Latest / DAZWISCHEN Der Sachsen-Anhalt-Podcast / Grenzerfahrung – ungleich vereint?
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- 0:00Das ist vielleicht auch ein Potenzial, wo Westdeutschland von Ostdeutschland lernen kann.
- 0:04Wie werden so Brüche, so ein Strukturwandel eigentlich verarbeitet? Wie können die
- 0:08erlebt werden? Wenn wir uns das international angucken, dann
- 0:13ist hier ganz viel in Disruption und Transformation. Deutlich
- 0:20mehr als 35 Jahre sind mittlerweile vergangen, seit die Mauer gefallen
- 0:25ist und Deutschland wieder vereint wurde. Und trotzdem wirken die Erfahrungen
- 0:31der Teilung heute noch nach und haben nach wie vor auch einen
- 0:34riesigen Einfluss. Auf dem Papier gibt es bis heute viele Unterschiede, aber
- 0:38auch in den Köpfen und in den Herzen vieler Menschen. Die Teilung,
- 0:42die Grenzerfahrungen und all das, was die Wiedervereinigung in den 90er Jahren
- 0:45auch an Enttäuschungen und schmerzhaften Erfahrungen mit sich gebracht hat, sind einfach
- 0:50nicht überwunden oder auch nicht vergessen. Und all das hat bis
- 0:54heute Folgen für Politik, Gesellschaft und das Zusammenleben in Sachsen-Anhalt. Wie
- 0:58prägt die ehemalige innerdeutsche Grenze uns bis heute? Welche Unterschiede gibt es
- 1:04zwischen Ost und West? Und was können wir tun, um noch ein
- 1:07bisschen mehr zusammenzuwachsen? Darüber sprechen wir heute bei Dazwischen. Aber bevor wir
- 1:22das machen, schauen wir noch mal kurz zurück auf die letzte Folge.
- 1:25Da ging es ja vor allem um den Dorfladen in Dersheim, und
- 1:28ich musste im Nachhinein echt noch mal viel daran denken.
- 1:30Eigentlich jedes Mal, wenn ich einkaufen war, habe ich gedacht: Mensch,
- 1:33es wäre schön, wenn jetzt hier der Rentner, der nebenbei noch
- 1:37Autos repariert, mir ein Gulasch kocht. Aber hat leider keiner gemacht
- 1:40im Supermarkt. Wie ging es dir, Marie? Wirkte das auch noch so
- 1:42ein bisschen nah? Ja, ich musste tatsächlich wirklich oft an dieses kleine
- 1:46süße Regal denken, wo sie ganz besondere Produkte aus
- 1:49der Region hatten. Und ich habe ja von dort auch etwas mitgenommen,
- 1:52nämlich sehr leckeren Honig und einen Schnaps, weil ich das so schön
- 1:59fand. Und dann war ich da, und das habe ich jetzt quasi
- 2:01zu Hause. Ich habe das Gefühl, dass du immer Honig mitnimmst. Ich
- 2:05erinnere mich, dass du bei der Umfrage in Halle auch schon Honig
- 2:07mitgenommen hast. Ja, da könnte was dran sein. Im Newsletter hatten wir
- 2:13dann ja auch noch eine kleine Umfrage zu unserem Dorfladenthema. Anne hat
- 2:17die betreut und ist jetzt auch wieder bei uns im Studio. Hallo!
- 2:21Hallo! Was kam denn bei der Umfrage raus? Ja, ich wollte wissen,
- 2:24ob sich unsere Hörer, Hörerinnen, Leser und Leserinnen des Newsletters mehr innovative
- 2:29Ideen für Dorfläden wünschen. Und die Mehrzahl hat mit „Ja, unbedingt“ geantwortet.
- 2:34Gott sei Dank! Das wäre jetzt richtig blöd gewesen, wenn alle gesagt
- 2:36hätten: „Nö, interessiert mich nicht.“ Aber du hast ja auch unser normales
- 2:40Postfach im Blick. Was kam da denn so rein? Ja, wir haben
- 2:43zum Beispiel eine Nachricht von Robert aus Kainer bekommen. Das ist ein
- 2:47kleiner Ort im Burgenlandkreis, und bei denen gibt es keinen klassischen Dorfladen
- 2:51mit Personal, sondern einen personallosen 24-Stunden-Supermarkt in einem Container. Und
- 2:56Robert hat uns ein Video geschickt, in dem er erklärt, wie der funktioniert.
- 3:00Er ist ein richtiger Fan von diesem Laden. Besonders freut ihn,
- 3:04dass der Inhaber das Sortiment den Wünschen der Käufer anpasst und zum
- 3:08Beispiel inzwischen immer sein Lieblingsgetränk speziforätig hat. Und auch Hackfleisch gibt es
- 3:13dort am Wochenende, wenn die Fleischerei im Ort geschlossen ist. Vielen Dank
- 3:17für diese Einblicke! Ja, danke, Anne, und Dank an alle, die mitgemacht
- 3:21haben oder uns eine Mail geschickt haben. Wenn ihr auch etwas loswerden
- 3:25wollt – Lob, konstruktive Kritik oder einen spannenden Hinweis – ihr wisst, wir suchen
- 3:30auch für unsere Kategorien immer einen Lieblingsort in Sachsen-Anhalt oder Heldinnen
- 3:35und Helden des Alltags. Dann schreibt uns! Die Mailadresse, die ihr sicherlich
- 3:39alle schon auswendig kennt, lautet dazwischen@detektor.fm. Ihr findet uns
- 3:44aber auch bei Facebook, Instagram oder Mastodon. Einfach mal nach detektor.fm
- 3:48suchen und uns eine Nachricht schreiben. Bevor wir einsteigen: Die Themen Teilung
- 3:56und Ost- und Westdeutschland sind extrem komplex. Und jede Person
- 4:01hat dazu sehr individuelle Erfahrungen, Erlebnisse und Gedanken. Wir können in dieser
- 4:06Podcastfolge deshalb natürlich nur einen kleinen Teil davon nachgehen. Und es
- 4:11ist auch unmöglich, allen persönlichen Erfahrungen und Sichtweisen gerecht zu werden. Trotzdem wollen
- 4:17wir in dieser Episode über einige konkrete Aspekte sprechen. Denn die Teilung
- 4:21Deutschlands wirkt bis heute nach und prägt damit auch das Leben
- 4:24der Menschen in Sachsen-Anhalt, das ja historisch eine sehr lange Grenze
- 4:28zu den westdeutschen Bundesländern gehabt hat. Und dass das Thema die Menschen
- 4:33immer noch bewegt, merkt man an vielen Stellen. Gleich nach der
- 4:36Veröffentlichung unserer allerersten Folge haben wir eine Rückmeldung genau dazu bekommen. Michael
- 4:41aus Höthensleben bei Helmstedt hat uns nämlich gebeten, dieses konkrete Thema der
- 4:46Grenzerfahrung mal genauer anzuschauen, weil das seiner Meinung nach bis heute eben
- 4:50prägt. Genau, und wir haben dann noch mal bei ihm nachgefragt, und er
- 4:54hat uns für diese Folge eine Sprachnachricht geschickt.
- 4:58„Als ich auf der Welt war, gab es die deutsche Teilung nicht mehr. Obwohl ich halt
- 5:03schon dieses Gefühl hatte, dass die Teilung in vielen Köpfen bis
- 5:07heute auch noch vorhanden ist.“ Michael ist direkt an der Grenze aufgewachsen.
- 5:12Er kommt, wie Katja gerade schon gesagt hat, aus Höthensleben im Landkreis
- 5:16Börde, in der Nähe von Helmstedt. Michael ist zwar 1996
- 5:21geboren und hat deshalb die Teilung, wie er sagt, nur noch vom
- 5:24Hörensagen mitbekommen. Dennoch hat er die teils sehr tiefen Risse der Menschen vor Ort
- 5:30trotzdem noch erlebt.
- 5:33„Für mich als Jugendlicher war halt immer ersichtlich, was Grenze bedeutet. Sei es mit diesem Sichtschutzzaun, den
- 5:40man gesehen hat, oder auch diesen, wie haben sie immer sonst noch, diesen Todestreifen. Was für Horrorgeschichten die uns erzählt hatten, dass da dann
- 5:46irgendwann Pferde rübergeschickt worden sind, weil das ja vermint war und so.
- 5:50Oder auch der Wachtturm, der da noch steht. Also es ist auf der einen Seite aber auch immer ein beklemmender Ort gewesen, der für
- 5:59mich die Teilung, also die Härte der Teilung greifbar gemacht hat. Man
- 6:02muss dazu sagen, in Höthensleben gibt es bis heute ein Grenzdenkmal, wo
- 6:07man die Mauer, wie sie früher an der gesamten deutsch-deutschen Grenze gestanden hat, tatsächlich noch sehen kann.“ Michael hat sich ja vor allem
- 6:15bei uns gemeldet, weil er eben sagt, dass diese Erfahrungen der Teilung
- 6:22und der Grenze bis heute die Menschen prägen. Sogar ihn, der eben
- 6:25erst 1996 geboren wurde, hat er da noch ein paar Erlebnisse
- 6:29mitgeschickt. Marie? Ja, das hat er, und das sind vielleicht im ersten
- 6:32Moment erstmal nur sehr alltägliche Beobachtungen, die aber trotzdem sehr viel aussagen, finde ich.
- 6:38Ja, aber auch lange Zeit konnte man natürlich sehen, wenn man dann sozusagen über der Grenze war. Allein der Straßenbelag sah
- 6:43ja ganz anders aus. Der Kopfsteinpflaster war kaputt, der dann im Osten
- 6:47gewesen ist, bei uns dann sozusagen auf der Westseite asphaltiert. Aber es waren
- 6:52auch so banale Sachen. Alleine der Winterdienst hat ja dann auch aufgehört, hat dann gewendet. Wie ist das denn für dich, Katja? Du bist
- 6:58ja ein bisschen älter als ich. Hast du noch einen starken Grenzbezug oder mehr mitbekommen von deinen Eltern? Das ist jetzt aber charmant eingebunden.
- 7:12Naja, ich komme ja aus Magdeburg, das ist jetzt nicht so nah
- 7:15an der Grenze. Ich habe ehrlich gesagt da erst viel später noch mal so einen ganz persönlichen Bezug bekommen. Für ein journalistisches Projekt, 20 Jahre
- 7:23nach der Wiedervereinigung, bin ich den Einheitswanderweg gelaufen. Der läuft von Aachen
- 7:28nach Görlitz. Ein ganz spannendes Projekt. Und da standen wir irgendwann in Schifflersgrund.
- 7:32Das ist auch so ein Grenzmuseum. Und da hast du noch so, ich glaube, auf anderthalb Kilometer diese alte Maueranlage, richtig noch so mit
- 7:40Selbstschussanlagen, die natürlich heute nicht mehr funktionieren, logisch. Aber wenn man da davor steht, dann kriegt man so ein Gefühl, was das heißt. Und
- 7:49da muss ich ganz ehrlich sagen, da ist das das erste Mal für mich so ganz greifbar geworden. Ich hatte Gänsehaut, ich hatte so
- 7:55ein ganz beklemmendes Gefühl und habe wirklich gedacht: Boah, also bin ich froh, dass ich das nicht mehr in der Realität erleben musste.
- 8:01Krass. Tatsächlich war ich an dieser grünen Grenze vorher noch nie. So
- 8:06eher dieser Klassiker in Berlin. Oder auch beruflich war ich tatsächlich in Krasberg, in diesem ehemaligen Gefängnis. Und das fand ich sehr eindrücklich, weil
- 8:15ich da auch mit einem Zeitzeugen gedreht habe an dem Ort, das jetzt Museum ist. Und das hat sehr viel mit mir auf jeden
- 8:22Fall gemacht. Für die heutige Folge habe ich mich entschieden, dem Impuls von Michael zu folgen und bin auf Spurensuche gegangen an einem Grenzort.
- 8:36Ich wollte mir angucken, wie die ehemalige Grenzregion heute im Jahr 2026
- 8:41aussieht, eben weil ich so konkret da noch nie war. Und ich wollte vor allem Menschen treffen, die mit mir darüber sprechen. Also bin
- 8:52ich in den Norden Sachsen-Anhalts gefahren, genauer in den Altmarkkreis Salzwedel.
- 8:55Mein Ziel: der Grenzlehrpfad des Grenzmuseums Birkwitz-Zicherei. Der befindet sich wirklich mitten im Wald, weshalb ich erst sogar so ein bisschen vorbeigefahren bin.
- 9:08Und naja, von der Landstraße muss man nämlich direkt einbiegen auf einen
- 9:11Waldweg, dann ein Stück lang fahren, und dann steht da plötzlich rechts am Wegrand so eine alte schwarz-rot-goldene Grenzsäule. Kurz darauf kommt
- 9:19der Parkplatz. Ja, und dann hörte sich das dort erst mal so an. Ja, das klingt ja erst mal sehr idyllisch und nach Natur.
- 9:31Also ein bisschen nach Entspannung für dich, oder? Ja, tatsächlich. Es war wirklich absolute Stille. Und das liegt natürlich auch daran, dass der
- 9:45Grenzlehrpfad Teil des Grünen Bandes ist. Das kennen die meisten sicherlich: ein fast 1400 Kilometer langer grüner Streifen entlang der ehemaligen innerdeutschen
- 9:54Grenze. Weite Teile davon sind heute Naturschutzgebiet, und der Grenzlehrpfad von Zicherei ist ein Rundweg, der auch zu einem kleinen Museum führt. Naja,
- 10:05und ich bin dann da zwischen dem Waldrand und Feld so ein bisschen umhergelaufen. Es gibt dort einen Wachturm, verschiedene Infotafeln, und dann
- 10:15sind da, das fand ich total interessant, verschiedene Mauerteile aus verschiedenen Zeiten aufgebaut. Und da so lang zu laufen, das hat mich dann doch
- 10:27sehr berührt. Also das ist hier irgendwie schon ein sehr unwirklicher Ort. Einerseits ist es wahnsinnig idyllisch, hier ist niemand, nur Vögelgezwitscher, blauer
- 10:39Himmel, weite Wiesen über mir, und gerade kreist ein Milan. Und dann kann ich hier irgendwie so am Waldrand an quasi Mauerresten vorbeilaufen.
- 10:48Ich kann nicht nur vorbeilaufen, ich kann die Seite wechseln und hin und her gehen und kann mir aber auch vorstellen, dass das alles früher so nicht möglich war.
- 11:05Jetzt hast du ja gesagt, dass das der Grenzlehrpfad Zicherei-Birkwitz ist. Was sind denn das für zwei Orte? Also das sind so zwei kleinere Dörfer mit roten norddeutschen Backsteingebäuden,
- 11:30die wirklich direkt beieinander liegen. Zicherei liegt in Niedersachsen, Birkwitz in Sachsen-Anhalt. In beiden Dörfern leben zusammen weniger als 500 Menschen, und sie
- 11:42sind auch wirklich direkt über eine Hauptstraße miteinander verbunden. Und sie waren es bis zum Mauerbau auch lange. Also es hat schon viele Jahre
- 11:51davor einen gemeinsamen Schützenverein gegeben. Die Kinder aus Zicherei sind in Birkwitz zur Schule gegangen. Und das Doppeldorf hat dann sehr traurige Berühmtheit für
- 11:59seine Grenzgeschichte erhalten, unter anderem weil dort 1961 der Journalist Kurt Lichtenstein während einer Reportagereise erschossen worden ist. Er gilt als erstes Todesopfer nach
- 12:09dem Mauerbau. Jetzt bist du ja dort hingefahren, um zu schauen, ob du mit Menschen vor Ort ins Gespräch kommen kannst. Hat das denn
- 12:17geklappt? In Birkwitz habe ich tatsächlich niemanden getroffen, dafür aber in Zicherei.
- 12:24Ich bin da so ein bisschen mit dem Auto lang gefahren, habe
- 12:27geguckt, ob ich wen finde, und in ihrem Vorgarten stand dann da
- 12:31Ute Fese. Sie hat gerade Gartenarbeit erledigt, so eine zierliche Frau, Brille,
- 12:35kurzer Bob, glatte Haare, grau, freundliches Gesicht. Und ich habe dann sie
- 12:40wirklich über den Zaun angesprochen. Und sie hat mir dann erzählt, dass
- 12:43sie seit über 40 Jahren im niedersächsischen Zicherei lebt. Aufgewachsen ist sie
- 12:48auch auf der niedersächsischen Seite, so ein Dorf weiter. Und ich wollte
- 12:52wissen, wie sie auf der Westseite die Zeit der Teilung wahrgenommen hat.
- 12:57„Es war für uns nicht das Thema. Es war einfach so. Hier war die Grenze, aber es war für uns als Kinder oder auch
- 13:03als Erwachsene kein Thema, dass man das mal mitbekommen hat oder so. Nicht viel. Also ich war ja dann
- 13:10ab und zu hier bei meiner Tante in Zicherei, aber da kam das Thema Grenze nicht. Ich wusste ganz lange gar nicht, dass
- 13:19zum Beispiel nach Kaiserwinkel hin dieser Graben, dass das schon die Grenze war. Das habe ich erst ziemlich spät erfahren und mitbekommen.“ Sie hat
- 13:30zum Beispiel auch erzählt, dass damals, als sie noch Kind war, war sie auch beim Schützenverein mit. Dann sind sie mit dem Schützenverein immer
- 13:39die Hauptstraße lang bis zur Grenze, wo Birkwitz war, und dann da mit ihren Fanfaren und so. Und dann sind sie einfach abgewogen. Das
- 13:45war's. Aber hat sie nicht weiter darüber nachgedacht. Das war einfach normal.
- 13:51Ja, es war einfach normal. Was sie wirklich bewegt hat, das war
- 13:55dann der Mauerfall. Diesen hat sie dann schon als junge Mutter erlebt.
- 13:59„Und Leute vor Ort wissen das. Aber sonst wissen es viele Leute
- 14:02nicht. Die Mauer ist in den einzelnen Regionen ja nicht vollständig am
- 14:079. November 89 geöffnet worden, sondern oft erst Wochen oder Monate später.
- 14:11So auch in Zicherei-Birkwitz. Ja, es war ganz aufregend, dass wir
- 14:17hier in einer eisigen Kälte die Kinder irgendwie abgegeben haben: „Ihr müsst mal den Kindergarten abholen. Wir wollten einfach dabei sein.“ Und dann kamen
- 14:24die Bagger von der anderen Seite und haben die Mauer eingerissen oder erst mal das Oben. Und dann kam der Abend und es wurde
- 14:34geöffnet. Das war unglaublich und vergesslich wahrscheinlich auch. Vergesslich. Also das war
- 14:39schon sehr bewegend, beeindruckend. Ich fand es total interessant, die Geschichte auch mal aus dieser Perspektive zu hören. Was mir insgesamt bei der Recherche
- 14:53für diese Folge noch einmal mehr klar geworden ist: Wahnsinnig viele Menschen
- 14:56verbinden etwas mit der Grenze, aber eben verbunden mit ganz unterschiedlichen Perspektiven
- 15:01und Erfahrungen. Eben auch wie Ute Fese, die ja erst mal gesagt hat, es war nicht Thema, aber dann wurde es ja doch ziemlich emotional
- 15:09für sie. Unser Redakteur Leonard hat sich zum Beispiel für diese Episode
- 15:17auch mit dem Autor Rainer Totzke unterhalten. Er lebt in Leipzig, schreibt
- 15:22hier unter dem Namen Kurt Mondaugen und reflektiert in seinen Texten zum
- 15:27Teil auch seine Kindheit und Jugend in Sachsen-Anhalt. Er ist wiederum
- 15:311966 geboren und hat noch sehr konkrete Erinnerungen an die Grenze.
- 15:38„Ich war als Kind sehr viel bei meiner Großmutter in einem kleinen
- 15:42Dorf zwischen Marienborn und Weverlingen gelegen und habe da eigentlich einen Großteil
- 15:49meiner Kindheit verbracht. Ja, und wenn ich jetzt an die Zeit tatsächlich
- 15:53an die Grenzzeit denke, vor der Wende, war es irgendwie schon ein
- 15:57sehr mysteriöser Ort. Man durfte ja da immer nur rein mit Passierschein.
- 16:02Als Kind konnte man einfach so rein, wenn man in den Bus
- 16:05gesetzt wurde: „Du fährst zur Oma, dann okay.“ Kinder wurden halt nicht
- 16:08kontrolliert. Aber alle ab 14, ab der Zeit, wo man einen Ausweis
- 16:12hatte, brauchte man einen extra Passierschein, der in einem langen Prozedere beantragt
- 16:16werden musste und dann auch nur vier Wochen galt. Also selbst meine
- 16:20Eltern konnten nicht, wenn irgendjemand starb, dann musste erst angerufen werden, dass
- 16:25man von Schönebeck aus in diesen Grenzstreifen reinfahren durfte. Und irgendwie
- 16:30– also es war absolut kompliziert. Und natürlich zeigte das sozusagen die DDR
- 16:35at its best, nämlich als Militär- und Polizeistaat in irgendeiner Weise.
- 16:40Und das war mir als Kind immer total gegenwärtig. Zumal ich
- 16:44vom Haus meiner Oma aus dem Fenster sah, ich den Lappwald gegenüberliegend
- 16:48in ein, zwei Kilometern Entfernung und wusste: Dahinter ist etwas, wo ich
- 16:53nie hinkommen werde, was so hermetisch abgeschlossen war.“ Rainer Totzke verbindet etwas
- 16:58ganz anderes mit der Grenzregion als Michael. Oder wenn ich so über
- 17:02die Geschichten aus meiner Familie nachdenke, meine Eltern oder auch Großeltern. Ich
- 17:06wollte wissen, wie sich dieses direkte Erleben der Grenze bis
- 17:11heute auswirkt. Und habe darüber mit Martin Kriemann von der Martin Luther
- 17:14Universität Halle-Wittenberg gesprochen. Er forscht zu diesem Thema, allerdings nicht aus
- 17:19einer soziologischen oder politikwissenschaftlichen Perspektive. Er ist Erziehungswissenschaftler. Ostdeutschland als Ganzes, also
- 17:26so wie die Erfahrung auch in der DDR, wird ja ganz unterschiedlich wahrgenommen. Also man könnte jetzt zehn Menschen fragen,
- 17:31und man würde zehn unterschiedliche Erzählungen kriegen. Dennoch, also in dem Gebiet in Sachsen-Anhalt,
- 17:36also im südlichen Sachsen-Anhalt, wo ich forsche, hat die Grenze oder eigentlich die Veränderung, die Transformation, schon
- 17:46wahnsinnig Einfluss. Wenn wir uns das mal angucken, insbesondere in der Kohle
- 17:53und Chemie sind 89/90 in kürzester Zeit massiv Arbeitsplätze weggefallen. Betriebe
- 18:03wurden geschlossen. Und das sind nicht nur irgendwelche Kennziffern und Zahlen, da
- 18:08stecken immer auch Geschichten dahinter, da stecken Familien dahinter, Menschen, Schicksale. Und
- 18:13das hat insofern eine Relevanz, da wir jetzt im Revier sozusagen
- 18:17jetzt eine neue Transformation sehen, also so eine technologische, wirtschaftliche. Also Stichworte
- 18:22wären hier so Dekarbonisierung, Digitalisierung. Da gibt es diesen Begriff des Strukturbruchs,
- 18:29der damals stattgefunden hat. Jetzt kommt so ein Strukturwandel, und das haben
- 18:33die Menschen noch drin. Also das verbinden die damit, und die Verluste
- 18:39die damals einhergingen, da haben die auch Sorge und Skepsis, dass da
- 18:44wieder was auf sie zukommt, was sie gar nicht so mitentscheiden können.
- 18:48Deswegen würde ich sagen, es sind jetzt 36 Jahre der Transformation, wo
- 18:52wir da noch mittendrin sind. Und das erlebe ich stark im
- 18:56Sachsen-Anhalt. Viele Menschen wurden durch die Erfahrung der Teilung, vor allem
- 19:07natürlich auch von dem, was während der Wiedervereinigung passiert ist, extrem geprägt.
- 19:11Also wir haben es ja gerade schon gehört: Betriebe, die plötzlich geschlossen
- 19:14worden sind, hohe Arbeitslosigkeit, dann natürlich Wegzug, Leerstand in den Städten. Dazu
- 19:19ist ja nicht nur viel geforscht worden, sondern in den vergangenen Jahren auch
- 19:22viel publiziert worden, zum Beispiel in der Literatur. Was ich mich frage,
- 19:26weil wir ja in dieser Folge auch vor allem auf die Grenzregionen
- 19:29gucken: Was macht das eigentlich? Also macht es einen Unterschied, die Nähe
- 19:33zur Grenze? Ich habe mich das tatsächlich auch gefragt, und Martin Kriemann
- 19:39sagt dazu, dass diese tiefen Prägungen aus seiner Sicht tatsächlich gar nicht
- 19:42so sehr damit zusammenhängen, ob man in der Grenzregion direkt gelebt hat
- 19:47oder eher weiter entfernt. Ja, also ich habe tatsächlich in meiner Doktorarbeit
- 19:52genau diese These gehabt, dass die Nähe, also die räumliche Nähe zur
- 19:56ehemaligen innerdeutschen Grenze eine Rolle spielen konnte. Ich muss aber sagen, dass
- 20:02ich das gar nicht zeigen konnte. Also da kamen ganz andere Themen
- 20:07zur Geltung, und zwar eher so, dass da andere Grenzziehungen interessant
- 20:14waren, und zwar vor allem Stadt-Land. Also desto näher man oder
- 20:21desto weiter man im ländlichen, peripherisierten Raum ist, desto anders
- 20:26wurde es wahrgenommen. Was aber meiner Meinung nach auch eher damit zusammenhängt,
- 20:30mit infrastrukturellen Lücken, die da im öffentlichen Nahverkehr, in der Erreichbarkeit von
- 20:37Arbeitsplätzen, von Kindergärten, von Schulen, der Schließung von Jugendeinrichtungen. Das, was sozusagen
- 20:42viel relevanter war, als wie nah ich jetzt an der Mauer
- 20:46lebe. Das hatte da keine so große Rolle. Das ist spannend. Da
- 20:50hätte ich jetzt schon gedacht, dass das einen stärkeren Einfluss hat, wie
- 20:53nah man sozusagen an der Grenze war, weil man ja doch ein
- 20:56bisschen mehr wahrnimmt und sieht und auch vor Augen hat, sozusagen, wovon
- 21:00man lange Zeit getrennt war und dann ja auch plötzlich nicht mehr.
- 21:03Was wir aber unabhängig davon wissen, ist, dass es in bestimmten Lebensbereichen
- 21:07immer noch ganz große Unterschiede gibt zwischen Ost und West. Absolut, wobei
- 21:12wir ja auch da zunehmend ein differenzierteres Bild haben. Denn es gibt
- 21:16natürlich auch Regionen im Westen, die mit Regionen im Osten sehr vergleichbar
- 21:21sind. Fest steht aber, wenn wir einen Blick auf Ost- und
- 21:26Westdeutschland insgesamt werfen, gibt es eben diese Unterschiede, die die Teilung bis
- 21:31heute auch in Zahlen belegen. Lohn, Rente, Erbe fallen in den ostdeutschen
- 21:36Bundesländern und insbesondere in Sachsen-Anhalt immer noch deutlich niedriger aus als
- 21:40in den westdeutschen Bundesländern. Menschen aus den ostdeutschen Bundesländern sind immer noch
- 21:45deutlich seltener in Führungsetagen vertreten. Das ist eigentlich fast alles jeweils eine
- 21:50eigene Podcastfolge wert. Wir haben ja auch noch ein paar Folgen
- 21:53vor uns, also ich denke, über das eine oder das andere Thema
- 21:56werden wir da auch noch mal sprechen. Lass uns trotzdem noch mal zurückkommen, denn
- 22:00was für die einen nur eine Statistik ist, ist für andere ja
- 22:03Lebensrealität, und es hat natürlich auch ganz reale soziale und auch emotionale
- 22:09Folgen. Ja, einer der bekanntesten deutschen Soziologen, Steffen Mau, kommt ursprünglich aus
- 22:14Rostock und beschäftigt sich auch genau mit dem Thema und hat
- 22:17darüber ein sehr beachtetes Buch geschrieben: „Ungleich vereint“. Kennst du das? Also
- 22:22es war ja sozusagen in aller Munde, wurde viel besprochen. Ich habe
- 22:25es fairerweise noch nicht gelesen. Ich habe es als Hörbuch tatsächlich, und
- 22:29er stellt darin mehrere Thesen auf, wie die Teilung die Menschen im
- 22:33Osten bis heute prägt: wirtschaftlich, politisch und eben auch in der Mentalität.
- 22:38Zum Beispiel, dass die Erfahrungen durch das Ende der DDR und die
- 22:42damit zusammenhängenden Umbrüche eine kollektive Identität bilden und dass die Menschen hier
- 22:47aufgrund der erlebten Umbrüche ja sich angesichts aktueller großer Umbrüche und Krisen,
- 22:52die wir ja alle erleben, gegenüber Veränderungen erschöpft erzeigen. Was mir immer
- 22:57auffällt: Oft geht es in der Diskussion um Ost und West auch
- 23:01darum, wie sehr ist der Osten schon geschafft, hat sich dem Westen
- 23:04anzugleichen. Ich finde das immer so ein bisschen merkwürdig, weil das so
- 23:07eine Einseitigkeit herstellt. Also als ginge es nur darum, sich sozusagen anzupassen
- 23:11und gar nicht zu hinterfragen, wo es ja vielleicht auch irgendwie gut
- 23:14wäre, einen anderen Weg einzuschlagen. Absolut. Und das thematisiert Steffen Mau auch,
- 23:20und er plädiert dafür, die Unterschiede nicht als Integrationsbremse zu sehen, sondern
- 23:26einfach auch anzuerkennen, dass bestimmte Dinge vielleicht immer anders sein werden. Und
- 23:31Martin Kriemann, der knüpft daran auch ein bisschen an, denn auch er
- 23:34sagt, dass diese Unterschiede und die Erfahrungen, die viele Menschen im Osten
- 23:38gemacht haben, auch ein großes Potenzial bergen. Da ist im Grunde ein Land verschwunden. Wenn man sich das so anguckt, dass wenn
- 23:45man Familiengeschichten erzählt, dann sind die ganz häufig verknüpft mit Nationalgeschichten. Und
- 23:50das ist ein potenzielles Risiko. Also wenn dann so eine Nationalgeschichte verschwindet
- 23:56oder sich auflöst, geht es natürlich auch ein Stück darum, den Teil
- 24:00der Familiengeschichte, die damit verknüpft ist, zu schützen, sich abzugrenzen, damit nicht
- 24:05auch die Familiengeschichte sich auflöst. Aber das sozusagen zu schaffen und eine
- 24:10neue Familiengeschichte und vielleicht auch eine neue Nationalgeschichte erzählen zu können, das
- 24:15bringt eine gewisse Resilienz mit sich. Und das ist vielleicht auch ein Potenzial, wo
- 24:20Westdeutschland von Ostdeutschland lernen kann. Wie werden so Brüche, so ein Strukturwandel eigentlich, wie können die verarbeitet, erlebt
- 24:29werden? Wie haben die Menschen aus Ostdeutschland das eigentlich geleistet? Und gar
- 24:33nicht so den Fokus auf das Trauma zu legen, sondern vielleicht eher auf die Resilienz, die man da mitgewonnen hat. Also so ein bisschen
- 24:40die negative Erfahrung in neue positive Energie umwandeln und darin auch Kraft
- 24:44und vielleicht auch so ein eigenes Selbstbewusstsein finden. Das gefällt mir irgendwie
- 24:52gut. Ich habe nämlich neulich das Wort „Transformationskompetenz“ gelesen, und das finde
- 24:58ich mal so eine andere Perspektive, weil wir ja so ganz häufig,
- 25:01wenn es um diese Umbruchserfahrungen geht, dann reden wir so von so
- 25:05einem Trauma, was eben so ein ganzes Land quasi erfahren hat. Und 00:25:08.000 --> 00:25:11.000 Das ist jetzt hier mal eine ganz andere Perspektive. Du hast ja
- 25:11mit Martin Kremann gesprochen. Wie bewertet er das denn? Ja, das Wort
- 25:15Trauma hat er ja eben auch schon benutzt. Ich habe ihn
- 25:18auch nochmal ganz konkret gefragt, ob das denn wirklich als traumatisches Erlebnis
- 25:22gewertet werden kann, was damals passiert ist. Ich denke schon, dass
- 25:27dieser Bruch das Potenzial dazu hat, ein traumatisches Erlebnis sein zu können.
- 25:34Das heißt aber nicht, dass es das überall ist, und das heißt
- 25:38auch nicht, dass ein Trauma, wenn es denn so ist, unbedingt jetzt
- 25:44von den Kindern, Jugendlichen oder jetzt auch den jungen Erwachsenen, es sind
- 25:47ja jetzt auch 36 Jahre schon her, als Trauma mit aufgerufen
- 25:51wird. Ganz im Gegenteil, ich konnte eigentlich so in mehreren Studien
- 25:55schon sehen, dass die Nachwendegenerationen sich eigentlich ein Stück weit auch
- 26:01von dem Wissen der Eltern distanzieren wollen. Also viele junge Menschen, die
- 26:06erleben sich eben als gesamtdeutsche Gruppe, als Europäer, und wollen sich von
- 26:14dieser Differenzmarkierung der Älteren auch ein Stück weit absetzen. Das bedeutet jedoch
- 26:20nicht, dass es gleichzeitig keine Art von Ostidentität gibt. Da würde ich
- 26:25sogar aus meiner Beobachtung sagen, dass die eher wieder zugenommen hat in
- 26:28den letzten Jahren, auch in der jungen Generation, dass man heute schon
- 26:31fast ein bisschen stolz darauf ist, zumindest sozusagen ostsozialisiert zu sein. Ja,
- 26:35da hat er mir aber ein bisschen widersprochen. Da meinte er, es
- 26:37ist nur eine bestimmte Kohorte. Das kann er so nicht bestätigen. Aber
- 26:40Wissenschaft ist ja da auch, je nachdem, manchmal wo man genau hinguckt,
- 26:43hat sie auch unterschiedliche Antworten auf bestimmte Fragen. Unbedingt. Ich finde das
- 26:47ist aber auch ein spannendes Thema. Das könnten wir uns auch nochmal
- 26:49anschauen. Lass uns aber vorher nochmal zurückkommen nach Zicheri und Böckwitz, dem
- 26:53Doppeldorf, durch das die Mauer verlaufen ist. Wie prägt denn die Teilungserfahrung
- 26:57die Menschen dort heute noch? Während ich da am Gartenzaun bei Ute
- 27:02Fese stand, kam auf dem Fahrrad mit seiner Familie Eike Lange vorbei.
- 27:05Sie hat ihn dann so direkt drangerufen: „Komm mal her, das
- 27:08hier ist ein Thema für dich.“ Das war ganz witzig. Er ist
- 27:111987 geboren, hat also keine ausgeprägte Erinnerung an die Teilung. Er hat
- 27:17mir aber erzählt, dass an seiner Familie die DDR immer Thema war,
- 27:21weil es da eben eine familiäre Verbindung gab, vor allem durch seine
- 27:24Großmutter. Ich habe ihn dann gefragt, ob Zicheri und Böckwitz heute dann
- 27:29wieder zusammengewachsen sind, wie er das erlebt. Also ein Stück weit auf
- 27:33jeden Fall. Was die Sache, glaube ich, schwierig macht mit dem Zusammenwachsen,
- 27:36ist, dass manche Systeme nach wie vor getrennt sind. Also Jugendliche, die
- 27:38in Sachsen-Anhalt in Böckwitz oder in Jahrstedt aufwachsen, gehen in andere Grundschulen
- 27:42in andere Kindergärten als die Kids, die in Niedersachsen unterwegs sind. Und
- 27:45das macht das Zusammenwachsen schwierig. Nichtsdestotrotz steht das dem im
- 27:49Weg. Was würden Sie sich da ein bisschen mehr wünschen? Dass es
- 27:52einfach durchlässiger ist. Also dass man, wenn ich auf der niedersächsischen Seite
- 27:56in Zicheri ein Kind habe und möchte, die in den Kindergarten schicken,
- 27:59dass ich ohne weiteres nach Jahrstedt in die Kita könnte und Jahrstetterkinder
- 28:02oder Böckwitzer Kinder nach Brumme, ohne großen behördlichen Tamtam, sondern einfach sagen:
- 28:06„Groß und platzfrei, wo passt mir das pädagogische Konzept zum Beispiel?“ Dann
- 28:09melde ich mein Kind da an und fertig. Und dass das eben
- 28:12nicht so ist und die Kinder in unterschiedlichen Schulen dann starten, Freundeskreise
- 28:16sich bilden, Hobbys sich bilden, macht ein Zusammenwachsen schwer. Also dass man
- 28:20mehr innerhalb von einer Region denkt, statt von Ländergrenzen. Ja, genau. Und
- 28:24das zieht sich ja durch andere Fragestellungen genauso. Also wenn wir, ich
- 28:28bin Feuerwehrmann hier in der Freiwilligen Feuerwehr, und wenn wir alarmiert werden,
- 28:31dann ist erstmal an der Landesgrenze Schluss. Egal ob in wirtschaftlicher, sozialer
- 28:42oder auch emotionaler Hinsicht. In allen Bereichen haben wir die Erfahrung eines
- 28:46geteilten Deutschlands, der Grenze und auch der Wiedervereinigung, noch nicht so ganz
- 28:49überwunden. Oder wie es der Soziologe Steffen Mau beschreibt: Wir sind ungleich
- 28:54vereint. Marie, was müsste denn passieren, damit wir besser zusammenwachsen? Ja, wenn
- 28:58es die eine Antwort geben würde, hätten wir ja wahrscheinlich längst alle
- 29:02Hindernisse überwunden, zumindest wenn es um gleichwertige Lebensverhältnisse geht. Das sind
- 29:07einfach sehr, sehr viele Stellschrauben, die auf verschiedenen Ebenen gedreht werden müssten.
- 29:11Von der Politik, von Unternehmen, die, wenn sie Betriebe in, ich sag
- 29:15mal in Hessen und in Sachsen-Anhalt haben, dass sie auch dafür
- 29:17sorgen müssten, dass für gleiche Arbeit gleiches Geld gezahlt wird. Da gibt
- 29:20es ja auch noch große Unterschiede. Ganz grundsätzlich bittet Steffen Mau dafür,
- 29:25die ganz persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse der Menschen ernst zu nehmen und
- 29:29vor allem nicht direkt als einen Nachteil oder als Defizit zu markieren.
- 29:34Also vielleicht auch ein bisschen mehr sozusagen Offenheit auf beiden Seiten. Ganz
- 29:39genau. Und Rainer Totzke, der Autor und Philosoph aus Leipzig, hat die
- 29:44Thesen von Steffen Mau übrigens mal praktisch angewandt, und zwar bei seinem
- 29:48Philosophie-Festival „Leipzig denkt“. Da hat er mit den Texten von Steffen
- 29:52Mau einen Spaziergang gemacht und an verschiedenen Ecken daraus vorgelesen. Er wollte
- 29:58wissen, was die Menschen darüber denken, was es mit ihnen macht, und
- 30:02er hat dann Folgendes erlebt: Und dann traute sich tatsächlich eine ostdeutsch
- 30:08sozialisierte Person, die dann auch plötzlich ganz aufgeregt war und sagte: „Ja,
- 30:11tatsächlich, ich muss jetzt hier mal was sagen.“ Und sie erzählte dann
- 30:14etwas ganz Berührendes aus ihrem Leben, wie sie durch die Wände aus
- 30:17ihrem Leben gerissen wurde, irgendwie, und eigentlich seitdem ganz viel, also
- 30:22eine große Wunde. Und daraufhin änderte sich die Atmosphäre bei diesem Spaziergang
- 30:27nochmal stark, weil danach gab es das, was man heutzutage vielleicht Awareness
- 30:31nennt, aber in einem wirklich positiven Sinne. Dass da viele westdeutsch sozialisierte
- 30:36wirklich tatsächlich verstanden, wie tief für manche Ostdeutsche, aber auch andere Ostdeutsche,
- 30:41die nicht diese Wände erlebt haben, also wie tief sozusagen das in
- 30:45Biografien eingegriffen hat und wie tief entsprechend auch so Emotionen mit all
- 30:50dem, was an realen Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten existiert, die zugleich da Emotionen
- 30:56und Verletzungen eine Rolle spielen. Dahingehend, dass Leute heute hier in Ostdeutschland
- 31:01mit einer ostdeutschen Biografie so und so reagieren in solchen Situationen und
- 31:05nicht nur im Wahllokal. Ja, okay, das ist ja sozusagen auch so
- 31:09ein bisschen das, was ich gerade meinte, dass es da eben so
- 31:11einen Schlüssel zur besseren Verständigung braucht: mehr Verständnis füreinander. Und dafür braucht
- 31:17es eben, glaube ich, so eine Offenheit, zum einen auch für die
- 31:20eigenen Erfahrungen, für die eigenen vielleicht auch Verletzungen, die man da so
- 31:24erlebt hat, aber natürlich eben auf der anderen Seite auch eine Offenheit
- 31:27ohne Klischees, ohne Vorurteile beim Zuhören. Auf jeden Fall. Ich persönlich finde,
- 31:32aber, dann muss es irgendwann noch einen Schritt weiter gehen, also über
- 31:35das Erzählen und Zuhören und vielleicht auch Nachführen hinaus. Die Wunden sollten
- 31:40verarbeitet werden und im Fall von Ost und West, meiner Meinung nach,
- 31:44zusammen. Denn in einem geteilten Deutschland haben ja eigentlich nicht nur diejenigen
- 31:49in der DDR, sondern auch die in der alten Bundesrepublik gelebt. Und
- 31:52das sieht Martin Kriemann ganz ähnlich. Das sieht man eben auch schon
- 31:57in der Aufarbeitungsinfrastruktur. Die meisten Gedenkorte sind eben in Ostdeutschland. Und natürlich
- 32:02braucht es für eine gemeinsame Zukunft die Erzählung einer gemeinsamen Geschichte, die
- 32:08zum Beispiel aus zwei Nationalgeschichten besteht. Aber man muss das ja nicht
- 32:11so über die Differenz machen, sondern in dieser Differenz steckt ja auch
- 32:14ein Potenzial. Also was man da voneinander lernen kann, so eine Offenheit,
- 32:18so eine Zugewandtheit. Und ich glaube, das wäre noch ein Vermittlungsauftrag auch
- 32:22an Schule, da ein Interesse an Differenz zu wecken. Damit nähern wir
- 32:28uns dem Ende dieser Folge. Und um das nochmal sehr deutlich zu
- 32:32sagen: Uns ist bewusst, dass wir hier im Podcast nur einen ganz
- 32:36kleinen Teil einer ganz großen Debatte abbilden können. Einer Debatte mit vielen
- 32:42sehr unterschiedlichen Perspektiven, aufgrund sehr unterschiedlicher Lebenserfahrungen. Trotz der Gemeinsamkeit, auch die
- 32:49DDR erlebt zu haben oder in einer Region aufgewachsen zu sein oder
- 32:54zu leben, in der es ja diesen Staat einmal gegeben hat. Deshalb
- 32:58werden wir dieses Thema in den kommenden Folgen natürlich auch immer mal
- 33:01wieder aufgreifen und auch weitere Aspekte dazu besprechen. Und dazu wollen wir
- 33:05gerne wissen: Was denkt ihr? Wie habt ihr das erlebt? Was treibt
- 33:08euch um zum Thema Wiedervereinigung? Schreibt uns eine Mail oder, noch besser,
- 33:12schickt uns eine Sprachnachricht an dazwischen@detektor.fm. Und passend zu
- 33:18unserem Thema hat uns Dieter Leupold vom Bund für Umwelt und Naturschutz
- 33:23Deutschland (BUND) Sachsen-Anhalt seinen Lieblingsort verraten. Dieser befindet sich im Grünen
- 33:30Band. Das war ja in der Folge schon mal ganz kurz Thema.
- 33:34Das Grüne Band hat sich über Jahrzehnte innerhalb des ehemaligen Grenzstreifens gebildet,
- 33:38und dort an einem ganz besonderen Abschnitt befindet sich eben der Lieblingsort
- 33:42von Dieter Leupold. Einer meiner Lieblingsorte am Grünen Band in der Altmark
- 33:48ist die Villerspitze nördlich von Ahrensee. Ich bin sehr gerne an diesem
- 33:52Ort am Grünen Band, zum einen, um diese wahnsinnige Stille und Ruhe
- 33:56in der Landschaft zu genießen, ohne jegliche Zivilisationsgeräusche, nur den Stimmen der
- 34:03Natur zu lauschen. Andererseits regt dieser Ort aber auch zum Nachdenken und
- 34:07Erinnern an, was im Herbst 1989 hier geschehen ist und dass es
- 34:12dem Mut und der Entschlossenheit der Menschen in Ostdeutschland zu verdanken ist,
- 34:18dass diese unmenschliche Grenze überwunden werden konnte. Ja, vielen Dank für diesen
- 34:22Tipp, Dieter Leupold vom BUND Sachsen-Anhalt. Noch mehr Infos zum Grünen
- 34:27Band findet ihr in unserem aktuellen Newsletter. Wer den noch nicht abonniert
- 34:31hat, kann dies natürlich jederzeit tun. Den Link zum Newsletter findet ihr
- 34:35in der Podcastbeschreibung, den Show Notes. Nächste Woche schauen wir dann
- 34:39in den Süden von Sachsen-Anhalt, und zwar nach Zeitz. Katja, kannst
- 34:43du uns schon ein bisschen verraten, was du dort gemacht hast? Na,
- 34:47gut, also ich bin nach Zeitz gefahren. Da gibt es das Krimskrams,
- 34:52und da findet einmal im Monat ein Reparatur-Café statt. Also da
- 34:55treffen sich Menschen, die Spaß am Reparieren haben, und andere Menschen, die
- 34:59etwas zu reparieren haben. Und ja, da kommt man natürlich auch dabei
- 35:03so ein bisschen in Kontakt und ins Gespräch. Und was mich für
- 35:06diese Folge ganz besonders interessiert hat, ist die Frage: Ist das mit dem
- 35:10Reparieren eigentlich so ein typisch ostdeutsches Ding? Und da werden
- 35:14wir uns nächste Woche mit beschäftigen. Ich bin sehr gespannt auf die
- 35:17Antwort. Ich freue mich drauf. Bis nächste Woche!
- 35:48Benjamin Serdani, Stanley Baldauf und Tim Schmutzler. Projektleitung: Christian Bollert.