Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Achtes Hauptstück - 461-469
Transcript
- 0:00Unterkapitel 466 Fürst und Gott Menschen verhalten sich
- 0:07gegenüber ihren Fürsten oder Herrschern oft ähnlich wie
- 0:09gegenüber ihrem Gott. Früher war der Fürst oft auch
- 0:13der Vertreter Gottes oder der oberste Priester, das erzeugte
- 0:17eine Mischung aus Ehrfurcht, Angst und Scham.
- 0:20Nietzsche meint, dass dieses Gefühl heute schwächer geworden
- 0:22ist. Aber manchmal flammt es noch auf
- 0:25und heftet sich an mächtige Personen, auch die Verehrung von
- 0:28Genies. Außergewöhnlich begabten
- 0:30Menschen ist nur ein Überbleibsel dieser alten Götter
- 0:33und Fürstenverehrung, wo immer man versucht, einzelne Menschen
- 0:37übermenschlich groß erscheinen zu lassen, neigt man
- 0:40gleichzeitig dazu, das normale Volk als viel roher und
- 0:43niedriger darzustellen, als es in Wirklichkeit ist.
- 0:48Unterkapitel 462 meine Utopie. Nietzsche skizziert hier kurz
- 0:55eine Vorstellung von einer besseren Gesellschaftsordnung,
- 0:57die er meine Utopie nennt. Eine Utopie ist eine
- 1:01Wunschvorstellung von einer idealen Welt in dieser besseren
- 1:05Ordnung sollte die schwere und grobe Arbeit von denjenigen
- 1:08Menschen erledigt werden, die am wenigsten darunter leiden, das
- 1:13sind für Nietzsche die Stumpferen weniger sensiblen
- 1:15Menschen, je sensibler und Empfindsamer ein Mensch ist,
- 1:19desto leichter sollte seine Arbeit sein.
- 1:22Die höchsten und feinsten Menschen leiden am stärksten
- 1:25unter Härte und Not. Deshalb sollten sie selbst dann,
- 1:28wenn das Leben insgesamt leichter wird, immer noch die
- 1:31leichteste Arbeit haben. Die Last soll also nach der
- 1:34Empfindlichkeit für Leid verteilt werden, unter Kapitel
- 1:40463 ein Wahn in der Lehre vom Umsturz es gibt Menschen, die
- 1:46Glauben an einen völligen Umsturz, also an eine
- 1:49Revolution, sie sind politische Träumer.
- 1:52Sie denken, wenn man die alte Ordnung zerstört, würde sich von
- 1:56selbst eine stolze, schöne und gute Menschheit erheben.
- 1:59Nietzsche nennt diesen Glauben einen Wahn, er führt ihn auf den
- 2:03Philosophen Jean Jacques Rousseau zurück, Rousseau
- 2:06glaubte an eine ursprüngliche Güte der menschlichen Natur, die
- 2:09angeblich nur durch Kultur und Institutionen verschüttet wurde,
- 2:13Nietzsche widerspricht dem entschieden, er sagt,
- 2:16historische Erfahrungen zeigen, dass bei einem Umsturz nicht das
- 2:20Gute zum Vorschein kommt. Sondern die wildesten und
- 2:23schrecklichsten Energien aus längst vergangenen Zeiten.
- 2:26Eine Revolution kann einer müden Menschheit zwar Kraft geben,
- 2:30aber sie kann niemals Kultur aufbauen oder ordnen, er stellt
- 2:34Rousseau den Denker Voltaire gegenüber, Voltaire stand für
- 2:38die Aufklärung, für Vernunft, ordnen und reinigen, Rousseau
- 2:42hingegen stand für Leidenschaft und Halbwahrheiten, der Geist
- 2:47der Aufklärung, also der langsame Fortschritt durch
- 2:50Vernunft. Wurde durch den revolutionären
- 2:52Geist vertrieben. Nietzsche fordert dazu auf,
- 2:55diesen Geist der Aufklärung und der Entwicklung wieder
- 2:58zurückzuholen, anstatt auf gewaltsame Umstürze zu hoffen.
- 3:02Unterkapitel 464 Maß in diesem Abschnitt beschäftigt sich
- 3:10Nietzsche mit der Auswirkung des freien Denkens auf das Handeln
- 3:13eines Menschen. Er stellt fest, dass eine
- 3:16vollkommene Entschlossenheit im Denken und Forschen, also die
- 3:20geistige Haltung eines sogenannten Freigeistes, eine
- 3:23Mäßigung im praktischen Handeln zur Folge hat.
- 3:26Ein Freigeist ist hierbei jemand, der sich von
- 3:28traditionellen Vorurteilen und Autoritäten gelöst hat und
- 3:31selbstständig denkt. Nietzsche erklärt, dass diese
- 3:35Mäßigung daher kommt, dass das freie Denken, die Gier und das
- 3:38ungestüme Verlangen nach Dingen abschwächt.
- 3:41Wer viel nachdenkt und die Hintergründe der Welt erforscht,
- 3:44erkennt die Zusammenhänge besser.
- 3:46Dadurch zieht der Mensch viel von seiner vorhandenen Energie
- 3:49an sich, um sie für geistige Ziele zu nutzen, anstatt sie für
- 3:53impulsive Taten zu verschwenden. Ein wesentlicher Punkt ist
- 3:56hierbei die Erkenntnis des Freigeistes, dass plötzliche und
- 3:59radikale Veränderungen oft gefährlich sind.
- 4:03Er sieht, dass viele Dinge, die man vielleicht sofort umstürzen
- 4:06möchte, nicht einfach nur schlecht oder unnütz sind.
- 4:09Stattdessen erkennt er, dass vieles Halbnützlich ist, also
- 4:13gewisse Vorteile hat oder unnütze Dinge vielleicht doch
- 4:17einen kleinen Zweck erfüllen, weil er diese Graustufen und die
- 4:20Komplexität der Welt sieht, anstatt alles nur in gut und
- 4:23böse einzuteilen, handelt er vorsichtiger und mäßiger als
- 4:27andere Unterkapitel 465 Auferstehung des Geistes.
- 4:35Nietzsche beschreibt hier ein Phänomen, das Auftritt, wenn ein
- 4:38Staat oder ein Volk politisch geschwächt ist.
- 4:41Er vergleicht die Situation eines Volkes mit einem
- 4:44Krankenbett. Wenn ein Volk politisch keine
- 4:46Macht mehr hat und sozusagen krank ist, geschieht etwas
- 4:50Erstaunliches, das Volk verjüngt sich selbst und findet seinen
- 4:54Geist wieder mit Geist meint Nietzsche hier die kulturelle
- 4:58und intellektuelle Kraft. Die oft verloren geht, wenn ein
- 5:01Volk zu sehr damit beschäftigt ist, macht zu suchen und zu
- 5:05behaupten, solange ein Staat mächtig ist und nach außen hin
- 5:08Stärke demonstriert, wird die Energie in diese Machtpolitik
- 5:11gesteckt. Wenn diese macht aber zerbricht
- 5:14oder schwindet, wird die Energie frei für die Kultur.
- 5:18Nietzsche behauptet, dass die Kultur ihre allerhöchsten
- 5:21Leistungen genau diesen Zeiten verdankt, in denen die
- 5:23politische Macht geschwächt war. Die Auferstehung des Geistes ist
- 5:27also der Moment, in dem Kunst, Philosophie und Wissenschaft
- 5:31aufblühen, weil die Politik nicht mehr alle Kraft
- 5:34absorbiert. Unterkapitel 466 neue Meinungen
- 5:40im alten Hause in diesem Abschnitt verwendet Nietzsche
- 5:45ein bildhaftes Gleichnis, um das Verhältnis von Meinungen zu
- 5:48gesellschaftlichen Institutionen zu erklären.
- 5:51Er sagt, dass der Umsturz von Meinungen.
- 5:53Also wenn Menschen anfangen, neu und anders zu denken, nicht
- 5:57sofort dazu führt, dass auch die Institutionen umgestürzt werden.
- 6:00Institutionen sind hierbei feste gesellschaftliche Einrichtungen
- 6:04wie der Staat, die Kirche oder Gesetze.
- 6:07Nietzsche beschreibt es so, die neuen Meinungen ziehen in das
- 6:11alte Haus ein, das alte Haus steht für die veralteten
- 6:14Institutionen, die eigentlich nicht mehr zu den neuen Gedanken
- 6:17passen, dieses Haus ist vielleicht schon verödet, also
- 6:21leer und ungemütlich. Und wirkt unheimlich, weil der
- 6:25Geist, der es einst erbaut hat, nicht mehr da ist.
- 6:28Dennoch wohnen die neuen Meinungen eine lange Zeit in
- 6:31diesem alten Haus. Der Grund dafür ist die
- 6:35Wohnungsnot, das bedeutet, es gibt noch keine neuen Strukturen
- 6:39oder Institutionen, die zu den neuen Meinungen passen würden,
- 6:42deshalb erhalten die neuen Gedanken die alten Strukturen
- 6:45erst einmal am Leben und konservieren sie einfach, weil
- 6:49sie sonst keinen Ort hätten, an dem sie existieren könnten.
- 6:53Der geistige Wandel geht also dem tatsächlichen strukturellen
- 6:56Wandel weit voraus. Unterkapitel 467 Schulwesen
- 7:04Nietzsche äußert sich hier kritisch über das Bildungssystem
- 7:07in großen Staaten, er stellt die These auf, dass das Schulwesen
- 7:10in großen Staaten immer höchstens mittelmäßig sein wird.
- 7:14Um dies zu begründen, nutzt er einen Vergleich aus der Küche.
- 7:17Er sagt das Schulwesen in großen Staaten ist aus demselben Grund
- 7:21mittelmäßig, aus dem in großen Küchen, also in Großküchen oder
- 7:25Kantinen, das Essen bestenfalls mittelmäßig gekocht wird, wenn
- 7:29man für sehr viele Menschen gleichzeitig etwas bereitstellen
- 7:32muss, kann man nicht auf individuelle Bedürfnisse
- 7:34eingehen oder höchste Qualität liefern, man muss einen Standard
- 7:38finden, der für die Masse funktioniert, und dieser
- 7:41Standard ist zwangsläufig Durchschnitt.
- 7:43Genauso verhält es sich laut Nietzsche mit der Bildung.
- 7:47Wenn sie für die Massen in einem großen Staat organisiert wird,
- 7:50verliert sie an Qualität und Tiefe und bleibt auf einem
- 7:53mittleren Niveau stecken. Unter Kapitel 468 unschuldige
- 8:00Corruption in diesem kurzen Abschnitt spricht Nietzsche über
- 8:05den Verfall von Institutionen, die nicht kritisiert werden, er
- 8:09nennt dies unschuldige Korruption, damit meint er nicht
- 8:13unbedingt böswillige Bestechung, sondern eher ein langsames
- 8:16Verfaulen. Oder schlechter werden von
- 8:19Zuständen. Nietzsche sagt, dass in allen
- 8:21Instituten, in die keine scharfe Luft der öffentlichen Kritik
- 8:25Hineinweht, eine solche Korruption wächst wie ein Pilz,
- 8:28wenn Einrichtungen wie Gelehrtenkörperschaften, also
- 8:31Vereinigungen von Wissenschaftlern oder Senate,
- 8:34nicht von außen kritisch betrachtet und hinterfragt
- 8:36werden, beginnen sie, sich zum Schlechten zu entwickeln.
- 8:40Die scharfe Luft steht hier für die notwendige Überprüfung und
- 8:43das Infragestellen durch die Öffentlichkeit, die wie frischer
- 8:46Wind wirkt und das Wachstum dieses Pilzes der Korruption
- 8:49verhindert. Fehlt diese Kritik, werden die
- 8:52Institutionen von innen heraus marode, ohne dass die
- 8:55Beteiligten es unbedingt böse meinen, daher unschuldig
- 9:00Unterkapitel 469 Gelehrte als Politiker.
- 9:07Nietzsche betrachtet hier die Rolle von Wissenschaftlern oder
- 9:09Gelehrten, die in die Politik gehen.
- 9:12Er weist Ihnen eine sehr spezifische, fast schon
- 9:14tragikomische Rolle zu, wenn Gelehrte zu Politikern werden,
- 9:18so Nietzsche, erhalten sie gewöhnlich die komische Rolle,
- 9:21das gute Gewissen einer Politik sein zu müssen, das bedeutet,
- 9:26dass die eigentliche Machtpolitik oft hart und
- 9:28vielleicht moralisch fragwürdig ist.
- 9:30Der Gelehrte, der nun Politiker ist, dient dazu, dieser Politik
- 9:34einen intellektuellen und moralischen Anstrich zu geben.
- 9:38Er soll mit seinem Wissen und seinem Ruf dafür sorgen, dass
- 9:40die Politik vernünftig und gerecht wirkt, auch wenn sie es
- 9:43vielleicht gar nicht ist. Er wird also benutzt, um das
- 9:47Handeln der Machtpolitiker vor dem Volk oder der Geschichte zu
- 9:50rechtfertigen.