Latest / DAZWISCHEN Der Sachsen-Anhalt-Podcast / Lohnt sich in Sachsen-Anhalt das Reden noch, Valerie Schönian?
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- 0:02Was nützen persönliche Gespräche, wenn sie gesellschaftlich nichts verbessern? Gegenfrage: Was sollen wir denn tun, außer sie zu führen? Sie reichen nicht. Solange man sich dazu in der Lage fühlt, sind sie aber trotzdem besser, als nur in seiner eigenen Blase zu bleiben. Das schreibt Valerie Schönian in ihrer Reportage "Lohnt sich das Reden?", die Ende Juni, also vor der Landtagswahl, in der Bochum Zeitung veröffentlicht wurde. Ja, und das ist ja so ein Thema, das viele in Sachsen-Anhalt nicht erst, ja, sag ich mal, nach der Wahl, sondern auch schon davor beschäftigt. Wie gut kann man eigentlich im Gespräch bleiben? Wie gut kann man miteinander leben, wenn die Meinungen, die Ansichten so eklatant auseinandergehen? Ja, oder wenn vielleicht Menschen sich sogar bedroht fühlen von den Meinungen und Haltungen des Gegenübers? Ja, und wo muss man vielleicht auch die Grenze ziehen von diesem Miteinanderreden? Valerie Schönian ist nicht nur Journalistin. Sie kommt, so wie wir, aus Sachsen-Anhalt, geboren in Gadelegen, aufgewachsen in Magdeburg. Setzt sie sich in ihren Artikeln immer wieder mit dem Osten der Nachwendegeneration, der sie selbst angehört, ja, und der Frage der Gesellschaft auseinander. 2020 hat sie darüber ein Buch geschrieben und veröffentlicht: "Ostbewusstsein – Warum Nachwendekinder für den Osten streiten und was das für die deutsche Einheit bedeutet." Wir sprechen mit ihr darüber, wie man im Gespräch bleiben kann, trotz Referenzen, was Ostbewusstsein eigentlich bedeutet und warum das heute noch wichtig ist. Valerie Schönian heute zu Gast bei Dazwischen. Und damit herzlich willkommen!
- 1:35Schön, dass du bei uns bist. Hallo, ich freue mich auch! Du hast ja vor der Landtagswahl eine Reportage veröffentlicht. Ich habe gerade kurz daraus vorgelesen, und du berichtest darin, wie du deine Verwandten besuchst, die mit der AfD sympathisieren. Du wirst verstehen, warum mich interessiert: Jetzt nach der Wahl hast du sie direkt wiedergesprochen?
- 1:39Nee, ich habe sie noch nicht wiedergesprochen. Ich schaue mal, wie es weitergeht. Es ist ja noch alles sehr frisch. Ich glaube, man guckt dann vielleicht mal bei der nächsten Familienfeier. Aber ich weiß nicht, wie das bei euch ist. Also, es wird auf Familienfeiern dann doch sehr wenig über Politik gesprochen. Ich glaube, das war einer der Gründe, warum ich den Artikel geschrieben habe, weil ich mich in dieser Rolle der Journalistin getraut habe, Fragen zu stellen, die ich sonst, glaube ich, mich nicht getraut hätte. Der rosa Elefant dann immer so im Raum: Man weiß, man müsste eigentlich mal darüber sprechen, aber es wird nicht besprochen. Ja, und bei Familienfeiern geht es ja auch eigentlich so ein bisschen um was anderes. Und ich habe da schon so ein Bedürfnis, das merke ich, aber dann da hinzugehen und zu sagen: "Entschuldigung, können wir mal ganz kurz reden?" Das passiert dann einfach nicht. Also, ich habe bei mir gemerkt, dass ich mir vorgenommen habe, irgendwann, dass wenn es irgendwie zu einem Thema kommt, ich eine Aussage schwierig finde oder auch einfach nur interessant, dass ich vielleicht mal nachfrage. Aber es ist ehrlich gesagt sehr wenig gekommen. Vielleicht auch, weil die Leute natürlich wissen, was ich so mache und was meine Haltung ist. Und dann habe ich aber gemerkt, dass ich mich gefragt habe: Die Umfragen sind ja schon seit letztem November so, dass die AfD bei über 40 Prozent steht. Und ich bin immer so durch Sachsen-Anhalt gefahren und habe mich umgeschaut und auch bei Familienfeiern und dachte so: Wer ist es denn? Also, wer ist es denn? Und ja, hatte da dann so dieses Bedürfnis, es vielleicht rauszufinden. Also, ich glaube, ich hatte einfach so eine Sprachlosigkeit und wusste nicht so richtig, was ich schreiben soll, was ich machen soll, ehrlich gesagt. Und hatte auch keine Ahnung, was genau für ein Artikel rauskommt, aber dachte, ich muss mit meiner Familie reden und dann schauen wir mal, was passiert.
- 3:54Wie war das denn dann so? Wie hat sich das angefühlt, mit denen dann tatsächlich mal in so ein Gespräch zu kommen? Da kommen ja dann auch nicht nur angenehme Dinge bei raus.
- 3:56Also, vorher hatte ich ehrlich gesagt einen ziemlichen Stein im Magen. Auch bevor ich mich getraut habe, einige Anrufe zu tätigen, bin ich so eine Stunde ums Telefon herumgetänzelt, um dann irgendwann auf diesen grünen Hörer zu drücken. Und ich wusste vorher nicht, wer AfD wählt und wer nicht. Und es kam auch so, dass einige, bei denen ich so ein Fragezeichen hatte, gesagt haben, dass sie es nicht tun. Bei anderen, bei denen ich nicht damit gerechnet habe, bei denen war es dann eben so. Und ich war dann erst mal erleichtert, dass sie ja gesagt haben, alle. Also, alle haben gesagt: "Ja, klar, kannst du mit uns reden." Und das hat mir schon mal irgendwie geholfen und mich beruhigt, weil ich gemerkt habe: Okay, ich bin ja auch einfach Valerie, die Verwandte, die Nichte, die Cousine, die Großcousine, was auch immer. Und wir können miteinander noch reden. Und auch dieses Gespräch, was ich dann mit denen hatte, die offen dazu stehen, dass sie AfD wählen, war nach objektiven Gesprächskriterien ein gutes Gespräch. Also, wir haben uns zugehört, wir haben uns ausreden lassen, wir haben, glaube ich, schon auch gegenseitig versucht, uns zu verstehen. Und das hat mich dann sehr beruhigt in dem Moment. Da hatte ich, glaube ich, erst mal so ein Hochgefühl. Und danach waren da trotzdem wieder so ganz viele Fragezeichen. Also so: Ja, okay, sie saßen jetzt mit mir da, weil ich eben ihre Verwandte bin. Aber was ist dann eben mit den ganzen Menschen, die direkt davon betroffen sind? Mit Menschen mit Migrationsgeschichte, mit queeren Menschen und so weiter.
- 5:36Du hast gesagt, dass du auch in den Artikel reingegangen bist. Da waren die Umfragewerte ja schon so, dass die AfD 40 Prozent oder mehr holen wird. Jetzt, wo die Wahl vorbei ist, blickst du auch nochmal anders, auch mit einem anderen Gefühl auf die Gespräche, die du da geführt hast?
- 5:40Das kann ich gerade ehrlich gesagt noch gar nicht so richtig sagen. Also, ich bin noch, glaube ich, so ein bisschen im Schockmoment auch selbst und muss das jetzt selber noch realisieren und frage mich: Warum habt ihr das denn gemacht? Warum war ich das denn egal? Und bin da selber jetzt gerade noch so im Antwort suchen. Aber ich bin trotzdem froh, das gemacht zu haben und glaube, das ist weiterhin wichtig. Und ich glaube, vielleicht ist das trotzdem zu spät passiert und vielleicht passiert es auch einfach zu wenig immer noch. Also, weil ich habe das Gefühl, dass da in Teilen Ostdeutschlands und Sachsen-Anhalt und der Altmark, wo ich herkomme, dass da so eine Parallelöffentlichkeit und Parallelwelt so ein bisschen entsteht, wo man so ganz schwer rankommt. Also, das, wo man die Leute vielleicht, glaube ich, noch am ehesten erreicht, sind so WhatsApp-Statusse. Deswegen habe ich versucht, ich weiß nicht, ob das die korrekte Mehrzahl war, deswegen habe ich versucht, irgendwie so WhatsApp-Journalismus in den letzten Monaten auch so ein bisschen zu machen. Also, das, was ich sonst bei Instagram mache, dann halt da zu teilen, weil ich das Gefühl habe, das ist das, wo man einfach noch Leute erreicht.
- 7:00Hast du Reaktionen drauf bekommen?
- 7:03Ja, also viele Herzen, aber auch einige, die dann einfach nicht kommentieren, aber jetzt nicht viel Ausformuliertes. Und ich weiß natürlich nicht, ob die das lesen und sich anschauen. Ich weiß es einfach nicht. Bei uns haben viele, die uns hören, auch so die Frage gestellt: Wie schaffen wir es jetzt trotzdem, auch wenn sie erschüttert sind, mit denjenigen zu sprechen, die eine gesichert rechtsextreme Partei gewählt haben? Wie bleibt man im Gespräch mit der Familie? Hat man ja doch irgendwie da so einen anderen Link?
- 7:31Ja, du hast ja auch gesagt, da bin ich auch noch die Valerie. Genau, man teilt Erinnerungen. Man möchte eben vielleicht auch noch beim nächsten Geburtstag von der Oma mit der Großcousine Kuchen essen und nicht hingehen. Man hat da einfach eine andere Verbundenheit. Aber was macht man mit denen, mit denen man eben nicht verwandt ist, mit den vielen anderen? Hast du eine Idee? Wie bleiben wir da im Gespräch?
- 7:52Ich glaube, es kommt natürlich total darauf an, um wen es da geht. Ich glaube, da gibt es einfach keine pauschale Antwort. Also, man kann natürlich auf einem Podium mit Leuten reden. Man kann einfach auf der Straße mit Leuten reden. Man kann irgendwie am Rande einer Demonstration mit Leuten reden oder eben beim Obststand auf dem Marktplatz oder so. Und ich glaube, man muss dann einfach immer die jeweilige Situation so ein bisschen anschauen. Also, ich glaube, was wir als Gesellschaft irgendwie schaffen können oder sollten, also von allen Seiten, ist so ein bisschen wieder runterzufahren. Ich habe da gerade Sorge, dass eben das Gegenteil passiert, also dass eher aufgerüstet wird, auch gerade von rechts, auch von teilweise linker Seite. Und dass man aber halt schafft, dann nicht immer gleich auf die Barrikaden zu gehen, sondern erst mal durchzuatmen und zu fragen: Woher kommt das denn? Was meinst du denn konkret? Zu sein bei einem Thema zu bleiben. Aber es ist natürlich nicht immer jedes Mal möglich. Und ich glaube, es ist im Zweifel, wenn man jetzt zum Beispiel an so einem Obststand am Marktplatz irgendwie steht und da kommt irgendein Spruch, dass man im Zweifel einfach trotzdem mal was sagt und mal so gegenhält, ohne dass man gleich beleidigend wird oder so. Aber dass man ja ehrliche Gespräche führt, denen ja gehört, dass man wirklich auch zuhört und das annimmt und so. Und das ist natürlich auch teilweise schwer. Und trotzdem kann man in Gesprächen ja Grenzen setzen. Also kann man sagen: "Okay, ich will nicht mehr, dass du dieses Wort sagst, sonst können wir jetzt hier einfach nicht weiterreden." Oder so. Oder ich möchte jetzt einfach, dass du diese Realität kurz anerkennst. Und hörst du mich? Also, das ist so eine Formulierung, die ich öfter verwende: "Hörst du eigentlich gerade, was ich sage? Ich höre, was du sagst. Ich glaube, du sagst das und das. Hörst du denn, was ich sage?" Weil du musst ja nicht meiner Meinung sein, aber ich wünsche mir, dass du mich verstehst. Also so ein bisschen so ganz klassische Gesprächsregeln. Also so auch, dass man erst mal zuhört. Und dann, wenn es ein gutes Gespräch ist, bedeutet das ja auch, dass die andere Seite auch fragt: "Wie ist es denn bei dir?" Das ist jetzt auch in dem Familiengespräch dann passiert. Also ich habe erzählt und ich habe gefragt und irgendwann habe ich auch von mir erzählt und einfach meine Sorgen geteilt. Und dann kam irgendwann diese Frage: "Ja, wovor hast du denn aber Angst?" Und ich denke, wenn man an dem Punkt ist, dass wirklich eine Frage kommt, die ernst gemeint ist, dann ist man schon sehr weit. Und es hilft ja auch, sich selber zu schärfen. Also es bringt ja auch nichts, wenn wir alle die ganze Zeit nur so auf Instagram rumhängen und da quasi so rausballern und dann so unsere Herzen bekommen. Also man muss ja auch sich ein bisschen selber seine eigenen Argumente schärfen. Also ich habe diesen Klassiker danach gehabt, wo mir noch 5000 Sätze eingefallen sind, die ich lieber gesagt hätte auf diese Frage hin. Und beim nächsten Mal habe ich die aber so auf dem Schirm. Und dafür ist ja auch wichtig, diese Gespräche zu führen. Und jetzt geht es ja nicht nur um ins Gespräch bleiben mit der eigenen Familie, sondern auch eben vor allem mit denjenigen, die wir nicht kennen. Da würde ich schon sagen, dass viele Medien versucht haben, Raum zu geben, ins Gespräch zu kommen, Perspektiven zu hören, eine Stimme zu geben. Und trotzdem scheint sich da eine riesige Mauer Diskurbanz aufgebaut zu haben. Könnte man dann nicht, wenn man die andere Perspektive einnimmt, auch sagen: Wir haben doch jetzt versucht, lange genug zuzuhören. Wir scheinen da nicht weiterzukommen.
- 11:00Ehrlich gesagt, so lange ist es ja dann auch noch nicht. Vor zehn, zwölf Jahren gab es erst mal so einen großen Aufschrei mit Pegida. Dann nehmen das die AfD, das erst mal zweitstärkste Kraftworte, auch hier in Sachsen-Anhalt. Und dann ging so ein Umdenken los. Aber wir haben ja immer noch den Umstand, dass viele Posten von Nicht-Ostdeutschen besetzt sind. Wir haben Friedrich Merz, der es irgendwie nicht so gut hinbekommt mit Menschen auf einer mitfühlenden Ebene, nicht nur mit Ostdeutschen, aber so generell zu kommunizieren. Und ich glaube, dass ja, was ich eingangs schon meinte, dass es da so ein Abkapseln von der Medienöffentlichkeit gibt. Das heißt, es wird jetzt auch gar nicht so schnell registriert. Das dauert halt. Und ich glaube, dass da die AfD halt total mit ihren Kanälen reingeht. Also ich finde das wirklich erstaunlich. Früher, wo ich auf der Journalistenschule war, hat man irgendwie auch gemerkt, wenn es so Diskussionen gab: Okay, die lesen alle die Zeit, die lesen alle die Süddeutsche Zeitung und so. Und jetzt, wenn man so Aussagen von AfD-Wählern hört, also jetzt so auch um Umfragen, auch am Weg hierher habe ich das gerade wieder gemacht, die sagen alle das Gleiche. Die sagen alle das Gleiche. Die sagen das, was Ulrich Sigmund sagt. Die gehen halt da zu den Dorffesten. Die gucken halt, was auf TikTok bei Ulrich Sigmund los ist. Und die gucken im WhatsApp-Status, was der Nachbar so gesagt hat. Und ich glaube, das ist super schwierig, ranzukommen. Und wenn der die ganze Zeit erzählt: "Wir werden hier nicht gehört", dann gibt es da natürlich wenig Gegenwind. Also die Lokalzeitung vor Ort ist halt die Volkstimme, da wo ich herkomme. Die sitzt da, ich weiß nicht, mit wie vielen Leuten genau, aber mehr als zwei Handvoll auf jeden Fall nicht, eher eine Handvoll. Und die sind natürlich nicht überall. Die sind natürlich nicht so oft da. Gerade wieder in der Mitteldeutschen Zeitung ein Artikel gelesen aus dem Ort, wo die AfD irgendwie am besten abgeschnitten hat, wo auch ein AfD-Wähler meinte: "Ulrich Sigmund war der Einzige, der irgendwie hier war." Und ich glaube, für mich geht es darum, um die Frage: Wie erreicht man denn die Leute überhaupt? Ich glaube, das ist sozusagen gar nicht mehr. Also Kommunikation ist natürlich auch eine Frage, aber dieses Erreichen. Und das macht mir ehrlich gesagt, wenn ich jetzt irgendwo mal Hoffnung suchen muss, machen mir diese ganzen Streamer so ein bisschen Hoffnung und auch der Internetauftritt von Ulrich Sigmund und der Internetauftritt von Heidi Reichenegg. Warum? Weil man ja gesehen hat, dass es nicht im Digitalen bleibt. Also Ulrich Sigmund hat Hallen gefüllt. Ich war bei so einem Abend mit Heidi Reichenegg in Stendal, wo 500 Leute waren. Also ich habe noch nie so viele junge Leute in der Altmark gesehen, mal ein bisschen zugespitzt gesagt. Es waren alle da. Ja, es waren alle da. Und dann so mit zitternden Händen auch: "Und unsere Heidi!" und so, Tränen in den Augen. Und danach auch sich zwei gemeldet haben zum Haustürwahlkampf. Das kann natürlich nicht im Digitalen stehen bleiben, aber es ist eine Chance, wie man wieder Leute erreicht. Weil die Parteimitglieder sind natürlich wahnsinnig ausgedünnt. Die Medien sind nicht alle vor Ort. Und das kann man ja machen von woanders her. Und dann kann man halt sagen: "Erstmal seine Crowd sammeln und dann sagen: Detektor FM oder MDR oder was auch immer, okay, an dem Tag kommen wir da, aber schaut doch vorbei." Und dann kommen vielleicht auch Leute, wie jetzt bei Markant, diese Ost-Tour, die er gemacht hat, die ich auch sehr spannend und toll fand, wo man gesehen hat: "Okay, die kennen den alle." Und die kommen da hin, weil der da hinkommt. Und dann kann man halt auch mit denen reden. Und dann fühlen die sich auch auf einmal gehört. Weil das Ding ist, wenn man als Journalistin einfach mal dann willkürlich an einem Tag X auf den Marktplatz geht, dann hat man die Leute vielleicht gehört, aber es kriegen ja die anderen gar nicht mit.
- 14:37Jetzt hast du schon über, ich sag mal, die Lokalmedien da vor Ort gesprochen. Jetzt, als Wahl war, war Sachsen-Anhalt ja quasi überall. Alle haben da einmal hingeschaut und haben auch Kolleginnen und Kollegen hingeschickt. Auch Menschen, die noch nie in Sachsen-Anhalt waren, haben plötzlich über Sachsen-Anhalt berichtet. Wie hast du das wahrgenommen? Und ist es sozusagen auch aus deiner Sicht ein Vorteil, wenn man selber aus Ostdeutschland kommt, aus Sachsen-Anhalt kommt, aus dieser Region zu berichten? Oder hat man da manchmal vielleicht auch so ein bisschen blinde Flecken?
- 15:01Ich glaube, beides so ein bisschen. Aber man muss jetzt nicht hier aufgewachsen sein und geboren sein, aber man muss irgendwas, also entweder geboren oder hier aufgewachsen oder hier leben, ist natürlich schon praktischer, wie bei allen Sachen. Also, wenn man im Ausland Korrespondenten hat, dann ist es ja auch besser, wenn die da halt irgendwie leben oder einen Bezug dazu haben. Klar ist Ostdeutschland jetzt nicht Ausland, aber Ostdeutschland ist ja die Region, wo es keine überregionalen Medien gibt, die da sitzen. Also keine überregionale Zeitung, kein überregionales Fernsehen, außer Kika, glaube ich. Und das ist natürlich etwas, was man auflöst, indem man dann Leute von dort in Redaktionen hat oder halt da einzelne Freie hat oder Redakteure oder eben Büros. Ich habe jetzt natürlich nicht alles verfolgt. Ich finde es prinzipiell gut und wichtig, natürlich, dass Journalisten und Journalistinnen da jetzt hingefahren sind. Was soll man auch machen? Ich denke dann selber manchmal: Naja, wir sind ja weiter. Und wir wissen ja alle, dass jahrelang über den Osten eingefallen wurde wie so ein Kriegsgebiet und alles so angeschaut wurde wie im Zoo. Und das machen wir ja nicht mehr. Es gibt so etwas wie dieses Format. Es gibt andere tolle Podcasts auch. Es gab also super viele tolle Sachen. Und dann waren schon einige Artikel, wo ich dann aber dann doch den Kopf geschüttelt habe und mir einfach dachte: Wie kann das eigentlich sein? Und die mich wirklich wütend gemacht haben. Und ich dann gemerkt habe, ich habe eigentlich gar keine Kapazitäten für diese Wut. Also es fühlt sich an wie so Bullshit-Pfeile, die man so abwehren muss, obwohl man gar keine Zeit dafür hat, weil dann muss man so nach rechts gucken, wo die Pfeile herkommen, obwohl man eigentlich nach links gucken müsste, wo halt einfach gerade so was Krasses passiert. Und das lenkt halt so wahnsinnig ab. Und es gab ja auch so eine Ost-West-Debatte noch davor, direkt vor der Wahl, die mich auch sehr geärgert hat, um es vorsichtig zu formulieren. Und die ich auch nicht verstanden habe und die ich auch wahnsinnig anmaßend finde. Also der Tino war ja so ein bisschen: "Wenn die Ostdeutschen jetzt hier immer noch rummucken, obwohl wir die so viel bezahlen", ich spitze ja zu, "dann ist das so deren Problem, sollen sie doch bekommen, was sie wählen." Und das ist halt so einseitig und so verkürzt. Und vor allen Dingen kann ich wirklich nicht verstehen, wie man in diesem Jahr, wo die AfD auch bei über 20 Prozent steht in Westdeutschland, wo sie vor zehn Jahren in Sachsen-Anhalt stand, alle hier eingefallen sind und gefragt haben: "Was ist mit den Ossis los?" Wie werden wir in dieser Zeit sozusagen dann die Ost-West-Debatte aufmachen? Das kann ich wirklich nicht verstehen. Ich glaube, Ost und West ist ein ganz guter Übergang, weil wir sind ja alle sozusagen in Sachsen-Anhalt aufgewachsen, groß geworden. Und zumindest von Marie und mir weiß ich, dass so dieses Aus-Ostdeutschland-Kommen eigentlich so am Anfang gar nicht so ein großes Thema war. Da haben wir irgendwie nicht so viel drüber gesprochen. Es gab dann, glaube ich, für alle von uns irgendwann so einen Punkt, wo man gemerkt hat: "Ach, es ist doch anders als bei den anderen." Da hast du ein Buch drüber geschrieben. Das habe ich vorhin schon gesagt. Vielleicht, bevor wir da noch so ein bisschen mehr drauf eingehen, du benutzt diesen Begriff Ostbewusstsein. Vielleicht kannst du noch mal so ein bisschen sagen, was du damit meinst, weil man läuft ja immer so ein bisschen Gefahr in so eine Ostalgie. Wo ist da so deine Abgrenzung?
- 18:00Also Ostbewusstsein meint für mich dieses Bewusstsein: Ich komme aus Ostdeutschland und das hat noch was mit mir zu tun. Auch dieses Selbstbewusstsein: Es darf auch noch was mit mir zu tun haben. Und diese Aufforderung, es bewusst zu sein, also es vielleicht auch einfach nach außen zu tragen, einfach damit die Leute ein bisschen ihre Vorurteilsschublade aufgesprengt bekommen. Und ich benutze aber auch bewusst den Begriff Ostbewusstsein, weil es für mich auch einfach dieses Bewusstsein meint: Da gibt es den Osten mit einer anderen Geschichte und einer eigenen Perspektive, die sich immer noch so ein bisschen von der westdeutschen unterscheidet. Und das ist jetzt nicht nur Identitätsfragen, das sind politische Fragen, strukturelle Fragen. Und das können eben auch Westdeutsche haben. Also auch Westdeutsche können Ostbewusstsein haben, das finde ich halt wichtig. Und ja, Ostalgie, also ich meine, ich habe ja gar nicht in der DDR gelebt, ihr ja auch nicht. Also die DDR hat den Osten zu dem gemacht, was er heute ist, in anderer Sozialisation und Erfahrungsraum. Und auch die Geschichte nach der DDR ist diametral anders verlaufen. Und wir müssen auch über die DDR reden. Wir müssen darüber reden, dass es eine Diktatur war. Wir müssen darüber reden, was da falsch gelaufen ist. Wir müssen auch darüber reden, wieso jetzt eigentlich so kurz nach dieser Diktaturerfahrung schon wieder so viele in eine rechtsextreme Partei wählen. Aber trotzdem für mich als mein Hauptpunkt, weil es ist was anderes, ist sozusagen der Osten von heute. Und ist dieser Punkt, dass da die Perspektive einfach gesehen wird, dass gesehen wird, dass da Menschen ganz normal und gut auch leben. Ja, also ein bisschen differenzierteres Bild, das versuchen wir ja bei uns auch. Ich habe es ja schon gesagt, also ihr hattet, glaube ich, auch so Erweckungsmomente, wo man gemerkt hat: "Oh, ich komme aus dem Osten, das ist irgendwie anders als die, die aus dem Westen kommen." Wann war das bei euch? Was da so passiert?
- 20:50Marie, wie war es bei dir?
- 20:54Ich glaube, ich würde es zwei teilen, weil es gibt einmal quasi: Mir war das als Kind schon bewusst, dass es mal so ein anderes Land gegeben hat, in dem ist meine Mama aufgewachsen. Die haben das schon immer erzählt. Also ich habe jetzt, kam wirklich vor der Grundschule, weiß ich, dass meine eine Tante immer in Frankfurt am Main gewohnt hat und so. Und ich kannte die Geschichte, dass es schwierig war oder sie hat irgendwie besondere Geschenke mitbekommen. Ich konnte logischerweise aber in dieser Zeit als Kind die Dimension nicht greifen. Mir war aber klar, dass es da mal einen Unterschied gegeben hat. Ich hatte aber nie das Gefühl, dass ich in diesem Unterschied auf gewisse Art und Weise lebe oder dass das Auswirkungen auf mich haben könnte. Und zum ersten Mal dann, die hatte ich schon mal erzählt, war dann, als ich im Chor war, so mit 8, 9, und mit einem Partnerchor in Buxtehude. Das war das erste Mal, weil dann mir doch irgendwie Fragen gestellt wurden als Kind, die mir merkwürdig vorkamen, weil ich habe das gar nicht so wahrgenommen, dass ich in einem anderen Teil von Deutschland aufgewachsen wäre. Und so richtig war es dann eigentlich erst im Studium, im Bachelor, als ich in Dresden studiert habe, dass ich eine von wenigen, interessanterweise waren die, die quasi aus Sachsen-Anhalt, Sachsen oder Thüringen kamen. Und dann so viele Interessierte daran waren, wie ich Abi gemacht hätte. Und ich das überhaupt nicht verstanden habe, weil ich dachte: "Hä, haben wir doch hier alle gemacht, wo soll denn da der Unterschied geben?" Also wäre auch so ein bisschen klischeebehaftet. Sehr klischeebehaftete Fragen mir gestellt wurden. Und das zum ersten Mal tatsächlich erst da ich so wirklich gemerkt habe: "Okay, also ich habe das nie so gesehen, aber das ist der Moment, wo oft wirklich andere mir gerade zuschreiben, dass ich aus einer Region komme, die anders ist." Weil ich habe mich eigentlich nie anders gesehen.
- 21:57Und ich glaube, so ein bisschen ist es bei dir ja auch gewesen.
- 22:01Ja, also bei mir war es auch im Studium, ging es so ein bisschen los. Aber wann hast du da studiert?
- 22:042000 beim Bachelor habe ich angefangen.
- 22:06Ah, okay. Also, weil ich frage das, weil ich habe, glaube ich, auch so in dem Dreh angefangen. Und ich habe dann auch gemerkt, es gibt Unterschiede. Du hast in München... 00:22:04.000 --> 00:22:07.000 Ich habe halt zuerst in Berlin studiert. Und da habe
- 22:07ich gemerkt, es gibt Unterschiede. Aber für mich war es eher so
- 22:10ein bisschen lustig. Es gab halt Leute, die hatten keine Jugendweihe. Schade
- 22:14für sie. Wie haben die ihren Führerschein bezahlt? Die haben dann ja
- 22:18oft dann eher im … das andere gemacht, Konfirmation
- 22:23gemacht oder so. Ich habe auch Konfirmation gemacht, aber sozusagen mein Bruder
- 22:27hat dann Jugendweihe gemacht. Aber genau, es war alles eher so klamaukig
- 22:31und lustig. Oder auch so ein bisschen, ja, bin da nicht tiefer
- 22:34reingegangen. Ich habe irgendwann mal ein Praktikum in München gemacht, bevor ich
- 22:38da studiert habe. Und da haben die Kollegen und Kolleginnen auch so Sprüche
- 22:42über den Grauen Osten gemacht. Und ich habe halt Sprüche über Bayern
- 22:45gemacht, weil es ist sehr leicht, Sprüche über Bayern zu machen. Und
- 22:49deswegen war das auch irgendwie okay, weil es sich so auf Augenhöhe
- 22:51angefühlt hat. Und dann, 2014, hat sich das aber so ein bisschen
- 22:55geändert. Weil da war ich dann in München und da ging Pegida
- 22:58auf die Straße. Und plötzlich kamen so Ossi-Klischees raus, die dann
- 23:04aber nicht mehr einfach nur so eine andere Lebensrealität waren, so ein
- 23:09bisschen anders aufgewachsen, andere Begriffe oder so, sondern es ging dann so
- 23:12los, so ja, die Jammer-Ossis. Also das, was wir jetzt ja
- 23:14gerade wieder mit der Ost-West-Debatte hatten. So ein bisschen die
- 23:16Kerbe, dass ihr euch immer noch benachteiligt fühlt, obwohl ihr ja so
- 23:19nach dem Motto so viel Geld bekommt. Und da ging es quasi
- 23:22bei mir dann so ein bisschen los, dass es so eine Irritation
- 23:24und Leerstelle war, die ich aber gar nicht in Worte fassen konnte.
- 23:30Und ich wollte halt auch nicht in irgendeine Ecke gestellt werden. Also
- 23:35es gab irgendwie gefühlt keine Sprache dafür, irgendwas vom Osten zu verteidigen,
- 23:39ohne jetzt Pegida verteidigen zu wollen. Und da ging quasi so ein
- 23:43Prozess los, den ich meine Ossi-Werdung nenne. Der hat sich dann
- 23:46quasi, ohne dass ich schon Worte dafür hatte, einfach daran geäußert, dass
- 23:49ich plötzlich nur Rotkäppchensack getrunken habe und überall Klang. Und irgendwann
- 23:57wurde es dann, es war dann so ein Mix, glaube ich, aus
- 24:01Identitätsfindung, die man hat, vielleicht auch einfach an dem Alter. Dann du
- 24:05triffst das erstmal auf Leute aus anderen Regionen, aber dann halt so
- 24:08in der Kombination. Deswegen habe ich gefragt, wann das war mit so
- 24:12politischen Realitäten, die da auf einmal so reinkommen. Und Medien, die plötzlich
- 24:15so auf den Osten gucken. Das war total interessant, weil Pegida hat
- 24:18bei mir auf jeden Fall auch eine große Rolle gespielt. Ich war
- 24:21tatsächlich im Studium eher in so einer sehr gemischten Gruppe. Also in
- 24:24meinem engsten Freundeskreis waren fast nur Ossis, also fast nur Leute sozusagen
- 24:27aus Ostdeutschland. Wir hatten ja auch ein paar Leute aus Stuttgart und
- 24:31so. Da haben wir auch, weiß ich noch, das erste Mal so
- 24:33Gespräche geführt über, krass, deine Mutter war bis zur Schule zu Hause.
- 24:36Das ist bei uns unvorstellbar. Aber halt genauso, wie du es beschrieben
- 24:39hast, auf so einer eher interessierten Ebene, die sich total nach Augenhöhe
- 24:44angefühlt hat. Und als Pegida kam, da war ich total überrascht, weil
- 24:49dann so, weiß ich noch, da wurde dann auch so nachgefragt, wo
- 24:53kommen denn jetzt diese Nazis her? Und ich habe gedacht, hä, wo
- 24:56kommen die her? Die waren doch immer da. Ich bin mit denen
- 24:58groß geworden. Wahrscheinlich haben die mal zwischendurch Kinder gekriegt und sie tragen
- 25:02jetzt keine Bomberjacken und Springerstiefel mehr, aber ansonsten waren die so da.
- 25:06Und da bin ich mit Freunden auch ins Gespräch gekommen und habe
- 25:08so über meine, ja, eher so Jugend erzählt in Magdeburg. Ich bin
- 25:12ja auch in Magdeburg groß geworden, wo wirklich regelmäßig auch Freunde dann
- 25:15so Wache gehalten haben und gesagt haben, Achtung, die Nazis kommen. Und
- 25:18dann sind so alle losgerannt. Und da habe ich so gemerkt, wie
- 25:20die dann teilweise reagiert haben in so einer totalen Unglaublichkeit, also so
- 25:24total ungläubig, dass mir so etwas passiert ist. Und ich dachte, hä,
- 25:27wie seid ihr denn groß geworden? Und da habe ich das erste
- 25:29Mal gemerkt, okay, krass. Und auch darüber bin ich dann sozusagen auch
- 25:34mit anderen Leuten, die in der gleichen Region zum Beispiel groß geworden
- 25:36sind, da hat man sich plötzlich ganz verbunden gefühlt miteinander, weil die
- 25:40natürlich ähnliche Dinge erlebt haben. Und das fand ich total interessant. Ich
- 25:43finde, es gibt aber, also für mich zumindest, zwei Unterschiede. Einmal dieses
- 25:46Bewusstwerden, dass man in einer anderen Region mit anderen, vielleicht auch Regeln
- 25:51und Gegebenheiten auch gewachsen ist und dann das sich selbst eingestehen, dass
- 25:54man auch anders sozialisiert ist. Das hat bei mir dann noch viel
- 25:58länger gedauert. Also das erste war dann für mich irgendwie naheliegend. Ich
- 26:00habe mich eher geärgert, dass ich mit so einem Quatsch dann für
- 26:03mich mich auseinandersetzen muss, weil ich habe ja auch nicht gefragt, oh,
- 26:05wie war es für dich in Baden-Württemberg im Schwabenland? Also, weil
- 26:08es für mich einfach eine Region ist und die haben Unterschiede und so
- 26:11habe ich das lange wahrgenommen. Aber mir selbst einzugestehen, dass ich selbst
- 26:15in meinem Verhalten und Denken so doll davon beeinflusst, das hat dann
- 26:19noch mal ein bisschen länger irgendwie gedauert, weil ich mich davon lange
- 26:23so doll abgrenzen wollte. Echt? Ja. Ja, bei mir war es das
- 26:26Gegenteil. Bei mir war so völlig Trotz und mitten rein, als ich
- 26:30das dann gemerkt habe. Wo es mir auch aufgefallen ist, ich habe
- 26:33vorhin schon mal gesagt, als ich dann so über, als ich mit
- 26:36Studienfreunden darüber gesprochen habe, die haben natürlich dann auch immer Kinder gekriegt.
- 26:38Dann hat man so darüber gesprochen, wann gehen die Kinder eigentlich in
- 26:41die Betreuung? Wann sind die eigenen Mütter wieder arbeiten gegangen? Und ich
- 26:45weiß nicht, wie es bei euch war, aber bei uns gab darüber nie Diskussionen.
- 26:47Also die Mütter sind so schnell wie möglich wieder arbeiten gegangen und waren auch ihr ganzes Leben lang arbeiten. Und
- 26:51die Kinder waren eben in Fremdbetreuung. Und da merke ich zum Beispiel,
- 26:54auch, dass sozusagen auch da, wenn man zum Beispiel so sich feministische
- 26:57Influencerinnen oder so anguckt, die dann so Themen machen, wo ich manchmal
- 27:01so da sitze und denke, das ist ein Thema, ist ja krass. Bei uns ist das gar kein Thema.
- 27:07Und das ist ja eigentlich fast was Schönes, finde ich. Also da habe ich eher so das
- 27:09Gefühl von, also da sind wir drei Schritte weiter. So, wie geht es euch damit?
- 27:14Ja, und gleichzeitig denke ich mir, naja, also meine Mutter hätte gar nicht zu Hause bleiben können,
- 27:17weil sie haben so wenig verdient, dass die Option gar nicht im Raum stand, auch wenn
- 27:23sie das nicht gewollt hätte, sondern ich schon auch immer so erzogen
- 27:25bin mit, verdiene mal lieber dein eigenes Geld und geh deinen Weg
- 27:28und mach dich, sei unabhängig, auch bei meinen Omas schon. Aber ich
- 27:33glaube, es ist trotzdem so ein bisschen zweischneidig auf gewisse Art und
- 27:37Weise. Ich habe aber auch immer so den Aha-Moment gehabt, eigentlich
- 27:41ist, glaube ich, die Vereinbarkeit Beruf Familie eher eine westdeutsche Debatte, die
- 27:44soll geführt werden. Unbedingt. Unbedingt, weil wir alle davon profitieren, als Frauen
- 27:48vor allem, aber auch als Männer oder beide sogar zugleich. Aber
- 27:53genau, weil ja, wie bei euch, sich die Frage irgendwie gar nicht
- 27:58stellt. Aber da brauchte ich auch wieder so diesen Reflexionsmoment eines Artikels,
- 28:02weil ich sollte dann, wurde gebeten, darüber zu schreiben, ich als ostdeutsche
- 28:06Frau. Ich hatte da schon so ein paar Sachen drüber geschrieben, ich
- 28:08als ostdeutsches Nachwendekind und war dann so, ostdeutsche Frau spielt, glaube ich,
- 28:13keine Rolle, weiß ich jetzt nicht. Und dann bin ich halt so
- 28:17zu meiner WG, also meiner WG, wo ich damals noch gelebt habe,
- 28:20bin ich zu meiner Mitbewohnerin gegangen, die aus Westdeutschland kommt, und habe
- 28:25sie gefragt, sag mal, waren deine Eltern eigentlich lange zu Hause oder
- 28:30deine Mutter? Und sie so, ja, zehn Jahre. Ja, okay, genau. Dann
- 28:34hatte ich diesen Moment, den ihr gerade beschrieben habt, so dieses, ah,
- 28:36okay, das ist ein Unterschied. Und da bin ich aber richtig froh
- 28:39drum. Also ich bin dankbar dafür, dass da wirklich bei mir, also
- 28:44ich kann mir nicht vorstellen, sollte ich mal Kinder haben, dass da
- 28:46irgendeine kleine Stimme in meinem Kopf flüstert, so Rabenmutter. Bis zur Schule.
- 28:51Ja, also das höre ich von vielen westdeutschen Freundinnen, dass selbst wenn
- 28:55die sich dafür entschieden, dass du in Skandinavien kommst. Also ich
- 28:58habe auch eine Freundin, die lebt in Stuttgart, die hat dann nach
- 29:00anderthalb Jahren entschieden, ihr Kind in die Betreuung zu geben. Und ich
- 29:03meine, das ist für unsere Verhältnisse ja schon eher spät. Die hat
- 29:06auch zwischendurch hier in Leipzig eben auch studiert. Und die wurde da
- 29:09richtig verurteilt für da vor Ort. Und da habe ich auch gedacht,
- 29:12krass, also da sind immer noch so große Unterschiede. Und du hast
- 29:16natürlich aber trotzdem recht, also es hat ja niemand in der DDR
- 29:18gesagt, das machen wir jetzt für die Frauen. Es gab natürlich andere
- 29:22Gründe, das zu tun. Das ist, glaube ich, auch wichtig, das nochmal
- 29:24zu sagen. Und natürlich ist es ja immer gut, wenn Frauen sozusagen
- 29:27die Wahl haben. Und wenn du auch nicht immer alles unter einen
- 29:32Hut kriegen musst. Denn ich glaube, das ist ja die andere Seite
- 29:34dieser starken weiblichen Vorbilder, dass man, also mir ging es zumindest so,
- 29:38ich habe so ganz lange gedacht, okay, das muss auch alles gleichzeitig
- 29:41gehen. Und so Arbeit reduzieren, nee, auf keinen Fall. Also ich habe
- 29:45jetzt ein Kind und die Arbeit läuft aber einfach trotzdem so weiter.
- 29:48Und dann glaube ich auch selber da in diesem, so bin ich
- 29:52groß geworden. Und das ist die andere Seite, irgendwie seinen eigenen Weg
- 29:55zu finden. Das ist ja sowieso, glaube ich, Aufgabe von uns allen,
- 30:00das ganze Leben lang. Ja, ich würde sagen, ich glaube, ich finde
- 30:05es gut, dieses Selbstverständnis mitgegeben bekommen zu haben, auch aus dieser Sozialisierung
- 30:10aus dem Osten heraus, dass man als Frau, Mutter, einen Job haben
- 30:14kann, darf, eine Karriere machen kann, dass es voll in Ordnung ist.
- 30:17Aber das dann auch mal immer mit sich auszuhandeln und vielleicht auch
- 30:20einzugestehen, ich kann aber eigentlich gar nicht alles leisten. Und das ist
- 30:23ja in gewisser Art und Weise dann vielleicht die Weiterentwicklung davon von
- 30:27der Gegebenheit, aus der man selbst heraus erwachsen geworden ist. Voll.
- 30:30Ich glaube, so auf persönlicher Ebene, aber dann würde ich das so
- 30:32voll unterschreiben. Und dann ist so die Frage, was du aber so
- 30:35politisch förderst. Und da denke ich mir, sollten wir erst noch zu
- 30:41diesem ersten Schritt kommen, dass Frauen mit Kind auch arbeiten können. Aber
- 30:45gewisserweise finde ich schon, kann man hier was vom Osten lernen, von
- 30:48Ostfrauen vor allem. Das finde ich eigentlich ganz schön. Gibt es noch
- 30:51was, wo du sagst, auch vielleicht angesichts in der aktuellen Debatte, eigentlich
- 30:54müssen wir uns da jetzt nicht klein machen, sondern wir können auch
- 30:59hier aus uns selbst heraus was lernen, auch vielleicht unser Ostbewusstsein zurückgreifen
- 31:04und versuchen, nach vorne zu gehen? Ich glaube, es ist ganz viel.
- 31:08Also einerseits natürlich aus der DDR noch, das kommt ja aus der
- 31:11DDR, so die Frauenrolle, so ein bisschen. Da werden ja ganz oft
- 31:15die Polykliniken genannt, die jetzt einfach medizinische Versorgungszentren sind. Oder halt auch
- 31:19einfach die Frage, genau, was macht es denn eigentlich mit einer Gesellschaft,
- 31:22wenn eben nicht alles so auf Profit ausgerichtet ist? Ich glaube, da
- 31:24kann man schon was lernen. Lehrbetreuung hast du ja jetzt gerade auch
- 31:26schon gesagt, finde ich, ist ein super Beispiel. Ganz genau. Und ich
- 31:29finde aber auch, jetzt kann man einfach natürlich ganz viel von Ostdeutschland
- 31:33lernen. Nämlich, wie gehen wir denn mit den ganzen Entwicklungen um? Also
- 31:36das macht für mich halt so einen Unterschied, ob man sagt, wir
- 31:42reden über Ostdeutschland oder ob man einfach so die ostdeutsche Perspektive sichtbar
- 31:46macht. Also was ich mit dem Unterschied meine, ist, es gibt Erhebungen
- 31:50dazu, auch eine von der Uni Leipzig und Hoferichter und Jacobs, dass
- 31:54schon jetzt mehr über den Osten geredet wird, aber dass es immer
- 31:58noch so sehr punktuell passiert, immer zu den jeweiligen Jahreszeiten, also so
- 32:04im Herbst, wenn die Jubiläen anstehen, heutige Deutschseinheit, ganz genau, Mauerfalljubiläum, noch
- 32:08manchmal so ein bisschen. Und nach irgendwelchen Wahlen, aber dass eben der
- 32:13Osten kein Teil der kontinuierlichen Berichterstattung ist. Und ich glaube, das ist
- 32:18einfach wichtig. Also, dass eben nicht nur Markus Söder gefragt wird zu
- 32:23seiner Meinung zu politischen Entscheidungen, sondern irgendwie auch ein ostdeutscher Ministerpräsident,
- 32:28immer und ostdeutsche Ministerpräsidenten. Also der Osten ist zwar in sich noch so
- 32:33total verschieden, aber die haben einfach einige Strukturmerkmale, alle fünf Länder, die
- 32:37sich ähnlich sind. Und deswegen sollte man wenigstens eine Stimme da so
- 32:41mit reinnehmen. Und was man dann eben lernen kann, ist, wie es
- 32:44den Leuten dann halt so vor Ort geht. Und das sind ja
- 32:46natürlich auch Dinge, die es auch im Westdeutschland gibt. Und da kann
- 32:50man halt auch ganz viel lernen. Also ich finde einmal natürlich, wie
- 32:54es den Ostdeutschen geht, aber halt auch so für Westdeutschland. Also gerade
- 32:58wenn man sich die aktuellen politischen Entwicklungen anguckt. Also ich wünschte, dass
- 33:02wir einfach vor zehn Jahren, als die AfD begann, im Osten so
- 33:06stark zu werden in Sachsen-Anhalt, dass wir angefangen hätten, die richtigen
- 33:10Fragen zu stellen. Nämlich, welche politischen Entscheidungen führen dazu, dass die AfD
- 33:13so stark ist, damit man damit umgeht, damit man Antworten findet. Ich
- 33:16habe die jetzt nicht, weil ich das Gefühl habe, die richtigen Fragen
- 33:18also ich hätte vielleicht ein paar Ideen, aber die richtigen Fragen wurden
- 33:21halt gar nicht gestellt. Und es muss ja auch von der Politik
- 33:25her irgendwie kommen. Aber stattdessen wurde immer so sich darüber gebeugt, als
- 33:30sei der Osten so ein Patient auf der Therapiebank und gesagt, was
- 33:33ist mit den Ostdeutschen los? Später wollen sie ein bisschen nettere Kindergartenfragen.
- 33:36Was habt ihr denn so erlebt, dass ihr jetzt so wählt? Aber
- 33:41immer halt dieses, so eure Vergangenheit, eure Psyche, anstatt halt politische Fragen
- 33:43zu stellen. Und ich glaube, wenn man das halt macht, dann kann
- 33:48man erstens erkennen, was da Gefährliches passiert. Ich glaube, wenn man da
- 33:52auch als Medienöffner hingeguckt hätte, vielleicht wäre das auch irgendwie anders gewesen.
- 33:56Ich glaube auch, dass man in Ostdeutschland jetzt die Antworten darauf finden
- 34:01muss, wie wir mit unseren neuen politischen Realitäten umgehen. Weil da eben
- 34:06auch die Menschen sind, die einfach schon länger Antworten suchen. Auch zum
- 34:11Stichwort, wie bleiben wir im Gespräch? Also ich habe aus Ostdeutschland schon
- 34:16zu einem Zeitpunkt, wo in einigen Kreisen noch pauschal gesagt wurde, wir
- 34:19dürfen nicht mit Rechten reden, habe ich in Ostdeutschland die ganze Zeit
- 34:21die Stimme gehört, na, wie soll denn das gehen? Das sind halt
- 34:27unsere Nachbarn. Und da wurde dann, wurde man schnell abgewatscht, anstatt halt
- 34:29vielleicht zu sagen, ja, okay, wie macht ihr das denn? Und wie
- 34:31führt man, also die Fragen, die wir jetzt gerade besprochen haben, wie
- 34:34macht man denn das? Denn wie führt man denn dieses Gespräch? Und
- 34:36hätten wir das vielleicht auch schon vor zehn Jahren gemacht, wären wir
- 34:40auch vielleicht an einem anderen Punkt. Jetzt reden wir drei nicht nur
- 34:45vier über Ostdeutschland. Beruflich sind wir auch alle vier in Sachsen-Anhalt
- 34:49unterwegs. Privat vielleicht auch oft auch mal auf Familienfeiern. Aber wann das
- 34:53letzte Mal so richtig privat, wann hast du das letzte Mal was
- 34:56entdeckt, nur für dich in Sachsen-Anhalt? Ich bin sehr oft tatsächlich
- 35:00privat in Sachsen-Anhalt. Da steht das Haus meiner verstorbenen Oma. Und
- 35:04da gehe ich ganz oft hin, zum Arbeiten und zum Leben. Und
- 35:09habe da, als ich im Sommer mal da war, bin ich da
- 35:12spazieren gegangen auf den einen kleinen Hügel, dessen Namen ich jetzt gerade
- 35:16vergessen habe, der da in der Nähe ist. Und genau, es ist
- 35:19einfach eine wunderschöne Gegend. Wie war es bei dir? Ach, würde ich mich
- 35:22gerade fragen. Nee, du machst es ernst. Ja, natürlich, kommt das
- 35:23immer so ein bisschen zu kurz. Also ich bin schon in Sachsen-Anhalt,
- 35:25aber dann halt so, das meinte ich gerade, gemischt, beruflich, privat,
- 35:28wahrscheinlich gemischt, beruflich, privat. Genau. Also wenn ich es schaffe, versuche ich
- 35:31es auch zu verbinden. Wenn ich in die Freundeswohnung bin, dann meine
- 35:33Oma zu besuchen. Aber ich entdecke dann ja irgendwie nichts Neues. Und
- 35:36ich finde, manchmal ist man da auch dann trotzdem so ein bisschen
- 35:38blind von dem Bundesland, in dem man aufgewachsen ist. Ich war aber
- 35:42letztens tatsächlich, das hat mir eine Freundin zum Geburtstag geschenkt, die auch
- 35:46gar nicht hier aus der Ecke ist, waren wir Weinwandern. Und tatsächlich
- 35:50ich war schon sehr oft im Saloonstrohgebiet, aber ich war noch nie
- 35:53Weinwandern. Das ist auch ein bisschen schräg. Und da musste ich mir
- 35:55eingestehen, dass das jetzt auch hier mein erstes Mal ist. Und das
- 35:59war aber sehr, sehr schön. Das erinnert mich daran, ich war in
- 36:02der Nähe von Freiburg wandern und da gibt es so eine freilebende
- 36:05Wildpferdherde. Und das war echt ein bisschen cool. Also da hatte ich
- 36:10vielleicht so einen kleinen Fangirl-Moment, weil die sind auch super neugierig.
- 36:14Also du gehst dann so auf so eine Ebene und ich meine,
- 36:16das ist ja sowieso eine superschöne Region. Und du gehst auf so
- 36:19eine Ebene und dann kommen die so näher und du denkst so,
- 36:21sind wilde Pferde, wie verhalten die sich? Aber die waren echt sehr,
- 36:24sehr cool. Und ansonsten bin ich tatsächlich gar nicht so selten privat
- 36:28unterwegs. Ich war letztens mit meiner Tochter im Erlebnispark in Memleben. Also
- 36:32wenn man mal so einen kleineren, das ist so eine Mischung aus
- 36:34Zoo und Rummel und so. Und die machen aber auch so Schnitzeljagd
- 36:38auf dem Gelände und so. Das war tatsächlich ganz süß. Hat das
- 36:40Potenzial für einen Lieblingsort für Kinder und Familien vielleicht. Aber ich weiß,
- 36:45worauf du hinaus willst, weil wir fragen unsere Gäste nämlich immer nach
- 36:48ihrem Lieblingsort in Sachsen-Anhalt. Und das Haus deiner Oma zählt jetzt
- 36:51nicht mehr. Boah, da habe ich so viele. Da müsste ich mich
- 36:55jetzt entscheiden. Also was mir gerade noch so im Sinn kam, als
- 36:57ihr so erzählt habt, ist der Gutshof Linnstedt. Der ist in der
- 37:00Altmark. Da habe ich auch geheiratet, tatsächlich. Und bin da jetzt noch
- 37:03oft. Das ist ein richtig schönes, altes, ausgebautes, ja, eine Scheune, wo
- 37:09die tolle Veranstaltungen machen, wo auch so ganz engagierte Leute hinterstehen. Das
- 37:14liebe ich sehr. Aber ich liebe natürlich auch Magdeburg. Deswegen musste ich
- 37:17jetzt auch was zu Magdeburg sagen. Und da war ich jetzt gerade
- 37:20auf dem Kulturbrücken-Festival. Und das war einfach kostenlos. Und ich konnte
- 37:25es einfach gar nicht fassen. Also in Berlin gibt es sowas, wo
- 37:28ich mittlerweile lebe, gibt es sowas nicht. Tolle Lieblingsorte, würde ich sagen.
- 37:32Wobei ich hier einen kleinen Aufruf an der Stütte starten muss. Wir
- 37:35hatten in letzter Zeit sehr viele Magdeburg-Lieblingsorte. Liebe Menschen aus Halle,
- 37:40zu Recht. Liebe Menschen aus Halle, habt ihr auch Lieblingsorte in eurer
- 37:44Stadt oder in der Altmark oder im Süden Sachsen-Anhalt? Vielleicht auch
- 37:49im Mansfeld-Südharz? Man weiß es nicht. Dann schickt ihn uns doch.
- 37:54Wir freuen uns über euren Input. Wir freuen uns auch, wenn ihr
- 37:59einen Held oder eine Heldin des Alltags habt, die einfach viel zu
- 38:02selten gesehen wird. Und vielleicht jetzt gerade in Zeiten, in denen wir
- 38:06uns gerade befinden, wichtig sind, einfach mal hervorzuheben und zu sagen, ihr
- 38:10macht einen richtig tollen Job für unsere Gemeinschaft hier im Dorf, im
- 38:14Viertel, wo auch immer. Die E-Mail-Adresse von uns lautet dazwischen
- 38:18at detektor.fm. Oder ihr nutzt unseren WhatsApp-Kanal. Da könnt ihr uns
- 38:21zum Beispiel auch direkt eine Sprachnachricht schicken. Die Nummer findet ihr in
- 38:24den Shownotes. Ja, danke, Valerie, dass du hier warst und das auch
- 38:29alles in dem WhatsApp-Status, was wir jetzt hier machen. Das kannst
- 38:32du ja übernehmen. Du möchtest ja WhatsApp-Journalismus betreiben. WhatsApp-Journalismus mit
- 38:36Valerie Schönjahn, jetzt hier bei Dazwischen. Nächste Woche nimmt euch Leonard mit
- 38:40auf eine Radtour. Und zwar durch die Hansestadt Werben an der Elbe.
- 38:44Er ist dort gemeinsam mit Gerolf von unserem Fahrrad-Podcast Antritt unterwegs
- 38:48gewesen. Ja, was die beiden so in Werben erleben, vor allem wen
- 38:51sie unterwegs alles treffen und auch sprechen, das hört ihr in der
- 38:55kommenden Folge. Ich freue mich drauf. Macht's gut. Dieser Podcast ist eine
- 39:06Kooperation von detektor.fm und dem Media Forward Fund. Podcast-Hosts Marie
- 39:12Landes und Katja Schmidt. Podcast-Redaktion Leonard Schubert. Cover-Design Claudia Dölling
- 39:20und Anja Krämer von Sisters of Design. Originalmusik Florian Sievers, Benjamin Serdani,
- 39:28Stanley Beidauf und Tim Schmutzler. Projektleitung Christian Bollert. Musik.