Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 5 - 358-360
Transcript
- 0:00Unterkapitel 358 der Bauernaufstand des Geistes in
- 0:06diesem Kapitel beschreibt Nietzsche die Reformation, also
- 0:09die von Martin Luther angestoßene Kirchenspaltung im
- 0:1216 Jahrhundert, als einen Bauernaufstand des Geistes.
- 0:16Diese Formulierung ist bewusst provokant gewählt, Nietzsche
- 0:20beginnt mit der Beschreibung Europas als eine riesige
- 0:22Ruinenlandschaft, die größte und beeindruckendste Ruine darin sei
- 0:26die Kirche. Der Glaube an Gott und an das
- 0:29christliche Ideal eines Enthaltsamen, asketischen Lebens
- 0:32sei erschüttert und kämpfe seinen letzten Kampf ein so
- 0:36langlebiges und komplexes Bauwerk wie das Christentum, das
- 0:39er als den letzten Römerbau bezeichnet, könne natürlich
- 0:42nicht über Nacht zerstört werden, das Wunderliche sei
- 0:45jedoch, so Nietzsche, dass ausgerechnet die Deutschen, die
- 0:48sich am meisten bemüht hätten, das Christentum zu bewahren, zu
- 0:52seinen größten Zerstörern wurden.
- 0:54Er meint damit die Reformation. Die Deutschen, so seine These,
- 0:58hätten das Wesen der Kirche nie wirklich verstanden, weil ihnen
- 1:02der nötige geistige Tiefgang und das Misstrauen gefehlt hätten.
- 1:06Die Kirche, wie sie vor der Reformation existierte, basierte
- 1:09für Nietzsche auf einem südländischen, freieren und
- 1:12geistig überlegenen Denken, sie ruhte auf einem tiefen
- 1:15Misstrauen gegenüber der Natur, dem Menschen und dem Geist
- 1:18selbst, einer Weisheit, die dem Norden fremd war.
- 1:22Die Reformation Luthers war für Nietzsche eine Revolte der
- 1:25Einfalt gegen die Komplexität. Es war ein grobes bäuerliches
- 1:29Missverständnis. Luther sah in der prunkvollen
- 1:32und weltgewandten Renaissancekirche nur Verfall
- 1:35und Korruption, weil er die vornehme Skepsis und die
- 1:37Toleranz, die sich eine selbstbewusste Macht leisten
- 1:40kann, nicht verstand. Nietzsche beschreibt dann
- 1:43detailliert, was Luther seiner Meinung nach zerstört hat.
- 1:47Erstens, er lieferte die heiligen Schriften, die Bibel an
- 1:51jedermann aus. Dadurch fielen sie in die Hände
- 1:54von Philologen, also Sprachwissenschaftlern, die
- 1:57durch ihre kritische Analyse jeden Glauben zerstören, der auf
- 2:01Büchern basiert. Zweitens, er zerstörte den
- 2:04Begriff der Kirche, indem er den Glauben an die Inspiration der
- 2:08Konzilien, also der Kirchenversammlungen, verwarf.
- 2:12Für Nietzsche behält der Begriff Kirche nur dann seine Kraft,
- 2:15wenn man glaubt, dass der Geist Gottes in ihr Fortlebt und
- 2:18weiter baut, drittens. Er gab dem Priester die Ehe mit
- 2:22einer Frau zurück. Damit nahm er ihm aber seine
- 2:24besondere, übermenschliche Stellung, die Ehrfurcht des
- 2:28Volkes vor dem Priester beruhte zu einem großen Teil auf dessen
- 2:31sexueller Enthaltsamkeit, Luther schaffte auch die Ohrenbeichte
- 2:35ab und nahm dem Priester damit seine wichtigste Funktion als
- 2:38Heiliges Ohr, als stiller Zeuge für die Geheimnisse der Menschen
- 2:42hinter dem Motto Jedermann sein eigener Priester verbarg sich
- 2:46laut Nietzsche. Luthers Abgrundtiefer Hass auf
- 2:49den höheren Menschen, wie ihn die Kirche verkörperte.
- 2:53Luther zerschlug ein Ideal, dem er selbst nicht genügen konnte.
- 2:57Seine Reformation war im Grunde ein Bauernaufstand innerhalb der
- 3:00kirchlichen Ordnung. Nietzsche schließt mit der
- 3:03Feststellung, dass die Reformation zwar auch positive
- 3:06Folgen hatte, wie die Förderung der modernen Wissenschaft, aber
- 3:10sie führte auch zu einer Verflachung des europäischen
- 3:12Geistes, besonders im Norden. Die Kirche sei trotz allem eine
- 3:17vornehmere Institution als der Staat, weil sie den geistigeren
- 3:20Menschen den obersten Rang sichert und an die Macht des
- 3:24Geistes glaubt, anstatt rohe Gewalt anzuwenden.
- 3:28Unterkapitel 359 die Rache am Geist und andere Hintergründe
- 3:34der Moral in diesem sehr psychologischen Abschnitt
- 3:38untersucht Nietzsche die verborgenen Motive hinter der
- 3:41Moral. Er fragt, wer eigentlich die
- 3:43eifrigsten Verteidiger der Moral sind.
- 3:46Seine Antwort ist, oft sind es missredene Menschen, er meint
- 3:51damit Personen, die nicht genug Geist besitzen, um sich daran zu
- 3:54erfreuen, aber gerade genug Bildung haben, um diesen Mangel
- 3:58zu erkennen, sie sind gelangweilt, unzufrieden mit
- 4:01sich selbst und werden von Neid und Rachsucht geplagt für einen
- 4:05solchen durch und durch vergifteten Menschen, so
- 4:08Nietzsche, wird alles zu Gift, Geist, Bildung.
- 4:12Besitz und sogar die Einsamkeit, um sich selbst besser zu fühlen
- 4:16und sich an den geistig überlegenen zu rächen, greifen
- 4:19diese Menschen zur Moral. Sie verstecken sich hinter
- 4:22großen Worten wie Gerechtigkeit, Weisheit, Heiligkeit und Tugend.
- 4:27Sie inszenieren sich als moralisch überlegen, um ihre
- 4:30eigene Unzulänglichkeit zu kaschieren.
- 4:33Nietzsche nennt dies eine Form der Rache am Geist.
- 4:36Manchmal, so räumt er ein. Können aus solchen Feinden des
- 4:39Geistes tatsächlich außergewöhnliche
- 4:41Persönlichkeiten hervorgehen, die vom Volk als Heilige oder
- 4:44Weise verehrt werden? Der Heilige Augustin, eine
- 4:47zentrale Figur des Christentums, sei ein Beispiel dafür.
- 4:51Nietzsche weitet seine Analyse dann auf Philosophen aus, der
- 4:55Anspruch auf Weisheit, den viele Philosophen erheben, sei oft
- 4:58nichts anderes als ein Versteck, ein Philosoph könnte sich hinter
- 5:02der Fassade der Weisheit verstecken, weil er müde, alt
- 5:06oder verhärtet ist Die Weisheit wird dann zu einem Schutzschild
- 5:10gegen den lebendigen, fordernden Geist.
- 5:13Es ist eine Flucht in die Ruhe und Einsamkeit kurz vor dem Ende
- 5:17des Lebens. Nietzsche stellt am Ende die
- 5:19provokante Frage, wie Weisheit ein Versteck des Philosophen vor
- 5:25dem Geiste, damit will er sagen, dass die Moral und sogar die
- 5:30Suche nach Weisheit nicht immer aus edlen Motiven entspringen.
- 5:34Oft sind sie nur ein Werkzeug für die Schwachen, um sich an
- 5:37den starken und geistreichen zu rächen oder ein bequemes
- 5:40Versteck für jene, die dem anstrengenden Leben des Geistes
- 5:43nicht mehr gewachsen sind. Nietzsche fordert uns auf, immer
- 5:47hinter die Fassade der Moral zu blicken und nach den wahren, oft
- 5:51unschönen psychologischen Triebkräften zu fragen.
- 5:55Unterkapitel 360 2 Arten Ursache, die man verwechselt.
- 6:02In diesem Abschnitt möchte Nietzsche eine weit verbreitete
- 6:04Verwechslung aufklären. Wenn wir über die Gründe unseres
- 6:07Handelns nachdenken. Er sagt, Wir müssen zwischen 2
- 6:11verschiedenen Arten von Ursachen unterscheiden.
- 6:14Die erste Art von Ursache ist, wie eine aufgestaute,
- 6:16angespannte Energie in uns, man kann sie sich wie das
- 6:19Schießpulver in einem Fass vorstellen, es ist eine Kraft,
- 6:23die einfach da ist und darauf wartet, freigesetzt zu werden
- 6:27und für irgendetwas verbraucht zu werden.
- 6:29Diese Kraft hat noch keine bestimmte Richtung, sie will
- 6:32einfach nur wirken. Nietzsche nennt dies die
- 6:35eigentliche Ursache des Handelns, die treibende Kraft,
- 6:39die zweite Art von Ursache ist viel kleiner und oft zufällig
- 6:43wie ein Funke oder ein brennendes Streichholz, das an
- 6:46das Pulverfass gehalten wird. Dieser kleine Funke löst die
- 6:50große Explosion aus, solche Funken sind für uns die
- 6:53sogenannten Zwecke, Ziele oder auch unsere Berufe im Leben.
- 6:58Wir denken oft, dass unser Ziel oder unser Beruf die große
- 7:01treibende Kraft hinter unserem Handeln ist.
- 7:03Aber Nietzsche sagt, Das ist ein Irrtum.
- 7:06Das Ziel ist nur der kleine, zufällige Auslöser, der der
- 7:09bereits vorhandenen Energie eine bestimmte Richtung gibt.
- 7:12Es ist nicht der Motor selbst, sondern nur der Steuermann, der
- 7:15das Ruder in eine bestimmte Richtung einschlägt.
- 7:18Wir verwechseln also ständig den Dampf im Kessel mit der Hand am
- 7:21Steuer, der Dampf ist die wahre Kraft, die das Schiff antreibt.
- 7:26Während der Steuermann nur die Richtung vorgibt, oft, so
- 7:29Nietzsche, ist das Ziel, dass wir uns setzen.
- 7:31Nicht einmal ein bewusster Steuermann.
- 7:34Es ist eher eine nachträgliche Ausrede unserer Eitelkeit.
- 7:37Wir wollen nicht zugeben, dass unser Lebensschiff einfach von
- 7:40einer Strömung erfasst wurde, in die es zufällig geraten ist.
- 7:44Stattdessen behaupten wir stolz, ich wollte genau dorthin fahren.
- 7:48Zusammengefasst kritisiert Nietzsche die Vorstellung, dass
- 7:51unsere Ziele die tiefen Gründe für unser Handeln sind Die
- 7:55eigentliche Ursache ist eine innere, angestaute Energie und
- 7:58die Ziele sind oft nur zufällige Auslöser, die dieser Energie
- 8:01eine Richtung geben. Das Konzept des Zwecks muss
- 8:05daher kritisch hinterfragt werden.