Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Fünftes Hauptstück - 255-259
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- 0:00Unterkapitel 255 Aberglauben im gleichzeitigen Nietzsche
- 0:08kritisiert hier eine bestimmte Form des Aberglaubens, den
- 0:11Glauben an die Bedeutung von gleichzeitigen Ereignissen.
- 0:14Viele Menschen glauben, dass Dinge zusammenhängen, nur weil
- 0:17sie zur selben Zeit passieren, ein Beispiel, ein Verwandter
- 0:21stirbt in der Ferne und genau zur gleichen Zeit träumen wir
- 0:24von ihm, die Leute sagen dann aha.
- 0:28Das muss eine telepathische Verbindung sein.
- 0:31Nietzsche entkräftet das, Abertausende von Verwandten
- 0:34Sterben und Abertausende von Menschen träumen jede Nacht von
- 0:38irgendetwas. Es ist reine Statistik, dass
- 0:41diese beiden Ereignisse manchmal zufällig zusammenfallen, es ist
- 0:45wie bei Schiffbrüchigen, die Gelübde ablegen, wenn sie in Not
- 0:48sind, wenn sie gerettet werden, sieht man später im Tempel
- 0:52dankestafeln, wo Tieftafeln. Aber niemand zählt die vielen
- 0:56Menschen, die trotz ihrer Gelübde ertrunken sind.
- 0:59Genauso ist es, wenn ein Mensch stirbt und gleichzeitig eine
- 1:02Eule krächzt oder eine Uhr stehen bleibt.
- 1:05Die Menschen wollen unbedingt einen Zusammenhang sehen, eine
- 1:08solche Vertraulichkeit mit der Natur, als ob die Natur uns
- 1:11Zeichen geben würde, schmeichelt dem Menschen, er fühlt sich
- 1:15dadurch wichtig. Nietzsche stellt fest, dass
- 1:18dieser Aberglaube heute in einer verfeinerten Form immer noch
- 1:21existiert, sogar bei Historikern und Kulturforschern.
- 1:25Diese Gelehrten haben oft eine Abneigung gegen den Zufall.
- 1:29Sie wollen nicht akzeptieren, dass im Leben von Völkern und
- 1:31einzelnen viele Dinge einfach sinnlos nebeneinander herlaufen,
- 1:35ohne tiefere Verbindung. Sie versuchen krampfhaft
- 1:38Zusammenhänge zu konstruieren, wo keine sind, Unterkapitel, 256
- 1:46das können nicht das Wissen durch die Wissenschaft geübt.
- 1:51In diesem Abschnitt beschäftigt sich Nietzsche mit dem Wert der
- 1:54Wissenschaft für den Menschen. Er stellt eine interessante
- 1:57These auf, der eigentliche Nutzen der Wissenschaft liegt
- 2:00nicht unbedingt in den reinen Fakten oder dem Wissen, das wir
- 2:03ansammeln, viel wichtiger ist das können, also die
- 2:07Fähigkeiten, die wir durch das wissenschaftliche Arbeiten
- 2:10erlernen. Nietzsche argumentiert, dass der
- 2:13Wert davon eine Zeit lang streng wissenschaftlich gearbeitet zu
- 2:16haben, nicht in den Ergebnissen selbst liegt.
- 2:19Er vergleicht das wissenschaftliche Wissen mit
- 2:21einem riesigen Meer. Die kleinen Entdeckungen, die
- 2:24ein einzelner Mensch macht, sind im Vergleich zu diesem Ozean nur
- 2:28ein verschwindend kleiner Tropfen, sie fallen kaum ins
- 2:31Gewicht, aber, so sagt Nietzsche, der Prozess des
- 2:34Forschens bringt dem Menschen einen persönlichen Gewinn durch
- 2:38die strenge wissenschaftliche Arbeit steigert der Mensch seine
- 2:40Energie, er verbessert seine Fähigkeit, logische Schlüsse zu
- 2:44ziehen, er lernt zäh und ausdauernd an einer Sache
- 2:47dranzubleiben. Vor allem aber lernt er, wie man
- 2:50ein Ziel auf einem zweckmäßigen Weg erreicht.
- 2:53Das bedeutet, er lernt, wie man Dinge effizient und sinnvoll
- 2:55plant und umsetzt. Nietzsche zieht daraus den
- 2:59Schluss, dass es sehr wertvoll ist, zumindest einmal im Leben
- 3:02ein wissenschaftlicher Mensch gewesen zu sein.
- 3:05Diese Erfahrung schult den Geist und den Charakter, diese
- 3:09Fähigkeiten helfen einem später bei allem, was man tut, auch
- 3:12wenn man nicht mehr in der Wissenschaft arbeitet, es ist
- 3:15also eine Schule für das Denken und Handeln im Allgemeinen.
- 3:19Unterkapitel 257 Jugendreiz der Wissenschaft hier beschreibt
- 3:27Nietzsche, wie sich das Gefühl des Forschers gegenüber der
- 3:30Wahrheit im Laufe der Zeit verändert.
- 3:32Er spricht von einem Jugendreiz, also einer Begeisterung, die
- 3:36typisch für junge Wissenschaften oder junge Forscher ist.
- 3:39Am Anfang, so erklärt Nietzsche, hat das Suchen nach der Wahrheit
- 3:43einen besonderen Reiz, die Wahrheit hebt sich stark und
- 3:46glänzend von den alten Irrtümern ab.
- 3:48Die oft grau und langweilig geworden sind.
- 3:51Man jagt der Wahrheit hinterher wie einem schönen Mädchen, man
- 3:55ist verliebt in das Entdecken, aber Nietzsche stellt die Frage,
- 3:59was passiert, wenn dieser erste Reiz verfliegt, was geschieht,
- 4:03wenn die Wissenschaft älter wird oder der Forscher selbst in die
- 4:06Jahre kommt. Er benutzt ein Bild, was, wenn
- 4:10die Wahrheit eines Tages nicht mehr wie ein schönes Mädchen
- 4:13aussieht, sondern wie eine Ältliche, mürrisch blickende
- 4:16Frau? Nietzsche weist darauf hin, dass
- 4:19in fast allen Wissenschaften die grundlegenden großen Einsichten
- 4:23entweder schon in der Anfangszeit gefunden wurden oder
- 4:26gerade noch gesucht werden. Das ist die Zeit der großen
- 4:30Entdeckungen, aber später, wenn das Wesentliche bereits bekannt
- 4:33ist, bleibt für den Forscher nur noch eine sogenannte
- 4:36Herbstnachlese übrig, das bedeutet, er kann nur noch die
- 4:41Reste einsammeln, die nach der großen Ernte übrig geblieben
- 4:44sind, er muss sich mit Details und Kleinigkeiten beschäftigen.
- 4:48Dieses Gefühl, nur noch Reste zu sammeln, kann enttäuschend sein.
- 4:52Nietzsche erwähnt hierbei, dass man dieses Gefühl besonders gut
- 4:55kennenlernen kann, wenn man sich mit bestimmten historischen
- 4:58Fächern beschäftigt, wo die großen Zusammenhänge oft schon
- 5:01geklärt sind und nur noch mühsame Detailarbeit wartet.
- 5:05Der ursprüngliche Zauber der Wissenschaft verblasst dann
- 5:09Unterkapitel 258 die Statue der Menschheit.
- 5:15In diesem Unterkapitel verwendet Nietzsche ein starkes Bild aus
- 5:18der Kunst, um zu erklären, wie Kultur entsteht.
- 5:21Er nennt den Genius der Kultur ein Genius ist in diesem Sinne
- 5:26ein schöpferischer Geist oder eine treibende Kraft, die die
- 5:28Entwicklung der Menschheit formt.
- 5:31Nietzsche vergleicht diesen Prozess mit einer berühmten
- 5:33Geschichte über den italienischen Bildhauer
- 5:35Benvenuto Cellini, als Cellini seine berühmte Statue des
- 5:40Perseus aus Bronze gießen wollte, drohte die flüssige
- 5:42Metallmasse nicht ausreichend. Es war zu wenig Material da.
- 5:47In seiner Not warf Cellini alles in den Schmelztiegel, was er
- 5:50finden konnte, Schüsseln, Teller und was ihm sonst noch in die
- 5:53Hände fiel, egal ob es wertvolles oder billiges
- 5:56Material war, Hauptsache, die Form wurde voll.
- 6:00Genauso, sagt Nietzsche, verhält es sich mit der Kultur und der
- 6:04Menschheit, der Genius der Kultur nimmt nicht nur das edle
- 6:08und gute, er wirft auch Irrtümer, Laster, falsche
- 6:12Hoffnungen, Wahnvorstellungen. Und andere Dinge hinein, die wir
- 6:16oft als schlecht oder minderwertig ansehen.
- 6:18Er vermischt edles Metall mit schlechterem Stoff, warum tut er
- 6:22das? Weil das Ziel ist, dass die
- 6:24Statue der Menschheit überhaupt fertiggestellt wird, es kommt
- 6:28darauf an, dass das Werk entsteht und eine Form annimmt,
- 6:32Nietzsche fragt rhetorisch, was liegt daran, dass hier und da
- 6:36auch geringerer Stoff verwendet wurde?
- 6:39Das Ergebnis, die ganze Gestalt der Menschheit ist wichtiger als
- 6:42die Reinheit des Materials. Das bedeutet, dass auch unsere
- 6:46Fehler und Schwächen notwendig waren, um uns zu dem zu machen,
- 6:49was wir heute sind. Unterkapitel 259 eine Kultur der
- 6:56Männer Nietzsche analysiert in diesem Abschnitt die Kultur der
- 7:01alten Griechen, die er als eine reine Kultur der Männer
- 7:04beschreibt. Er erklärt, wie die Rollen
- 7:06zwischen Männern und Frauen damals verteilt waren und welche
- 7:10Auswirkungen das auf die Bildung und die Kunst hatte.
- 7:13Zuerst zitiert er den griechischen Staatsmann
- 7:15Perikles, dieser sagte in einer Grabrede sinngemäß, die besten
- 7:20Frauen sind die, über die man unter Männern so wenig wie
- 7:22möglich spricht, das zeigt, dass Frauen im öffentlichen Leben der
- 7:26klassischen griechischen Zeit kaum eine Rolle spielen sollten.
- 7:30Nietzsche beschreibt dann die Beziehungen der Männer.
- 7:33Die erotische Beziehung der Männer zu jungen Männern, den
- 7:36Jünglingen, war damals sehr wichtig.
- 7:39Nietzsche sagt, diese Beziehung war die notwendige Voraussetzung
- 7:42für jede höhere Erziehung, die Männer gaben ihr Wissen und ihre
- 7:46Ideale an die Jünglinge weiter, die ganze Kraft und der
- 7:49Idealismus der griechischen Natur konzentrierten sich auf
- 7:52diese Männerbünde. Im Gegensatz dazu sanken die
- 7:55Beziehungen zu den Frauen ab, Frauen waren vor allem für 2
- 7:59Dinge da, um Kinder zu zeugen. Und für die körperliche Lust.
- 8:04Es gab in der Ehe kaum geistigen Austausch und keine wirkliche
- 8:07Liebesbeziehung im romantischen Sinne, wie wir sie heute
- 8:10vielleicht verstehen. Frauen waren sogar von vielen
- 8:13kulturellen Ereignissen ausgeschlossen Nietzsche
- 8:16vermutet, dass sie bei Wettkämpfen und Schauspielen
- 8:18nicht zuschauen durften, ihnen blieben nur die religiösen
- 8:22Kulthandlungen als höhere Unterhaltung.
- 8:25Nietzsche erwähnt auch die griechischen Tragödien.
- 8:27Also die Theaterstücke, in denen oft starke Frauenfiguren wie
- 8:31Elektra oder Antigone vorkamen. Er meint, dass die Männer diese
- 8:35starken Frauen nur in der Kunst ertrugen, aber nicht im
- 8:38wirklichen Leben mochten. Was war also die Aufgabe der
- 8:41Frauen in dieser Kultur, sie sollten schöne und kraftvolle
- 8:45Körper hervorbringen, in diesen Körpern sollte der Charakter des
- 8:48Vaters weiterleben, Nietzsche sieht hier eine wichtige
- 8:52Funktion, die Frauen wirkten als Gegenpol zur hochentwickelten
- 8:55Kultur der Männer. Die Kultur der Männer drohte
- 8:58durch zu viel Geist und Nervenanspannung überreizt zu
- 9:01werden. Die Frauen mit ihrer
- 9:03Natürlicheren und weniger verkopften Art sorgten dafür,
- 9:07dass die griechische Kultur verhältnismäßig lange jung
- 9:10blieb. Die griechischen Mütter führten
- 9:12den griechischen Genius, den Geist der Kultur, immer wieder
- 9:16zur Natur zurück.