Latest / Am Ballhausplatz / Folge 22: Kopftuchverbot an Schulen: Das neue Gesetz.
Transcript
- 0:00Mir ist es gerade als Jugendministerin extrem wichtig, dass wir Mädchen schützen,
- 0:04dass die Schule gerade auch ein geschützter Raum sein soll, in dem sich Kinder entfalten können.
- 0:09Unabhängig davon, ob es Mädchen oder Burschen sind. Unabhängig davon, woher sie kommen, welcher
- 0:14Religion sie angehören. Und da bin ich einfach als Jugendministerin auch in der Verantwortung, alles
- 0:19Mögliche zu unternehmen, dass Kinder geschützt sind und dass das Kindeswohl gesichert ist.
- 0:24[Musik]
- 0:27Moderatorin: Willkommen am Ballhausplatz, dem Podcast des Bundeskanzleramts Österreich. Mein
- 0:32Name ist Annette Weber und gemeinsam blicken wir auch heute wieder hinter die Kulissen und sprechen
- 0:36über aktuelle Schlagzeilen. Ja, die Ferien gehen quasi in den Endspurt und für viele Schülerinnen
- 0:42und Schüler rückt der Start in das neue Schuljahr auch wieder näher. Und ab dem kommenden Schuljahr
- 0:48gibt es auch eine Neuerung und zwar für Mädchen unter 14 Jahre gilt künftig an Schulen ein
- 0:54Kopftuchverbot und genau darüber wollen wir heute mit der Bundesministerin für Europa, Integration
- 0:59und Familie sprechen, Claudia Bauer. Herzlich willkommen. Schön, dass Sie heute unser Gast sind.
- 1:03Bundesministerin Claudia Bauer: Danke schön.
- 1:05Moderatorin: Frau Ministerin, beginnen wir mal mit der Historie. Das Kinderkopftuch
- 1:08hat ja schon mehrere Anläufe hinter sich oder zumindest einen. 2019 wurde es beschlossen.
- 1:13Auch damals ging es um Integration, um die Gleichstellung von Männern und Frauen und um die
- 1:18Vermeidung von einer frühzeitigen geschlechtlichen Segregation eigentlich. Und das Gesetz wurde dann
- 1:232020 vom Verfassungsgerichtshof aufgehoben und Sie haben dieses Thema eigentlich relativ rasch nach
- 1:30Antritt der neuen Bundesregierung, der aktuellen Bundesregierung wieder auf die Agenda gesetzt.
- 1:34Warum war oder ist Ihnen dieses Thema so wichtig?
- 1:37Bauer: Mir ist es gerade als Jugendministerin extrem wichtig, dass wir Mädchen schützen,
- 1:43dass die Schule gerade auch ein geschützter Raum sein soll, in dem sich Kinder entfalten können.
- 1:47Unabhängig davon, ob es Mädchen oder Burschen sind. Unabhängig davon, woher sie kommen, welcher
- 1:52Religion sie angehören. Und da bin ich einfach als Jugendministerin auch in der Verantwortung, alles
- 1:58Mögliche zu unternehmen, dass Kinder geschützt sind und dass das Kindeswohl gesichert ist.
- 2:02Ein Kopftuch hat ganz einfach nichts an einem achtjährigen Mädchen verloren, schon gar nicht
- 2:07bei uns in Europa, schon gar nicht bei uns in Österreich. Und deswegen war es mir wichtig, dass
- 2:11wir hier alle Maßnahmen setzen, nicht nur infolge des Kinderkopftuchverbotes, sondern eben auch mit
- 2:17Begleitmaßnahmen, dass Kinder frei, sichtbar und auch selbstbestimmt aufwachsen können.
- 2:23Moderatorin: Vielleicht ein paar Zahlen zu Beginn. Wissen wir in etwa,
- 2:26wie viele Mädchen das betrifft oder hat sich das in den letzten Jahren, wie hat sich das verändert?
- 2:30Bauer: Da gibt es leider keine Zahlen dazu und damit auch keine belastbaren Erhebungen,
- 2:35auf die wir uns stützen könnten. Aber wenn wir es versuchen herzuleiten anhand der Bundeshauptstadt
- 2:41Wien, dann wissen wir, dass in Wien 84.000 Schülerinnen unter 14 Jahre alt sind und
- 2:48gut 41 Prozent der Schülerinnen bekennen sich zum Islam als Glauben. Und aus anderen internationalen
- 2:56Erhebungen wissen wir, dass jede Dritte, mehr als jede Dritte Muslima auch ein Kopftuch trägt. Und
- 3:02deswegen gehen wir in Wien von deutlich mehr als 10.000 betroffenen Mädchen auch aus. Also
- 3:08da sprechen wir nicht nur von Einzelfällen oder von wenigen 100, sondern das sind deutlich über
- 3:1310.000. Und das bezieht sich auch nicht nur auf die Bundeshauptstadt, das möchte ich auch betonen,
- 3:16und nicht nur auf Landeshauptstädte. Wir sehen dieses Problem, und auch ich, wenn ich unterwegs
- 3:21bin in ganz Österreich, sprechen mich immer wieder Menschen darauf an, auch Lehrkräfte darauf an, die
- 3:26sehen, dass das die letzten Jahre auch zugenommen hat, insbesondere in den Klassenzimmern.
- 3:29Moderatorin: Jetzt geht ja die aktuelle Regelung bisschen weiter als das alte
- 3:35Gesetz. Also jetzt geht es ja um Schülerinnen bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres. Warum diese
- 3:40Ausweitung und können Sie uns noch sagen, was das neue Gesetz noch vom Alten unterscheidet?
- 3:46Bauer: Wir haben bei 14 Jahren die Grenze gezogen,
- 3:49weil mit 14 Jahren die Mündigkeit beginnt und damit auch die religiöse Mündigkeit.
- 3:54Das heißt, mit 14 Jahren kann jedes Mädchen selbst entscheiden, jede junge Frau selbst entscheiden,
- 3:59wie sie es mit dem Kopftuch handhabt, ob sie es weiterhin nicht tragen möchte oder ob es sich
- 4:04dafür entscheidet, jetzt als religiös mündige Frau eben auch ein Kopftuch zu tragen. Aber davor haben
- 4:09wir als Staat Verantwortung zu tragen, dass Kinder und insbesondere Mädchen auch geschützt sind an
- 4:15unseren Schulen, dass Gleichberechtigung und sichtbares Aufwachsen eben nicht nur
- 4:19ein Prinzip im Lehrplan sind oder im Unterricht behandelt werden, sondern dass das tatsächlich
- 4:24ein geschützter Raum für Schülerinnen insbesondere auch ist. Eine Neuerung zum
- 4:30ehemaligen Kinderkopftuchverbot ist ebenso, dass wir es nicht nur auf öffentliche Schulen beziehen,
- 4:35sondern dass es auch an Privatschulen gilt. Das heißt auch an konfessionellen Privatschulen,
- 4:41also auch am islamischen Privatgymnasium in Wien, ist es minderjährigen Schülerinnen,
- 4:46also in erster Linie in der Unterstufe, dann verboten, dass sie ein Kopftuch tragen.
- 4:50Moderatorin: Frau Ministerin,
- 4:51Sie haben auch schon Begleitmaßnahmen angesprochen. Was wird da konkret kommen?
- 4:55Bauer: Uns ist es wichtig, dass wir hier nicht nur auf die Arbeit mit Mädchen setzen,
- 5:01sondern dass wir hier neben Empowerment-Maßnahmen gezielt mit minderjährigen Mädchen eben auch
- 5:06die Gruppe gleichaltriger Burschen miteinbeziehen. Wir haben hier ein zunehmendes Problem mit
- 5:11sogenannten Sittenwächtern. Das heißt gleichaltrige Burschen, die in der Schule,
- 5:15im Klassenverband, tatsächlich Mädchen auch, ja, beurteilen und sagen, das ist eine ehrvolle Frau,
- 5:23das ist eine nicht ehrvolle Frau, weil sie kein Kopftuch trägt, weil sie sich nicht
- 5:28diesen religiösen Vorschriften sozusagen auch stellt und daran teilhat. Uns ist es auch wichtig,
- 5:35dass wir Eltern hier miteinbeziehen, verstärkt Elterngespräche auch führen und thematisieren,
- 5:40was es bedeutet, eine gleichberechtigte Erziehung auch zu ermöglichen für die eigenen Kinder,
- 5:46für die Töchter wie auch für die Söhne. Und diese Begleitmaßnahmen sollen insbesondere auch in Form
- 5:51von Integrationsmaßnahmen, wir haben ein großartiges Frauenzentrum beispielsweise
- 5:55beim Österreichischen Integrationsfonds, fußen.
- 5:58Moderatorin: Also es geht schon deutlich weiter als das alte Gesetz.
- 6:01Glauben Sie auch, dass es dieses Mal vorm Verfassungsgerichtshof bestand haben wird?
- 6:05Bauer: Ja, sie haben schon angesprochen, dass das eine meiner ersten Initiativen
- 6:08war als Ministerin im Bundeskanzleramt und wir haben hier sehr gewissenhaft und viele,
- 6:15viele Monate lang vorbereitet, gemeinsam mit Verfassungsjuristinnen und Verfassungsjuristen,
- 6:21dass wir gerade auch die Kritikpunkte des VFGH bei der letzten Aufhebung hier gezielt miteinnehmen
- 6:28können. Wir sind hier sehr sorgsam damit umgegangen, mit den rechtlichen Rahmenbedingungen,
- 6:34in denen wir uns natürlich auch bewegen. Und es ist meiner Ansicht nach ein sachlich
- 6:40gerechtfertigtes, ein begrenztes Verbot und auch eines, das verhältnismäßig ist. Also
- 6:44genau diese Anforderungen auch des VFGH und unserer Verfassung damit auch entgegenkommt.
- 6:50Moderatorin: Was würden Sie denn einem zwölfjährigen Mädchen sagen,
- 6:53das zu Ihnen kommt und Ihnen erklärt, dass es das Kopftuch freiwillig trägt?
- 6:57Bauer: Dazu gibt es keine Motivforschung. Das heißt,
- 7:00ja, es wäre auch so ein Gesetz oder so ein Verbot schlichtweg nicht umsetzbar,
- 7:05wenn wir jetzt auf die individuelle Situation eingehen. Für mich ist es ganz klar. Ich möchte,
- 7:09dass Mädchen sichtbar in Österreich aufwachsen können, dass es keinen Unterschied macht in
- 7:14der Erziehung, im Aufwachsen, auch wenn dann der Körper beginnt sich zu verändern,
- 7:19die Persönlichkeit beginnt sich zu entwickeln, ob man ein Mädchen oder ein Bursch ist. Und deswegen
- 7:25stellen wir mit dem Kinderkopftuchverbot eben dieses freie und sichtbare,
- 7:28dieses selbstbestimmte Aufwachsen auch sicher, haben die Grenze bei der Religionsmündigkeit
- 7:33eben auch gezogen und danach kann jedes Mädchen frei diese Entscheidung treffen.
- 7:38Wir wissen aus internationalen Studien, dass das Kinderkopftuchverbot eben auch dazu geführt hat,
- 7:46dass Mädchen höhere Bildungsabschlüsse schaffen. Und genau das wünsche ich mir auch.
- 7:50Moderatorin: Jetzt war ja auch ein Kritikpunkt, dass es ausdrücklich ein Kopftuch nach islamischen
- 7:56Traditionen betrifft. Warum betrifft es nicht vergleichbare Bekleidung anderer Religionen?
- 8:03Bauer: Wir sind hier auch nach der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte
- 8:08vorgegangen, der das Kopftuch als mächtiges religiöses Symbol sieht und das Kopftuch hindert
- 8:16ja Mädchen in einem sichtbaren Aufwachsen. Es hat natürlich, und das haben auch in den
- 8:20vielen Stellungnahmen der Berufsverband der Psychologinnen und Psychologen bestätigt,
- 8:25dass es Mädchen daran hindert, ein Körperbewusstsein auch zu entwickeln,
- 8:31eben in einer zentralen Phase, wo die Pubertät beginnt, wo sich der Körper entwickelt,
- 8:35wo sich die Persönlichkeit auch verfestigt. Und genau so sind wir eben hier auch vorgegangen
- 8:41und haben dieses Kopftuchverbot mit Begleitmaßnahmen auch umgesetzt.
- 8:47Moderatorin: Jetzt habe ich schon gesagt, in wenigen Tagen geht die Schule los. Wie
- 8:50schaut das dann in der Praxis aus? Was passiert, wenn ein Mädchen jetzt mit
- 8:53einem Kopftuch in die Schule kommt? Gibt es Sanktionen? Wenn ja, welche? Und ich glaube,
- 8:58was auch viele interessiert: Welche Rolle haben denn die Lehrerinnen und Lehrer?
- 9:02Bauer: Also ganz wichtig ist mir in dem Zusammenhang, dass Lehrkräfte nicht zu
- 9:05Polizisten im Klassenzimmer werden. Ganz wichtig ist, dass Lehrkräfte auch weiterhin ein gutes
- 9:11Vertrauensverhältnis zu ihren Schülerinnen und Schülern haben, insbesondere in dem Kontext zu
- 9:15den Schülerinnen und dass die Schülerinnen auch immer anvertrauen können, ihren Klassenlehrerinnen
- 9:21und Lehrern. Also, es passiert auf Ebene der Schulleitung, dass das Gespräch mit betroffenen
- 9:27Schülerinnen geführt wird, dass Eltern verständigt werden. Wenn es zu Wiederholungsfällen auch kommt,
- 9:33wird die Bildungsdirektion eingeschaltet. Wenn das alles zwecklos ist, auch die Kinder-
- 9:37und Jugendhilfe im Bedarfsfall. Und dann kommt es eben auch zu Verwaltungsstrafen,
- 9:43die bis zu 800 Euro ausfallen können, von 150 bis 800 Euro ausfallen können. Und ganz wichtig ist:
- 9:49Hier wird das Mädchen nicht bestraft, sondern die Eltern tragen die Verantwortung,
- 9:53wie es bei allen minderjährigen Kindern eben auch der Fall ist. Eltern tragen die Verantwortung,
- 9:58dass ihre Kinder ordnungsgemäß dem Schulunterricht auch folgen können. Also
- 10:02würde mit einer Schulpflichtverletzung sozusagen gleichgestellt werden.
- 10:06Moderatorin: Sie waren unlängst in Deutschland, auch dort ist
- 10:09das Thema. Wie groß war das Interesse am österreichischen Modell und glauben Sie,
- 10:14wird das auch bald in Deutschland ein Thema werden, also ein größeres Thema?
- 10:18Bauer: Ja, das Interesse ist tatsächlich sehr, sehr groß. Nicht nur von,
- 10:23nicht nur medialer Seite, sondern eben auch von politischen Kolleginnen und Kollegen. Auch als
- 10:28Europaministerin werde ich immer wieder im Rat darauf angesprochen in Brüssel,
- 10:33wie wir in Österreich das zur Umsetzung gebracht haben, ob wir hier Unterlagen auch
- 10:37schicken können. Das Interesse ist groß und ja, wenn wir hier eine gewisse Vorbildfunktion oder
- 10:43eine wegweisende Funktion einnehmen können, dann machen wir das sehr, sehr gerne. Wir haben hier,
- 10:47wie gesagt, sehr intensiv vorbereitet nach den verfassungsrechtlichen Rahmenbedingungen,
- 10:53auch Schranken, die uns gegeben sind, aber ich bin überzeugt, dass dieses Verbot halten
- 10:56kann und dass gerade auch die Begleitmaßnahmen einen wichtigen Beitrag dazu liefern können,
- 11:01dass Mädchen selbstbestimmter in unserer Gesellschaft auch aufwachsen.
- 11:05Moderatorin: Vielleicht abschließend noch eine andere Frage. Sie arbeiten
- 11:08ja aktuell auch gerade an einem Integrationspflichtgesetz. Wie
- 11:13ist da der da Stand und wann wird das in etwa kommen? Kann man das schon sagen?
- 11:17Bauer: Ja, der letzte Teil vielleicht zuerst. Ich hoffe, dass es so schnell wie möglich kommt und
- 11:21dass es am 1. Jänner 2027 auch in Kraft treten kann. Das wurde in Aussicht gestellt von der
- 11:27gesamten Bundesregierung. Wir verhandeln das jetzt schon viele, viele Monate lang. Klar ist für uns:
- 11:33Wer Teil unserer Gesellschaft werden möchte, der muss auch 3 zentrale Voraussetzungen erfüllen.
- 11:39Nämlich unsere Sprache lernen, Deutsch lernen, arbeiten gehen und selbsterhaltungsfähig werden
- 11:45und eben auch unsere Regeln und Werte akzeptieren und danach leben. Und wir bieten hier sehr,
- 11:50sehr viel im Bereich der Integration an. Das haben wir auch die letzten Jahre und
- 11:54Jahrzehnte immer wieder. Aber Integration darf nicht einfach als Kursangebot verstanden werden,
- 11:59sondern das muss eine Verpflichtung auch sein. Da brauchen wir mehr Verbindlichkeit. Wir haben
- 12:04es lange genug mit der Freiwillig probiert und sind damit nicht zum gewünschten Ziel gekommen.
- 12:10Und wer, ja, wer schnell Fuß fassen will in Österreich, der hat die große Chance mit dem
- 12:15Integrationspflichtengesetz schnell in unserer Gesellschaft auch anzukommen. Wer sich weigert
- 12:21unsere Sprache zu lernen, wer sich weigert Arbeitsmarktintegration zu betreiben, der
- 12:27hat künftig hin auch mit deutlichen Kürzungen bei der Sozialhilfe zu rechnen. Und ich glaube, das
- 12:31ist sehr, sehr deutlich und auch spürbar, nicht nur so können wir Integration auch einfordern.
- 12:36Moderatorin: Ja, dann sage ich herzlichen Dank für das Update und für die Einblicke
- 12:40und ich sag auch Ihnen danke fürs Zuhören. Das war "Am Ballhausplatz",
- 12:44der Podcast des Bundeskanzleramts Österreich. Bis zur nächsten Folge.
- 12:47[Musik]