Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Zweites Hauptstück - 57-71
Transcript
- 0:00Unterkapitel 57 Moral als Selbstzerteilung des Menschen
- 0:07was passiert, wenn jemand sich selbstlos verhält oder sich
- 0:10aufopfert? Nietzsche analysiert das
- 0:13psychologisch, ein Autor, der sein Thema wichtiger nimmt als
- 0:16sich selbst oder eine Mutter, die für ihr Kind auf Schlaf
- 0:19verzichtet, sind sie wirklich selbstlos?
- 0:22Nietzsche sagt Nein, diese Menschen lieben einen Teil von
- 0:26sich selbst, einen Gedanken, ein Verlangen.
- 0:29Ein Kind, das sie als Teil von sich sehen, mehr als einen
- 0:32anderen Teil von sich. Sie teilen sich quasi auf und
- 0:36opfern den einen Teil dem anderen, es ist also keine
- 0:39Handlung für den anderen, sondern eine Handlung für einen
- 0:42Aspekt des eigenen selbst. Man gibt einer Neigung nach, in
- 0:47der Moral behandelt sich der Mensch also nicht als ein ganzes
- 0:50Individuum, sondern er spaltet sich auf und bewertet
- 0:53verschiedene Teile von sich unterschiedlich unter Kapitel
- 0:5858. Was man versprechen kann, kann
- 1:03man versprechen, jemanden ewig zu lieben?
- 1:06Nietzsche sagt Nein, Gefühle wie Liebe oder Hass sind
- 1:10unwillkürlich, sie kommen und gehen, wir haben keine direkte
- 1:13Macht über sie, deshalb kann man nicht versprechen, immer so zu
- 1:17fühlen, was man aber versprechen kann, sind Handlungen, man kann
- 1:21versprechen, jemanden immer gut zu behandeln, ihm treu zu sein
- 1:25oder für ihn zu sorgen. Diese Handlungen werden
- 1:28normalerweise aus Liebe getan. Wenn die Liebe aber aufhört,
- 1:32kann man die Handlungen immer noch tun, dann aber aus anderen
- 1:35Gründen, zum Beispiel aus Pflichtgefühl oder Gewohnheit,
- 1:40ein Versprechen auf ewige Liebe bedeutet also eigentlich, ich
- 1:43verspreche, mich so zu verhalten, als ob ich dich
- 1:46liebe, egal wie ich mich wirklich fühle.
- 1:50Unterkapitel, 59 Intellekt und Moral.
- 1:56Dieses Kapitel ist sehr kurz. Nietzsche stellt fest, dass man
- 1:59ein gutes Gedächtnis braucht, um Versprechen zu halten, und man
- 2:02braucht eine starke Vorstellungskraft, Fantasie, um
- 2:05Mitleid empfinden zu können. Das bedeutet, Moral hat sehr
- 2:09viel mit dem Verstand, Intellekt zu tun.
- 2:12Wer nicht gut denken oder sich Dinge vorstellen kann, tut sich
- 2:15schwer, moralisch zu handeln. Unter Kapitel 60 sich rächen
- 2:21wollen und sich rächen. Nietzsche unterscheidet zwischen
- 2:26dem Wunsch nach Rache und der tatkräftigen Rache, selbst wenn
- 2:29man einen Rachegedanken hat und ihn sofort ausführt, ist das wie
- 2:32ein Fieberanfall heftig, aber schnell vorbei.
- 2:37Wenn man aber rachegedanken hat, aber nicht die Kraft oder den
- 2:40Mut, sie auszuführen, dann wird es gefährlich, dann trägt man
- 2:44das Gefühl mit sich herum, es wird chronisch und vergiftet
- 2:48Leib und Seele, die Moral beurteilt meistens die
- 2:51ausgeführte Rache strenger wegen der schlimmen Folgen.
- 2:55Nietzsche meint aber, dass für den Menschen selbst die
- 2:57unterdrückte, nicht ausgeführte Rache viel schädlicher ist.
- 3:02Unter Kapitel 61 warten können. Hier geht es um die Ungeduld der
- 3:08Leidenschaft. Große Dichter wie Shakespeare
- 3:11zeigen oft Menschen, die nicht warten können, Leidenschaft will
- 3:15sofortige Erfüllung Nietzsche nennt das Beispiel von Duellen,
- 3:19wenn Freunde raten, ob man sich duellieren soll, müssen sie
- 3:23fragen. Können die Beteiligten noch
- 3:25warten? Wenn nicht, ist ein Duell
- 3:28vielleicht sogar vernünftig, weil das Warten in der
- 3:31schrecklichen Qual der verletzten Ehre schlimmer wäre
- 3:34als der Tod? Das Warten können ist eine
- 3:37schwierige Kunst. Viele Tragödien passieren nur,
- 3:40weil Menschen unfähig sind, eine Sache ein oder 2 Jahre
- 3:43aufzuschieben, Unterkapitel 62 Schwelgerei der Rache.
- 3:52Grobe Menschen neigen dazu, wenn sie beleidigt werden, die
- 3:55Beleidigung schlimmer darzustellen, als sie war.
- 3:58Sie übertreiben, wie sehr sie verletzt wurden, warum tun Sie
- 4:01das? Nietzsche sagt, sie wollen sich
- 4:05in dem Gefühl von Hass und Rache richtig suhlen, sie wollen das
- 4:09gefühlvoll auskosten, und dafür müssen sie die Ursache, die
- 4:12Beleidigung, in ihrer Vorstellung aufblasen, es ist
- 4:15eine Art Schwelgerei, ein übermäßiger Genuss an negativen
- 4:19Gefühlen. Unterkapitel 63 Wert der
- 4:26Verkleinerung viele Menschen brauchen es für ihr eigenes
- 4:30Selbstwertgefühl, andere Menschen herabzusetzen.
- 4:34Sie müssen andere in ihrer Vorstellung kleiner machen, um
- 4:36sich selbst aufrecht und fähig zu fühlen.
- 4:39Nietzsche stellt fest, dass es sehr viele geringe Naturen gibt,
- 4:43also Menschen mit wenig Selbstvertrauen, da es ihnen so
- 4:47wichtig ist, sich durch das Abwerten anderer besser zu
- 4:49fühlen. Wird das Verkleinern anderer zu
- 4:52einer sehr häufigen menschlichen Eigenschaft unter Kapitel 64 der
- 4:58aufbrausende, wenn jemand uns gegenüber plötzlich wütend
- 5:03aufbraust schreit oder aggressiv wird, sollten wir das nicht
- 5:07persönlich nehmen. Nietzsche vergleicht das mit
- 5:09einem Menschen, der uns eigentlich nach dem Leben
- 5:12trachtet, es aber nicht kann, weil wir in einem sicheren Staat
- 5:15leben. Wutausbrüche sind ein
- 5:17Überbleibsel aus einer wilden, rohen Zeit.
- 5:20Früher musste man sich durch Wildheit und das Erzeugen von
- 5:23Furcht Respekt verschaffen oder andere zum Schweigen bringen.
- 5:27Wer heute noch so Aufbraust, zeigt damit ein Stück
- 5:30altertümlicher Wildheit, dasselbe gilt für kalte,
- 5:33verachtende Blicke, die vornehme ihren Dienern zuwerfen, auch das
- 5:36ist ein Rest alter Kastensysteme unter Kapitel 65, wohin die
- 5:43Ehrlichkeit führen kann. Nietzsche erzählt von jemandem,
- 5:48der die Angewohnheit hatte, immer ganz ehrlich über seine
- 5:51Motive zu sprechen. Er gab zu, dass seine
- 5:54Beweggründe oft kleinlich oder schlecht waren, so wie bei allen
- 5:57Menschen, anstatt dafür gelobt zu werden, nahmen ihm das die
- 6:01Leute übel, er wurde erst verdächtigt, dann ausgegrenzt
- 6:05und schließlich geächtet, die Gesellschaft will nicht die
- 6:09nackte Wahrheit über menschliche Motive hören das Ergebnis war,
- 6:13dass dieser ehrliche Mensch einsam wurde.
- 6:15Und schließlich verbittert starb.
- 6:18Die Welt will den schönen Schein wahren unter Kapitel 66
- 6:24sträflich, nie gestraft, ein kurzer, aber scharfer Satz.
- 6:30Nietzsche sagt, unser eigentliches Verbrechen gegen
- 6:33Kriminelle ist, dass wir sie wie Schurken behandeln, das
- 6:36bedeutet, wir nehmen Ihnen ihre würde und stempeln sie als
- 6:40schlechte Menschen ab, anstatt nur ihre Tat zu bestrafen oder
- 6:43die Ursachen zu verstehen. Unterkapitel 67 Sancta
- 6:50Simplicitas der Tugend sancta Simplicitas bedeutet heilige
- 6:55Einfalt. Nietzsche sagt, dass jede
- 6:58Tugend, jede gute Eigenschaft auch ihre Privilegien hat.
- 7:02Ein Beispiel, jemand, der sich sehr tugendhaft fühlt, darf auch
- 7:06mal etwas grausames tun, ohne sich schlecht zu fühlen.
- 7:10Nietzsche spielt auf die Geschichte von Jan Hus an, der
- 7:13auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde.
- 7:16Eine alte Frau brachte Fromm noch ein Stück Holz für das
- 7:18Feuer, weil sie glaubte, das sei gut und richtig die Tugend macht
- 7:23Menschen manchmal blind für das Unrecht, dass sie tun.
- 7:27Unterkapitel, 68, Moralität und Erfolg oft beurteilen Zuschauer
- 7:35eine Tat danach, ob sie Erfolg hatte oder nicht.
- 7:38Wenn sie erfolgreich war, gilt sie als gut.
- 7:41Aber Nietzsche sagt nicht nur, die Zuschauer tun das, sondern
- 7:45auch der Täter selbst. Wenn eine Tat gelingt, glaubt
- 7:49der Täter oft nachträglich, dass er gute Motive hatte.
- 7:52Der Erfolg gibt ihm ein gutes Gewissen, wenn die Tat aber
- 7:56schief geht, bekommt er Gewissensbisse und denkt, er
- 7:59habe falsch gehandelt. Politiker nutzen das oft, sie
- 8:03wissen, dass der Erfolg alle Mittel heiligt, auch in der
- 8:06Geschichte des Christentums wurde oft argumentiert.
- 8:09Weil das Christentum sich durchgesetzt hat, muss es wahr
- 8:12sein. Nietzsche kritisiert das Erfolg,
- 8:15beweist keine Wahrheit unter Kapitel 69 Liebe und
- 8:21Gerechtigkeit warum finden wir Liebe so toll und viel schöner
- 8:26als Gerechtigkeit? Nietzsche meint, Eigentlich ist
- 8:30die Liebe Dümmer als die Gerechtigkeit, Gerechtigkeit
- 8:33prüft genau, wägt ab und verteilt fair.
- 8:36Die Liebe aber schüttet ihr Füllhorn über alle aus, egal ob
- 8:40sie es verdienen oder nicht. Sie ist parteiisch und blind,
- 8:44aber genau das macht die Liebe so angenehm, sie fragt nicht
- 8:48nach verdienst, sie gibt einfach reichlich wie ein Regen, der auf
- 8:52gerechte und ungerechte fällt, deshalb wird sie so hoch
- 8:55geschätzt, auch wenn sie im Grunde ungerecht ist.
- 8:59Einleitung. In diesem Teil des Buches
- 9:03beschäftigt sich Nietzsche intensiv mit der Herkunft
- 9:05unserer Moral. Er stellt Fragen wie warum
- 9:09halten wir Dinge für gut oder böse, Woher kommen Gerechtigkeit
- 9:14und Mitleid? Nietzsche glaubt nicht, dass
- 9:16diese Dinge vom Himmel gefallen sind, er denkt, sie haben ganz
- 9:20menschliche, oft sogar allzu menschliche Ursachen wie
- 9:23Eitelkeit nutzen oder Angst. Unterkapitel, 70, Hinrichtung.
- 9:31Nietzsche beginnt mit einem schockierenden Gedanken über die
- 9:34Todesstrafe. Er fragt, warum uns eine
- 9:36Hinrichtung durch einen Richter oft mehr beleidigt oder stört
- 9:40als ein Mord durch einen Verbrecher.
- 9:42Seine Antwort ist, es liegt an der Kälte, der Richter tötet
- 9:46nicht aus Wut oder Leidenschaft, sondern berechnend, er benutzt
- 9:50den Menschen als Mittel zum Zweck, um andere abzuschrecken.
- 9:53Nietzsche sagt, dass die Schuld gar nicht bestraft wird, selbst
- 9:57wenn es eine Schuld gäbe. Die wahre Ursache für ein
- 10:00Verbrechen liegt nämlich gar nicht beim Täter allein, sondern
- 10:03bei seinen Erziehern, seinen Eltern und seiner Umgebung.
- 10:07Die Umstände haben ihn dazu gemacht, unter Kapitel 71 die
- 10:12Hoffnung hier erzählt Nietzsche, die alte griechische Sage von
- 10:17der Büchse der Pandora neu in dieser Sage brachten die Götter
- 10:21den Menschen eine Kiste voller Übel.
- 10:24Als die Kiste geöffnet wurde, flogen alle schlechten Dinge
- 10:27heraus und verteilten sich in der Welt.
- 10:30Nur eines blieb drin, die Hoffnung.
- 10:34Nietzsche dreht die übliche Deutung um, wir denken oft,
- 10:37Hoffnung sei etwas gutes, Nietzsche aber, sagt Zeus, der
- 10:42Göttervater, wollte, dass der Mensch sich, auch wenn er
- 10:45gequält wird, nicht umbringt, sondern weiterleitet, deshalb
- 10:49gab er ihm die Hoffnung. Für Nietzsche ist die Hoffnung
- 10:52also in Wahrheit das übelste aller Übel.
- 10:54Weil sie die Qual der Menschen nur verlängert.