Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Drittes Hauptstück - 110-111
Transcript
- 0:00Unterkapitel 110 die Wahrheit in der Religion in diesem sehr
- 0:06ausführlichen Abschnitt setzt sich Nietzsche mit dem
- 0:08Verhältnis von Religion, Wissenschaft und Philosophie
- 0:11auseinander. Er kritisiert die Versuche
- 0:14seiner Zeit, die Religion zu retten, obwohl die Wissenschaft
- 0:17sie eigentlich widerlegt hat. Nietzsche blickt zuerst zurück
- 0:21auf die Zeit der Aufklärung, in dieser Zeit wurde die Religion
- 0:25stark kritisiert und ihr Wert oft nicht gerecht beurteilt.
- 0:30Als Reaktion darauf gab es eine Gegenbewegung, zum Beispiel die
- 0:33Romantik. In dieser Phase fing man an, die
- 0:36Religionen wieder sehr zu lieben und zu verteidigen, man
- 0:39behauptete, Religionen hätten ein tieferes Verständnis der
- 0:42Welt als die Wissenschaft, die Verteidiger der Religion sagten,
- 0:46die alten religiösen Mythen und Geschichten sind nicht wörtlich
- 0:50zu nehmen, sondern sie haben einen allegorischen Sinn, das
- 0:54heißt, sie sind bildliche Darstellungen einer tiefen
- 0:57Wahrheit. Man behauptete sogar, dass die
- 1:00moderne Wissenschaft im Grunde nur das bestätigt, was die alten
- 1:03Religionen schon immer in ihren Bildern wussten.
- 1:06Nietzsche hält diese Auffassung für völlig falsch, er sagt,
- 1:10Religion und Wissenschaft haben nichts miteinander zu tun, sie
- 1:14sind weder verwandt noch befreundet, sie leben auf
- 1:17verschiedenen Sternen, er erklärt, wie Religion wirklich
- 1:21entstanden ist. Sie kommt nicht daher, dass
- 1:23Menschen früher eine tiefe Wahrheit erkannt haben, sie
- 1:26entstand aus Angst. Und aus Bedürfnissen.
- 1:29Menschen hatten Angst vor der Natur oder dem Tod, und er
- 1:32fanden Götter, um sich zu schützen oder zu trösten.
- 1:35Dabei ist die Vernunft oft in die Irre gegangen, Religion
- 1:39enthält also keine versteckte Wahrheit, sondern sie basiert
- 1:42auf Fehlern im Denken. Nietzsche kritisiert besonders
- 1:45den Philosophen Arthur Schopenhauer, Schopenhauer hatte
- 1:48versucht, das Christentum und andere Religionen zu retten,
- 1:52indem er ihnen eine tiefe philosophische Bedeutung gab.
- 1:55Nietzsche sagt, Schopenhauer hat sich geirrt.
- 1:58Er war ein Schüler seiner Zeit, der Romantik, die sich gegen die
- 2:01nüchterne Aufklärung wehrte. Hätte Schopenhauer heute gelebt,
- 2:05so Nietzsche, hätte er einsehen müssen, dass Religionen niemals
- 2:08die Wahrheit enthalten, weder direkt noch als Gleichnis.
- 2:12Ein weitererwichtiger.in diesem Kapitel ist die Unterscheidung
- 2:15zwischen dem Ursprung der Religion und der Philosophie.
- 2:19Frühere Philosophen haben oft ihre eigenen religiösen Gefühle
- 2:22als Grundlage für ihre Philosophie genommen.
- 2:25Sie dachten, diese Gefühle würden Ihnen etwas Wahres über
- 2:28die Welt verraten, das sogenannte metaphysische
- 2:31Bedürfnis. Nietzsche sagt, Das ist so, als
- 2:34würden Kinder ihre Mütter ansehen und Ähnlichkeiten
- 2:36entdecken, ohne zu wissen, woher diese kommen.
- 2:40Die Philosophen haben die Religion, mit der sie
- 2:42aufgewachsen sind, einfach in ihre Systeme hineingelogen, um
- 2:46sie zu bewahren. Zum Schluss geht Nietzsche auf
- 2:49das Argument ein, dass Religion wahr sein muss, weil so viele
- 2:52Menschen daran glauben. Der sogenannte Konsensus
- 2:55Gentium, die Übereinstimmung aller Völker.
- 2:58Er weist dieses Argument scharf zurück, nur weil alle Menschen
- 3:02an etwas glauben, wird es nicht wahr, wenn alle Völker glauben,
- 3:06dass es Götter gibt, beweist das laut Nietzsche nicht die
- 3:09Existenz eines Gottes, sondern nur, dass alle Menschen
- 3:12denselben Fehler machen oder dieselbe narrheit Verrücktheit
- 3:17teilen. Es gibt keine Übereinstimmung
- 3:19aller weisen Menschen über diese Dinge.
- 3:22Nietzsche schließt mit einem Zitat von Goethe, das besagt,
- 3:25nur weil Narren Dummköpfe auf Besserung warten, muss man sie
- 3:29nicht ernst nehmen. Die Tatsache, dass die Mehrheit
- 3:32etwas glaubt, ist für Nietzsche eher ein Beweis für menschliche
- 3:35Dummheit als für die Wahrheit. Wichtige Begriffe Aufklärung,
- 3:42eine Epoche im 17. Und 18.
- 3:44Jahrhundert, in der die Vernunft und die Wissenschaft wichtiger
- 3:47wurden als der religiöse Glaube allegorisch.
- 3:51Bildlich oder symbolisch gemeint, wenn man sagt, die
- 3:55Bibel sei Allegorisch wahr, meint man, die Geschichten sind
- 3:58nicht wörtlich passiert, enthalten aber eine versteckte
- 4:01Weisheit. Nietzsche bestreitet dies
- 4:04metaphysisches Bedürfnis, der Drang des Menschen, Antworten
- 4:07auf Fragen zu finden, die über die physikalische Welt
- 4:10hinausgehen, zum Beispiel, was kommt nach dem Tod, gibt es
- 4:14einen Gott consensus Gentium, lateinisch für Übereinstimmung
- 4:18der Völker. Ein altes Argument, das besagt,
- 4:22wenn alle Völker an Gott glauben, muss es ihn geben.
- 4:25Nietzsche hält dieses Argument für ungültig.
- 4:29Unterkapitel 101 Ursprung des religiösen Kultus in diesem sehr
- 4:36ausführlichen Abschnitt beschäftigt sich Friedrich
- 4:39Nietzsche mit der Frage, woher religiöse Rituale und
- 4:42Gottesdienste ursprünglich kommen, um das zu verstehen,
- 4:46lädt Nietzsche den Leser ein. Gedanklich in eine sehr frühe
- 4:49Zeit der Menschheit zurückzureisen.
- 4:51Es ist eine Zeit, in der die Religion noch am stärksten
- 4:54blühte. Nietzsche erklärt, dass die
- 4:56Menschen damals eine ganz andere Sicht auf die Welt hatten als
- 4:59wir heute. Der entscheidende Unterschied
- 5:02liegt im Verständnis der Natur. Wir modernen Menschen wissen,
- 5:06dass die Natur bestimmten Gesetzen folgt, wir nennen das
- 5:09natürliche Kausalität, das bedeutet, jede Wirkung hat eine
- 5:13natürliche Ursache, wenn es regnet, hat das physikalische
- 5:17Gründe. Wenn wir krank werden, gibt es
- 5:20biologische Gründe, die Menschen der Uhrzeit kannten diesen
- 5:23Begriff der Naturgesetze jedoch überhaupt nicht.
- 5:25Für sie gab es kein Muss in der Natur, wenn die Sonne schien
- 5:29oder Regen fiel, dachten sie nicht an Meteorologie, wenn ein
- 5:34Mensch krank wurde oder starb, dachten sie nicht an Viren oder
- 5:37Altersschwäche, stattdessen glaubten sie, dass hinter allem
- 5:41ein freier Wille steckt, ähnlich wie beim Menschen.
- 5:44Sie stellten sich vor, dass überall Geister, Dämonen oder
- 5:47Götter wirken. Nietzsche bringt hier
- 5:50anschauliche Beispiele, wenn ein Mann in einem Boot rudert,
- 5:54glaubt der Urmensch nicht, dass die mechanische Kraft der
- 5:57Muskeln das Boot bewegt, er glaubt, dass eine Art Dämon oder
- 6:01Geist das Schiff in Bewegung setzt, gezwungen durch das
- 6:04Rudern, das Rudern ist also keine mechanische Arbeit,
- 6:07sondern eine magische Zeremonie, wenn jemand krank wird oder
- 6:11stirbt, glaubt man an eine magische Einwirkung.
- 6:14Vielleicht einen Pfeil eines Gottes oder bösen Geistes.
- 6:18Die gesamte Welt war für diese Menschen voller Willkür, nichts
- 6:22war sicher oder berechenbar, die Menschen fühlten sich von
- 6:26unberechenbaren Mächten umgeben, die ihnen Glück oder Unglück
- 6:29bringen konnten, daraus entstand ein großes Problem.
- 6:33Wie kann der Mensch in so einer unsicheren Welt überleben, wie
- 6:37kann er diese mächtigen, unsichtbaren Geister und Götter
- 6:39dazu bringen, ihm zu helfen und ihm nicht zu schaden?
- 6:44Nietzsches Antwort lautet, der Mensch versuchte, der Natur
- 6:47Gesetze aufzuzwingen, da er dachte, die Natur sei wie ein
- 6:50Mensch. Mit einem Willen versuchte er
- 6:53mit ihr zu verhandeln oder sie zu zwingen, das ist der Ursprung
- 6:58des religiösen Kultus, also der Rituale und Gebete.
- 7:02Nietzsche beschreibt 2 Arten, wie der Mensch versuchte,
- 7:04Einfluss zu nehmen, Magie und Zauberei, das war der Versuch,
- 7:10die Geister durch Zwang zu beherrschen.
- 7:12Der Mensch glaubte, dass man macht über jemanden hat, wenn
- 7:15man etwas körperliches von ihm besitzt, wie Haare oder
- 7:18Fingernägel oder seinen Namen kennt.
- 7:21So versuchte der Zauberer, die Naturgeister durch Rituale zu
- 7:24binden und zu zwingen, das zu tun, was der Mensch will.
- 7:28Der religiöse Kultus Gottesdienst.
- 7:32Hier verhält sich der Mensch nicht wie ein Zauberer, der
- 7:34befiehlt, sondern eher wie ein Bittsteller oder ein
- 7:37Geschäftspartner, er schließt Verträge mit den Göttern ab.
- 7:41Die Logik dahinter ist, ich gebe dir etwas, damit du mir etwas
- 7:46gibst. Der Mensch bringt Opfer
- 7:48Geschenke oder lobt die Götter. Im Gegenzug erwartet er Schutz,
- 7:53Regen oder Gesundheit. Nietzsche erklärt, dass diese
- 7:57Rituale der Kultus im Grunde ein System sind, um die eigentlich
- 8:01unberechenbare Natur doch irgendwie berechenbar zu machen.
- 8:05Man wollte die Götter an Regeln binden.
- 8:08Wenn man das richtige Ritual vollzieht, muss der Gott helfen,
- 8:11so der Glaube. Zusammenfassend sagt Nietzsche
- 8:15in diesem Unterkapitel Religion entstand aus dem fehlenden
- 8:18Wissen über Naturgesetze, sie ist der Versuch des frühen
- 8:22Menschen, die Furcht vor der unbekannten Natur zu bewältigen,
- 8:25indem er magische und vertragliche Beziehungen zu
- 8:27eingebildeten Geistern aufbaut. Der Priester ist dabei der
- 8:31Nachfolger des Zauberers.