Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Neuntes Hauptstück - 638 & Nachspiel
Transcript
- 0:00Unterkapitel 638 der Wanderer in diesem abschließenden Abschnitt
- 0:07beschreibt Friedrich Nietzsche das Leben und die Haltung eines
- 0:10Menschen, der sich geistig befreit hat.
- 0:13Er nennt diesen Menschen den Wanderer Nietzsche erklärt
- 0:17zunächst den Unterschied zwischen einem Wanderer und
- 0:19einem Reisenden, wer seinen Verstand so weit genutzt hat,
- 0:23dass er sich von festen Glaubenssätzen befreit hat, also
- 0:26zur Freiheit der Vernunft gelangt ist.
- 0:29Er fühlt sich auf der Erde wie ein Wanderer.
- 0:31Er ist kein Reisender, denn ein Reisender hat ein festes Ziel,
- 0:35an dem er ankommen will. Für den geistig freien Menschen
- 0:38gibt es dieses eine endgültige Ziel jedoch nicht, das bedeutet,
- 0:43es gibt keine absolute Wahrheit oder eine finale Erlösung, bei
- 0:46der man sich für immer ausruhen könnte.
- 0:49Stattdessen will der Wanderer beobachten, er möchte mit
- 0:53offenen Augen durch die Welt gehen und verstehen, was
- 0:56wirklich passiert. Damit er das kann, darf er sein
- 0:59Herz nicht zu fest an einzelne Dinge, Orte oder Menschen
- 1:03binden. Es muss in ihm selbst etwas
- 1:05Wanderndes geben, das heißt, er muss Freude daran haben, dass
- 1:09sich Dinge verändern und dass nichts für immer bleibt.
- 1:13Er akzeptiert die Vergänglichkeit Nietzsche
- 1:16verschweigt aber nicht, dass dieses Leben schwierig sein
- 1:18kann, er beschreibt dies mit Bildern einer harten Reise, es
- 1:23wird böse Nächte geben, in denen der Wanderer müde ist.
- 1:26Er sucht vielleicht Schutz bei einer Stadt, also bildlich
- 1:29gesprochen bei einer Gemeinschaft von Menschen oder
- 1:32festen Überzeugungen. Aber er findet das Tor
- 1:35verschlossen, er wird abgewiesen, es kann sogar noch
- 1:39schlimmer kommen. Die Umgebung fühlt sich an wie
- 1:42eine Wüste, die bis direkt vor das Tor reicht, das steht für
- 1:46die Einsamkeit und die feindliche Umgebung, in der sich
- 1:49ein freier Geist oft befindet. Nietzsche nutzt hier Bilder von
- 1:53Gefahr, Raubtiere heulen. Ein starker Wind kommt auf und
- 1:57Räuber stehlen dem Wanderer seine Lasttiere.
- 2:01In solchen Momenten fühlt sich die Nacht schrecklich an, wie
- 2:04eine zweite Wüste, die sich auf die echte Wüste legt.
- 2:07Das bedeutet, dass die innere Verzweiflung zur äußeren
- 2:10Einsamkeit hinzu kommt, sein Herz wird dann müde vom
- 2:14ständigen Wandern und suchen. Wenn dann der Morgen kommt, ist
- 2:18das nicht unbedingt eine Erlösung.
- 2:20Nietzsche beschreibt die Morgensonne hier nicht als
- 2:22sanft. Sondern glühend wie eine
- 2:25Gottheit des Zornes. Wenn sich dann die Stadt öffnet
- 2:28und der Wanderer die Menschen dort sieht, ist er enttäuscht,
- 2:32er erkennt in den Gesichtern der Bewohner noch mehr wüste,
- 2:35Schmutz, trug und Unsicherheit als draußen in der Wildnis, das
- 2:41heißt, die sesshaften Menschen, die an ihren alten Überzeugungen
- 2:44festhalten, Leben in einer geistigen Unsauberkeit und Lüge,
- 2:48die für den freien Geist schlimmer ist als seine eigene
- 2:50Einsamkeit. Für ihn ist dieser Tag dann fast
- 2:54schlimmer als die einsame Nacht. Aber Nietzsche beendet den Text
- 2:58nicht mit diesem trüben Bild. Er sagt, dass dies nur eine
- 3:02Seite des Wandererlebens ist. Als Belohnung für diese Härten
- 3:05gibt es andere wunderschöne Momente, er spricht von den
- 3:09Wonnevollen Morgen anderer Gegenden und Tage in diesen
- 3:13Momenten erlebt der Wanderer die Natur auf eine fast magische
- 3:16Weise, er sieht im frühen Nebel Musenschwärme tanzen.
- 3:21Musen sind in der Mythologie Göttinnen der Künste und der
- 3:24Inspiration. Hier bedeutet es, dass der
- 3:27Wanderer wieder Inspiration und Schönheit findet, wenn er dann
- 3:31später am Vormittag ruhig unter Bäumen spazieren geht, fühlt er
- 3:34sich beschenkt, ihm werden gute und helle Dinge zugeworfen,
- 3:39diese Geschenke kommen von den freien Geistern, das ist ein
- 3:43zentraler Begriff bei Nietzsche für Menschen, die sich von den
- 3:46Zwängen der Tradition, Religion und Moral gelöst haben.
- 3:50Und selbstständig denken. Diese freien Geister sind in der
- 3:53Einsamkeit der Berge und Wälder zu Hause, sie sind genau wie der
- 3:57Wanderer selbst, mal fröhlich und mal nachdenklich, sie sind
- 4:01Philosophen, also Liebhaber der Weisheit und Wanderer zugleich.
- 4:06Der Text endet mit einem sehr friedlichen und hoffnungsvollen
- 4:09Bild, diese freien Geister denken über das Geheimnis des
- 4:12Vormittags nach. Sie fragen sich, wie der Tag
- 4:16zwischen dem 10. Und 12.
- 4:17Glockenschlag ein so reines, Helles und verklärtes Gesicht
- 4:20haben kann? Mit diesem Bild der Helligkeit
- 4:23und Klarheit suchen Sie die Philosophie des Vormittages.
- 4:27Damit meint Nietzsche eine Denkweise, die frisch, klar und
- 4:31unverbraucht ist, die voller Licht ist und nicht mehr von den
- 4:35dunklen Schatten der Vergangenheit oder Alter
- 4:37religiöser Ängste belastet wird. Nachspiel unter Freunden.
- 4:45Unterkapitel 1 das lachen und schweigen in der Freundschaft in
- 4:51diesem ersten Unterkapitel des Nachspiels wendet sich Nietzsche
- 4:54in Gedichtform an seine Freunde. Er beschreibt eine Szene in der
- 4:58freien Natur, er sagt, dass es etwas Schönes ist, wenn Freunde
- 5:01gemeinsam schweigen können, aber er steigert dies sofort.
- 5:06Noch schöner ist es, wenn sie gemeinsam lachen, er beschreibt
- 5:09die Umgebung sehr idyllisch. Die Freunde liegen unter einem
- 5:13seidenen Himmelstuche, was eine poetische Umschreibung für einen
- 5:17strahlend blauen, sanften Himmel ist.
- 5:19Sie befinden sich im Wald oder in der Natur, denn sie lehnen an
- 5:23Moos und Buchenbäumen in dieser entspannten Atmosphäre lachen
- 5:27sie laut und herzlich. Nietzsche benutzt hier das Bild,
- 5:30dass sie sich weiße Zähne zeigen, das bedeutet nicht, dass
- 5:34sie aggressiv sind, sondern dass sie den Mund weit öffnen vor
- 5:38lachen, was ein Zeichen von Lebensfreude, Gesundheit.
- 5:41Und Offenheit ist. Dann spricht Nietzsche über sein
- 5:44eigenes Werk, also das Buch, das man gerade gelesen hat.
- 5:48Er macht seinen Freunden einen Vorschlag, wie sie mit seiner
- 5:51Arbeit umgehen sollen, wenn er seine Sache gut gemacht hat,
- 5:55also wenn das Buch gelungen ist, dann wollen sie gemeinsam
- 5:58schweigen, dieses Schweigen kann man als ein zufriedenes,
- 6:02genießendes Einverständnis verstehen, wenn er seine Sache
- 6:06aber schlimm, also schlecht gemacht hat, dann sollen sie
- 6:09nicht traurig oder wütend sein. Stattdessen fordert er sie auf,
- 6:13dann erst recht zu lachen. Er geht sogar noch weiter, sie
- 6:18sollen es immer schlimmer machen, das bedeutet, sie sollen
- 6:21über die Fehler Witze machen, sie übertreiben und den Ernst
- 6:25der Situation durch Humor auflösen, sie sollen so lange
- 6:28lachen, bis sie in die Grube steigen mit der Grube meint
- 6:33Nietzsche hier das Grab, er fordert also dazu auf, das Leben
- 6:36und auch die Fehler bis zum eigenen Tod mit Humor und Lachen
- 6:40zu begleiten. Nietzsche beendet dieses Gedicht
- 6:43mit einer direkten Frage an seine Freunde, ob sie mit diesem
- 6:46Pakt einverstanden sind? Ja, so soll es geschehen, er
- 6:51besiegelt diesen Vorschlag mit einem Armen und verabschiedet
- 6:54sich mit einem auf Wiedersehen, das zeigt, dass er das Buch
- 6:57nicht mit einer schweren Lehre, sondern mit einer leichten,
- 7:01lebensbejahenden Haltung abschließen möchte, unter
- 7:05Kapitel 2. Die Narrenzunft und die neue
- 7:08Vernunft. Im zweiten Unterkapitel, das
- 7:12ebenfalls ein Gedicht ist, spricht Nietzsche über die
- 7:15Haltung, die man gegenüber seinem Buch einnehmen sollte.
- 7:18Er beginnt sehr bestimmt, er bittet um keine Entschuldigung,
- 7:21und er will auch kein Verzeihen für das, was er geschrieben hat,
- 7:24er wendet sich an eine ganz bestimmte Gruppe von Menschen,
- 7:28er nennt sie die frohen und herzensfreien, damit meint er
- 7:32Menschen, die nicht durch starre Moral oder alte Traditionen
- 7:35gebunden sind. Sondern die geistig frei und
- 7:38fröhlich sind. Er bittet diese Menschen, seinem
- 7:41Buch Ohr und Herz und Unterkunft zu geben, das bedeutet, sie
- 7:45sollen ihm zuhören, es mit Gefühl aufnehmen und die
- 7:49Gedanken bei sich wirken lassen, auch wenn er das Buch selbst als
- 7:52unvernünftig bezeichnet. Nietzsche erklärt dann, warum
- 7:56diese Unvernunft eigentlich etwas Gutes ist.
- 7:59Er sagt seinen Freunden, dass seine Unvernunft für ihn kein
- 8:02Fluch war. Er deutet damit an, dass das
- 8:05Abweichen von der normalen strengen Logik oder den
- 8:08gesellschaftlichen Erwartungen für ihn notwendig war.
- 8:11Er schreibt, dass das, was er sucht und findet, noch nie in
- 8:14einem anderen Buch stand, er musste also die herkömmlichen
- 8:17Wege des Denkens verlassen, um seine eigenen Wahrheiten zu
- 8:20finden, dann fordert er seine Leser auf, ehrt in mir die
- 8:25Narrenzunft. Eine Zunft war früher eine
- 8:28Vereinigung von Handwerkern. Die Narrenzunft ist hier ein
- 8:32Bild für die Gruppe derjenigen, die anders denken, die wie
- 8:35Hofnarren die Wahrheit durch Witze und verrückte Ideen
- 8:38aussprechen, die sich andere nicht trauen zu sagen, der Narr
- 8:42ist bei Nietzsche oft eine positive Figur, weil der Narr
- 8:45frei ist und Dinge aussprechen darf, die den Weisen verboten
- 8:49sind. Er fordert die Leser auf, aus
- 8:52diesem Narrenbuche zu lernen und was sollen sie lernen, sie
- 8:57sollen lernen, wie Vernunft kommt.
- 9:00Zur Vernunft, das ist ein Wortspiel.
- 9:03Es bedeutet, dass wahre Klugheit oder Weisheit vielleicht erst
- 9:06dadurch entsteht, dass man die alte, starre Vernunft loslässt
- 9:10und durch eine Phase der Verrücktheit oder des freien
- 9:13Denkens geht, um zu einer neuen, besseren Einsicht zu gelangen.
- 9:17Auch dieses Gedicht und damit das Nachspiel des Buches endet
- 9:21mit der Frage an die Freunde, ob sie diesen Weg mitgehen wollen
- 9:24und dem abschließenden Bekräftigenden Amen und auf
- 9:28Wiedersehen. Nietzsche verabschiedet den
- 9:31Leser also mit der Aufforderung, mutig, fröhlich und vielleicht
- 9:35auch ein wenig verrückt zu sein, um wahre geistige Freiheit zu
- 9:38erlangen.