Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Ecce Homo - 1: Warum ich so weise bin. 2-3
Transcript
- 0:00Echse homo, wie man wird, was man ist Unterkapitel 1.
- 0:05Warum ich so Weise bin Abschnitt 2 Nietzsche fährt fort und
- 0:13erklärt, dass er, obwohl er ein Mensch des Verfalls, ein Dékadon
- 0:16ist, gleichzeitig auch dessen genaues Gegenteil darstellt.
- 0:20Er beweist dies damit, dass er sich instinktiv immer für die
- 0:23richtigen Heilmittel gegen seine schlimmen Zustände entschied,
- 0:27ein Echter durch und durch verfallender Mensch.
- 0:29Würde nämlich genau die Mittel wählen, die ihm weiter schaden.
- 0:33Alles in allem betrachtet war Nietzsche also gesund, nur in
- 0:36besonderen Ausprägungen war er krank, seine Fähigkeit, sich
- 0:40vollkommen in die Einsamkeit zurückzuziehen, sich aus
- 0:43gewohnten Verhältnissen herauszulösen und sich nicht
- 0:45mehr bedienen oder ärztlich behandeln zu lassen, zeigt für
- 0:48ihn eine unbedingte Sicherheit seines Instinkts.
- 0:51Mit Instinkt meint Nietzsche jene tiefe, unbewusste,
- 0:55körperliche und geistige Antriebskraft.
- 0:57Die bei einem gesunden Menschen immer genau weiß, was gut und
- 1:00richtig für ihn ist, ohne dass er darüber nachdenken muss.
- 1:04Er wusste instinktiv, was damals für ihn am nötigsten war, er
- 1:08nahm sich selbst in die Hand und machte sich selbst wieder
- 1:10gesund, er stellt die Regel, auf der jeder Naturwissenschaftler
- 1:14zustimmen würde, um sich selbst heilen zu können, muss man im
- 1:18Grunde seines Wesens gesund sein, ein Mensch, der von Natur
- 1:22aus typisch krankhaft ist, kann nicht gesund werden und sich
- 1:25schon gar nicht selbst heilen. Für einen echten, Gesunden
- 1:29hingegen kann eine Zeit der Krankheit sogar ein starker
- 1:31Antrieb zum Leben sein. Ein Reiz, noch intensiver leben
- 1:35zu wollen. So blickt Nietzsche heute auf
- 1:38seine lange Krankheitszeit zurück.
- 1:40Durch die Krankheit entdeckte er das Leben neu, sich selbst
- 1:43eingeschlossen, er begann alle guten und selbst die kleinsten
- 1:47Dinge des Lebens so intensiv zu schmecken und zu genießen, wie
- 1:51andere es kaum können, er formte aus seinem eigenen Willen zur
- 1:54Gesundheit. Und seinem Willen zum Leben.
- 1:57Seine ganze Philosophie. Er weist darauf hin, dass er
- 2:00genau in den Jahren seiner geringsten Lebenskraft aufhörte,
- 2:04ein Pessimist zu sein, der Pessimismus ist die
- 2:07philosophische Grundhaltung, die das Leben als schlecht, leidvoll
- 2:11und sinnlos betrachtet, sein innerer Trieb zur
- 2:14Wiederherstellung seiner Gesundheit verbot ihm eine
- 2:16Philosophie, die Mutlosigkeit und innere Armut predigt.
- 2:21Wie erkennt man nun, ob ein Mensch im tiefsten Inneren gut
- 2:24geraten und wohlgeformt ist? Nietzsche nennt dies die
- 2:28Wohlgeratenheit. Ein wohlgeratener Mensch tut
- 2:31unseren Sinnen gut, er ist wie aus einem Holz geschnitzt, das
- 2:35gleichzeitig hart, zart und wohlriechend ist.
- 2:38Einem solchen Menschen schmeckt nur das, was ihm auch wirklich
- 2:41gut tut, sein Genuss und seine Lust hören genau dort auf, wo
- 2:45das Maß des Gesunden überschritten wird.
- 2:48Ein wohlgeratener Mensch findet intuitiv Heilmittel gegen
- 2:51Verletzungen und nutzt selbst schlimme Zufälle zu seinem
- 2:54eigenen Vorteil. Hier verwendet Nietzsche seinen
- 2:57weltberühmten Gedanken. Was ihn nicht umbringt, macht
- 3:00ihn stärker. Er meint damit, dass eine starke
- 3:03Natur Widerstände, Schmerzen und Krisen in neues Wachstum und
- 3:08neue Kraft verwandeln kann. Dieser wohlgeratene Mensch
- 3:12sammelt instinktiv aus allem, was er sieht, hört, und er lebt
- 3:16seine eigene Kraft zusammen, er wählt streng aus, was er an sich
- 3:20heran lässt und lässt vieles einfach an sich abtropfen.
- 3:24Er befindet sich immer in der Gesellschaft, die er selbst
- 3:26wählt, egal ob es sich um Bücher, Menschen oder
- 3:30Landschaften handelt. Er ehrt die Dinge, indem er sie
- 3:33auswählt, zulässt und ihnen vertraut auf jede Art von Reizen
- 3:38reagiert ein solcher Mensch langsam mit einer Bedächtigen
- 3:41Vorsicht und einem bewussten Stolz, den er sich selbst
- 3:44anerzogen hat, er prüft jeden Reiz, der auf ihn zukommt und
- 3:48rennt ihm nicht blindlings entgegen, er glaubt weder an
- 3:52blindes Unglück noch an moralische Schuld.
- 3:55Der Begriff der Schuld ist für Nietzsche eine erfundene,
- 3:58krankhafte Idee der herkömmlichen Moral, die den
- 4:01Menschen nur schwächt. Der starke Mensch wird
- 4:04stattdessen mit sich und mit anderen fertig, er weiß, wie man
- 4:07vergisst, und er ist stark genug, dass am Ende alles zu
- 4:11seinem besten ausgeht, mit all diesen Eigenschaften, fasst
- 4:14Nietzsche zusammen, er ist das genaue Gegenstück zu einem
- 4:18verfallenden, kranken Menschen, denn er hat soeben sich selbst
- 4:22beschrieben. Abschnitt 3 Nietzsche beginnt
- 4:28diesen Abschnitt mit einem Rückblick auf seinen Vater.
- 4:31Er betrachtet es als ein großes Vorrecht, einen solchen Vater
- 4:34gehabt zu haben. Sein Vater war Pfarrer am Hof
- 4:38von Altenburg und verbrachte seine letzten Jahre als
- 4:40Landpfarrer, die Bauern, denen er predigte, sagten über ihn,
- 4:44dass sowohl ein Engel aussehen müsse.
- 4:48Von diesem Vater ausgehend kommt Nietzsche auf das Thema seiner
- 4:51Herkunft und seiner Rasse zu sprechen.
- 4:53Er behauptet von sich selbst, er sei ein reinblütiger polnischer
- 4:57Adliger, er verwendet hierfür den Begriff polnischer Edelmann
- 5:01pur, sang, was so viel bedeutet wie ein Adliger von
- 5:04Allerreinstem Blut. Nietzsche betont stark, dass ihm
- 5:08nicht ein einziger Tropfen schlechten Blutes beigemischt
- 5:10sei und schon gar kein deutsches Blut.
- 5:14Nietzsche nutzt diese Behauptung polnischer Vorfahren oft, um
- 5:17sich von den Deutschen, die er häufig kritisiert, deutlich
- 5:20abzugrenzen. Wenn Nietzsche nach dem denkbar
- 5:22größten Gegensatz zu sich selbst sucht, nach der
- 5:25Unberechenbarsten Gemeinheit in den innersten Instinkten, dann
- 5:28findet er diesen Gegensatz ausgerechnet in seiner eigenen
- 5:31Mutter und in seiner Schwester, er empfindet es als eine
- 5:35regelrechte Beleidigung seiner eigenen göttlichen Natur, wenn
- 5:38er glauben müsste, dass er mit solchem Gesindel.
- 5:41Er nennt sie auf französisch Kanäle, was so viel wie Pöbel
- 5:45oder Abschaum bedeutet. Verwandt sei die Art und Weise,
- 5:49wie seine Mutter und seine Schwester ihn behandeln, flößt
- 5:52ihm bis zum heutigen Tag ein unsägliches Grauen ein.
- 5:56Er beschreibt ihr Verhalten als eine vollkommene Höllenmaschine,
- 6:00sie wüssten mit absoluter Unfehlbarer Sicherheit genau den
- 6:03Moment abzupassen, in dem sie ihn am tiefsten und blutigsten
- 6:07verletzen können. Das passiert besonders in seinen
- 6:10verwundbarsten Augenblicken, in denen ihm die Kraft fehlt, sich
- 6:13gegen dieses von ihm sogenannte giftige Gewürm zu wehren.
- 6:18Nietzsche verwendet an dieser Stelle den lateinischen Ausdruck
- 6:21disharmonia Prestabilita, das ist eine ironische Anspielung
- 6:25auf den berühmten philosophischen Begriff der
- 6:27Prästabilierten Harmonie des Philosophen Leibniz, welcher
- 6:30besagt, dass Gott die Welt in vollkommener Übereinstimmung
- 6:33erschaffen hat. Nietzsche dreht diesen Begriff
- 6:36um und sagt. Zwischen ihm und seiner Familie
- 6:39herrscht eine von vornherein festgelegte absolute
- 6:41Unstimmigkeit und tiefe seelische Unverträglichkeit, die
- 6:45sich sogar körperlich auswirkt. Er gesteht, dass der tiefste
- 6:49Einwand gegen seinen wichtigsten eigenen Gedanken immer seine
- 6:52Mutter und seine Schwester sind. Dieser wichtigste Gedanke ist
- 6:56die ewige Wiederkunft, das ist Nietzsches philosophische
- 7:00Grundidee, dass sich das gesamte Leben mit all seinen Freuden und
- 7:03Leiden. Unendlich oft exakt gleich
- 7:06wiederholen wird die Vorstellung auch seine Mutter und seine
- 7:10Schwester ewig wieder ertragen zu müssen, empfindet er als
- 7:13abgründig und schrecklich. Nietzsche führt weiter aus, dass
- 7:17er als angeblicher Pole ein ungeheurer Atavismus sei, ein
- 7:21Atavismus, bezeichnet in der Biologie das plötzliche
- 7:24Wiederauftreten von uralten Merkmalen, die eigentlich schon
- 7:27vor vielen Generationen verschwunden waren.
- 7:30Er meint damit, dass man in der Geschichte Jahrhunderte
- 7:33zurückgehen müsste. Um eine so vornehme und Instinkt
- 7:35reine Rasse auf der Erde zu finden, wie er sie in seiner
- 7:38eigenen Person darstellt, gegenüber allem, was sich
- 7:41heutzutage adlig oder vornehm nennt, empfindet er ein
- 7:44überlegenes Gefühl der Besonderheit und Abgrenzung.
- 7:48Er spitzt dies zu, indem er sagt, dass er dem jungen
- 7:50deutschen Kaiser nicht einmal die Ehre erweisen würde, ihn als
- 7:53seinen eigenen Kutscher einzustellen.
- 7:56Es gibt für Nietzsche nur einen einzigen Fall, in dem er
- 7:59jemanden als ihm ebenbürtig anerkennt.
- 8:02Und er bekennt dies mit tiefer Dankbarkeit.
- 8:05Frau Cosima Wagner, die Ehefrau des Komponisten Richard Wagner,
- 8:09sei die bei weitem vornehmste Natur, um nicht zu wenig zu
- 8:12sagen, fügt er hinzu, dass auch Richard Wagner, der ihm am
- 8:15meisten verwandte Mann gewesen sei, über alle anderen Menschen
- 8:19hüllt er sich in Schweigen, für Nietzsche sind alle allgemein
- 8:23gültigen Vorstellungen über familiäre Verwandtschaft
- 8:26völliger biologischer Unsinn, der nicht mehr überboten werden
- 8:29könne. Er lehnt die Idee ab, dass man
- 8:32seinen eigenen Eltern innerlich verwandt sei.
- 8:35Für ihn wäre es das äußerste Zeichen von Gemeinheit, seinen
- 8:38Eltern wirklich ähnlich zu sein. Er ist der Überzeugung, dass
- 8:42höhere und außergewöhnliche Naturen ihren eigentlichen
- 8:45Ursprung unendlich viel weiter zurück in der Vergangenheit
- 8:48haben, um einen so großen Menschen hervorzubringen, musste
- 8:52die Natur über lange Zeiträume hinweg Eigenschaften sammeln,
- 8:56Sparen und anhäufen, daher sagt er.
- 9:00Die großen Individuen sind eigentlich die ältesten
- 9:02Menschen, so meint er scherzhaft, dass vielleicht
- 9:05Julius Cäsar sein wahrer geistiger Vater sein könnte oder
- 9:08vielleicht Alexander der Große, den er als leibhaften Dionysos
- 9:12bezeichnet. Dionysos ist der antike
- 9:15griechische Gott des Weines, des Rausches und der unbändigen
- 9:18Lebenskraft, mit dem Nietzsche sich geistig stark
- 9:20identifiziert, passenderweise, so bemerkt Nietzsche.
- 9:24Bringt ihm die Post genau in dem Moment, in dem er diese Zeilen
- 9:27schreibt, eine Büste dieses Gottes Dionysos?