Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 3 - 265-275
Transcript
- 0:00Unterkapitel 265 letzte Skepsis Nietzsche stellt hier eine
- 0:07radikal skeptische Frage. Was sind denn zuletzt die
- 0:10Wahrheiten des Menschen? Seine Antwort ist ebenso
- 0:13radikal. Es sind die unwiderlegbaren
- 0:16Irrtümer des Menschen, was er damit meint, ist, dass die
- 0:20fundamentalsten Wahrheiten, auf denen unser gesamtes Denken und
- 0:23Leben aufbaut, wie zum Beispiel die Gesetze der Logik.
- 0:26Die Vorstellung von Ursache und Wirkung oder das Konzept eines
- 0:30beständigen ich in einem absoluten Sinne, nicht wahr
- 0:33sind, sie sind eigentlich Vereinfachungen oder Irrtümer,
- 0:38aber diese Irrtümer sind für uns unwiderlegbar, weil wir ohne sie
- 0:42nicht leben, nicht denken und nicht überleben könnten.
- 0:47Sie sind zu einer Bedingung unserer Existenz geworden,
- 0:50unsere tiefsten Wahrheiten sind also nicht Abbilder der
- 0:52Realität, sondern lebensnotwendige Fiktionen.
- 0:57Unterkapitel 266 wo Grausamkeit Not tut dieses Kapitel handelt
- 1:05von der notwendigen Härte, die Größe erfordert.
- 1:08Nietzsche schreibt, Wer Größe hat, ist grausam gegen seine
- 1:11Tugenden und Erwägungen zweiten Ranges, das bedeutet, dass ein
- 1:16Mensch, der ein wirklich großes Ziel verfolgt, rücksichtslos
- 1:20sein muss, nicht nur gegenüber anderen, sondern auch gegenüber
- 1:24sich selbst. Er muss bereit sein, seine
- 1:26eigenen guten Eigenschaften, seine Tugenden und kleinere,
- 1:30weniger wichtige Bedenken zu opfern, wenn sie seinem
- 1:33Hauptziel im Weg stehen. Größe verlangt die Fähigkeit,
- 1:37das Gute für das bessere zu opfern, man muss grausam genug
- 1:41sein, sich nicht von zweitrangigen Überlegungen
- 1:43ablenken oder aufhalten zu lassen.
- 1:47Unterkapitel 267 mit einem großen Ziele.
- 1:54Hier spitzt Nietzsche den Gedanken aus dem vorherigen
- 1:56Kapitel weiter zu. Er sagt, mit einem großen Ziele
- 2:00ist man sogar der Gerechtigkeit überlegen, nicht nur seinen
- 2:03Taten und seinen Richtern, wenn jemand von einem überragenden,
- 2:08schöpferischen und lebensbejahenden Ziel
- 2:10angetrieben wird, dann bewegt er sich außerhalb der herkömmlichen
- 2:13Maßstäbe von Gerechtigkeit. Ein solches Ziel schafft seine
- 2:18eigene neue Rechtfertigung, die von gewöhnlichen Richtern oder
- 2:21moralischen Regeln nicht mehr beurteilt werden kann.
- 2:25Die Größe des Ziels stellt den Handelnden und seine Taten
- 2:28jenseits der konventionellen Moral.
- 2:31Er wird nicht mehr von der bestehenden Gerechtigkeit
- 2:34gerichtet, sondern schafft durch sein Handeln eine neue Form von
- 2:37recht, Unterkapitel, 268 was macht heroisch?
- 2:45Nietzsche gibt eine sehr knappe und poetische Definition des
- 2:48heroischen, zugleich seinem höchsten leide und seiner
- 2:51höchsten Hoffnung entgegengehen. Heroisch zu sein, bedeutet für
- 2:56ihn, sich im selben Moment der größten denkbaren Gefahr oder
- 2:59dem größten Schmerz auszusetzen und gleichzeitig die größte
- 3:03Hoffnung oder das höchste Ziel zu verfolgen.
- 3:06Der Held ist derjenige, der diese extreme Spannung aushält,
- 3:09die Konfrontation mit dem Abgrund und den Blick auf den
- 3:11Gipfel zur gleichen Zeit. Es ist die Fähigkeit, das größte
- 3:16Leid als notwendigen Teil des Weges zur größten Erfüllung zu
- 3:19akzeptieren und diesem Weg furchtlos zu folgen.
- 3:24Unterkapitel 269 woran glaubst du, die Antwort auf diese Frage
- 3:32ist der Kern von Nietzsches philosophischem Projekt, daran,
- 3:36dass die Gewichte aller Dinge neu bestimmt werden müssen.
- 3:40Sein Glaube ist also kein Glaube an eine bestimmte Wahrheit oder
- 3:43einen Gott, sondern der Glaube an die Notwendigkeit einer
- 3:46radikalen Neubewertung. Alle Werte, nach denen die
- 3:50Menschen bisher gelebt haben, die moralischen, religiösen und
- 3:53philosophischen, müssen auf die Waage gelegt und neu gewogen
- 3:56werden. Dieser Prozess wird von ihm auch
- 4:00Umwertung aller Werte genannt, er glaubt daran, dass die
- 4:04Menschheit eine neue, frischere und lebensbejahendere Art finden
- 4:07muss, um zu bestimmen. Was gut, was schlecht, was
- 4:11wichtig und was unwichtig ist. Unterkapitel 270 was sagt dein
- 4:18Gewissen? Nietzsches Antwort auf diese
- 4:22Frage ist einer seiner berühmtesten und meistzitierten
- 4:25Sätze. Du sollst der werden, der du
- 4:28bist. Er kehrt hier die übliche
- 4:30Vorstellung vom Gewissen um, das Gewissen ist für ihn keine
- 4:34innere Stimme, die uns sagt, was wir tun oder lassen sollen.
- 4:38Um externen Regeln oder geboten zu entsprechen.
- 4:42Stattdessen ist der tiefste und wahrste Befehl des Gewissens das
- 4:45eigene einzigartige Potential vollständig zu entfalten.
- 4:50Es ist eine Aufforderung zur Selbstverwirklichung und zur
- 4:53Authentizität, man soll nicht versuchen, jemand anderes zu
- 4:57sein oder einer fremden Norm zu folgen, sondern die Person
- 5:01werden, die man in seinem Innersten bereits angelegt ist.
- 5:05Unterkapitel 271 Wo liegen deine größten Gefahren?
- 5:12Nietzsches Antwort auf diese Frage ist kurz und für viele
- 5:15überraschend im Mitleiden, er sieht im Mitleid eine große
- 5:19Gefahr, Mitleid ist für ihn nicht die positive Eigenschaft,
- 5:23für die es oft gehalten wird, er glaubt, dass Mitleid schwächt,
- 5:28es zieht den Mitleidenden auf das Niveau des Leidenden herab
- 5:31und hindert beide daran, das Leiden zu überwinden.
- 5:34Mitleid konserviert das Leid anstatt die Kraft zur
- 5:37Überwindung zu fördern. Es ist für Nietzsche ein
- 5:40Ausdruck von Schwäche und eine dekadente, lebensverneinende
- 5:44Emotion. Er stellt dem Mitleid später die
- 5:47Mitfreude gegenüber, die Fähigkeit, sich mit anderen zu
- 5:50freuen, Unterkapitel 272 was liebst du an anderen?
- 5:59Die Antwort auf diese Frage offenbart Nietzsches
- 6:01zukunftsorientierte und idealistische Sicht auf den
- 6:04Menschen. Meine Hoffnungen, er liebt an
- 6:08anderen Menschen nicht primär das, was sie im hier und jetzt
- 6:11sind, stattdessen liebt er ihr Potential, ihre Möglichkeiten
- 6:16und die Hoffnung darauf, was aus ihnen werden könnte.
- 6:19Er sieht in anderen eine Art Projektionsfläche für seine
- 6:22eigenen Hoffnungen auf einen höheren, stärkeren und schöneren
- 6:26Menschentypus. Seine Liebe richtet sich also
- 6:29weniger auf die gegenwärtige Realität einer Person als
- 6:33vielmehr auf die Zukunft, die er in ihr angelegt sieht.
- 6:37Unterkapitel 273 wen nennst du schlecht?
- 6:44Nietzsches Definition von schlecht ist hier nicht
- 6:47moralisch, sondern psychologisch den, der immer beschämen will,
- 6:52eine schlechte Person ist für ihn nicht jemand, der bestimmte
- 6:55Regeln bricht. Schlecht ist jemand, dessen
- 6:58Absicht es ist, andere Menschen herabzusetzen, ihnen ein Gefühl
- 7:02der Scham zu geben und sie klein zu machen.
- 7:05Es ist eine Handlung, die aus einem Willen zur Macht über
- 7:08andere entsteht, indem man deren Selbstwertgefühl zerstört, das
- 7:13ist für Nietzsche der Kern dessen, was er als schlecht
- 7:16bezeichnet. Unterkapitel 274 Was ist dir das
- 7:22Menschlichste, passend zum vorherigen Kapitel?
- 7:26Definiert Nietzsche hier das Menschlichste als das genaue
- 7:29Gegenteil? Jemandem Scham ersparen, die
- 7:33höchste Form von Menschlichkeit und Anstand besteht für ihn
- 7:35darin, die würde eines anderen Menschen zu wahren.
- 7:39Es ist eine Tat der Güte, jemanden davor zu bewahren,
- 7:42öffentlich oder privat beschämt zu werden, es zeigt Respekt vor
- 7:46der Verletzlichkeit des anderen und ist ein Ausdruck von wahrer
- 7:49Stärke, die nicht darauf angewiesen ist, andere zu
- 7:53erniedrigen. Unterkapitel. 275 was ist das
- 7:59Siegel der erreichten Freiheit? Dieses letzte Kapitel der Reihe
- 8:04gibt eine prägnante Definition von wahrer Innerer Freiheit,
- 8:08sich nicht mehr vor sich selber schämen, die höchste Stufe der
- 8:12Freiheit ist für Nietzsche dann erreicht, wenn ein Mensch sich
- 8:15selbst mit all seinen Fehlern, schwächen, Widersprüchen und
- 8:19seiner gesamten Vergangenheit annehmen kann, ohne dafür Scham
- 8:22zu empfinden. Es ist der Zustand der
- 8:25vollständigen Selbstakzeptanz und der Bejahung des eigenen
- 8:28Lebens, so wie es war und ist. Wer diesen Punkt erreicht hat,
- 8:33ist nicht mehr von der Meinung anderer oder von
- 8:35selbstkritischen Zweifeln abhängig.
- 8:38Er ist wahrhaft frei.