Latest / heute journal - der Podcast / Merz und die Wahlen: Wie sehr wackelt der Kanzler? Mit „Monchi” und Wolfgang Muno
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- 0:08Herzlich willkommen zum Heute-Journal-Podcast und das ist heute schon wieder
- 0:12eine sehr besondere Folge an einem besonderen Ort.
- 0:16Vor uns ein denkmalgeschützter Leuchtturm, das Wahrzeichen des Ostseebads Warnemünde
- 0:22und hinter uns der wunderschöne Ostseestrand.
- 0:26Wir sind also in Mecklenburg-Vorpommern. Hier wird am Sonntag ein neuer Landtag
- 0:31gewählt und dieser Tag könnte zum Schicksalstag für den Bundeskanzler werden.
- 0:38Was passiert, wenn es die CDU hier nicht in den Landtag schaffen sollte?
- 0:42Das gab es so, noch nie aktuell besteht aber die Möglichkeit.
- 0:45Geht dann Friedrich Merz K.O.? So drückt das einer unserer Gäste aus, Wolfgang Munow.
- 0:52Er ist Professor für Politikwissenschaft an der Uni Rostock.
- 0:56Und er sagt, falls die CDU noch weitere Niederlagen einfährt,
- 0:59dann sei Merz wie ein Boxer, der deutliche Treffer hinnehmen musste.
- 1:04Und dann fragt man sich, ob er K.O. geht oder nicht.
- 1:07Herzlich willkommen, Professor Muno. Hallo.
- 1:10Wir wollen natürlich aber auch über Mecklenburg-Vorpommern sprechen,
- 1:14was die Menschen hier umtreibt und wie man trotz der vielbeschworenen Polarisierung im Gespräch bleibt.
- 1:21Und das ist sozusagen das Spezialgebiet geworden von Jan Gorkow,
- 1:26besser bekannt als Monschi.
- 1:28Er ist Autor und Sänger der Band Feine Sahne Fischfilet,
- 1:32wohnt in einem kleinen Ort namens Jamen und stellt fest, dass Avdela in der
- 1:36Stadt, Zitat, viel einfacher zu hassen sein als auf dem Land. Hallo Monschi. Moin.
- 1:44Und wer natürlich auch dabei ist, ist Christian Sievers, Moderator des Heute-Journals. Hi Christian.
- 1:50Ich sage jetzt mal Moin, Moin und damit eigentlich schon viel zu viel für diese Gegend.
- 1:54Und Christian, für dich ist das jetzt hier wie so eine kleine Generalprobe,
- 1:58weil du heute Abend hier mit dem Heute-Journal auch noch eine Live-Sendung hast,
- 2:02und auch in den letzten Tagen hier viel unterwegs warst, gedreht hast,
- 2:06mit vielen Menschen gesprochen hast.
- 2:08Das ist richtig. Wir gucken so ein bisschen auf die Lage und auf die Stimmung
- 2:11hier in Mecklenburg-Vorpommern und zwar nicht nur an der Küste.
- 2:13Das ist ja hier die Gegend, die eigentlich jeder kennt in Deutschland.
- 2:17Die größten Inseln Deutschlands, Usedom, Rügen und dann die Ferienorte hier
- 2:21oben. Aber wir gucken eben auch auf das große, weite und ehrlich gesagt auch echt schöne Land hier.
- 2:28Wir waren in Vorpommern, wir waren bei Monschi zu Hause in Jarmen.
- 2:32Und das liegt ja ziemlich weit weg von allem. Aber wenn man mal in Jarmen unterwegs
- 2:37ist, ist jeder Ort nur noch maximal zwei Minuten voneinander entfernt.
- 2:40Und das sagt schon ein bisschen die beiden Gegensätze, in denen wir uns hier bewegen.
- 2:44Ich bin sehr gespannt, was du noch erzählst von deinen Eindrücken und freue
- 2:47mich auf dieses Gespräch.
- 2:49Heute ist der 17. September. Zwölf Uhr.
- 2:53Monchi, du warst ja in letzter Zeit viel unterwegs, hattest auch viele Medienauftritte,
- 2:59und du beschreibst da immer wieder einen Moment nach der letzten Bundestagswahl,
- 3:04wo du inständig gehofft hast, Merz und Klingbeil, bitte verkackt es nicht, sagst du da.
- 3:11Das war jetzt ein wörtliches Zitat, oder? Das war ein wörtliches Zitat.
- 3:15Jetzt bist du das Gesicht einer linken Punkband, das auf einmal Hoffnung in
- 3:20Friedrich Merz setzt. Wie konnte es dazu kommen und ist Friedrich Merz gerade
- 3:26dabei, um es nochmal in deinen Worten zu sagen, zu verkacken?
- 3:30Ich habe das ja im Buch aufgeschrieben und da auch ein bisschen differenzierter
- 3:33das betrachtet, wenn ich das sage.
- 3:35Also erstmal denke ich in diesen Zeiten, Scheiß auf Punkrock.
- 3:39Ich glaube, da gibt es viel Wichtigeres. Mir ist scheißegal,
- 3:41was irgendwelche Leute daraus machen.
- 3:44Für mich ging es wirklich in diesem Moment, direkt nach den Bundestagswahlen,
- 3:47dass ich gedacht habe, Scheiße, hier ist richtig was im Wanken da,
- 3:50wo ich lebe. Bei mir im Ort haben 54 Prozent der Menschen die AfD gewählt.
- 3:54Und ich kann dir sagen, dass ich eine CDU-SPD-geführte Regierung immer noch
- 3:58für besser halte als eine AfD-geführte Regierung.
- 4:01Da lebe ich. Da kann man sich dann das Maul drüber zerreißen und sich Lust drüber machen.
- 4:04Aber ich lebe in der Realität, dass ich mich drüber freue, wenn es in 10,
- 4:0815 Jahren noch eine halbwegs stabile Demokratie gibt. Das heißt nicht,
- 4:12ich habe eher gesagt, oh Gott, oh Gott, ich bin da angekommen,
- 4:15dass ich in der Punkrock-Band spiele.
- 4:17Früher hätte ich mir auf die Zunge gebissen. Und ich bin da angekommen und habe
- 4:20gesagt, hoffentlich verkacken die beiden das nicht.
- 4:22Und dann ist das Schreckliche, dass die sich selber wieder die ganze Zeit ins
- 4:26Knie ficken und dass man,
- 4:27die SPD, die Grünen, die CDU gegen die Linke, die Linke gegen die CDU,
- 4:31wo man so denkt, was für ein Kindergarten und das kommt bei den Leuten da, wo ich lebe, einfach nur
- 4:36wie ein Theaterstück an und man denkt die ganze Zeit, die sind Parteien,
- 4:40Friedrich Mehl jetzt ganz vorne weg jetzt auch, legt den AfDlern Elfmeter hin.
- 4:44Schade, dass es so ist. Hoffnung hatte ich nicht.
- 4:47Ich habe aber gehofft, dass es ein bisschen besser wird und dass sie es irgendwie hinkriegen.
- 4:51Ich habe aber nicht das Gefühl, dass die die Zeichen der Zeit erkannt haben.
- 4:54Also deine Hoffnung wurde enttäuscht?
- 4:58Ja, also ich habe keine Hoffnung. Ich meine, wenn wir über die CDU reden,
- 5:02das ist mir fast auch schon zu dumm, gegen die jetzt zu pöbeln,
- 5:05weil das ist ja wie so, naja, ich pöbel nicht gegen die. Man tritt nicht nach
- 5:09auf jemanden, der am Boden liegt. So habe ich manchmal das Gefühl.
- 5:14Ich meine, wenn wir das in MV betrachten, die CDU, die ist ja so ein Friedrich
- 5:18Merz. Ich würde denen sagen, das ist wie...
- 5:22Wie St. Pauli, so beliebt ist der hier. Also ich sag mal, vielleicht findest
- 5:26du ein, zwei Leute ganz versteckt, die den noch feiern oder mögen.
- 5:29Aber sonst finden den alle hier scheiße. Da glaubt keiner mehr dran.
- 5:33Und ich glaube nicht, dass der das noch umgerissen bekommt.
- 5:37Ja, bitte aber wahr. Ja, lass uns mal kurz auf die Zahlen da schauen.
- 5:42Offenbar hat Merz die Hoffnungen einiger enttäuscht.
- 5:46Er hat viel versprochen. Da ist offenbar noch wenig davon bei den Leuten angekommen
- 5:51und er ist weit davon entfernt, die AfD wieder kleiner zu machen.
- 5:55Seine Zustimmungswerte liegen laut dem aktuellen ZDF-Politbarometer bei 20 Prozent.
- 6:01Nur 20 Prozent sind zufrieden mit seiner Arbeit.
- 6:03Bei seiner Partei sieht es auch nicht besser aus.
- 6:07In Berlin, da wird am Sonntag ja auch gewählt, ein neues Abgeordnetenhaus.
- 6:11Da könnte es sein, dass die CDU von der Linkspartei überholt wird.
- 6:15Und in Mecklenburg-Vorpommern spielt die CDU gar nicht vorne mit.
- 6:19Da kämpfen die SPD und die AfD um den ersten Platz.
- 6:23Die CDU liegt bei sieben Prozent und ich hatte es eingangs schon gesagt,
- 6:28sollte die CDU an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern und damit gar nicht in den
- 6:32Landtag einziehen, dann wäre das wirklich ein First.
- 6:35Sowas gab es noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik, dass eine Unionspartei
- 6:40aus einem Landtag rausfliegt.
- 6:43Christian, es ging im Frühjahr mal der Begriff Kanzlertausch durch manche Medien.
- 6:50Das bezog sich auf ein Gerücht.
- 6:51Merz könne eventuell von Hendrik Wüst abgelöst werden, dem Ministerpräsidenten
- 6:56von Nordrhein-Westfalen, um einiges beliebter als Friedrich Merz.
- 7:01Man war damals vorsichtig, weil es sich, wie gesagt, um so ein Gerücht handelte,
- 7:07über das auch nicht alle berichtet haben, weil es nicht unbedingt für seriös befunden wurde.
- 7:12Und letzte Woche habe ich wirklich kaum ein Medium gesehen, das nicht in der
- 7:16Headline vom Kanzlertausch oder von der Kanzlerdämmerung geschrieben hat.
- 7:21Was hat sich da verändert jetzt?
- 7:24Naja, zunächst mal die desaströsen Wahlergebnisse Sachsen-Anhalt,
- 7:28beziehungsweise Wahlumfragen Mecklenburg-Vorpommern.
- 7:33Und dann muss man aber bei dieser ganzen Sache sagen, diesem Label Kanzlertausch,
- 7:37das ist ja nicht so einfach. Wir haben ja in Deutschland aus guten Gründen,
- 7:41kann man nicht einfach den Kanzler tauschen, sondern man braucht einen neuen.
- 7:45Oder ein Neu-Jeh. Das heißt, schon nach Verfassungslage müsste jemand anders
- 7:49sagen, so ich mache das. Und vor allem, ich habe im Parlament auch eine Mehrheit dafür.
- 7:54Und das sehe ich im Moment nicht, ehrlich gesagt. Wir haben jetzt gerade den
- 7:57Ministerpräsidenten der Union gehabt, die sich geschlossen hinter Friedrich
- 8:00Merz gestellt haben. Alleine die Tatsache natürlich, dass er sowas offensichtlich
- 8:03nötig hat, spricht schon Bände, auch was die Diskussion in seiner eigenen Partei angeht.
- 8:08Aber die haben jetzt zumindest erstmal gesagt, nee, wir stehen hinter Friedrich
- 8:13Merz, er hat unsere Solidarität.
- 8:17Ich habe ehrlich gesagt noch ein ganz anderes Problem. Wir sind ganz schnell
- 8:20bei diesem Label Kanzlertausch und wir haben auch jetzt hier wieder sehr schnell
- 8:23geredet über die Person Merz. Kann der das? Ist der noch der Richtige? Mögen die Leute ihn?
- 8:29Aber ich glaube, wir lügen uns ein bisschen in die Tasche.
- 8:33Denn unser Problem ist am Ende nicht eine einzige Person, sondern dieses Land
- 8:37hat auf ganz vielen Ebenen wahnsinnig viele Probleme und Herausforderungen zu lösen.
- 8:41Unfassbar viele Reformen, unfassbar viel, was liegen geblieben ist in den letzten
- 8:45Jahrzehnten, unfassbar viel, wo Geld dringend investiert werden müsste.
- 8:49Und jetzt habe ich noch gar nicht gesprochen von den internationalen Herausforderungen,
- 8:52von Kriegen, Krisen, Populismus überall, von der KI-Herausforderung.
- 8:57Also wir haben es ja wirklich knüppeldicke gerade.
- 9:01Und es ist immer sehr einfach zu sagen, naja, der kann es ja nicht oder den
- 9:06mögen wir jetzt nicht mehr. Da nehmen wir einen anderen und stellen dann aber
- 9:10plötzlich fest, den mögen wir irgendwie auch nicht mehr nach zwei Monaten oder so weiter.
- 9:14Am Ende entbindet uns das ja nicht von der Verantwortung und der Herausforderung,
- 9:19über die Sachen, die Sachlage, die Themen zu sprechen und nicht gleich wieder
- 9:24abzugleiten in eine Personaldiskussion.
- 9:26Ich glaube ehrlich gesagt, das hat die Union vielleicht so auf den letzten Drücker
- 9:29jetzt auch kapiert und gesagt, vielleicht werden die Leute am Ende gar nicht
- 9:32glücklich, wenn wir jetzt wieder eine Personaldiskussion aufmachen.
- 9:35Sondern was, glaube ich, diesem Land wirklich helfen würde, wäre mal voranzukommen
- 9:40bei den Dingen, die tatsächlich auf den Nägeln brennen.
- 9:44Ich finde das auch gut, dass du das... Sie haben mich ja am Anfang zitiert und
- 9:47als ich sagte, Merz ist angeschlagen, wie ein Boxer, der einen Wirkungstreffer
- 9:51in Sachsen-Anhalt bekommen hat.
- 9:53Er wird einen Wirkungstreffer in Mecklenburg-Vorpommern bekommen,
- 9:56weil das wird ein katastrophales Ergebnis für die CDU, so oder so.
- 10:007 Prozent wäre schon das allerschlechteste historische Ergebnis.
- 10:03Nicht im Landtag zu sein, wäre noch schlimmer.
- 10:05Und dann ist Berlin, da sieht es auch nicht so gut aus aktuell.
- 10:08Das ist aber noch nicht so ganz klar.
- 10:10Aber es ist richtig, ich habe auch immer gesagt, es muss dann auch eine Alternative
- 10:13geben. Und die Unzufriedenheit, die ist viel tiefer.
- 10:17Wir erinnern uns, Merkel muss weg und Scholz muss weg und jetzt muss Merz weg.
- 10:21Und wenn Hendrik Wüst käme, würde man in zwei, drei Monaten sagen,
- 10:25schickt Wüst in die Wüste.
- 10:26Das ist im Moment die aktuelle Stimmung.
- 10:28Bei Umfragen ist hier eine große Mehrheit nicht mehr zufrieden mit der Demokratie grundsätzlich.
- 10:34In Mecklenburg-Vorpommern haben wir weniger als ein Viertel der Bevölkerung
- 10:38bei verschiedenen Umfragen, die nicht mehr zufrieden sind mit der Demokratie.
- 10:41In Sachsen-Anhalt hatten wir über die Hälfte der Bevölkerung,
- 10:44die gesagt hat, ich wünsche mir eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft verkörpert.
- 10:50Das ist dann aber auch keine Demokratie mehr und das ist das Problem.
- 10:53Und Herr Professor, da müssen wir unbedingt nachher vielleicht noch drüber reden,
- 10:55weil da läuft es einem ja kalten Rücken runter.
- 10:57Also wenn wir jetzt nicht mehr über Personen und auch nicht mehr über Themen
- 11:00reden, sondern über die Demokratie als solche.
- 11:05Mein lieber Scholli, da kommen wir in schwieriges Fahrwasser.
- 11:08Also ich glaube zum Beispiel, wenn ich jetzt mit den Leuten bei uns im Dorf
- 11:10sprechen würde, die auch da AfD wählen, was ich ja andauert mache,
- 11:13die würden ja sagen, nee, die Demokratie funktioniert ja gerade total.
- 11:16Also wir sind ja sozusagen, haben so viele Leute an die Wahlen umgebracht, ja, wie vorher noch nie.
- 11:20Also sozusagen, Demokratie kann ja nicht nur das sein, wenn so gewählt wird, wie ihr wollt.
- 11:25Nicht, dass es jetzt meine Meinung ist. Ich sage nochmal, was glaube ich Leute
- 11:29darauf erwidern würden.
- 11:30Und ich denke, der Punkt ist einfach, wenn ich jetzt zum Beispiel auf die Region,
- 11:33Provinz, da wo ich lebe, schaue, in Rostock ist das vielleicht noch anders,
- 11:37da hast du vielleicht noch präsente Parteien.
- 11:39Aber diese Parteien sind einfach nahezu nicht präsent und ich würde es schön
- 11:42finden, wenn es anders ist.
- 11:44Und ich habe in diesem Buch geschrieben, für die Parteien ist wichtig vor den
- 11:49Wahlen und für die Leute hier bei uns im Mikro-Vorpommern ist nach den Wahlen wichtig.
- 11:52Und ich muss das leider revidieren, es ist richtig bitter.
- 11:56Ich hätte wirklich gedacht, dass die bei uns in Jahren und der Umgebung vor
- 12:00diesen Wahlen total am rumrödeln sind und ganz viel machen.
- 12:04Aber Pustelkuchen, die AfD hat da zweimal Kundgebungen gemacht.
- 12:07Ich glaube, die Linke nochmal, die CDU, die SPD, die Grünen,
- 12:11habe ich nicht einmal da gesehen, nicht einmal wahrgenommen mit irgendwelchen
- 12:13Kundgebungen. Ich habe gedacht, die überhäufen das vor den Wahlen. Nicht mal mehr das.
- 12:18Also, dass sich hier Leute abgehängt fühlen und vergessen fühlen,
- 12:21das ist einfach eine ganz klare Sache. Und das ist auch nicht die Schuld der Leute.
- 12:24Die Antwort, dass sie nachher die AfD wählen, die kann ich nicht nachvollziehen. Aber auch ich...
- 12:30Ich glaube nicht mehr daran, dass diese Parteien es schaffen,
- 12:34noch mal das rumzureißen, jedenfalls da, wo ich lebe, um mal ein Gefühl zu kriegen.
- 12:3954 Prozent haben in Jahren die AfD gewählt, danach ist die zweistärkste Partei
- 12:43bei dem Bundestagswahl in die CDU gewesen mit 12 Prozent. 42 Prozent Unterschied.
- 12:47Danach, ich glaube, irgendwas die SPD 9 Prozent, die Grüne 2 Prozent.
- 12:52Also da lebe ich. Und ich glaube, es gibt viele Menschen, die in solchen Gegenden
- 12:55leben, wo die Parteien einfach die Leute einfach nicht mehr abholen.
- 12:59Da würde ich gerne drauf einsteigen und sagen, ja, das ist richtig,
- 13:03die Parteien sind nicht mehr da.
- 13:05Das liegt aber auch daran, dass es keine Leute gibt, die in den Parteien mitmachen.
- 13:09Also wir sehen das in ganz Deutschland, dass man ja sich nicht mehr so gerne in Parteien engagiert.
- 13:13Aber in ganz Mecklenburg-Vorpommern mit 1,6 Millionen Einwohnern gibt es gerade
- 13:18mal 16.000 Menschen, die Mitglied in einer politischen Partei sind.
- 13:21Zum Vergleich, der Anglerverband hat fast 50.000 Mitglieder,
- 13:24das sage ich immer gerne.
- 13:25Und dann sagt man immer, die Parteien kommen nicht. Ja, aber die Parteien in
- 13:29der Demokratie, das sind wir, das sind die Menschen. Die wollen sich auch nicht
- 13:32mehr in Parteien engagieren.
- 13:34Bestenfalls noch, teilweise, die AfD hat noch zugelegt. Das ist eine der wenigen
- 13:38Parteien, die an Mitgliedern zugelegt hat. Aber die anderen Parteien krebsen
- 13:42dann so ein bisschen herum und keiner will sich in der Partei engagieren.
- 13:46Die Frage ist ja auch, wenn es jetzt ganz viele Stände gäbe in Jahren von allen
- 13:50Parteien, würde das irgendwas ändern? Nee, auf keinen Fall mehr.
- 13:53Du hast gerade das Wort abgehängt gesagt und da würde ich gerne nochmal ein
- 13:56bisschen nachfühlen, weil immer wenn ich abgehängt höre, weiß ich eigentlich
- 13:59gar nicht, was das jetzt bedeuten soll.
- 14:01Was heißt denn abgehängt konkret? Weil du hast uns auch erzählt, als wir bei dir waren und,
- 14:07viel gedreht haben in dem Dorf, auch mit vielen Leuten gesprochen haben,
- 14:10dass es eigentlich gar nicht mehr so sehr um Argumente geht,
- 14:12also um tatsächliche Sachfragen, sondern dass es bei vielen Menschen eher um
- 14:17so eine Wut im Bauch geht, also so ein emotionales Gefühl.
- 14:20Und da kommen wir ja an den Punkt, das ist ein bisschen das,
- 14:22was Sie vorhin gesagt haben.
- 14:23Da kommen wir an so einen Punkt, den man als Politiker ja kaum noch ändern kann.
- 14:26Also ich kann mit einem Zehn-Punkte-Programm versuchen, noch irgendwie eine
- 14:29Sachfrage in den Griff zu bekommen.
- 14:31Aber ich kann ja gegen Emotionen, gegen so ein Gefühl im Bauch nur noch schwer ankommen.
- 14:36Was mache ich denn da? Keine Ahnung, ich bin kein Wissenschaftler.
- 14:39Ich kann nur sagen, wenn ich mit den Leuten da spreche, und das ist ja auch
- 14:41für mich eine bittere Erkenntnis,
- 14:43wenn du mit den Leuten argumentierst oder redest und sagst, Mensch,
- 14:46was weiß ich, ich stehe mit einer alleinerziehenden Mutti, die sagt,
- 14:48Mensch, scheiße, die Spritpreise kann ich nicht mehr bezahlen.
- 14:51Ich fahre nicht in den Osterurlaub.
- 14:52Und dann sagt sie, ja, und die AfD und die wird das machen. Und dann sage ich,
- 14:55Mensch, bist du echt so sicher? Das ist doch eher eine Partei der Superreichen.
- 14:59Meinst du, die wird wirklich dein Anliegen vertreten? Das ist den Leuten fast
- 15:02wirklich, fast egal, ob sie sich selber ins Knie ficken. Es ist bitter,
- 15:06aber so, da wo ich lebe, es gibt natürlich auch, man muss das immer differenzieren.
- 15:10Aber ganz viele Leute wählen eher nach Emotionen und nicht nach Argumenten.
- 15:16Und ich will nur kurz sagen, auch mit dieses Engagieren, da wo ich auch lebe,
- 15:20das ist nicht so, die Leute sind nicht alles irgendwelche Sesselfurzler,
- 15:22sondern die Leute, die brennen und engagieren sich auch ganz viel in Vereinen, in Kulturvereinen.
- 15:27Gerade in Jahren wurden drei, vier neue Vereine wieder gegründet.
- 15:31Es passiert ganz viel. Leute haben auch Bock auf Demokratie.
- 15:34Ich glaube, auch das sollte man nicht so schlecht gehen. Aber nicht mehr auf
- 15:37die Parteien. Aber kein Bock mehr auf die Parteien.
- 15:39Aber Professor Muno, weil das ist ja unglaublich schwierig für Politiker und
- 15:43Politikerinnen, auch wenn sie da wirklich mit vollem Engagement sozusagen vorauspreschen
- 15:49und Dinge verändern wollen.
- 15:51Ich habe dazu auch noch eine Studie gefunden vom Institut der deutschen Wirtschaft,
- 15:54das untersucht, wie gut Menschen versorgt sind, auch in der Stadt und auf dem
- 15:58Land. Also Ärzte, Schulen, Busse, Internetbehörden usw.
- 16:02Und welche Folgen das für die politische Einstellung hat.
- 16:05Und daran zeigt sich, dass bei den Befragten, dass je unzufriedener sie mit
- 16:09der Versorgung vor Ort sind, desto eher neigen sie zur AfD. Aber, und jetzt kommt es,
- 16:15Da zählt eben nicht nur die Realität und wie gut versorgt sie wirklich sind,
- 16:19sondern die persönliche Wahrnehmung, die subjektive Wahrnehmung.
- 16:24Und die ist besonders bei AfD-Anhängern schlechter, beziehungsweise sie bewerten
- 16:29die Lage vor Ort oft negativer, als es sie eigentlich objektiv hergibt.
- 16:33Das heißt, selbst wenn der Bus häufiger käme, heißt das nicht automatisch,
- 16:37dass sie zufriedener sind, geschweige denn vielleicht auch ihr Wahlverhalten
- 16:41wieder ändern. Aber was können da Politiker, Politikerinnen denn überhaupt noch machen?
- 16:47Ja, das ist extrem schwer, weil wenn man mit Fakten argumentiert,
- 16:50dann kommen die einfach nicht an. Man bräuchte im Prinzip positive Erzählungen,
- 16:54positive Narrative, dass es doch alles nicht so schlecht ist und nicht den Bach runtergeht.
- 16:59Wir leben immer noch in einem der reichsten Länder der Welt.
- 17:02Wir leben in einem Land, das einer der höchsten.
- 17:07Sozialstaatsniveaus der Welt hat. Wir leben in einem Land mit einem der niedrigsten
- 17:11Kriminalitätsraten. Ich bin häufig in Lateinamerika unterwegs.
- 17:14Da kann man nicht auf die Straße gehen nachts. Und das ist hier einfach nicht so.
- 17:17Aber die Wahrnehmung ist halt eine ganz andere. Da gibt es diese Abstiegsängste
- 17:21eben ganz enorm. Exakt. Und es kommen natürlich noch Dinge auf einen zu,
- 17:25die man nicht so richtig kontrollieren kann. Man hat das Gefühl,
- 17:27und das haben wir, glaube ich, alle am Ende, wir leben in Zeiten, in denen...
- 17:31Die Gefahren drohen, die alle außerhalb unserer Kontrolle sind.
- 17:35Und ich glaube, das ist etwas, was sich ja weltweit darstellt.
- 17:39Das ist gar kein Mecklenburg-Vorpommern-Problem und auch kein Sachsen-Anhalt-Problem,
- 17:42sondern das haben eigentlich alle Menschen auf dieser Welt.
- 17:45Und man hat das Gefühl, Strukturen sind nicht mehr das, was sie mal waren.
- 17:51Ängste und Herausforderungen kommen auf uns zu, denen wir nicht wirklich gewappnet sind.
- 17:56Und dann spielt Social Media, ich muss es an dieser Stelle leider noch mal sagen,
- 18:00eine gewaltige Rolle aus meiner
- 18:02Sicht, weil das natürlich auch noch mal verstärkt, eine Bubble verstärkt.
- 18:05Man fühlt sich die ganze Zeit in einem Kreislauf verstärkt, in seinen engsten
- 18:09Nöten, denkt, okay, mein Gott, die Welt bricht zusammen.
- 18:12Ich kenne es selber, wenn man manchmal am Scrollen ist, muss man sich selbst
- 18:15zwingen aufzuhören, weil man sonst in einer Spirale gefangen ist,
- 18:20aus der man nicht mehr wirklich rauskommt.
- 18:21Das Problem bei der ganzen Geschichte ist, das sind alles keine Landtagswahlthemen.
- 18:25Das sind alles Themen, die so groß
- 18:27sind, dass es vielleicht auch gar keine Bundestagswahlthemen am Ende sind.
- 18:30Zumindest wird das nichts, was man in Schwerin ändern könnte.
- 18:34Trotzdem haben wir jetzt aber eine Landtagswahl, über die wir hier reden.
- 18:36Ja, ich will nur sagen, ich glaube, wenn man die ganze Zeit immer nur...
- 18:40Also, ich würde mich wirklich freuen. Kommt in ein paar Monaten wieder her.
- 18:43Das ist wie, wenn auch mal Bands Konzerte spielen. Und dann spielen die nochmal
- 18:47und so. Und dann wundern die sich, oh, das Ergebnis ist doch noch so.
- 18:49Das alles hier, ob wir hier quatschen, ob hier ein Konzert ist,
- 18:52ob Feine Sahne noch ein Festival macht, das wird nichts an den Wahlen ändern.
- 18:56Ich glaube, das zu registrieren, ist, glaube ich, auch wichtig.
- 19:01Und das heißt aber nicht, davon irgendwie zu denken, oh, jetzt,
- 19:04das nimmt mir die Kraft, sondern ich glaube, man muss fernab von Wahlen aktiv sein.
- 19:08Das ist vielleicht etwas, was dann punktuell Stimmung verändern kann.
- 19:12Man braucht sich nicht einreden, ich komme aus dieser Konturszene,
- 19:15auch ich mit dem Zeigefinger auf mich selbst, ich habe mir früher eingeredet,
- 19:18Mensch, machen wir noch eine Kampagne und noch ein Konzert und ich sage noch
- 19:21mal, mit feiner Sahne wird nicht die AfD.
- 19:25Das interessiert hier keinen Schwein, das mache ich nicht mehr.
- 19:27So, ich brauche mir nicht selber bespaßen und die Kultur braucht,
- 19:30erzählt der Kultur, wie wichtig Kultur ist und irgendwann glaubt man sich das selber. Aber,
- 19:34Kein Konzert, keine Diskussion oder so wird jetzt an dieser jetzigen Situation,
- 19:38oder an der Wahl was verändern,
- 19:40sondern man muss, glaube ich, authentisch verkaufen können, dass man in der
- 19:44Region, wo man ist, aktiv ist, dass man sie liebt, dass man,
- 19:47ich bin Lokalpatriot, ich liebe es in Mecklenburg-Vorpommern,
- 19:49ich denke, was ist das für ein wunderschöner Ort, wo ich geboren wurde und ich will hier aktiv sein.
- 19:54Und diesen Weltuntergangsszenarien, die es andauernd gibt und die AfD redet
- 19:57die Leute hier auch in Depressionen rein, ja, punktuell, diesen entgegenzuwirken in praktischen Sachen.
- 20:02Wenn wir in Jahren zusammen mit ganz vielen Leuten vier Jahre dafür kämpfen,
- 20:07einen Skatepark aufzubauen. Wir haben selber nicht mehr dran geglaubt,
- 20:09weil die Bürokratie so krass ist.
- 20:11Dann haben wir den letzten Jahr am 3. Oktober eröffnet. Da sind 500 Leute.
- 20:14Bei den Aufbauarbeiten waren 60, 70 verschiedene Menschen. Auch ganz unterschiedliche Menschen.
- 20:18Das sind positive, für mich demokratische Momente, die, glaube ich,
- 20:22auch so eine Gemeinschaft dann prägen und wo man auch noch Akzente setzen kann.
- 20:26Aber wenn du sagst, es verändert nichts jetzt an den Wahlen,
- 20:29warum machst du das? Es verändert was, aber nichts an den Wahlen.
- 20:32Ja, das sind langfristige Prozesse. Man braucht nicht davon denken.
- 20:35Mir ist doch klar, wenn wir zum Beispiel, Vor eineinhalb Wochen haben wir unser
- 20:39Westin-Jahren-Festival gemacht. Wir bringen da ganz, ganz viele Leute zusammen.
- 20:43Den Frauenvolleyballverein, den Fußballverein, den Brauereiverein.
- 20:46Ganz viele Leute machen damit.
- 20:48Ich rede mir doch aber nicht ein, jetzt werden die aber alle irgendwas anderes
- 20:51wählen. Das ist doch Quatsch.
- 20:52Sondern im Kleinen kann man noch Akzente setzen, kann man Stimmung prägen.
- 20:57Und wenn man dazu nicht bereit ist und sagt, das ist man zu wenig, dann tschüss.
- 21:00Mir ist es sozusagen, ich bin nicht bereit, irgendwie aufzugeben,
- 21:03sondern ich habe Bock, da zu kämpfen. und auch für humanistische,
- 21:06demokratische Grundwerte noch einzustehen. Wie lange ich die Kraft dafür noch habe?
- 21:10Keine Ahnung. Vielleicht setze ich mich auch irgendwann auf Instagram und pöbel
- 21:13mir nur von der Seitenlinie, was alle falsch machen.
- 21:15Vielleicht, ja, aber noch nicht. Ich denke nur, damit man auch nicht so enttäuscht
- 21:20ist, weißt du, wenn ich mir jedes Mal einreden würde und sagen würde,
- 21:22oh Gott, jetzt sind ja Sonntag die Wahlen, jetzt sind ja Sonntag die Wahlen,
- 21:26dann bist du ja nachher irgendwann depressiv, das ist ja schlecht für die Seele.
- 21:29Man kann nicht in diesen Habitus verfallen, die Welt geht unter,
- 21:31wenn ein Rainer Haselhoff, hier der Chefe von der CDU aus Sachsen-Anhalt,
- 21:35da erzählt, wenn die AfD... Der ehemalige Ministerpräsidentin in Sachsen-Anhalt.
- 21:38Wenn der sagt, oh ja, wenn die AfD an die Macht kommt, dann bin ich hier weg.
- 21:43Was ist das für eine Perspektive? Ja, wenn ich mit den Leuten bei uns rede,
- 21:46mit denen da streite, dann sagen die, was?
- 21:49So einfach kriegen wir euch weg? Das ist wie der geilste Koks für die der Welt.
- 21:53So nein, da muss man sagen, ey Leute, nein, wir, wir bleiben hier,
- 21:58auch wenn es stürmisch ist. So und das muss man vertreten.
- 22:02Davon bin ich überzeugt. Ganz kurz, Haseloff noch, er hat jetzt gesagt,
- 22:04er bleibt doch, er geht doch nicht und er sei nicht ganz richtig zitiert worden
- 22:08aus dem Zusammenhang. Okay, arg.
- 22:10Ich will nochmal kurz einwerfen, bevor wir auf die Landtagswahlen kommen.
- 22:15Es wird ja immer viel gesprochen von Problemen in Ostdeutschland und die AfD in Ostdeutschland.
- 22:20Aber wie wir eben richtig gesagt haben, das ist eigentlich ein globales Problem.
- 22:24Ich kenne auch Studien in Frankreich, nur ein Beispiel, die sagen,
- 22:28wenn in den Orten, in denen es noch einen Tabak gibt, das ist diese örtliche
- 22:31kleine Kneipe, wo man Zigaretten kauft, wenn die zumachen, dann steigt der Anteil.
- 22:37Der Wähler für Rassemblement National.
- 22:39Also es ist überall so. Und Ostdeutschland ist keine besondere Ausnahme,
- 22:43sondern ist eigentlich fast ein europäischer Normalfall aktuell.
- 22:47Ich glaube, es ist kein großer Unterschied zwischen Osten und Westen,
- 22:50sondern der große Unterschied, auch wenn ich mit meiner Band unterwegs bin,
- 22:53wenn ich dieses Buch geschrieben habe und die Leute mich darauf ansprechen,
- 22:56dann merke ich, der große Unterschied ist zwischen Stadt und Land.
- 23:00Die Leute, mit denen ich rede, die mir schreiben aus dem Saarland oder aus Baden-Württemberg,
- 23:05aus Kleinstädten schreiben, weil wir haben genau die gleichen Widersprüche, die gleichen Fragen.
- 23:09Wie geht man in dieser Zeit um? Wir leben da, wo man sich nicht in irgendwelchen
- 23:12Blasen verziehen kann und wo du sagen kannst, mit denen rede ich nicht,
- 23:15sondern wir leben da, wo man streiten muss.
- 23:18Professor Monow, Sie haben gesagt, das sei ein globales Problem.
- 23:20Jetzt sind wir aber doch, ich wollte eigentlich erst am Ende drüber sprechen,
- 23:24aber jetzt sind wir ja schon in Jamen. Und Monchi, du hast ja schon erzählt,
- 23:27dass du da ganz viel auch engagierst. Du hast das Festival, du hast den Skatepark eröffnet.
- 23:33Und du sagst, dass du dort auch jedem Menschen, der dabei sein möchte,
- 23:37der zum Beispiel beim Aufbauen helfen möchte, erstmal die Hand gibst.
- 23:41Ob er AfD wählt oder nicht. Warum hast du dich dafür entschieden?
- 23:45Weil es gibt ja schon auch die Kritik dabei, dass man dadurch auch extreme,
- 23:51rechtsextreme Einstellungen, zum Beispiel die Abwertung von bestimmten Menschengruppen,
- 23:55zum Beispiel Migranten, normalisiert dadurch.
- 23:59Ja, das ist alles, theoretisch hört sich jetzt bestimmt alles total schlau an.
- 24:02Aber in der Praxis hat das nichts mit der Wirklichkeit zu tun.
- 24:05Wenn wir unser Dorffest machen, ich sage ja nicht dann zu denen,
- 24:07ach Mensch, ihr Armen, kommt mal alle her und ich finde alles super,
- 24:09was ihr macht. Ich weiß nicht.
- 24:14Wann hast du das letzte Mal richtig in deinem Alltag mit einer AfDler gestritten?
- 24:17Oder vorm Nazi gestanden?
- 24:19Wahrscheinlich bei mir auf dem Dorf. Ich komme auch vom Dorf.
- 24:24Zwei Monate. Okay, und wie war das so?
- 24:28Tja, wie war das so? Gehört jetzt nicht zu meiner Lieblingsbeschäftigung,
- 24:31aber ich habe trotzdem manchmal den Eindruck, dass sich dann Diskussionen lohnen,
- 24:36zumindest wenn man das Gefühl hat, man kommt da ein bisschen durch.
- 24:40Aber manchmal hast du das Gefühl eben auch nicht. Ja, total.
- 24:43Dieses Gefühl kenne ich ständig.
- 24:45Also na klar, aber ich kann es mir ja gar nicht aussuchen. Ich lebe da,
- 24:47wo ich mir das nicht aussuchen kann, wo ich rausgehe.
- 24:50Das ist, ich sag mal, die Supermarktverkäuferin, das ist die Tankstellenverkäuferin,
- 24:54das ist, wenn mein Scheißhaus kaputt ist, der Sanitäter, der Sanitärtyp, der kommt.
- 25:00Und das Thema kommt irgendwie, ist ja nicht, dass die Leute die ganze Zeit über
- 25:03Politik quatschen, aber immer mal wieder. Und wie gesagt, ich rede ja nicht
- 25:06davon, dabei seine Haltung zu verlieren, sondern ich glaube,
- 25:09ich bin noch jemand, der da sein Gesicht hinhält und mit den Leuten streitet. Ich will sagen...
- 25:14Es geht nicht um Beliebigkeit, es geht nicht, dabei, das schreibe ich auch in
- 25:17diesem Buch, es geht nicht darum, irgendwie seine Haltung zu verlieren,
- 25:21sondern wenn wir das Dorffest machen, dann haben wir da gerade vor einer Woche,
- 25:24haben wir einen der letzten KZ Buchenwald Überlebenden gehabt,
- 25:26André Iwanowitsch, ja, haben Diskussionsrunde mit denen gehabt,
- 25:29wir haben eine Belesung gemacht.
- 25:31Keine Macht der Unmacht, über den Aufstieg der AfD, wir machen Vorträge über
- 25:35die Seenotrettung, also, ich lebe da, wo ich einen Preis dafür zu bezahlen habe,
- 25:39wo ich dafür angerotzt werde, wenn irgendein.
- 25:41Islamist beim CSD reinfährt, stehen Leute vor mir und rotzen mich an und sagen,
- 25:45du hast Blut an den Händen.
- 25:46Und trotzdem mache ich das, weil ich daran glaube. Und das heißt nicht mit irgendwelchen
- 25:49Überzeugungsarschlöchern, da brauche ich nicht meine Kraft reinstecken.
- 25:54Auch selbst, wenn ich mit denen mal streite. Aber es gibt einfach auch ganz
- 25:59viele Leute, die sind noch keine überzeugten Nazis.
- 26:02Und da muss man ran und da muss man rein und da muss man kämpfen.
- 26:05Wenn man dafür nicht brennt, wenn man da aufgibt, dann ist hier alles verloren.
- 26:09Weißt du, wir haben in den letzten Jahren, und ich habe ja auch ganz oft daran
- 26:12geglaubt, Immer wieder wurde gesagt, ja, also das Wählerpotenzial ist erschöpft,
- 26:16das Wählerpotenzial ist erschöpft.
- 26:17Ja, hau mal rein, wo sind wir denn angekommen? Ja, also was für Fehler hat man
- 26:21denn auch selber gemacht?
- 26:22Ich erzähle dir ein Beispiel beim Westen in Jahren. Wir haben diesmal eine Kids-Crew
- 26:25wieder gehabt und haben gesagt, wenn ihr Bock habt, mit Aufbau zu helfen,
- 26:29dann seid ihr mit am Start, kommt ihr her, ja.
- 26:31Und am Dienstag davor, bevor aufgebaut wurde, hat die AfD eine Kundgebung gemacht
- 26:35bei uns, zwei, drei Minuten entfernt.
- 26:37Und dann kamen die Kids mit so AfD-Beuteln, einige von denen,
- 26:40mit Aufklebern bei uns an, auf den Platz. Und früher hätte ich denen gesagt, verpiss dich.
- 26:44Und mich selber damit irgendwie dann sagt, ja, ist ja toll, stabil, Monschi.
- 26:47Wir leben in Zeiten, wo die Leute sich einreden, dass es stabil ist,
- 26:50wenn man sich in Blasen begibt.
- 26:51Ist es aber nicht. Und ich hab denen gesagt, pass auf, wir haben keinen Bock
- 26:54auf den AfD-Kram, wisst ihr, aber wenn ihr heute da seid und morgen wieder da
- 26:59seid, seid ihr Teil der Crew.
- 27:01Und dann waren die bis Samstag da, waren bei den Konzerten, haben mitgeholfen.
- 27:04Vielleicht, und ich rede mir nicht ein, oh, das verändert die Welt,
- 27:08aber vielleicht im Kleinen kann man einen Akzent setzen, vielleicht ist das
- 27:12auch alles Quatsch, vielleicht sollte man das auch alles anders machen, aber
- 27:16das sind Momente, wo ich mich reinversetze als 15, 16-Jähriger Monschi,
- 27:20wo wäre ich denn heute gelandet, in diesen ganzen abgefuckten Zeiten,
- 27:24vielleicht auch nicht eher bei der Woken-Bubble, sondern eher bei so Action-Kids,
- 27:28die sich angezogen fühlen und von Leuten, die denen erzählen,
- 27:31du bist schon alleine geiler, weil du in Deutschland geboren wurdest.
- 27:35Professor Munur, ich schätze, dass man das aus wissenschaftlicher Sicht durchaus
- 27:38bestätigen kann, dass sich in Blasen verziehen, dass das aber mal gar nichts
- 27:44ändern wird an der Situation.
- 27:45Das sowieso und was Monti da erzählt, ist im Grunde genommen das,
- 27:49was wir eigentlich auch schon seit Jahren wissen, nämlich dass die AfD es erfolgreich
- 27:53schafft, immer wieder neue Wählerschichten auch anzusprechen.
- 27:56Also das sind einmal die überzeugten Rechtsextremen, die gab es ja schon immer.
- 27:59Wir hatten auch in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg in den 60ern die NPD
- 28:03im Landtag. Sollte man nicht vergessen.
- 28:05In Bremen war die DVU. Dann hatten wir nach der, in den 2000er Jahren hatten
- 28:09wir DVU in Sachsen-Anhalt, die NPD hier in MV und in Sachsen.
- 28:13Also das gab es immer wieder mal.
- 28:15Die AfD hat die aber alle gesammelt. Das sind sozusagen die Rechtsextreme,
- 28:18sind jetzt alle bei der AfD.
- 28:20Dann kommen die Menschen, die wirklich Probleme mit Migration haben und Migranten ablehnen.
- 28:25Das sind die einen, die Angst haben, die anderen, die wirklich Rassisten sind.
- 28:28Das ist so auch eine große Gruppe.
- 28:30Und dann gibt es diese große Gruppe, die einfach sich abgehängt fühlt,
- 28:33die sich vernachlässigt fühlt, ganz viel im ländlichen Raum, aber auch...
- 28:38In anderen Gegenden. Und jetzt zuletzt sind es eben die Menschen,
- 28:41die einfach völlig unzufrieden sind mit Parteien, mit Politik,
- 28:44massiver Vertrauensverlust, was die Regierung betrifft.
- 28:47Und das alles sammelt sich bei der AfD. Und deswegen steigt sie und steigt sie
- 28:52eigentlich permanent an.
- 28:54Und ja, genau, wir haben immer mal vor Jahren als Politikwissenschaftler gesagt,
- 28:57die ist jetzt sozusagen ausmobilisiert.
- 29:01Das habe ich jetzt gerade diese Woche für die letzte bundesweite Umfrage wieder gelesen.
- 29:05Die seien jetzt ausmobilisiert. Ja, mal schauen, ob sie tatsächlich ausmobilisiert
- 29:09sind, aber sie es nicht doch schaffen, doch wieder neue Menschen zu erreichen.
- 29:13Vor einigen Jahren haben Frauen keine AfD, kaum AfD gewählt.
- 29:17Mittlerweile hat sie in Sachsen-Anhalt auch fast 40 Prozent von Frauen erhalten.
- 29:23Also sie schaffen es einfach, die Menschen zu sammeln und von sich zu überzeugen.
- 29:29Wir sprechen ja auch immer davon oder versuchen dann zu analysieren,
- 29:33was jemand falsch gemacht hat.
- 29:35Jetzt gibt es ja aktuell jemanden, der offensichtlich auch etwas richtig macht.
- 29:39Und zwar ist das Manuela Schwesig. Da gab es ja einen rasanten Aufholkampf mit der AfD.
- 29:47Bei 37 Prozent liegt aktuell die AfD also immer noch vorne. Aber SPD hat aufgeholt.
- 29:53Manuela Schwesig ist hier die amtierende Ministerpräsidentin der SPD.
- 29:59Und wenn man sie direkt wählen könnte, dann kämen sie auf knapp 60 Prozent.
- 30:02Warum ist sie hier so beliebt? Also was macht sie richtig? Also erst mal hat
- 30:07sie einfach den Amtsinhaberbonus und ist einfach total bekannt.
- 30:10Und sie ist auch überall präsent.
- 30:12Sie reist durchs ganze Land, macht immer irgendwelche Bürgerdialoge,
- 30:15ist in den Medien immer präsent. Das ist das eine, dass sie einfach da ist und schon länger da ist.
- 30:20Das ist das, was Sven Schulze in Sachsen-Anhalt einfach gefehlt hat und anderswo.
- 30:24Und dann tritt sie immer auf, als ich bin für die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern
- 30:29da. Ich bin nicht für die SPD da.
- 30:32Sie legt sich ja auch mit der Bundesregierung, mit der Bundes-SPD an,
- 30:35nimmt andere Positionen ein und das kommt gut an.
- 30:37Also sie sagt, ich vertrete die Interessen der Menschen hier und das nimmt man
- 30:41ihr auch ab. Das sind, glaube ich, zwei ganz, ganz wesentliche Punkte,
- 30:46die für Manuela Schwesig sprechen. Und deswegen haben wir ein Kopf-an-Kopf-Rennen.
- 30:50Wir haben leider immer noch ungefähr 25 Prozent Unentschlossene.
- 30:53Bei den Umfragen hört man das eher selten, sodass wir tatsächlich aber auch
- 30:57noch nicht wissen, wie es ausgeht am Sonntag. Also es kann in alle möglichen
- 31:01Richtungen gehen. Wir wissen auch noch nicht, welche Parteien überhaupt im Landtag
- 31:05drin sind und welche Mehrheiten dann möglich sind.
- 31:08Alles noch sehr ungewiss. Aber
- 31:09Emanuela Schwesig ist die mit Abstand beliebteste Politikerin im Land.
- 31:14Und ich denke mal, oh Gott, denn die ist jetzt noch eine halbwegs junge Frau
- 31:18aus Ostdeutschland, charismatisch.
- 31:21Oh Gott, die werden die in die Bundespartei holen und dann geht die hier weg.
- 31:24Oh scheiße, also kurzfristig freue ich mich.
- 31:26Ja, das ist leider sehr möglich. Und die hätte noch viel mehr Stimmen,
- 31:29wenn nicht dahinter SPD wäre, hundertprozentig.
- 31:32Aber was ist, wenn so eine Leute weg sind? Und ich finde auch,
- 31:35für mich sind das ja sozusagen auch Leute, das meine ich ja auch mit,
- 31:38Es geht mir nicht um pauschales Politiker-Bashing, sondern es gibt hier echt
- 31:43viele Leute, die ich auch kenne, die sich den Arsch aufreißen.
- 31:47Die, glaube ich, aber nicht mehr das umgerissen kriegen, was Berlin verreist und was dann bitte ist.
- 31:52Ja, hier ist noch zwei Ergänzungen. Also einmal tritt sie auch ganz stark für
- 31:57gute Löhne, Soziales, Wirtschaft und Soziale. Das sind ihre Kompetenzen,
- 32:01das verkörpert sie auch und das nimmt man ihr auch ab.
- 32:03Und im Wahlkampf wird auch ganz stark auf sie gesetzt. Die SPD macht einen komplett
- 32:08personalisierten Wahlkampf.
- 32:10Auf vielen Wahlplakaten ist nur Manuela Schwesig zu sehen und man muss mit der
- 32:14Lupe oder man findet es gar nicht, das SPD-Logo.
- 32:17Also es ist tatsächlich so, ohne SPD hätte sie vielleicht noch mehr Stimmen
- 32:21und sie wird nicht gleich weggehen, aber wenn sie gewinnt hier,
- 32:24dann ist sie die nächste Kanzlerkandidatin der SPD. Das muss man...
- 32:29Da würde ich Geld drauf wetten. Wir waren nach der Wende das jüngste Bundesland.
- 32:32Jetzt sind wir mit das Älteste. Was das alles für Fragen bei einem Auftauchen
- 32:35auch im Kopf? Für mich in der Region, ja, ich sage mal zum Beispiel medizinische
- 32:39Versorgung. Meine Mutter ist Zahnärztin, die hat am Tag 60 bis 70 Patienten.
- 32:43Die würde sich über jeden Zahnarzt, der sich neu ansiedelt, freuen.
- 32:46Das wäre kein Konkurrenz, sondern Entlastung.
- 32:48Und du fragst dich dann, was bedeutet das in den nächsten 10,
- 32:5115, 20 Jahren? Auf ganz, ganz vielen Ebenen.
- 32:55Und da habe ich schon das Gefühl, dass das ein Mensch ist. Manuela Schwesig,
- 32:58die dafür brennt. Und ich hoffe...
- 33:01Und die versucht, eine positive Erzählung rüberzubringen. Sie sagt viel über
- 33:04Gemeinschaft. Wir müssen gemeinsam was für das Land machen.
- 33:08Sie erzählt auch viel über die positive wirtschaftliche Entwicklung.
- 33:12Also die Werften sind ausgelastet und hier gibt es jetzt Investitionen für...
- 33:16Heute wird sie bekannt geben, dass über eine Milliarde Auftrag hier in die Werft
- 33:21hier in Warnemünde kommt für Offshore- Windkraftanlagen.
- 33:25Es soll über 5 Milliarden Investitionen von der Lidl-Schwarzgruppe für ein großes
- 33:29Rechenzentrum nach MV kommen.
- 33:32Das sind positive Erzählungen, die sie einfach da entgegensetzt,
- 33:35um eben nicht in diese Depri-Stimmung zu verfeinern. Ich glaube,
- 33:37das ist was ganz Wichtiges auch für einen selbst.
- 33:39Deswegen meine ich, weißt du, wenn wir hier sitzen, guck mal,
- 33:41wo wir sitzen. Ich denke, ich bin im Paradies geboren worden.
- 33:45Und natürlich, wenn wir vorhin dieses Thema hatten mit, es gibt hier totale
- 33:49Jammerlappen. Ja, es gibt auch Leute, wenn ich die bei uns erkenne,
- 33:52die stehen mit zwei dicken Kahn vor dem Haus und fahren auch in Urlaub und heulen
- 33:56rum, als wenn sie hier im Kriegsgebiet leben.
- 33:58Also heult leise. Aber es gibt natürlich auch, sind wir gleichzeitig das Bundesland.
- 34:02Mit dem geringsten Einkommen. Also wir sind ein Bundesland mit zwei Gesichtern.
- 34:06Ich denke aber auch, und das ist ganz, ganz wichtig, man muss diese positiven
- 34:09Geschichten erzählen, denn ganz viele Leute lieben es ja auch hier zu leben.
- 34:12Ja, wir wollen hier nicht weg und es passieren ja auch ganz viele tolle Sachen
- 34:17und das zu wertschätzen...
- 34:20Wusste ich auch nicht immer. Ich habe gedacht, Demokratie, das ist das Selbstverständlichste
- 34:23der Welt. Wenn meine Eltern mir nach der Wende erzählt haben,
- 34:26ja, wie geil und dann konnten sie reisen, habe ich doch immer gedacht, das ist alles normal.
- 34:29Aber es ist alles keine Selbstverständlichkeit und wenn man irgendwie das so
- 34:33halbwegs dabei behalten will, dann muss man nicht schon auch selber den Arsch
- 34:37hochbekommen und sich nicht nur auf die Parteien verlassen.
- 34:39Christian, du warst ja hier schon eine Weile unterwegs und hast auch gedreht.
- 34:45Was war da so dein Eindruck? Hast du auch diese positiven Geschichten?
- 34:48Hast du die erlebt? Hast du die gesehen?
- 34:51Also ich glaube, es stimmt schon sehr, dass diese Diskrepanz krass da ist.
- 34:58Das Bundesland ist wunderschön. Da würde, glaube ich, jeder unterschreiben.
- 35:01Deswegen machen ja auch so viele Leute hier Urlaub. Es muss ja einen Grund dafür geben.
- 35:05Und obwohl die Preise echt sehr hoch sind, finde ich an der Küste.
- 35:09Also unfassbar hoch geradezu.
- 35:11Aber ihr seid auch in Wannemünde. Das ist hier der High-Society-Spot.
- 35:14Also in Jahren kriegt ihr schon wirklich...
- 35:17Sie waren noch beim Bäcker und haben geschwärmt, wie billig das Brötchen war.
- 35:22Das ist richtig. Es war eigentlich kein Brötchen, sondern es war so ein wahnsinnig
- 35:25leckerer, das nannte sich Obstbecher.
- 35:28Der hatte aber nur in der obersten Schicht ein ganz bisschen Obst und danach
- 35:32kam Sahne, Sahne und nochmal Sahne.
- 35:34War aber unfassbar lecker und war auch echt preiswert.
- 35:38Aber nochmal zurück zur Schönheit auf jeden Fall. Es gibt auch in Jamenecken,
- 35:41die wirklich wunderschön sind.
- 35:43Wir waren auf der Peene unterwegs mit deinem Boot und es ist jetzt nicht der,
- 35:47ich sag mal, der irrste Fluss der Erde, aber es ist der Amazonas des Nordens,
- 35:51sagt dein Vater offensichtlich immer. Und ein bisschen kann man das nachvollziehen.
- 35:55Es hat so ein Romantico-Feeling plötzlich.
- 35:59Und trotzdem spürt man aber auch, es ist wahnsinnig viel Leerstand.
- 36:05Und da sind wir auch wieder beim Problem, das ist ja nicht Mecklenburg-Vorpommern,
- 36:08das haben wir überall. Und ich komme nochmal zurück auf das,
- 36:10was Sie vorhin gesagt haben, wenn der Tabakladen in Frankreich zumacht,
- 36:13steigt die Attraktivität von extremen Parteien in diesem Ort.
- 36:17Ich glaube, das ist essentiell. Und ich habe das mit dir auch schon tausendmal besprochen.
- 36:21Die kleine Bar in Italien, wo man für einen Euro sein Espresso bekommt und dann
- 36:25kommen die Leute siebenmal am Tag rein, schnacken mal kurz, quatschen und haben
- 36:29sowas wie eine Gemeinschaft.
- 36:30In Jarmen schwierig, weil man läuft durch Straßen, Straßen, wo überall steht,
- 36:35geschlossen, zu vermieten.
- 36:37Hier war mal was, hier war mal was, aber hier ist nichts mehr.
- 36:41Und ich glaube, das ist das, was...
- 36:43Am Ende dann auch zu dieser Stimmung beiträgt, zumindest die wir überall spüren,
- 36:48die man in Jamen spürt, in Warnemünde spürt, in Sachsen-Anhalt spürt,
- 36:51aber eben auch, und das würde ich total unterschreiben,
- 36:53die spüren wir in Rheinland-Pfalz, in Hessen und in Bayern.
- 36:56Es ist kein Ost-West-Geschichte, sondern es ist das Gefühl, dass sich etwas
- 37:02total ändert und dass das etwas macht mit uns und dass das nicht gut für uns ist.
- 37:06Aber es ist auch nicht komplett abgehängtes Hinterland, sondern wenn man da
- 37:10durchfährt, das ist ein schöner Ort.
- 37:12Es ist zwei Minuten zum See, zwei Minuten zum Fluss und es gibt auch Geschäftseröffnungen.
- 37:15Ja, ich meine, es gibt so viele Geschäftseröffnungen, aber dass unser Bürgermeister
- 37:19immer zu jeder Geschäftseröffnung hingeht und Blumen bringt.
- 37:22Das ist was Schönes, aber es steht natürlich auch dafür, dass es nicht andauernd sind.
- 37:27Er hat noch Zeit für die Blumen. Genau, aber ich will nur sagen.
- 37:32Für mich ist das nicht dem Untergang geweiht, sondern man muss dafür kämpfen.
- 37:36Das ist glaube ich wirklich was für mich ganz ganz wichtiges,
- 37:39weil natürlich, ich meine Internet und sowas ist die Hölle und natürlich die
- 37:42ganzen Leute bestellen bei Amazon, okay wie sollen diese Läden denn da halten?
- 37:46Unser Schuhhaus Sorge, Peter, den gibt es noch, weil er da die Postpakete annehmen
- 37:51kann und so ein Kram alles.
- 37:52Also diese Fragen, die werden in den nächsten Jahren, Jahrzehnten an allen Orten,
- 38:00in Europa, der Welt, wie auch immer, meines Erachtens nach, aufkommen und dafür
- 38:03Antworten zu finden, das wäre was Tolles.
- 38:07Wenn ihr zum Beispiel über diese Bar sprechen, mein Traum ist es,
- 38:11wir sind ja da Boot gefahren und ich habe ja gesagt, da ist die alte Mühle.
- 38:14Das war der größte Arbeitgeber mit in Jam, die ist geschlossen worden.
- 38:19Nach 113 Jahren und die Leute waren völlig deprimiert, haben versucht eine Bürgerinitiative
- 38:24aufzubauen, waren ohnmächtig, haben es leider nicht geschafft.
- 38:27Und ich fand da immer dieser krasse Kontrast, der wunderschöne See,
- 38:30die leerstehende Mühle. Und ich denke immer, Alter, da ein Kulturraum, da eine Hafenkneipe.
- 38:36Weil wenn du was machst, also ein Kampfsportstudio, mir ganz egal,
- 38:40irgendwie das mit Leben füllen, wenn hier irgendein Millionär zuhört.
- 38:43Ich schwöre dir, wir werden Leute in Jam finden, die dieses Ding zum Glühen
- 38:47bringen. Ja, das meine ich nur. Vielleicht darf ich da nochmal reingrätschen. Sind Sie Millionär?
- 38:52Leider nein, leider nein. Also so viel verdient Universitätsprofessoren auch
- 38:56nicht. Ich habe Kinder, die studieren.
- 38:58Ich finanziere x Wohnungen in Deutschland sozusagen.
- 39:02Da bleibt gar nicht mehr viel übrig, auch nicht von einem Professorengehalt.
- 39:05Das gar nicht so hoch ist, wie viele Leute denken. Aber das ist ein anderes Thema.
- 39:08Nee, ich wollte zwei Sachen sagen. Also einmal kann ich mich erinnern,
- 39:11bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz hat die SPD Wahlwerbung gemacht mit Dorfkneipen erhalten.
- 39:18Viel zu spät, weil sie ja 30 Jahre lang in Rheinland-Pfalz regiert.
- 39:20Und dann macht man mit sowas Wahlwerbung, wenn eigentlich alles schon dicht macht.
- 39:24Und zweitens, und dann haben wir die AfD, die sagt, ja, wir haben eine Lösung für alles.
- 39:28Also irgendwie, mit uns wird alles besser, so wie früher alles schön war und deswegen wählt uns.
- 39:34Und da fragt dann auch keiner danach, wie wollen die das dann wirklich hinkriegen?
- 39:37Weil das haben sie auch nicht. Ich würde gerne, können wir noch eine Sache,
- 39:40weil das finde ich total wichtig. Eine Sache kurz besprechen,
- 39:42dass wir ein bisschen nochmal von Mecklenburg-Vorpommern auf die große weite
- 39:45Welt gucken. Es ist ja hier auch eine Hafenstadt, in der wir hier sind.
- 39:50Sie haben gesagt, die Demokratie wird von immer mehr Menschen als,
- 39:56ja, weiß ich nicht, was ist das eigentlich? Kein Problemlöser mehr.
- 40:00Kein Problemlöser mehr gesehen. Das ist ja ein riesiges Problem für die Demokratie
- 40:04und irgendwie auch für uns alle, für eine Gesellschaft, eine freie, offene Gesellschaft.
- 40:09Was kommt denn dann? Also wenn die Parteien, die aktuellen, die wir haben,
- 40:14von immer mehr Menschen offensichtlich nicht mehr als die Lösung gesehen werden,
- 40:18haben wir da etwas zu erwarten wie so eine revolutionäre Bewegung?
- 40:21Oder wird es so sein wie in manchen anderen europäischen Staaten,
- 40:24wo die alten Parteien ja abgelöst worden sind und neue Parteien gegründet wurden?
- 40:28Ist das so eine Geschichte, die auch in Deutschland kommt? Werden wir neue Parteien
- 40:31erleben mit neuen, keine Ahnung, ganz neuer Agenda und auch neuen Menschen,
- 40:38die dann im Vordergrund stehen?
- 40:39Um es auf den Punkt zu bringen, wir sehen weltweit den Aufstieg der extremen
- 40:43Rechten von Rechtspopulisten, die vor allen Dingen charismatische,
- 40:46starke Führungspersönlichkeiten in den Vordergrund stellen wollen.
- 40:51Ob Donald Trump eine charismatische Führungspersönlichkeit ist, wage ich zu bezweifeln.
- 40:55Aber es geht darum, einen starken Führer. Das ist das, was sich viele wünschen.
- 40:59Das sehen wir in ganz Lateinamerika sind jetzt mittlerweile rechte,
- 41:04extrem rechte Präsidenten gewählt worden. Wir haben Modi in Indien.
- 41:08Wir hatten hier eben Viktor Orban, der lange Jahre in Ungarn regiert hat.
- 41:12Das gibt dann aber auch ein bisschen Hoffnung. Ungarn als Beispiel,
- 41:16da ist er wieder abgewählt worden.
- 41:17Also es ist jetzt kein Determinismus, dass das immer in diese Richtung geht.
- 41:21Vielleicht sind das Wellenbewegungen und jetzt sind die Menschen gesättigt und
- 41:25Demokratie nehmen sie als selbstverständlich wahr, wie Monchi sagte.
- 41:28Ja, das wird gar nicht mehr wahrgenommen, was das für eine tolle Sache ist,
- 41:31dass man hier überall reisen kann, dass man seinen Mund aufmachen kann,
- 41:34ohne dass man ins Gefängnis gesteckt wird, dass man wählen kann überhaupt,
- 41:37dass man mitmachen kann.
- 41:39Das ist für die völlig belanglos, das interessiert viele Menschen nicht mehr
- 41:43und sie wollen lieber einen starken Mann, der sagt, wo es lang geht.
- 41:47Bevor wir jetzt gleich über einen Wechsel des Parteiensystems oder gar der Staatsform
- 41:53sprechen, nochmal eine Miniklammer zum Anfang, haben wir am Sonntag,
- 41:56sollte es eine weitere krachende Niederlage für die CDU geben.
- 42:01Haben wir da noch denselben Bundeskanzler, Professor Muno? Ja,
- 42:05wie ich auch quasi die ganze Zeit sagte, es braucht eine Alternative und aktuell
- 42:09will das ja niemand machen.
- 42:11Das ist ja wohl im Moment nicht so der beliebteste Job in Deutschland, Bundeskanzler.
- 42:15Und ja, wenn Wüst und die anderen, die in Frage kämen, eigentlich nur Wüst und
- 42:19Söder im Grunde genommen.
- 42:20Wenn beide auf jeden Fall sagen, nein, dann ist das jetzt erst mal nicht in
- 42:23Sicht, würde ich sagen. Dann haben wir einen angeschlagenen Bundeskanzler,
- 42:27der aber weitermachen wird und dass man ihn dann abwählt. Aber es wird massive
- 42:33Diskussionen innerhalb der CDU geben.
- 42:35Sollen wir die Brandmauer aufrechterhalten oder wie sollen wir doch mit der
- 42:39AfD zusammenarbeiten? Das wird ganz deutlich zunehmen, auf jeden Fall.
- 42:43Ich frage mich immer, was der so, also wie gesagt, ich finde auch echt ganz
- 42:47viele politische Sachen richtig schrecklich, was der auch gebracht hat jetzt.
- 42:52Und Versprechen gebrochen hat etc.
- 42:53Aber ich frage mich immer wirklich auf so einer ganz menschlichen Ebene,
- 42:57wenn der so mit seinen Leuten sitzt, vielleicht seinen engsten Freund oder so, seine Frau sitzt.
- 43:02Sitzt der und denkt, ja, das kriege ich wirklich noch umgerissen.
- 43:05Kriege ich das wirklich noch umgerissen? Das so wisst ihr. Aber manchmal ist
- 43:07das so Realitätsverleugnung.
- 43:09Also ein Kollege hat mir mal erzählt, der hat einen Vortrag gehalten vor Politikern
- 43:14und sagte dann, der beschäftigt sich mit Jugend und Politik und sagt,
- 43:17viele junge Männer vor allen Dingen, aber viele junge Menschen,
- 43:20da ist die AfD mittlerweile stärkste Partei.
- 43:23Und dann sagte da eine Politikerin von der CDU, oh nee, das glaubt sie nicht,
- 43:26weil sie kennt so ganz viele junge Leute, die in der Jungen Union sind.
- 43:29Und dann sagte mein Kollege, ja, das sind Zahlen, Fakten.
- 43:32Harte Daten, das stimmt so. Und sie, nee, das glaube ich aber nicht.
- 43:35Und trotzdem kann man den Job als Kanzler nicht machen, wenn man sagt,
- 43:37ich habe irgendwie aufgegeben. Ich glaube, dazu ist er zu hart.
- 43:40Eins muss er festhalten, das ist kein Job, den man mal eben so nebenbei macht.
- 43:43Das ist auf jeden Fall allein von der Arbeitsbelastung, von dem,
- 43:48jetzt mal gar nicht inhaltlich gesprochen, sondern alleine von den Stunden,
- 43:51die man da reinbuttern muss, von dem wenigen Schlaf, den man bekommt.
- 43:54Jemand Schlaues hat mal gesagt, die wichtigste Voraussetzung,
- 43:57um Spitzenpolitiker zu werden, ist, dass man mit drei Stunden Schlaf über die Runden kommt pro Nacht.
- 44:01Wenn man das nicht schafft, dann kann man es vergessen. Man muss sich über den
- 44:04Tag immer wieder so 15 Minuten Schläfchen holen.
- 44:08Insofern glaube ich, wenn man sich selbst aufgegeben hat und den Glauben daran
- 44:13aufgegeben hat, dass man es noch irgendwie reißen kann, wird es wahnsinnig eng.
- 44:17Auf jeden Fall definitiv kein Job für mich, was Schlaf.
- 44:22Es gab heute sehr viel zu besprechen. Es wird auch nach Sonntag viel zu besprechen
- 44:26geben, wenn nicht sogar noch mehr.
- 44:29Noch ein kleiner Hinweis auf die Wahlberichterstattung. Ab 17.30 Uhr kann man
- 44:34sich das live im ZDF anschauen aus dem Wahlstudio in Schwerin.
- 44:39Und an der Stelle sage ich herzlichen Dank an die Runde Jan Gorkow,
- 44:44besser bekannt als Monschi, Sänger der Feine Sahne, äh,
- 44:47der Band Feine Sahne, nicht Sänger der Feinen Sahne, Sänger der Band Feine Sahne
- 44:52Fischfilet und Autor und an Wolfgang Munow, Politikwissenschaftler von der Uni
- 44:57Rostock und natürlich auch an dich, Christian. Danke dir, Helene.
- 45:00Vielen Dank und dir noch eine gute Sendung heute Abend und an alle da draußen
- 45:04herzlichen Dank fürs Zuhören oder fürs Zuschauen.
- 45:07Wir freuen uns total, wenn euch das gefallen hat, wenn ihr uns weiterempfehlt,
- 45:10uns abonniert, uns ein Like dalasst oder
- 45:13auch Feedback schickt an heutejournal-podcast.rzdf.de oder als Kommentar.
- 45:18Danke und bis nächste Woche.