Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Ecce Homo - 3: Warum ich so gute Bücher schreibe. 4
Transcript
- 0:00Ätze Homo, wie man wird, was man ist.
- 0:04Kapitel 3 warum ich so gute Bücher schreibe Abschnitt 4
- 0:13Friedrich Nietzsche spricht in diesem Abschnitt über das
- 0:15Schreiben selbst. Er nennt es seine Kunst des
- 0:18Stils. Für ihn ist ein Schreibstil
- 0:20nicht einfach nur eine Art, wie man Worte hübsch
- 0:23aneinanderreiht, er sagt, der Sinn von jedem Stil ist es,
- 0:26einen inneren Zustand zu vermitteln.
- 0:29Es geht darum, eine innere Spannung von dem, was er Pathos
- 0:32nennt, den Lesern mitzuteilen. Der Begriff Pathos bedeutet in
- 0:37diesem Zusammenhang ein starkes, leidenschaftliches Gefühl oder
- 0:41einen mächtigen inneren Antrieb, um dieses Gefühl zu übertragen,
- 0:44benutzt ein Schreiber laut Nietzsche Zeichen mit Zeichen,
- 0:48meint er die Wörter, den Satzbau und die Satzzeichen, dazu gehört
- 0:52auch das Tempo dieser Zeichen, also der Rhythmus und die
- 0:55Geschwindigkeit, mit der man einen Text liest.
- 0:59Nietzsche behauptet von sich selbst, dass er eine
- 1:01unglaubliche Vielzahl von verschiedenen inneren Zuständen
- 1:04in sich trägt, weil er so viele verschiedene Gefühle und
- 1:07Spannungen in sich hat, besitzt er auch viele verschiedene
- 1:10Möglichkeiten, in unterschiedlichen Stilen zu
- 1:12schreiben. Er sagt sogar ganz
- 1:14selbstbewusst, dass er über die vielfältigste Kunst des Stils
- 1:17verfügt, die jemals ein Mensch besessen hat, er erklärt dann,
- 1:22was für ihn ein guter Stil ist. Ein Stil ist genau dann gut.
- 1:26Wenn er einen inneren Zustand wirklich und echt mitteilt.
- 1:30Der Autor darf sich dabei nicht in den Zeichen, dem Tempo oder
- 1:33den Gebärden vergreifen. Mit Gebärden meint Nietzsche die
- 1:37körperliche Bewegung, die in der Sprache mitschwingt, also wie
- 1:40ein Satz beim Sprechen atmet und sich bewegt.
- 1:43Er glaubt, dass sein eigener Instinkt, also sein unbewusstes
- 1:46Gefühl, dafür vollkommen fehlerfrei ist.
- 1:50Gleichzeitig lehnt Nietzsche die Vorstellung ab, dass es so etwas
- 1:53wie einen guten Stil an sich gibt.
- 1:55Den Gedanken, dass es allgemeingültige Regeln für
- 1:58Gutes Schreiben gibt, die für alle und jeden gelten, nennt er
- 2:01eine reine Torheit und bloßen Idealismus.
- 2:05Unter Idealismus versteht Nietzsche hier die
- 2:07philosophische Idee, dass es absolute und ewige Wahrheiten
- 2:10oder Formen gibt, die unabhängig vom echten Leben existieren.
- 2:14Er vergleicht den guten Stil an sich spöttisch mit anderen
- 2:17abstrakten Vorstellungen der Philosophie wie dem Schönen an
- 2:20sich, dem Guten an sich oder dem Ding an sich.
- 2:24Für Nietzsche gibt es diese Losgelösten, perfekten Dinge
- 2:27nicht. Ein Stil ist immer nur dann gut,
- 2:30wenn er genau zu dem ganz persönlichen Gefühl des Autors
- 2:32in einem bestimmten Moment passt.
- 2:35All diese Kunstfertigkeit im Schreiben setzt für Nietzsche
- 2:38aber eine wichtige Sache voraus. Es muss überhaupt Menschen
- 2:41geben, die Ohren dafür haben. Er meint damit Leser, die fähig
- 2:46und würdig sind, das gleiche tiefe Gefühl, also das gleiche
- 2:50Pathos, zu empfinden. Er braucht Menschen, denen er
- 2:53sich überhaupt mitteilen darf. Er nennt als Beispiel sein
- 2:57eigenes berühmtes Buch mit dem Titel Also sprach Zarathustra er
- 3:02klagt darüber, dass dieses Buch immer noch nach solchen fähigen
- 3:05Lesern sucht. Er befürchtet sogar, dass es
- 3:08noch sehr lange suchen muss. Nietzsche sagt, Man muss es sich
- 3:12erst verdienen und wert sein, dieses Buch überhaupt hören zu
- 3:15dürfen. Er ist davon überzeugt, dass es
- 3:18bis dahin niemanden geben wird, der die gewaltige Kunst wirklich
- 3:21versteht, die er in diesem Buch verschwendet hat.
- 3:24Er behauptet, dass noch nie zuvor jemand so viele neue,
- 3:27bisher völlig unbekannte und erst für diesen Zweck
- 3:29erschaffene sprachliche Kunstmittel zur Verfügung hatte
- 3:32wie er. Nietzsche sagt, dass er mit
- 3:35seinem Schreiben etwas bewiesen hat, was er vorher selbst am
- 3:38stärksten abgestritten hätte, nämlich dass so eine gewaltige
- 3:42Sprachkunst in der deutschen Sprache überhaupt möglich ist Er
- 3:46ist der Meinung, dass man vor ihm gar nicht wusste, was man
- 3:48mit der deutschen Sprache alles machen kann, ja, was man
- 3:51überhaupt mit Sprache an sich machen kann.
- 3:54Er spricht davon, dass er die Kunst des großen Rhythmus und
- 3:57den großen Stil der Periodik entdeckt hat, mit Periodik meint
- 4:01er den kunstvollen Aufbau von Langen, in sich geschlossenen
- 4:04Sätzen, diese Kunst nutzt er, um ein Ungeheures auf und ab von
- 4:09erhabener und übermenschlicher Leidenschaft auszudrücken.
- 4:12Zum Beweis nennt er einen bestimmten Text aus dem dritten
- 4:15Teil seines Buches Zarathustra. Dieser Text ist mit die 7 Siegel
- 4:20überschrieben, Nietzsche bezeichnet ihn als einen
- 4:23Dithyrambus ein Dithyrambus war im alten Griechenland ein
- 4:26leidenschaftlicher, stürmischer und rauschhafter Lobgesang, der
- 4:30ursprünglich zu Ehren des Weingottes Dionysos gesungen
- 4:33wurde. Nietzsche nutzt dieses Wort, um
- 4:35ein ekstatisches, wildes und hochemotionales Gedicht zu
- 4:38beschreiben. Er ist der Überzeugung, dass er
- 4:41mit diesem Text 1000 Meilen über alles hinausgeflogen ist, was
- 4:45man bis dahin überhaupt Poesie oder Dichtkunst genannt hat.