Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 2 - 79-85
Transcript
- 0:00Unterkapitel 79 Reiz der Unvollkommenheit hier beschreibt
- 0:07Nietzsche einen bestimmten Typus von Dichter, der durch seine
- 0:10Unvollkommenheit einen größeren Reiz ausübt als durch alles, was
- 0:14ihm perfekt gelingt. Das Werk dieses Dichters, so
- 0:18Nietzsche, drückt niemals vollständig aus, was er
- 0:20eigentlich sagen oder zeigen möchte, es scheint, als hätte er
- 0:24nur einen flüchtigen Vorgeschmack einer großen Vision
- 0:27gehabt. Aber die Vision selbst nie ganz
- 0:30erreicht. Was jedoch in seiner Seele
- 0:32zurückbleibt, ist eine ungeheure Lüsternheit nach dieser Vision,
- 0:38aus dieser unerfüllten Sehnsucht schöpft er seine ebenso
- 0:41ungeheure Beredsamkeit des Verlangens und Heißhungers mit
- 0:46dieser leidenschaftlichen Sprache hebt er seine Zuhörer
- 0:49über sein eigenes Werk und alle anderen Werke hinaus.
- 0:53Er verleiht ihnen Flügel, um so hoch zu steigen, wie Zuhörer es
- 0:56normalerweise nie tun. Auf diese Weise werden die
- 1:00Zuhörer selbst zu Dichtern und sehern, sie bewundern den
- 1:04Urheber ihres Glücks so, als hätte er sie direkt zu seinem
- 1:07heiligsten und letzten geführt, als hätte er sein Ziel wirklich
- 1:11erreicht und seine Vision gesehen und mitgeteilt, seinem
- 1:15Ruhm, so schließt Nietzsche, kommt es also zugute, dass er
- 1:19nicht wirklich an sein Ziel gekommen ist.
- 1:22Gerade die Andeutung, die Sehnsucht und die
- 1:24Unvollkommenheit sind es, die eine tiefere und inspirierendere
- 1:28Wirkung haben als ein perfekt abgeschlossenes Werk unter
- 1:33Kapitel 80 Kunst und Natur. Nietzsche beginnt mit der
- 1:39Beobachtung, dass die alten Griechen, besonders die Athener,
- 1:42es liebten, gute und schöne Reden zu hören, dieser Hang zum
- 1:46Gut formulierten Wort war so stark, dass sie ihn sogar von
- 1:49der Leidenschaft auf der Theaterbühne verlangten.
- 1:52Sie genossen die Unnatürlichkeit des dramatischen Verses in der
- 1:57Natur, also im wirklichen Leben, ist die Leidenschaft ja oft
- 2:00wortkarg, stumm und verlegen, oder wenn sie Worte findet, sind
- 2:05diese oft verwirrt und unvernünftig.
- 2:08Wir modernen Menschen, so Nietzsche, haben uns dank der
- 2:11Griechen an diese Unnatur auf der Bühne gewöhnt, genauso wie
- 2:15wir uns dank der Italiener an die singende Leidenschaft in der
- 2:18Oper gewöhnt haben. Es ist ein menschliches
- 2:21Bedürfnis geworden, dass die Wirklichkeit nicht befriedigen
- 2:23kann. Menschen in den schwierigsten
- 2:26Lebenslagen gut und ausführlich reden zu hören.
- 2:29Es entzückt uns, wenn der tragische Held selbst am Abgrund
- 2:33des Lebens noch Worte, Gründe und geistreiche Gedanken findet,
- 2:36während der wirkliche Mensch in so einer Lage den Kopf und die
- 2:40Sprache verliert. Diese Abweichung von der Natur
- 2:43ist, so Nietzsche, vielleicht der größte Stolz des Menschen,
- 2:47deswegen liebt der Mensch die Kunst.
- 2:49Als Ausdruck einer hohen heldenhaften Unnatürlichkeit.
- 2:53Er kritisiert in diesem Zusammenhang die berühmte
- 2:56Theorie des Aristoteles, wonach die griechische Tragödie vor
- 2:59allem Furcht und Mitleid, Jammer und Schaudern erregen sollte.
- 3:04Nietzsche widerspricht vehement der Athener ging ins Theater, um
- 3:08schöne Reden zu hören und um schöne Reden ging es auch den
- 3:12Dichtern, wie Sophokles in der ernsten Oper, fährt er fort, sei
- 3:17es ganz ähnlich. Die Meister dieser Kunst wollen
- 3:20gar nicht, dass man ihre Personen versteht.
- 3:23Es geht nicht um die Worte, sondern um den Ton, um die
- 3:27Musik. Diese schöne Unnatürlichkeit ist
- 3:30der Grund, warum man in die Oper geht, am Ende wendet er diesen
- 3:34Gedanken auf die Kunst von Richard Wagner an, seinem
- 3:37Zeitgenossen, er fragt ironisch, wie verhält es sich mit Wagner,
- 3:42vielleicht anders oft, so scheint es Nietzsche.
- 3:46Müsse man bei Wagner Wort und Musik schon vor der Aufführung
- 3:49auswendig gelernt haben, denn währenddessen höre man weder die
- 3:53Worte noch die Musik. Richtig, es ist eine spitze
- 3:56Kritik an der aus seiner Sicht überladenen und unklaren Kunst.
- 4:00Wagners Unterkapitel 81 Griechischer Geschmack in diesem
- 4:07sehr kurzen Abschnitt macht Nietzsche eine Beobachtung über
- 4:10die alten Griechen. Er erzählt von einem
- 4:13Landvermesser, der nach dem Besuch einer Aufführung des
- 4:16antiken Stücks Iphigenie sagt. Daran ist nichts Schönes, denn
- 4:21es wird nichts bewiesen. Nietzsche stellt das dem
- 4:24griechischen Tragödiendichter Sophokles gegenüber, bei
- 4:28Sophokles, so Nietzsche, wird alles bewiesen, was Nietzsche
- 4:33damit sagen möchte, ist, dass die alten Griechen einen ganz
- 4:36besonderen Geschmack hatten. Selbst in der Kunst im Theater
- 4:40suchten sie nach Logik, nach klaren Gründen und beweisen.
- 4:44Für sie war etwas nur dann wirklich gut und schön, wenn es
- 4:47auch vernünftig und nachvollziehbar war, ein reines
- 4:51Gefühl oder eine schöne, aber unlogische Geschichte reichte
- 4:54ihnen nicht aus, diese Denkweise, alles beweisen zu
- 4:58wollen, war tief in ihrer Kultur verankert, selbst in Bereichen,
- 5:02wo wir das heute vielleicht nicht mehr erwarten würden, wie
- 5:05eben in der Kunst. Unterkapitel 82 der Esprit
- 5:11ungriechisch hier vertieft Nietzsche den Gedanken aus dem
- 5:16vorigen Kapitel. Er sagt, die Griechen waren in
- 5:19ihrem Denken unglaublich logisch und geradlinig, sie wurden
- 5:23dieser Logik nicht müde, im Gegensatz zu den Franzosen.
- 5:27Die Franzosen, so Nietzsche, lieben den Esprit, der Begriff
- 5:32Esprit bedeutet hier so viel wie ein geistreicher Witz.
- 5:35Eine schlagfertige und oft spielerische Art zu denken, die
- 5:38gerne auch mal einen Sprung ins Gegenteil macht.
- 5:41Und die strenge Logik verlässt. Für die Franzosen ist dieser
- 5:45Esprit ein wichtiger Teil der guten Gesellschaft.
- 5:48Nietzsche meint, Die Griechen hatten diesen Esprit nicht, weil
- 5:52ihr Sinn für Gesellschaft anders war, ihr Denken war weniger auf
- 5:55das spielerische und witzige Miteinander ausgerichtet,
- 5:58sondern mehr auf die klare, unbestechliche Logik.
- 6:02Er findet es fast schon amüsant, dass er selbst so viele Sätze
- 6:05auf Lager hat, die dieser weit verbreiteten Meinung über die
- 6:08geistreichen Griechen widersprechen.
- 6:11Unterkapitel, 83 Übersetzungen Nietzsche behauptet, man könne
- 6:17den historischen Sinn einer Epoche daran erkennen, wie sie
- 6:21alte Texte übersetzt und sich zu eigen macht.
- 6:24Er erklärt, dass die alten Römer und später auch die Franzosen
- 6:27zur Zeit der Revolution sehr selbstbewusst mit antiken Texten
- 6:31umgingen. Sie haben die alten griechischen
- 6:34Geschichten nicht einfach nur Wort für Wort übersetzt.
- 6:37Stattdessen haben Sie diese Geschichten erobert.
- 6:40Sie haben alles, was alt und fremd war, entfernt und es durch
- 6:44ihre eigene römische oder französische Gegenwart ersetzt.
- 6:49Sie fragten sinngemäß, sollen wir das Alte nicht für uns neu
- 6:52machen und ihm unsere Seele einhauchen, denn alles Tote ist
- 6:57hässlich. Für die Römer war das vergangene
- 7:00und Fremde nur ein Anreiz, es sich zu eigen zu machen und es
- 7:04römisch zu gestalten. Ihnen fehlte das, was wir heute
- 7:08als historisches Feingefühl bezeichnen würden, also der
- 7:12Wunsch, die Vergangenheit so zu verstehen, wie sie wirklich war,
- 7:16aber dieser Mangel kam aus einer Position der Stärke und des
- 7:19Selbstbewusstseins, sie hatten es nicht nötig, sich vor der
- 7:23Vergangenheit klein zu machen. Nietzsche deutet an, dass unsere
- 7:26heutige, historisch viel korrektere Art zu übersetzen
- 7:30vielleicht auch ein Zeichen von weniger Selbstbewusstsein ist.
- 7:35Unterkapitel 84 vom Ursprünge der Poesie in diesem Kapitel
- 7:42beschäftigt sich Nietzsche mit der Frage, woher die Dichtkunst,
- 7:45die Poesie, eigentlich kommt. Er stellt sich gegen die
- 7:49sogenannten Utilitarier, also Menschen, die für alles einen
- 7:53praktischen Nutzen suchen. Diese würden Fragen, welchen
- 7:56Nutzen hat die Poesie? Sie macht die Sprache doch
- 7:59komplizierter und unklarer, anstatt die Verständigung zu
- 8:02fördern. Nietzsche gibt den Utilitariern
- 8:05auf eine ironische Art recht, er sagt, die Poesie hatte
- 8:09ursprünglich tatsächlich einen sehr großen Nutzen, aber einen,
- 8:12den wir heute als Aberglauben bezeichnen würden in alten
- 8:16Zeiten, so Nietzsche, nutzte man den Rhythmus der Sprache aus
- 8:20mehreren praktischen Gründen für die Götter.
- 8:24Man glaubte, ein rhythmisches Gebet würde von den Göttern
- 8:27besser gehört und tiefer im Gedächtnis der Götter verankert.
- 8:31Für die Menschen durch den Rhythmus konnte man sich über
- 8:34weite Entfernungen hörbar machen, als magischer Zwang.
- 8:38Das wichtigste aber war die überwältigende Wirkung der Musik
- 8:42und des Rhythmus, auf den Menschen.
- 8:44Rhythmus ist eine Art zwang, er erzeugt eine unwiderstehliche
- 8:48Lust mitzumachen und sich dem Takt hinzugeben.
- 8:52Man glaubte, dass dies auch für die Götter gelten müsse.
- 8:55Die Poesie war also wie eine magische Schlinge, die man den
- 8:58Göttern zuwarf, um sie zu zwingen und Gewalt über sie
- 9:02auszuüben. Poesie und Musik waren also
- 9:05ursprünglich Werkzeuge der Magie, man nutzte sie, um die
- 9:09Götter und Dämonen zu besänftigen, zu kontrollieren
- 9:12oder um die eigene Seele von starken Gefühlen wie Angst oder
- 9:16Rachedurst zu befreien. Ohne den Vers war der Mensch
- 9:19nichts. Durch den Vers wurde er beinahe
- 9:22selbst ein Gott Unterkapitel 85 das Gute und das schöne
- 9:30Nietzsche stellt hier eine provokante These über Künstler
- 9:33auf. Er sagt, Künstler sind nicht
- 9:36diejenigen, die bestimmen, was gut oder schön ist.
- 9:39Sie sind vielmehr wie schnelle und laute Herolde oder Läufer,
- 9:42die immer nur das verherrlichen, was andere bereits als wertvoll
- 9:46festgelegt haben. Wer sind aber diese eigentlichen
- 9:49Taxatoren, also diejenigen, die den Wert der Dinge bestimmen?
- 9:54Nietzsche antwortet, die Reichen und die Müßigen, das sind die
- 9:59Menschen, die genug Zeit macht und Einfluss haben, um zu
- 10:02entscheiden, was ein glückliches und erstrebenswertes Leben
- 10:05ausmacht, sie setzen die Maßstäbe, die Künstler, so
- 10:10Nietzsche, sind nur sehr gut darin, diese bereits bestehenden
- 10:13Werturteile aufzugreifen und ihnen eine schöne Form zu geben.
- 10:17Sie sind schneller und lauter als die eigentlichen
- 10:19Wertschöpfer, aber sie schaffen die Werte nicht selbst.
- 10:23Sie sind im Grunde nur die talentierten Verkünder der
- 10:25Werte, die von einer herrschenden müßigen Klasse
- 10:28etabliert wurden.