Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 4 - 307-316
Transcript
- 0:00Unter Kapitel 307 zugunsten der Kritik in diesem Abschnitt
- 0:06spricht Nietzsche über die Veränderung unserer
- 0:08Überzeugungen. Er sagt, dass wir manchmal
- 0:10etwas, das wir früher für wahr und wichtig gehalten haben, als
- 0:14Irrtum erkennen und es von uns stoßen.
- 0:17Wir fühlen uns dann, als hätte unsere Vernunft einen Sieg
- 0:19errungen, aber Nietzsche sieht das anders, er meint, dass
- 0:23dieser frühere Irrtum für uns damals notwendig war, als wir
- 0:27noch andere Menschen waren. Man verändert sich im Laufe des
- 0:30Lebens ständig. Dieser Irrtum war wie eine
- 0:33schützende Haut, die uns vor Wahrheiten bewahrte, die wir
- 0:36damals noch nicht ertragen konnten.
- 0:39Es ist also nicht unsere Vernunft, die diese alte Meinung
- 0:42getötet hat, sondern unser neues Leben, das sie nicht mehr
- 0:45braucht, die alte Meinung bricht in sich zusammen und aus ihr
- 0:49kriecht die Unvernunft ans Licht.
- 0:52Wenn wir also Kritik üben, ist das kein willkürlicher oder
- 0:56persönlicher Akt. Es ist vielmehr ein Zeichen
- 0:59dafür, dass lebendige, treibende Kräfte in uns am Werk sind, die
- 1:04eine alte Hülle abstoßen wollen. Wir verneinen etwas, weil etwas
- 1:08Neues in uns leben und sich selbst bejahen will, etwas, das
- 1:11wir vielleicht noch gar nicht kennen oder sehen können.
- 1:14Kritik ist also ein Zeichen von Wachstum und Lebenskraft,
- 1:19Unterkapitel 308 die Geschichte jedes Tages.
- 1:25Hier stellt Nietzsche eine einfache, aber tiefgründige
- 1:28Frage. Woraus besteht die Geschichte
- 1:30deines Tages? Er fordert uns auf, unsere
- 1:33Gewohnheiten zu betrachten und uns zu fragen, woher sie kommen,
- 1:37sind Sie das Ergebnis unzähliger kleiner Ängste und Faulheiten
- 1:41oder sind sie Ausdruck deiner Tapferkeit und deiner
- 1:44erfinderischen Vernunft, je nachdem, wie die Antwort
- 1:47ausfällt, kann unser Leben völlig unterschiedlich bewertet
- 1:51werden, auch wenn die Menschen uns vielleicht das gleiche Lob
- 1:54spenden. Lob, nutzen und ansehen mögen
- 1:58für jemanden genug sein, der nur ein gutes Gewissen haben will,
- 2:02aber für dich, der du ein Nierenprüfer bist, also jemand,
- 2:06der in die Tiefe schaut und das wahre Wesen der Dinge ergründen
- 2:09will, der ein Wissen um das Gewissen hat, reicht es nicht
- 2:12aus, Unterkapitel 309 aus der siebenten Einsamkeit dieses
- 2:20Unterkapitel ist wie ein Monolog eines Wanderers, der an einem
- 2:23Punkt seiner Reise innehält. Der Wanderer weint, weil er
- 2:27einen starken Drang nach Wahrheit, Wirklichkeit und
- 2:30Echtheit in sich spürt. Dieser Drang treibt ihn immer
- 2:33weiter und lässt ihn nicht zur Ruhe kommen, er fühlt sich oft
- 2:37versucht, an schönen Orten zu verweilen, Nietzsche nennt sie
- 2:41die Gärten der Armida, eine Anspielung auf einen
- 2:44Zaubergarten aus einem alten Epos der Helden von ihrer
- 2:47eigentlichen Mission ablenkt, aber der Drang zur Wahrheit
- 2:50reißt ihn immer wieder los und verursacht ihm Schmerz.
- 2:54Er muss seinen müden und verwundeten Fuß immer weiter
- 2:56heben. Und weil er weiterziehen muss,
- 3:00blickt er oft mit einem grimmigen Rückblick auf das
- 3:02Schöne zurück, das ihn nicht festhalten konnte.
- 3:06Der Schmerz entsteht nicht, weil er das Schöne verlassen muss,
- 3:09sondern weil das Schöne nicht stark genug war, ihn bei sich zu
- 3:13behalten. Unterkapitel 310 Wille und
- 3:18Welle. Nietzsche beschreibt hier das
- 3:22Meer und seine Wellen als ein kraftvolles Bild für den
- 3:25menschlichen Willen. Die Welle kommt gierig heran,
- 3:28als ob sie etwas Bestimmtes erreichen wollte, sie dringt mit
- 3:32furchterregender Eile in die tiefsten Winkel der Felsen, es
- 3:36scheint, als wolle sie einem Geheimnis oder einem Schatz auf
- 3:39die Spur kommen, dann zieht sie sich zurück, langsamer, aber
- 3:43immer noch weiß vor Erregung ist sie enttäuscht, weil sie nicht
- 3:48gefunden hat, was sie suchte. Sofort naht eine neue Welle,
- 3:52noch gieriger und wilder als die erste.
- 3:55Auch ihre Seele scheint voller Geheimnisse und der Lust am
- 3:59Schatzgraben zu sein. Nietzsche sagt, so leben die
- 4:03Wellen, so leben wir, die wollenden.
- 4:06Er spricht dann direkt die schönen Untiere, die Wellen,
- 4:10aber auch die wollenden Menschen an, er fragt sie, ob sie ihm
- 4:14misstrauen und zürnen, weil er ihr Geheimnis verraten könnte.
- 4:18Er fordert sie auf, ihre grünen, gefährlichen Leiber wie eine
- 4:21Mauer zwischen ihm und der Sonne zu erheben.
- 4:25In dieser grünen Dämmerung und den Blitzen, die entstehen, wenn
- 4:28die Wellen brechen, fühlt er sich ihnen verbunden, er sagt,
- 4:33er kenne Ihr Geheimnis und ihr Geschlecht, denn sie seien aus
- 4:36demselben Stoff gemacht, er und die Wellen, er und der Wille
- 4:41haben ein gemeinsames Geheimnis, Unterkapitel, 300, 111.
- 4:47Gebrochenes Licht in diesem sehr persönlichen Text beschreibt
- 4:53Nietzsche Momente der Schwäche und Müdigkeit.
- 4:56Manchmal, so sagt er, ist man nicht mehr tapfer und klagt
- 4:59darüber, wie schwer es ist, anderen Menschen weh zu tun,
- 5:02obwohl es notwendig ist. Man fragt sich, was der Sinn
- 5:05eines verborgenen Lebens ist, wenn man die unangenehmen
- 5:08Wahrheiten für sich behält, wäre es nicht einfacher, sich dem
- 5:12Treiben der Welt anzupassen und mit den Törichten töricht, mit
- 5:15den eitlen Eitel zu sein? Wenn er von der Bosheit anderer
- 5:19gegen sich hört, empfindet er sogar eine Art Genugtuung.
- 5:23Es scheint ihm richtig, denn er passt so wenig zu ihnen und
- 5:26seine Wahrheit ist ihnen fremd. Er lädt sie quasi ein, auf seine
- 5:31Kosten zu lachen, seine Mängel, seine Verwirrung, seine
- 5:34Eitelkeit, seine Widersprüche, all das dürfen sie belächeln.
- 5:39Er sagt, er sei nicht böse auf die Natur der Dinge, die will,
- 5:43dass Mängel Freude machen, er erinnert sich an schönere
- 5:46Zeiten. In denen man mit jedem neuen
- 5:48Gedanken die Welt verändern zu können glaubte.
- 5:52Heute würde er sich nicht vermissen, wenn er fehlte.
- 5:55Entbehrlich sind wir alle, ruft er aus, aber das, so schließt
- 6:00er, denkt man nur, wenn man müde ist.
- 6:03Wenn man tapfer ist, denkt man nicht daran.
- 6:08Unterkapitel 312 mein Hund ein sehr kurzes, aber prägnantes
- 6:15Unterkapitel. Nietzsche gibt seinem Schmerz
- 6:18einen Namen, er nennt ihn Hund. Dieser Hund ist ihm ebenso treu,
- 6:23zudringlich, schamlos, unterhaltend und klug wie jeder
- 6:28andere Hund und das wichtigste, er kann ihn beherrschen und
- 6:32seine schlechten Launen an ihm auslassen.
- 6:35Damit vergleicht er sich mit anderen Menschen, die ihre
- 6:37Hunde, Diener oder Frauen benutzen, um ihre Frustrationen
- 6:41abzubauen. Es ist eine düstere, aber auch
- 6:44ehrliche Beobachtung über den Umgang mit eigenem Leid.
- 6:48Unterkapitel, 313 kein marterbild Nietzsche erklärt
- 6:55hier seine künstlerische Absicht, er will es machen wie
- 6:58der Maler Raffael, der für seine harmonischen und schönen Werke
- 7:01bekannt ist. Er will keine Marterbilder mehr
- 7:04malen, er findet, es gibt genug erhabene Dinge auf der Welt.
- 7:09Man muss die Erhabenheit nicht dort suchen, wo sie mit
- 7:11Grausamkeit verbunden ist. Sein Ehrgeiz, so sagt er, würde
- 7:15nicht darin bestehen, sich zum Sublimen Folterknecht zu machen.
- 7:19Er wendet sich also gegen eine Kunst, die das Leiden und die
- 7:22Qual in den Mittelpunkt stellt, und plädiert für eine Kunst, die
- 7:25das Erhabene im Schönen findet. Unterkapitel 314 neue Haustiere
- 7:34ein weiteres sehr kurzes, bildhaftes Kapitel.
- 7:38Nietzsche wünscht sich seinen Löwen und seinen Adler, um sich
- 7:40zu haben. Diese beiden Tiere sollen ihm
- 7:43jederzeit als Symbol und Vorahnung dienen, um zu wissen,
- 7:47wie groß oder wie gering seine eigene Stärke ist.
- 7:50Der Löwe steht für königliche Stärke, der Adler für den
- 7:54Weitblick und den Mut, in die Höhe zu steigen.
- 7:57Er fragt sich, muss ich heute zu Ihnen hinabblicken und mich vor
- 8:01ihnen fürchten, das würde bedeuten, dass er sich schwach
- 8:04fühlt. Und wird die Stunde
- 8:06wiederkommen, wo sie zu mir hinaufblicken und in Furcht, das
- 8:10wäre der Moment, in dem er seine volle Stärke wiedererlangt hat.
- 8:15Unterkapitel 315 vom letzten Stündlein Nietzsche denkt hier
- 8:21über das Ende seines Lebens nach, er sieht Stürme als seine
- 8:25größte Gefahr an, er fragt sich, ob er an seinem eigenen Sturm
- 8:28zugrunde gehen wird, so wie Oliver Cromwell, der englische
- 8:32Staatsmann, der während eines heftigen Sturms starb.
- 8:35Man sagte, der Teufel hole seine Seele oder wird er verlöschen
- 8:40wie ein Licht, das nicht vom Wind ausgeblasen wird, sondern
- 8:43von selbst müde und satt geworden ist?
- 8:46Ein ausgebranntes Licht oder die dritte Möglichkeit, ein
- 8:50selbstbestimmter Weg, um dem langsamen Verlöschen
- 8:53zuvorzukommen. Unterkapitel, 316 prophetische
- 8:58Menschen Nietzsche kritisiert hier die verbreitete Vorstellung
- 9:03von Propheten. Die meisten Menschen, so meint
- 9:06er, denken, prophetische Menschen hätten eine schöne Gabe
- 9:10und sie hätten diese Gabe gerne selbst.
- 9:13Nietzsche erklärt mit einem Gleichnis, dass das ein Irrtum
- 9:16ist. Er vergleicht Propheten mit
- 9:18Tieren, die sehr empfindlich auf Veränderungen der
- 9:20Luftelektrizität reagieren und so das Wetter vorhersagen
- 9:24können. Er erwähnt Affen, die man selbst
- 9:27in Europa, zum Beispiel in Gibraltar, gut beobachten könne,
- 9:31aber wir denken nicht daran. Sunice, dass ihre Schmerzen ihre
- 9:34Propheten sind, wenn sich eine Wetterveränderung ankündigt,
- 9:38benehmen sich diese Tiere so, als ob ein Feind naht.
- 9:42Sie suchen Schutz oder bereiten sich auf die Flucht vor, sie
- 9:46verstehen das schlechte Wetter nicht als Wetter, sondern als
- 9:49einen Feind, dessen Hand sie schon fühlen.
- 9:52Propheten sind also nach dieser Lesart keine glücklich begabten,
- 9:56sondern extrem leidende Menschen.
- 9:58Deren Sensibilität sie zukünftige Gefahren oder
- 10:01Veränderungen schmerzhaft spüren lässt.