Latest / DAZWISCHEN Der Sachsen-Anhalt-Podcast / Ehrenamt in Sachsen-Anhalt in Gefahr?
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- 0:00Wir leben in Zeiten von Krieg und Krise. Wir leben in Zeiten,
- 0:04in denen sich Menschen vielleicht mehr als zu anderen Zeiten auch ohnmächtig
- 0:08fühlen. Und dieser gefühlten Ohnmacht etwas entgegenzusetzen, zu erleben, dass man gebraucht
- 0:15wird, dass man etwas bewirken kann durch gemeinsames Tun und Mittun, das
- 0:20genau davon bin ich überzeugt, trägt eben auch zum Gelingen von Demokratie
- 0:25bei. Das sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Pressekonferenz zu dem von
- 0:30ihm ins Leben gerufenen Ehrentag. Der findet am 23. Mai statt anlässlich
- 0:34des Geburtstags unseres Grundgesetzes und soll zum einen eine Bühne sein für
- 0:38all die Menschen, die sich schon ehrenamtlich engagieren, aber auch anderen Lust
- 0:42machen, das mal auszuprobieren. Dafür finden überall im Land ganz verschiedene Aktionen
- 0:47statt. 27 Millionen Menschen engagieren sich in Deutschland ehrenamtlich, also jeder dritte
- 0:53kann man sagen. Und das ist auch in Sachsen-Anhalt so. Das
- 0:55reicht von privaten Initiativen über Vereine bis hin zu so lebenswichtigen Bereichen
- 1:00wie Feuerwehr und Katastrophenschutz. Salopp könnte man also sagen: Ohne Ehrenamt geht
- 1:05gar nichts oder zumindest geht es deutlich schlechter. Gleichzeitig gibt es aber
- 1:09Menschen, die sagen, das Ehrenamt ist in Gefahr. Und auch die Landtagswahl
- 1:13macht einigen Menschen im Ehrenamt große Sorgen. Warum Menschen sich engagieren, welche
- 1:18Probleme das Ehrenamt hat und wie Engagierte damit umgehen, darüber sprechen wir
- 1:22heute bei Dazwischen. Vorher schauen wir aber wie immer kurz zurück. Ja.
- 1:35Marie ist leider immer noch krank. Du musst also auch heute noch
- 1:38mal mit als Host ran. Wurdest du denn nach der letzten Folge
- 1:41darauf angesprochen? Ja, tatsächlich von einigen Leuten. Ich soll Marie auch von
- 1:45sehr vielen Menschen gute Besserungen wünschen. Sie freuen sich alle sehr, dich
- 1:47bald wieder im Podcast zu hören und vermissen dich ein bisschen. Das
- 1:50war natürlich schade für mich. Bei mir direkt haben sich tatsächlich aber
- 1:54auch Leute gemeldet und gesagt, dass sie uns als Duo sehr harmonisch
- 1:57fanden und dass sie relativ schnell dann vergessen haben, dass ich es
- 2:00bin, der da redet. Ich glaube, auf Sachsen-Anhaltig sollte das ein
- 2:03Kompliment sein, dass sie mich vergessen haben. Fand ich schön. Und meine
- 2:06Eltern haben sich auch gemeldet und gesagt, dass sie sich gefreut haben,
- 2:09mich zu hören. Kleine Kritik wahrscheinlich auch, dass ich zu selten anrufe.
- 2:13Aber das Allerwichtigste ist, du hast mich das erste Mal seit wir
- 2:16uns kennen gelobt und gesagt, dass ich die Aufnahme gar nicht so
- 2:19schlecht gemacht habe. Und das habe ich mir natürlich direkt im Kalender
- 2:22rot markiert. Ich sage es mal als Sachsen-Anhalterin: Gewöhn dich bitte
- 2:25nicht dran. Ja, ich bin aber gespannt, wie die Community unsere Folge
- 2:31fand. Anne, gab es denn Reaktionen? Ja, es ist zahlreiches Feedback reingekommen.
- 2:35Auf Mastodon hat ein Follower geschrieben, dass das Thema Stiftungen und Fonds
- 2:39bisher viel zu wenig Beachtung in den Medien gefunden hat und entsprechend
- 2:43begeistert war er von der letzten Folge. Michael hat uns in einer
- 2:47E-Mail geschrieben, dass er selbst schon einmal zugestiftet hat. Er hat
- 2:51nämlich der Kirchgemeinde, in der er geheiratet hat, Geld zu ihrem Stiftungskapital
- 2:55dazugegeben. Und nicht zum Thema Stiftungen und Fonds, aber trotzdem interessant: Anne
- 3:00aus Bremen hat geschrieben, dass sie seit 25 Jahren nicht mehr in
- 3:03Sachsen-Anhalt wohnt. Für sie sind deshalb die Themen Zurückkehr nach Sachsen
- 3:07Anhalt und Pflege von Angehörigen, die nicht mehr in der Nähe wohnen,
- 3:11spannend. Ja, Pflege ist ja ein Riesenthema in Sachsen-Anhalt und dieser
- 3:15Aspekt mit Aus der Ferne, den finde ich auch auf jeden Fall
- 3:17richtig spannend. Es gab nicht nur Lob, es gab auch ein bisschen
- 3:21Kritik. Olaf aus Bernburg hat sich zur allerersten Folge über die Entstehung
- 3:25von Sachsen-Anhalt zurückgemeldet. Er ist einer der Ideengeber des diesjährigen Sachsen
- 3:30Anhalt-Tages in Bernburg, der vom Achtung Veranstaltungstipp vom 5. bis 7.
- 3:34Juni stattfindet. Und ihm war die Darstellung der Entwicklungsgeschichte von seinem Bundesland
- 3:40zu ungenau und klischeehaft. Sachsen-Anhalt darf seiner Meinung nach nicht
- 3:45als künstliches und geschichtsloses Gebilde dargestellt werden. Denn das ist aus seiner
- 3:51Sicht nicht nur falsch, sondern suggeriert, dass hier quasi alles erlaubt sei,
- 3:55etwas, das die Parteien wie die AfD für sich nutzen könnten. Ja,
- 3:59schade, weil eigentlich ging es uns ja darum, eher so zu zeigen,
- 4:02wie viel Vielfalt der Identitäten es in Sachsen-Anhalt gibt und dass
- 4:05es ja eigentlich auch ein Gewinn ist. Aber so ist das manchmal.
- 4:08Man kann es wahrscheinlich auch nicht allen recht machen. Und natürlich ist
- 4:10uns das Feedback auch total wichtig und wir nehmen die Kritik auch
- 4:13sehr ernst. Ja, mich hat tatsächlich auch zu dieser ersten Folge schon
- 4:17mal Kritik erreicht von Winfried, der mir erzählt hat, er hätte sich
- 4:19gewünscht, dass wir ein bisschen besser nochmal erklären, wie sich die
- 4:22Gründungsgeschichte auf die Gegenwart auswirkt. Auch dieses Feedback ist für uns sehr
- 4:27wertvoll. Also vielen Dank, dass ihr eure Gedanken mit uns teilt. Auch
- 4:30und besonders auch die kritischen. Teilt sie gern weiterhin. Wir lesen wirklich
- 4:34jede eurer Nachrichten und schickt uns jederzeit Lob, Kritik, Themenvorschläge oder was
- 4:38euch sonst so bewegt. Die Mailadresse lautet dazwischen@detektor.fm. Ihr
- 4:43findet uns aber auch bei Facebook, Instagram oder Mastodon. Einfach mal nach
- 4:47detektor.fm suchen und uns eine Nachricht hinterlassen. Leonard, ich habe das
- 4:57Gefühl, dass wir eigentlich in fast jeder unserer Folgen irgendwann aufs Ehrenamt
- 5:01zu sprechen kommen. Also Mitmachlokal Dessau, Reparaturcafé Zeitz, aber auch der Dorfladen
- 5:06in Dersheim. All das würde ja ohne Ehrenamtliche überhaupt nicht funktionieren. Ja,
- 5:11total. Also es ist Wahnsinn, was Ehrenamt alles leistet und wie aufgeschmissen
- 5:14wir als Gesellschaft wären, wenn sich nicht so viele Menschen freiwillig für
- 5:18alle einsetzen würden. Ehrenamt steckt ja fast überall drin. Also wir haben
- 5:22es ja schon ganz oft angesprochen: In Sportvereinen, in Dorffesten, in der
- 5:26Arbeit mit Menschen, im Kulturbereich und auch in Bereichen, die im Zweifel
- 5:30eben über Leben und Tod entscheiden, wie zum Beispiel die Freiwillige Feuerwehr
- 5:33oder der Katastrophenschutz. Das ist, finde ich, ein so wichtiges Thema. Das
- 5:37sollten wir echt nochmal uns gesondert anschauen. Denn freiwillige Feuerwehren, die löschen
- 5:41ja zum Beispiel nicht nur Brände, sondern die halten vielerorts auch wirklich
- 5:45Dorfgemeinschaften zusammen, haben aber eben auf der anderen Seite auch häufig Nachwuchsprobleme.
- 5:49Also ich finde, da gibt es viel zu erzählen. Und wenn ihr
- 5:52in der Freiwilligen Feuerwehr oder beim Katastrophenschutz oder ähnliches seid und uns
- 5:56was darüber erzählen wollt, dann macht das unbedingt. Schickt uns gerne eine Nachricht
- 5:59an dazwischen@detektor.fm. Dann gucken wir uns das Thema nochmal
- 6:02an. Für die Folge heute habe ich erst mal versucht, so einen
- 6:05Überblick zu bekommen, wie Ehrenamt in Sachsen-Anhalt aussieht und habe dafür
- 6:10alle freiwilligen Agenturen angeschrieben. Ja, alle freiwilligen Agenturen klingt nach viel. Da
- 6:14hast du wahrscheinlich eine Menge Mails rausgeschickt. Es gibt ja einfach viele
- 6:18Agenturen und auch sehr, sehr viele Projekte in Sachsen-Anhalt. Was hast
- 6:21du denn rausgefunden? Man kann sagen, das Ehrenamt vor Ort ist so
- 6:26vielfältig, wie man sich die Interessenlage eben auch vorstellen kann. Also ganz
- 6:29klassisch Sport, Kultur, Inklusion, Bildung und Integration bis hin zum sozialen Zusammensein.
- 6:35Also zum Beispiel Jugendliche, die eben Begegnungsorte für junge Menschen schaffen oder
- 6:40auch Senioren und Seniorinnen, die eben in Ruhestand gehen, aber eben noch
- 6:43Lust haben, in der Gesellschaft aktiv zu sein. Menschen, die ein bestimmtes
- 6:47Talent mitbringen, also zum Beispiel beim Handwerk oder beim Klavierspielen und das
- 6:51eben für einen guten Zweck einsetzen wollen. Aber natürlich auch jeder und
- 6:55jede, die jetzt sich für irgendeinen Förderverein engagieren, egal ob jetzt für
- 6:59die Schule der eigenen Kinder oder auch für irgendeine Kultureinrichtung. Jetzt ist
- 7:06Ehrenamt ja nicht Hauptamt, sondern eben Ehrenamt, also etwas, das man per
- 7:10Definition zusätzlich zu dem macht, was man sowieso im Leben schon macht
- 7:13oder machen muss, also Job, Schule, Studium, Familienleben. Und das kostet ja
- 7:18auch Zeit und oft Energie. Weiß ich auch aus eigener Erfahrung. Ich
- 7:21habe auch immer mich irgendwie engagiert. Was hast du denn rausgefunden? Was
- 7:24motiviert die Menschen trotzdem, sich noch einzusetzen? Ich habe darüber mit Jan
- 7:29Greiner gesprochen, einem der Geschäftsführer der LAKFA, also der Landesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligen
- 7:34Agentur in Sachsen-Anhalt. Der ist übrigens ein super Verbindungsmann zu unserer
- 7:38letzten Folge über Stiftungen und Fonds, denn er verwaltet den Engagementfonds Sachsen
- 7:43Anhalt, über den in den letzten elf Jahren 900 Projekte in ganz
- 7:46Sachsen-Anhalt unterstützt werden konnten. Jan Greiner kennt dadurch super viele Ehrenamtler
- 7:51persönlich und der hat zu der Frage der Motivation Folgendes gesagt: Ehrenamt
- 7:55ist immer sehr positiv normativ behaftet. Man tut was für die Gesellschaft,
- 7:59man stärkt die Gesellschaft, man gibt der Gesellschaft etwas zurück. Das sind
- 8:02solche klassischen altruistischen Motive. Und hinzu kommen natürlich in den letzten Jahrzehnten
- 8:07und Jahren zunehmend auch persönliche Gründe, dass Menschen sagen: Ich habe Spaß
- 8:12daran. Das ist mit Abstand der größte Faktor. Mir macht das Freude.
- 8:17Das, was ich tue, das mache ich gern. Ich liebe Geselligkeit. Ehrenamt
- 8:20lebt mal davon, dass es in einem drinsteckt und dass man
- 8:23sagt: Ich möchte das machen. Und da kommt es mir jetzt nicht
- 8:25darauf an, wie die Bedingungen sind oder was ich dafür vielleicht auch
- 8:29zurückbekomme, sondern ich möchte erst mal was geben und mich an einer
- 8:31Sache beteiligen. Aber es gibt ja wahrscheinlich schon auch die Fälle, wo
- 8:35Menschen Dinge tun, weil sie sonst keiner tut und weil es eben
- 8:39gerade in ländlichen Regionen ja, weil da sonst auch Dinge wegbrechen, die
- 8:43für sie vielleicht auch selber wichtig sind. Das sind solche Grenzfälle, wo
- 8:46wir wirklich dann auch davon sprechen, dass wir damit ein Problem bekommen.
- 8:50Also niemand sollte sozusagen aus dem Zwang heraus glauben müssen, dass er
- 8:54dort einspringen muss. Klassisches Beispiel: Es wird in vielen Bundesländern seit vielen
- 8:58Jahren gefeiert, das Modell des Bürgerbusses. Ja, also dass man in ländlichen
- 9:02Regionen, wo nichts mehr passiert, dass man dann über den Landkreis Busse
- 9:05anschafft, dann ehrenamtliche Gewinn, die von den Trägervereinen dann diese Busse fahren.
- 9:09Und da gibt es viele Gründe, die ihm hier die Nackenhaare
- 9:13aufstellen lassen zu sagen: Wir schaffen öffentliche Daseinsvorsorge nicht mehr sicherzustellen über
- 9:17den Nahverkehr. Im Gegenzug organisieren wir aber ein Ehrenamt darum, was sozusagen
- 9:23so eine Infrastruktur dann tragen soll. Ja, ich finde das total cool,
- 9:27dass du diese Frage gestellt hast, weil das ein Punkt ist, den
- 9:29ich mich auch manchmal frage. Also genau diese Gratwanderung, die er da
- 9:32gerade beschreibt zwischen: Ehrenamt hilft total, Ehrenamt kann total gut Strukturen unterstützen,
- 9:38total tolle Projekte machen. Aber was ist eben, wenn es zum Zwang
- 9:42wird? Irgendwie, was ist, wenn das Strukturen ersetzt, die eigentlich anders da
- 9:45sein müssten, weil es ohne die einfach nicht geht? Ab wo wird
- 9:48es dann problematisch? Ich glaube, das kann man wahrscheinlich auch gar nicht
- 9:51so ganz fest definieren, weil das ja irgendwie immer eine Gratwanderung ist
- 9:55und auch von Projekt zu Projekt ja ein bisschen unterschiedlich ist. Ja.
- 9:59Aber es ist natürlich nicht der Sinn der Sache, dass Menschen sich
- 10:02am Ende total aufreiben und weil sonst mehr oder weniger so die
- 10:05Basisversorgung zusammenbricht und Ehrenamt vielleicht auch ausgenutzt wird. Also finde ich einen
- 10:09total spannenden Punkt. Ja, das Beispiel, was er da anbringt mit den
- 10:13Bürgerbussen, das ist auch ganz interessant, weil wir in vielen Landkreisen jetzt
- 10:16schon sehen, das haben dann eben häufig Rentner gemacht, weil sie Zeit
- 10:20hatten. Und das bricht jetzt halt teilweise schon wieder weg, weil sie
- 10:23eben zu alt werden. Und das ist dann eben auch nicht nachhaltig.
- 10:27Und dann haben quasi in dieser Zwischenzeit vielleicht auch noch Menschen ihre
- 10:30Gesundheit gefährdet, weil sie da halt einen halben Tag im Bus gesessen
- 10:32haben. Das kann ja irgendwie dann auch nicht das Ziel sein. Und
- 10:35da sagt Jan Greiner eben auch, da müssen wir ganz dringend eine
- 10:38Grenze ziehen. Und wenn man so ein Modell mal zu Ende spielt,
- 10:41könnte man auch böse und pläschämisch die Frage in den Raum werfen:
- 10:44Wie sieht es denn aus mit ehrenamtlich geführten Schulen oder ehrenamtlich geführten
- 10:48Rathäusern, Verwaltung? Und das kann man ja dann auf ganz viele Bereiche
- 10:52noch ausweiten und zeigt deutlich, dass dort, wo Arbeit im Mittelpunkt steht,
- 10:58Ehrenamt eigentlich nichts zu suchen hat. Also ich verstehe seinen Punkt. Ich
- 11:01weiß nicht, ob ich den selber genauso teilen würde. Es wäre natürlich
- 11:05naiv gesprochen schön, wenn Ehrenamt immer nur in Anführungsstrichen so extra Aufgaben
- 11:09übernehmen würde und die Basisbereiche immer abgedeckt sind. Und gleichzeitig, wir haben
- 11:12es ja schon angesprochen: Zum Beispiel Feuerwehr, freiwillige Feuerwehr ist ja total
- 11:16essentiell. Und es gibt ja auch Berufsfeuerwehr, die bezahlt wird oder Menschen,
- 11:20die sonntags, samstags Bibliotheken offenhalten, obwohl es da auch eine bezahlte Besetzung
- 11:24gibt und so. Und das finde ich zum Beispiel, ohne das ging
- 11:27es ja gar nicht so richtig gut. Und ich finde, jetzt müsste man zumindest
- 11:29diskutieren, ob man sagt, da darf auf gar keinen Fall Ehrenamt ran, weil es ein Berufsbereich ist.
- 11:33Was wären denn für ihn so Vorzeigeprojekte, wenn man mal andersrum rangeht? Wo ist denn
- 11:36Ehrenamt richtig gut? Wo klappt es richtig gut? Also erst mal muss
- 11:43man, glaube ich, nochmal sagen, beim Ehrenamt gibt es wirklich ein krasses
- 11:47Stadt-Land-Gefälle. Wir haben ja leider bei vielen Dingen genau dieses
- 11:51Problem. Und nach spätestens acht Folgen Dazwischen haben wir, glaube ich, alle
- 11:54verstanden: Sachsen-Anhalt ist ein Flächenland. Wir haben sehr viele ländlich geprägte
- 11:58Regionen und da funktioniert eben alles ein bisschen anders. Also in den
- 12:01großen Städten Magdeburg, Halle, Dessau, da haben wir ein großes, ein vernetztes,
- 12:06zum großen Teil auch so institutionalisiertes Engagement. Das ist eben in den
- 12:11ländlichen Regionen anders. Da ist das viel mehr Lebensrealität der einzelnen Menschen,
- 12:15ganz einfach, weil es eben ohne auch gar nicht funktioniert. Und dort
- 12:22ist für uns ein Erfolgsmodell eigentlich die Entwicklung kleiner Vereine oder Initiativen
- 12:27von Menschen im ländlichen Raum, die sich manchmal rund um Heimatvereine oder
- 12:31einfach auch nur um eine Initiative, die sich erst mal um den
- 12:34örtlichen Spielplatz oder meinetwegen eine Streuobstwiese kümmert, da eine gewisse Dynamik mit
- 12:39sich bringt und daraus sozusagen mehr erwächst. In Nöstdienstorf der Heimatverein Wildtulpe,
- 12:45der da klein angefangen hat und mittlerweile ein tolles Gemeinschaftshaus betreibt und
- 12:49ganz viele kulturelle Aktivitäten, ein Hotspot geworden ist quasi im Saale-Kreis.
- 12:54Wir haben kleinere Vereine wie Bier e.V. aus Nauendorf oder auch
- 12:58ganz klassisch im ländlichen Raum im Harz Frohnend in Ballenstedt gibt es
- 13:03den Verein Heimat bewegen, der dort mehr oder weniger so ein Vierseitenhof,
- 13:07also ein größeres Anwesen ausgebaut hat, so ein soziokulturelles Zentrum mehr oder
- 13:11weniger, wo quasi mit jedem Schritt, den man gemeinsam geht, neue Ideen
- 13:16hinzukommen, man neue Mitstreiter findet und das eine unheimliche Dynamik im ländlichen
- 13:20Raum gewinnt, weil sich da auch Jung und Alt mit unterschiedlichen Interessen
- 13:24angesprochen fühlen und das verbindet ungemein. Und das sind für mich so
- 13:27Erfolgsbeispiele. Okay, also ich glaube, wir können festhalten: Ehrenamt ist vielfältig, Ehrenamt
- 13:39ist super wichtig und wir finden auch wirklich bei unseren Recherchen, aber
- 13:42auch sonst immer wieder total tolle Projekte, total tolle Menschen, die irgendwas
- 13:47am Leben halten und wo einem wirklich so das Herz aufgeht, weil
- 13:50die so tolle Sachen machen. Und gleichzeitig, was unsere Gesprächspartner ja auch
- 13:54mal wieder sagen, es gibt viele Ehrenamtliche, die ausbrennen. Es gibt einfach
- 13:59Projekte, die nicht weitergeführt werden können, die kaputt gehen. Es gibt Strukturen
- 14:02und Förderungsprobleme, die fehlen. Es gibt so Sachen, wo einfach vom Ehrenamt
- 14:06eigentlich ein bisschen zu viel abhängt. Es ist also ein schwieriges Feld,
- 14:10auch obwohl so tolle Sachen entstehen. Was sind denn so klassische Probleme,
- 14:14mit deren Ehrenamtliche häufig kämpfen? Das habe ich die freiwilligen Agenturen natürlich
- 14:18auch gefragt und ich würde die Probleme mal so in drei große
- 14:22Bereiche gliedern: Bürokratie, Nachwuchsmangel und etwas, was ich vielleicht so mit der
- 14:28Überschrift Staat und Politik versehen würde. Über die Bürokratie haben wir ja
- 14:32schon in der letzten Folge gesprochen. Da ging es ja auch darum,
- 14:35dass viele Ehrenamtliche von Bürokratie und Förderanträgen überfordert und genervt sind, weil
- 14:39sie sich einfach praktisch engagieren wollen und nicht mit so etwas beschäftigen
- 14:42wollen. Genau, und das ist natürlich auch ein ziemlicher Spagat, denn auf
- 14:45der anderen Seite brauchen viele Initiativen ja Geld, vor allem auch um
- 14:49die Projekte langfristig aufzustellen, aber manchmal eben auch nur für die Weihnachtsfeier
- 14:53oder den neuen Rasen auf dem Sportplatz. Aber ganz praktisch sieht es
- 14:57dann eben häufig so aus, dass man ziemlich komplizierte Anträge für ganz
- 15:02kleine Summen stellen muss, dann dazu auch nicht wissend, ob sich das
- 15:05lohnt, also ob das Geld dann auch tatsächlich kommt und irgendwie auch
- 15:08immer so ein bisschen mit der Angst, dass man dabei irgendwas falsch
- 15:11macht, was einem hinterher auf die Füße fallen könnte. Und da finde
- 15:14ich so Ansätze wie den Engagementfonds, über den ich ja vorhin schon
- 15:17kurz gesprochen habe, richtig gut. Tobias Quednau von der Deutschen Stiftung für
- 15:20Engagement und Ehrenamt, der kennt sich damit ziemlich gut aus und der
- 15:24hat auch einen guten Überblick und hat uns auch erklärt, warum eben
- 15:27so kleine Förderungen so extrem wichtig sind. Wenn man von Stiftungen spricht,
- 15:31da werden auf große Summen ausgegeben, aber das ist natürlich auch für
- 15:35den Sportverein vor Ort teilweise zu viel Geld und auch zu aufwendig,
- 15:39was damit dann an Antrag, Berichtspflichten etc. pp. verbunden ist. Da ist
- 15:43eher die Frage, wie komme ich an die 500 Euro für meine
- 15:46Weihnachtsfeier oder ähnliches, so niedrigschwellige Förderung. Das ist ein Punkt, der auch
- 15:52sehr wichtig ist, den es in Sachsen-Anhalt mit diesem Engagementfonds schon
- 15:55eine Weile gibt. Das machen auch andere Bundesländer jetzt vermehrt. Wir als
- 16:00Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt machen das auf und da ist
- 16:02einfach ein großer Bedarf da, einfach mit wenig Aufwand auch an Fördergeld
- 16:07zu kommen. Genau, also Geld, das ist so das eine. Dazu kommen
- 16:12für Ehrenamtler aber auch so was wie Finanzen und Buchführung, Datenschutz, rechtliche
- 16:17aber auch Steuerfragen. Also ich finde, es ist auch ganz schön viel,
- 16:21was sie da so auf dem Schirm haben müssen. Und das sagt
- 16:23auch Jan Greiner von der LAKFA. Wir sind von einem rechtlichen Rahmen
- 16:26umgeben, der uns auch in einem Engagement herausfordert. Man muss wissen, was
- 16:31man tut und wo auch die Grenzen des Möglichen sind. Und da
- 16:34ist es natürlich wichtig, gerade ob es jetzt Vereinsrecht, Steuerrecht, wie auch
- 16:37immer ist, Förderrecht, dass man da auf dem Laufenden ist, dass sie
- 16:41ihren Vereinsverantwortlichen oft besser wissen. Und da auch greifen Freiwillige und Unternehmen
- 16:46nur die Arme, indem sie qualifizieren, da Fortbildung anbieten. Ja, ich erinnere
- 16:50mich noch total gut an diese riesigen Ordner von den Fortbildungen, die
- 16:53man in den Büros standen von meinen Freiwilligenleitern. Und auch als normaler
- 16:57Freiwilliger in Anführungsstrichen musste man ja auch oft Fortbildung machen. Fängt ja
- 17:01schon bei der Jugendarbeit an, bei der Julaika. Da gab es auch
- 17:03rechtliche Qualifizierung. Und die sind ja auch durchaus sinnvoll. Aber ich weiß,
- 17:07auch die haben immer viel Zeit gekostet. Die Wochenenden waren voll. Es
- 17:09war anstrengend. Es ist ja nicht ganz easy, immer die zu machen.
- 17:13Nee, genau. Und ich glaube, das macht man auch nur, wenn man
- 17:15im Zweifel sich sicher ist, dass das eigene Projekt, die eigene Initiative,
- 17:19dass das eben langfristig auch läuft. Und das ist meistens gar nicht
- 17:23so einfach. Also aus den freiwilligen Agenturen habe ich auch die Rückmeldung
- 17:26bekommen, es gibt in Sachsen-Anhalt eben relativ kleine Fördertöpfe und das
- 17:31verhindert eben so langfristige Planungen. Und das ist natürlich schwierig, denn wenn
- 17:35das eigene Projekt immer wieder auf der Kippe steht, wenn immer die
- 17:37Geldfrage über allem hängt, stresst das natürlich alle Beteiligten. Und es fehlt
- 17:41dann auch einfach schnell ein Gefühl von Wertschätzung. Ja, das ist ein
- 17:45Riesenproblem. Und ja, auch einer der Gründe für diesen Ehrentag, den Ehrenamt
- 17:51sichtbar machen, vielleicht auch so ein bisschen feiern. Ich finde, das ist
- 17:54auch was, das sollten wir vielleicht nicht nur an diesem einzelnen Tag
- 17:56machen. Und was ja bei diesem Ehrentag schon auch gemacht wird, da
- 18:00will man die Hürden nochmal so ein bisschen herabsetzen. Also die
- 18:03Hürden, sich zu engagieren. Du kannst also einfach mal gucken, was ist
- 18:06denn da so los in meiner Region. Du kannst einfach mal hingehen,
- 18:09du kannst mal mitmachen, kannst dich da anschließen. Und das ist deswegen
- 18:12so spannend, finde ich, weil wir aus Befragungen wissen, dass von den
- 18:15Menschen, die sich noch nicht engagieren, 41 Prozent sagen: Ich würde das
- 18:19schon machen, aber mir fehlt irgendwie so ein bisschen der Zugang. Also
- 18:22deswegen ist es da so wichtig, dass wir das niederschwelliger gestalten. Ja.
- 18:26Und es ist ja auch so, dass manche Menschen sich gerne engagieren
- 18:28würden, aber sich das schlicht nicht leisten können, weil man muss ja
- 18:31mindestens Zeit übrig haben, aber manchmal auch irgendwie Geld, Ressourcen und Kraft
- 18:35auch einfach. Diese Debatte, dass Ehrenamt auch ein Luxus ist, den man
- 18:39sich leisten können muss, die gibt es immer wieder. Und wir sehen
- 18:41das auch in den Zahlen. Also umso höher das Bildungsniveau ist, umso
- 18:45höher das Einkommen ist, desto mehr engagieren sich Menschen auch. Und ich
- 18:49finde, das ist auch total verständlich, denn es gibt ja Menschen, da
- 18:52draußen, deren Leben ist so voll, so schwierig, dass sie manchmal auch
- 18:56einfach erst mal selber schauen, wie sie damit zurechtkommen. Ich glaube allerdings,
- 19:00nicht, dass das unbedingt die Mehrheit ist. Und zur Wahrheit gehört auch:
- 19:04Ehrenamt muss ja nicht immer so aussehen, dass ich jetzt dreimal in
- 19:07der Woche zum Sportverein rammele und da dreimal in der Woche das
- 19:10Jugendtraining gestalte, sondern vielleicht ist es ja auch der Förderverein, wo man
- 19:14einmal im Jahr eben etwas organisiert oder eine Veranstaltung organisiert oder Einladungen
- 19:18rausschickt. Also vielleicht müssen da eben, genau wie ich es vorhin schon
- 19:21gesagt habe, die Zugänge so ein bisschen niederschwelliger werden. Aber klar ist,
- 19:25glaube ich, auch, wir werden da nie die 100 Prozent erreichen, dass
- 19:28sich alle engagieren. Ist vielleicht auch nicht nötig. Aber natürlich ist es
- 19:32schon so, dass Ehrenamt eben auch mit anderen Menschen verbindet. Das sagt
- 19:36ja Jan Greiner auch. Und ich glaube, wenn wir das ein bisschen
- 19:39mehr hätten, dann wäre die Spaltung in der Gesellschaft vielleicht auch nicht
- 19:42ganz so groß. Ja, das glaube ich auch. Also ich finde, niemand
- 19:45sollte sich verpflichtet fühlen, da was zu machen, um Gottes Willen. Aber
- 19:49wenn diejenigen, die es gerne machen möchten und da Teil von was
- 19:52sein sollen, das wäre schön, wenn die das könnten und wenn die
- 19:55Zugänge da leichter wären. Das bringt uns vielleicht auch so ein bisschen
- 19:58zum zweiten Problemfeld: Nachwuchs. Denn wir wissen ja aus den Vereinen, da
- 20:03kommen einfach zu wenige Menschen nach. Das liegt zum einen natürlich am
- 20:06demografischen Wandel. Darüber haben wir ja an vielen Stellen schon gesprochen. Das
- 20:10heißt, es gibt einfach schlichtweg weniger junge Menschen, gerade in den ländlichen
- 20:13Regionen, denn da ziehen die ja dann auch nochmal weg, um zum
- 20:16Beispiel zum Job zu fahren, zum Studium oder eben auch zur Ausbildung.
- 20:20Also ja, das ist ein großes Problem. Und die, die nicht wegziehen,
- 20:23wiederum, die haben häufig weniger Zeit, weil sie dann zum Beispiel pendeln
- 20:26müssen. Und insgesamt zeigen uns eben auch Befragungen, dass Menschen ihren Alltag
- 20:30heute schon als deutlich voller, als deutlich komprimierter wahrnehmen, was sicherlich auch
- 20:36an Care-Arbeit liegt, aber auch an so einer digitalen Immer-Erreichbarkeit.
- 20:40Das gibt uns ja auch so ein Gefühl von: Da ist ganz
- 20:42schön viel. Und das sorgt eben dafür, dass zum Beispiel in den
- 20:46Vereinsvorständen gerade diese Generation zwischen 30 und 50 fehlt. Ich habe
- 20:51gerade darüber nachgedacht. Glaubst du, dass mehr ältere Menschen sich engagieren, weil
- 20:55viele ältere Menschen auch einfach fit sind und noch Zeit dann haben?
- 20:58Ich glaube schon. Also ich glaube, dass gerade so zwischen 30 und
- 21:0050 hat man vielleicht im Leben auch ein bisschen einen anderen Schwerpunkt. 00:21:04.000 --> 00:21:07.000 macht vielleicht doch noch ein bisschen mehr Karriere, gründet eine Familie. Also,
- 21:07da ist, glaube ich, das Leben tatsächlich auch voller. Und vielleicht hat
- 21:10man im etwas späteren Alter dann doch wieder ein bisschen mehr Zeit.
- 21:13Aber es ist natürlich ein Problem, weil es müssen jetzt Leute nachwachsen,
- 21:16damit diese Vereine und die Strukturen, die dahinter stehen, natürlich auch langfristig
- 21:19funktionieren. Ja, ich habe bei meinen Recherchen ganz oft so den Eindruck
- 21:23gewonnen, dass Vereine irgendwie ihre Rolle verändern. Dass Vereine früher viel wichtiger
- 21:28waren, dass dann, meinetwegen, das halbe Dorf wirklich in der Freiwilligen Feuerwehr
- 21:31war und da alle zusammengekommen sind. Und das so, ja, sag mal
- 21:35auf Neudeutsch, so No Brainer war, da einzutreten. Und ich glaube, dass
- 21:39sich da das insgesamt etwas verändert hat, weil die Menschen ihr Leben
- 21:43etwas flexibler und individueller gestalten im Moment. Genau. Also ich glaube nicht,
- 21:48dass es insgesamt wirklich weniger junge Menschen gibt, die sich engagieren oder
- 21:52engagieren wollen. Aber was mir die freiwilligen Agenturen schon auch gespiegelt haben,
- 21:57viele Menschen wollen sich eben flexibler engagieren. Also die wollen jetzt nicht
- 22:00oder die sagen jetzt nicht: „Ich werde jetzt Schatzmeisterin für das nächste
- 22:04Jahr“, sondern die sagen dann: „Hey, ich würde vielleicht das Sommerfest mit
- 22:07organisieren.“ Und das ist mit den Vereinen wiederum eben gar nicht so
- 22:11einfach, weil es ja laut Vereinsordnung einfach bestimmte Posten gibt, die musst
- 22:15du benennen. Die müssen also auch da sein. Da muss sich jemand
- 22:17finden, sonst kannst du diesen Verein nicht betreiben. Trotzdem glaube ich, es
- 22:22braucht da so ein bisschen mehr Spielraum, vielleicht gerade für den Eintritt
- 22:24in einen Verein oder so für die Anfangsphase. Da muss man vielleicht
- 22:28Erwartungen und Wunschvorstellungen auch so ein bisschen besser übereinkommen und da eben
- 22:32die Hürde niederschwelliger gestalten. Und dann, und das finde ich, ist der
- 22:36zweite Punkt, diesen jungen Menschen, die danach kommen, auch wirklich Gestaltungsspielraum geben.
- 22:41Das ist vielleicht auch ein bisschen einfacher bei der Planung von einem
- 22:44Sommerfest, als wenn jemand Schatzmeister ist. Ja, also ich glaube, da braucht
- 22:47es Entgegenkommen von beiden Seiten. Ich glaube, Vereine müssen ein bisschen flexibler
- 22:51werden und junge Menschen auch wirklich da reinlassen und gleichzeitig erkennen vielleicht
- 22:56auch jüngere Menschen nach einer Zeit, was Vereine auch alles leisten, weil
- 23:00ganz ohne Strukturen ist es halt auch oft sehr anstrengend und geht
- 23:03dann auch schneller wieder kaputt. Genau, also es ist ja auch so
- 23:06ein bisschen Stabilität, die die Vereine dann da mitbringen. Ich glaube auch,
- 23:09ein wichtiger Punkt ist, Engagement wird natürlich auch attraktiver, wenn wir es
- 23:14wertschätzen. Und Tobias Quedner von der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt
- 23:18hat auch nochmal erklärt, warum sowas wie die Ehrennadel dafür halt auch
- 23:23nicht ausreicht. Also die Ehrennadel und das Dankesfest ist immer der eine
- 23:27Teil und der ist auch wichtig. Aber es gibt dann auch einfach
- 23:29die ganz handfesten Sachen. Also wie werde ich dann tatsächlich unterstützt und
- 23:33wie wird das anerkannt? Also ein schönes Beispiel ist auch immer wieder, wenn
- 23:37ich mich irgendwo ehrenamtlich einbringe, stellt mich mein Arbeitgeber auch mal frei
- 23:40oder nicht. Also man muss einfach dahin kommen, dass gesagt wird in
- 23:44der Öffentlichkeit: „Schön, dass du dich engagierst und einbringst“ und nicht, dass
- 23:48man so eine Erzählung hat: „Wie blöd bist du denn, dass du
- 23:51da irgendwie unentgeltlich arbeitest? Das ist doch eigentlich Aufgabe von wem auch
- 23:54immer.“ Also dass es einfach positiv gesehen wird, dass sich die Menschen
- 23:58einbringen und nicht irgendwie als negativer Punkt. Da herrscht aber bei vielen
- 24:03Arbeitgebern auch Unsicherheit, bis Unwissen, würde ich mal sagen. Und das ist
- 24:07auch blöd, denn bei so sicherheitsrelevanten Ehrenämtern wie freiwillige Feuerwehr oder auch
- 24:12beim Katastrophenschutz, da gibt es eben gesetzliche Regeln, bei den meisten anderen
- 24:16nicht. Und das sorgt immer so ein bisschen für so Fragezeichen im
- 24:20Kopf. Und es gibt aber so ein paar Sachen, die muss man
- 24:23da tatsächlich beachten. Also geht es um so Sachen wie Arbeitszeitengesetz, aber
- 24:26auch um Versicherungsschutz. Und ja, da müssen wir uns auch nichts vormachen.
- 24:31Für so kleine bis mittlere Betriebe ist es natürlich auch einfach schwierig,
- 24:34jemanden einfach mal so freizustellen. Du hast gesagt, es gibt drei große
- 24:39Probleme im Ehrenamt. Bürokratie und Nachwuchsmangel haben wir ja schon darüber gesprochen.
- 24:43Dann hast du noch eins genannt. Da war die Überschrift so: Staat
- 24:46und Politik. Wir haben schon gesagt, es bräuchte weniger Bürokratie. Aber gleichzeitig
- 24:51ist das Ehrenamt ja auch oft von staatlichen Strukturen abhängig oder auch
- 24:54von politischer Unterstützung. Wie ist denn da das Problem oder das Spannungsfeld?
- 24:59Ja, ich finde, Spannungsfeld ist tatsächlich ein ganz interessantes Wort, denn es
- 25:02ist ja nicht so, dass politische Entscheidungsträger nicht verstehen, dass Ehrenamt irgendwie
- 25:07wichtig ist. Also in Sachsen-Anhalt zum Beispiel gibt es die Basisfinanzierung
- 25:11für die Freiwilligenagenturen schon ziemlich lange. Und die sind, wie wir ja
- 25:14schon besprochen haben, eben auch so Motor und Unterstützer, Beratungsstelle fürs Ehrenamt
- 25:19im Land. Und auch in politischen Reden merkt man das schon. Da
- 25:23wird Ehrenamt dann immer mal so wieder heraufbeschworen und betont, wie wichtig
- 25:26das ist. Tobias Quednau, der hat mir gesagt: „Na ja, trotzdem ist
- 25:30es eben wichtig, was außerhalb dieser politischen Reden auch wirklich ankommt.“ Unsere
- 25:35Beobachtung ist tatsächlich, dass auf kommunaler Ebene und auch auf der Ebene
- 25:39der Bundesländer das Thema durchaus an Bedeutung gewinnt oder politische Aufmerksamkeit gewinnt.
- 25:45Aber man ist natürlich noch lange nicht da, wo man sein sollte
- 25:48oder, glaube ich, sein könnte. Es fällt dann im Vergleich zu anderen
- 25:53Themen doch oft hinten runter. Ja, und da merken wir auch immer,
- 25:58kommunale Kassen, die nicht gefüllt sind, helfen dabei mit Sicherheit nicht weiter.
- 26:03Viele Sachen werden eingespart. Zum Teil sind Kommunen dann ja sogar die
- 26:06Hände gebunden. Das haben wir auch in der Folge zum Mitmachlokal in
- 26:09Dessau besprochen. Und da fand ich so spannend, dass man eigentlich mal
- 26:13rechnen müsste, welchen Mehrwert diese Projekte haben für unsere Gesellschaft. Ja, das
- 26:17ist natürlich schwierig. Deswegen habe ich quasi umgedreht und habe unsere Gesprächspartner
- 26:21mal gebeten zu skizzieren: Was würde denn eigentlich passieren, wenn das Ehrenamt
- 26:24wegfällt? Es soll nicht so dystopisch klingen, aber zigtausende Sportvereine in diesem
- 26:30Land, die davon leben, dass nach der Arbeit noch jemand hingeht und
- 26:33den Kindern Fußball beibringt oder Tischtennis oder Geredetrum. Das alles wäre von
- 26:37heute auf morgen nicht mehr da. Ganz viel kulturelles Leben würde nicht
- 26:40mehr stattfinden, weil viele Dorffeste, Konzerte, Bibliotheken auch durch einen großen Teil
- 26:48von Ehrenamtlichen gestemmt werden. Das ist oft nicht so präsent, was da
- 26:52tatsächlich an Leistung gebracht wird. Viele Dinge, die im Alltag das Leben
- 26:57sehr attraktiv und vor Ort lebenswert machen. Also jeder ist eigentlich tagtäglich
- 27:03irgendwo mit Engagement in all seinen Facetten berührt. Und wenn man sich
- 27:07das mal zusammenrechnet, wenn das alles wegbricht, dann fehlt mir kaum ein
- 27:11Bereich, in dem darunter nicht extrem leiden würde und wo wir nicht
- 27:14erhebliche Probleme hätten. Lass uns gar nicht so sehr in der dunklen
- 27:23Dystopie verharren, denn zum Glück sind wir von so einer Situation ja
- 27:27ziemlich weit entfernt. Aber es gibt natürlich schon Gefahren für das Ehrenamt.
- 27:31Über einige haben wir gerade schon gesprochen, was so Probleme sind. Eine
- 27:34die wir bisher außen vor gelassen haben, ist die Wahl im September.
- 27:37Ich weiß jetzt aus unseren Recherchen von einigen Projekten, die sich wirklich
- 27:40große Sorgen machen. Denn im Wahlprogramm der AfD steht zum Beispiel, dass
- 27:44Vereine und Projekte nur noch Fördermittel erhalten, wenn sie sich zu einer
- 27:47sogenannten patriotischen Grundhaltung bekennen oder dass man eben Strukturen wie Demokratie leben
- 27:52einschränken möchte. Manche haben da richtig Angst um ihre Förderung und haben
- 27:56ja gesagt: „Wir wissen wirklich nicht, wie es weitergeht.“ Ist das laut
- 28:00deinen Recherchen ein größeres Problem? Ich würde sagen ja und nein. Also
- 28:05ich habe ja gesagt, dass die Bandbreite an Ehrenamtlichen enorm groß ist.
- 28:10Also viele brauchen jetzt gar nicht unbedingt die Fördergelder. Die arbeiten zum
- 28:14Beispiel mit Mitgliedsbeiträgen oder leider stecken sie vielerorts auch eigenes Geld in
- 28:19ihre Projekte. Für die ist das viel weniger ein Thema als die
- 28:22anderen Probleme, über die wir jetzt schon gesprochen haben. Aber natürlich gibt
- 28:25es auch einen ganz großen Teil, das hast du ja gerade schon
- 28:27angesprochen. Gerade bei Demokratiebildungsprojekten oder eben auch Ehrenamtliche, die mit Menschen
- 28:32mit Migrationshintergrund arbeiten. Da wirken sich solche Ansagen natürlich ganz direkt aus
- 28:37und zwar jetzt schon. Das hat auch Jan Greiner von der LAKFA
- 28:40bestätigt. Menschen, die sich engagieren, fühlen sich in bestimmten Bereichen zunehmend unter
- 28:45Druck gesetzt, fühlen sich manchmal vielleicht auch bedroht. Ein klassisches Thema ist
- 28:49zum Beispiel der Bereich Integration, wo es eine pensionierte Grundschullehrerin, die seit
- 28:55vielen Jahren Nachhilfe und Lesen-Lernhilfe gibt, sich mittlerweile dafür fast entschuldigen
- 29:01muss, dass sie Kinder mit Migrationshintergrund das Ankommen und die schulische Laufbahn
- 29:05erleichtert und sie dabei unterstützt. Ja, und da geht es ja nicht
- 29:08mal um Fördergelder, sondern nur um die Haltung, die wir eben zu
- 29:11solchen Initiativen haben. Und das ist ganz interessant, weil Studien gezeigt haben,
- 29:15dass Menschen, die sich engagieren, auch insgesamt zufriedener sind mit der Demokratie.
- 29:19Und da kann man sich natürlich jetzt schon die Frage stellen, ob
- 29:22das eben etwas ist, was man in der AfD gar nicht möchte.
- 29:26Ja, ich hänge gerade noch an diesem Beispiel fest. Ich finde es
- 29:28immer wieder krass, wenn man das dann so konkret hört. Stell dir
- 29:30das mal vor: Du gibst einfach Nachhilfeunterricht für Menschen mit Migrationshintergrund. Du
- 29:34wirst dann angefeindet. Dann wirst du dafür angefeindet und du hilfst da
- 29:37bei einer Integration und bei irgendwie einem guten Miteinander und machst das
- 29:40ehrenamtlich. Du kriegst keinen Cent dafür und dann sagen Leute: „Was machst
- 29:42du da? Was soll das?“ Also das finde ich immer wieder krass.
- 29:46Und wenn so Leute dann aufhören, wenn so Strukturen wegbrechen, wenn so
- 29:49Vereine weg sind, das kommt ja auch einfach nicht so schnell wieder,
- 29:52weil einfach das ist dann erst mal nicht mehr da. Das muss
- 29:54man erst mal alles wieder aufbauen, wenn es einmal weg ist. Also
- 29:57ja. Ja, ist interessant. Mir geht es ganz genauso wie dir. Ich
- 30:00fand es allerdings interessant, weil unsere Gesprächspartner trotzdem insgesamt relativ, ja,
- 30:07ich sage mal, vorsichtig optimistisch gestimmt waren. Jan Greiner von der LACFA, der
- 30:11hat das mal so zusammengefasst: „Uns ängstigt erst mal nicht politische Entwicklungen
- 30:15in irgendwelcher Form, sondern wir gehen ja davon aus, dass die Menschen
- 30:18vor Ort nach wie vor wissen, was für sie wichtig und gut
- 30:20ist und was sie auch am Engagement in seiner Breite haben, weil
- 30:24wie gesagt, ein Drittel ja auch selbst involviert ist. Das heißt also,
- 30:28das ist eine Lebenswirklichkeit, die wir erst mal jetzt nicht als in
- 30:31Gefahr und gefährdet sehen. Insgesamt natürlich ist uns die Zuspitzung im politischen
- 30:35Raum, die bereitet uns Sorge, dass es auch nach einer Wahl sozusagen
- 30:39mit unklaren Verhältnissen, vielleicht auch mit unklaren Mehrheitsverhältnissen, noch schwieriger wird, vielleicht
- 30:44die Rahmenbedingungen für Engagement verlässlich zu setzen. Das ist vielleicht unsere größte
- 30:48Sorge. Es gibt von der LACFA einen Vorschlag, wie die Rahmenbedingungen für
- 30:52Ehrenamt gestärkt werden können. Das steht im Positionspapier zur Stärkung freiwilligen Engagements
- 30:57und engagementfördernder Strukturen. Das verlinken wir euch auch in den Shownotes.
- 31:01Und da gibt es so fünf große Punkte und über alle haben
- 31:05wir heute eigentlich schon gesprochen. Deswegen finde ich, sie sind eine super
- 31:07Zusammenfassung. Erstens: Engagement stärkt die Demokratie. Dafür braucht es aber politischen Rückhalt.
- 31:14Zweitens: Es braucht klarere Strukturen und Prozesse und natürlich auch mehr Sichtbarkeit.
- 31:18Drittens: Ehrenamt muss für alle zugänglich sein. Wir müssen da also vielleicht
- 31:21noch die Zugänge niederschwelliger gestalten. Es braucht viertens eine langfristige finanzielle Planungssicherheit
- 31:28und fünftens weniger Bürokratie. Ja, ich finde es irgendwie gut, dass unsere
- 31:33Gesprächspartner nicht so negativ sind und da irgendwie Hoffnung haben. Und gleichzeitig
- 31:36wenn ich mir das anhöre, finde ich es schon krass. Wir haben
- 31:38ja gerade schon drüber gesprochen, warum diese Punkte wichtig sind. Aber ich
- 31:42habe auch echt noch Fragezeichen, wie die genau umgesetzt werden können. Und
- 31:46gerade wenn ich dann sowas höre wie: „Politischer Rückhalt ist wichtig“ oder
- 31:49„Eine finanzielle Planungssicherheit“, die hängen ja maßgeblich von der Politik ab. Und
- 31:54insofern kann ich dann doch verstehen, wenn Gesprächspartner große Sorge vor der
- 31:58Wahl haben und dann denken: „Diese Punkte sind vielleicht gefährdet.“ Ja, es
- 32:01geht mir ganz genau so. Aber was wir, glaube ich, an dieser
- 32:04Stelle auf jeden Fall schon sagen können, ohne dass wir damit Bauchschmerzen
- 32:07haben, ist: Dankeschön an alle Ehrenamtlichen und alle, die sich in
- 32:11den Dienst der Gemeinschaft stellen. Denn wir begegnen bei unseren Recherchen wirklich
- 32:15immer wieder ganz vielen tollen Menschen, die echt richtig viel konstruktiv
- 32:18bewegen. Und ich finde, das macht irgendwie auch Mut. Auf jeden Fall.
- 32:27Damit sind wir mit der Folge auch schon fast wieder am Ende.
- 32:31Und der Veranstaltungstipp diese Woche ist natürlich der Ehrentag. Unter www.ehrentag
- 32:36de slash aktionen minus finden könnt ihr schauen, was in eurer Region
- 32:41so los ist. Oder ihr abonniert einfach noch schnell unseren Newsletter. Da
- 32:44haben wir natürlich auch einen Überblick für euch zusammengestellt. Wer jetzt sagt:
- 32:49„Ach Mist, dieses Wochenende ist ja ganz blöd. Das passt ja bei
- 32:52mir gar nicht.“ Für den haben wir noch einen Veranstaltungstipp von Olaf
- 32:55Ebert von der Stiftung Bürger für Bürger aus Halle. Die Stiftung will
- 32:58ja die Aufgabe von Engagierten vor Ort sichtbar machen und die auch
- 33:02untereinander besser in so einen Austausch bringen. Und dafür haben sie sich
- 33:05Folgendes überlegt. Deswegen haben wir jetzt das Zukunftsfestival „Streit und Zuversicht“ am
- 33:1212. und 13. Juni in Halle im Volkspark geplant, wo wir eben Engagierte
- 33:17aus ganz Ostdeutschland einladen, sich auszutauschen, sichtbar zu werden, mit Menschen ins
- 33:24Gespräch zu kommen, die sich auch noch nicht einbringen. Deswegen ist es
- 33:28auch eine offene Einladung an Menschen aus der Region, hier zum Zukunftsfestival
- 33:35zu kommen und sich einzubringen, wahrzunehmen, dass nicht alles schlecht in unserem
- 33:40Land ist, sondern dass man durch Engagement viel verändern und bewirken kann.
- 33:45Mehr Infos dazu findet ihr auch auf zukunftsfestival.de. Und wenn
- 33:50ihr noch mehr Tipps für uns habt, Leute, denen ihr schon immer
- 33:52mal für ihr Engagement danken wolltet, dann schreibt uns eine Mail oder
- 33:55noch besser, schickt uns eine Sprachnachricht an dazwischen@detektor.fm. Nächste
- 34:01Woche fahre ich für euch in einen kleinen Ort namens Talwinkel. Dort
- 34:05wohnen nur noch 120 Menschen und man macht sich große Gedanken, nämlich
- 34:09was passiert denn, wenn hier immer weniger Menschen leben, wenn das Dorf
- 34:12noch weiter schrumpft. Und das ist auch das große Thema der Folge:
- 34:16Dorfsterben. Wir gucken nämlich, wie dramatisch die Lage in Sachsen-Anhalt
- 34:19ist und was man zum Beispiel in so einem kleinen Ort wie
- 34:22Talwinkel dagegen tun kann. Dazu hören wir uns dann nächste Woche wieder
- 34:26hier bei Dazwischen. Ich freue mich drauf. Dieser Podcast ist eine Kooperation
- 34:35von detektor.fm und dem Media Forward Fund. Podcast Hosts: Marie Landes,
- 34:40Katja Schmidt und heute Leonard Schubert. Community-Redakteurin: Anne Kuslofski. Arkneig Podcast:
- 34:46Redaktion: Leonard Schubert. Cover Design: Claudia Dölling und Anja Krämer von Sisters
- 34:51of Design. Originalmusik: Florian Siebers. Audioproduktion: Benjamin Serdani, Stendi Baldauf und Tim
- 34:59Schmutzler. Projektleitung: Christian Bollert.