Latest / Pod und die Welt – Das außenpolitische Update / Putins Russland: Wie Krieg und Kontrolle das Land verändern (mit Sabine Fischer)
Transcript
- 0:00Was ich sehe ist im Laufe der letzten drei Jahre eine zusätzliche massive Deformation
- 0:06einer Gesellschaft, die schon vor Beginn der Vollinvasion in einem sehr apathischen, apolitischen Zustand war.
- 0:13Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von "Pod und die Welt",
- 0:17den außenpolitischen Update der Zeitschrift "Internationale Politik".
- 0:20Ich bin Martin Bialecki und ich bin Katharina Peetz. Schön, dass Sie dabei sind.
- 0:26So richtig viel Grund für Optimismus gibt es in diesen Tagen für all diejenigen,
- 0:30die Außenpolitik verfolgen nicht wirklich. Aus einer deutschen und europäischen Perspektive
- 0:34ist besonders das Zusammenrücken von US-Präsident Donald Trump und dem russischen Präsidenten
- 0:38Vladimir Putin besorgniserregend. Nicht nur, weil drei Jahre nach der russischen Vollinvasion
- 0:43in der Ukraine die Zeichen nun auf einem erzwungenen Waffenschildstand und weitreichenden Zugeständnissen
- 0:48an Russland stehen. Wir haben in der letzten Folge über die US-Politik und Donald Trump gesprochen.
- 0:53Heute wollen wir genauer nach Russland hinein schauen. Wie hat der Angriffskrieg gegen die
- 0:57Ukraine die russische Gesellschaft verändert? Welche Auswirkungen hat die Situation des Landes
- 1:02und nun das Comeback auf der Weltbühne? Das und mehr können wir besprechen mit unserem Gast.
- 1:06Sie ist eine der renommiertesten Experten für Osteuropa, beschäftigt sich bei der Stiftung
- 1:11Wissenschaft und Politik schwerpunktmäßig mit der russischen Haus- und Sicherheitspolitik.
- 1:15Sie hat jahrelang selbst in Russland gelebt und mehrere Bücher geschrieben und wir freuen uns sehr,
- 1:19dass Sie heute hier ist. Herzlich willkommen, Sabine Fischer.
- 1:22Vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich sehr, dabei zu sein.
- 1:24Frau Fischer, Donald Trump hat Wladimir Putin da quasi im Alleingang fast alle Dinge zugesagt,
- 1:34die Putin selbst in der Ukraine erreichen wollte. Nun sind sie Expertin für Russland,
- 1:39nicht für Trump. Und trotzdem ein bisschen zugespitzt gefragt, wie sehr hat sich Trump
- 1:44denn offensichtlich von Putin bei diesem ersten persönlichen Telefonat der beiden beeindrucken
- 1:48lassen? Es ist schwierig zu beantworten, wenn man nicht selbst dabei gewesen ist und selbst dann
- 1:53glaube ich wäre es schwierig, das zu beantworten. Also erstmal würde ich hinzufügen, dass das ja
- 1:57überhaupt nicht die erste Begegnung und der erste Kontakt zwischen Trump und Putin ist,
- 2:01sondern das natürlich auch während Trumps erster Amtszeit 2017 bis 2021 Kontakte da waren. Und
- 2:08scheinbar ja auch dazwischen durchaus Kontakt zumindest zwischen dem Trump-Lager und dem russischen
- 2:13Regime, dem Putin-Regime-Bestand. Also insofern ist das jetzt überhaupt kein frischer oder neuer Start.
- 2:20Und generell denke ich, lässt sich sagen, dass Trump, und das hat er ja auch immer wieder öffentlich
- 2:26ganz klar so gesagt und festgestellt, beeindrucken lässt von politischen Akteuren wie Putin,
- 2:32also von autokratischen, diktatorischen, politischen Herrschern. Das ist auch eine sehr,
- 2:37sehr starke Personalisierung von Politik. Also die Abhängigkeit der amerikanischen Beziehungen
- 2:45zu anderen Staaten ist mit Trump extrem abhängig geworden vom persönlichen Verhältnis des
- 2:51Präsidenten mit den jeweiligen Staats- und Regierungschefs, Chefinnen oder eben Machthabern,
- 2:56wie im russischen Fall. Und zu dieser Personalisierung hinzu kommt aber und das darf man glaube ich
- 3:01auch überhaupt nicht unterschätzen, die ideologische Nähe zwischen dem Trump bzw. Magakamp
- 3:07und eben dem Putin-Regime in ihren antidemokratischen, illiberalen, antifeministischen, imperialistischen,
- 3:14nationalistischen, schovinistischen Haltungen. Also ich denke, das ist ein ganz, ganz wichtiger Faktor.
- 3:18Und das führt dazu, dass da eine Ebene entstanden ist, auf der jetzt kommuniziert wird zwischen
- 3:25Washington und Moskau, die für so wohl für die Ukraine, als auch eben für Europa höchst problematisch ist.
- 3:31Jetzt sehen wir dieses Zusammenrücken zwischen Trump und Putin, diese ideologische Nähe,
- 3:35die sie beschreiben. Drei Jahre lang, also mindestens drei Jahre lang war ja dann die Strategie Europas
- 3:41und eigentlich auch das Westens insgesamt in Bezug auf die Ukraine, Ukraine unterstützen,
- 3:46Russland isolieren, auch in Form von Sanktionen. Was bedeutet dieses Zusammenrücken von Trump
- 3:50und Putin? Jetzt sehen wir wirklich das Comeback Russlands auf der Weltbühne, auch in internationalen
- 3:55Formaten ist das zu erwarten, dass die bald wieder mit am Tisch sitzen. Also das bedeutet zunächst
- 3:59mal, dass die Ukraine und mit ihr auch Europa in eine zwei Frontensituation geraten. Und das ist
- 4:06natürlich eine Umstürzung, wenn sie so wollen, des internationalen Umfeldes dieses russischen
- 4:12Kriegs gegen die Ukraine. Das ist für die Ukraine sehr gefährlich. Und es bedeutet tatsächlich
- 4:17auch, dass Russland eine Art Comeback in einem bestimmten Segment der internationalen Beziehungen
- 4:23machen kann. Also ich meine, dieser westliche Anspruch Russland soweit wie möglich zu isolieren,
- 4:28ist natürlich verfolgbar in den letzten drei Jahren. Und gleichzeitig muss man aber natürlich sagen,
- 4:32dass das nicht vollständig gelungen ist und auch überhaupt nicht gelingen konnte, weil Russland
- 4:37durch seine Verbindungen mit China, mit Nordkorea, mit Iran und anderen Staaten, auch Indien und
- 4:44anderen auswertige Beziehungen weiter halten konnte, aus seiner Außenwirtschaftsbeziehungen
- 4:49weiter führen konnte. Also eine vollständige Isolation hat es nie gegeben. Was jetzt passiert
- 4:54in den russisch-amerikanischen Beziehungen, auch in Abhängigkeit davon, wie weit das dann am Ende
- 4:58geht, das wissen wir ja zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht, kann dazu führen, dass Russlands
- 5:03Positionen international deutlich gestärkt wird. Das ist einfach so. Was man aber in den USA
- 5:09tatsächlich teilweise auch hört, ist diese Überzeugung oder die Analyse von Russland als
- 5:15nach Regionalmacht und die gerade im Vergleich zu China dann eben doch nicht so großen geopolitischen
- 5:20Einfluss hat. Wie ist das zu Ihrer Einschätzung? Ist das eine realistische Einschätzung oder doch
- 5:25eher eine trügerische Illusion? Ich glaube, das ist beides. Natürlich ist Russland, wenn man auf
- 5:31die Wirtschaftsmacht schaut, auf die Konkurrenzfähigkeit Russlands, vor allen Dingen in den
- 5:40zukunftsträchtigen Wirtschaftssektoren, also Hochtechnologien etc., auch wenn man auf Russlands
- 5:46militärische Stärke schaut, jetzt nach drei Jahren Abnutzungskrieg gegen die Ukraine und in vielen
- 5:51anderen Bereichen, kann Russland sich auf keinen Fall vergleichen mit Mächten wie den USA oder
- 5:58auch China. Das ist völlig richtig und da, ich meine, dieser Ausspruch von der Regionalmacht,
- 6:03der stammt der noch von Barack Obama, der das, glaube ich, 2011 gesagt hat und dafür dann sehr,
- 6:10sehr heftige und hasche Kritik aus Russland erntete. Aber natürlich, Russlands Machtfülle
- 6:15ist in diesen Bereichen beschränkt und gleichzeitig und das zeigt sich jetzt eigentlich seit drei
- 6:20Jahren im besonderen Maße in diesen intendierten Vernichtungskrieg den Russland gegen die Ukraine
- 6:26führt, aber es zeigt sich auch in dem Hybridenkrieg den Russland gegen westliche Demokratien führt,
- 6:31dass Russland eben trotz dieser eingeschränkten Machtfülle in vielen Bereichen ein großes Spoiler-Potenzial
- 6:38hat und dieses Potenzial eben auch auf eine sehr, sehr destruktive Art und Weise einsetzt. Also in
- 6:43sofern würde ich sagen, es ist beides und das Spoiler-Potenzial sollte man auf gar keinen Fall
- 6:48unterschätzen, sondern das muss man strategisch immer mitdenken und das müssen eben auch westliche
- 6:52europäische Demokratien mitdenken, wenn es um diesen Hybridenkrieg geht, den Russland eben auch gegen
- 6:59europäische Demokratien führt. Schauen wir ein bisschen genauer auf den Krieg in der Ukraine.
- 7:08Es ist ja zu Beginn des Rausherrschern-Angriffskrieges ganz ausdrücklich, dass sei Putins Krieg
- 7:13nun ist die Unterstützung für den Krieg in der Gesellschaft in Russland sehr, sehr hoch. Frage
- 7:17ist das nach wie vor Putins Krieg oder ist es Russlands Krieg? Also ich war ehrlich gesagt nie der
- 7:22Meinung, dass es wirklich Putins Krieg ist. Es gibt darüber eine riesen Debatte, die jetzt auch
- 7:27schon seit 3 Jahren läuft, der Putins Krieg oder Russlands Krieg im Sinne von ja, wir haben es in
- 7:32Russland tatsächlich mit einer in ihrer überwiegenden Mehrheit totalitären, extrem nationalistischen,
- 7:38imperialistischen und eben auch gewalttätigen Gesellschaft zu tun. Ich glaube, keine der
- 7:43beiden Extrempositionen ist richtig. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte und ist sehr,
- 7:47sehr schwer zu messen. Also es gibt Umfragen aus Russland, Umfragen Daten, die man tatsächlich
- 7:53teilweise durchaus benutzen kann, die man aber trotzdem mit großer Vorsicht benutzen sollte.
- 7:59Und ansonsten sind unsere Möglichkeiten wirklich zu messen, was in der russischen Gesellschaft
- 8:03vor sich geht, seit Februar 2022 wirklich beschränkt. Also insofern muss man vorsichtig sein,
- 8:09wenn man darüber spricht. Was ich sehe ist im Laufe der letzten drei Jahre eine zusätzliche,
- 8:16massive Deformation einer Gesellschaft, die schon vorausbruch der Vollinvasion, also vor Beginn
- 8:22der Vollinvasion, in einem sehr apathischen, apolitischen Zustand war. Und diese Deformation
- 8:28hat natürlich mit der Dauer des Krieges zu tun und mit der Rückwirkung dieses großen
- 8:33Krieges in die russische Gesellschaft. Also sowas lässt ja auch die Tätergesellschaft nie unberührt.
- 8:39Da ist auch Russlands Krieg nicht der einzige Krieg, bei dem das so ist. Das hat damit zu tun,
- 8:44dass gleich zu Beginn des Krieges oder sagen wir mal im ersten Jahr des großen Krieges große
- 8:49Teile, nicht nicht alle, aber große Teile der politisch aktiven russischen Gesellschaft
- 8:56Russland verlassen haben. Also die politisch aktiven, liberalen, demokratischen und Antikrieg
- 9:03Segmenten dieser russischen Gesellschaft sind großen Teils schon seit längerer Zeit im Ausland.
- 9:08Auch das wirkt sich natürlich sehr auf die russische Gesellschaft im Inneren des Landes aus.
- 9:13Das kommt die massive Repression hinzu, die ja auch nochmal wirklich zugenommen hat,
- 9:18sehr, sehr stark zugenommen hat und in die Breite gegangen ist seit Februar 2022. Und auch da hat
- 9:24sich viel verändert in den letzten drei Jahren. Also da steckt sehr viel Dynamik drin. Das heißt,
- 9:29man kann nicht sagen, der Zustand heute ist der, den wir auch schon 2022 haben, sondern dieser Krieg
- 9:35verändert die russische Gesellschaft permanent. Und ein ganz wichtiger Aspekt dieser Veränderung
- 9:41ist die Monetarisierung des Krieges im Verhältnis zwischen dem russischen Staat und der russischen
- 9:45Gesellschaft. Also am Anfang, ganz am Anfang gab es tatsächlich so eine Art Antikriegsbewegung,
- 9:50die ist dann durch Repressionen sehr schnell niedergeschlagen worden. Im September 2022,
- 9:55als das Regime sich zu einer Teimobilmachung entschied, haben wahrscheinlich hunderttausende
- 10:01Männer im Wehrfegenalte das Land verlassen. Fluchtartig. Also da sah man dann auch, dass die
- 10:07Bereitschaft sich für diesen Krieg zur Verfügung zu stellen wirklich sehr, sehr gering war.
- 10:12Und was in der Zwischenzeit passiert ist, ist, dass das Regime der russische Staat dazu
- 10:17übergegangen ist, wirklich enorme Summen für freiwilligen Verträge zu zahlen. Die Säule für
- 10:24die Soldaten, die in der Ukraine kämpfen, sind enorm hoch im Vergleich zum russischen
- 10:29Durchschnittseinkommen und auch im Falle nicht nur der Verwundung, sondern tatsächlich, wenn ein
- 10:34Soldat umkommt, dann werden die Familien eben auch nochmal mit sehr, sehr hohen Entschädigungsummen
- 10:39bedacht. Also dieses sogenannte, das ist ein sehr zynischer Begriff, aber es ist einfach so,
- 10:44dass Sarggeld das Familien dann bekommen, ist eben auch wirklich vor allen Dingen immer gemessen an
- 10:49dem Durchschnittseinkommen in Russland sehr, sehr hoch. Das heißt, der Staat kauft sich im Grunde
- 10:55genommen mittlerweile das Menschenmaterial, das er dann in der Ukraine ins Feuer wirft. Und auch das
- 11:01hat natürlich eine starke Auswirkung auf die Haltung. Einfach privat von Privatmenschen,
- 11:08vor allen Dingen in den ärmeren russischen Regionen zu diesem Krieg. Ja, also es geht hier
- 11:12wirklich um einen permanenten Deformationsprozess, der sich parallel zu diesem Krieg in Russland
- 11:17abspielt und der es dem Regime ermöglicht, diesen Krieg weiterzuführen, ohne dass wesentlicher
- 11:23Widerstand entsteht. Wenn wir bei der Gesellschaft, bei den Auswirkungen des Kriegs auf den Alltag
- 11:27der Menschen sind, da würde ich gerne nochmal nachfragen, die russische Gesellschaft gilt ohnehin
- 11:32als relativ gewaltvoll, verrott auch ein Stück weit von sehr viel Brutalität geprägt. Wenn wir jetzt
- 11:37davon ausgehen, dass ja auch Menschen aus dem Krieg nochmal zurückkehren, was macht das auch für
- 11:42Familien? Wie kann man sich das vorstellen? Wie wirkt sich das aus auf diesen ohnehin schon
- 11:47gewaltsamen Umgang? Naja, das Gewaltniveau in der russischen Gesellschaft steigt weiter. Die aus
- 11:51dem Ausland operierenden, aber dennoch immer noch ziemlich nah an den russischen gesellschaftlichen
- 11:56Entwicklungen sich befinden in unabhängigen russischen Medien richten da zum Beispiel auch
- 12:01ein Fokus drauf. Die versuchen auf eine ganz systematische Art, diesen Zusammenhang herzustellen
- 12:07zwischen dem Krieg, der von Russland aus gegen die Ukraine geführt wird und dem ansteigenden
- 12:12Gewaltniveau in der russischen Gesellschaft in Form von häuslicher Gewalt, in Form von krimineller
- 12:17Gewalt, was auch immer. Und es gibt sehr, sehr viele Fälle von Morden, von eben auch gerade häuslicher
- 12:23Gewalt etc., in die Veteranen des Krieges verwickelt sind. Und das ist auch ein Phänomen, das unter dem
- 12:32alle in Kriege verwickelte Gesellschaften leiden, also dieser sogenannte Gewaltbummerang, der einfach
- 12:37darin besteht, dass Soldaten, die in diesem Gewaltexzess, den sie erleben, zutiefst traumatisiert
- 12:44werden, auch als Täter traumatisiert werden, in ihre Heimatgesellschaft zurückkehren und vor
- 12:50allem wenn das Trauma unverarbeitet bleibt, diese Gewalt fortsetzen. Das ist ein großes Problem
- 12:56und das ist im Übrigen auch einer der vielen Punkte, wo man sieht, wie weit sich die ukrainische
- 13:03Gesellschaft und die russische Gesellschaft in den letzten 30 Jahren eigentlich auseinander
- 13:08entwickelt haben. Denn auf der ukrainischen Seite gibt es zum einen einen Blick dafür,
- 13:12wie gefährlich dieses Gewalttrauma ist und ich meine, auf der ukrainischen Seite haben wir es mit
- 13:16dem Opfertrauma zu tun. Also die ukrainische Seite ist die angegriffene Seite. Dennoch haben sie
- 13:21hier ein ähnliches Problem. Sie haben hunderttausende von Männern und Frauen, die Kampferlebnisse haben,
- 13:28die also in diesen Krieg verwickelt sind und über die ein Gewalttrauma und eine Gewaltspirale
- 13:34natürlich sich auch in der ukrainischen Gesellschaft entwickeln kann und auf der ukrainischen Seite
- 13:38gibt es tatsächlich sowohl von staatlicher Seite als auch von gesellschaftlicher Seite-Initiativen,
- 13:43die genau an diesen Traumata zu arbeiten versuchen. Auf der russischen Seite ist das
- 13:47unterentwickelt. Auf der russischen Seite haben sie einen necrophilen Heldenkult, wenn sie so wollen,
- 13:53aber so gut wie
- 13:55keine Instrumente und auch gar nicht den Willen und die Fähigkeit mit diesem Trauma umzugehen.
- 14:01Und ich meine, der Begriff Frieden im Zusammenhang mit der russischen Gesellschaft ist sehr,
- 14:05sehr schwierig, aber einfach um das nun mal deutlich zu machen, also für einen Frieden
- 14:09in der russischen Gesellschaft ist das natürlich eine riesige Gefahr.
- 14:12Vorfischer in Ihrem Buch "Die chauvinistische Bedrohung" schreiben Sie, dass sich das System,
- 14:21das russische System, aus drei Baustellen zusammensetzt, Nationalismus, Sexismus und Autokratie.
- 14:27Dazu habe ich zwei Fragen. Einmal, wie gefestigt ist dieses System und gibt es dagegen noch irgendeine
- 14:33Form von Widerstand? Ja, dieses System ist sehr gefestigt und leider muss man sagen, ist dieses
- 14:41System nach drei Jahren vollumfänglich im Amtgriffskrieg gegen die Ukraine jetzt gefestigter,
- 14:47als sagen wir mal vor anderthalb oder zwei Jahren. Also wir haben ja gesehen in den ersten anderthalb
- 14:53Jahren des Krieges etwa, dass es durchaus innenpolitisch destabilisierende Effekte des Krieges gab
- 15:00in Russland. Also ich habe ein bisschen was davon schon erwähnt. Also die Protestwelle am Anfang des
- 15:05Krieges, die der Staat nur in den Griff bekommen hat, weil er eben massive Repressionen angewandt hat.
- 15:10Dann die Fluchtwelle nach der ersten, nach dieser Teilmobilmachung, natürlich der Konflikt zwischen
- 15:17Yevgeny Prygorzhin, also dem Chef der Wagnergruppe und dem russischen Generalsstab,
- 15:22beziehungsweise dem Verteidigungsministerium, der ja dann im Juni 23 in dieser Wagnermolterrei
- 15:28mündete. Das war ein Moment, enorme innenpolitische Destabilisierung, der tatsächlich eben mit dem
- 15:33Kriegsverlauf zu tun hatte, weil der Krieg für Russland schon gar nicht siegreich, aber auch
- 15:39nicht gut lief und Prygorzhin, das nicht aus demokratischer Perspektive natürlich, aber dennoch
- 15:45sehr sehr scharf kritisiert hat und dann eben mit dem Regime in einen Konflikt gegangen ist.
- 15:50Und was dann passiert ist, ist, dass Prygorzhin, wie die meisten sich noch erinnern werden,
- 15:55im August 2023 sehr spektakulär und wahrscheinlich herbeigeführt bei einem Flugzeugabsturz ums Leben
- 16:00kam, also mit anderen Worten ermordet wurde. Und seitdem haben wir beobachtet, wie das Regime sich
- 16:07kontinuierlich konsolidiert hat, wenn sie so wollen. Also Russland geht seit Mitte 23 etwa durch
- 16:13einen Prozess der Regime Konsolidierung und das hat wiederum sehr viel mit dem Kriegsverlauf
- 16:19zu tun, weil Russland bedauerlicherweise seit Anfang 2024 weiterhin natürlich nicht in der Lage
- 16:26ist, diesen Krieg militärisch für sich zu entscheiden, aber zumindest immer wieder und über
- 16:31immer längere Phasen in der Offensive sich befunden hat. Und das hat es eben erlaubt, gemeinsam mit
- 16:36den innenpolitischen Repressionen wie schon gesagt und einer nach wie vor relativ, relativ stabilen
- 16:43wirtschaftlichen Situation das Regime wieder zu konsolidieren nach diesen Momenten der Unsicherheit
- 16:48am Anfang des Krieges. Gibt es dagegen noch Widerstand? Ja, den gibt es so unwahrscheinlich,
- 16:53sich das anhört. Also es gibt nach wie vor auf gesellschaftlicher Ebene, also es ist schwierig
- 16:59angesichts dieser diktatorischen, innenpolitischen Situation und auch der totalitären Ambitionen,
- 17:03die dieser Staat mittlerweile entwickelt hat, überhaupt noch von sowas wie zivilgesellschaftlichen
- 17:07Strukturen zu sprechen. Aber es gibt weiterhin gesellschaftlichen Widerstand, es gibt in winzigen
- 17:13Zellen organisierte Menschen, Aktivisten, Aktivistinnen, die versuchen sich den Krieg und
- 17:19seinen Auswirkungen auf die russische Gesellschaft entgegenzusetzen, die teilweise auch Sabotageakte
- 17:24verüben, das was man hört immer wieder von Explosionen in Rekrutierungsbüros etc. Das hat
- 17:31damit zu tun, die versuchen ukrainische Menschen, die nach Russland deportiert worden sind, zu unterstützen,
- 17:37ihnen möglich dabei zu helfen Russland wieder zu verlassen und in ihre Heimat zurückzukehren.
- 17:42Also das gibt es noch, aber man muss eben ganz klar sagen, das ist eine, in der gegenwärtigen
- 17:48politischen Situation in Russland eine marginale Erscheinung. Also ich finde es einerseits sehr
- 17:53wichtig darauf immer wieder hinzuweisen und weil sie mein Buch angesprochen haben und
- 17:58den Chauvinismusbegriff den ich verwende, also ich habe da ja auch ganz bewusst wirklich eine
- 18:03feministische Perspektive eingebaut, weil ich denke, dass Sexismus und extremes Patriarchat eine ganz
- 18:09zentrale Herrschaftsäule dieses russischen Regimes geworden sind und gleichzeitig ist der feministische
- 18:15Antikriegswiderstand in Russland weiterhin eines der Netzwerke, die wirklich weiter arbeiten und
- 18:22vergleichsweise funktionieren. Also es gibt das, aber in der gegenwärtigen Situation sowohl
- 18:27innenpolitisch als auch mit Hinblick auf den Kriegsverlauf und vor allen Dingen jetzt auch
- 18:32im Hinblick auf diese fundamentale Umwälzung im internationalen Umfeld des Krieges, die das
- 18:38Regime ja auch stärkt und zwar massiv gibt es wenig Aussicht, dass das politisch wirkmächtig
- 18:43wird, sagen wir es so. Wenn Sie das so beschreiben, dass spätestens jetzt seit Anfang 2024 so eine
- 18:49Konsolidierung erfolgt, ist auch im Februar 24 ist Alexei Navalny, der bis dahin bekannteste
- 18:56Widersacher am Putinstraflager ums Leben bekommen. Wie würden Sie das einordnen, war das quasi
- 19:01Teil der Konsolidierung oder welchen Effekt hatte das? Also der Effekt war natürlich eine Katastrophe,
- 19:07weil er das, was noch da ist, an unabhängigen politischen und zivilgesellschaftlichen Aktivismus
- 19:13in Russland, aber auch außerhalb Russlands, zutiefst demoralisiert und geschockt hat dieser
- 19:19politische Maus. Insofern hatte das natürlich einen sehr starken Effekt. Man muss den Tod Alexei Navalny
- 19:25im Zusammenhang mit der sogenannten russischen Präsidentschaftswahl im März 2024 sehen. Ich
- 19:31sage "so genannt", weil das keine Wahl im demokratischen Sinne war, sondern letztendlich ein autoritäres
- 19:36Plebisit, durch das Putin sich die nächste oder vielleicht sogar die nächsten zwei Amtszeiten
- 19:41im Kreml hat sichern lassen. Und im Vorfeld dieser Wahl, ja ich habe vorhin vom Rekonsolidierungsprozess
- 19:47des Regimes gesprochen, aber im Vorfeld dieser Wahl sah man durchaus die Ambivalenzen in der
- 19:52russischen Gesellschaft nochmal aufscheinen. Denn es gab zwei Kampagnen im Vorfeld der Wahl von
- 19:57Yekaterina Dunsova und Boris Nadirgin, die mit Antikriegspositionen angetreten sind. Die sind
- 20:02beide natürlich vom Regime zur Seite geräumt worden. Dunsova sofort im Herbst 2023 schon.
- 20:09Meine persönliche Meinung ist, dass das auch daran lag, dass das russische Regime nach dem Schock von
- 20:142020 in jedem Fall jede Form eines Tchaikovsky Effekts vermeiden wollte, also um Himmels willen,
- 20:20keine Situation zulassen, die der in Belarus 2020 ändern konnte. Boris Nadirgin ist mit seiner
- 20:26Kampagne etwas weitergekommen und plötzlich sind über 200.000 Menschen an unterschiedlichen Orten
- 20:32in Russland auf die Straße gegangen und haben ihre Namen in seine Unterschriftenlisten eingetragen,
- 20:37damit er kandidieren konnte. Diese Listen sind dann von der Zentralen Wahlkommission nicht
- 20:42anerkannt worden, war zu erwarten und er durfte nicht antreten, aber es zeigte sich einfach nochmal,
- 20:48es regt sich Widerstand auf der gesellschaftlichen Ebene und vor diesem Hintergrund war die
- 20:54Ermordung Alexej Nawalnys sowohl eine zynische Machtdemonstration als auch ein weiterer,
- 21:01massiver Einschüchterungsversuch gegenüber den Segmenten der russischen Gesellschaft,
- 21:06die ihn unterstützt haben und die sich eben gegen den Krieg und gegen diese Diktatur gewendet haben.
- 21:11Also insofern ist es sozusagen eine doppelte Botschaft und es ist auf der Seite der Repression
- 21:16Teil dieses Rekonsolidierungsprozesses, der eben auch mit Gewalt herbeigeführt worden ist.
- 21:21Wir zeichnen diesen Podcast am Montag den 24. März auf, das sage ich deswegen dazu,
- 21:31weil es heute an diesem Montag Gespräche gibt in Saudi Arabien über eine FeuER Pause zwischen
- 21:36Russland und Ukraine. Frau Fischer, sehen Sie denn eine realistische Chance für einen dauerhaften
- 21:41Wartenstillstand, der sowohl von der russischen als auch von der ukrainischen Seite akzeptiert
- 21:46werden würde? Nein, also die Trump-Administration hat in den zwei Monaten seit ihrem Amtsantritt eine
- 21:54völlig asymetrische Verhandlungssituation geschaffen zu Ungunsten der Ukraine, also sie
- 21:59haben es ja eingangs schon gesagt. Trump hat ohne jede Not eigentlich praktisch alle Verhandlungshebel,
- 22:07die er in der Hand hätte haben können, aus der Hand gegeben und hat Russland Konzessionen gemacht,
- 22:12zwingt jetzt oder übt Druck auf die Ukraine aus, damit sie Konzessionen an Moskau macht und hat
- 22:19damit eine Situation geschaffen, in der Moskau im Grunde genommen Washington nutzen kann,
- 22:24als Erfüllungsgehilfe für die eigenen Kriegsziele und gleichzeitig den Verhandlungsprozess dehnen
- 22:32und hinauszögern kann, um die eigenen maximalistischen Kriegsziele mit militärischen Mitteln weiter
- 22:37herbeizuführen. Und der dritte Aspekt ist, also man sieht das ja in der russisch-amerikanischen
- 22:44Kommunikation auch zum Beispiel nach dem Telefonat zwischen Vladimir Putin und Donald Trump letzte
- 22:50Woche, wie Russland an seinen Maximalforderungen festhält. Also wenn man sich die Statements anschaut,
- 22:57die danach veröffentlicht worden sind, da finden sich im russischen Statement das ja wesentlich
- 23:00ausführlicher und detaillierter ist als das amerikanische. Alle Maximalforderungen von der
- 23:06Einstellung der westlichen Militärhilfe als Vorbedingungen für eine vollständige Waffenruhe
- 23:10bis hin zum Regimewechsel in Anführungszeichen in Kiev ist da alles mit drin. Russland verzögert,
- 23:16nutzt diese Verzögerungen, um Washington gegenüber die eigenen Maximalforderungen zu
- 23:21vertreten und hoffentlich durchzusetzen. Und es versetzt Moskau gleichzeitig in die bequeme Lage,
- 23:26dann für den Fall, dass die Verhandlungen zusammenbrechen oder eine wie auch immer und auf
- 23:31welcher fragilen Basis auch immer vereinbarte Waffenruhe zusammenbricht, die Schuld sofort der
- 23:37Ukraine und eben Washington zuzuschieben. Also das ist aus meiner Sicht absolut keine Basis für
- 23:43eine irgendwie geartete stabile Einstellung der militärischen Auseinandersetzung. Und von Frieden
- 23:51will ich in dem Zusammenhang sowieso überhaupt nicht reden. Zum Schluss hätte ich noch eine
- 23:59persönliche Frage. Wir haben jetzt viel über die Gesellschaft in Russland gesprochen. Sie haben
- 24:03ja viele Jahre auch in Russland gelebt und haben jetzt diesen Prozess beschrieben, wie die
- 24:08Entwicklungen eigentlich auch der letzten 25 Jahre unter Putin abgelaufen sind. Haben Sie Russland
- 24:13abgeschrieben? Ich würde sagen Russland hat mich abgeschrieben. Ich arbeite weiterhin zu Russland.
- 24:19Ich bin gleichzeitig als Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Osteuropa Kunde
- 24:24mittlerweile in Russland als Mitglied des Vorstands einer in Anführungszeichen extremistischen
- 24:31Organisation eingestuft. Ich meine die DGAP ist jetzt unerwünscht der Organisation seit letzter
- 24:36Woche. Wir sind alle Ziele und Opfer dieser transnationalen Repressionen. Russland ist ein
- 24:42Containerbegriff für so viele Dinge. Ich kann da überhaupt nicht von abschreiben sprechen. Ich
- 24:49werde mich natürlich weiter mit Russland beschäftigen und auch versuchen russischen Menschen,
- 24:53deren Überzeugungen ich teile, weiter zu unterstützen. Aber ja, die Seite, die abschreibt und
- 24:59angreift und zu unterwerfen versucht, das ist die russische Seite. Das sind nicht wir. Sagt Sabine
- 25:05Fischer Osteuropa und Russland Expertin der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Wir sagen
- 25:10ganz hartlichen Dank für Ihre Einblicke. Viel Anlass zum Optimismus gibt es nicht. Das hat
- 25:14Katharina am Anfang schon richtigerweise gesagt. Wenn man auf Russland und der Putin schaut,
- 25:19das wird wohl noch eine ganze Zeit lang so weitergehen, bevor es irgendwann wieder besser
- 25:23werden mag. Frau Fischer, ganz herzlichen Dank. Ich danke Ihnen. Zum Schluss einer Episode von
- 25:33"Pott und die Welt" wollen wir ja immer so ein bisschen versuchen zu bündeln, was uns von unserem
- 25:37Gespräch besonders im Kopf geblieben ist. Katharina, was ist das denn bei dir? Ganz, ganz viel. Ich muss
- 25:43mich jetzt hier total zusammenreißen, nicht nochmal alles aufzuröseln. Also ich fand ganz
- 25:47spannend diesen Punkt, dass man das glaube ich in der aktuellen Debatte manchmal ein bisschen außer
- 25:51acht lässt, diese ideologische Nähe von Trump und Putin, dass man eben diese autokratischen
- 25:55Eigenschaften teilt. Das finde ich hilft nochmal sehr beim Verstehen, wieso dieses Zusammenrücken
- 26:00jetzt erfolgt. Und dann eben der Blick in die russische Gesellschaft, also dass der Ukrainekrieg
- 26:04da eben diese Diffomation noch weiter vorantreibt, dass es ohnehin schon so eine gewaltvolle Gesellschaft
- 26:10ist und diese Gewalt eben durch den Kriegs- rückkehrer und Traumata eben noch verstärkt wird.
- 26:15Ich fand ganz spannend den Aspekt für einen feministischen Kriegswiderstand, dass der in
- 26:19Russland eben noch vorhanden ist und auch funktioniert. Und aber insgesamt dann doch das
- 26:23Fazit ist, dass das System Putin, das System in der russischen Gesellschaft durch den Krieg in
- 26:27der ukrainisch eher noch gestärkt und gefestigt wird. Martin, wie ist es bei dir? Ja, also das
- 26:33mit der Gesellschaft, das fand ich auch krass, ehrlich gesagt, wie sich dieser Krieg eingebrannt
- 26:38hat, eingefressen in die russische Gesellschaft, der begriff dieser Monetarisierung des Krieges.
- 26:43Von Sollt, wo um Sollt in diesem Ukrainekrieg bis zu dem sogenannten Sarg Geld, was für
- 26:48ein Begriff und nekrophiler Heldenkult, solche Begriffe, das zeigt einfach wie kaputt da auch
- 26:53vieles einfach gegangen ist. Das ist einer das andere, dass wir es ja mit einer Konsolidierung
- 26:57dieses Regimes Putin zu tun haben. Also eigentlich waren wir da schon mal weiter. Das hat man
- 27:01total vergessen. Der war gar nicht immer so stark und so unangefochten wie jetzt gerade. Dass es
- 27:06kleine Zellen von Widerstand gibt, okay. Aber ich glaube, es wird eben noch eine ganze Zeit lang
- 27:11dauern und die Saat dieser Traumatisierung und all dieser Zerstörungen, dass es einfach eine
- 27:18wirklich, wirklich lange Entwicklung, die man noch mit angucken wird. Wie wir schon mehrfach gesagt
- 27:22haben, so richtig viel anders zum Optimismus gibt es dabei nicht. Aber es hilft ja nichts.
- 27:28Die nächste Folge unseres außenpolitischen Updates. Wir kommen Sie von uns in zwei Wochen. Bis dahin
- 27:38alles Gute für Sie, trotz der rauen Zeiten oder gerade deswegen. Vielen Dank fürs Zuhören.
- 27:42Ich bin Martin Bialecki. Und ich bin Katharina Peetz. Schön, dass Sie dabei waren.