Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 4 - 333-336
Transcript
- 0:00Unterkapitel 333 was heißt erkennen?
- 0:06Nietzsche beginnt dieses Kapitel mit einem berühmten Zitat des
- 0:09Philosophen Spinoza, nicht lachen, nicht klagen, nicht
- 0:14verabscheuen, sondern verstehen. Dieses Zitat beschreibt die
- 0:18Haltung eines Philosophen, der die Welt nicht emotional
- 0:21bewerten, sondern sie neutral und objektiv verstehen will.
- 0:25Nietzsche fragt jedoch, was dieses Verstehen.
- 0:28Oder erkennen, wie er es nennt, im tiefsten Grunde.
- 0:31Eigentlich ist. Seine Antwort darauf ist, dass
- 0:34es keineswegs ein neutraler oder rein geistiger Akt ist.
- 0:38Stattdessen ist das, was wir verstehen nennen, das Ergebnis
- 0:41eines inneren Kampfes zwischen 3 fundamentalen menschlichen
- 0:44Trieben, dem Trieb zum Lachen, dem Trieb zum Klagen und dem
- 0:49Trieb zum Verwünschen oder Hassen, bevor wir etwas wirklich
- 0:53erkennen können, so erklärt Nietzsche.
- 0:55Muss jeder dieser Triebe zuerst seine einseitige Sicht auf die
- 0:59Sache geäußert haben? Ein Teil in uns will über eine
- 1:02Situation lachen, ein anderer will darüber weinen und ein
- 1:05dritter will sie verfluchen aus dem Kampf dieser verschiedenen
- 1:09Perspektiven entsteht dann manchmal ein Kompromiss, eine
- 1:12Art Beruhigung und Gerechtigkeit, dieses Ergebnis
- 1:16nennen wir dann verstehen oder Erkenntnis, das verstehen ist
- 1:20also nicht etwas, das den Trieben entgegensteht.
- 1:23Sondern es ist selbst ein bestimmtes Verhältnis der Triebe
- 1:25zueinander. Nietzsche geht noch einen
- 1:28Schritt weiter und sagt, dass wir uns lange Zeit getäuscht
- 1:31haben, wir dachten, bewusstes Denken sei die einzige Form des
- 1:35Denkens, in Wahrheit aber dämmert uns nun, dass der
- 1:39allergrößte Teil unseres geistigen Lebens unbewusst
- 1:42abläuft. Diese unbewussten Triebe kämpfen
- 1:45ständig miteinander und machen sich gegenseitig spürbar, indem
- 1:48sie uns Schmerz oder Freude bereiten.
- 1:51Die plötzliche Erschöpfung, die viele Denker nach intensiver
- 1:54Arbeit spüren, vergleicht er mit der Erschöpfung auf einem
- 1:57Schlachtfeld. Ein Zeichen für den gewaltigen
- 2:00unbewussten Kampf, der in ihnen stattgefunden hat.
- 2:05Unterkapitel 334 Man muss lieben lernen in diesem Kapitel erklärt
- 2:13Nietzsche, dass Liebe keine angeborene, sofortige Empfindung
- 2:16ist, sondern etwas, das man lernen muss.
- 2:19Er vergleicht diesen Prozess mit dem Hören von Musik, wenn man
- 2:23ein neues Musikstück zum ersten Mal hört, muss man sich erst
- 2:26darauf einlassen, man muss lernen, eine Melodie oder eine
- 2:30musikalische Figur als eigenständiges Leben zu hören,
- 2:33sie zu isolieren und zu erkennen.
- 2:36Anfangs braucht man Mühe und guten Willen, um das Stück trotz
- 2:39seiner Fremdheit zu ertragen, man muss Geduld mit seinem
- 2:43Ausdruck und seiner Eigenart haben, doch irgendwann, so
- 2:46Nietzsche, kommt ein Augenblick. Indem man sich an die Musik
- 2:50gewöhnt, hat man erwartet sie. Man ahnt sogar, dass sie einem
- 2:54fehlen würde, wenn sie nicht da wäre.
- 2:56Von diesem Moment an übt die Musik einen Zwang und einen
- 2:59Zauber auf uns aus, bis wir schließlich zu ihren demütigen
- 3:03und entzückten Liebhabern werden und nichts mehr von der Welt
- 3:06wollen, als sie, so wie mit der Musik argumentiert.
- 3:10Nietzsche verhält es sich mit allen Dingen, die wir jetzt
- 3:13lieben, wir haben gelernt, sie zu lieben, unser guter Wille.
- 3:18Unsere Geduld und unsere Sanftmut gegenüber dem Fremden
- 3:21werden am Ende belohnt. Das Fremde legt langsam seinen
- 3:24Schleier ab und zeigt sich uns als eine neue, unsagbare
- 3:27Schönheit. Das ist der Dank für unsere
- 3:30Gastfreundschaft. Dieser Lernprozess gilt auch für
- 3:33die Selbstliebe. Auch wer sich selbst lieben
- 3:36will, muss es auf diesem Weg lernen, es gibt keinen anderen
- 3:40Weg, die Kernaussage ist also Liebe, egal ob zu anderen, zur
- 3:45Kunst oder zu sich selbst. Ist ein aktiver Prozess des
- 3:48Lernens und der geduldigen Auseinandersetzung mit dem, was
- 3:51einem zunächst fremd erscheint. Unterkapitel 335 hoch die Physik
- 4:01dies ist eines der längsten und wichtigsten Kapitel, in dem
- 4:04Nietzsche eine radikale Kritik an der Moral übt.
- 4:07Er beginnt mit der Feststellung, wie wenige Menschen wirklich
- 4:10fähig sind zu beobachten und noch weniger in der Lage sind,
- 4:13sich selbst zu beobachten, er zitiert den alten Spruch.
- 4:17Erkenne dich selbst und nennt ihn fast eine Bosheit, weil er
- 4:21so schwer zu erfüllen ist. Als Beweis dafür, wie schlecht
- 4:24die Menschen sich selbst beobachten, führt er die Art und
- 4:27Weise an, wie über moralische Handlungen gesprochen wird.
- 4:30Die Leute reden schnell, überzeugt und eifrig über Moral,
- 4:34als wäre es eine ganz einfache Sache, sie sagen, wenn ein
- 4:38Mensch urteilt, so ist es recht und dann tut, was er als Recht
- 4:42erkannt hat, dann ist seine Handlung moralisch.
- 4:46Nietzsche widerspricht dem vehement.
- 4:48Er sagt, das sind nicht eine, sondern 3 verschiedene
- 4:51Handlungen. Schon das Urteil, so ist es
- 4:54Recht, ist eine Handlung, und warum fällt man dieses Urteil?
- 4:59Die übliche Antwort ist, weil mein Gewissen es mir sagt, aber
- 5:03Nietzsche fragt weiter, warum hörst du auf dein Gewissen,
- 5:07woher nimmst du das Recht, sein Urteil für wahr und Untrüglich
- 5:10zu halten. Gibt es nicht auch ein
- 5:13intellektuelles Gewissen, das hinter dem moralischen Gewissen
- 5:16steht? Dein Urteil, so Nietzsche, hat
- 5:19eine lange Vorgeschichte in deinen trieben, Neigungen,
- 5:22Erfahrungen und nicht Erfahrungen.
- 5:25Du musst fragen, wie ist es entstanden und was treibt mich,
- 5:30ihm Gehör zu schenken, man kann seinem Gewissen folgen wie ein
- 5:34Soldat einem Befehl, wie eine Frau dem geliebten Mann wie ein
- 5:37Feigling aus Angst oder wie ein Dummkopf, der nichts Besseres
- 5:41weiß. Die Tatsache, dass du etwas als
- 5:44recht empfindest, kann einfach daran liegen, dass du nie
- 5:47darüber nachgedacht hast und blind übernommen hast, was man
- 5:50dir als Kind beigebracht hat, oder weil das, was du deine
- 5:54Pflicht nennst, dir bisher Brot und Ehre eingebracht hat.
- 5:58Die Stärke deines moralischen Urteils könnte also ein Zeichen
- 6:01von persönlicher Erbärmlichkeit und Unpersönlichkeit sein.
- 6:05Nietzsche wendet sich dann gegen den kategorischen Imperativ von
- 6:08Immanuel Kant, der besagt. Man solle so handeln, dass die
- 6:12Maxime des eigenen Willens jederzeit als Prinzip einer
- 6:15allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.
- 6:18Nietzsche nennt das eine Form von Selbstsucht, es ist
- 6:21selbstsüchtig, sein eigenes Urteil als allgemeines Gesetz
- 6:24für alle zu empfinden. Wer so urteilt, hat sich selbst
- 6:28noch nicht wirklich erkannt, denn er hat noch kein eigenes,
- 6:31einzigartiges Ideal für sich geschaffen, es gibt keine
- 6:34gleichen Handlungen, jede Handlung ist einzigartig und
- 6:38unwiederbringlich. Moralische Vorschriften beziehen
- 6:41sich immer nur auf die grobe Außenseite einer Handlung.
- 6:44Deshalb, so schließt Nietzsche, sollten wir aufhören, über den
- 6:47moralischen Wert unserer Handlungen zu grübeln.
- 6:51Wir sollten stattdessen unsere Meinungen und Wertschätzungen
- 6:53reinigen und neue, eigene Gütertafeln schaffen, wir müssen
- 6:58die werden, die wir sind, die Neuen, die einmaligen, die sich
- 7:01ihre eigenen Gesetze geben, dazu müssen wir Physiker werden, das
- 7:06bedeutet. Wir müssen die Welt und uns
- 7:08selbst so verstehen, wie sie wirklich sind.
- 7:11Basierend auf den Gesetzen der Natur, der Physik, nicht auf
- 7:15moralischen Vorurteilen. Alle bisherigen Werte basierten
- 7:18auf einer Unkenntnis der Physik, deshalb ruft er aus, hoch die
- 7:23Physik und höher noch das, was uns zu ihr zwingt, unsere
- 7:27Redlichkeit, Unterkapitel, 336 Geiz der Natur.
- 7:37In diesem sehr kurzen, fast poetischen Kapitel stellt
- 7:40Nietzsche eine melancholische Frage.
- 7:42Er wundert sich, warum die Natur so geizig oder sparsam gegenüber
- 7:46den Menschen gewesen ist. Er fragt, Warum hat die Natur es
- 7:50nicht so eingerichtet, dass die innere Größe eines Menschen für
- 7:53alle sichtbar ist? Warum leuchtet ein großer Mensch
- 7:56nicht von innen heraus, je nach seiner inneren Lichtfülle, warum
- 8:00haben große Menschen keinen so offensichtlichen Aufgang und
- 8:03Niedergang wie die Sonne? Wenn dies der Fall wäre, so
- 8:07sinniert er, wäre das Leben unter den Menschen viel
- 8:10unzweideutiger man könnte die Größe eines Menschen sofort
- 8:14erkennen, so wie man die Helligkeit der Sonne sieht.
- 8:17Das Kapitel ist eine Klage darüber, dass menschliche Größe,
- 8:21Weisheit und Stärke oft verborgen und unsichtbar
- 8:24bleiben, anders als in der Natur, wo die Kraft der Sonne
- 8:27für jeden spürbar und sichtbar ist, muss die Größe eines
- 8:30Menschen oft erst mühsam erkannt werden, wenn sie überhaupt
- 8:33bemerkt wird. Es ist ein Ausdruck des Wunsches
- 8:36nach mehr Klarheit und Ehrlichkeit im menschlichen
- 8:38Miteinander.