Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Fünftes Hauptstück - 270-274
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- 0:00Unterkapitel 270 die Kunst zu lesen Nietzsche stellt fest,
- 0:08dass jede starke geistige Richtung dazu neigt, einseitig
- 0:10zu sein. Sie schließt andere Richtungen
- 0:13aus und folgt einer geraden Linie.
- 0:15Das unterscheidet starke Naturen von Schwachen, die sich unsicher
- 0:19hin und herbewegen, er wendet dies auf die Philologen an,
- 0:23Philologen sind sprach und Literaturwissenschaftler, die
- 0:26sich mit alten Texten beschäftigen.
- 0:28Nietzsche sagt, man müsse ihnen ihre Einseitigkeit nachsehen,
- 0:31denn sie haben etwas sehr Wichtiges erreicht.
- 0:34Sie haben die Kunst des richtigen Lesens
- 0:36wiederhergestellt. Über Jahrhunderte hinweg wurde
- 0:39diese Kunst von einer Zunft betrieben, bis man endlich die
- 0:42richtigen Methoden fand. Nietzsche kritisiert das gesamte
- 0:46Mittelalter, weil es unfähig war, Texte streng und genau zu
- 0:49erklären. Im Mittelalter hat man Texte
- 0:52nicht einfach so verstanden, wie der Autor sie gemeint hat,
- 0:54sondern man hat alles mögliche hineininterpretiert.
- 0:58Nietzsche betont, wie wertvoll Es ist, Methoden zu finden, um
- 1:01Texte korrekt zu verstehen. Man darf das nicht
- 1:04unterschätzen, die gesamte Wissenschaft hat erst dadurch
- 1:07Beständigkeit und Sicherheit gewonnen, dass die Kunst des
- 1:10richtigen Lesens, also die Philologie, ihren Höhepunkt
- 1:13erreicht hat. Unterkapitel 271 die Kunst zu
- 1:19schließen hier spricht Nietzsche über den größten Fortschritt,
- 1:24den die Menschheit gemacht hat, das logische Schließen.
- 1:28Schließen bedeutet hier, aus Beobachtungen und Fakten die
- 1:32richtigen logischen Folgerungen zu ziehen.
- 1:34Nietzsche widerspricht dem Philosophen Arthur Schopenhauer
- 1:38Schopenhauer glaubte, dass logisches Denken dem Menschen
- 1:40angeboren und natürlich sei, Nietzsche hingegen sagt, dass
- 1:45das logische Schließen eine Kunst ist, die spät erlernt
- 1:47wurde und die auch heute noch nicht jeder beherrscht.
- 1:51In früheren Zeiten war das falsche Schließen die Regel, die
- 1:55Menschen haben Dinge falsch miteinander verknüpft.
- 1:58Nietzsche sieht den Beweis dafür in den Mythologien, im
- 2:00Aberglauben, in der Magie und im religiösen Kult aller Völker.
- 2:05All diese Bereiche basieren auf falschen logischen Schlüssen,
- 2:09die Fähigkeit, richtig und logisch zu denken, ist also
- 2:11keine natürliche Gabe, sondern eine mühsam erlernte kulturelle
- 2:15Errungenschaft. Unterkapitel, 272, Jahresringe
- 2:22der individuellen Kultur. Nietzsche verwendet hier das
- 2:27Bild von Jahresringen eines Baumes, um die geistige
- 2:29Entwicklung des Menschen zu beschreiben.
- 2:32Er sagt, dass die geistige Leistungsfähigkeit nicht nur von
- 2:35der angeborenen Begabung abhängt, sondern auch von der
- 2:38Spannkraft, das ist die Energie oder der innere Antrieb, er
- 2:43beobachtet, dass viele junge, gebildete Menschen um das 30.
- 2:46Lebensjahr herum eine Art Stillstand erleben, sie gehen
- 2:50geistig zurück, etwa zu dem Punkt, an dem sie als
- 2:53Gymnasiasten standen. Sie haben keine Lust mehr auf
- 2:56neue geistige Wendungen. Deshalb ist es für die Kultur
- 2:59notwendig, dass immer wieder eine neue Generation nachwächst.
- 3:03Aber auch diese neue Generation kommt nicht sehr weit, der Sohn
- 3:07muss erst den kulturellen Stand erreichen, den der Vater hatte,
- 3:11als er den Sohn zeugte. Dabei verbraucht der Sohn fast
- 3:14seine ganze Energie, nur mit einem kleinen Rest an Energie
- 3:18kann er einen Schritt weiter gehen als der Vater.
- 3:22Nietzsche erklärt, dass sehr energiereiche Männer wie zum
- 3:24Beispiel Goethe in ihrem Leben eine Entwicklung durchmachen,
- 3:28für die normale Menschen 4 Generationen bräuchten, weil
- 3:31solche Menschen so schnell vorankommen, überholen sie die
- 3:34anderen, die anderen Menschen holen sie erst viel später,
- 3:38vielleicht erst im nächsten Jahrhundert ein.
- 3:40Nietzsche beschreibt dann die üblichen Phasen der geistigen
- 3:43Entwicklung, die ein Mensch heute durchläuft.
- 3:46Diese Phasen spiegeln die Geschichte der Menschheit wider.
- 3:49Zuerst als Kind etwa bis zum 10. Lebensjahr, ist der Mensch
- 3:53religiös bewegt und empfindet diese Dinge sehr lebhaft.
- 3:57Danach werden diese religiösen Formen schwächer und gehen in
- 4:00Pantheismus über, das ist die Vorstellung, dass Gott in allem
- 4:04ist, nicht als Person, sondern als Natur.
- 4:07In dieser Phase nähert sich der Mensch der Wissenschaft, dann
- 4:11kommt eine Phase, in der man Gott und Unsterblichkeit ganz
- 4:14hinter sich lässt, aber vielleicht in die Fänge einer
- 4:17metaphysischen Philosophie gerät.
- 4:19Metaphysik bezeichnet hier philosophische Lehren, die
- 4:22hinter der physischen Welt noch eine andere, wahrere Welt
- 4:26vermuten. Schließlich wird auch diese
- 4:28Philosophie unglaubwürdig. Die Kunst scheint dann mehr zu
- 4:32bieten, aber auch das ist nur eine Übergangsphase, die Kunst
- 4:36und die metaphysische Stimmung halten eine Weile an oder kommen
- 4:40als Rückfall wieder, aber am Ende wird der wissenschaftliche
- 4:43Sinn immer stärker, er führt den erwachsenen Mann zur
- 4:46Naturwissenschaft, zur Geschichte.
- 4:49Und zur strengsten Art der Erkenntnis.
- 4:52Die Kunst wird dann nur noch als etwas mildes und anspruchsloses
- 4:55nebenbei geduldet. Nietzsche fasst zusammen all
- 4:59diese Entwicklungen, die in der Geschichte der Menschheit
- 5:02vielleicht 30000 Jahre gedauert haben, durchläuft ein einzelner
- 5:05Mann heute in seinen ersten 30 Lebensjahren, es ist wie eine
- 5:10Rekapitulation, also eine Wiederholung eines riesigen
- 5:14Lernpensums im Schnelldurchlauf. Unterkapitel 273 zurückgegangen
- 5:23nicht zurückgeblieben in diesem Abschnitt beschreibt Nietzsche
- 5:28eine besondere Art der persönlichen Entwicklung.
- 5:31Er spricht von einem Menschen, der sein geistiges Leben noch
- 5:34einmal bei den alten, traditionellen Empfindungen
- 5:36beginnt, das bedeutet, dieser Mensch beschäftigt sich zunächst
- 5:40intensiv mit Religion und später mit Metaphysik, also der Lehre
- 5:45von den Dingen, die hinter der physikalischen Welt liegen.
- 5:48Wie etwa Gott oder das Jenseits und der Kunst.
- 5:52Erst nach dieser Phase wendet er sich dem strengen, kritischen
- 5:55Denken der Wissenschaft zu. Auf den ersten Blick wirkt es
- 5:58so, als hätte dieser Mensch einen Rückschritt gemacht, er
- 6:01hat sich sozusagen zurückgezogen, während andere
- 6:04moderne Menschen direkt in die heutige Zeit hineingeboren
- 6:07wurden und diese alten Stufen übersprungen haben.
- 6:10Nietzsche erklärt jedoch, dass dieser scheinbare Rückschritt
- 6:13ein Vorteil ist. Dadurch, dass dieser Mensch sich
- 6:16in den Bereichen der Religion und Kunst aufgehalten hat,
- 6:19konnte er eine gewaltige innere Kraft und Energie ansammeln.
- 6:23Nietzsche vergleicht dies mit einem vulkanischen Strom oder
- 6:26einer Glut, diese Energie und Wärme nimmt der Mensch nun mit,
- 6:30wenn er sich der kühlen, sachlichen Wissenschaft
- 6:32zuwendet, sobald dieser Mensch den Bereich der alten
- 6:35Traditionen verlässt, bewegt er sich schneller vorwärts als
- 6:38andere, seine Füße sind beflügelt.
- 6:41Und er hat einen längeren Atem, weil er gelernt hat, ruhig und
- 6:45ausdauernd zu sein. Nietzsche benutzt hier das Bild
- 6:48eines Springers, der Mensch ist nur zurückgetreten, um Anlauf zu
- 6:52nehmen, er nimmt diesen Anlauf, um einen gewaltigen Sprung zu
- 6:56machen, der ihn weiterbringt als diejenigen, die nie
- 6:59zurückgegangen sind, sein Scheinbares zurückbleiben ist in
- 7:02Wahrheit eine Vorbereitung für einen großen Fortschritt,
- 7:06Unterkapitel, 274. Ein Ausschnitt unseres selbst
- 7:12als künstlerisches Objekt. Nietzsche spricht hier über ein
- 7:16Merkmal einer hochentwickelten Kultur.
- 7:19Er sagt, dass gebildete Menschen die Fähigkeit besitzen,
- 7:22bestimmte Phasen ihrer eigenen Entwicklung bewusst
- 7:24festzuhalten. Viele Menschen durchleben ihre
- 7:27Entwicklungsschritte gedankenlos und vergessen Sie dann einfach,
- 7:30als würden sie diese von einer Tafel wischen.
- 7:33Der kulturell höher stehende Mensch hingegen kann einen Teil
- 7:36seines eigenen Lebens isolieren, also abtrennen.
- 7:39Und ihn wie ein Gemälde betrachten.
- 7:41Das nennt Nietzsche ein künstlerisches Objekt.
- 7:44Man benötigt dazu die Fähigkeit der Malerei im übertragenen
- 7:47Sinne, also die Gabe, ein getreues Bild von einem Zustand
- 7:51zu entwerfen. Um dies zu können, ist das
- 7:54Studium der Geschichte sehr wichtig, historische Studien
- 7:58trainieren uns darin, bei einem bestimmten Anlass, zum Beispiel
- 8:01beim Betrachten eines Bruchstücks aus der Geschichte.
- 8:04Oder beim Beobachten eines anderen Menschen sofort ein
- 8:07ganzes System von Gedanken und Gefühlen wiederherzustellen.
- 8:11Nietzsche vergleicht das mit Archäologen, die aus ein paar
- 8:13Säulenresten den Eindruck eines ganzen Tempels rekonstruieren
- 8:16können, das nennt man den historischen Sinn, das Ergebnis
- 8:21dieser Fähigkeit ist zweifach. Erstens verstehen wir unsere
- 8:25Mitmenschen besser, wir sehen Sie als Vertreter bestimmter
- 8:28Kulturen oder Entwicklungsstufen, die
- 8:30notwendig so sind, wie sie sind, sich aber auch verändern können.
- 8:34Zweitens können wir Teile unserer eigenen Entwicklung
- 8:37herausnehmen, sie vor uns hinstellen und sie eigenständig
- 8:40betrachten, fast so, als wären sie Kunstwerke.
- 8:44Wir lernen uns selbst besser kennen, indem wir unsere
- 8:46vergangenen Ichs wie Ausstellungsstücke betrachten.