Latest / Wir lesen... Bücher Kapitel für Kapitel besprochen / Hörbuch: "Die Alternative für Deutschland" von Kian Sobek - Kapitel 8
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- 0:02Kapitel 8 die Schicht am Samstag war er vor dem Licht da.
- 0:07Niklas hatte den Schlüssel die ganze Woche bei sich getragen,
- 0:10in der rechten Hosentasche, wo sonst nichts war, als das
- 0:13Telefon, und manchmal an einer roten Ampel beim Warten auf den
- 0:16nächsten Auftrag hatte er ihn herausgeholt und in der Hand
- 0:20gehalten, einfach so ein Stück kaltes Metall an einem Ring ohne
- 0:24Anhänger und ihn warm werden lassen, zwischen den Fingern ein
- 0:27Schlüssel. Für ein Lager, das ihm nicht
- 0:30gehörte, in einer Sache, von der er nicht genau wusste, was sie
- 0:32war. Aber der Schlüssel war echt und
- 0:35der Schlüssel sagte, Da ist eine Tür, die du aufmachen darfst,
- 0:38die andere nicht aufmachen dürfen, das war mehr als ihm
- 0:42seit Jahren irgendwer gesagt hatte.
- 0:44Das Materiallager war eine Halle am Rand des alten Sportplatzes,
- 0:48ein flacher Bau aus Beton mit einem Rolltor und das Rolltor
- 0:51war kalt und schwer, und er zog es hoch.
- 0:54Allein in der Dunkelheit, die vor 6 kommt und das Metall lief
- 0:57Rasselnd in seine Führung, ein langes Ratterndes hochgleiten
- 1:01und dann stand er davor im offenen Tor und atmete den
- 1:04Geruch ein, der herauskam, Staub und Plane und Holz und das kalte
- 1:08Öl von Werkzeug, er knipste das Licht an Neonröhren.
- 1:13Die zweimal zuckten, bevor sie hielten, und dann lag das Lager
- 1:16vor ihm. Vollgestapelt Tische, Bänke,
- 1:19Gitter, ein zusammengefaltetes Zelt, kabeltrommeln, Kisten,
- 1:23eine Lautsprecheranlage unter einer Plane.
- 1:26Er war zuerst da, das war das Beste vor allen anderen mit dem
- 1:30Schlüssel in der Tasche und einer Halle voll Arbeit vor
- 1:32sich, und niemand, der ihm sagte, wie er es zu machen
- 1:35hatte, weil man es ihm zutraute, dass er es von selbst wusste.
- 1:40Er fing an, ohne zu warten. Er trug die ersten Tische
- 1:43hinaus, 2 auf einmal einen unter jeden Arm und der Rücken meldete
- 1:47sich. Der alte Schmerz vom Fahren, vom
- 1:50Tragen, aber es war ein anderer Schmerz als sonst, ein Schmerz,
- 1:53der zu etwas gehörte, ein Schmerz mit einem Sinn, und das
- 1:56machte ihn leichter zu tragen als die Box mit dem fremden
- 1:59Essen zwischen den Schulterblättern.
- 2:01Er kannte das Gegenteil von diesem Morgen.
- 2:03Er kannte es genau 3 Jahre Lager, bevor das Gigfahren kam.
- 2:073 Jahre in einer Halle, zehnmal so groß wie diese, unter Lampen,
- 2:11die nie ausgingen, mit einem Scanner in der Hand, der Piepte,
- 2:14wenn man richtig war und anders piepte, wenn man falsch war und
- 2:17der die ganze Schicht überzählte wie viele Teile man in der
- 2:20Stunde schaffte und die Zahl stand am Ende auf einem
- 2:23Bildschirm neben dem Namen, und wenn die Zahl zu klein war, kam
- 2:27einer und sagte es einem freundlich mit einem Blick auf
- 2:30das Tablet. Nicht auf das Gesicht, niemand
- 2:33hatte dort einen Schlüssel gehabt.
- 2:34Schlüssel hatten die mit den Hemden, die oben im Glaskasten
- 2:37saßen und hinunter sahen auf die Halle, in der die Namen sich
- 2:41bewegten, jeder eine Zahl, jeder ersetzbar, und das Wort, das sie
- 2:45für einen hatten, war nicht Name, das Wort war Kraft, man
- 2:48war eine Kraft, eine Arbeitskraft, und eine Kraft ist
- 2:51etwas, das man einsetzt und abschaltet, nicht etwas, das man
- 2:54kennt, er war eine Kraft gewesen, 3 Jahre lang, eine, die
- 2:58Piepte. Und jetzt, an diesem kalten
- 3:00Morgen, war er der mit dem Schlüssel, der Erste, der die
- 3:03Tür aufmachte, und niemand zählte ihn, niemand piepte, und
- 3:07das war der Unterschied, den er nicht in Worte fassen konnte,
- 3:10aber im Rücken spürte, im Gang, in der Art, wie er die Tische
- 3:13trug. Er trug sie wie einer, der
- 3:15gemeint war, nicht wie einer, der eingesetzt wurde.
- 3:19Über dem Sportplatz wurde es langsam grau, der Rasen war kahl
- 3:23und nass, an den Rändern noch Reste von altem Schnee, hart und
- 3:26körnig. Und Niklas stellte die Tische in
- 3:29Reihen, wie er es sich vorstellte, dass man sie stellte
- 3:32und richtete sie aus, mit dem Auge, gerade weil etwas in ihm
- 3:36wollte, dass es gerade war, dass es ordentlich aussah, wenn die
- 3:39Leute kamen. Sein Atem stand weiß in der
- 3:42kalten Luft, seine Finger wurden taub und dann wieder warm von
- 3:45der Arbeit und in ihm langsam mit jedem Tisch, mit jeder Bank
- 3:49lud sich etwas auf Balken um, Balken, das Display in der
- 3:53Dunkelheit, das anging und sagte, Du machst das.
- 3:57Du machst das gut, du wirst gebraucht.
- 4:00Sie kamen, als es hell wurde, einer nach dem anderen und dann
- 4:04viele auf einmal und der leere Sportplatz füllte sich mit
- 4:07Menschen und Stimmen und Bewegung, und Niklas war
- 4:10mittendrin und gehörte dazu von Anfang an, weil er schon da war,
- 4:14weil er schon angefangen hatte, weil die anderen kamen und
- 4:17sahen, dass die halbe Arbeit getan war und einer ihm auf die
- 4:20Schulter klopfte und sagte, Mensch, du warst ja fleißig.
- 4:24Mehr nicht. Du warst ja fleißig.
- 4:26Niklas hätte für diesen Satz noch 10 Stunden getragen, es
- 4:29wurde ein Fest, so nannten sie es, ein Bürgerfest, und es war
- 4:33nichts von dem, was Niklas im Fernsehen gesehen hatte, keine
- 4:35Fahnen, keine Sprechöre, keine wütenden Männer, es war ein
- 4:39Grill und Bänke und ein paar Stände mit Infozetteln und
- 4:43Kinder, die über den nassen Rasen rannten und alte Leute,
- 4:46die sich setzten und Kaffee tranken aus Pappbechern.
- 4:49Und Sandra mittendrin in ihrer Schürze mit ihrem offenen, müden
- 4:52Gesicht, die jeden begrüßte, jedem den Namen sagte, jeden so
- 4:56ansah, als sei er der, auf den sie gewartet hatte.
- 4:59Sie kam auch zu Niklas, einmal im Vorbeigehen mit 2 Kannen in
- 5:03den Händen, und sah die Reihen, Tische, die Geraden
- 5:06ausgerichteten und nickte das kleine Nicken und sagte, Ich
- 5:10wusste, dass auf dich Verlass ist und ging weiter und.
- 5:14Und Niklas stand da mit einer Kabeltrommel auf der Schulter
- 5:17und spürte, wie das Display in ihm einen weiteren Balken
- 5:20zulegte. Fast voll, jetzt fast ganz voll,
- 5:24ein Zustand, den er nicht mehr gekannt hatte, so lange, dass er
- 5:28fast vergessen hatte, dass es ihn gab.
- 5:30Er fand seine Arbeit, ohne dass jemand sie ihm zuwies.
- 5:33Er war der mit dem Transporter. Einer hatte einen geliehenen
- 5:37Kleintransporter mitgebracht und als Material fehlte Bänke, die
- 5:40noch im anderen Lager standen, Getränke, eine Kiste, die jemand
- 5:44vergessen hatte. Da fragte man, wer fahren könne,
- 5:46und die Stadt kenne, und Niklas sagte Ich, und es war wahr, er
- 5:51kannte die Stadt besser als jeder von ihnen, er fuhr sie ja
- 5:54den ganzen Tag, jede Abkürzung, jede Einbahnstraße, jede Stelle,
- 5:58an der man halten konnte, ohne dass jemand hubte.
- 6:01Er fuhr die Ruten, die fehlenden Sachen hin und her und jedes
- 6:04Mal, wenn er zurückkam und das fehlende brachte, war jemand
- 6:08froh und das Frohsein der anderen war wie Strom der in ihn
- 6:11lief und er lud sich auf an ihrer Erleichterung Fahrt um
- 6:15Fahrt einmal mitten am Tag kam eine alte Frau zu ihm, klein im
- 6:20guten Mantel und fragte ob er ihr helfen könne, ihr Klappstuhl
- 6:23sei kaputt, die Schraube heraus und sie könne nicht mehr sitzen
- 6:26und alle anderen hätten zu tun. Niklas nahm den Stuhl, drehte
- 6:30ihn um, sah die Stelle. Eine Schraube fehlte weiter
- 6:33nichts und ging zum Transporter, wo er sein eigenes Werkzeug
- 6:36hatte und in der Kiste lag eine Schraube, die fast passte.
- 6:39Er musste sie mit der Zange ein wenig nachhelfen, und dann saß
- 6:42der Stuhl wieder fest. Er stellte ihn der Frau hin, so
- 6:46hält wieder, und die Frau setzte sich vorsichtig, prüfend und als
- 6:50der Stuhl hielt, sah sie zu ihm hoch und sagte, sie sind ein
- 6:54guter Junge, mehr nicht, ein guter Junge.
- 6:58Niklas war 28 und niemand hatte ihn seit Jahren einen guten
- 7:02Jungen genannt und es war ein dummer Satz, ein Satz, den alte
- 7:05Frauen sagen, und er traf ihn trotzdem mitten in das Display,
- 7:08das schon fast voll war, und schob es über die letzte Marke.
- 7:12Er ging weiter mit seiner Kabeltrommel und merkte, dass er
- 7:14lächelte, allein im Gehen über eine reparierte Schraube und 3
- 7:18Worte und er schämte sich des Lächelns nicht einmal.
- 7:21Tobi war da, der mit der Mütze und in einer Pause standen sie
- 7:24zusammen am Grill mit einer Wurst in der Hand und Tobi sagte
- 7:28Kauend Schön oder so müsste es immer sein und Niklas nickte mit
- 7:33vollem Mund und es war schön, es war wirklich schön, ein Samstag,
- 7:38an dem er nicht allein durch die nasse Stadt fuhr und an fremde
- 7:41Türen klopfte, hinter denen niemand danke sagte, sondern ein
- 7:45Samstag, an dem er mit anderen etwas baute und die Leute danke
- 7:49sagten und seinen Namen kannten. Er hätte nicht sagen können,
- 7:53wofür das alles war, was die Stände bedeuteten, was auf den
- 7:56Zetteln stand, die jemand verteilte.
- 7:59Es war ihm auch gleich, er sah nur, dass es warm war zwischen
- 8:03den Menschen an einem kalten Tag, und Wärme hatte er lange
- 8:07nicht gehabt, und einem, der friert, ist es gleich, woher das
- 8:11Feuer kommt. An den Kaffeetischen zwischen
- 8:14den Pappbechern liefen die Geschichten um und Niklas hörte
- 8:18sie im Vorbeitragen in Stücken, wie man auf einem Fest alles in
- 8:22Stücken hört. Ein breiter in einer
- 8:24Arbeitsjacke erzählte von seinem Schwager, der 2 Jahre auf die
- 8:28Schulteroperation gewartet habe, 2 Jahre, in denen er den Arm
- 8:32nicht mehr über den Kopf bekommen habe, und vor ein paar
- 8:34Wochen sei der Brief gekommen, einfach so, und jetzt sei die
- 8:38Schulter gemacht, 2 Jahre nichts, und kaum sind die dran.
- 8:42Geht es eine Frau am Nebentisch, nickte und legte ihre eigene
- 8:47Geschichte dazu, wie man Holz nachlegt, die Nichte, die
- 8:50Wohnung 3 Jahre auf der Liste und vorigen Monat der Zuschlag,
- 8:54eine richtige Wohnung mit Balkon und ein Alter, der beide
- 8:58Geschichten gehört hatte, sagte über die Pappbecher hinweg den
- 9:01Satz, der an diesem Tag über allen Tischen lag, wie der Rauch
- 9:04vom Grill den Satz, für den das ganze Festgebaut war.
- 9:08Endlich ist mal einer für die unseren da.
- 9:11Niklas trug seine Kiste vorbei und nahm die Sätze mit, ohne sie
- 9:15zu suchen. Und sie legten sich in ihm ab,
- 9:17dort, wo die warmen Dinge lagen. Neben Sandras Nicken und dem
- 9:21guten Jungen der alten Frau. Es waren Beweise, nicht die
- 9:24Sorte, die auf Papieren steht, die andere Sorte, die man
- 9:27glauben kann, weil sie aus einem Mund kommt, den man kennt oder
- 9:31aus einem, der aussieht wie einer, den man kennt, der
- 9:34Schwager, die Nichte, der Brief, der einfach kam.
- 9:38Es ging jemandem besser und die, denen es besser ging, saßen hier
- 9:42an diesen Tischen, in dieser Wärme und erzählten davon.
- 9:46Woher hätte Niklas wissen sollen, dass ein Fest wie dieses
- 9:49ein Sieb war, dass die, bei denen es schneller gegangen war,
- 9:52herkamen und erzählten, und die, bei denen es langsamer wurde, zu
- 9:56Hause blieben bei ihren höflichen Briefen, weil man mit
- 9:59einem noch nicht auf keinem fest steht und mit einer Scham keinen
- 10:02Kaffee trinkt? Er hörte, was zu hören war und
- 10:05zu hören war. Die eine Hälfte und die eine
- 10:07Hälfte klang wie das Ganze. Mike kam später gegen Mittag und
- 10:11mit ihm änderte sich etwas kaum merklich, wie wenn ein Wind
- 10:14dreht und man es zuerst nur an der Haut spürt, bevor man es an
- 10:18den Fahnen sieht. Mike baute nicht, er trug
- 10:20nichts, er stand am Rand des Festes mit einem Telefon in der
- 10:24Hand, und er bewegte sich durch die Menschen wie einer, der eine
- 10:27Anlage abgeht, nicht wie einer, der feiert.
- 10:31Niklas beobachtete ihn, ohne es zu wollen, beim Be und entladen
- 10:34und er sah, dass Mike etwas tat, das die anderen nicht taten.
- 10:39Er sah die Leute an und ordnete sie ein, mit einem kurzen
- 10:42prüfenden Blick, der an jedem Gesicht hängen blieb, einen
- 10:45Moment zu lang, als trage er innerlich eine Liste, in die er
- 10:48die Gesichter eintrug, in 2 Spalten, und Niklas wusste
- 10:52nicht, was die Spalten waren, aber er sah, dass es 2 waren.
- 10:56An einem der Infostände stand ein Mann, einer von den Älteren
- 11:00abgerissen, mit einer Plastiktüte und redete auf einen
- 11:03der Helfer ein, aufgeregt mit den Händen und Niklas, der
- 11:07gerade eine Kiste vorbeitrug hörte, Fetzen, dass der Mann
- 11:10eine Wohnung brauche, dass er auf einer Liste stehe und nicht
- 11:13vorankomme, dass man ihm doch geholfen habe, versprochen, hier
- 11:17bei der Bewegung. Mike kam dazu.
- 11:19Er hörte sich das an mit dem ruhigen Gesicht, und dann fragte
- 11:22er ein paar Dinge leise, die Niklas nicht verstand und das
- 11:26Gesicht des alten Mannes wurde erst hoffnungsvoll und dann
- 11:29langsam wieder leer und Mike sagte etwas zum Abschluss,
- 11:33klopfte ihm sogar auf die Schulter, freundlich, aber der
- 11:36alte Mann ging weg, wie man weggeht, wenn man verstanden
- 11:39hat, dass man auf der falschen Liste steht, in der falschen
- 11:41Spalte, und Niklas spürte einen kalten Zug irgendwo unter dem
- 11:45warmen Tag, ein Zug aus einer Tür, die einen Spalt offenstand
- 11:49und durch die es zog. Niklas verstand nicht, was Mike,
- 11:52den alten Mann gefragt hatte, aber er verstand die Form.
- 11:56Es war dieselbe Form, die er kannte aus dem Lager, von den
- 11:59Ämtern, von überall, dass jemand ein paar Fragen stellte, ruhig,
- 12:03freundlich, und dass die Antworten den Menschen
- 12:06sortierten in ein oben und ein unten, ohne dass das Sortieren
- 12:10je ausgesprochen wurde. Er sah es an Mikes Gesicht, das
- 12:14sich nicht bewegte, während es zuhörte und an den Augen, die
- 12:18rechneten. Wo wohnen sie, wie lange schon,
- 12:22was haben Sie gearbeitet? Es klang wie Hilfe, und es war
- 12:26eine Prüfung, und am Ende stand der alte Mann auf der einen
- 12:29Seite und ein anderer hätte auf der anderen gestanden und der
- 12:32Unterschied lag nicht darin, wer es nötiger hatte, sondern in
- 12:35etwas, das Niklas nicht benennen konnte und das Mike in einem
- 12:38einzigen Blick las. Der alte Mann war zu alt, dachte
- 12:42Niklas, ohne es denken zu wollen, zu alt, zu kaputt, zu
- 12:46wenig. Er brachte nichts mehr und wer
- 12:49nichts mehr brachte, rutschte in die Spalte, aus der es keinen
- 12:52Weg zurückgab, höflich hineingeschoben, mit einem
- 12:55Klopfen auf die Schulter. Niklas spürte den kalten Zug
- 12:58stärker und sah weg und trug seine Kiste weiter, weil
- 13:01wegsehen das einzige war, was half, wenn man selbst nicht
- 13:04wusste, in welcher Spalte man stand, aber dann kam Mike zu ihm
- 13:08und das Verwirrte alles wieder du bist Niklas, sagte Mike,
- 13:12keine Frage, er wusste es, natürlich wusste er es.
- 13:17Er wusste alles, das war sein Geschäft.
- 13:19Sandra hat dich gelobt, sagt, auf dich ist Verlass.
- 13:24Niklas sagte nichts, weil er nicht wusste, was man darauf
- 13:26sagte und weil das Wort Verlass zum zweiten Mal an diesem Tag
- 13:30fiel und es jedes Mal etwas mit ihm machte, einziehen nach oben
- 13:34dass er nicht steuern konnte du hast einen LKW Schein, fragte
- 13:38Mike nur normal PKW und den Transporter der geht ohne.
- 13:43Mike nickte, als sei das die richtige Antwort, als habe er
- 13:46Niklas geprüft und für gut befunden.
- 13:48Reicht hör zu, er trat einen Schritt näher und seine Stimme
- 13:52wurde leiser, vertraulicher und gerade das Leiserwerden war eine
- 13:55Auszeichnung, das Verstand Niklas sofort, dass Mike, der
- 13:59mit kaum jemandem leise sprach, jetzt mit ihm leise sprach.
- 14:03Wir brauchen jemanden, der regelmäßig fährt, Material
- 14:06holen, Sachen bringen zwischen dem Lager hier, dem Büro und ein
- 14:10paar anderen Stellen. Nichts Großes, aber es muss
- 14:14einer sein, auf den man sich verlassen kann.
- 14:16Und einer, der nicht bei jeder Kiste fragt, was drin ist.
- 14:19Verstehst du einer der fährt und liefert und nicht jedem davon
- 14:23erzählt, wo er war? Klar, sagte Niklas, Mach ich
- 14:27gut. Mike sah ihn an den langen,
- 14:31prüfenden Blick, der die Gesichter einordnete und für
- 14:34einen Moment hatte Niklas das Gefühl, in die richtige Spalte
- 14:37zu rutschen, sichtbar vor seinen Augen, und es war ein gutes
- 14:40Gefühl und ein kaltes zugleich beides, und er wusste das Kalte
- 14:44nicht zu deuten, also ließ er es, du kriegst den Transporter,
- 14:47der bleibt bei dir und die Routen kriegst du von mir
- 14:50persönlich nicht über die App, nicht über irgendwas, wo es
- 14:54jemand mitliest von mir, er gab Niklas einen zweiten Schlüssel.
- 14:59Einen Autoschlüssel, diesmal mit einer abgegriffenen
- 15:01Fernbedienung, willkommen. Niklas nahm den Schlüssel und
- 15:05jetzt hatte er 2 einen für das Lager und einen für den Wagen. 2
- 15:10Stück kaltes Metall in derselben Tasche und sie wogen mehr als
- 15:13ihr Gewicht, viel mehr sie wogen wie vertrauen wiegt, dass man
- 15:16anfassen kann, er war drin, er war richtig drin jetzt nicht
- 15:20mehr der der zum Essen kam, sondern einer der fuhr, der
- 15:23lieferte dem man Schlüssel gab, dem man Routen sagte die niemand
- 15:26mitlas. Das Display in ihm war voll,
- 15:30ganz voll. Zum ersten Mal seit Jahren
- 15:32randvoll und er hätte nicht sagen können, wann er sich
- 15:35zuletzt so gefühlt hatte. So geladen, so gebraucht, so
- 15:38dazugehörig. Erst spät beim Abbauen, als das
- 15:43Fest vorbei war und die Leute gingen und Niklas die Tische
- 15:46wieder einsammelte im Dunkeln, das jetzt von der anderen Seite
- 15:49kam, fiel ihm der alte Mann wieder ein, der mit der
- 15:52Plastiktüte der in der falschen Spalte Stand und Mike S.
- 15:55Satz, einer, der nicht bei jeder Kiste fragt, was drin ist.
- 15:59Und beim Verladen im Lager unter den letzten Sachen stieß er auf
- 16:03ein paar Kisten, die nicht aussahen wie das andere, nicht
- 16:06nach Plane und Holz und fest, sondern fester versiegelt mit
- 16:10einem aufgedruckten Etikett, das er nicht las, weil es ihn nichts
- 16:13anging, einem schlichten, modernen Etikett, einem Wort aus
- 16:172 Silben, das nach nichts klang. Erhob sie in den Transporter,
- 16:20wie man ihm gesagt hatte, ohne zu fragen.
- 16:22Und er spürte, dass diese Kisten anders waren, schwerer auf eine
- 16:26Art, die nichts mit Gewicht zu tun hatte, und er spürte den
- 16:29kalten Zug wieder kurz aus der Tür, die einen Spalt offen
- 16:33stand. Er schob ihn weg, er war gut
- 16:36darin, kalte Dinge Wegzuschieben, an die Stelle, an
- 16:39die er die Kündigung geschoben hatte, und das Zählen im Lager
- 16:42und Mikes Satz aus dem ersten Abend, er hatte einen guten Tag
- 16:46gehabt, den besten seit Jahren. Und er ließ sich den guten Tag
- 16:49nicht von einer kalten Kiste nehmen, von einem Etikett, das
- 16:53er nicht gelesen hatte, von einem alten Mann in der falschen
- 16:56Spalte, der ihn nichts anging. Er war müde, gut, müde, der
- 17:00Körper schwer und warm von der Arbeit.
- 17:03Und in seiner Tasche lagen 2 Schlüssel und morgen würde Mike
- 17:06ihm die erste Route geben, persönlich und er würde fahren
- 17:09und liefern und nicht fragen und dafür würde man ihn brauchen und
- 17:13gebraucht werden war das Einzige wonach er hungerte, der Hunger
- 17:17der nicht im Magen saß. Er zog das Rolltor herunter.
- 17:21Allein das lange rasselnde Hinabgleiten des kalten Metalls
- 17:25und Schloss ab mit dem ersten Schlüssel und stand einen Moment
- 17:28in der Dunkelheit vor der Halle, die jetzt wieder ihm gehörte,
- 17:31weil er der letzte war, wie er der erste gewesen war.
- 17:34Der Sportplatz lag leer und nass, die Tische weg, die
- 17:37Menschen weg, nur der zertretene Rasen erzählte noch, dass hier
- 17:41ein Tag gewesen war. Niklas ging zum Transporter, zu
- 17:44seinem Transporter und setzte sich hinein und der Motor sprang
- 17:48an. Warm, sofort, kein Akku, der bei
- 17:5011% stand und ihm Angst machte, sondern ein voller Tank und ein
- 17:54Schlüssel, der ihm gehörte. Er fuhr nach Hause durch die
- 17:58schwarze Stadt und zum ersten Mal seit langem hatte er keine
- 18:01Angst vor dem Morgen und er dachte nicht an die Kisten die
- 18:05hinten im Laderaum standen, versiegelt mit dem Etikett, das
- 18:08er nicht gelesen hatte. Er dachte nur an das Display in
- 18:11sich, das voll war, ganz voll und an die 2 Schlüssel in seiner
- 18:14Tasche und an den Satz, der ihm den ganzen Tag nicht aus dem
- 18:17Kopf gegangen war und der ihn wärmer hielt als jede Heizung,
- 18:20die er nicht mehr hatte. Auf dich ist Verlass.
- 18:24Er wusste nicht, dass er an diesem Samstag die Tür einen
- 18:27Spalt aufgemacht hatte, durch die später die Wahrheit gehen
- 18:30würde. Nicht seine Wahrheit.
- 18:31Eine andere, eine, von der er noch nichts ahnte, dass er sich
- 18:35an diesem Samstag in genau die Stelle gestellt hatte, an der
- 18:38ein Mensch das Falsche transportieren kann, ohne es zu
- 18:41wissen, weil man ihn dafür ausgesucht hat, dass er nicht
- 18:43fragt. Er wusste es nicht.
- 18:45Er wusste nur, dass er gebraucht wurde und das war alles, was er
- 18:48je hatte wissen wollen und ganz hinten an der Stelle, an die er
- 18:52die kalten Dinge schob, lag jetzt ein neues klein und kalt
- 18:56und weggeschoben und es würde dort liegen und warten, geduldig
- 18:59wie die kalten Dinge warten, das Etikett, das er nicht gelesen
- 19:03hatte, das Wort aus 2 Silben, es würde noch eine Weile dauern,
- 19:07bis er es las, aber er würde es lesen.
- 19:10Und an dem Tag würde alles, was an diesem Samstag warm gewesen
- 19:14war, mit einem Schlag kalt werden von innen wie ein Akku,
- 19:18der nicht langsam leer wird, sondern auf einmal schwarz.
- 19:21Aber so weit war es nicht. Heute war der Tank voll, heute
- 19:25war auf ihn Verlass, heute das erste Mal.
- 19:28Seit Jahren fuhr Niklas Roth nach Hause und fror nicht.