Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Neuntes Hauptstück - 582-594
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- 0:00Unterkapitel 582 Märtyrer dieser kurze Satz kehrt die übliche
- 0:07Sichtweise um. Normalerweise bedauern wir den
- 0:10Märtyrer, der für eine Sache leidet, Nietzsche sagt jedoch,
- 0:13dass der Jünger, also der Anhänger eines Märtyrers, oft
- 0:17mehr leidet als der Märtyrer selbst.
- 0:19Der Märtyrer hat die Gewissheit und das Hochgefühl seiner
- 0:22Überzeugung, während der Anhänger mit Zweifel, Verlust
- 0:25und der Last der Nachfolge kämpfen muss.
- 0:28Unterkapitel. 583 rückständige Eitelkeit Nietzsche analysiert
- 0:35hier den Ursprung der Eitelkeit. Er sagt, dass die Eitelkeit bei
- 0:39vielen Menschen eigentlich gar nicht mehr nötig wäre, sie ist
- 0:42eine Gewohnheit, die aus alten Zeiten übrig geblieben ist.
- 0:45Früher, in Zeiten, in denen der Einzelne keine Rechte hatte,
- 0:49musste man sich den Glauben an den eigenen Wert erst mühsam von
- 0:52anderen Erbetteln oder erschleichen, man war darauf
- 0:56angewiesen, was andere von einem dachten.
- 0:59Obwohl viele Menschen heute ein Recht auf ihre eigene Meinung
- 1:01und ihren Wert haben, ist diese alte Gewohnheit der Eitelkeit,
- 1:05dass sucht nach Bestätigung von außen noch immer stark und
- 1:09wächst weiter unter Kapitel 584, Punktum, Saliens der
- 1:16Leidenschaft der Begriff Punktum Saliens bedeutet hier so viel
- 1:21wie der entscheidende Punkt oder der Ursprung.
- 1:24Nietzsche beschreibt, wie Wut oder eine heftige
- 1:26Liebesleidenschaft entstehen. Es reicht nicht, dass die Seele
- 1:30voll von Gefühlen ist, wie ein Gefäß, das bis zum Rand gefüllt
- 1:33ist. Es muss noch ein letzter Tropfen
- 1:36hinzukommen, damit das Gefäß überläuft.
- 1:39Dieser Tropfen ist oft der gute Wille zur Leidenschaft, das
- 1:43heißt, man muss die Leidenschaft in diesem Moment auch zulassen
- 1:46wollen, selbst wenn man es als etwas Böses bezeichnet.
- 1:50Nur mit diesem kleinen zusätzlichen Impuls bricht die
- 1:52Leidenschaft wirklich aus unter Kapitel. 585 Gedanke des Unmutes
- 2:02Nietzsche verwendet hier ein starkes Bild.
- 2:05Er vergleicht Menschen mit Kohlenmeilern im Wald,
- 2:08kohlenmeiler sind Haufen aus Holz, die langsam verbrennen, um
- 2:11Holzkohle zu erzeugen. Er sagt, dass junge Menschen
- 2:15erst dann für die Gesellschaft nützlich werden, wenn sie
- 2:18ausgeglüht und verkohlt sind, das heißt, wenn ihre jugendliche
- 2:21Wildheit und ihr inneres Feuer verbraucht sind.
- 2:25Solange sie noch rauchen und dampfen, also lebendig und
- 2:28voller Emotionen sind, gelten sie als unbequem und lästig.
- 2:32Die Menschheit nutzt jeden einzelnen rücksichtslos als
- 2:35Brennmaterial, um ihre großen gesellschaftlichen Maschinen am
- 2:39Laufen zu halten, Nietzsche fragt kritisch, wozu dienen
- 2:43diese Maschinen, wenn die Menschen nur dazu da sind, sie
- 2:45zu unterhalten, wenn Maschinen oder gesellschaftliche
- 2:49Strukturen zum Selbstzweck werden, ist das die Athumana
- 2:52Commedia, die menschliche Komödie.
- 2:55Ein Schauspiel ohne tieferen Sinn.
- 2:58Unterkapitel 586 vom Stundenzeiger des Lebens
- 3:05Nietzsche betrachtet das Leben wie eine Symphonie oder ein
- 3:08Musikstück. Er sagt, dass das Leben nur aus
- 3:10wenigen seltenen Momenten besteht, die wirklich bedeutsam
- 3:14sind. In diesen Momenten spricht uns
- 3:16alles direkt an, die Liebe, der Frühling, eine schöne Melodie
- 3:21oder die Natur. Diese Momente sind wie der
- 3:24Stundenzeiger, der die wichtigen Zeiten anzeigt, die meiste Zeit
- 3:27dazwischen besteht jedoch aus Pausen und Unterbrechungen
- 3:31Intervallen viele Menschen erleben diese bedeutsamen
- 3:34Momente gar nicht und sind in ihrem eigenen Leben nur wie
- 3:37Pausen in einem Musikstück ohne eigene Melodie, Unterkapitel,
- 3:44587, angreifen oder eingreifen. Wir machen oft den Fehler, eine
- 3:52politische Partei, eine künstlerische Richtung oder eine
- 3:55Zeitepoche heftig anzugreifen, nur weil wir ihre negativen
- 3:58Außenseiten sehen. Oft tun wir das, weil wir selbst
- 4:02Teil davon waren und nun Abstand gewinnen wollen, wir wenden uns
- 4:06ab und suchen das Gegenteil. Nietzsche schlägt vor, dass es
- 4:10besser wäre, stattdessen die starken und guten Seiten dieser
- 4:13Dinge zu suchen und sie weiterzuentwickeln.
- 4:16Es erfordert jedoch einen stärkeren Blick und einen
- 4:18besseren Willen, das Unvollkommene zu verbessern und
- 4:21zu fördern, einzugreifen, als es einfach nur zu durchschauen und
- 4:25abzulehnen anzugreifen. Unter Kapitel 588 Bescheidenheit
- 4:34Nietzsche definiert hier wahre Bescheidenheit als die
- 4:37Erkenntnis, dass wir unsere Werke nicht wirklich selbst
- 4:40erschaffen haben, sondern dass sie durch uns entstanden sind.
- 4:43Zum Beispiel durch Talent, Umstände oder Inspiration.
- 4:47Diese Art der Bescheidenheit passt besonders gut zu großen
- 4:50Geistern und Genies, sie verstehen, dass sie für das
- 4:53Gute, das sie schaffen, eigentlich keine Verantwortung
- 4:56tragen können, es fließt ihnen zu, wenn große Menschen hingegen
- 5:00unbescheiden sind, hassen wir das meistens nicht, weil wir
- 5:03ihre Kraft spüren, aber wir wollen diese Kraft testen, indem
- 5:07wir sie verletzen. Unbescheidenheit ist oft ein
- 5:10Zeichen dafür, dass jemand an seiner eigenen Kraft zweifelt
- 5:13und andere davon überzeugen muss.
- 5:16Deshalb rät Nietzsche aus Klugheit zur Bescheidenheit.
- 5:19Wer wirklich groß ist, braucht nicht anzugeben unter Kapitel
- 5:26589 des Tages erster Gedanke Nietzsche gibt hier einen
- 5:33praktischen Ratschlag für ein besseres Leben.
- 5:36Er sagt das beste Mittel, um den Tag gut zu beginnen, sei
- 5:39folgendes. Gleich beim Aufwachen sollte man
- 5:42darüber nachdenken, ob man an diesem Tag nicht wenigstens
- 5:45einem Menschen eine Freude machen kann.
- 5:47Er schlägt vor, dass diese Gewohnheit als Ersatz für das
- 5:50religiöse Morgengebet dienen könnte.
- 5:53Der Vorteil wäre, dass die Mitmenschen direkt davon
- 5:55profitieren würden, was bei einem Gebet nicht unbedingt der
- 5:58Fall ist. Unterkapitel 590 Anma Assung als
- 6:04letztes Trostmittel. Wenn Menschen Schicksalsschläge
- 6:09erleiden, wie zum Beispiel Unglück, geistige Schwäche oder
- 6:12Krankheit, nutzen sie oft einen psychologischen Trick als Trost.
- 6:17Sie legen sich ihr leiden so zurecht, dass es wie ein
- 6:19vorbestimmtes Schicksal, eine schwere Prüfung oder eine
- 6:22geheimnisvolle Strafe für frühere Taten aussieht.
- 6:26Dadurch machen Sie sich selbst interessant, sie erheben sich in
- 6:29ihrer eigenen Vorstellung über ihre Mitmenschen, weil sie sich
- 6:32als Träger eines besonderen, schweren Schicksals sehen.
- 6:36Nietzsche nennt als Beispiel den stolzen Sünder, eine Figur, die
- 6:40oft in religiösen Gruppen vorkommt, jemand, der sich
- 6:42wichtig fühlt, weil er glaubt, von Gott besonders bestraft oder
- 6:45geprüft zu werden. Dies ist eine Form der Anmaßung,
- 6:49die als letztes Mittel dient, um das eigene Leid zu ertragen.
- 6:53Unterkapitel 599 Vegetation des Glückes.
- 7:00In diesem Abschnitt beschreibt Nietzsche das Verhältnis
- 7:02zwischen Glück und Unglück im menschlichen Leben.
- 7:06Er verwendet das Bild einer Landschaft, er sagt, dass das
- 7:09Glück oft direkt neben dem Leid wächst sowie Pflanzen auf einem
- 7:12vulkanischen Boden gedeihen. Ein vulkanischer Boden ist
- 7:16hierbei ein Bild für ein Leben, das voller Erschütterungen, Leid
- 7:20und Schwierigkeiten ist, wenn man das Leben nur betrachtet, um
- 7:23Erkenntnisse zu gewinnen oder wenn man sich seinem Schicksal
- 7:27ergibt. Oder wenn man Freude daran hat,
- 7:29Schwierigkeiten zu überwinden, dann wird man feststellen, dass
- 7:33gerade dort, wo viel Leid war, auch besonders viel Glück
- 7:36entstehen kann. Nietzsche meint sogar, dass auf
- 7:39diesem heißen, gefährlichen Boden oft mehr Glück wächst als
- 7:42anderswo. Es wäre jedoch lächerlich zu
- 7:45behaupten, dass das Leid notwendig ist, nur damit dieses
- 7:48Glück entstehen kann. Beide existieren einfach
- 7:51nebeneinander, Unterkapitel 592 die Straße der Vorfahren.
- 7:59Nietzsche spricht hier darüber, wie sinnvoll es ist, auf den
- 8:02Fähigkeiten der eigenen Vorfahren aufzubauen.
- 8:05Er hält es für vernünftig, wenn jemand ein Talent
- 8:07weiterentwickelt, an dem schon sein Vater oder Großvater
- 8:10gearbeitet hat, anstatt etwas völlig Neues zu beginnen, sollte
- 8:14man das nutzen, was einem sozusagen im Blut liegt, wenn
- 8:17man sich nämlich gegen diese Tradition stellt und etwas ganz
- 8:20anderes macht, nimmt man sich selbst die Möglichkeit, in einem
- 8:23bestimmten Handwerk oder einer Fähigkeit vollkommen zu werden.
- 8:28Wahre Meisterschaft braucht Zeit und Vorarbeit, oft über
- 8:31Generationen hinweg. Nietzsche zitiert dazu ein
- 8:35Sprichwort, welche Straße sollst du reiten, die deiner Vorfahren,
- 8:39das bedeutet, man soll den Weg weitergehen, den die Familie
- 8:42bereits geebnet hat. Unterkapitel, 593, Eitelkeit und
- 8:48Ehrgeiz als Erzieher hier untersucht Nietzsche die Rollen
- 8:53von Eitelkeit und Ehrgeiz in der Entwicklung eines Menschen, er
- 8:56sagt. Solange ein Mensch noch nicht
- 8:58nützlich für die Allgemeinheit ist, solange er noch kein
- 9:01Werkzeug für das Wohl aller ist, darf ihn der Ehrgeiz antreiben
- 9:04und sogar quälen. Der Ehrgeiz sorgt dafür, dass
- 9:08man hart an sich arbeitet, wenn dieses Ziel aber erreicht ist
- 9:12und der Mensch wie eine gut funktionierende Maschine zum
- 9:14besten aller arbeitet, dann darf die Eitelkeit ins Spiel kommen.
- 9:19Nietzsche sieht die Eitelkeit hier positiv, sie macht den
- 9:22Menschen im kleinen Umgang menschlicher, geselliger und
- 9:25erträglicher. Sie sorgt dafür, dass man
- 9:28rücksichtsvoller wird. Der Ehrgeiz hat also die grobe,
- 9:31harte Arbeit geleistet, den Menschen nützlich zu machen, die
- 9:35Eitelkeit vollendet das Werk dann, indem sie den Menschen
- 9:38angenehmer macht, Unterkapitel, 594, philosophische Neulinge
- 9:47Nietzsche beschreibt hier Menschen, die sich gerade erst
- 9:50die Weisheit eines Philosophen angeeignet haben.
- 9:53Solche Menschen laufen durch die Straßen mit dem Gefühl, als
- 9:56seien sie plötzlich verwandelt und zu großen Persönlichkeiten
- 9:59geworden. Sie blicken auf alle anderen
- 10:01Menschen herab und sehen in ihnen nur Leute, die diese
- 10:05spezielle Weisheit nicht kennen, weil diese Neulinge nun ein
- 10:08neues Gesetzbuch, also die Regeln ihrer neuen Philosophie
- 10:12im Kopf haben, glauben sie, sie müssten sich auch sofort als
- 10:15Richter aufspielen, sie wollen über alles und jeden eine
- 10:19Entscheidung treffen und urteilen.
- 10:21Auch über Dinge, die Ihnen eigentlich unbekannt sind.
- 10:24Es ist eine Phase der Selbstüberschätzung durch
- 10:26frisches, aber noch nicht verarbeitetes wissen.