Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Ecce Homo - 3: Warum ich so gute Bücher schreibe. 6
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- 0:00Exe, Homo wie man wird, was man ist.
- 0:03Kapitel warum ich so gute Bücher schreibe Abschnitt 6 Nietzsche
- 0:11möchte in diesem Abschnitt zeigen, was für ein
- 0:14hervorragender Psychologe er ist.
- 0:16Der Begriff Psychologe bedeutet bei Nietzsche nicht, dass er ein
- 0:19Arzt für psychische Krankheiten ist.
- 0:22Er meint damit jemanden, der tief in die Seelen der Menschen
- 0:24blicken kann, der ihre wahren und oft versteckten Gefühle
- 0:28wünsche. Und heimlichen Absichten
- 0:30durchschaut, um sein Können zu beweisen, verwendet Nietzsche
- 0:33ein langes Zitat aus einem seiner eigenen, früher
- 0:36geschriebenen Bücher, welches den Titel jenseits von Gut und
- 0:40Böse trägt, bevor er dieses Zitat bringt, verbietet er
- 0:44seinen Lesern ausdrücklich, darüber zu rätseln, welche
- 0:46konkrete Person er in diesem Textabschnitt eigentlich
- 0:49beschreibt. Viele Forscher und Experten
- 0:52gehen heute davon aus, dass Nietzsche hier entweder den
- 0:54antiken Gott Dionysos beschreibt oder aber ein idealisiertes Bild
- 0:58von sich selbst als philosophischem Lehrer zeichnet.
- 1:01Dionysos ist in Nietzsches Philosophie ein sehr wichtiges
- 1:04Symbol, er steht für eine ungebremste, ehrliche und
- 1:07leidenschaftliche Bejahung des Lebens, die auch vorgefahren und
- 1:10Abgründen nicht zurückschreckt. In dem eingefügten Zitat
- 1:14beschreibt Nietzsche das sogenannte Genie des Herzens.
- 1:18Damit ist eine Person oder eine göttliche Gestalt gemeint, die
- 1:21eine beinahe magische Fähigkeit besitzt, das Innerste der
- 1:24Menschen zu verstehen und zu berühren.
- 1:27Nietzsche nennt diese Gestalt den großen Verborgenen und einen
- 1:31versucher Gott, ein Versucher ist jemand, der die Menschen
- 1:34lockt, sie aus ihrer sicheren Bequemlichkeit herausholt und
- 1:37ihre tiefsten Überzeugungen auf die Probe stellt.
- 1:40Zusätzlich nennt er dieses Genie einen Rattenfänger der Gewissen.
- 1:45Das ist ein bildhafter Vergleich mit dem Märchen vom Rattenfänger
- 1:48von Hameln. Genau wie der Rattenfänger mit
- 1:51seiner Flöte die Tiere und Kinder unwiderstehlich anlockte,
- 1:54so zieht dieses psychologische Genie das moralische Gewissen
- 1:58der Menschen in seinen Bann, er verführt sie dazu, ihre alten
- 2:02strengen Vorstellungen von Gut und Böse aufzugeben und ihm in
- 2:05neue, unbekannte Gedankenwelten zu folgen.
- 2:08Nietzsche erklärt weiter, dass die Stimme dieses Genies so tief
- 2:12reicht, dass sie hinab in die Unterwelt einer jeden
- 2:15menschlichen Seele steigen kann. Jedes einzelne Wort, dass dieses
- 2:19Genie spricht und jeder Blick aus seinen Augen enthält eine
- 2:22kleine Verlockung und eine geheime Rücksichtnahme auf den
- 2:25Zuhörer. Das Genie ist ein Meister der
- 2:28Erscheinung, das bedeutet, er zeigt sich den Menschen nicht
- 2:31unbedingt exakt so, wie er wirklich ist.
- 2:34Er zeigt sich vielmehr in der Gestalt, die seine Anhänger am
- 2:37meisten dazu bringt, ihm noch näher kommen zu wollen und ihm
- 2:40noch tiefgründiger zu folgen. Nietzsche beschreibt dann,
- 2:43welche enorme Wirkung dieses Genie des Herzens auf die
- 2:46Menschen hat, er bringt Laute und von sich selbst überzeugte
- 2:50Menschen dazu, still zu werden und richtig zuzuhören, er
- 2:54glättet raue und unruhige Seelen, er weckt in ihnen den
- 2:58Wunsch, ganz ruhig und still zu liegen, vergleichbar mit einem
- 3:01glasklaren See. In dem sich der weite, tiefe
- 3:04Himmel spiegeln kann. Das bedeutet, er schenkt den
- 3:08Menschen einen tiefen inneren Frieden und eine neue geistige
- 3:11Weite. Ebenso lehrt dieses Genie
- 3:14Tölpelhafte und ungeschickte Hände, vorsichtiger zu sein, er
- 3:18bringt Menschen bei, nicht grob zuzugreifen, sondern zarter und
- 3:22feinfühliger mit den Dingen und ihren Mitmenschen umzugehen.
- 3:26Nietzsche vergleicht diese Figur zudem mit einer Wünschelrute.
- 3:30Eine Wünschelrute ist ein y förmiger Zweig, mit dem man der
- 3:34Legende nach verborgene Wasserquellen oder Bodenschätze
- 3:37unter der Erde finden kann. Genau wie eine solche Rute
- 3:41findet das Genie des Herzens die versteckten Schätze in den
- 3:44Menschen selbst. Wenn ein winziger Tropfen Güte
- 3:47oder ein feiner Geist unter dickem Eis eingefroren ist oder
- 3:51wenn das Gute eines Menschen wie ein Goldkorn unter viel Schlamm
- 3:53und Sand begraben liegt, dieses Genie spürt es auf und holt es
- 3:57ans Licht. Nietzsche schildert im weiteren
- 4:00Verlauf ganz genau, wie sich ein Mensch fühlt, nachdem er von
- 4:03diesem Genie des Herzens berührt wurde.
- 4:06Dieser Mensch geht aus der Begegnung nicht einfach so
- 4:09hervor, als hätte er ein Geschenk von einem Fremden
- 4:11bekommen, oft fühlt man sich durch fremde Geschenke bedrückt
- 4:15oder klein, bei diesem Genie ist es anders, der Mensch geht
- 4:20innerlich reicher davon, er ist reicher an sich selbst geworden,
- 4:24der Mensch fühlt sich danach erneuert und wie aufgebrochen.
- 4:28Nietzsche vergleicht diesen Vorgang mit einem warmen
- 4:30Tauwind, der über gefrorenes Land weht und das Eis schmelzen
- 4:33lässt. Die alten, starren Überzeugungen
- 4:36des Menschen schmelzen dahin. Er wurde von dem Genie gleichsam
- 4:39ausgehorcht und verstanden. Durch diesen tiefgreifenden
- 4:43Wandel fühlt sich der Mensch danach vielleicht unsicherer als
- 4:46zuvor, er ist zärtlicher geworden, verletzlicher und
- 4:50wirkt in seinen alten Strukturen ein wenig zerbrochen, aber
- 4:54gleichzeitig, und das ist für Nietzsche das Wichtigste.
- 4:57Ist dieser Mensch nun voller neuer Hoffnungen, für die es
- 5:00noch nicht einmal Namen gibt? Er ist erfüllt von einem ganz
- 5:04neuen Willen, von frischer Lebensenergie, die in ihm
- 5:07strömt, er spürt aber auch einen neuen Unwillen, also eine
- 5:12bewusste Ablehnung gegenüber Dingen, die ihm nicht mehr gut
- 5:15tun, und er lässt alte, falsche Gewohnheiten hinter sich zurück.