Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 5 - 356-357
Transcript
- 0:00Unterkapitel 356 inwiefern es in Europa immer künstlerischer
- 0:04zugehen wird in diesem letzten Abschnitt beschreibt Nietzsche
- 0:10einen Wandel in der europäischen Gesellschaft, der dazu führt,
- 0:13dass das Leben selbst immer mehr als eine Art Kunst oder
- 0:16Schauspiel verstanden wird. Er stellt 2 gegensätzliche
- 0:19Zeitalter gegenüber in früheren traditionellen Gesellschaften,
- 0:24wie zum Beispiel im Mittelalter mit seinen Ständen und Zünften.
- 0:27Glaubten die Menschen an eine feste, vorherbestimmte Rolle im
- 0:30Leben? Der Beruf war nicht nur ein Job,
- 0:33sondern eine Bestimmung, man glaubte fest daran, für eine
- 0:36bestimmte Aufgabe geboren zu sein und sah darin keinen
- 0:40Zufall, dieser Glaube schuf eine stabile Gesellschaft mit einer
- 0:44klaren Ordnung, die Fähigkeit solcher Gesellschaften, über
- 0:48lange Zeiträume zu bestehen, sieht Nietzsche als einen Wert
- 0:51an sich im Gegensatz dazu stehen demokratische Zeitalter wie die
- 0:55Zeit des Perikles in Athen. Oder die moderne amerikanische
- 0:59und zunehmend auch europäische Gesellschaft.
- 1:02In diesen Zeiten geht der Glaube an eine feste Rolle verloren,
- 1:05stattdessen tritt ein kecker Glaube in den Vordergrund, der
- 1:09Glaube des Einzelnen, alles zu können und für jede Rolle
- 1:12geeignet zu sein, jeder versucht sich neu, improvisiert und
- 1:17experimentiert mit seinem Leben, die Natur hört auf, eine feste
- 1:21Vorgabe zu sein und wird zur Kunst, die jeder selbst
- 1:24gestaltet. Nietzsche nennt diesen Glauben
- 1:26einen Artistenglauben die Griechen der Antike waren die
- 1:30ersten, die diesen Weg einschlugen und dadurch zu
- 1:32schauspielern wurden. Sie verstanden es meisterhaft,
- 1:36sich selbst und die Welt zu inszenieren.
- 1:38Er befürchtet, dass die modernen Menschen genau den gleichen Weg
- 1:41gehen, sobald ein Mensch entdeckt, dass er eine Rolle
- 1:44spielen kann, wird er zum Schauspieler.
- 1:48Diese Entwicklung hat jedoch eine Schattenseite, wenn jeder
- 1:52zum Schauspieler wird, geht die Fähigkeit verloren.
- 1:55Große, beständige Werke zu schaffen Nietzsche meint damit
- 1:59nicht nur Kunstwerke, sondern vor allem auch stabile
- 2:01Gesellschaften und Kulturen. Es fehlt der Mut, Pläne zu
- 2:05machen, die Jahrtausende überdauern, es stirbt der Glaube
- 2:09aus, dass der Mensch nur als Stein in einem großen Baue einen
- 2:12Wert hat, also als Teil eines größeren Ganzen.
- 2:16Die Baumeister, die großen Organisatoren und Gestalter von
- 2:20Kulturen werden selten an ihre Stelle treten, die Schauspieler.
- 2:25Das Ergebnis ist, dass eine Gesellschaft im traditionellen
- 2:28Sinne nicht mehr gebaut werden kann.
- 2:30Es fehlt das feste Material. Wir alle, so seine ernüchternde
- 2:34Diagnose, sind kein Material mehr für eine Gesellschaft.
- 2:38Diese Wahrheit, sagt er, ist an der Zeit, er macht sich über die
- 2:43Sozialisten lustig, die von einer freien Gesellschaft
- 2:46träumen, eine solche Gesellschaft, so spottet er,
- 2:49müsste man aus hölzernem Eisen bauen.
- 2:52Also aus einem Material, das es nicht gibt und das in sich
- 2:56widersprüchlich ist. Genau wie die modernen Menschen,
- 2:59die gleichzeitig Individuen und Gemeinschaft sein wollen.
- 3:03Unterkapitel 357 zum alten Probleme was ist Deutsch in
- 3:12diesem Abschnitt beschäftigt sich Nietzsche mit der Frage,
- 3:15was den deutschen Geist im Kern ausmacht.
- 3:18Er tut dies, indem er die Errungenschaften berühmter
- 3:20deutscher Philosophen betrachtet und fragt, ob ihre Ideen
- 3:23wirklich typisch deutsch sind oder vielleicht eher eine
- 3:26Ausnahme darstellen. Nietzsche beginnt mit dem
- 3:29Philosophen Leibniz Leibniz erkannte, dass unser
- 3:32Bewusstsein, also das, was wir bewusst denken und wahrnehmen,
- 3:36nur ein kleiner Teil unseres gesamten geistigen Lebens ist.
- 3:40Vieles in uns geschieht unbewusst.
- 3:43Nietzsche fragt sich, ob ein Lateiner, also jemand aus dem
- 3:46romanischen Kulturkreis. Auf eine solch tiefgründige Idee
- 3:49über das Innenleben des Menschen gekommen wäre.
- 3:52Er deutet an, dass diese nach innen gerichtete Sichtweise
- 3:55etwas typisch deutsches sein könnte.
- 3:57Als nächstes nennt er Immanuel Kant, Kant hat den Begriff der
- 4:02Kausalität, also die Vorstellung, dass jede Wirkung
- 4:05eine Ursache hat, grundlegend in Frage gestellt, er bezweifelte
- 4:09nicht, dass es Ursache und Wirkung gibt, aber er grenzte
- 4:12den Bereich ein, in dem wir sinnvoll davon sprechen können.
- 4:15Er machte uns klar, dass unsere Art, die Welt in Ursache und
- 4:18Wirkung zu sehen, vielleicht mehr über unseren Verstand
- 4:21aussagt als über die Welt selbst.
- 4:23Auch hier sieht Nietzsche einen Ausdruck deutscher Tiefe und des
- 4:26Zweifels an scheinbar selbstverständlichem.
- 4:29Dann kommt er zu Georg Wilhelm Friedrich Hegel.
- 4:33Hegel brachte die revolutionäre Idee ein, dass sich Begriffe und
- 4:36Ideen historisch entwickeln, er sah die Geschichte nicht als
- 4:40eine zufällige Abfolge von Ereignissen, sondern als einen
- 4:43logischen Prozess. Nietzsche argumentiert, dass
- 4:46ohne Hegels Vorarbeit die Evolutionstheorie von Charles
- 4:49Darwin nicht denkbar gewesen wäre.
- 4:52Hegel führte den entscheidenden Begriff der Entwicklung in das
- 4:55wissenschaftliche Denken ein, dies, so Nietzsche, sei ein
- 4:59zutiefst deutscher Gedanke, weil die Deutschen instinktiv mehr
- 5:02Sinn für das werden und die historische Entwicklung hätten
- 5:05als für das Starre sein bei allen 3 Denkern Leibniz, Kant
- 5:10und Hegel. Kommt Nietzsche zu dem Schluss,
- 5:13dass ihre Ideen tatsächlich etwas typisch deutsches
- 5:15offenbaren? Sie sind Ausdruck einer
- 5:18deutschen Selbsterkenntnis und zeigen, dass die innere Welt der
- 5:21Deutschen Reicher, verborgener und tiefgründiger ist als die
- 5:24anderer Völker. Doch dann wendet sich das Blatt
- 5:27mit dem vierten Philosophen Arthur Schopenhauer.
- 5:31Schopenhauer war ein Pessimist, das bedeutet, er sah das Leben
- 5:35als grundsätzlich leidvoll an und stellte den Wert des Daseins
- 5:38in Frage, Nietzsche fragt. Ist dieser Pessimismus auch
- 5:42typisch deutsch? Er verneint das entschieden, für
- 5:46ihn ist schoppenhauers Atheismus, also sein Glaube,
- 5:48dass es keinen Gott gibt, kein deutsches, sondern ein
- 5:51europäisches Ereignis. Es ist das Ergebnis eines langen
- 5:55Prozesses, in dem die christliche Moralität sich am
- 5:58Ende selbst besiegt hat, die christliche Lehre hat über
- 6:01Jahrhunderte die Wahrheit als höchsten Wert gepriesen, dieser
- 6:05unbedingte Wille zur Wahrheit, so Nietzsche, führte schließlich
- 6:08dazu. Dass auch der Glaube an Gott als
- 6:10eine Lüge entlarvt wurde. Schopenhauer war der erste
- 6:14deutsche Philosoph, der diesen Schritt konsequent und ohne
- 6:17Ausreden vollzog, damit war er aber laut Nietzsche kein
- 6:21typischer Deutscher seiner Zeit, im Gegenteil, Denker wie Hegel
- 6:25hatten noch versucht, den Glauben durch die Hintertür der
- 6:28Geschichte zu retten, Nietzsche schließt den Abschnitt mit der
- 6:31Feststellung, dass Schopenhauer als radikaler Atheist und als
- 6:35jemand, der die Sinnfrage des Daseins stellte, ein guter
- 6:38Europäer war, aber eben kein typischer Deutscher.
- 6:42Die Deutschen seiner Zeit hätten sich dieser unbequemen Frage
- 6:44noch nicht wirklich gestellt.