Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Erstes Hauptstück - 16-21
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- 0:00Unter Kapitel 16 Erscheinung und Ding an sich in diesem Abschnitt
- 0:06beschäftigt sich Nietzsche mit einem der bekanntesten Probleme
- 0:09der Philosophie, dem Unterschied zwischen der Welt, wie wir sie
- 0:12sehen, und der Welt, wie sie wirklich ist.
- 0:16Viele Philosophen stellen sich vor das Leben und die Welt wie
- 0:19vor ein festes Gemälde. Sie glauben, dieses Gemälde sei
- 0:22schon immer so gewesen und zeige eine unveränderliche Wahrheit.
- 0:26Sie versuchen dann, dieses Gemälde zu deuten, um
- 0:28herauszufinden, was dahinter steckt.
- 0:30Sie suchen nach dem sogenannten Ding an sich, das ist ein
- 0:34schwieriger Begriff, er meint den eigentlichen Kern einer
- 0:38Sache, unabhängig davon, wie ein Mensch sie wahrnimmt.
- 0:42Nietzsche kritisiert nun 2 Seiten, zum einen die strengen
- 0:45Logiker, diese sagen oft, wir können nur das erkennen, was uns
- 0:50erscheint, vom wahren Kern, dem Ding an sich, wissen wir nichts.
- 0:55Und können auch nichts darüber aussagen.
- 0:57Nietzsche sieht das anders, er sagt, dass dieses Gemälde, also
- 1:02das, was wir unser Leben und unsere Erfahrung nennen, gar
- 1:05nicht feststeht. Es ist nicht fertig, es ist über
- 1:09Millionen von Jahren entstanden, es ist geworden, der Mensch hat
- 1:13über Jahrtausende hinweg seine eigenen Gefühle, Ängste und
- 1:17Leidenschaften in die Natur hineingelegt, wir haben die Welt
- 1:21bunt gemalt. Wir haben ihr Bedeutung gegeben,
- 1:24weil wir moralische oder religiöse Ansprüche an sie
- 1:26gestellt haben. Nietzsche nennt den menschlichen
- 1:29Verstand hier einen Koloristen, also jemanden, der Farben
- 1:33aufträgt. Das bedeutet, die Welt wirkt auf
- 1:36uns nur deshalb so tiefgründig, schrecklich oder wunderschön,
- 1:40weil wir Menschen sie durch unsere fehlerhafte Wahrnehmung
- 1:43dazu gemacht haben. Wenn man nun, wie die
- 1:45Philosophen es oft tun, die Erscheinung, also unsere bunte
- 1:50Welt, vom Ding an sich. Der angeblich wahren Welt
- 1:53dahinter. Trend passiert folgendes, man
- 1:57könnte das Ding an sich vielleicht finden, aber es wäre
- 2:00völlig leer, es wäre wertlos, es wäre wie ein leeres Gerüst ohne
- 2:05Farbe. Nietzsche macht sich fast
- 2:07darüber lustig, er meint, wenn wir erkennen wie unsere
- 2:11Weltvorstellung entstanden ist, nämlich durch viele kleine
- 2:14Irrtümer und Fantasien der Menschheitsgeschichte, dann
- 2:17brauchen wir das geheimnisvolle Ding an sich gar nicht mehr.
- 2:21Es ist wahrscheinlich nur ein homerisches Gelächter wert.
- 2:25Das heißt, es ist ein Witz, dass die Menschen so lange dachten,
- 2:28hinter der Welt stecke ein großes Geheimnis.
- 2:31Dabei ist der Kern vielleicht einfach leer und bedeutungslos
- 2:35unter Kapitel 17 metaphysische Erklärungen, hier spricht
- 2:41Nietzsche darüber, warum junge Menschen oft so fasziniert von
- 2:44Metaphysik sind, unter Metaphysik versteht man die
- 2:47Lehre von Dingen, die über die Natur und das Greifbare
- 2:49hinausgehen. Wie Gott Seelen oder Geister
- 2:54Nietzsche sagt, dass junge Menschen metaphysische
- 2:56Erklärungen schätzen, weil sie ihnen in schwierigen Situationen
- 2:59helfen. Wenn ein junger Mensch etwas an
- 3:02sich selbst oder an der Welt hasst, tröstet ihn die
- 3:05Metaphysik, sie sagt ihm zum Beispiel, dass dieses Leiden
- 3:08einen tieferen Sinn hat oder dass er gar nicht wirklich
- 3:11verantwortlich ist, weil alles Schicksal ist.
- 3:14Das gibt ihm ein gutes Gefühl. Er fühlt sich weniger
- 3:17verantwortlich und findet die Welt plötzlich viel
- 3:19interessanter und bedeutungsvoller.
- 3:22Aber Nietzsche warnt davor, er sagt, dass dieses Gefühl auf
- 3:25einem Irrtum beruht, später, wenn der Mensch reifer wird und
- 3:29kritischer denkt, beginnt er, dieser Denkweise zu misstrauen,
- 3:34er merkt, dass man dieselben tröstenden Wirkungen auch auf
- 3:37einem anderen Weg erreichen kann, nämlich durch
- 3:40Wissenschaft, also durch physische und historische
- 3:43Erklärungen. Wenn man die Welt
- 3:45wissenschaftlich betrachtet, also biologisch und
- 3:48geschichtlich, dann versteht man Probleme und leiden auch.
- 3:51Und man erkennt, dass man vielleicht gar nicht für alles
- 3:54verantwortlich ist, weil man ein Produkt seiner Erziehung und
- 3:57Biologie ist. Das entlastet genauso, aber es
- 4:00ist ehrlich und wahrhaftig, das Interesse am Leben und seinen
- 4:04echten Problemen wird dadurch sogar noch stärker entfacht als
- 4:07durch die Träumereien der Metaphysik, Unterkapitel, 18,
- 4:12Grundfragen der Metaphysik. In diesem Abschnitt geht es
- 4:16darum, wie unser Denken überhaupt entstanden ist.
- 4:20Nietzsche bezieht sich auf die Logik, ein Grundgesetz der Logik
- 4:23ist, dass Dinge eine feste Identität haben, also dass ein
- 4:26Ding immer gleich bleibt. Das nennt man Substanz.
- 4:30Nietzsche sagt aber, in der echten Natur gibt es so etwas
- 4:34gar nicht, alles ist ständig im Wandel, nichts bleibt exakt
- 4:38gleich. Der glaube, dass es feste,
- 4:41unveränderliche Dinge gibt und. Ist eigentlich ein Irrtum, aber
- 4:45wie kam es zu diesem Irrtum? Er erklärt es
- 4:47entwicklungsgeschichtlich ganz primitive Lebewesen, er nennt
- 4:51sie Organismen mit blöden Maulwurfsaugen konnten feine
- 4:55Unterschiede gar nicht sehen, für sie sah alles gleich aus,
- 4:59sie haben nicht differenziert, erst viel später entwickelten
- 5:02sich Organismen, die Unterschiede wahrnehmen konnten,
- 5:05vor allem durch Schmerz und Lust.
- 5:07Das erste Denken war also kein Suchen nach Wahrheit, sondern
- 5:11ein Fühlen. Tut mir das weh oder tut mir das
- 5:14gut? Nietzsche stellt eine gewagte
- 5:17These auf, der Glaube an den freien Willen und an feste Dinge
- 5:22ist ein uralter Fehler. Wir denken, wenn wir Hunger
- 5:25haben, dass wir wollen essen, wir halten das für unseren
- 5:29freien Willen, aber eigentlich ist es ein Trieb des Organismus,
- 5:32der Überleben will, wir isolieren dieses Gefühl und
- 5:36denken, es kommt ganz allein aus uns heraus.
- 5:40Die Metaphysik, also die Lehre von den letzten Gründen,
- 5:43beschäftigt sich fast nur mit diesen beiden Dingen.
- 5:46Substanz, feste Dinge und Freiheit des Willens Nietzsche
- 5:52sagt nun knallhart, da diese beiden Dinge auf Irrtümern
- 5:55basieren, handelt die Metaphysik eigentlich von den
- 5:57Grundirrtümern des Menschen und nicht von grundwahrheiten
- 6:02Unterkapitel 19 die Zahl Nietzsche nimmt sich hier die
- 6:08Mathematik vor. Wir halten Mathematik für
- 6:10absolut wahr, aber Nietzsche sagt auch, sie beruht auf einem
- 6:14menschlichen Irrtum. Die Mathematik funktioniert nur,
- 6:18weil wir annehmen, dass es gleiche Dinge gibt, zum Beispiel
- 6:21die Zahl 1. Wir tun so, als wäre eine 1
- 6:25immer identisch mit einer anderen, 1.
- 6:28In der Natur gibt es aber keine 2 Dinge, die absolut gleich
- 6:31sind, kein Blatt gleicht dem anderen völlig, indem wir Dinge
- 6:35zählen, tun wir so, als gäbe es diese Gleichheit.
- 6:38Wir ignorieren die feinen Unterschiede.
- 6:41Auch unsere Vorstellung von Raum und Zeit ist laut Nietzsche
- 6:44eigentlich falsch, weil wir sie uns als feste Größen vorstellen,
- 6:48obwohl sie logisch betrachtet voller Widersprüche stecken.
- 6:51Aber Nietzsche gibt zu, auch wenn die Basis der Wissenschaft
- 6:55wie die Annahme von Zahlen und gleichen Dingen auf einem Irrtum
- 6:58beruht, ist sie trotzdem nützlich, weil wir diese Fehler
- 7:02immer gleich machen, sie sind konstant, können wir damit
- 7:05arbeiten. Wir können die Welt vermessen
- 7:08und Technik bauen. Problematisch wird es erst, wenn
- 7:11wir an die Grenzen kommen, zum Beispiel in der Atomlehre dort
- 7:15versuchen wir, die Materie immer weiter zu teilen, aber wir
- 7:18kommen aus unserer Vorstellung von Dingen nicht heraus.
- 7:22Ein wichtiger Satz in diesem Kapitel bezieht sich auf den
- 7:25Philosophen Immanuel Kant. Kant sagte, der Verstand
- 7:30diktiert der Natur die Gesetze Nietzsche stimmt dem zu, aber in
- 7:33einem anderen Sinn. Wir diktieren der Naturgesetze,
- 7:37weil wir die Natur durch unsere menschliche Brille sehen.
- 7:40Unsere Naturgesetze sind eigentlich die Summe unserer
- 7:43menschlichen Irrtümer, die wir über die Welt gestülpt haben in
- 7:47der wirklichen Welt außerhalb des Menschen gelten Zahlen nicht
- 7:52unter Kapitel 20 einige Sprossen zurück, Nietzsche spricht hier
- 7:58über den Bildungsweg eines freien Geistes, ein Mensch
- 8:01erreicht eine sehr hohe Stufe der Bildung.
- 8:03Wenn er sich von Aberglauben und Religion befreit hat, wenn er
- 8:06also nicht mehr an Engel, Erbsünde oder das Seelenheil
- 8:09glaubt. Aber Nietzsche warnt, es reicht
- 8:12nicht, einfach nur auf dieser hohen Stufe zu stehen und alles
- 8:15alte als Unsinn abzutun, man muss, wenn man wirklich weise
- 8:19sein will, einige Sprossen zurückgehen auf der Leiter der
- 8:23Entwicklung, das bedeutet, man muss verstehen, warum die
- 8:26Menschen früher so gedacht haben.
- 8:29Man muss den historischen und psychologischen Wert dieser
- 8:31alten Vorstellungen begreifen. Man muss anerkennen, dass
- 8:35Religion und Metaphysik die Menschheit lange Zeit
- 8:37vorangebracht und ihr Kraft gegeben haben.
- 8:40Wer nur sagt, das ist alles falsch, der beraubt sich der
- 8:43besten Ergebnisse der Menschheitsgeschichte, man muss
- 8:46also über den Dingen stehen, aber man muss auch verstehen,
- 8:50wie man dorthin gekommen ist. Man darf die Vergangenheit nicht
- 8:53einfach löschen, sondern muss sie als Teil des Weges
- 8:56begreifen. Unterkapitel 21 Mutmaßlicher
- 8:59Sieg der Skepsis hier stellt Nietzsche ein
- 9:04Gedankenexperiment, annehmen wir an die Skeptiker haben Recht,
- 9:07nehmen wir an, es gibt keine andere Welt, keinen Himmel, kein
- 9:11Jenseits und alle religiösen Erklärungen sind falsch, wie
- 9:15würden wir dann leben? Viele fürchten, dass ohne
- 9:18Religion alles zusammenbricht, Nietzsche glaubt das nicht, er
- 9:22sagt. Selbst wenn wir wissenschaftlich
- 9:26beweisen könnten, dass es keinen Gott und keine Metaphysik gibt,
- 9:30würden die Menschen nicht sofort verzweifeln.
- 9:32Aber das Problem ist ein anderes, es ist sehr schwer, die
- 9:36Nichtexistenz von etwas Metaphysischem zu beweisen,
- 9:39deshalb werden die Menschen vielleicht einfach nur
- 9:42skeptisch, sie werden misstrauisch gegenüber allen
- 9:44absoluten Wahrheiten, die Frage ist dann, wie sieht eine
- 9:49Gesellschaft aus, die auf diesem Misstrauen aufgebaut ist.
- 9:53Nietzsche deutet an, dass dies keine Katastrophe sein muss.
- 9:56Die Menschen werden nüchterner, die Ergebnisse sind im Grunde
- 10:00dieselben, als ob der Glaube direkt widerlegt worden wäre,
- 10:03die Menschen hören auf ihr Leben nur nach dem Jenseits
- 10:06auszurichten.