Latest / Im Krisenmodus / Ukraine-Krieg: Zweifel an Russlands Siegesmeldung zu Kostjantyniwka
Transcript
- 0:00Anfang Juli meldet Russland einen wichtigen militärischen Erfolg.
- 0:04Die strategisch bedeutende Stadt Konstantinivka im Gebiet Donetsk sei vollständig erobert, heißt es.
- 0:11Der ukrainische Generalstab widerspricht. Auch Analysten des amerikanischen
- 0:15Instituts for the Study of War,
- 0:17sehen keine Belege für eine vollständige russische Kontrolle der Stadt.
- 0:21Fast drei Monate später sitze ich in einem unscheinbaren Haus in einer Seitenstraße von Kramatorsk.
- 0:28Vor mir verfolgen zwei ukrainische Soldaten den Flug einer großen Drohne auf einem Monitor.
- 0:34Die Bilder zeigen Konstantinivka. Ausgebrannte Häuser, zerstörte Dächer, leere Straßen.
- 0:41Die Drohne bleibt über einem Gebäude stehen und wirft ihre Ladung ab.
- 0:46Sie bringt Nachschub zu ukrainischen Soldaten in eine Stadt,
- 0:49die Russland längst, wie er erobert, erklärt hatte.
- 0:53Einer der Männer trägt den Funknamen Hordi. Er kommandiert einen Drohntrupp
- 0:57der 28. separaten mechanisierten Brigade. Seine Einheit versorgt ukrainische
- 1:02Stellung in Konstantinivka mit Lebensmitteln, Munition und Medikamenten.
- 1:07Ich konfrontiere ihn mit der russischen Siegesmeldung.
- 1:17Na, dann liegt er wohl ein kleines bisschen falsch. Nein, das stimmt nicht.
- 1:22Es gibt dort russische Kräfte, aber wir bekämpfen sie. Langsam, mit kleinen Kräften.
- 1:28Natürlich sind die Russen sehr zahlreich. Sie sind ein starker Gegner.
- 1:32Man darf sie nicht unterschätzen.
- 1:34Wir unterschätzen sie auch nicht. Aber wir leisten ihnen starken Widerstand.
- 1:45Wie kann Russland eine Stadt für erobert erklären, in der weiterhin ukrainische
- 1:49Soldaten kämpfen und versorgt werden?
- 1:51Was bedeutet es, in diesem Krieg überhaupt eine Stadt zu kontrollieren?
- 1:55Und was hat die ukrainische Operation mit dem Codenamen Vivaldi an der Front verändert?
- 2:01Darum geht es in dieser Folge.
- 2:06Im Krisenmodus, der Podcast aus Krisen- und Kriegsgebieten aller Welt mit Journalist Jan Jessen.
- 2:16Hallo, ich bin Jan Jessen, Politikchef der NRZ und Kriegs- und Krisenreporter
- 2:19für die Funke Mediengruppe. Ihr findet meine Artikel unter anderem in der NRZ,
- 2:23der BAZ, der Berliner Morgenpost und dem Hamburger Abendblatt und natürlich
- 2:27auf allen unseren Portalen.
- 2:30Kramatorsk hat sich seit meinem letzten Besuch im Frühjahr drastisch verändert.
- 2:34Die Stadt ist mittlerweile zu einer Festung geworden.
- 2:37Dacheldraht- und Betonpyramiden stehen an den Straßen. Die Stadt ist mittlerweile
- 2:42auch mit Netztunneln weitgehend überdacht.
- 2:45Die sollen Schutz vor einfliegenden Kamikaze-Drohnen liefern.
- 2:49Und an mehreren Stellen haben russische Gleitbombengebäude getroffen.
- 2:52Wenige Tage vor meinem Besuch ist eine von ihnen in einem Bohnviertel explodiert
- 2:56und hat die Johannes-der-Täufer-Kirche zerstört.
- 3:00Und wie gesagt, die kleinen Kamikaze-Drohnen, über die wir auch schon mehrfach
- 3:03gesprochen haben, beispielsweise wenn wir über Klasson berichtet haben,
- 3:07die beentsprechenden, wie so ein Packenmäulchen, die Shownotes,
- 3:10die sind jetzt eben, wie gesagt, auch in Kramators unterwegs.
- 3:13Das ist schon sehr, sehr nervig, muss man sagen. Auch das ist so ein nervenzerfetzendes
- 3:17Geräusch wie so eine überlaute Mücke.
- 3:19Und naja, das macht das ganze Arbeiten da so ein bisschen schwierig.
- 3:23Karmators und das benachbarte Slobjans bilden das Herz des ukrainischen Festungsgürtel
- 3:28im Gebiet Donetsk. Auch Drushkivka und Konstantinivka gehören zu dieser Kette von Städten.
- 3:35Etwa ein Fünftel des Gebiets Donetsk befindet sich immer noch in ukrainischer
- 3:39Hand und die vollständige Eroberung der Region gehört zu Russlands wichtigsten Kriegszielen.
- 3:45In diesem Jahr sollte der Durchbruch eigentlich auf mehreren Achsen gelingen.
- 3:50Zum einen greifen russische Verbände direkt von Konstantinivka aus an.
- 3:54Das muss man sich also ungefähr so vorstellen.
- 3:57Wenn man die Kette der Städte sieht, also Slovians, darunter ist dann Kramators,
- 4:02darunter ist Drushkivka, darunter wiederum Konstantinivka.
- 4:07Und wie gesagt, einmal war der Plan, frontal anzugreifen von Konstantinivka
- 4:12aus. Und gleichzeitig haben sie eben versucht, die russischen Streitkräfte in
- 4:15dem Festungsgürtel zu umgehen, von Liman im Nordosten und von Dobropelia im Südwesten.
- 4:21Also eine Zangenbewegung, mit der ukrainische Nachschubwege unterbrochen und
- 4:26die großen Städte schrittweise eingekreist werden sollten.
- 4:29Bislang ist dieser Plan allerdings nicht aufgegangen.
- 4:33Man könnte auch sagen, es hat sich pulverisiert worden, aber da kommen wir gleich noch zu.
- 4:38Also Konstantinivka ist mittlerweile schwer zerstört und hart umkämpft.
- 4:42Russische Kleingruppen dringen in die Stadt ein, aber auch ukrainische Soldaten
- 4:46halten dort weiterhin Stellung.
- 4:47Wie gesagt, Anfang Juli erklärt Putin, erklärt das russische Militär diese Stadt
- 4:52für vollständig erobert, aber drei Monate später sind dort immer noch ukrainische
- 4:58Soldaten, die die Stellung halten.
- 5:00Hordis Einheit versorgt sie aus der Luft. Großen Drohnen bringen Lebensmittel,
- 5:04Wasser, Munition und Medikamente nach vorne.
- 5:07Wenn russische Soldaten den ukrainischen Stellungen zu nahe kommen,
- 5:10werden solche Drohnen auch für Angriffe eingesetzt.
- 5:14Jeder Flug ist ein Risiko. Hordi erzählt, dass viele ihrer Drohnen abgeschossen werden.
- 5:19Manchmal sind Regen und Nebel der wichtigste Schutz vor der russischen Abwehr.
- 5:23Bei guter Sicht sei es beinahe unmöglich, unentdeckt zu fliegen.
- 5:27Trotzdem versuche seine Einheit, die Stellung ständig zu versorgen.
- 5:30Als wir uns mit dem unterhalten haben mit Hordi, das war übrigens auch ganz
- 5:33spannend, Thema Kamikaze-Drohnen, Dann hörte man plötzlich auch so nicht ganz
- 5:38weit weg Maschinengewehrfeuer.
- 5:40Das waren dann ukrainische Einheiten, die in Kramatorsk selber versucht haben,
- 5:45einfliegende Drohnen abzuschießen.
- 5:47Also das passiert eben auch in Kramatorsk.
- 5:51Seine Angaben lassen sich natürlich nicht in jedem Detail unabhängig überprüfen.
- 5:54Nach Konstantinjowka reinzukommen ist für uns als Journalistinnen und Journalisten unmöglich.
- 5:59Aktuell einfach, weil man dazu dann irgendwie 20, 25, 30 Kilometer laufen müsste.
- 6:05Und die Chance, dass man da irgendwie auch nur halbwegs untersagt ankommt,
- 6:10ist doch relativ gering. Also insofern für uns mittlerweile unmöglich.
- 6:15Die entscheidende Aussage von Hordy wird aber auch von externen Beobachtern
- 6:19gestützt. Das Institute for the Study of War ist keine Belege dafür,
- 6:23dass Russland Konstantinivka vollständig eingenommen hat.
- 6:27An einer anderen Stellung in Kamators treffe ich einen weiteren ukrainischen
- 6:31Offizier. Sein Funkname ist Wudi, der stellvertretender Kompaniechef im 39.
- 6:36Separaten Drohnenbataillon.
- 6:38Wudys Einhard hat eine andere Aufgabe als Hordys Trupp. Sie versorgt nicht unmittelbar
- 6:43die ukrainischen Stellungen in Konstantinivka.
- 6:45Ihre Mittelstrecken drohen, greifen russische Nachschublinien an.
- 6:49Unbemannte Bodenfahrzeuge bringen außerdem Munition, Wasser und Lebensmittel
- 6:53in Gebiete, die für Menschen oder normale Fahrzeuge kaum noch erreichbar sind.
- 6:59Diese Bodenroboter helfen auch bei der Evakuierung Verwundeter und bei der Bergung,
- 7:04gefallener Soldaten. Auch das, da haben wir auch schon mehrfach in diesem Podcast
- 7:08drüber gesprochen, ist es halt mittlerweile super, super schwierig,
- 7:12in diese Stellung überhaupt reinzukommen.
- 7:15Todeszone mittlerweile 40, teilweise 50 Kilometer tief also eine Zone,
- 7:21wo überall Drohnen durch die Gegend fliegen und da Verbundete rauszuholen ist.
- 7:28Sehr, sehr, sehr, sehr schwierig und wenn man dann eben Menschen dafür einsetzt
- 7:33dann braucht man für einen Verbundeten mindestens zwei, meistens drei,
- 7:36vier Leute die ihn rausholen,
- 7:38das kann natürlich dann dazu führen, dass plötzlich wegen der Bergung eines
- 7:41verbundenen drei, vier, fünf Leute in Lebensgefahr sind.
- 7:45Also setzt man da mittlerweile eben auch Roboter ein.
- 7:48Wudi glaubt, dass die russische Armee inzwischen verstärkt versucht,
- 7:51Konstantinivka zu umgehen, statt die Stadt vollständig frontal einzunehmen.
- 7:57Kleine Infiltrationstrupps bringen nach seinen Angaben auch in Richtung Brushkivka
- 8:02vor, also die Stadt, die direkt nördlich von Konstantinivka liegt.
- 8:07Wie sehr sich die Lage verschärft hat, erklärt Budi an einer Strecke,
- 8:10die eigentlich nur etwa sieben Kilometer lang ist.
- 8:19Das war im April. Ich habe das von Anfang an aufgebaut. Damals hatten wir einen
- 8:24einzigen kleinen Bodenroboter.
- 8:26Mit ihm habe ich eine Mission nach Konstantinjuka durchgeführt.
- 8:29Danach haben wir die Einheit Schritt für Schritt ausgebaut. Inzwischen ist sie
- 8:33fast so groß wie eine Kompanie.
- 8:35Ja, die Arbeit ist deutlich schwieriger geworden. Damals musste ich auf die
- 8:40Drohnenabwehr kaum achten.
- 8:41Es gab viel weniger davon. Und man konnte noch vergleichsweise einfach nach
- 8:46Konstantiniuka hineinfahren.
- 8:48Heute kann allein eine Mission von Kramatorsk nach Druschkivka acht,
- 8:52neun oder zehn Stunden dauern. Manchmal einen ganzen Tag.
- 8:55Dabei sind das nur ungefähr sieben Kilometer.
- 8:58Wir müssen ständig anhalten und warten. Manchmal wird eine Straße vermint, bevor wir losfahren.
- 9:03Dann müssen wir warten, bis sie geräumt ist, weil wir das nicht selbst machen
- 9:07können. Das ist ziemlich schwierig.
- 9:12Sieben Kilometer bis zu zehn Stunden.
- 9:16Also unter normalen Bedingungen ist das natürlich eine super kurze Fahrt,
- 9:18sieben Kilometer, bis man irgendwie, keine Ahnung, zehn Minuten unterwegs oder sowas.
- 9:24Aber wie gesagt, jetzt unter diesen Bedingungen sind es zehn Stunden an dieser
- 9:28Front, kann also so eine Strecke einen ganzen Tag dauern.
- 9:32Drohnen überwachen die Straßen, andere Drohnen greifen Fahrzeuge an,
- 9:35Wege können vermint werden.
- 9:37Immer wieder müssen die Soldaten anhalten und abwarten.
- 9:40Ein Bodenroboter beseitigt diese Gefahren natürlich nicht, aber er verändert,
- 9:45wer ihn ausgesetzt ist. Wird der Roboter getroffen, geht Technik verloren,
- 9:48sitzt ein Mensch in einem Fahrzeug, kann dieselbe Mission sein Leben kosten.
- 9:53Die Drohnen bestimmen aber nicht nur, wie die ukrainischen Soldaten versorgt
- 9:56werden, sind auch ein Schlüssel zu der Gegenoffensive, die weiter nördlich läuft.
- 10:02Ihr Codename lautet Vivaldi.
- 10:05Vielleicht habt ihr so ein bisschen schon was darüber gelesen.
- 10:09Das war eine sehr, sehr spannende Operation, die schon im Frühjahr begonnen
- 10:14hat und allerdings wo es eine komplette Geheimhaltung gab.
- 10:18Das muss man sich also vorstellen, also durchgeführt vom Dritten Armeekorps der Ukraine,
- 10:25da sind also mehrere Brigaden, also von mehreren zehntausend Soldaten,
- 10:29die da eingesetzt waren und trotzdem haben die Ukraine es geschafft,
- 10:33diese Operation bis in den Herbst hinein geheim zu halten.
- 10:36Das ist schon mal eine sehr spannende Leistung und hat die Welt auch ein bisschen überrascht.
- 10:44Um zu verstehen, welche Bedeutung diese Operation hat, spreche ich mit Dr. Gustav Gressel.
- 10:48Er ist Militärexperte an der Landesverteidigungsakademie in Wien.
- 10:53Gressel beschreibt Vivaldi nicht als große ukrainische Offensive,
- 10:56die einen tiefen Durchbruch erzwingen soll.
- 10:58Er sagt, es ist ein begrenzter Angriff mit einem größeren defensiven Zweck.
- 11:03Meiner Ansicht nach hat Vivaldi schon operative Bedeutung, aber nicht als operative
- 11:08Offensive, sondern sie ist eigentlich eine taktische Offensive mit operativ-defensiven Zweck.
- 11:15Wenn wir uns zurückerinnern an den Frühling, die Russen haben versucht,
- 11:18über zwei Zangenbewegungen den Fessungsgürtel einzukesseln.
- 11:24Also nicht frontal zu erobern, sondern einzukesseln.
- 11:27Da ist man einmal über Liman, hat man versucht, Richtung Ostkiel zu stoßen und
- 11:32einmal aus Dobrofilia hinauf.
- 11:35Und im Süden, Dobrofilia war der russische militärische Druck weit höher als im Norden.
- 11:42Da ist es den Russen besser gegangen, ihre Angriffsspitzen auch zu versorgen.
- 11:48Im Norden war es schwieriger, weil einige Flussläufe, kleinere Flussläufe,
- 11:52auch die Transportbewegungen der Russen kanalisiert haben.
- 11:55Und den Ukrainern ist da besser gelungen, diese Angriffsspitzen auszudünnen.
- 12:01Und deshalb hat man im Norden dann sozusagen diesen Angriffskeil der Russen
- 12:06durch eine Gegenoffensive beseitigt.
- 12:09Vivaldi ist also ein taktischer Angriff mit größerer defensiver Wirkung,
- 12:13also das ist dann auch schon im Grunde genommen eine operative Wirkung.
- 12:18Die ukrainischen Truppen wollen den russischen Frontvorsprung bei Liman zurückdringen,
- 12:22das ist ihnen jetzt mittlerweile gelungen.
- 12:24Dadurch sollen die Nachschubwege nach Slobjansk und Kramatorsk geschützt und
- 12:26der nördliche Teil der geplanten russischen Zangenbewegung unterbrochen werden.
- 12:32Eine wichtige Rolle hat dabei die 60. separate mechanisierte Brigade Inulets,
- 12:37gespielt. Sie gehört zum dritten Armeekorps und das ist eben dieses Armeekorps.
- 12:43Was in der Region aktiv ist. Ende September treffe ich ihren Kommandeur,
- 12:48Major Dimitro Rojozog, in einem ausgebombten Schulgebäude in Isium.
- 12:54Deine Brigade sollte zunächst den russischen Vormarsch stoppen.
- 12:56Das war die erste Phase dieser Operation Vivaldi.
- 12:59Interessant natürlich, Vivaldi, ihr wisst, vier Jahreszeiten,
- 13:03bekannteste Komposition von
- 13:05Vivaldi, nicht von ungefähr, haben sie die so genannt, also im Frühjahr.
- 13:09Die erste Phase der Operation, im Sommer die zweite, im Herbst die dritte und
- 13:13jetzt für den Winter steht die vierte an, also vier Jahreszeiten.
- 13:17Nach Auskunft des Majors, des Brigadekommandeurs zielte der russische Angriff
- 13:22eigentlich darauf, Liman einzunehmen, Gverdor Hirsak zu erreichen und in Richtung
- 13:27der Straße zwischen Kharkiv und Slovians vorzurücken.
- 13:30Gverdor Hirsak komme auch noch gleich drauf, auch das ist übrigens ganz spannend,
- 13:34weil es auch wieder in diese Themenwolke reinpasst, russische Fehlinformationen
- 13:38oder Falschinformationen.
- 13:40Denn Anfang September erklärte Putin bereits, Wertho Hirsk sei von russischen
- 13:45Truppen eingenommen worden.
- 13:48Ich habe den Majorern natürlich gefragt, was an dieser Meldung wohl stimmt.
- 13:52Die Antwort ist relativ eindeutig.
- 14:02Sie müssen verstehen, für mich klingt das völlig absurd, weil ich die Aufstellung der Truppen kenne.
- 14:07Sviatuhirsk war die ganze Zeit rückwärtiges Gebiet der 60. Brigade und wir haben
- 14:11die Verteidigungslinien dort zuverlässig gehalten.
- 14:14Schon vor einem Jahr bin ich durch all diese Städte gefahren und seitdem bin
- 14:16ich mehrmals dort gewesen.
- 14:18Sviat-Uhirsk und der Raum um Jarova und Drobyshevel liegen im rückwärtigen Gebiet
- 14:22hinter den Stellungen der 60. Brigade.
- 14:25Möglicherweise haben wir den Gegner mit unseren Maßnahmen zur Operationssicherheit
- 14:28in die Irre geführt. Wir haben nicht offengelegt, wie stabil die Lage dort tatsächlich war.
- 14:33Und dass vereinzelte russische Infiltrationen keine Bedrohung für die Verteidigung
- 14:37der 60. Brigade oder des gesamten Dritten Armeekorps darstellen.
- 14:41Das hat uns auch bei der Operation geholfen, die wir jetzt durchführen.
- 14:44Genau deshalb ist diese Behauptung so absurd. Und wie kann man von der Einnahme
- 14:47wichtiger Orte sprechen, wenn unsere Truppen in diesem Frontabschnitt selbst in der Offensive sind?
- 14:58Der Kommandeur bestreitet also nicht, dass kleine russische Truppen versuchen,
- 15:01ukrainische Linien zu infiltrieren.
- 15:03Er sagt aber etwas Präziseres. Das Eindringen einzelner Soldaten oder kleiner
- 15:07Gruppen bedeutet natürlich lange nicht, dass Russland einen Ort militärisch kontrolliert.
- 15:12Das ist übrigens auch so ein Trick, den die Russen,
- 15:17in letzter Zeit häufiger gemacht haben oder jetzt im Jahr häufiger gemacht haben,
- 15:20also kleine Infiltrationstrupps reinzuschicken, mehr oder weniger Selbstmordkommandos
- 15:26oder Himmelfahrtkommandos,
- 15:28deren einzige Aufgabe es dann oft ist, mit einer russischen Fahne irgendwo zu posieren.
- 15:34Dann sieht man eine russische Drohne, die macht davon Bilder,
- 15:38wie irgendeiner da rumsteht und mit der Fahne wedelt, um dann die Fahne schnell
- 15:42einzurollen und wieder abzuhauen, falls er dann da lebend rauskommt.
- 15:45Und damit wollen sie also dokumentieren, dass sie eben bestimmte militärische
- 15:48Erfolge erzielt haben auf dem Schlachtfeld, die es allerdings gar nicht gibt.
- 15:53Wie schon mal gesagt, die doch sehr, sehr große Gegenoffensive,
- 15:57die die Ukraine da durchgezogen hat, ist für Monate geheim geblieben.
- 16:01Vorbereitungen für Vivaldi, die haben, wie gesagt, schon im Frühjahr begonnen
- 16:04und erst Anfang September sind die ersten Informationen über die Operation da draußen gedrungen.
- 16:11Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs hatte der Brigadekommandeur von mehr als 125
- 16:17Quadratkilometern gesprochen, die die ukrainischen Kräfte unter ihre Kontrolle gebracht hätten.
- 16:23Und kurze Zeit später wurde dann eben bekannt, zwei Tage nach unserem Gespräch,
- 16:28dass in der dritten Phase, die jetzt auch abgeschlossen ist,
- 16:31die Zahl dieser befreiten Quadratkilometer insgesamt über 170 gestiegen ist.
- 16:38Genau Ausmaß der Geländegewinne und der russischen Verluste lässt sich nicht
- 16:41vollständig unabhängig prüfen, wie immer.
- 16:44Der Verlauf der Front zeigt allerdings, dass es der Ukraine gelungen ist,
- 16:48den russischen Angriffskeil in diesem Abschnitt zurückzudrängen.
- 16:51Also alle Karten, die es so im öffentlich zugänglichen Bereich gibt,
- 16:54also beispielsweise eben vom Institute for a Study of War oder auch Deep State,
- 16:58das ist ein ukrainisches OSINT-Projekt,
- 17:01hier zeigen alle diese Karten das Gleiche und auch, das gehört auch noch natürlich
- 17:06dazu, auch bei russischen Militärbloggern, die natürlich eigentlich immer sehr,
- 17:11sehr, sehr, sehr pro-russisch berichten.
- 17:14Auch bei denen gibt es eben diese Berichte, die beweisen, dass es da eine sehr
- 17:19erfolgreiche ukrainische Gegenoffensive gegeben hat.
- 17:23Sogar in russischen Millblogger-Kreisen herrscht jetzt seit einigen Wochen doch
- 17:27helle Aufregung über diese Offensive der Ukrainer, über die Fähigkeiten der
- 17:32Ukraine und vor allem aber auch darüber,
- 17:35wie sehr sie sich belogen fühlen von der eigenen Führung.
- 17:39Bemerkenswert ist allerdings nicht nur, dass die ukrainischen Kräfte angreifen,
- 17:43also sich nicht nur verteidigen, wie das im letzten Jahr größter Fall war,
- 17:48sondern entscheidend ist vor allem, wie sie diesen Angriff vorbereitet haben.
- 17:51Gustav Gressel sagt, die ukrainischen Verbände müssten zunächst eine lokale
- 17:55Überlegenheit im Drohnenkrieg herstellen.
- 17:57Erst danach können Panzer und mechanisierte Infanterie vorgucken.
- 18:01Die Offensive wurde begonnen vorzubereiten. Wahrscheinlich im März und im Mai
- 18:05gab es die ersten Angriffe.
- 18:07Ein sehr wichtiger Teil war die lokale Drohnenüberliegenheit zu erreichen,
- 18:12das heißt die Kapazitäten der Russen in diesem Sektor Drohnen zu fliegen,
- 18:15systematisch zu erodieren durch elektronische Kampfführung und Aufklärung, sie mal,
- 18:20sozusagen in eine Ecke boxen und aufklären und dann eben systematisch zu vernichten.
- 18:26Und das zeigt auch ein bisschen, was für Vorbereitungszeit man braucht für so einen Mechangriff.
- 18:32Ja, die Ukrainer haben da mit mechanisierten Kräften angegriffen,
- 18:36aber diese mechanisierten Kräfte, die kamen ja erst zum Einsatz, als,
- 18:41wo sozusagen die Drohnenlage schon entsprechend präpariert war.
- 18:45Das heißt jetzt alle, die schreien, ja, der Kampfpanzer ist wieder da,
- 18:48Bewegungskrieg, Blitzkrieg, Manöver, Hurra.
- 18:51Ja, so ist es nicht. Also natürlich sind Kampfpanzer, haben einen Wert und natürlich
- 18:55braucht man auch mechanisierte Infanterie, sonst kann man solche Angriffe nicht
- 18:58machen, aber diese funktionieren halt als Kampfverbände nur,
- 19:03wenn sie eingebettet sind in Drohnenkräfte.
- 19:08Mitkoordiniert über digitale Führungsinformationssysteme und auch natürlich
- 19:14elektronische Kampfführung, elektronische
- 19:15Aufklärung, auch auf unteren Führungsebenen, nicht nur sozusagen
- 19:18wie bei den europäischen Armeen, wo das auf Core und darüber Level ist,
- 19:22sondern sozusagen bis hinunter ins Kleinteilige,
- 19:26um eben Drohnenüberlegenheit herzustellen und dann kann ich angreifen.
- 19:29Panzer und Infanterie, die verschwinden also nicht vom Schlechtfeld,
- 19:33aber sie können kaum noch erfolgreich eingesetzt werden, wenn ständig gegnerische,
- 19:38Drohnen über ihnen kreisen.
- 19:40Wir haben auch schon mehrfach in diesem Podcast darüber gesprochen,
- 19:42wie die Kriegsführung sich in den vergangenen Jahren verändert hat,
- 19:46eben dieses Megathema Drohnen.
- 19:48Auch da können wir verschiedene Episoden in die Shownotes reinpacken,
- 19:52wo wir im Detail über dieses Thema sprechen.
- 19:55In dem konkreten Fall Vivaldi haben also erstmal Aufklärer versucht,
- 19:58die russische Drohnenstellung zu finden.
- 20:00Dann ist elektronische Kampfführung angesetzt worden.
- 20:04Ukrainische Drohnen haben die russischen Systeme angegriffen.
- 20:07Und erst wenn der Luftraum unmittelbar über dem Schlagfeld ausreichend vorbereitet
- 20:11ist, rücken die mechanisierten Verbände vor, was die Ukrainer auch gemacht haben,
- 20:17bei dieser Operation Vivaldi.
- 20:18Wie das war, dass man für Unruhe, für Irritationen hinter den russischen Linien
- 20:26gesorgt hat, indem man Landroboter abgesetzt hat,
- 20:30hinter den feindlichen Linien, indem man also mit diesen großen Drohnen Landroboter
- 20:34darüber bewegt hat, Landroboter, die ausgestattet waren mit schweren Maschinengewehren
- 20:38und dann plötzlich hinter den feindlichen Linien aktiv waren und geschossen haben.
- 20:44Gressel spricht von einer völlig neuen Form des Kampfes der verbundenen Waffen.
- 20:48Klassische Panzerinfanterie und Artillerie werden mit Aufklärungsdrohnen,
- 20:52Angriffsdrohnen, Bodenrobotern, elektronischer Kampfführung und digitalen Führungssystemen verbunden.
- 20:58Wie die ukrainische Seite den Zustand des Gegners wahrnimmt,
- 21:01beschreibt ein weiterer Angehöriger der 60. Brigade. Sein Rufzeichen ist Ahmed.
- 21:07Ahmed ist Battle Captain, ein Gefechtsführungsoffizier. Das ist so jemand,
- 21:12der die Zusammenarbeit zwischen den Bataillonen, den verschiedenen Einheiten
- 21:16koordiniert und kontrolliert, ob die Aufträge des Brigadekommandeurs umgesetzt werden.
- 21:21Ich habe ihn bei unserer Begegnung, auch in Ischium, nach der 20.
- 21:26Russischen Garda-Armee befragt, gegen die seine Brigade kämpft.
- 21:39Sie können uns weiterhin Widerstand leisten, aber der Gegner ist erschöpft.
- 21:43Die 20. Armee hat sich als eine Armee erwiesen, die ihre Soldaten regelrecht
- 21:47verheizt. Sie haben ihre Leute einfach geopfert, buchstäblich wahllos.
- 21:51Ich weiß nicht, wie ich das mit normalen Worten ausdrücken soll.
- 21:54Für mich sah es so aus, als hätte die 20. Armee überhaupt nicht geplant.
- 21:57Sie hat einfach Menschen losgeschickt, um Lücken zu stopfen.
- 22:00Ihre wichtigste Aufgabe bestand offenbar darin, die eigenen Männer am Rückzug zu hindern.
- 22:05Das war alles. Sie sitzen dort, hungrig und dehydriert. Sie bitten ständig darum,
- 22:09dass man ihnen Essen oder Wasser abwirft, aber es kommt nichts.
- 22:12Und trotzdem bleiben sie in ihren Stellungen und versuchen teilweise sogar,
- 22:16ihre Aufträge auszuführen.
- 22:30Das ist nicht passiert, aber sie ständig, wie sie machen, weitergehen und versuchen,
- 22:38diese Herausforderungen zu machen.
- 22:42Achmed beschreibt die russischen Truppen aus der Perspektive eines ukrainischen
- 22:46Offiziers. Seine Sprache ist natürlich hart.
- 22:49Er macht aber auch deutlich, dass ein erschöpfter Gegner nicht automatisch ein,
- 22:53geschlagener Gegner ist. Die russischen Einheiten können beide Widerstand leisten.
- 22:57Was ich jetzt auch in dem Gespräch mit ihm spannend fand, da das offensichtlich
- 23:00Josen ihre Taktiken nicht wirklich angepasst haben, also diese Fleischangriffe,
- 23:07die sie so genannten, das ist ein finsteres Wort natürlich,
- 23:12aber so werden sie eben genannt, Also diese Angriffe, wo es einfach nur,
- 23:18darum geht, massenhaft Soldaten ranzuführen an die ukrainischen Stellung,
- 23:24und egal wie viele davon sterben, darauf zu hoffen, dass irgendwie einer durchkommt,
- 23:28zwei durchkommen, dass möglicherweise in den ukrainischen Stellungen mal Waffen
- 23:32plötzlich nicht mehr funktionieren und die Munition ausgeht.
- 23:34Das sind ja Muster, die wir schon seit Beginn des Ukraine-Krieges erleben.
- 23:40Das haben wir in Bachmut gesehen, in Haftiefka gesehen, in vielen,
- 23:42vielen anderen Städten, wo die Russen eben unglaubliche Verluste in Kauf genommen
- 23:47haben, um ihre Ziele zu erreichen. Und das scheint eben auch im Raum Liman jetzt so gewesen zu sein.
- 23:53Achmeds Beobachtung passt in einem Punkt zu Gressels Analyse.
- 23:56Auch Gressel geht davon aus, dass die russischen Einheiten im nördlichen Abschnitt
- 24:00personell schwächer besetzt sind als im Süden der Front, also im Bereich Dorpopelia.
- 24:07Die ukrainischen Kräfte finden offenbar eine Lücke zwischen der gemeldeten Stärke
- 24:11der russischen Verbände und der Zahl der Soldaten, die tatsächlich einsatzbereit sind.
- 24:15Diese Schwäche können sie für ihre Gegenoffensive nutzen.
- 24:18Bis hierhin geht es um Geländegewinne, Nachschubwege und militärische Kontrolle.
- 24:23Doch dieselben Orte, über die Kommandeure auf Karten sprechen,
- 24:26sind noch immer die Heimat von Zivilisten.
- 24:28Der Übergang von Wudi zu diesen Menschen ist direkter, als es zunächst scheint.
- 24:33Dieselben Bodenroboter, die Wasser und Munition nach vorne transportieren,
- 24:36können auf dem Rückweg Verwundete oder Tote bergen.
- 24:39In einem bekannt gewordenen Fall evakuierte die 60. Inoletsbrigade mit einem
- 24:44solchen Roboter auch eine ältere Frau aus einem umkämpften Gebiet.
- 24:50Natalia Bari leitet die Abteilung für zivil-militärische Zusammenarbeit der 60.
- 24:55Brigade. Ihre Mitarbeiter halten Kontakt zu den Menschen, die in den umkämpften
- 25:00Gebieten geblieben sind. Sie versuchen, Evakuierung zu organisieren in Svetohirs,
- 25:04Kliman, Stavki und in anderen Siedlungen.
- 25:08Natalia erzählt von Menschen, die bereits einmal evakuiert worden sind und später
- 25:12zurückkehren, weil sich die Lage vorübergehend beruhigt hat.
- 25:17Eine Familie lebt nach ihrer Rückkehr in einem Keller. Sie ernährt sich von
- 25:20den Vorräten, die noch übrig sind.
- 25:22Ukrainische Soldaten entdecken sie zufällig und bringen sie schließlich heraus.
- 25:33Diese Familie war bereits evakuiert worden. Das war 2022. Dann hatte sich die
- 25:37Lage verbessert und sie kehrte nach Hause zurück.
- 25:40Als sich die Lage wieder verschlechterte, blieb die Familie trotzdem dort.
- 25:43Sie lebten in einem Keller und ernährten sich von dem, was von ihren Vorräten noch übrig war.
- 25:48Sie hatten nicht vor, noch einmal wegzugehen. Unsere Soldaten entdeckten sie
- 25:51zufällig, als sie dort einen Auftrag ausführten. Wir boten der Familie an, sie zu evakuieren.
- 25:56Später habe ich am Evakuierungspunkt in Sloviansk mit ihnen gesprochen.
- 26:00Ich habe sie gefragt, warum? Ihr bringt euch selbst in Gefahr,
- 26:02ihr könntet sterben. Ist euch das bewusst?
- 26:05Ich bekam die Antwort, die wir
- 26:06häufig hören. Wir sind nach Hause zurückgekehrt. Das ist unser Zuhause.
- 26:18Das ist unser Zuhause. Von außen wirkt es kaum nachvollziehbar,
- 26:22warum jemand in einen weitgehend zerstörten Ort zurückkehrt.
- 26:25Ohne Strom, ohne sichere Wasserversorgung und unter der ständigen Gefahr neue Angriffe.
- 26:30Für die Menschen dort geht es aber nicht nur um ein Gebäude,
- 26:33es geht um ihr bisheriges Leben, ihren Besitz, ihre Erinnerungen,
- 26:35manchmal auch um den einzigen Ort, an dem sie sich noch zugehörig fühlen.
- 26:41Das ist ja auch was, was wir immer wieder auch mal in diesem Podcast besprochen
- 26:43haben, wenn es um den Ukraine-Krieg geht.
- 26:46Also dieser Irrsinn, dass man in Städten, in denen teilweise schon auf dem Boden
- 26:52gekämpft wird, erinnere mich an Shazibir oder Bachmut, dass da immer noch Zivilisten
- 26:56rumrennen, umlaufen, irgendwie sich eingerichtet haben in ihrem Leben.
- 27:02Oder in Kherson auch jüngst war, wo man sich wirklich die Frage stellt,
- 27:06also was ist das noch für ein Leben? Aber naja, die Leute wollen eben nicht
- 27:11gehen oder gehen tatsächlich auch zurück in diese völlig kaputten Städte und Dörfer.
- 27:17Ja, Talia sagt, dass auch Familien mit Kindern immer wieder eine Evakuierung
- 27:23ablehnen und eine dieser Begegnungen,
- 27:25das ist eben leider die Tragik des Krieges, die endet tödlich.
- 27:31Vor kurzem war eine unserer Einheiten in diesem Gebiet im Einsatz.
- 27:34Die Soldaten gingen in einen Keller und trafen dort auf eine Familie mit einem
- 27:38Kind. Sie sagten, wir müssen weiter, kommt mit, wir nehmen euch mit.
- 27:41Die Familie sagte, nein. Später kamen die Soldaten noch einmal an dem Keller
- 27:45vorbei. Wieder sagten sie, wir nehmen euch mit.
- 27:47Und wieder lehnte die Familie ab, nein, das ist nicht nötig,
- 27:50wir kommen selbst weg, bei uns ist alles in Ordnung.
- 27:52Beim dritten Mal schien die Familie schließlich der Evakuierung zuzustimmen.
- 27:56Doch als die Soldaten zurückkamen, waren sie tot.
- 27:58Das war es. Dort lagen nur noch ihre Leichen.
- 28:02Natalia ernennt diesen Ort nicht. Sie bezeichnet ihn nur als Todeszone.
- 28:06Diese Geschichte zeigt, warum die Begriffe erobert, gehalten und befreit allein
- 28:10nicht ausreichen, um die Lage der Menschen zu beschreiben.
- 28:13Ein Ort kann militärisch zurückgewonnen werden und trotzdem lebensgefährlich bleiben.
- 28:17Beste Beispiel ist eben Kherson im Süden der Ukraine, wo ich ja relativ häufig
- 28:21bin. Für mich so der Kristallisationspunkt dieses Krieges, das Symbol,
- 28:25schlicht Ende 2022 befreit worden nach monatelanger Besatzung.
- 28:30Und jetzt seitdem unter ständigem Feuer der Russen, die von der anderen Seite
- 28:35eben mit Artillerie reinschießen, mit Mörsergranaten reinschießen,
- 28:40mit Scharfschützen, mit Panzern,
- 28:41mit Drohnen und trotzdem bleiben die Leute, obwohl das Leben eben wirklich sehr,
- 28:47sehr, sehr gefährlich ist, der Vorrat.
- 28:50Natalia sagt, dass Russland seine Angriffe auf zurückgewonnene Orte teilweise sogar verstärkt.
- 28:55Zivilisten hören von einer Befreiung und glauben, sie könnten also nach Hause zurückkehren.
- 28:59Dort drohen ihnen aber weiterhin drohen, Artillerie, gelenkte Bomben.
- 29:04Wir kontrollieren dieses Gebiet. Aber einige Zivilisten hören diese Nachricht
- 29:08und beschließen, nach Hause zurückzukehren. Und genau das ist das Problem.
- 29:11Wenn wir ein Gebiet befreien, bedeutet das nicht, dass es dort sofort sicher
- 29:14ist. Im Gegenteil, der Gegner richtet dann oft noch mehr Aufmerksamkeit auf diesen Ort.
- 29:19Er greift ihn verstärkt mit gelenkten Bomben, Drohnen und anderen Waffen an.
- 29:23Manche Menschen hören in den Nachrichten, dass ein Dorf oder eine Stadt befreit
- 29:27worden ist und glauben, jetzt sei der richtige Zeitpunkt für die Rückkehr.
- 29:30Wir erklären ihnen dann immer wieder, die Befreiung eines Ortes bedeutet nicht,
- 29:34dass es sicher ist, dorthin zurückzukehren.
- 29:36Nach Nataljas damaligem Stand, also Ende September, leben in Svartohirsk noch
- 29:41272 Menschen und etwa 240 von ihnen halten sich im Bereich des Lavra-Klosters
- 29:48auf. Es gibt keinen regulären Strom.
- 29:50Wasser kommt teilweise aus privaten Brunnen. Einige kleine Läden arbeiten,
- 29:55aber noch ein normales städtisches Leben, aber ist dort nicht möglich. Ich meine.
- 30:01Putin sagt Anfang September, Svartuhirsk sei erobert worden.
- 30:05Und alle, mit denen ich gesprochen habe, haben mir eben gesagt,
- 30:08das ist völliger Bullshit.
- 30:10Also Konstantinivka sind zumindest russische Soldaten in der Stadt selbst,
- 30:16auch wenn sie sie eben nicht vollständig erobert haben. In Svartuhirsk,
- 30:19da ist die Front noch 30, 40 Kilometer entfernt.
- 30:23Und da hat kein russischer Soldat seit Jahren einen Fuß reingesetzt.
- 30:28Die Stadt ist sozusagen ein Rückzugsraum oder ein Rückraum für die 60.
- 30:35Brigade. Also diese Behauptung ist eben völlig gaga und zeigt aber auch,
- 30:40dass Putin möglicherweise so ein bisschen fehlinformiert ist über das,
- 30:43was an der Front passiert.
- 30:46Diese Zahlen können Sie schnell verändern. Sie zeigen aber, was militärische Karten nicht da bilden.
- 30:51Eine Karte zeigt, welcher Meer ein Ort kontrolliert. Sie zeigt nicht,
- 30:55ob dort Wasser aus einer Leitung kommt, sie zeigt nicht, ob ein Rettungsfahrzeug,
- 30:58eine Straße passieren kann und sie zeigt nicht, wie oft eine Familie Nein sagt,
- 31:04bevor sie zu einer Evakuierung bereit ist.
- 31:07Ja, Russlands Meldungen zur Einnahme Konstantinivkasten Svetovirs sind...
- 31:13Einfach Falschmeldung. Und das ist auch mit einem gewissen Risiko behaftet.
- 31:19Also wenn ich davon ausgehe, dass ich auf dem Schlachtfeld Erfolg habe,
- 31:25wirkt sich das ja möglicherweise auch auf meine Verhandlungsbereitschaft aus.
- 31:29Und das sieht auch Gustav Gressel so. Der sieht darin in diesen Falschmeldungen,
- 31:33die von russischer Seite kommen, auch ein Risiko für politische und militärische Entscheidungen.
- 31:37Was sozusagen die Falschmeldungen für die Verhandlungen bedeuten,
- 31:41ja, das ist halt so ein kritischer Punkt.
- 31:42Putin glaubt, ihm geht es deutlich besser. Und das Zweite ist,
- 31:46Putin unterschätzt ja in diesem Krieg die Widerstandswillen,
- 31:50die Widerstandsfähigkeit der Ukraine auch ständig. Also diese Terrorangriffe
- 31:54sollen ja die Ukraine zermürben, die jetzt auf Kiew gehen und.
- 31:59Sie sozusagen kampfunwillig schießen. Auch das beruht ja auf einer Fehlannahme
- 32:04über die ukrainische Innenpolitik, über den Willen der Ukrainer,
- 32:09nicht Russen zu werden, den Selbstbehauptungswillen als Staat.
- 32:13Und das sind auch grobe Fehlannahmen. Und diese Fehlannahmen führen dazu,
- 32:17dass der Krieg so lange dauert bzw. überhaupt begonnen wird als völlig sinnloses Unterfangen.
- 32:23Aber das geht ja im Friedensgegröle der Faschisten hier unter.
- 32:28Russland hat Konstantinivka für eingenommen erklärt. Russland hat Svartohysk
- 32:32für eingenommen erklärt. Die ukrainischen Soldaten, mit denen ich gesprochen
- 32:35habe, beschreiben eine andere Lage. Russische Gruppen dringen die Stadt ein, Konstantinivka.
- 32:40Ukrainische Soldaten halten dort aber weiterhin Stellung.
- 32:44Die werden mit Drohnen versorgt. Die Stadt ist schwer umkämpft,
- 32:46aber nicht vollständig unter russischer Kontrolle.
- 32:50Und Sviato Hirsky, wie gesagt, ist ein paar 30 Kilometer von der Front entfernt.
- 32:54Also da ist es wirklich völlig herne Büchen und eine Eroberung zu sprechen durch die Russen.
- 33:02Aber das ist natürlich alles keine Entwarnung. Konstantinivka ist weitgehend
- 33:05zerstört, der russische Druck hält an.
- 33:07Und selbst wenn eine militärische Linie gehalten oder ein Ort zurückgewonnen
- 33:10wird, bedeutet das für die Menschen dort noch lange keine Sicherheit.
- 33:15Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis dieser Reise. Wörter wie erobert, gehalten.
- 33:20Und befreit klingender klaren Zuständen. Wort beschreiben sie aber oft nur einen
- 33:25Moment in einer Lage, die sich ständig verändert.
- 33:30Eine Stadt kann nicht gefallen sein und trotzdem jeden Tag weiter zerstört werden.
- 33:35Eine Straße kann auf der Karte offen sein und für eine sieben Kilometer lange
- 33:39Fahrt kann man trotzdem einen ganzen Tag brauchen.
- 33:43Ein Dorf kann befreit sein, während seine Bewohner weiter in den Kellern leben
- 33:46und eine Siegesmeldung sagt noch nichts darüber aus, ob ein Mensch dort wieder
- 33:49nach Hause zurückkehren kann.
- 33:51Was möchtet ihr von den Menschen wissen, die in solchen umkämpften Orten bleiben
- 33:55und wie können Medien über militärische Erfolge berichten, ohne aus dem Blick
- 33:59zu verlieren, was sie für die Zivilbevölkerung bedeuten? Schreibt mir gerne.
- 34:04Das war die heutige Folge unseres Podcasts im Krisenmodus. Dieser Podcast wurde
- 34:09produziert von Alexander Baumeister.
- 34:11Er ist auch Journalist und arbeitet bei einem Radiosender der Funke Mediengruppe.
- 34:17Wenn euch dieser Podcast gefallen hat, liked und folgt uns. Das hilft in jedem
- 34:20Fall, unsere Arbeit sichtbarer zu machen.
- 34:23Schreibt mir auch gerne, wenn ihr einen Vorschlag für eine unserer nächsten
- 34:26Folgen habt. Ihr erreicht uns unter krisenmodus.at.bunkemedien.de.
- 34:32Passt auf euch auf. Bis dann. Ciao.
- 34:38Im Krisenmodus. Der Podcast aus Krisen- und Kriegsgebieten aller Welt.