Latest / DAZWISCHEN Der Sachsen-Anhalt-Podcast / Was die Wissenschaftsfreiheit in Sachsen-Anhalt bedroht
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- 0:00Wenn uns das jemand vor, ich weiß nicht, fünf oder zehn Jahren gesagt hätte, hätten wir gedacht: Also, das kann überhaupt nicht sein, dass
- 0:03Wissenschaft nicht unbedingt durch eine Einschränkung an der grundgesetzlichen Wissenschaftsfreiheit behindert wird,
- 0:07sondern einfach durch finanzielle Mitteleinschränkungen, dass Forschungsmittel einfach nicht mehr gewährt werden,
- 0:14dass ganze Institutionen geschlossen werden. Das ist in vieler Hinsicht dramatisch. Das
- 0:22sagt Bettina Rockenbach, Präsidentin der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina in Halle.
- 0:28Und sie spricht hier zwar über die Situation in den USA, aber
- 0:33die Wissenschaftsfreiheit nimmt in vielen Teilen der Welt ab, auch in Europa
- 0:37und auch in Deutschland. Jetzt könnten einige vielleicht sagen: Na gut, das
- 0:41betrifft nur ganz wenige Menschen in ihren Laboren und Elfenbeintürmen. Aber um
- 0:46die Probleme unserer Zeit zu verstehen und zu lösen, innovative Erfindungen auf
- 0:51den Markt zu bringen, braucht es eine unabhängige Wissenschaft. Wenn Wissenschaft nicht
- 0:56mehr unabhängig ist, kann man sich nicht mehr auf die Ergebnisse verlassen.
- 1:02Das Vertrauen in Fakten braucht man aber unbedingt als Gesellschaft. Wenn Forschung
- 1:05aber statt unabhängige Fakten zu liefern, Machtinteressen vertritt, hat auch die Demokratie
- 1:10ein Problem. Denn nur gut informiert, mit verlässlichen Informationen, können wir auch
- 1:16mündige Entscheidungen treffen. In Sachsen-Anhalt machen sich gerade besonders viele Forschungseinrichtungen
- 1:21Sorgen um die Wissenschaftsfreiheit. Denn die AfD hat dort angekündigt, den Forschungsbetrieb
- 1:27umzubauen und ganzen Bereichen die Mittel streichen zu wollen. Was die Wissenschaftsfreiheit
- 1:32bedroht, wie sich das auf Sachsen-Anhalt auswirkt und wie Forscherinnen und
- 1:37Forscher aus Sachsen-Anhalt die Lage bewerten, darüber sprechen wir heute bei
- 1:41Dazwischen. Vorher wollen wir aber gucken, was euch in der vergangenen Woche
- 1:45bewegt hat. Im Podcast haben wir über Dorfsterben gesprochen. Unsere Community-Redakteurin
- 1:57Anne hat eure Nachrichten im Blick. Anne, was ist da so reingekommen?
- 2:02Wir haben Mails bekommen, und zwar hat uns Stefan aus Irksleben Fotos
- 2:04von der Eröffnung des neuen Hauses des Ehrenamtes in Hermsdorf geschickt. Das
- 2:08war ja der Veranstaltungstipp in der letzten Folge, und die Veranstaltung sah
- 2:12auf jeden Fall gut besucht aus. Und er hat zur letzten Folge
- 2:16außerdem geschrieben, dass er sie sehr treffend fand. Und dann hat uns
- 2:19noch Robert geschrieben, dass er sich auf die Wissenschaftsfolge sehr freut, die
- 2:23wir ja jetzt aufnehmen. Und er selbst baut gerade ein mobiles Forschungsfahrrad,
- 2:27mit dem er in kleinen Ortschaften im Süden Sachsen-Anhalt Projekte durchführen
- 2:32möchte. Ja, das klingt spannend, und ich hoffe, wir enttäuschen ihn nicht
- 2:36mit unserer heutigen Folge. Vielen Dank auf jeden Fall für euer Feedback,
- 2:39eure Gedanken. Das ist für uns wirklich sehr wertvoll. Teilt sie gerne
- 2:44weiterhin. Wir lesen wirklich jede Nachricht per Mail, bei Mastodon, in anderen
- 2:47sozialen Netzwerken oder auf Podcast-Plattformen wie Apple Podcasts oder Spotify. Also
- 2:51schickt uns jederzeit Lob, Kritik, Themenvorschläge und was euch sonst noch
- 2:57so bewegt. Die Mailadresse dafür lautet dazwischen@detektor.fm, und ihr
- 3:01findet uns, wie gesagt, auch bei Facebook, Instagram oder Mastodon. Marie, wenn
- 3:06ich nicht gerade mit dir hier diesen Podcast mache, dann beschäftige ich
- 3:14mich ja journalistisch meistens mit Wissen und Wissenschaftsthemen. Und deswegen ist mir
- 3:17eine Mail in unserem Postfach Anfang Mai besonders aufgefallen. Und zwar hat
- 3:21uns Raphael zu einer Veranstaltung in die Leopoldina eingeladen mit dem Titel
- 3:25„Wie frei ist Europas Wissenschaft?“ Und ich glaube, ich verrate nicht zu
- 3:34viel, wenn ich jetzt sage, du warst dort. Ganz genau. Denn für
- 3:37die Wissenschaft ist es gerade eine ziemlich turbulente Zeit. Das, was in
- 3:40den USA gerade passiert, dass ein Präsident und seine Verwaltung da die
- 3:44Wissenschaftsfreiheit wirklich massiv einschränken, das macht hier natürlich auch vielen Forschenden Sorgen.
- 3:50Obwohl die Freiheit der Wissenschaft ja in Artikel 5 des Grundgesetzes festgehalten
- 3:54ist. Da steht: Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Genau.
- 4:00Aber es fehlt leider eine konkrete Definition. Also man könnte sagen, Wissenschaftsfreiheit
- 4:05garantiert, dass Forschung, Lehre und wissenschaftlicher Diskurs frei von politischer Einflussnahme, staatlicher
- 4:11Zensur oder eben auch wirtschaftlichen Vorgaben stattfinden können. Der letzte Punkt zum
- 4:16Beispiel ist aber schon strittig, denn natürlich kosten Forschung und Lehre Geld.
- 4:20Und wo kriegt man das Geld her? Entweder man stellt Anträge für
- 4:23öffentliche Gelder oder man wirbt Drittmittel ein. Lange hat man in der
- 4:27Wissenschaftsszene die Drittmittel kritisch beäugt, weil sie zum Teil von privaten und
- 4:31kommerziell getriebenen Geldgebern kommen und man da einfach Angst hatte vor einer
- 4:34wirtschaftlichen Abhängigkeit. Jetzt geraten die staatlichen Gelder in den Fokus, weil man
- 4:39wie in den USA politische Einflussnahme befürchtet. Und über genau diese Punkte
- 4:44wurde also in der Leopoldina diskutiert, und mit dabei war der Ökonom
- 4:48Reint Gropp. Und mit dem hast du dich danach zum Interview getroffen.
- 4:51Genau. Reint Gropp ist Präsident des Leibniz Instituts für Wirtschaftsforschung Halle und
- 4:55er ist bekannt dafür, ziemlich klare Worte zu finden. Für ihn ist
- 4:59eine Unabhängigkeit von den Geldgebern einer der wichtigsten Faktoren für die Wissenschaftsfreiheit.
- 5:04Für mich persönlich jetzt am Institut ist es eben wichtig, dass mir
- 5:07keiner reinredet und das nicht konditioniert finanziert wird. Also mit konditioniert finanziert
- 5:13meine ich: Ihr kriegt nur dann Geld, wenn ihr das und das
- 5:17sagt oder macht. Deswegen zum Beispiel machen wir auch nur sehr wenig
- 5:21Auftragsforschung und schon gar keine Auftragsforschung, wo das Ergebnis feststeht. In der
- 5:26Einladung zur heutigen Veranstaltung stand: Wissenschaftsfreiheit oder die Wissenschaft als solche. Eine
- 5:31freie Wissenschaft ist eine der wichtigsten Ressourcen der Demokratie. Warum? Ich glaube,
- 5:36umgekehrt wird den Schuh daraus ein bisschen mehr. Also ich glaube, ein
- 5:39Symptom einer autokratischen Gesellschaft ist, dass die Wissenschaftsfreiheit unterminiert wird. Das sieht
- 5:45man in den USA ganz besonders prominent. Man sieht es sehr stark
- 5:49in Ungarn, man hat es gesehen in Polen und in vielen anderen
- 5:53Fällen. Das ist ein Symptom für eine Aushöhlung demokratischer Strukturen. Ich glaube,
- 5:59es ist einfach ein klares Zeichen, dass wir uns in die falsche
- 6:02Richtung bewegen, wenn wir die Wissenschaftsfreiheit einschränken. Aber die Frage, die ja
- 6:06trotzdem mit drinsteckt, ist: Warum ist eine freie Wissenschaft wichtig für die
- 6:09Demokratie? Wir sind ja darauf angewiesen, dass im demokratischen Prozess die Mehrheit
- 6:14der Bevölkerung gut informiert ist über das, was sie da abstimmt. Sie
- 6:18muss ja mitbestimmen, sozusagen durch ihre Stimme. Und wenn sie nicht durch
- 6:23eine freie Wissenschaft informiert werden kann oder falsch informiert wird durch eine
- 6:28beeinflusste Wissenschaft, dann führt das zu demokratischen Ergebnissen, die wir so nicht
- 6:33gut finden können. Okay, also Reint Gropp sagt, freie Wissenschaft ist wichtig,
- 6:37damit Bürgerinnen und Bürger in einer Demokratie sich informieren können. Hast du
- 6:42dafür ein Beispiel? Ja, also zum Beispiel vor den 1980er Jahren sind
- 6:46die meisten Menschen ohne Sicherheitsgurt Auto gefahren, obwohl es den schon seit
- 6:50ungefähr 1959 gibt. Viele haben einfach nicht daran geglaubt, dass das wirklich
- 6:54sicherer ist. Kann man sich heute irgendwie gar nicht mehr vorstellen. Und
- 6:57erst durch unabhängige Forschung konnte dann nachgewiesen werden, dass das tatsächlich so
- 7:01ist, sodass dann eben auch die Politik sich entschlossen hat, eine
- 7:04Anschnallpflicht einzuführen. Und wir wissen ja heute, das hat wirklich ganz viele
- 7:08Tausende von Leben gerettet. Außerdem haben wir ja schon in unserer Startup-
- 7:12Folge besprochen, dass freie Wissenschaft oft gute Lösungen und Innovationen hervorbringt. Und
- 7:17wenn wir es besser hinkriegen würden, die dann auch auf den Markt
- 7:20zu kriegen, wäre das sogar ein richtig wichtiger Wirtschaftsfaktor. Und zu guter
- 7:25Letzt hat Wissenschaft ja auch die Möglichkeit, Machthabende zu überprüfen und auch
- 7:29auf Gefahren hinzuweisen. Ja, vor allem auch populistischen Aussagen in der Politik,
- 7:33egal aus welcher parteipolitischen Richtung sie kommen, etwas entgegenzusetzen, und zwar auf
- 7:38Basis von Fakten. Und das ist ja nicht nur für mich als
- 7:41Bürgerin wichtig, sondern auch für unsere Arbeit als Journalistinnen extrem wichtig. Denn
- 7:46die Überprüfung durch Forschung, das können wir nicht leisten. Wir können zusammentragen,
- 7:50gegenüberstellen, eben berichten. Und wenn es all das so nicht mehr geben
- 7:55würde, weil die Wissenschaft nicht frei und unabhängig forschen kann, dann können
- 8:02wir ja auch nur noch sehr schwer frei und unabhängig berichten, weil
- 8:05die Quellen, die wir haben, eben nicht mehr unabhängig sind. Genau, so
- 8:10ist es. Wie ist denn der Stand der Wissenschaftsfreiheit in Deutschland gerade?
- 8:14Um das zu messen, gibt es den sogenannten Academic Freedom Index. Der
- 8:19wird erhoben, indem jährlich weltweit über 2000 Expertinnen und Experten befragt werden,
- 8:25die dann fünf verschiedene Dimensionen von Wissenschaftsfreiheit für ihr jeweiliges Land bewerten
- 8:28müssen. Und daraus leitet sich dann für jedes Land ein Wert ab
- 8:33zwischen null, also gar keine Freiheit, bis eins, komplett frei. Und der
- 8:36Wert kann sich jedes Jahr verändern. Genau, und das sieht man auch
- 8:39ganz gut bei den USA. Die lagen vor zehn Jahren bei ungefähr
- 8:440,9, also sehr stark ausgeprägte Wissenschaftsfreiheit. Und nach allem, was sich
- 8:45die Trump-Administration da jetzt so einfallen lassen hat, liegt sie jetzt
- 8:48bei 0,4, also ein richtig harter Einbruch. Und diesen Trend, den
- 8:53sehen wir weltweit, aber natürlich längst nicht so dramatisch wie in den
- 8:56USA. Okay, und wie sieht da jetzt der Academic Freedom Index für
- 8:59Deutschland aus? Der liegt in der letzten Erhebung bei 0,88 und
- 9:04damit gehört Deutschland schon noch zu den besten 10 bis 20 Prozent
- 9:07der Länder weltweit. Klar, weil wir eben noch eine Regierung haben, die
- 9:11die Wissenschaftsfreiheit sehr ernst nimmt. Aber, und auch das muss man sagen,
- 9:14auch in Deutschland ist der Index eben gesunken. Also noch gibt es
- 9:24hohe Werte im Academic Freedom Index, und trotzdem sehen wir in den
- 9:29USA, wie schnell sich das ändern kann. Auf jeden Fall, und das
- 9:32besorgt natürlich auch die großen europäischen Forschungseinrichtungen. Die sind alle vereint im
- 9:37sogenannten G6-Netzwerk, und das hat eine Erklärung abgegeben und dort auch
- 9:42Punkte aufgeführt, die die Wissenschaftsfreiheit jetzt schon bedrohen. Also da geht es
- 9:45um Bürokratie, um finanzielle Abhängigkeit und auch um so einen gesellschaftlichen Vertrauensverlust
- 9:51in die Wissenschaft. Lass uns mal mit der Bürokratie anfangen, weil es
- 9:54wohl tatsächlich so ist, dass es immer mehr regulatorische Vorgaben gibt und
- 9:58die erschweren halt die internationale Zusammenarbeit und eben auch die freie Forschung.
- 10:03Und das sieht auch Reint Gropp so. Was ich persönlich immer als
- 10:07Idealbild der Wissenschaftsfreiheit gesehen habe, war, dass man am Anfang seiner wissenschaftlichen
- 10:13Karriere zeigt, dass man es kann, sozusagen. Und dann die Freiheit hat,
- 10:20komplett ohne Anträge schreiben zu müssen, ohne irgendwas machen zu müssen, sich
- 10:24konzentrieren kann auf die Entwicklung neuer Ideen. Das läuft jetzt nicht ganz
- 10:29so gut. Sie glauben, das gibt es nicht? Ja, das gibt es
- 10:32auch nicht. Und insofern ist dann immer die Frage, wie weit sind
- 10:35wir weg von diesem Idealbild? Und ich befürchte schon, dass wir in
- 10:39den letzten 30 Jahren uns weiter davon entfernt haben, als dahin gekommen
- 10:44sind. Also wenn wir weiter davon weg sind, es ist schon so,
- 10:46dass ein Professor in Deutschland sehr stark damit beschäftigt ist, irgendwelche Drittmittelanträge
- 10:51zu schreiben, wo andere darüber dann entscheiden, ob das jetzt gute Forschung
- 10:55ist oder nicht. Und nicht er selbst, also seine eigene Freiheit ist
- 10:57damit eindeutig eingeschränkt. Und ich glaube auch nicht, dass das produktiv ist.
- 11:01Auch diese ganze Exzellenzinitiative, wo dann irgendwie eine ganze Uni beschäftigt sich
- 11:06am Ende in der Weile damit, irgendeinen Antrag zu schreiben und versucht,
- 11:10irgendeine Kommission zu überzeugen. Eine Kommission ist nie eine gute Gruppe, um
- 11:15wirkliche Innovationen hervorzubringen. Es wird dabei ordentliche Forschung produziert, aber bestimmt nicht
- 11:21die brillante Idee. Also viele Anträge stellen, das raubt natürlich Zeit, aber
- 11:27ohne Geld, das hast du ja am Anfang gesagt, geht es eben
- 11:30auch nicht. So ist es. Und die öffentliche Forschungsförderung, die stagniert. Daraus
- 11:35entsteht eine zunehmende Abhängigkeit von kommerzieller privater Finanzierung. Und das führt dazu,
- 11:40dass Forschung stärker daran gemessen wird, wie rentabel sie ist. Und natürlich
- 11:44leben wir zusätzlich auch in einer Zeit, in der durch die wachsende
- 11:47politische Polarisierung und die Verbreitung von Desinformationen auch das öffentliche Vertrauen in
- 11:52die Wissenschaft nachlässt. Und das hat so in meiner Wahrnehmung ja gerade
- 11:56auch während der Corona-Pandemie so richtig Fahrt aufgenommen. Da sind dann
- 12:01plötzlich so Wissenschaftler, die ja sonst eher so im Stillen produzieren und
- 12:04arbeiten, plötzlich in die erste Reihe gerückt. Und ob das der Wissenschaft
- 12:08eher geholfen oder geschadet hat, auch darüber habe ich mit Reint Gropp gesprochen.
- 12:12Ich denke, es hat eher der Wissenschaft geschadet. Also die Medizinforschung, die
- 12:16wissenschaftliche Forschung der Medizin leidet darunter, dass jeder sich jetzt meint, eine
- 12:24Meinung bilden zu können über alles Mögliche. Insbesondere zum Beispiel Impfungen ist
- 12:28glaube ich eines der zentralen Themen, wo wir wirklich sehr weit zum
- 12:31Teil in der Bevölkerung sehr weit von der Realität weggekommen sind durch
- 12:34völligen Unsinn, den die Leute aber glauben. Und insofern glaube ich, ist
- 12:39das schlecht. Es war eine schlechte Zeit für die Wissenschaft. Woher kommt
- 12:43es eigentlich, dass wir heute zwischen Meinungen und Fakten nicht mehr so
- 12:46gut unterscheiden und das so auf eine Ebene stellen? Ich denke schon,
- 12:50dass es ein Ergebnis der sozialen Medien ist und da im Speziellen
- 12:53diese Algorithmen. Also es ist eben so, dass das unglaublich selbstverständlich ist.
- 12:56Also bei mir zum Beispiel, ich habe ein Video, was sich über
- 13:00Trump lustig macht, sehr typisch für mich, das like ich dann. Dann
- 13:04kriege ich 20 mehr Videos, die sich auch alle über Trump lustig
- 13:07machen. Plötzlich hat man das Gefühl, die ganze Welt lacht über Trump.
- 13:10Die Welt lacht über Trump. Und wie kann das überhaupt sein, dass keiner
- 13:12den wählt? Das ist doch völlig unmöglich, so eine lächerliche Figur. Und
- 13:16genauso ist es eben bei irgendeinem Unsinn. Also ich like ein Video,
- 13:19wo die Erde eine Scheibe ist, und dann kriege ich eine Million
- 13:22Videos, wo die Erde eine Scheibe ist. Und dann ist die Erde
- 13:25eben eine Scheibe, und alle denken, die Erde ist eine Scheibe. Und
- 13:28das ist der Unterschied zwischen einer Zeitung von früher oder einer Nachrichtensendung
- 13:32oder einer Radiosendung. Da war das nicht so. Das hat sich nicht
- 13:36so selbst verstärkt. Lassen Sie uns nochmal so ein bisschen auf ein
- 13:39anderes Feld gucken. Sie als Ökonom sind da, glaube ich, auch noch
- 13:42viel mehr zu Hause. In dieser G6-Erklärung, die ich schon angesprochen
- 13:45habe, steht auch, dass die Forschung zunehmend unter wirtschaftlichem Druck steht. Also
- 13:49dass eben sozusagen der Erkenntnisgewinn, der offene Erkenntnisgewinn, vielleicht gar nicht mehr
- 13:54so relevant ist, wie dass es sich auch wirtschaftlich lohnt. Teilen Sie
- 13:57diese Meinung? Eigentlich nicht. Ich denke, dass Europa, Deutschland eben in diesem
- 14:04Bereich der neuen Unternehmen, also die am Ende eine Idee oft aus
- 14:07der Uni nehmen und sie dann eben kommerzialisieren, dass dieser Übergang in
- 14:12Europa zu schwierig immer noch ist. Also nicht leicht genug. Also das
- 14:15Gegenteil, sozusagen. Das Gegenteil des Problems. Und wir alles dafür tun sollten,
- 14:19dass es besser wird, dass dieser Übergang besser wird, weil wir sonst
- 14:22eben immer weiter in diese Abhängigkeit von amerikanischen Technologieunternehmen kommen. Und ich
- 14:27glaube nicht, dass wir das wollen. Und das heißt, wir müssen es
- 14:29tatsächlich umgekehrt sehen. Also wir brauchen noch mehr von dieser Kommerzialisierung. Das
- 14:34heißt nicht, dass alle Forschungen unter der Kommerzialisierung stehen sollten. Ganz im
- 14:38Gegenteil. Es ist oft ja so, dass wir gar nicht so genau
- 14:40wissen, was dann hinterher Erfolg am Markt haben kann. Insofern ist das
- 14:44durchaus weiterhin ein Argument für die Wissenschaftsfreiheit. Aber wir sollten es nicht
- 14:48als negativ sehen, was wir in Deutschland manchmal so tun. Das ist
- 14:51so ein bisschen, wenn jemand das auch kommerzialisieren will, das ist gut.
- 14:56Also, weil sonst macht es nämlich jemand anders, und im Zweifel in
- 14:59Amerika. Und wir werden abhängig davon. Wenn wir schon in Amerika sind,
- 15:02das ist ja, wenn man so über politische Einflussnahme auf die Wissenschaftsfreiheit
- 15:06spricht, ist das ja gerade eigentlich ein guter Platz, um hinzuschauen. Also
- 15:09wir sehen da, dass die Trump-Administration Fördermittel kürzt, um da eben
- 15:13auch, ich sag mal, wirklich auch für Einschüchterung zu sorgen. Besonders im
- 15:17Fokus sind da eben natürlich auch so Diversitätsprogramme, weil es einfach eben
- 15:19nicht ins politische Programm passt. Wie nimmt man diese Maßnahmen hier in
- 15:24der Forschungslandschaft wahr? Ich glaube, es ist ein Risiko und eine Chance.
- 15:28Also beides. Erstens zeigt es, wie wenig in rechtlicher Rahmen einen wirklich
- 15:34schützt vor Politik oder vor dem Staat, wenn er denn übel will.
- 15:38Ich hätte niemals damit gerechnet, dass eine Uni wie Columbia da einen
- 15:42Kniefall vollführt vor der Bundesregierung. Hätte ich niemals für möglich gehalten. Und
- 15:47wenn man das übersetzt auf die deutsche Situation, wo man wirklich am
- 15:50Ende abhängig ist von staatlichen Geldern, sind dann nicht nur die DFG-
- 15:53Gelder, sondern es ist ja die Grundfinanzierung, die abhängig ist. Das ist
- 15:55bei Columbia ja nicht so. Da kann man sich nur Sorgen machen.
- 15:59Also auch eben, weil es eben diese Hemmschwelle so ein Stück weit
- 16:01zeigt. Das ist irgendwie in Amerika. Wenn es in Amerika okay ist,
- 16:05dann ist es ja wohl bei uns auch okay, könnte die AfD
- 16:08sagen. Und tatsächlich dann informell Einfluss nehmen in verschiedenerlei Hinsicht. Also das
- 16:12ist einerseits die Bedrohung, die daraus entsteht. Und das andere ist eben
- 16:16die Chance, dass wir im Moment noch sagen können: Ja, aber bei
- 16:19uns ist das besser. Bei uns ist nicht jemand, der kommt und
- 16:23euch das Geld wegnimmt. Und deswegen kommt hierher. Und das versuchen wir
- 16:26auch. Aber in meinen Augen fühlt es sich halbherzig an. Dieses „kommt hierher“
- 16:30geht ja aber auch nicht nur mit so Wissenschaftsfreiheit nach Hause. Also
- 16:33wir haben jetzt schon, wenn man sich Befragungen anschaut, dann sagen sowohl
- 16:37Forschende als auch Studierende, dass sie mit Anfeindungen, also wenn sie von
- 16:41woanders herkommen, dass sie mit Anfeindungen konfrontiert sind und manchmal eben auch
- 16:45mit Diskriminierung. Ist denn Deutschland unter diesem Aspekt als Wissenschaftsstandort überhaupt attraktiv
- 16:50für Menschen im internationalen Kontext? Bis jetzt schon. Also wie gesagt, wir
- 16:55haben 14 Nationalitäten am Institut. Und bis jetzt hatten wir wenig Diskussionen
- 17:00darüber, ob das irgendwie jetzt ein schlechter Standort ist für Internationalität. Ich
- 17:05kann jetzt allerdings sagen, dass natürlich eine absolute Mehrheit der AfD mit
- 17:09einer entsprechenden Veränderung des Klimas ist gar nicht so sehr, dass sie
- 17:12jetzt da konkret, sie haben ja nicht unbedingt was gegen einen Wissenschaftler
- 17:16bei uns, der relativ viel Geld verdient und gut ausgebildet ist. Behaupten
- 17:19sie jedenfalls. Den wollen sie ja sogar haben. Plus, der sieht im
- 17:22Zweifel auch anders aus als ein blauäugiger Deutscher. Der blauäugiger Deutscher läuft
- 17:25auf der Straße rum und wird angefeindet, weil von der AfD die
- 17:29Leute sich ermächtigt fühlen, gegen Ausländer zu pöbeln. Und es
- 17:34ist schon jetzt so, und das ist bevor die AfD die Wahlen
- 17:38gewonnen hat, dass ich von Ausländern bei uns am Institut gehört habe,
- 17:42dass sie, wenn sie die Polizei sehen, dass sie den Umweg machen,
- 17:46weil sie oft von der Polizei angehalten werden, nach irgendwelchen Papieren gefragt
- 17:52werden, auch Deutsch sprechen im Zweifel, aber gar kein Deutsch, und sie
- 17:56sich wirklich bedroht fühlen von der Polizei. Und das ist schon jetzt
- 17:59so. Sie gehören ja zu einer relativ großen Forschungsgemeinschaft. Wie geht man
- 18:04denn mit diesem Klima um? Denn es betrifft ja ganz viele von
- 18:07Ihren Beschäftigten. Wie das so ist in Deutschland, wir diskutieren, wir machen
- 18:11eine Arbeitsgruppe, wir machen Empfehlungen, aber wir machen ziemlich wenig. Also ich
- 18:16bin auch, was das Thema Wissenschaftsfreiheit angeht, nicht wirklich glücklich über die
- 18:21Nachdrücklichkeit, mit der die Leibniz-Gemeinschaft, es gibt ja 93 Institute, ich
- 18:26weiß nicht, wie viele Milliarden Euro, mit wie viel wenig Nachdrücklichkeit die
- 18:30Leibniz-Gemeinschaft dafür eintritt. Aber auch die Gemeinschaft der Wissenschaftsinstitute, Wissenschaftseinrichtungen, also
- 18:37Hochschulen und Fraunhofer und so weiter, Max Planck, das ist natürlich ein
- 18:41wahnsinniges Gewicht. Und ich wundere mich ein bisschen darüber, dass ich da
- 18:45so wenig höre. Also ich hätte da gerne jetzt gehört: Wissenschaftsfreiheit, Ausländerfreundlichkeit,
- 18:52Willkommenskultur, diese wirklich wichtigen Themen für uns alle, dass die angesprochen werden.
- 18:56Ich denke, wir könnten das mehr tun, als wir es tun.
- 19:00Aber im Großen und Ganzen klingt es eben schon so ein bisschen,
- 19:03als gäbe es da eben doch diese Abhängigkeit: So beiß nicht in
- 19:06die Hand, die dich füttert. Das Geld her, aber es ist schon
- 19:10so. Okay, das sind klare Worte, aber das ist natürlich schon krass.
- 19:23Denn wenn jetzt alle Hochschulen und alle Forschungsinstitute zusammen klare Stellung beziehen,
- 19:28würden, dann hätte das ja eine ziemliche Wirkmacht. Ja, sehe ich ganz
- 19:32genau so. Bei der Podiumsdiskussion war auch der Politologe Lars Lott, der
- 19:35auch am Academic Freedom Index mitarbeitet. Und der hat bei der Veranstaltung
- 19:39in der Leopoldina Folgendes gesagt: Ich glaube, dass drei Ebenen von Solidarität
- 19:44wichtig sind klarzuziehen. Erstens eine Solidarität zwischen den Institutionen, also zwischen Universitäten
- 19:51und Forschungseinrichtungen und auch zwischen Universitäten innerhalb eines Landes. Was wir in
- 19:55den USA gesehen haben, ist, es wurden einzelne Universitäten angegriffen, alle anderen
- 19:59haben erstmal die Füße stillgehalten. Das sollte man, glaube ich, dringend vermeiden,
- 20:02weil das dazu führt, dass die Widerstandskraft der Universitäten als Kollektivorgan geringer
- 20:08wird. Die zweite Ebene der Solidarität ist die Ebene zwischen den Fächern.
- 20:12Wir Forschende neigen vielleicht dazu, auch da erstmal die Füße stillzuhalten, wenn
- 20:16es die Gender Studies oder die Klimawissenschaft betrifft, aber uns als Physiker
- 20:21oder als Politikwissenschaftler nicht. Und das ist ein Funktionsverständnis von Wissenschaftsfreiheit, das
- 20:26nicht ein Solidaritätsprinzip zugute tut. Und die dritte Ebene ist, glaube ich,
- 20:31die Solidarität zwischen den verschiedenen Statusgruppen an der Universität. Professorinnen und Professoren,
- 20:36die in einem Beamtenverhältnis auf Lebenszeit besetzt sind, werden durch die AfD
- 20:39Landesregierung vermutlich nicht systematisch eingeschränkt werden können in ihrer Wissenschaftsfreiheit. Diejenigen, die
- 20:47auf befristeten Stellen sitzen, dagegen schon, indem deren Finanzierung ausläuft. Das heißt,
- 20:52glaube ich, Solidarität zwischen den verschiedenen Statusgruppen ist dringend notwendig, wenn wir
- 20:56uns darüber Gedanken machen, wie wir das Wissenschaftssystem resilienter machen. Damit sind
- 21:00wir jetzt eigentlich schon mittendrin in einem Thema, was bislang nur zwischen
- 21:05den Zeilen mitgeschwungen ist: Die Wahlen im September und das, was die
- 21:08AfD zum Thema Wissenschaft in ihr Wahlprogramm geschrieben hat. Genau, die AfD
- 21:12in Sachsen-Anhalt hat sich ja auf die Fahne geschrieben, die Wissenschaft
- 21:15umzubauen. Das will man unter anderem machen, indem man wieder auf klassische
- 21:20Diplom- und Magisterabschlüsse umstellt, Gender Studies und andere Fächer abschafft, Hochschulen
- 21:25hierarchischer organisiert und das Mitspracherecht von Studierenden einschränkt und natürlich Forschung und
- 21:30Lehre stärker politisch kontrolliert. Ich wollte mit Reint Gropp da auch noch
- 21:34mal über ein paar konkrete Punkte sprechen. Und angefangen haben wir mit
- 21:37dem Bologna-System, also den Bachelor- und Masterstudiengängen. Die will die
- 21:41AfD, wie gesagt, wieder abschaffen. Und dazu hat Reint Gropp eine ziemlich
- 21:44klare Meinung. Das ist einfach Quatsch. Also das ist sehr gut, international
- 21:48vergleichbare Abschlüsse zu haben. Das ist wirklich gut. Und eine der Riesenfortschritte,
- 21:52dass ich mit meinem Bachelor überall auf der Welt aufklaren kann. Nur
- 21:55die Leute verstehen, was es ist und können es vergleichen. Und ich
- 21:59kann einen Job finden oder ich kann einen Master machen und so
- 22:02weiter. Eine Riesenfortschritte. Das wäre völliger Unsinn, das abzuschaffen. Vor allem, wenn
- 22:06man es jetzt mal umdreht. Wir laufen ja oft Zeiten zu, wo
- 22:09wir Menschen von außen brauchen. Da machen ja die Abschlüsse auch andersrum
- 22:12Sinn, dass die Leute hier wissen, mit was wir im Studiennachschluss kommen.
- 22:15Wir kommen dann eben auch mit einem Bachelor. Und gut, das ist
- 22:17gut. Das kann man irgendwo einordnen, was es ist. Was ja schon
- 22:20auch sehr explizit drin steht, sowas wie Gender Studies ist Quatsch. Das 00:22:23.000 --> 00:22:26.000 Schaffen wir jetzt ab, und Frauenquoten schaffen wir auch ab. Was heißt
- 22:26das für den Nachwuchs in der Wissenschaft? Gender Studies, das sind unglaublich
- 22:30kleine Bereiche. Das ist eine Show. Ich würde das als Show bezeichnen.
- 22:34Übrigens kann die AfD das auch gar nicht machen. Die kann da
- 22:37gar nicht jetzt der Uni sagen, ihr müsst das abschaffen. Das kann
- 22:40ich mir nicht vorstellen. Also das glaube ich nicht. Die Frauenquote, wie
- 22:43gesagt, halte ich für tatsächlich etwas, was wichtig ist. Wenn ich
- 22:46in Finance rekrutiere, ist es so, dass ich nicht so unglücklich bin
- 22:50über eine Frauenquote. Weil da sollte es mehr Frauen geben. Frauen investieren
- 22:54anders, zum Beispiel. Wir haben ein anderes Verhältnis zu Finance. Solche Leute
- 22:58brauchen wir aber auch in der Forschung. Und da ist eine Frauenquote
- 23:00sinnvoll. Die sollte man nicht abschaffen. Wir haben aus dem Umfeld bei
- 23:04uns von Professorinnen gehört, die hier zum Beispiel nach Halle eigentlich berufen
- 23:07werden sollten, die jetzt so vor der Wahl noch große Fragezeichen haben:
- 23:11Mache ich das jetzt? Also gerade wenn ich in solchen sozialen Bereichen
- 23:14unterwegs bin, sind das Geschichten, die Sie auch aus Ihrem Umfeld wahrnehmen.
- 23:17Also bis jetzt haben wir keine Probleme. Aber ich denke wirklich, dass
- 23:20wenn es wirklich so kommt, also wenn allein das Wahlergebnis selbst, jetzt
- 23:26unabhängig davon, wie die Regierung dann wirklich gebildet wird, das Wahlergebnis selbst
- 23:30könnte schon was auslösen. Das könnte übrigens auch was auslösen bei Deutschen
- 23:34aus anderen Teilen Deutschlands. Also es geht da nicht nur darum, dass
- 23:38wir möglicherweise Schwierigkeiten haben, Ausländer einzustellen, sondern wir haben sogar Schwierigkeiten, Leute
- 23:42aus Köln einzustellen, weil die sagen, da will ich nicht wohnen. Ja,
- 23:46mal fernab, sozusagen, von diesem Nachwuchsthema, Rekrutierungsthema. Was würde es denn noch
- 23:51für die Wissenschaftsfreiheit bedeuten, wenn die AfD tatsächlich die Regierungsmacht in Sachsen
- 23:55Anhalt bekommt? Also ich glaube schon wirklich, dass das Klima der Ausländerfeindlichkeit
- 23:58das größte Problem ist. Klimageschichten sind natürlich ein Thema, also Klimaforschung. Das
- 24:04ist natürlich jetzt nicht ein, zwei Professoren, sondern das ist ein unglaublich
- 24:07wichtiger Teil der Forschung, die die Unis machen. Und das hätte garantiert
- 24:12negative Konsequenzen. In welcher Form, muss man sehen. Aber ich glaube wirklich,
- 24:16dass das ein Problem ist, und wir brauchen mehr Klimaforschung und nicht
- 24:19weniger Klimaforschung. Übrigens, wir brauchen auch gerade deswegen mehr Klimaforschung, weil die
- 24:23Amerikaner weniger Klimaforschung machen. Das wäre sicherlich die größten Auswirkungen, wo es
- 24:28auch wirklich, weil wir Erkenntnisse brauchen. Das Rezept der AfD, das einfach
- 24:32zu leugnen, ist ja überhaupt keine Antwort. Also wir müssen verstehen, wie
- 24:36die Zusammenhänge sind. Das könnte ja auch Sie, ich sage mal ganz
- 24:40persönlich, treffen. Dann sitzt dann so ein AfD-Wissenschaftsminister bei Ihnen im
- 24:44Aufsichtsrat. Was bedeutet das für so ein Institut und für Sie? Weiß
- 24:48ich nicht. Wir haben es ja noch nicht. Im Moment haben wir
- 24:51einen sehr vernünftigen Wissenschaftsminister, der da sitzt. Aber wie viel Einfluss hätte
- 24:55der dann tatsächlich im Aufsichtsrat? Das geht so nicht, was bestimmte Themen
- 24:58angeht. Zum Beispiel meine Ernennung könnte er, also alle fünf Jahre, da
- 25:02gibt es nicht jederzeit, aber wenn ich wieder zur Erneuerung anstehe, zur
- 25:06Verlängerung anstehe, dann könnte er das mit dem Veto. Das könnte schon
- 25:12verhindert werden. Er könnte versuchen, Einfluss zu nehmen auf das, was wir
- 25:15forschen. Das ist aber nicht so einfach. Wir haben einfach keine Erfahrungswerte.
- 25:20Die AfD hat ja noch keine Landtagswahl gewonnen, und ich hoffe auch,
- 25:22dass sie sagt, dass nicht der Präsident wird dafür. Aber wird man
- 25:26da trotzdem so ein bisschen vorsichtiger mit den Dingen, die man vielleicht
- 25:30auch öffentlich sagt? Oder ist das nicht reingekommen? Das ist so erschreckend.
- 25:34Natürlich wird man das. Ich meine, ich weiß nicht, ob Sie es
- 25:37gesehen haben, das Spiegelinterview war relativ groß. Zwei Seiten im Spiegel, und
- 25:41da habe ich schon gedacht, die lesen das jetzt alle. Und sage
- 25:46ich jetzt was? Was sage ich denn jetzt? Es geht ja nicht
- 25:49nur um mich persönlich. Ich persönlich schon okay, aber ich habe 120
- 25:54Mitarbeiter und eine gewisse Verantwortung. Ich habe trotzdem das gesagt, was ich
- 25:58für richtig halte. Aber ich habe überhaupt drüber nachgedacht. Und das allein
- 26:02finde ich schon ganz furchtbar erschreckend. Wir haben noch ein bisschen Zeit
- 26:05bis zur Wahl. Was können Politik, Medien, Wissenschaft und Wirtschaft jetzt machen, damit
- 26:13vielleicht das Schlimmste verhindert wird? Es geht ja nicht um viele Prozentpunkte
- 26:16hier. Also ich glaube, er erwartet keiner, dass die AfD unter 20
- 26:19Prozent kommt. Also das wird nicht passieren. Aber dass eben doch noch
- 26:22eine andere Mehrheit da bleibt, daran arbeiten, glaube ich, viele im Land,
- 26:29auch ich. Und am Ende hilft natürlich auch eine gute Politik. Und
- 26:32der Bund würde uns wirklich helfen, wenn der Bund endlich mal viele
- 26:35Sachen in Gang setzen würde, die man eigentlich von März erwartet hatte.
- 26:39Ich glaube, das würde vielleicht sogar am meisten helfen. Das hat gar
- 26:42nichts mit dem Land zu tun. Und die Wissenschafts-Community? Naja, wir
- 26:46können immer wieder argumentieren. Wie oft ich jetzt gebracht wurde zum AfD-
- 26:49Parteiprogramm, da sage ich immer, und das ist vollkommen unideologisch, dass ich
- 26:54die Migrationspolitik nicht gut finde. Die Rentenpolitik ist völlig unrealistisch. Die Wissenschaftspolitik
- 27:01ist, naja, was haben wir noch? Die Steuerpolitik ist auch völlig Quatsch.
- 27:06Also das geht nicht. Das ist nicht zu machen. Das ist nicht
- 27:08zu finanzieren und so weiter. Das ist einfach rein sachlich. Und das
- 27:12ist meine Rolle, wie ich das sehe. Und das versuche ich zu
- 27:15tun, so oft ich gefragt werde. Und das werde ich tatsächlich ziemlich
- 27:17oft. Also erzähle ich das eben jedes Mal. Das Programm wird diese
- 27:21Probleme in Sachsen-Anhalt verschlimmern, nicht verbessern. Letzte Frage: Bei all diesen
- 27:26Konflikten, über die wir gerade gesprochen haben, was macht Ihnen persönlich Hoffnung?
- 27:30Ich bin ziemlich stolz auf dieses Institut, was wir da haben. Das
- 27:32hat sich auch sehr stark verändert in den letzten zehn Jahren. Ich
- 27:35glaube, wir sind wirklich führend in Deutschland in vielen Bereichen, zusammen mit
- 27:39sehr guten Unis. Und das werden wir uns nicht so leicht wegnehmen
- 27:43lassen. Also da muss schon was kommen. Das kriegen wir schon irgendwie
- 27:47hin. Also Optimismus finde ich ja super, aber ich finde das trotzdem
- 27:52schon bedrohlich, was da gerade passiert. Wir sehen in den USA, wie
- 27:56schnell die Wissenschaftsfreiheit eingeschränkt werden kann. Und auch wenn die Wissenschaftsfreiheit bei
- 28:01uns in Artikel 5 des Grundgesetzes festgehalten ist, auch hier sind die
- 28:05Hochschulen und Forschungsinstitute finanziell abhängig von Land und Bund. Und wenn dann
- 28:10an einem Bundesland eine Partei ankündigt, diese Forschungslandschaft, die Universitäten, radikal umbauen
- 28:17zu wollen, ist das besorgniserregend. Finde ich auch, zumal es ja nicht
- 28:21nur um die direkte Wissenschaftspolitik geht. Die Forschung ist ja enorm abhängig
- 28:25von internationalem Austausch, von Fachkräften aus dem Ausland, Zusammenarbeit. Und auch diese
- 28:30Dinge werden ja durch eine AfD-Regierung enorm eingeschränkt. Und wir brauchen
- 28:34die Wissenschaft nicht nur für die Demokratie, sondern auch für unsere Wirtschaft,
- 28:38denn dort entstehen innovative Ideen und Entwicklungen. Deswegen hat die Präsidentin der
- 28:43Leopoldina, Bettina Rockenbach, zum Schluss bei der Veranstaltung in der Leopoldina Folgendes
- 28:48gesagt: Wir haben die Probleme in unserer Gesellschaft mit Überalterung und so
- 28:53weiter und so weiter. Und wir müssen sehen, wo wir unsere Innovationskraft
- 28:57herbekommen. Und die bekommen wir aus der Wissenschaft und nicht aus einer
- 29:01Wissenschaft, wo die Politik uns sagt, das und das müsst ihr machen.
- 29:06Deshalb ist es für uns als Wissenschaft wichtig, dass wir da nicht
- 29:09nur in einem geschlossenen Zirkel unter uns drüber reden, sondern dass irgendwann
- 29:14auch mal die Gesellschaft und die Industrie aufsteht und sagt, wir brauchen
- 29:18das, damit wir einfach unsere Lebensgrundlage, unser Wachstum, unsere Innovation in den
- 29:24nächsten Jahren kriegen. Ein Appell also an die Gesellschaft und vor allem
- 29:34auch an die Wirtschaft. Und das leitet ja auch ganz gut über
- 29:38zu unserer nächsten Folge. Bevor wir euch dazu aber mehr verraten, haben
- 29:41wir wie immer noch einen Tipp für euch. Und der kommt heute
- 29:45passenderweise von Stephan Pfister, Vorstand des bundesweiten Netzwerks Wissenschaft für die Demokratie.
- 29:51Wir machen uns als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stark für Austausch. Im August
- 29:562026 starten wir unsere Tour durch Sachsen-Anhalt mit der Frage, was
- 30:01stimmt hier eigentlich? Gemeinsam nehmen wir Mythen und Halbwahrheiten aus Medizin, Gesellschaften
- 30:06und Alltag unter die Lupe. Wer steckt dahinter? Warum glauben Menschen manchmal
- 30:11etwas anderes, als die Wissenschaft sagt? Und warum fällt es oft schwer,
- 30:15Forschung zu vertrauen? Wir hören zu, diskutieren und suchen gemeinsam nach Antworten.
- 30:21Erste Stationen sind Könnern am 17. August, Kalbe am 18. August, Halle
- 30:27am 19. August und Wittenberg am 20. August. Zahlreiche weitere Termine kommen
- 30:33noch dazu. Wir laden alle Dazwischenhörerinnen und Hörer herzlich ein. Kommt vorbei,
- 30:39bringt eure Fragen und eure Freunde mit und diskutiert mit uns. Wir
- 30:42freuen uns auf euch. Mehr Infos und alle aktuellen Termine findet ihr
- 30:47auch auf wissenschaft-fuer-demokratie.de. Und wenn ihr noch mehr Veranstaltungstipps,
- 30:52Lieblingsorte oder Heldinnen und Helden des Alltags habt, dann gerne her damit.
- 30:57Schickt uns einfach eine Mail an dazwischen@detektor.fm. In der
- 31:02nächsten Woche beschäftigen wir uns dann, wie schon angedeutet, mit dem Thema
- 31:05Wirtschaft. Im bevorstehenden Landtagswahlkampf wird es eines der entscheidenden Themen werden. Während
- 31:12die AfD in den Umfragen hohe Zustimmung erhält, warnen Wirtschaftsexperten wie Marcel
- 31:17Fratscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, vehement vor ihrer Wahl. Wir
- 31:22wollen uns anschauen, wie steht es wirklich um die Wirtschaft in Sachsen
- 31:26Anhalt? Ist alles so düster, wie es derzeit gezeichnet wird? Und was
- 31:30würde ein AfD-Sieg für Unternehmen in diesem Bundesland wirklich bedeuten? Das
- 31:35klingt auf jeden Fall spannend. Auf jeden Fall. Ich freue mich drauf.
- 31:38Bis nächste Woche. Dieser Podcast ist eine Kooperation von detektor.fm und
- 31:48dem Media Forward Fund. Podcast Hosts: Marie Landes und Katja Schmidt. Community
- 31:54Redakteurin: Anne Koslowski-Aknaik Podcast Redaktion: Leonard Schubert. Cover Design: Claudia Dölling
- 32:01und Anja Krämer von Sisters of Design. Originalmusik: Florian Sievers. Audioproduktion: Benjamin
- 32:08Serdani, Stanley Baldauf und Tim Schmutzler. Projektleitung: Christian Bollert.