Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Neuntes Hauptstück - 595-605
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- 0:00Unterkapitel 595 durch Missfallen gefallen in diesem
- 0:06Abschnitt geht es um Menschen, die Aufmerksamkeit suchen, indem
- 0:10sie anderen Missfallen oder sie provozieren.
- 0:13Nietzsche sagt, diese Menschen wollen eigentlich genau das
- 0:16gleiche wie diejenigen, die beliebt sein wollen, sie wollen
- 0:19Einfluss und macht, sie wählen nur einen Umweg, sie zeigen ihre
- 0:24Überlegenheit dadurch, dass sie unangenehm sind.
- 0:27Denn wer macht hat, gefällt den Menschen am Ende fast immer,
- 0:30egal was er tut oder sagt, selbst wenn er sich unbeliebt
- 0:34macht, scheint er durch seine Macht noch zu gefallen.
- 0:38Das gilt auch für den Freigeist, also jemanden, der unabhängig
- 0:41von Traditionen denkt und für den Gläubigen beide wollen
- 0:45macht, um durch diese Macht irgendwann zu gefallen, wenn
- 0:49ihnen wegen ihrer Lehren Schlimmes droht, wie Verfolgung
- 0:52oder Kerker, freuen sie sich innerlich sogar darüber.
- 0:55Sie sehen das Leiden als ein Mittel, um ihre Lehre tief in
- 0:58das Gedächtnis der Menschheit einzubrennen Sie nehmen den
- 1:02Schmerz in Kauf, weil es ein zwar langsames, aber sehr
- 1:04wirksames Mittel ist, um schließlich doch zur Macht zu
- 1:07gelangen. Unterkapitel, 596, Kasus Belly
- 1:14und ähnliches Nietzsche vergleicht hier das Verhalten
- 1:18von Fürsten mit dem alltäglichen Verhalten von Menschen.
- 1:22Casus Belli ist ein lateinischer Begriff und bedeutet Kriegsgrund
- 1:26oder der Anlass für einen Krieg. Ein Fürst, der beschlossen hat,
- 1:30seinen Nachbarn anzugreifen, sucht im Nachhinein nach einem
- 1:33Grund dafür, dem sogenannten Casus Belli.
- 1:37Nietzsche vergleicht das mit einem Vater, der seinem Kind
- 1:40eine Mutter Unterschiebt, die gar nicht die echte Mutter ist.
- 1:43Das bedeutet, der eigentliche Antrieb für eine Handlung ist
- 1:46oft ein ganz anderer, meist ein verborgener Trieb oder Wunsch.
- 1:51Der Grund, den wir öffentlich nennen, ist nur eine
- 1:53vorgeschobene Rechtfertigung, quasi eine falsche Mutter für
- 1:57unsere Tat. Nietzsche fragt rhetorisch, ob
- 2:00nicht fast alle unsere öffentlich genannten Motive
- 2:02solche untergeschobenen Begründungen sind, Unterkapitel,
- 2:07597, Leidenschaft und Recht hier beobachtet Nietzsche, wie
- 2:14Menschen über ihr Recht sprechen.
- 2:16Er sagt, dass niemand leidenschaftlicher und lauter
- 2:18auf seinem Recht besteht als derjenige, der tief im Inneren
- 2:21eigentlich daran zweifelt, indem dieser Mensch sich in eine
- 2:25Leidenschaft hineinsteigert, versucht er, seinen eigenen
- 2:28Verstand und den nagenden Zweifel zu betäuben, er schreit
- 2:32sozusagen seine eigenen Bedenken nieder, dadurch gewinnt er ein
- 2:36gutes Gewissen und wirkt überzeugender auf seine
- 2:39Mitmenschen. Der Erfolg bei den anderen gibt
- 2:42ihm dann scheinbar recht. Die Lautstärke und Emotion sind
- 2:45also Anzeichen für Unsicherheit, nicht für Gewissheit.
- 2:49Unterkapitel 598 Kunstgriff des Entsagenden Nietzsche beschreibt
- 2:57einen psychologischen Trick, den Menschen anwenden, wenn sie auf
- 3:00etwas verzichten müssen oder wollen.
- 3:02Wer zum Beispiel gegen die Ehe protestiert, wie ein
- 3:04katholischer Priester, wird versuchen, die Ehe als etwas
- 3:08niedriges oder Gemeines darzustellen.
- 3:10Ebenso macht es jemand, der von seinen Zeitgenossen keine Ehre
- 3:13oder Anerkennung bekommt. Er wird den Begriff der Ehre
- 3:16herabwürdigen und so tun, als sei sie nichts wert.
- 3:20Auf diese Weise erleichtert er sich den Verzicht und den
- 3:23inneren Kampf, er redet das, was er nicht haben kann, schlecht.
- 3:28Nietzsche fügt hinzu, dass auch jemand, der sich im Großen viel
- 3:31versagt, sich im Kleinen oft Nachsicht gewährt Indulgenz es
- 3:36ist möglich, dass jemand, der eigentlich keinen Wert auf den
- 3:39Beifall der Masse legt. Sich trotzdem kleine Eitelkeiten
- 3:42gönnt, weil er nicht auf jede Befriedigung verzichten will.
- 3:46Unterkapitel 599, Lebensalter der Anmaßung Nietzsche definiert
- 3:50eine bestimmte Lebensphase als die Zeit der Anmaßung, das Alter
- 3:56zwischen 26 und 30 Jahren. In dieser Zeit besitzen begabte
- 4:00Menschen eine erste Reife, die aber noch einen säuerlichen
- 4:03Beigeschmack hat. In diesem Alter fühlt der
- 4:06Mensch, was in ihm steckt. Aber die anderen sehen es noch
- 4:12nicht. Deshalb fordert er Ehre und
- 4:14Anerkennung von den anderen, obwohl er noch keine sichtbaren
- 4:17Werke vorzuweisen hat, da diese Anerkennung oft ausbleibt, rächt
- 4:21er sich durch Arroganz, er blickt herablassend auf andere,
- 4:24hat einen anmaßenden Tonfall und eine stolze Haltung, ein feines
- 4:29Auge oder Ohr, erkennt in allen Werken dieses Alters, sei es
- 4:32Musik, Philosophie oder Dichtung, diesen gequälten Ton.
- 4:37Ältere, erfahrene Männer lächeln darüber mit einer gewissen
- 4:39Rührung. Sie erinnern sich an diese Zeit,
- 4:42in der man wütend auf das Schicksal war, weil man
- 4:45innerlich so viel zu sein glaubte, aber nach außen hin so
- 4:49wenig schien. Später im Leben hat man dann
- 4:52tatsächlich etwas geleistet und scheint wirklich mehr, aber man
- 4:57hat den Glauben daran verloren, wirklich so großartig zu sein,
- 5:02man bleibt also zeitlebens ein Narr seiner eigenen Eitelkeit.
- 5:07Unterkapitel 600 trügerisch und doch haltbar Nietzsche verwendet
- 5:14hier ein anschauliches Gleichnis, wenn man über einen
- 5:17schmalen Balken einen tiefen Bach überqueren muss, hilft ein
- 5:20Geländer. Dieses Geländer ist aber nicht
- 5:23herzu da, um sich wirklich daran festzuhalten, es würde sofort
- 5:26zusammenbrechen, wenn man sich mit vollem Gewicht darauf
- 5:29stützt, es dient vielmehr dem Auge, es vermittelt die
- 5:33Vorstellung von Sicherheit. Genauso brauchen junge Menschen
- 5:37Geländer in Form von Personen wie Vätern, Lehrern oder
- 5:41Freunden. Diese Personen könnten Ihnen in
- 5:44einer wirklichen großen Gefahr vielleicht gar nicht helfen,
- 5:48aber allein ihre Anwesenheit gibt dem jungen Menschen ein
- 5:51beruhigendes Gefühl von Schutz, sie dienen als psychologische
- 5:54Stütze, nicht unbedingt als tatsächliche Rettung.
- 5:59Unterkapitel 600 Ehend lieben lernen.
- 6:05Man muss das Lieben und das Gütigsein von Jugend an Lernen
- 6:08und üben, wenn die Erziehung oder der Zufall einem Menschen
- 6:12keine Gelegenheit geben, diese Gefühle zu praktizieren, dann
- 6:15verkümmert seine Seele, er wird trocken und kann später selbst
- 6:19die zarten Gesten liebevoller Menschen nicht mehr verstehen.
- 6:23Nietzsche fügt hinzu, dass dies auch für den Hass gilt, auch der
- 6:26Hass muss gelernt und gepflegt werden, wenn jemand ein
- 6:29richtiger Hasser werden will. Wenn man ihn nicht übt, stirbt
- 6:33auch der Keim zum Hassen mit der Zeit ab.
- 6:35Gefühle sind also Fähigkeiten, die Training brauchen,
- 6:39Unterkapitel 602 die Ruine als Schmuck, Menschen, die in ihrem
- 6:46Leben viele geistige Veränderungen durchmachen,
- 6:48werfen nicht immer alles alte weg, sie behalten oft einige
- 6:52Ansichten und Gewohnheiten aus früheren Lebensphasen bei, diese
- 6:56Überbleibsel ragen dann in ihr neues Denken und Handeln hinein.
- 6:59Wie alte Ruinen oder Reste von Mauern in einer neuen
- 7:02Landschaft. Nietzsche sieht das nicht
- 7:05unbedingt negativ, er sagt, dass diese Reste oft wie ein Schmuck
- 7:09wirken und die ganze Persönlichkeit interessanter
- 7:11machen, so wie eine Ruine eine Gegend verschönern kann.
- 7:16Unterkapitel, 603, Liebe und Ehre Nietzsche unterscheidet
- 7:23hier scharf zwischen Liebe und Ehre beziehungsweise Ehrfurcht,
- 7:27Liebe, sucht die Nähe und begehrt.
- 7:29Furcht, die in der Ehrfurcht steckt, meidet die Nähe.
- 7:33Deshalb ist es kaum möglich, von derselben Person zur gleichen
- 7:37Zeit geliebt und geehrt zu werden.
- 7:39Wer jemanden ehrt, erkennt dessen Macht an, er ordnet sich
- 7:43unter, wer liebt, erkennt keine Machtunterschiede an, er will
- 7:47keine Trennung und keine Unterordnung daraus folgert
- 7:50Nietzsche, dass ehrsüchtige Menschen sich oft dagegen
- 7:53wehren, geliebt zu werden, sie wollen lieber Respekt und
- 7:57Abstand, Ehre. Als die distanzlose Zuneigung
- 8:00der Liebe, weil die Liebe ihren Status der Überlegenheit in
- 8:03Frage stellt. Unterkapitel 604 Vorurteil für
- 8:08die kalten Menschen es gibt ein Vorurteil gegenüber Menschen,
- 8:13die ihre Gefühle nicht zeigen, den sogenannten kalten Menschen,
- 8:18man hält sie oft für besonders vertrauenswürdig und
- 8:20zuverlässig, der Grund für diesen Irrtum liegt im Vergleich
- 8:24Menschen, die schnell Feuer fangen.
- 8:26Also sehr emotional und begeisterungsfähig sind kühlen
- 8:30oft genauso schnell wieder ab. Sie gelten daher zurecht als
- 8:34unzuverlässig. Man verwechselt nun aber die
- 8:36kalten Menschen, die nie brennen mit jenen, die langsam Feuer
- 8:40fangen, aber dann lange und beständig brennen, diejenigen,
- 8:44die immer kalt sind oder sich so verstellen, profitieren von
- 8:48dieser Verwechslung, man hält sie für verlässlich, obwohl sie
- 8:51vielleicht nur gefühllos sind, Unterkapitel. 605 das
- 8:57gefährliche an freien Meinungen in diesem Abschnitt beschäftigt
- 9:03sich Nietzsche mit der Frage, wie wir mit Meinungen umgehen,
- 9:06die von der Norm abweichen. Er vergleicht das Interesse an
- 9:09solchen freien Meinungen mit einem körperlichen Reiz, genauer
- 9:12gesagt mit einem Jucken. Nietzsche sagt, dass es zunächst
- 9:16einen gewissen Reiz ausübt, sich mit ungewöhnlichen oder freien
- 9:20Ansichten zu beschäftigen, es fühlt sich an wie eine Stelle am
- 9:23Körper, die juckt. Wenn man diesem Reiz aber
- 9:26nachgibt und anfängt, an dieser Stelle zu reiben, also wenn man
- 9:30sich zu intensiv und öffentlich mit diesen freien Meinungen
- 9:32befasst, dann passiert etwas Unangenehmes.
- 9:35Das Reiben führt dazu, dass die Stelle wund wird und schmerzt,
- 9:40übertragen auf das Leben bedeutet das, wenn wir unsere
- 9:43freien Meinungen zu offen ausleben, stört das unsere
- 9:46Stellung im Leben, es bringt Unruhe in unsere Beziehungen zu
- 9:49anderen Menschen, wir fangen an, uns selbst damit zu quälen.
- 9:53Weil wir durch unsere abweichenden Ansichten in
- 9:55Konflikt mit unserer Umgebung geraten, was als interessanter
- 9:59Reiz begann, endet als schmerzhafte Störung unseres
- 10:02sozialen Lebens.