Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 3 - 238-252
Transcript
- 0:00Unter Kapitel 238 neidlos hier beschreibt Nietzsche einen
- 0:07Menschen, der gänzlich ohne Neid ist.
- 0:10Das ist aber kein Verdienst, denn sein Ziel ist so groß und
- 0:13einzigartig, dass es keinen Anlass für Neid gibt.
- 0:16Er will ein Land erobern, das noch niemand besessen und kaum
- 0:20jemand auch nur gesehen hat, da er in keine Konkurrenz mit
- 0:23anderen tritt, kann auch kein Neid entstehen.
- 0:27Seine Neidlosigkeit ist also nicht das Ergebnis moralischer
- 0:30Anstrengung, sondern die Folge seiner außergewöhnlichen Ziele.
- 0:35Unterkapitel 239 der Freudlose, ein einziger freudloser Mensch,
- 0:43so Nietzsche, genügt, um einen ganzen Haushalt mit Missmut und
- 0:47einer trüben Stimmung zu erfüllen.
- 0:49Es ist wie ein dunkler Himmel, der sich über alles legt, und es
- 0:53ist fast ein Wunder, wenn ein solcher Mensch fehlt.
- 0:56Im Gegensatz dazu ist das Glück keine so ansteckende Krankheit.
- 1:00Nietzsche fragt sich, woher das kommt, die negative Stimmung
- 1:04eines Einzelnen scheint eine viel stärkere und ansteckendere
- 1:07Wirkung zu haben als die positive Stimmung eines
- 1:09glücklichen Menschen. Unterkapitel 240 am Meere
- 1:17Nietzsche drückt hier seine Abneigung gegen festen Besitz
- 1:19aus, er würde sich kein Haus bauen, und er sieht es als Teil
- 1:23seines Glücks an, kein Hausbesitzer zu sein.
- 1:26Wenn er aber doch eines bauen müsste, dann würde er es wie
- 1:30manche alten Römer bis ins Meer hineinbauen.
- 1:33Er möchte mit diesem schönen Ungeheuer, dem Meer einige
- 1:37Heimlichkeiten gemeinsam haben. Das Meer steht hier für das
- 1:41Ungebändigte, das grenzenlose, das geheimnisvolle
- 1:46Eigenschaften, die Nietzsche mehr anziehen als der sichere,
- 1:48feste Besitz eines Hauses an Land, Unterkapitel, 241.
- 1:56Werk und Künstler dieser Künstler, den Nietzsche
- 2:00beschreibt, ist ehrgeizig und nichts weiter.
- 2:04Sein Werk ist am Ende nur ein Vergrößerungsglas, das er jedem
- 2:07anbietet, der nach ihm blickt, das bedeutet, das Werk dient
- 2:10nicht einem höheren Zweck oder einer tieferen Wahrheit, sondern
- 2:14nur dazu, den Künstler selbst größer und bedeutender
- 2:17erscheinen zu lassen. Es ist ein Instrument seines
- 2:20Ehrgeizes, das seine eigene Person in den Mittelpunkt
- 2:24stellt. Unterkapitel 242 Zoom Quique der
- 2:32Titel bedeutet jedem das seine. Nietzsche beschreibt hier die
- 2:36Natur seiner eigenen Erkenntnis, so groß seine Habsucht nach
- 2:40Erkenntnis auch sei, er könne aus den Dingen nur das
- 2:43herausnehmen, was ihm schon gehört, das, was anderen gehört,
- 2:47ihr Besitztum bleibt in den Dingen zurück.
- 2:51Er fragt sich daher, wie es überhaupt möglich ist, dass ein
- 2:54Mensch, ein Dieb oder Räuber sein kann, wenn jeder nur das
- 2:58erkennen und an sich nehmen kann, was seiner eigenen Natur
- 3:01entspricht, dann ist ein wirklicher Diebstahl von fremdem
- 3:05geistigen Eigentum unmöglich. Unterkapitel 243 Ursprung von
- 3:13gut und schlecht ein sehr kurzer und prägnanter Gedanke zum
- 3:19Ursprung der Moral. Eine Verbesserung, also die
- 3:23Erfindung neuer Werte, erfindet nur derjenige, der das Gefühl
- 3:26hat, dies ist nicht gut. Die Unzufriedenheit mit dem
- 3:30bestehenden ist also die treibende Kraft für die
- 3:33Schaffung neuer moralischer Vorstellungen.
- 3:36Wer mit allem zufrieden ist, hat keinen Anlass, etwas zu
- 3:39verändern oder neu zu bewerten. Unterkapitel 244 Gedanken und
- 3:46Worte. Ein einfacher, aber wichtiger
- 3:50Satz über die Grenzen der Sprache.
- 3:52Man kann seine Gedanken nicht vollständig in Worten
- 3:55wiedergeben, die Sprache ist immer eine Vereinfachung und
- 3:58Vergröberung des Denkens, ein Gedanke ist reicher und
- 4:01komplexer als seine sprachliche Formulierung, es bleibt immer
- 4:05ein Rest, der nicht ausgedrückt werden kann.
- 4:08Unterkapitel 245 Lob in der Wahl.
- 4:15Die Art und Weise, wie ein Künstler seine Stoffe auswählt,
- 4:18ist seine Form des Lobes, indem er sich entscheidet, bestimmte
- 4:22Themen oder Materialien zu bearbeiten und andere nicht,
- 4:25drückt er seine Wertschätzung aus.
- 4:28Die Auswahl selbst ist also schon ein Akt der Bewertung und
- 4:31des Lobes, noch bevor das eigentliche Kunstwerk entsteht.
- 4:35Unterkapitel 246 Mathematik. Nietzsche plädiert dafür, die
- 4:43Feinheit und Strenge der Mathematik auf alle
- 4:45Wissenschaften zu übertragen, aber nicht, weil er glaubt, dass
- 4:49wir auf diesem Weg die Dinge an sich erkennen können.
- 4:52Vielmehr geht es ihm darum, unsere menschliche Relation zu
- 4:55den Dingen festzustellen. Die Mathematik ist für ihn also
- 4:59nicht ein Weg zur Wahrheit über die Welt, sondern ein Mittel zur
- 5:02allgemeinen und letzten Menschenkenntnis.
- 5:06Sie hilft uns zu verstehen, wie wir als Menschen die Welt
- 5:09strukturieren und begreifen. Unterkapitel 247 Gewohnheit ein
- 5:17paradoxer Gedanke über die Wirkung von Gewohnheit.
- 5:20Jede Gewohnheit macht unsere Hand witziger, also geschickter
- 5:24und geübter. Gleichzeitig macht sie aber
- 5:27unseren Witz Unbehender, also unseren Geist, Träger und
- 5:30weniger beweglich. Durch Routine werden wir in der
- 5:34Ausführung besser, aber wir verlieren an geistiger
- 5:36Flexibilität und Kreativität. Weil wir aufhören, über das
- 5:40nachzudenken, was wir tun. Unterkapitel, 248 Bücher, eine
- 5:49rhetorische Frage, die Nietzsches Anspruch an die
- 5:52Literatur verdeutlicht. Was nützt ein Buch, das uns
- 5:55nicht über alle Bücher hinweg trägt, ein wirklich gutes Buch
- 5:58sollte also nicht nur für sich selbst stehen, sondern unseren
- 6:02Horizont so erweitern, dass wir über die Welt der Bücher
- 6:05hinausblicken. Es sollte uns zu neuen Gedanken
- 6:08und Perspektiven inspirieren, die über das rein literarische
- 6:11hinausgehen. Unterkapitel 249 der Seufzer des
- 6:18erkennenden Nietzsche lässt hier den erkennenden, also den nach
- 6:23Wissen strebenden Menschen, einen Seufzer ausstoßen.
- 6:27Dieser beklagt seine unendliche Habsucht nach Erkenntnis, seine
- 6:31Seele ist nicht selbstlos, sondern ein alles begehrendes
- 6:35selbst. Dass die Welt mit den Augen
- 6:37vieler Individuen sehen und mit den Händen vieler Greifen
- 6:40möchte. Er möchte sogar die ganze
- 6:43Vergangenheit zurückholen und nichts verlieren, was ihm jemals
- 6:46gehören könnte. Er beklagt die Flamme meiner
- 6:49Habsucht und wünscht sich, in 100 Wesen wiedergeboren zu
- 6:53werden. Wer diesen Seufzer nicht aus
- 6:55eigener Erfahrung kennt, so Nietzsche, der kennt auch nicht
- 6:59die wahre Leidenschaft des erkennenden Unterkapitel 250.
- 7:06Schuld in diesem sehr kurzen Abschnitt geht es um den Begriff
- 7:11der Schuld. Nietzsche verwendet einen
- 7:14provokanten Vergleich, er sagt, dass früher selbst die
- 7:17schlausten Richter, die über Hexenprozesse urteilten und
- 7:20sogar die als hexenangeklagten Frauen selbst fest davon
- 7:23überzeugt waren, dass es Hexerei und somit auch Schuld gab, aus
- 7:28heutiger Sicht wissen wir, dass dieser Glaube falsch war, die
- 7:31Schuld war also gar nicht vorhanden, obwohl alle daran
- 7:34glaubten. Daraus zieht Nietzsche eine
- 7:37radikale Schlussfolgerung, so wie es sich mit der Schuld bei
- 7:40der Hexerei verhält, so verhält es sich mit jeder Form von
- 7:43Schuld. Er meint damit, dass Schuld kein
- 7:46objektiver, real existierender Zustand ist.
- 7:49Stattdessen ist es ein starkes Gefühl oder eine Überzeugung,
- 7:53die in den Köpfen der Menschen entsteht, nur weil jemand oder
- 7:57sogar eine ganze Gesellschaft fest an Schuld glaubt, bedeutet
- 8:00das nicht, dass diese Schuld auch wirklich existiert.
- 8:03Für Nietzsche ist schuld eine menschliche Erfindung, ein
- 8:06psychologisches Konstrukt, das vor allem durch Moral und
- 8:09Religion in die Welt gebracht wurde.
- 8:13Unterkapitel, 251, verkannte, Leidende hier beschreibt
- 8:20Nietzsche, woran große und außergewöhnliche Menschen seiner
- 8:24Meinung nach wirklich leiden, er widerspricht der gängigen
- 8:27Vorstellung, dass solche Menschen an den großen Opfern
- 8:30und Martyrien zerbrechen, die ihre Aufgabe von ihnen verlangt.
- 8:34Im Gegenteil, in diesen großen Kämpfen fühlen sie sich oft
- 8:37glücklich und stark. Das wirkliche Leid großer
- 8:40Naturen Sonitsche kommt von einer ganz anderen, viel
- 8:44kleineren und unedleren Quelle, sie leiden am stärksten unter
- 8:49den kleinen, boshaften und alltäglichen Gefühlen, dazu
- 8:53gehören zum Beispiel der Zweifel an der eigenen Größe oder der
- 8:56Neid auf andere, als Beispiel nennt er die mythologische Figur
- 9:00des Prometheus. Prometheus leidet nicht
- 9:03darunter, dass er sich für die Menschen opfert.
- 9:06Das macht ihn glücklich und stolz.
- 9:08Sein wahres Leid beginnt erst, als er neidisch auf den
- 9:11Göttervater Zeus und die Verehrung wird, die dieser von
- 9:14den Menschen erhält. Große Menschen leiden also nicht
- 9:18an ihrem Schicksal, sondern an den kleinen, hässlichen Momenten
- 9:22des Zweifels und der Eifersucht, es sind diese unedlen,
- 9:26kleinlichen Wallungen, die sie am härtesten treffen,
- 9:30Unterkapitel. 252 lieber schuldig dieser kurze, aber
- 9:38bedeutungsvolle Satz ist ein Ausdruck von Nietzsches ideal
- 9:42der Souveränität, also der inneren Unabhängigkeit und
- 9:45Selbstbestimmung. Er formuliert es als ein Zitat,
- 9:49lieber schuldig bleiben als mit einer Münze zahlen, die nicht
- 9:52unser Bild trägt. Was er damit meint, ist, dass es
- 9:56besser ist, eine Schuld oder eine Verpflichtung nicht zu
- 9:58begleichen, wenn die Bezahlung einen Verrat an sich selbst
- 10:01bedeuten würde. Die Münze, die nicht unser Bild
- 10:05trägt, ist ein Symbol für eine Handlung, die nicht den eigenen
- 10:08Werten und Überzeugungen entspricht, ein souveräner, also
- 10:12ein innerlich freier Mensch würde es vorziehen, in den Augen
- 10:16anderer als schuldig oder undankbar zu gelten, anstatt
- 10:19seine eigene Integrität zu verletzen, nur um eine soziale
- 10:22Erwartung zu erfüllen. Es geht ihm darum, authentisch
- 10:26zu handeln und nur mit Münzen zu zahlen, die sein eigenes Bild
- 10:30tragen, also Handlungen, die aus seinem Innersten kommen und die
- 10:34er voll und ganz verantworten kann.