Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Viertes Hauptstück - 222-223
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- 0:00Unterkapitel 222 was von der Kunst übrig bleibt in diesem
- 0:06Abschnitt beschäftigt sich Friedrich Nietzsche mit der
- 0:08Frage, welchen Wert die Kunst noch haben kann, wenn man die
- 0:11Welt nicht mehr durch eine mystische oder religiöse Brille
- 0:14betrachtet, sondern durch die Brille der Wissenschaft und der
- 0:17Vernunft. Nietzsche beginnt mit einem
- 0:20Gedankenexperiment, er sagt, es stimmt, die Kunst hätte einen
- 0:24viel höheren Wert, wenn bestimmte metaphysische Annahmen
- 0:27wahr wären. Metaphysische Annahmen sind
- 0:30Vorstellungen über Dinge, die über unsere natürliche,
- 0:33sichtbare Welt hinausgehen, wie zum Beispiel der Glaube an eine
- 0:36unsterbliche Seele oder einen Gott.
- 0:39Wenn wir zum Beispiel glauben würden, dass der Charakter eines
- 0:41Menschen fest und unveränderlich ist und dass sich das verborgene
- 0:44Wesen der Welt in unseren Handlungen zeigt, dann wäre das
- 0:47Kunstwerk extrem wichtig. Das Kunstwerk wäre dann das
- 0:50perfekte Abbild dieses ewig gleichbleibenden Wesens.
- 0:54Aber Nietzsche sagt auch, dass die Kunst in unserer normalen
- 0:57Welt, in der sich alles verändert, nur für eine kurze
- 1:00Zeit gültig ist. Denn der Mensch entwickelt sich
- 1:03ständig weiter und es gibt keinen festen, ewigen Charakter.
- 1:08Nietzsche führt ein weiteres Beispiel an, wenn wir annehmen
- 1:12würden, dass unsere sichtbare Welt nur eine Täuschung oder
- 1:15eine bloße Erscheinung ist, so wie es viele Philosophen, die
- 1:18sogenannten Metaphysiker, behaupten, dann käme die Kunst
- 1:22der der wirklichen Wahrheit sehr nahe.
- 1:25Denn die Kunst schafft Traumwelten und Abbilder, die
- 1:27der Welt der Erscheinungen sehr ähnlich sind.
- 1:31Wenn die Welt nur ein Schein wäre, dann wäre die Kunst, die
- 1:34diesen Schein darstellt und ordnet, wichtiger als die
- 1:36Naturwissenschaft, die nur die rohe Materie untersucht.
- 1:40Doch Nietzsche stellt klar, all diese Voraussetzungen sind
- 1:44falsch, es gibt keine unveränderlichen Charaktere und
- 1:47keine metaphysische Hinterwelt, die wichtiger ist als unsere
- 1:50Realität. Was bleibt also von der Kunst
- 1:53übrig, wenn wir diese alten Glaubenssätze ablegen?
- 1:57Nietzsche gibt darauf eine positive Antwort, die Kunst hat
- 2:00uns über Jahrtausende hinweg etwas sehr Wichtiges gelehrt,
- 2:04sie hat uns beigebracht, das Leben in all seinen Formen mit
- 2:06Interesse und Freude zu betrachten, sie hat unsere
- 2:10Gefühle so weit geschult, dass wir irgendwann sagen können, wie
- 2:13auch immer das Leben ist, es ist gut, die Kunst hat uns gelehrt,
- 2:18Lust am Dasein zu haben. Sie hat uns beigebracht, das
- 2:21menschliche Leben wie ein Stück Natur anzusehen, das sich nach
- 2:24bestimmten Gesetzen entwickelt, ohne dass wir uns dabei von zu
- 2:28heftigen Gefühlen überwältigen lassen müssen.
- 2:31Diese Lehre der Kunst ist mittlerweile fest in uns
- 2:33verwachsen Nietzsche erklärt weiter, dass dieses Bedürfnis,
- 2:37das Leben genau zu betrachten und zu verstehen, nun wieder ans
- 2:40Licht kommt, aber in einer neuen Form als Bedürfnis nach
- 2:44wissenschaftlicher Erkenntnis. Der wissenschaftliche Mensch ist
- 2:48also im Grunde die Weiterentwicklung des
- 2:50künstlerischen Menschen. Man könnte zwar die Kunst als
- 2:52Tätigkeit aufgeben, aber man würde damit nicht die Fähigkeit
- 2:56verlieren, die man durch sie gelernt hat.
- 2:59Nietzsche vergleicht dies mit der Religion, auch wenn jemand
- 3:02den religiösen Glauben aufgibt, verliert er nicht die positiven
- 3:05Gefühlszustände, die er durch die Religion erworben hat, wie
- 3:08zum Beispiel innere Erhebung oder seelische Tiefe.
- 3:12Genauso verhält es sich mit der Kunst.
- 3:14Sie hat unsere Gefühle reicher und vielfältiger gemacht und uns
- 3:18gelehrt, das Leben zu genießen. Wenn die Kunst nun verschwinden
- 3:21würde, bliebe dieses Bedürfnis nach Befriedigung und
- 3:24Lebensfreude bestehen. Nietzsche schließt diesen
- 3:27Abschnitt mit dem Gedanken, dass der wissenschaftliche Mensch,
- 3:30der die Welt erforscht und versteht, die direkte
- 3:32Fortsetzung und Weiterentwicklung des Künstlers
- 3:34ist. Unterkapitel 223 Abendröte der
- 3:41Kunst in diesem Unterkapitel verwendet Nietzsche ein sehr
- 3:45schönes und melancholisches Bild, um das zukünftige
- 3:48Schicksal der Kunst zu beschreiben.
- 3:50Er vergleicht das Verhältnis der Menschheit zur Kunst mit dem
- 3:53Verhältnis eines alten Menschen zu seiner Jugend, wie man sich
- 3:57im Alter gerne an die Jugend erinnert und Feste feiert, um
- 4:01diese Erinnerung wach zu halten. So wird die Menschheit bald zur
- 4:04Kunst zurückblicken, es wird eine rührende Erinnerung an die
- 4:09Freuden der Jugendzeit der Menschheit sein.
- 4:12Nietzsche vermutet, dass die Kunst vielleicht niemals zuvor
- 4:15so tief und gefühlvoll verstanden wurde wie jetzt, in
- 4:18einer Zeit, in der sie langsam zu verschwinden scheint.
- 4:22Er nennt dies die Kantimagie des Todes, die die Kunst umgibt, das
- 4:27bedeutet, dass wir die Schönheit der Kunst gerade deshalb so
- 4:30intensiv wahrnehmen, weil wir spüren, dass ihre Zeit vorbei
- 4:34ist. Ähnlich wie wir einen
- 4:35Sonnenuntergang bewundern. Um dies zu verdeutlichen,
- 4:39erzählt er eine Geschichte von einer griechischen Stadt in
- 4:42Unteritalien. Diese Stadt feierte an einem
- 4:45einzigen Tag im Jahr noch ihre alten griechischen Feste.
- 4:49Dabei trauerten und weinten die Menschen, weil sie merkten, dass
- 4:52die fremde ausländische Barbarei, also neue Sitten und
- 4:55Gebräuche, ihre eigene alte Kultur immer mehr verdrängte.
- 4:59Nietzsche meint, dass diese Menschen das griechische, ihre
- 5:02eigene Kultur wohl niemals so sehr genossen und Geschlürft
- 5:06haben wie in diesem Moment. Als sie merkten, dass es stirbt
- 5:10in der Zukunft, so sagt Nietzsche, werden wir den
- 5:12Künstler als ein herrliches Überbleibsel aus einer
- 5:15vergangenen Zeit betrachten. Wir werden ihm ehren erweisen,
- 5:18wie wir sie einem wunderbaren Fremden entgegenbringen würden,
- 5:22wir werden in ihm Kraft und Schönheit sehen, an denen das
- 5:25Glück früherer Zeiten hing. Solche Ehre gönnen wir Menschen,
- 5:28die uns gleich sind, normalerweise nicht so leicht.
- 5:32Das Beste, was wir heute in uns tragen.
- 5:34Ist vielleicht ein Erbe aus diesen früheren Zeiten der Kunst
- 5:37und der Gefühle. Wir sind heute auf einem
- 5:41direkten Weg, auf dem wir diese Gefühle kaum noch neu entwickeln
- 5:44könnten. Nietzsche beendet das Kapitel
- 5:47mit dem Bild der Abendröte die Sonne der Kunst ist zwar schon
- 5:51untergegangen, aber der Himmel unseres Lebens glüht und
- 5:54leuchtet noch von ihrem Licht nach, auch wenn wir die Sonne
- 5:57selbst, also die lebendige Kunst, als bestimmende Kraft der
- 6:01Kultur nicht mehr sehen können.