Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 2. Theil - 10 - Das Tanzlied
Transcript
- 0:00Unterkapitel 10 das Tanzlied in diesem Teil der Geschichte geht
- 0:06Zarathustra an einem Abend mit seinen Schülern durch den Wald
- 0:10auf der Suche nach einem Brunnen kommen sie an eine ruhige grüne
- 0:13Wiese, die von Bäumen umgeben ist.
- 0:16Dort sehen Sie eine Gruppe von Mädchen, die fröhlich
- 0:18miteinander tanzen, als die Mädchen Zarathustra erkennen,
- 0:22hören Sie vor Schreck auf zu tanzen.
- 0:25Zarathustra geht jedoch mit freundlichen Bewegungen auf sie
- 0:28zu und bittet sie, den Tanz nicht abzubrechen.
- 0:31Er beruhigt sie und sagt, dass er kein Spielverderber oder
- 0:34Feind von Mädchen ist. Er beschreibt sich selbst als
- 0:37den Fürsprecher Gottes gegen den Teufel.
- 0:40Um dies zu verstehen, muss man wissen, wen Nietzsche hier als
- 0:43Teufel bezeichnet, Zarathustra nennt ihn den Geist der Schwere,
- 0:48dieser Geist der Schwere ist ein sehr wichtiger Begriff bei
- 0:50Nietzsche. Er steht für alles, was das
- 0:53Leben mühsam, traurig, starr und bedrückend macht, wie zum
- 0:57Beispiel strenge religiöse Regeln, Schuldgefühle oder die
- 1:01ständige Sorge um das Leben nach dem Tod.
- 1:03Weil Zarathustra die Leichtigkeit, das Lachen und die
- 1:06Freude am jetzigen Leben liebt, ist er der natürliche Feind
- 1:09dieses schweren Geistes. Zarathustra weist die Mädchen
- 1:13auf eine kleine Gestalt hin, die mit geschlossenen Augen neben
- 1:16dem Brunnen liegt, es ist der Liebesgott.
- 1:20Oft auch Cupido oder Amor genannt.
- 1:23Zarathustra scherzt, dass dieser kleine Gott des Tages zu viel
- 1:26Gefaulenzt oder zu viele Schmetterlinge gejagt hat und
- 1:29deshalb nun schläft. Zarathustra kündigt an, den
- 1:33kleinen Liebesgott ein wenig zu wecken und zu necken, auch wenn
- 1:36dieser vielleicht weinen wird, aber selbst im Weinen soll der
- 1:40Liebesgott noch Lachen bringen, dann bittet Zarathustra die
- 1:43Mädchen wieder zu tanzen und bietet an, selbst ein Lied zu
- 1:47ihrem Tanz zu singen. Er sagt, es wird ein Lied sein,
- 1:51das den Geist der Schwere verspottet, jenen Teufel, den
- 1:55die Menschen fälschlicherweise den Herrn der Welt nennen,
- 1:58während die Mädchen und der Liebesgott Tanzen, singt
- 2:01Zarathustra sein Lied in diesem Lied beschreibt er eine Tiefe
- 2:05und persönliche Begegnung, er spricht direkt mit dem Leben.
- 2:09Nietzsche stellt das Leben hier als eine Person dar, genauer
- 2:13gesagt als eine wilde, unberechenbare Frau.
- 2:16Zarathustra singt, wie er jüngst in die Augen dieser Frau namens
- 2:19Leben geblickt hat. Dabei hatte er das Gefühl, in
- 2:22etwas unendlich tiefes und Unergründliches zu versinken,
- 2:26aber das Leben lachte ihn nur boshaft aus und zog ihn
- 2:29symbolisch mit einer goldenen Angelrute wieder heraus.
- 2:33Das Leben spottet über Zarathustra und alle weisen
- 2:36Männer es sagt, dass Männer die Dinge, die sie nicht verstehen,
- 2:39sofort unergründlich nennen, das Leben erklärt über sich selbst,
- 2:44dass es wandelbar wild. Und in allem einfach eine Frau
- 2:47ist und keineswegs eine Tugendhafte oder brave Frau.
- 2:52Männer würden dem Leben nur Eigenschaften wie die Tiefe, die
- 2:55Treue oder die ewige zuschreiben, weil Männer ihre
- 2:58eigenen Wunschvorstellungen und Tugenden auf das Leben
- 3:01übertragen. Zarathustra lacht über diese
- 3:04ehrliche und unglaubliche Aussage des Lebens, er weiß,
- 3:08dass man dem Leben nicht immer glauben darf, besonders dann
- 3:11nicht, wenn es schlecht über sich selbst spricht.
- 3:14Dann erzählt Zarathustra, wie er heimlich mit seiner eigenen
- 3:17wilden Weisheit gesprochen hat. Auch die Weisheit wird von
- 3:21Nietzsche als eine Frau dargestellt, das zeigt den
- 3:24ständigen Inneren Kampf Zarathustras auf der einen Seite
- 3:28liebt er das pure, wilde Leben, auf der anderen Seite sucht er
- 3:32nach der Wahrheit und der Weisheit, seine Weisheit wurde
- 3:36wütend auf ihn und warf ihm vor, dass er das Leben nur deshalb so
- 3:39lobt, weil er es begehrt und liebt.
- 3:43Zarathustra hätte ihr beinahe unhöflich die Wahrheit gesagt,
- 3:46nämlich, dass er das Leben oft gerade dann am meisten liebt,
- 3:49wenn er es hasst, weil es ihn so sehr herausfordert.
- 3:53Zarathustra stellt fest, dass seine Weisheit und das Leben
- 3:56einander sehr ähnlich sind, beide haben das gleiche
- 4:00verlockende Auge, das gleiche Lachen und sogar die gleiche
- 4:03goldene Angelrute, mit der sie ihn fangen wollen, als
- 4:07Zarathustra das Leben einmal fragte, wer diese Weisheit
- 4:10eigentlich sei. Antwortete das Leben sehr
- 4:13eifrig. Es beschrieb die Weisheit als
- 4:15etwas, nachdem man ständig dürstet, aber nie satt wird.
- 4:19Man versucht, sie durch Schleier zu betrachten oder in Netzen zu
- 4:22fangen. Das Leben beschreibt die
- 4:24Weisheit als wandelbar, trotzig und vielleicht sogar falsch und
- 4:28böse, genau wie eine Frau, aber das Leben fügt hinzu, genau
- 4:33dann, wenn die Weisheit schlecht über sich selbst redet, verführt
- 4:36sie die Menschen am meisten. Als Zarathustra diese Worte
- 4:39seiner Weisheit dem Leben ins Gesicht sagt, lacht das Leben
- 4:43boshaft und schließt die Augen. Das Leben sagt zu ihm, dass er
- 4:47so etwas nicht direkt aussprechen soll, selbst wenn es
- 4:50wahr ist. Dann fordert das Leben ihn auf,
- 4:53nun endlich von seiner eigenen Weisheit zu sprechen, doch in
- 4:57dem Moment, als das Leben die Augen wieder öffnet, ist
- 5:00Zarathustra erneut völlig fasziniert von ihr, er fühlt
- 5:03wieder, wie er in das Unergründliche versinkt.
- 5:06Das Lied zeigt also, dass Zarathustra sich letztlich immer
- 5:09wieder von der Schönheit und Wildheit des Lebens verführen
- 5:12lässt, egal wieviel er nachdenkt oder wie weise er ist.
- 5:16Nachdem Zarathustra das Lied beendet hat, hört der Tanz auf
- 5:20und die Mädchen gehen fort. Plötzlich überkommt Zarathustra
- 5:23eine tiefe Traurigkeit, die Sonne ist mittlerweile
- 5:26untergegangen, die Wiese ist feucht geworden und ein kühler
- 5:29Wind weht aus dem Wald, ein unbekanntes, schweres Gefühl
- 5:33ergreift ihn. Er beginnt Grüblerisch zu werden
- 5:36und zweifelt an allem. Er fragt sich innerlich, du bist
- 5:40noch hier, Zarathustra, warum eigentlich, wofür, wohin gehst
- 5:44du, wo bist du, wie gehst du deinen Weg, ist all dieses
- 5:48ständige irdische Streben am Ende nicht eine große Torheit,
- 5:52diese düsteren und melancholischen Fragen sind ein
- 5:55starker Gegensatz zu dem fröhlichen Tanzlied von eben
- 5:59Zarathustra bittet seine abwesenden Freunde um Verzeihung
- 6:02für diese plötzliche Traurigkeit.
- 6:04Er erklärt diesen Stimmungsumschwung damit, dass
- 6:07der Abend gekommen ist. Der Abend steht hier bildlich
- 6:10für das Ende, das Vergehen, die Erschöpfung und die aufkommende
- 6:14Dunkelheit im Gemüt. Er sagt, es ist der Abend, der
- 6:18so aus mir fragt, er bittet noch einmal um Verzeihung dafür, dass
- 6:22es in ihm Abend geworden ist, dass also Zweifel und
- 6:25Traurigkeit seine fröhliche und lebensbejahende Stimmung für
- 6:28einen Moment besiegt haben.