnblock, wo es eben diesen Keller gab, diesen Schutzraum gab,
- 25:21da stand noch eine große Betonwand, die war so zweieinhalb Meter,
- 25:24würde ich mal schätzen, hoch.
- 25:26Das war eine Wand, die dazu dienen sollte, wenn auf der Straße irgendwas runterkommt,
- 25:30dass da die Druckwellen abgemildert werden.
- 25:33Vor ein paar Wochen war es wohl noch so, dass da eben genau auf dieser Straße
- 25:35auch ein Mörser eingeschlagen ist oder eine andere Granate. Das wussten sie nicht genau.
- 25:40Und ja, dann saß man erstmal davor, hat ein bisschen miteinander geredet.
- 25:45Lüttmüller hat ein bisschen was von sich erzählt. Aber dann hat sie auch gesagt,
- 25:49also das sei, die Gegend hier sei sowas wie eine Drohnenautobahn.
- 25:53Und just als sie das sagte, hörte man auch oben den Sound von so einer Drohne.
- 25:58Also diese FPV-Drohnen hören sich an wie so laute Mücken.
- 26:04Und sobald der Sound zu hören war, ging es dann auch runter in den Keller.
- 26:08Also jetzt nicht panisch oder so, aber die älteren Leute haben dann gesagt,
- 26:14so jetzt müssen wir runtergehen, hier ist irgendwie wieder was in der Luft und
- 26:16wir müssen eben gucken, dass wir in den Keller gehen. Und im Keller,
- 26:19da roch es ganz massiv nach Schimmel.
- 26:22Rostige Rohre liefen an unverputzten Bänden entlang. Auf dem Tisch standen Gläser,
- 26:28Tasten und Konservendosen mit Zigarettenkippen.
- 26:31Darüber eine nackte Glühbirne, die wirklich nur fahrlässig gegeben hat.
- 26:35Also das war schon kein Wohlfühlort, wenn man da runtergegangen ist.
- 26:40Da hat man dann eben auch in dem Keller Bereiche gehabt, die noch überhaupt
- 26:43nicht fertig gemacht waren.
- 26:45Ein Klo, was, das möchte ich jetzt nicht im Detail beschreiben,
- 26:48aber wirklich in einem desolaten Zustand war.
- 26:50Und dann eben auch Betten, wo die Decken
- 26:53sehr, sehr klamm waren und ein schmutzstarrender Teppich auf dem Boden.
- 26:57Also, wie gesagt, kein Wohlfühlort, aber eben ein Ort, wo man vergleichsweise,
- 27:02sicher ist. Und Ludmilla hat
- 27:04dann eben auch erzählt, wie sie die Situation aktuell in Kershonne erlebt.
- 27:14Oh, insgesamt, es ist sehr beängstigend. Wir werden beschossen und man lässt
- 27:19uns nicht in Ruhe. Jetzt kreisen ständig Drohnen über uns und es fühlt sich an wie in einem Film.
- 27:25Sie haben eine regelrechte Safari daraus gemacht, auf der Jagd nach Menschen.
- 27:29Es ist wirklich furchteinflößend.
- 27:33Wenn Kherson unterwegs ist, der versteht sofort, was sie meinen.
- 27:36Also ich habe, wie gesagt, selten eine Stadt erlebt in der Ukraine,
- 27:38sieht man mal von den ganz, ganz frontnahen Städten ab.
- 27:43Wo der Beschuss so krass ist, wo eben ständig irgendwas los ist.
- 27:48Man hört auch ständig in Kherson das Rattern von Sturmgewehren,
- 27:51also wenn die mobile Drohnenabwehr wieder aktiv ist.
- 27:54Also die Gefahr ist ja wirklich allgegenwärtig und was einfach krass ist,
- 27:59eben dieses Gefühl gezielt gejagt zu werden von den russischen Drohnenpiloten.
- 28:04Es gibt ja so einen ganz zynischen Begriff für Human Safari,
- 28:07nennen sie das, also menschliche Safari.
- 28:11Ja, wie gesagt, jedes Mal, wenn ich da bin, bin ich schon sehr angespannt,
- 28:16wenn wir in die Stadt reinfahren, weil man eben weiß, was da auf einen Zug kommen
- 28:19kann und der Tod trifft einen dann oder die Verwundung trifft einen auch dann,
- 28:23eben sehr, sehr zufällig.
- 28:24Also wie gesagt, wir überkleben jetzt mittlerweile unsere Pressewesten.
- 28:29Um nicht gezielt gejagt zu werden, aber fahren mit Fahrzeugen durch die Gegend,
- 28:34mit zivilen Fahrzeugen und da kann es jederzeit sein, dass eben ein Drohmpilot
- 28:38der Meinung ist, das Fahrzeug muss ich jetzt angreifen und zerstören.
- 28:41Und als es danach geworden ist, dann hat man eben auch gehört,
- 28:44wie das Artilleriefeuer, der gegenseitige Artilleriebeschuss so richtig angefangen hat.
- 28:49Also das ist dann schon mega laut, wenn dann sogenannte Outgoings rausgehen,
- 28:54also das ukrainische Artilleriefeuer und auf der anderen Seite eben das russische
- 28:59Artilleriefeuer reinkommt.
- 29:00Und man hört anscheinend die Explosionen und im Keller hört sich das alles sehr,
- 29:03sehr dumpf an. Aber man merkt eben, dass draußen einiges los ist.
- 29:06Und das ist eben der Grund, weswegen Ludmilla und die anderen Leute da jeden
- 29:11Abend in diesen Keller gegangen sind.
- 29:18Nun, wir kommen jeden Abend hierher. Wir fühlen uns hier ruhig und selbst bei
- 29:22Schüssen oder Beschuss haben wir keine Angst.
- 29:25Das ist ein sicherer Ort. Das ist ein gefährlicher Ort. Tja,
- 29:29also wenn ein muffiger Keller zum Ort wird, an dem Menschen Ruhe finden,
- 29:33dann sagt das, finde ich, eben viel über den Zustand einer Stadt aus.
- 29:37Ja, als wir den Bunker verlassen haben, da sind die Busse wieder gefahren,
- 29:40im Theater wird gearbeitet, die Kinder haben gespielt auf der Straße,
- 29:45sind mit ihren Fahrrädern durch die Gegend gefahren und am Abend werden viele
- 29:49Menschen eben wieder in diesen Keller gehen, in dem wir auch die Nacht verbracht haben.
- 29:53Vielleicht ist das genau die Antwort auf die Frage vom Anfang dieser dieses Podcasts.
- 29:58Wie lebt eine Stadt unter Drohnen, in dem Menschen einfach weitermachen?
- 30:01Busfahrer, Theatermacher, Nachbarn.
- 30:04Nicht, weil sie keine Angst haben, sondern weil irgendjemand den Alltag am Laufen halten muss.
- 30:10Das war die heutige Folge unseres Podcasts im Krisenmodus. Dieser Podcast wurde
- 30:14produziert von Alexander Baumeister.
- 30:17Er ist auch Journalist und arbeitet bei einem Radiosender der Funke Mediengruppe.
- 30:21Wenn euch dieser Podcast gefallen hat, liked und folgt uns.
- 30:26Das hilft in jedem Fall, unsere Arbeit sichtbarer zu machen.
- 30:29Und schreibt mir auch gern, wenn ihr einen Vorschlag für eine unserer Folgen habt.
- 30:33Oder wenn euch diese Frage aus Kherson nicht loslässt.
- 30:36Was hat euch an den Geschichten aus Kherson besonders beschäftigt?
- 30:40Ihr erreicht uns unter krisenmodus at funkemedien.de.
- 30:44Passt auf euch auf. Bis dann. Ciao, ciao.