Latest / Hinreichend verdächtig / Bianca, Jonas und ein Mord in der Mittagspause
Transcript
- 0:00Ich dachte mir, dass man eben teilweise zur Seite springen muss und eben sagen
- 0:04muss, okay, vielleicht sagen sie jetzt besser hier nichts, anders als bei Beschuldigten,
- 0:08die vielleicht nicht an einer geistigen Behinderung erkrankt sind.
- 0:13Also das war so ein bisschen, ja, Zwiegespalten, würde ich sagen,
- 0:17weil man hat ja auf der anderen Seite den wirklich dringenden Tatverdacht,
- 0:19dass er diese Tat begangen hat, die sehr, sehr schrecklich ist und schwer.
- 0:23Und auf der anderen Seite eine Person, die irgendwie sehr fragil und fast schon
- 0:28verletzlich wirkt. Vielen Dank.
- 0:52Hallo zurück bei hinreichend verdächtig. Ich hoffe, ihr hattet einen tollen
- 0:56Sommer und seid erholt wieder bei uns zurück.
- 0:59Mein Name ist Lili Stegner und in diesem Podcast gehen wir nicht nur echten
- 1:02Kriminalfällen auf den Grund, sondern wir tauchen richtig tief ein.
- 1:06Wir beleuchten die Ermittlungen, die zur Anklage geführt haben und wir untersuchen,
- 1:10was die Gesetzestexte dazu sagen.
- 1:12Dafür habe ich immer zwei Gäste hier bei mir, einmal aus der Staatsanwaltschaft
- 1:15in Duisburg und einmal einen Gerichtsreporter aus unserer Lokalredaktion.
- 1:19Die Fälle, die wir hier betrachten, die sind immer bereits abgeschlossen und
- 1:22damit rechtskräftig entschieden.
- 1:24Wir analysieren dann, wie der Fall öffentlich wahrgenommen wurde und wie die
- 1:27Staatsanwaltschaft ermittelt hat, um am Ende eine Anklage formulieren zu können.
- 1:32Und ganz nebenbei werden wir so auch die juristischen Fachbegriffe diskutieren,
- 1:35die oft anzutreffend sind, aber möglicherweise nicht immer so ganz genau verstanden werden.
- 1:41Wie zum Beispiel auch den Begriff hinreichend verdächtig.
- 1:44Heute hier bei mir Jill McCuller, Staatsanwältin hier in Duisburg und Alexander
- 1:48Trisch, Redakteur in unserer Lokalredaktion.
- 1:51In dem Fall, über den wir sprechen, geht es um die Tötung einer jungen Frau
- 1:55mit geistiger Behinderung durch einen Kollegen in einer Behindertenwerkstatt.
- 1:58Es geht dabei aber auch um sexuelle Übergriffe und um Gewalt.
- 2:03Falls euch das belastet, dann hört die Folge lieber nicht allein an.
- 2:06Starten wir wie immer aber erstmal mit der Beschreibung des Falls.
- 2:13Was ist passiert? Dieser Fall hat viele Menschen beschäftigt.
- 2:17Auch weil er an einem Ort stattfand, über den ohnehin viel Unwissen herrscht.
- 2:21Im Februar 2024 stieb die 22 Jahre alte Bianca, wir haben wie immer alle Namen
- 2:27geändert, auf dem Gelände einer Behindertenwerkstatt in Oberhausen.
- 2:31Der Täter, ein 27-jähriger Kollege, den wir hier Jonas nennen.
- 2:36Beide arbeiteten in einer Werkstatt der Lebenshilfe Oberhausen,
- 2:39Bianca erst seit wenigen Wochen. Aber von vorn.
- 2:44Jonas war in seinem Leben nie ein einfacher Fall. Schon seine Geburt verlief
- 2:47mit schweren Komplikationen. Er musste mehrfach wiederbelebt werden und verbrachte
- 2:51lange Zeit im Krankenhaus.
- 2:53Später zeigte sich eine Intelligenzminderung. Dazu kam eine Autismus-Spektrumstörung.
- 2:58Schule, Jugendhilfe, betreutes Wohnen. Jonas' Biografie ist geprägt von Einrichtungen
- 3:03und Betreuungsmaßnahmen, vor allem seit seine Mutter schwer erkrankte und später starb.
- 3:09Mindestens seit 2019 arbeitete er bei der Lebenshilfe, zuletzt im Bereich Elektromechanik,
- 3:14eine Abteilung für die eher leistungsfähigeren Beschäftigten.
- 3:18Im Betrieb war Jonas kein Unbekannter, aber nicht immer auf eine gute Art.
- 3:23Kollegen berichteten später vor Gericht von Vorfällen, die aufhorchen ließen.
- 3:27Er habe einer Mitarbeiterin gegenüber geäußert, er sei ein Daywalker und wolle
- 3:32eigentlich ihr Blut trinken, könne sich aber gerade noch zurückhalten.
- 3:36Er hatte im Bus über ein fremdes Mädchen unangemessene sexuelle Bemerkungen gemacht.
- 3:41Er hat einer Kollegin mit Down-Syndrom, die geistig auf dem Stand eines 4- bis
- 3:445-jährigen Kindes war, wiederholt an die Oberschenkel gefasst und ihr unangemessene
- 3:48Dinge zugeflüstert, bis Kolleginnen das meldeten und ein klärendes Gespräch stattfand.
- 3:53Zudem tauschte er mit anderen Mitarbeitern pornografische Inhalte aus,
- 3:56die als verstörend empfunden wurden und suchte in den Monaten vor der Tat wiederholt
- 4:01nach gewalthaltigen pornografischen Begriffen im Internet.
- 4:05Ab Dezember 2023 arbeitete auch Bianca in der Werkstatt, in einer anderen Gruppe als Jonas.
- 4:12Sie hatte einen festen Freund, nennen wir ihn Willi, mit dem sie eine Beziehung führte.
- 4:16Doch sie interessierte sich zuletzt auch für Jonas, wollte diese Beziehung aber
- 4:21ausdrücklich auf die Arbeitszeit beschränken.
- 4:24Es ist eine komplizierte, fast widersprüchliche Gemengelage.
- 4:27Nur wenige Tage vor der Tat erzählte Bianca mehreren Personen,
- 4:31Jonas habe sie gegen ihren Willen geküsst und unsittlich berührt.
- 4:34Sie hatte sogar Angst geäußert, dass er sie schlagen könnte und kündigte an,
- 4:38ihm deswegen eine, in Anführungsstrichen, fette Ansage zu machen.
- 4:43Gleichzeitig trug sie zwei selbst gemalte Liebesbriefe an Jonas bei sich,
- 4:47mit roten Herzen und den Worten, ich vermisse dich, ich liebe dich.
- 4:52Am Tattag, dem 27. Februar 2024,
- 4:56hatte Bianca von viertel vor zwölf bis viertel vor eins Mittagspause.
- 5:00Jonas' Pause begann um 12.30 Uhr.
- 5:03Er suchte sie sofort auf. Gemeinsam gingen die beiden nach draußen,
- 5:07zu einer Sitzecke mit Bänken und von dort weiter in ein dicht bewachsenes Gebüsch
- 5:11am Rande des Werksgeländes.
- 5:13Ein Zeuge sah sie noch, wie sie sich unterhielten und herumalberten.
- 5:17Die Stimmung war gut. Es war einvernehmlich, dass sie sich dort gemeinsam hinbegaben.
- 5:21Was dann geschah, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit rekonstruieren.
- 5:25Aber die Spuren sprechen eine deutliche Sprache.
- 5:27Aus bislang nicht aufklärbaren Gründen wandte Jonas massive,
- 5:30stumpfe Gewalt gegen Biancas Kopf und Gesichtsbereich an, drosselte sie mit
- 5:35einem Schlüsselband und wirkte zusätzlich mit den Händen.
- 5:38Die Gewalteinwirkung auf den Hals dauerte mindestens fünf Minuten.
- 5:42Bianca starb an dieser Strangulation. Anschließend zog Jonas ihren Körper tiefer
- 5:47ins Gebüsch, um ein Auffinden zu erschweren, kletterte gegen 12.45 Uhr alleine
- 5:51aus dem Gebüsch, überquerte die Wiese und nahm seine Arbeit wieder auf,
- 5:55als wäre nichts geschehen.
- 5:57Erst in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages fand die Polizei Biancas
- 6:00Leichnam. Ihr Körper war entblößt, die Hose heruntergezogen.
- 6:05Jonas wurde zunächst nur als Zeuge befragt, weil sein Name auf den Liebesbriefen stand.
- 6:10Er räumte ein, mit Bianca in der Pause eine Zigarette geraucht zu haben.
- 6:14Danach sei sie weg gewesen.
- 6:17Doch als sich herausstellte, dass er der letzte nachweisliche Kontakt der Jungfrau
- 6:21gewesen war, veränderte sich für ihn alles.
- 6:24Später bestätigten molekulargenetische Spuren am Hals der Getöteten an mit Sicherheit
- 6:28grinsender Wahrscheinlichkeit.
- 6:30Jonas war der Täter.
- 6:34Ab wann war der Angeklagte hinreichend verdächtig? Jill, Jonas wurde ja zunächst
- 6:39als Zeuge vernommen, gar nicht als Beschuldigter.
- 6:41Kannst du uns erklären, wie dieser Statuswechsel dann eigentlich abläuft und
- 6:46warum das rechtlich so genau genommen werden muss?
- 6:49Ja, also in den Status eines Beschuldigten rutscht man immer dann,
- 6:52wenn gegen die jeweilige Person ein Anfangsverdacht besteht.
- 6:55Also wir brauchen erstmal natürlich zureichende Anhaltspunkte dafür,
- 6:59dass wir überhaupt eine verfolgbare Straftat haben.
- 7:02Und dann auch, dass die jeweilige Person diese Straftat begangen hat.
- 7:06Und mit diesem Status gehen auch gewisse Rechte einher. Und das wichtigste Recht
- 7:10ist natürlich, dass man im Rahmen einer Vernehmung schweigen darf.
- 7:13Man muss sich nicht selbst belasten.
- 7:15Und das unterscheidet eben den Beschuldigten ganz stark von dem Zeugen.
- 7:19Insofern ist es eben auch ganz wichtig, den Zeitpunkt auszumachen,
- 7:23wann jemand dann als Beschuldigter zu bewerten ist.
- 7:26Und was war euer Wissensstand? Also ab welchem Moment habt ihr gemerkt,
- 7:30okay, da ist was anderes, er ist nicht mehr nur Zeuge, Jonas ist unser Verdächtiger.
- 7:36Also am Anfang war Jonas einfach ein Mitarbeiter der Werkstatt für uns und durch
- 7:40die Vernehmung anderer Personen.
- 7:43Und auch durch die bei Bianca aufgefundenen Briefe, auf denen ja der Name von
- 7:46Jonas verzeichnet war, war uns dann erstmal klar, okay, die standen in irgendeinem
- 7:50Verhältnis zueinander, die waren wahrscheinlich befreundet.
- 7:52Und deswegen rückte er als Zeuge für uns in den Fokus und im Rahmen seiner zeugenschaftlichen
- 7:58Vernehmung hat er dann, das hast du ja eben auch schon geschildert,
- 8:01angegeben, dass er mit Bianca nach dem Mittagessen zusammen war.
- 8:05Und für uns war das deswegen so ausschlaggebend, weil wir anhand der anderen
- 8:09Ermittlungen ausmachen konnten, dass eben das genau die Tatzeit gewesen sein muss.
- 8:14Er also die Person ist, die wahrscheinlich zuletzt mit Bianca in Kontakt stand
- 8:18und das hat für uns dann den Anfangsverdacht gegen Jonas begründet.
- 8:22Ich habe es gerade schon in der Tatbeschreibung erzählt, die DNA-Spur am Hals
- 8:27von Bianca spielte ja auch eine zentrale Rolle.
- 8:30Kannst du uns mal erklären, wie belastbar so ein Mischspurengutachten überhaupt ist?
- 8:34Weil die beiden, haben wir ja gerade schon gesagt, hatten auch vorher schon
- 8:38Kontakt, womöglich auch körperlichen. Das heißt, dass Jonas' DNA an Biancas
- 8:43Körper zu finden ist, ist erstmal ja voraussehbar.
- 8:46Ja, also so eine Spur wäre natürlich zwischen fremden Personen ein eindeutiger Beweis.
- 8:52Also wenn jetzt an einem Opferspuren von einer Person sind, mit der er vorher
- 8:56gar keinen Kontakt hatte, dann ist glaube ich recht eindeutig,
- 8:58dass da irgendwas stattgefunden hat.
- 9:00Jetzt ist es so, wie du gesagt hast, dass Bianca und Jonas ja durchaus schon
- 9:03Kontakt hatten, wahrscheinlich auch körperlichen.
- 9:06Und da ist natürlich so eine Spur jetzt nicht von so großem Beweis wert.
- 9:10Allerdings muss man immer darauf abstellen, an welcher Örtlichkeit des Körpers
- 9:16diese Spur eben oder Spurenantragung stattgefunden hat.
- 9:20Jetzt ist es hier bei Bianca der Hals gewesen, also doch eher eine ungewöhnliche
- 9:24Stelle, weshalb es dann doch wieder schon einen erheblichen Beweis wert für
- 9:29die Überführung von Jonas hatte.
- 9:31Aber das heißt, ihr müsst generell bei diesen Mischspurengutachten immer ganz
- 9:34genau darauf achten, wo wurde welche DNA gefunden, wie kann das in einem normalen.
- 9:41Miteinander passieren und wie eben auch nicht.
- 9:43Absolut, weil wenn du jetzt zum Beispiel eine Spur an der Hand findest,
- 9:47die kann ja total leicht übertragen werden oder auch an den Armen.
- 9:50Das ist ja einfacher, aber am Hals, das ist doch schon eine Stelle,
- 9:54wo man dann auf jeden Fall hellhörig wird. An den Händen des Angeklagten fand
- 9:58sich ja zum Beispiel keine DNA des Opfers und auch an dem Schlüsselband nicht.
- 10:03Trotzdem wurde Bianca stranguliert und ist daran am Ende gestorben.
- 10:07Wie geht ihr denn mit solchen fehlenden Spuren um, ohne dass diese ganze Kette
- 10:12von Beweisen dann so ins Wanken gerät?
- 10:14Dafür ist es ganz wichtig zu wissen, dass eine fehlende Feststellung von DNA
- 10:19nicht bedeutet, dass kein Kontakt stattgefunden hat.
- 10:23Der Grund dafür ist schlichtweg, dass für die Feststellung von DNA viele Punkte
- 10:27erfüllt sein müssen. Es muss genug DNA übertragen worden sein und auch im Nachhinein
- 10:33nicht wieder abgetragen worden sein.
- 10:35Und was auch ganz interessant ist, wenn an einem Körperteil viel eigene DNA
- 10:40vorhanden ist, dann ist es teilweise so, dass fremde DNA, ich sag jetzt mal
- 10:43untechnisch, überlagert wird und auch gar nicht mehr für uns feststellbar ist.
- 10:48Und wenn man das weiß, dann kommt man eben zu dem Schluss, okay,
- 10:51das ist jetzt kein Beweis, dass ein Kontakt stattgefunden hat,
- 10:54aber es heißt auch nicht, dass keiner stattgefunden hat.
- 10:56Und gerade Hände sind ja etwas, man berührt sich selber viel,
- 10:59man berührt andere Menschen, man gibt ständig Leute, man wäscht sich Hände auch
- 11:02öfter als andere Körperteile.
- 11:05Da sind Spuren absolut flüchtig.
- 11:07Was hat denn die Obduktion noch ergeben? Also Biancas Körper wurde zumindest
- 11:12teilweise entkleidet vorgefunden. Wurden da auch Spuren eines sexuellen Übergriffs festgestellt?
- 11:17Am Vordergrund stand auf jeden Fall die stumpfe Gewaltanwirkung und wie du geschildert
- 11:21hast, die Strangulation und das Würgen.
- 11:24Biancas Körper wurde teilweise entkleidet vorgefunden, deswegen dachten wir
- 11:28sofort natürlich an auch einen sexuellen Übergriff.
- 11:32Dafür hat die Obduktion aber keine Spuren ergeben an Biancas Körper.
- 11:36Aber ähnlich wie bei der DNA heißt das nicht, dass es nicht stattgefunden hat.
- 11:39Es ist durchaus möglich, dass es zu einem sexuellen Übergriff gekommen ist,
- 11:42aber das Ergebnis der Obduktion konnte diese These nicht weiter stützen.
- 11:47Was auch interessant war im Rahmen der Obduktion, war die Todeszeitbestimmung.
- 11:52Dazu muss man wissen, dass es oft nur möglich ist, die Todeszeit sehr,
- 11:55sehr, sehr weit zu fassen. Es hat einen Rahmen von mehreren Stunden,
- 12:00also dass man das wirklich auf, das muss 15 Uhr gewesen sein,
- 12:03so wie in manchen Filmen, das ist eher abwegig.
- 12:07Und hier war es eben interessant, dass wir in Biancas Magen noch unverdaute
- 12:11Nahrung auffinden konnten, was dafür spricht, dass ihr Tod ziemlich zeitnah
- 12:16nach der letzten Nahrungsaufnahme stattgefunden haben muss.
- 12:19Und das war eben in Biancas Fall das Mittagessen.
- 12:22Und dadurch lässt sich es relativ genau teilen. Absolut, ja.
- 12:25Es gab ja auch schon vor dieser Tat Auffälligkeiten im Verhalten von Jonas am
- 12:31Arbeitsplatz bis hin zu dem übergriffigen Verhalten gegenüber mehreren Kolleginnen.
- 12:36Welche Rolle spielt das denn im Ermittlungsverfahren, wenn ihr solche Geschichten
- 12:40durch die Zeugenbefragung immer mehr entdeckt und ans Licht kommt?
- 12:44Für uns ist es natürlich erstmal relevant, durch Zeugenaussagen auch die Person
- 12:48des Beschuldigten zu beleuchten, etwaige psychische Erkrankungen oder sonst
- 12:54abweichendes Verhalten.
- 12:55Und im Fall von Jonas war es so, dass eben auch im Zusammenhang mit der Auffindesituation von Bianca
- 13:01die Geschichten, die uns erzählt wurden von den Zeugen aus der Werkstatt,
- 13:04das so ein bisschen bekräftigt haben, dass man dachte, okay,
- 13:07da kann tatsächlich ein sexuelles Motiv dahinter stehen.
- 13:10Also insofern war das dann für uns von erheblicher Relevanz.
- 13:14Wie kam Jonas dir denn vor, so als Typ? Ich meine, du hast den ja wahrscheinlich
- 13:18auch persönlich gesehen.
- 13:19Ja, ich habe Jonas zu einem sehr frühen Zeitpunkt gesehen, weil ich am Samstag
- 13:24war das, als er vorgeführt würde, zum Gericht gefahren bin, weil ich mir einen
- 13:28eigenen Eindruck von ihm verschaffen wollte.
- 13:31Jonas, ja man hat sehr schnell erkannt, dass er eben eine geistige Behinderung
- 13:37hat, dass er Intelligenz gemindert ist, das war in seinem Verhalten so zu bemerken,
- 13:42was auch so war, dass er teilweise glaube ich nicht richtig verstanden hat,
- 13:46was um ihn herum gerade passiert, weshalb ich ihn als sehr schützenswert empfunden habe.
- 13:54Also ich dachte mir, dass man ihm teilweise zur Seite springen muss und ihm sagen muss, okay,
- 13:59vielleicht sagen sie jetzt besser hier nichts und ihn nochmal explizit auf seine
- 14:02Rechte hinweisen muss, anders als bei Beschuldigten, die vielleicht nicht an
- 14:07einer geistigen Behinderung erkrankt sind.
- 14:10Also das war so ein bisschen, ja, Zwiegespalten würde ich sagen,
- 14:14weil man hat ja auf der anderen Seite den wirklich dringenden Tatverdacht,
- 14:16dass er diese Tat begangen hat, die sehr, sehr schrecklich ist und schwer
- 14:20und auf der anderen Seite eine Person, die irgendwie sehr fragil und fast schon verletzlich wirkt.
- 14:27Und jetzt eine kurze Pause, vielleicht mit etwas Werbung.
- 14:38Alex, der Fall spielte sich ja in Oberhausen ab und damit außerhalb unseres
- 14:42Verbreitungsgebietes. Hast du trotzdem davon mitbekommen? Wir haben das mitbekommen.
- 14:46Oberhausen liegt jetzt natürlich außerhalb des Verbreitungsgebiets,
- 14:49aber jetzt auch nicht so weit. Also es sind ja nur ein paar Kilometer von Duisburg
- 14:53und die Stadt grenzt ja direkt an Duisburg dran und geht zum Teil auch direkt ineinander über.
- 15:01Und journalistisch war das total ungewöhnlich,
- 15:06weil mir ist jetzt kein Fall bekannt, wo sowas schon mal passiert ist,
- 15:09also dass ich von einem Tötungsdelikt in einer Behindertenwerkstatt gehört hätte und dementsprechend,
- 15:15ja, da haben sich dann Kollegen drum gekümmert und das lief auch über die Region
- 15:19hinaus, dann in allen möglichen Medien sehr schnell.
- 15:21Wie würdest du denn mit solchen Bedingungen umgehen, wenn du zu so einem Fall
- 15:25in einer Behindertenwerkstatt recherchieren müsstest?
- 15:28Also da gibt es eine ganze Reihe von Dingen, die man beachten muss,
- 15:32was den konkreten Fall hier angeht.
- 15:34Also erstmal haben wir ja sowieso, egal über welchen Kriminalfall wir berichten.
- 15:40Dass wir quasi die Betroffenen irgendwie auch schützen müssen.
- 15:43Also sowohl der mutmaßliche Täter als auch das Opfer und die Angehörigen.
- 15:48Und das ist hier natürlich nochmal deutlicher wichtig, weil auch nach dem Pressekodex
- 15:54Menschen mit Behinderung dann nochmal zu einer besonders schutzbedürftigen Gruppe
- 15:59gehören. Also wir dürfen das jetzt nicht so darstellen als...
- 16:02Hätte der die Tat begangen, weil er eine Behinderung hat und als könnte das
- 16:06jetzt irgendwie dafür sorgen, dass das noch öfter passiert mit weiteren Menschen mit Behinderung.
- 16:12Also das natürlich auf gar keinen Fall. Und dann haben wir in dem Fall noch
- 16:16so eine Art Verständnisproblem, würde ich sagen, weil so eine Werkstatt für
- 16:19Menschen mit Behinderung ist jetzt ja auch nicht so das alltägliche Thema,
- 16:23mit dem sich die Leser beschäftigen.
- 16:26Also wir müssen dann erstmal erklären, was ist das überhaupt für eine Einrichtung,
- 16:29wer arbeitet dort, was passiert da eigentlich genau.
- 16:33Wie wird da so das Zusammenleben organisiert und dann ist ja hier auch schon,
- 16:39das haben wir jetzt zwar hier in unserer Fallbeschreibung, aber damals war das,
- 16:42zumindest uns noch nicht direkt klar, dass es diese ganzen Warnsignale gibt.
- 16:45Also da muss natürlich die Einrichtung mit konfrontiert werden,
- 16:48da muss man sich fragen, hätte da irgendwas passieren müssen,
- 16:51hätten die vielleicht reagieren müssen, hätten die die Frau schützen können,
- 16:55hätte man ihn vielleicht da irgendwie aus der Einrichtung vorher rauswerfen
- 17:00können, wäre das möglich gewesen und so weiter.
- 17:03Also da hätten wir uns ganz, ganz viele Fragen stellen müssen.
- 17:07Jetzt mal abgesehen von solchen wirklich...
- 17:11Schweren Fällen, die ja auch wirklich alles andere als alltäglich sind.
- 17:15Wie offen sind deiner Erfahrung nach denn solche Einrichtungen generell,
- 17:18wenn es um Informationen für die Presse geht?
- 17:21Also das kommt darauf an, welche Geschichte man mit denen vorhat.
- 17:25Also wenn es jetzt darum gehen würde, diese Einrichtung vorzustellen und vielleicht
- 17:28irgendwelche neuen Konzepte, die sich da überlegt haben, dann sind die ganz
- 17:32schnell dabei, darüber zu informieren und erzählen einem quasi alles, was man wissen möchte.
- 17:39Wenn es dann natürlich um was Kritisches geht, sind die natürlich weniger offen.
- 17:42Wenn es um einen Kriminalfall geht, schon mal gar nicht.
- 17:47Und ja, meistens läuft das dann darauf hinaus, dass man sehr lange auf Antworten
- 17:51wartet, dass die vielleicht schon einen Rechtsbeistand haben.
- 17:53Dann kriegt man die Antworten dann von einem Anwalt und gar nicht von der Einrichtung selber.
- 17:58Dann ist das alles sehr glatt gebügelt und man hat nicht wirklich das Gefühl,
- 18:02dass man jetzt wirklich Antworten auf seine Fragen bekommen hat. Also das hängt.
- 18:10Ganz von der Geschichte ab. Mhm, denn auch diese Einrichtungen müssen ja am
- 18:14Ende sich selbst, aber vor allem eben auch die Menschen, die bei ihnen arbeiten,
- 18:18schützen und das ist irgendwie spannend, dass dann,
- 18:22obwohl jeder den Schutz dieser Menschen eigentlich im Vordergrund haben müsste,
- 18:25manchmal trotzdem vielleicht eine Information nicht ganz so weitergegeben wird,
- 18:28wie sich das alle wünschen würden. Ja, auf jeden Fall.
- 18:32Was macht das auf? Jim, Alex hat es gerade auch nochmal erwähnt,
- 18:36der Angeklagte war schon vor der Tat wegen seines Verhaltens aufgefallen.
- 18:40Es gab Gespräche mit dem sozialen Dienst der Werkstatt.
- 18:44Hätte man an dieser Stelle denn schon eingreifen können? Ich finde es immer
- 18:47ganz schwer, das in der Rückschau zu bewerten und zu beurteilen,
- 18:50weil im Nachhinein ist man halt immer schlauer.
- 18:54Und ich glaube, man muss auch nochmal beachten, in welchem Umfeld wir uns da
- 18:58bewegen. Und da ist, glaube ich, so ein gewisses sexualisiertes Verhalten gar nicht so ungewöhnlich.
- 19:06Und ich finde auch, dass die Einrichtung das ja nicht ignoriert hat.
- 19:09Da gab es ja Gespräche, man hat das wahrgenommen und hat da auch eben Gespräche
- 19:14geführt und ist auch an Jonas herangetreten.
- 19:17Also es wurde gar nicht ignoriert.
- 19:19Und man muss auch noch ganz klar eins sagen, dass so eine schwere Tat passiert,
- 19:23das war nicht im Ansatz zu erwarten.
- 19:25Und deswegen glaube ich, dass allein aus den Verhaltensweisen,
- 19:29die wir eben auch ermitteln konnten, die im Vorfeld passiert sind,
- 19:33dass man da nichts hätte anders machen können, was letztlich die Tat hätte verhindern können.
- 19:36Ihr hattet ja auch viele Zeugen bei den Ermittlungen aus dem Kreis der Werkstatt.
- 19:40Welche Besonderheiten kamen denn da so auf euch zu?
- 19:43Nächstes Mal war die Besonderheit, dass wir so viele Zeugen hatten wie,
- 19:46glaube ich, noch nie in einem anderen Verfahren.
- 19:48Weil erst einmal jeder der Mitarbeiter für uns Zeuge war und da mussten wir
- 19:52jetzt erstmal rausfiltern, okay, welche Mitarbeiter müssen wir tatsächlich vernehmen,
- 19:56weil sie in irgendeinem Verhältnis zu Bianca standen oder mit ihr Kontakt hatten.
- 20:00Das war das Erste und das Andere war, dass eben viele der Personen,
- 20:05die wir als Zeugen eingestuft haben, auch geistig eingeschränkt waren.
- 20:10Viele auch wie Bianca auf der Stufe eines Kindes und da muss man natürlich sehr
- 20:15behutsam vorgehen, weil man
- 20:16möchte die Zeugen auch nicht durch eine Vernehmung vielleicht verstören.
- 20:20Auf der anderen Seite müssen wir auch unseren Job machen und ein Führungsdelikt
- 20:25aufklären und das ist dann teilweise doch schon ein ganz schöner Spagat,
- 20:28Rücksicht zu nehmen auf die Zeugen und.
- 20:32Ihre Konstitution und aber zugleich eben auch Bianca gerecht zu werden.
- 20:38Gibt es denn bei euch oder auch bei der Polizei speziell geschulte Mitarbeiter,
- 20:41die im Umgang mit geistig behinderten Menschen eingesetzt werden?
- 20:45Also es gibt Schulungen für Vernehmungen von kindlichen Opferzeugen.
- 20:50Dass es jetzt Schulungen gibt für geistig behinderte Menschen als Zeugen,
- 20:55das wüsste ich jetzt nicht.
- 20:57Hier im konkreten Fall war es so, dass das KK11 die Vernehmungen übernommen
- 21:01hat. Das heißt, die Ermittlungsbeamten, die auch Tötungsdelikte eben ermitteln mit mir gemeinsam.
- 21:07Und ich muss sagen, dass die das ganz hervorragend gemacht haben.
- 21:09Das sind ja auch sehr erfahrene Kräfte und die haben sofort erkannt,
- 21:14wie man da vorgehen muss, um eben dem Zeugen gerecht zu werden,
- 21:18auf sie Rücksicht zu nehmen, aber sie eben auch abzuholen und dann die erforderlichen
- 21:22Informationen eben auch zu erfragen.
- 21:24Und das hat hier ganz hervorragend geklappt. Da muss man sich wahrscheinlich
- 21:27auch ein bisschen mehr Zeit nehmen. Das hat sehr viel Zeit in Anspruch genommen, ja.
- 21:32Wie eng ist denn die Zusammenarbeit während der Ermittlung mit den betreuenden
- 21:36Personen von Jonas, Bianca und den weiteren Zeugen gelaufen?
- 21:39Also ich würde das jetzt gar nicht Zusammenarbeit nennen, weil die Zeugen werden
- 21:42vernommen und in der Regel,
- 21:44hat sich das damit dann erstmal erledigt, aber es gibt ja andere betreuende
- 21:48Personen, nämlich eben auch den gesetzlichen Betreuer zum Beispiel von Jonas,
- 21:53der eben durch gerichtlichen Beschluss.
- 21:56Beigeordnet wurde und der dann aufgrund eben des Umstandes, dass Jonas nicht
- 22:01in der Lage ist, für bestimmte Sachen selbst zu sorgen, wie Gesundheitsvorsorge
- 22:05oder Vermögensangelegenheiten, Der dann diese Punkte eben für Jonas im Leben übernommen hat.
- 22:11Und den gesetzlichen Betreuer haben wir auch in der Hauptverhandlung gehört,
- 22:15eben zu Jonas und seiner Person.
- 22:17Und im Vorfeld bereits im Ermittlungsverfahren habe ich die Akte des Betreuungsgerichts
- 22:22beigezogen, die dem ganzen Betreuungsverhältnis zugrunde liegt.
- 22:25Und das ist immer ganz interessant für uns, weil es eben Auskunft gibt über
- 22:30Jonas' psychische Situation, über seinen Werdegang und.
- 22:35Ob da vielleicht auch eine gewisse Entwicklung stattgefunden hat,
- 22:38was letztlich auch immer für den psychiatrischen Sachverständigen ganz interessant
- 22:42ist, um zu beurteilen, an welcher Erkrankung Jonas eigentlich leidet.
- 22:46Und du hast es gerade gesagt, bei Jonas lag eben eine Intelligenzminderung und
- 22:51eine Autismus-Spektrumstörung vor, die seine Steuerungsfähigkeit auch erheblich
- 22:55eingeschränkt hat, deswegen hatte er eben diesen gesetzlichen Vormund.
- 22:58Wie kann denn oder wie geht ein Gericht dabei vor, solche Umstände zu bewerten,
- 23:04ohne die schreckliche Tat, die ja am Ende dieses ganzen Komplexes stand,
- 23:08zu verharmlosen am Ende? Ich glaube, es ist ganz wichtig zu unterscheiden.
- 23:13Das Gericht stellt fest, dass jemand eine vorsätzliche rechtswidrige Straftat
- 23:17begangen hat und diese Tat war hier eben sehr schwerwiegend und so wird das
- 23:22auch behandelt und festgestellt.
- 23:24Und davon unabhängig oder danach beurteilt das Gericht, hat Jonas denn schuldhaft gehandelt.
- 23:31Und wenn man zu dem Ergebnis kommt wie hier, dass er erheblich vermindert schuldfähig
- 23:35war, schränkt das aber überhaupt gar nicht die Bewertung der Tat an sich und
- 23:39des Tatbestandes, der verwirklicht wurde, ein.
- 23:42Das sind eben zwei Paar Schuhe. Und ich glaube, das muss man unterscheiden.
- 23:45Und dadurch wird auch die Schwere der Tat dadurch gar nicht gemindert.
- 23:50Das ist ja generell das Thema bei der Frage nach der Schuldfähigkeit,
- 23:53das wir ja schon in ganz, ganz vielen anderen Fällen hatten.
- 23:56Kannst du jetzt nochmal zusammenfassen, wie ist die Frage der Schuldfähigkeit
- 24:00bei Jonas beantwortet worden?
- 24:01Bei der Frage der Prüfung der Schuldfähigkeit prüft man immer,
- 24:05ob Jonas eben in der Lage war, das Unrecht der Tat einzusehen,
- 24:09also die Einsichtsfähigkeit und nach dieser Einsicht zu handeln,
- 24:13die Steuerungsfähigkeit.
- 24:15Und bei Jonas war es so, dass ganz klar war, dass er hier erkannt hat,
- 24:18dass das, was er tut, Unrecht ist. Also er war voll einsichtsfähig.
- 24:23Bei der Steuerungsfähigkeit war es aber so, dass man da eben gesagt hat,
- 24:26okay, er war erheblich vermindert steuerungsfähig oder schuldfähig aufgrund
- 24:32einer eingeschränkten Steuerungsfähigkeit.
- 24:35Die psychiatrische Sachverständige hat gesagt, dass Grund dafür eben seine Intelligenzminderung
- 24:40ist und die auch bei ihm festgestellte Autismus-Spektrum-Störung.
- 24:44Und jetzt eine kurze Pause, vielleicht mit etwas Werbung.
- 24:55Alex, ihr beschäftigt euch in der Lokalredaktion ja auch immer wieder mit sozialen
- 25:00Einrichtungen in der Region.
- 25:02Wie nimmst du denn die Situation in solchen besonders schützenswerten Werkstätten wahr?
- 25:07Ist eine Aufsicht dort überhaupt ausreichend leistbar mit dem, was es an Personal gibt?
- 25:12Also das kann ich natürlich jetzt so für die einzelnen Einrichtungen in Oberhausen
- 25:16nicht sagen, ob die da jetzt ihrer Betreuungspflicht so wirklich nachgekommen sind oder nicht.
- 25:22Aber generell kann man natürlich schon sagen, da arbeiten hunderte Menschen
- 25:27mit Behinderung. Die haben nur.
- 25:31Einige Mitarbeiter, wahrscheinlich viel zu wenige Mitarbeiter,
- 25:34so wie das ja in einem sozialen Sektor häufig ist.
- 25:38Das ist ein eingetragener Verein, der am Ende diese Werkstatt betreibt.
- 25:41Die werden knapp bemessene Budgets haben.
- 25:44Die werden wahrscheinlich nicht so leicht Mitarbeiter finden für die pädagogische Aufsicht.
- 25:51Die werden wahrscheinlich nicht die Gehälter zahlen, die sie wahrscheinlich gerne zahlen wollen.
- 25:56Und da stehen ja alle Beteiligten unter einem wahnsinnigen Finanzierungsdruck
- 26:00und das kann natürlich schon sein,
- 26:03dass da immer mal Sachen irgendwie liegen bleiben, Sachen nicht gesehen werden
- 26:07und das haben wir ja überall eigentlich, wo es in sozialen Berufen Betreuungen gibt.
- 26:12Solche Werkstätten sind ja sowieso auch immer wieder Zentrum von sehr kontroversen Debatten.
- 26:18Kannst du uns da mal ganz kurz abholen? Was kritisieren denn die Gegner von
- 26:22solchen Einrichtungen und was loben die Befürworter?
- 26:25Ja, also vielleicht muss man einmal kurz erklären, was so eine Werkstatt für
- 26:28Menschen mit Behinderung eigentlich ist.
- 26:29Also da kommen die Personen halt hin, um dort zu arbeiten, um.
- 26:36Irgendwie eine soziale Einbindung und eine sinnvolle Beschäftigung zu haben,
- 26:40innerhalb des Arbeitsmarkts, obwohl sie dann gar nicht tatsächlich wirklich
- 26:43im Arbeitsmarkt sind. Ja.
- 26:47Und da werden allerlei Jobs angeboten, Holzverarbeitung, da werden Möbel gebaut,
- 26:53da gibt es Abteilungen für Garten- und Landschaftsbau, da werden irgendwelche
- 26:57Metallteile für die Industrie gemacht.
- 27:00Und gleichzeitig gibt es auch eine pädagogische Begleitung, also die werden
- 27:05da nicht einfach nur sich selbst überlassen, um zu arbeiten,
- 27:07sondern da gibt es auch Sozialarbeiter, die sich um die Menschen kümmern.
- 27:11Und jetzt kann man sagen, okay, das ist ja alles irgendwie eine tolle Sache
- 27:14und diese Werkstätten leisten damit so eine gesellschaftliche Teilhabe für die Menschen.
- 27:19Die sitzen jetzt nicht zu Hause und denken, wir leiden unter der Behinderung
- 27:24und können jetzt aber nicht arbeiten und müssen irgendwie jetzt zu Hause bleiben,
- 27:27sondern werden da halt betreut und es gibt halt dann so Jobs,
- 27:31die dann auf die zugeschnitten sind.
- 27:34Andererseits kann man aber auch sagen, das wissen wahrscheinlich viele auch
- 27:38nicht, dass der Lohn in diesen Werkstätten für Menschen mit Behinderung der
- 27:42wirklich absurd niedrig, also da gibt es Leute, die arbeiten dafür 200 Euro im Monat,
- 27:47also der Mindestlohn wird da nicht gezahlt und das ist ja auch irgendwie,
- 27:52weiß ich nicht, die arbeiten natürlich keine 40 Stunden in den meisten Fällen,
- 27:55aber trotzdem ist es ja nicht,
- 27:56also gerecht würde ich es jetzt nicht bezeichnen und irgendwie werden sie halt
- 28:03inkludiert, aber irgendwie auch nicht, also,
- 28:06man schafft dann so eigene Einrichtungen eigene Welten für die,
- 28:08wo die dann arbeiten können aber man könnte ja vielleicht auch versuchen die trotzdem irgendwie,
- 28:14in das Leben außerhalb dieser Einrichtungen einzubinden und ja,
- 28:18so richtig also ich glaube es ist irgendwie eine gute Lösung aber irgendwie,
- 28:23haben da glaube ich die Leute, die Kritik üben, Recht und die das loben auch
- 28:26also so ganz fertig zu Ende gedacht ist das glaube ich noch nicht verstehe,
- 28:32Bekommt ihr denn so aus der Region und aus einem Berichtsgebiet mit,
- 28:36dass Angehörige oder Betroffene sich auch manchmal an die Presse wenden,
- 28:40wenn sie das Gefühl haben, in solchen Einrichtungen läuft irgendwas nicht gut
- 28:44oder ist das weniger ein Thema?
- 28:45Also von diesen Werkstätten kenne ich das jetzt so nicht, aber wir haben das
- 28:48schon häufiger, dass, ich weiß nicht, aus anderen Einrichtungen,
- 28:53Krankenhäusern, Altenheimen, selbst Schulen.
- 28:56Dass es da Leute gibt, die zu uns kommen und sagen, hier ist was passiert,
- 29:01wir werden nicht ernst genommen.
- 29:03Das ist vielleicht dann nicht mal eine Straftat oder so, aber da werden versucht,
- 29:08irgendwelche Dinge unter den Tisch fallen zu lassen, die Betreuung läuft nicht
- 29:13richtig, da sind vielleicht arbeitsrechtlich auch Sachen passiert, die nicht okay sind.
- 29:18Und das kommt schon häufiger vor. Wir erleben das in letzter Zeit aber auch,
- 29:22dass die Leute, die uns diese Hinweise geben, dann so ein bisschen sehr, sehr vorsichtig sind.
- 29:28Also die, ja, schicken wir uns dann so ein bisschen anonyme Briefe und wir wissen
- 29:33dann gar nicht, wer das war.
- 29:34Können die Person auch für Rückfragen gar nicht mehr kontaktieren.
- 29:37Ist dann alles ein bisschen sehr allgemein gehalten. Man weiß nicht so ganz,
- 29:41wie man das jetzt so wirklich nachvollziehen soll.
- 29:44Und wir merken ja immer so ein bisschen, dass viele Quellen verunsichert sind,
- 29:47weil die dann glauben, wenn sie jetzt uns gegenüber mit ihren echten Namen auftreten
- 29:51oder mit einer Handynummer hinterlassen, dass wir das irgendwie veröffentlichen
- 29:56würden und die da irgendwie am Ende Ärger bekommen.
- 30:00Aber wir haben natürlich eine Pflicht, so mit den Quellen umzugehen,
- 30:02dass sie nicht erkennbar sind und dass sie hier keine Probleme bekommen.
- 30:06Wie geht es aus? Jim, wie lautet denn am Ende das Urteil gegen Jonas?
- 30:11Jonas wurde wegen Totschlags zu einer freien Straf von acht Jahren verurteilt
- 30:15und daneben wurde seine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus angeordnet.
- 30:19Und das Urteil ging nicht wegen Mordes, sondern wegen Totschlags ein.
- 30:24Kannst du erklären, warum das so ist? Ich hatte ja ursprünglich zwei Mordmeitmale
- 30:28angenommen, die Heimtücke und zur Befriedigung des Geschlechtstriebes.
- 30:33Und beides konnte nach Abschluss der Beweisaufnahme nicht nachgewiesen werden,
- 30:37was ich persönlich auch nachvollziehen kann.
- 30:40Das Problem lag letztlich darin, dass wir nur feststellen konnten,
- 30:43dass Jonas und Bianca zusammen nach dem Mittagessen auf dem Hof waren und dann
- 30:47zusammen ins Gebüsch begeben haben,
- 30:51und dass eben dort Jonas dann durch Strangulieren und Würgen und stumpfe Gewalteinwirkungen
- 30:57Bianca zu Tode gebracht hat.
- 30:59Das konnten wir feststellen. Was wir nicht feststellen konnten ist,
- 31:02aber was zwischen den beiden passiert ist, sprich kam es zum Streit, hat Jonas sie,
- 31:09sexuell belästigt oder ähnliches, das konnten wir alles nicht feststellen,
- 31:13das wissen eben nur die beiden, was da passiert ist und da Jonas sich nicht eingelassen hat.
- 31:21War das dann eben für uns nicht mehr nachvollziehbar.
- 31:24Es war deswegen eben auch nicht nachvollziehbar, ob Bianca arglos war,
- 31:28also sich keines Angriffs auf ihr Leben versehen hat.
- 31:31Und es war eben auch nicht nachvollziehbar, durch was die Tat überhaupt motiviert war.
- 31:37Und deswegen waren dann am Schluss beide Mordmerkmale nicht mehr feststellbar.
- 31:42Und du hast es gerade schon gesagt, du folgst dem auch, du kannst das Urteil
- 31:47gut akzeptieren. Genau, ich konnte das gut akzeptieren und ich finde auch die
- 31:50Strafe ist durchaus Tat und Schuld angemessen.
- 31:52Das Gericht hat neben der Haftstrafe
- 31:54ja auch die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik angeordnet.
- 31:57Das betrifft wieder mal diesen, und ich muss wieder ablesen,
- 32:00Paragraf 63 StGB, über den wir hier auch schon öfter gesprochen haben.
- 32:05Wie du vorhin erklärt hast, war Jonas' Schuldfähigkeit aufgrund seines Autismus
- 32:09und der Intelligenzminderung vermindert. Was macht das Ganze denn so besonders?
- 32:13Besonders ist es deswegen, weil aus der Praxis kennt man eigentlich nur Fälle
- 32:17von Schuldunfähigen, die dann eben in die Maßregel des Paragrafen 63,
- 32:22sprich in ein psychiatrisches Krankenhaus kommen.
- 32:26Beispielsweise bei paranoid schizophrenen Menschen. Das ist eigentlich so ein
- 32:30Klassiker aus der Praxis, würde ich sagen.
- 32:34Und bei Jonas war es so, dass sowohl die psychische Störung,
- 32:37unter der er leidet, für uns einfach nicht alltäglich war und dann auch der
- 32:42Umstand, dass er nur eingeschränkt schuldfähig war und eben nicht ganz schuldunfähig.
- 32:48Und das kommt wirklich äußerst selten vor. Ich muss sagen, ich fand das sehr
- 32:52spannend, das mal ja auch von einem psychiatrischen Sachverständigen erklärt
- 32:57zu bekommen, welche Auswirkungen diese Störung hat.
- 33:00Und ja, in den klassischen Fällen der Paronidenschizophrenie,
- 33:04da kann man es irgendwann gefühlt selbst beurteilen.
- 33:07Aber da war es wirklich ganz wichtig auch, dass wir die Expertise eines Sachverständigen
- 33:12hatten. Kann ich mir vorstellen.
- 33:15Du hast es gerade auch schon gesagt, Jonas hat sich im gesamten Prozess nicht
- 33:17wirklich zur Sache eingelassen.
- 33:20Wie würdest du denn diese Entscheidung, die ihm ja obliegt, aus Sicht der Anklage bewerten?
- 33:26Genau, also zunächst muss man glaube ich nochmal feststellen,
- 33:28es ist jedem Angeklagten natürlich frei, ob er sich einlassen möchte oder nicht.
- 33:32Aus meiner Sicht hätte man vielleicht ein pauschales Geständnis ablegen können,
- 33:39denn man muss ganz klar sagen, die Beweislast war schon erdrückend,
- 33:42also es war klar, dass Jonas der Täter ist, was nicht klar war,
- 33:46was ja auch letztlich dann im Urteil so,
- 33:48rausgekommen ist, wie konkret es sich ereignet hat.
- 33:51Also es wäre aus meiner Sicht durchaus möglich gewesen, dass man sich den in
- 33:55Anführungszeichen Bonus eines Geständnisses sichert, indem man sagt,
- 33:58ja ich habe diese Tat begangen.
- 34:00Also ein sehr pauschales Geständnis ablegt, was ja beispielsweise auch durch
- 34:05eine schriftliche Erklärung durch den Verteidiger erfolgen kann,
- 34:08dass man da so gar nicht sich in diese Gefahr von weiteren Fragen oder so begibt.
- 34:13Und dadurch hätte er sich eben ja diesen strafmilderten Aspekt gesichert.
- 34:19Auf der anderen Seite muss ich sagen, es ist natürlich spekulativ.
- 34:21Es mag auch Gründe geben, die wir alle nicht kennen, warum eben Jonas sich nicht
- 34:26einlassen wollte oder warum sein Verteidiger ihm dazu geraten hat.
- 34:29Und deswegen ist es jetzt nur erstmal eine Bewertung meinerseits aus den Gründen
- 34:34und den Aspekten, die ich wahrgenommen habe.
- 34:38Und was da sonst noch sich zwischen denen im Mandantenverhältnis abgespielt
- 34:42hat, kann ich gar nicht beurteilen.
- 34:44Alex, gibt es Informationen darüber, wie das Urteil so in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde?
- 34:50Nicht so ganz genau, aber was ich gefunden hatte und das fand ich ganz interessant,
- 34:55dass die Lebenshilfe selbst wohl diesen Prozess begleitet hat.
- 34:59Also die haben auf ihrer Homepage so eine Art Blog eingerichtet.
- 35:03Wo die dann geschrieben haben, was an den verschiedenen Tagen im Prozess passiert ist.
- 35:09Das habe ich so auch selten erlebt, dass das dann von den Institutionen selber
- 35:13noch begleitet wird und die da irgendwie die ganzen Informationen dann weitergeben.
- 35:18Und da haben sie unter anderem geschrieben, dass sie finden,
- 35:21das Urteil ist ein wichtiger Teil der Verarbeitung des schweren Verlustes und
- 35:26dann nochmal den Familien und Freunden des Opfers viel Kraft gewünscht.
- 35:29Ihr darf vielleicht noch mal kurz einhaken, jetzt wo du es erzählt,
- 35:32kann ich mich auch wieder sehr bildlich daran erinnern, dass auch ganz,
- 35:35ganz viele Mitarbeiter der Werkstatt bei jedem Termin anwesend waren und da war wirklich viel los.
- 35:43Das waren dann auch viele Menschen, die es vielleicht nicht so gewohnt sind,
- 35:46immer leise sein zu müssen. Also da war schon eine gewisse Geräuschkulisse.
- 35:50Aber ich fand das auch irgendwie so ein schönes Zeichen, dass sie dann halt
- 35:53eben ihre Freundin oder Kollegin dann auch insofern irgendwie noch so ein bisschen begleitet haben.
- 35:59Ja, das wollte ich jetzt auch gerade fragen, denn für die Kolleginnen und Kollegen
- 36:03von Bianca muss das ja auch ein riesiger Schock gewesen sein.
- 36:06Ja, also was auch interessant ist und vielleicht auch ein bisschen überraschend
- 36:10in dem Fall, dass es danach, ein paar Monate später, gab es nochmal.
- 36:18Mitarbeiter aus dieser Behindertenwerkstatt, die sich an Kollegen von uns in
- 36:22Oberhausen gewandt haben, anonym natürlich, und gesagt haben,
- 36:28dass sie nicht zufrieden waren mit der Aufarbeitung dieses Falles und.
- 36:34Quasi der Lebenshilfe vorgeworfen haben, dass ihre psychische Belastung,
- 36:37die sie ohnehin haben in ihrem Job,
- 36:42dass das jetzt mit diesem Vorfall nicht richtig gesehen wird und das Arbeitspensum
- 36:48nicht mehr zu bewältigen sei und es ohnehin zu wenig Personal gab.
- 36:51Also die haben dann diesen Vorfall nochmal genutzt, um zu sagen,
- 36:55dass da die Arbeitsbedingungen, so wie sie sind, nicht in Ordnung sind.
- 37:00Also vielleicht hat dieser Fall auch nochmal etwas dazu beigetragen,
- 37:04ein besonderes Licht auf die Situation in diesen Einrichtungen zu leuchten. Ja, hoffentlich.
- 37:09So genau können wir das jetzt nicht beurteilen. Es gab dann aber Stellungnahmen
- 37:12von der Lebenshilfe, die das, fand ich, ein bisschen harsch sogar zurückgewiesen
- 37:17haben und gesagt haben, naja.
- 37:19Es gäbe ja eine Heimaufsicht und behördliche Kontrollen da in dieser Werkstatt
- 37:24und ja, also es klang ein bisschen so, als hätten sie diese Beschwerden,
- 37:29die dann im Nachhinein kamen, so ein bisschen runtergespült.
- 37:32Ich danke euch beiden für die Einblicke darin und ein Dankeschön auch wie immer
- 37:36an euch zu Hause, an unsere Zuhörer, für eure Aufmerksamkeit und euer Dabeisein.
- 37:41Wenn ihr Gedanken habt zu unserem Podcast, Lob, Kritik, was auch immer,
- 37:45dann könnt ihr uns gerne schreiben und zwar an podcasts.reinische-post.de oder
- 37:50hier in den Kommentaren auf der Podcast-App eures Vertrauens.
- 37:54Ich bin Lili Stegner und ich freue mich, wenn ihr beim nächsten Mal auch wieder
- 37:58dabei seid, wenn wir neue Fälle aufklären.
- 38:00Bis dahin. Tschüss. hinreichend verdächtig.