Latest / Augstein & Blome / Jens Spahn wird zurückkommen
Transcript
- 0:02Hallo Ivy, hallo Blome. Ungewöhnliches Treffen. Wir machen einen Sonderpodcast.
- 0:08Früher wären die Jungs und vielleicht auch Mädels durch die Straßen gelaufen.
- 0:13Ein Extrablatt, Extrablatt, das Neueste vom Neuen.
- 0:17Ach, das war noch Zeit mit so riesigen Zeitungs... Wann denn früher?
- 0:21Wann war das denn? Ivy, das war in der sogenannten Papierzeit,
- 0:26die folgte ganz knapp hinter der Kreidezeit, irgendwo vor der Bronzezeit.
- 0:31Spiele einfach das Intro, Ivy, das hat mich jetzt echt gebremst,
- 0:34das hat mich wirklich abgelöscht, wie meine Kinder sagen würden.
- 0:37Dann spiele ich mal das Intro.
- 0:58Also lieber Ivy, lieber Augstein, Kreidezeit, Papier, Extrablatt, hin oder her.
- 1:04Ich fand es wichtig, einen Sonderpodcast zum Rücktritt von Jens Spahn zu machen.
- 1:09Der war zwar schon am Samstag, aber jetzt wird langsam sichtbar, was das alles bedeutet.
- 1:15Und dass es eben nicht so einfach ist, finde ich, wie sich ganz am Anfang,
- 1:20während der kurzen Debatte die Leute das gemacht haben.
- 1:24Du hast als CDU-Politiker in den USA eine Leihmutterschaft gekauft, gemietet.
- 1:29Das ist hier in Deutschland verboten. Das kannst du nicht machen,
- 1:33nur weil du es bezahlen kannst. Das ist Doppelmoral und tschüss.
- 1:36Das war ja die ganze Abfolge. Und dann ist er tatsächlich unter dem Druck zurückgetreten.
- 1:39Aber da ist mehr, da ist viel mehr und darüber müssen wir reden,
- 1:43Augstein, weil ich finde,
- 1:46erstens viel zu glatt, diese Abläufe viel zu schnell, da haben sich Leute nochmal
- 1:51beim Nachtreten echt hervorgetan, boah ist das übel, finde ich,
- 1:55das hat Jens Spahn nicht verdient bei allen riesengroßen Fehlern, den er da gemacht hat,
- 1:59und drittens, vor allen Dingen, dreht sich ja, wenn man so will.
- 2:04Die ganze Abfolge, die klassischen Rituale und Reflexe, die da abgelaufen sind,
- 2:08um das Stichwort Glaubwürdigkeit.
- 2:11Und wenn mir jetzt irgendjemand sagt, die CDU hätte damit ihre Glaubwürdigkeit
- 2:14wiederhergestellt, dann fange ich an zu lachen.
- 2:17Ja, lieber Blume, in der Tat. Ich finde das mit dem Sonderpodcast auch angemessen.
- 2:20Ich finde das einen echten, interessanten, spannenden Vorgang.
- 2:25Ich interessiere mich ja persönlich gar nicht so stark immerzu für diese Innenpolitik.
- 2:29Das hier finde ich allerdings interessant, weil es auch in alle möglichen Richtungen
- 2:34so vielsagend ist. Ich meine, Jens Spahn ist einer der mächtigsten Politiker dieses Landes gewesen.
- 2:42Und von denen, ehrlich gesagt, treten gar nicht so viele immer so zurück.
- 2:45Ja, ich meine jetzt hier der Berliner Bürgermeister, den würde ich jetzt nicht
- 2:49so in der gleichen Liga verorten.
- 2:51Der ist ja auch nicht richtig zurückgetreten, der tritt bloß nicht wieder an.
- 2:55Wenn einem der jetzt so einfallen sollte als letzter CDU-Mann,
- 2:59der irgendwie den Hut genommen hat oder weggeworfen hat.
- 3:02Normalerweise halten solche Leute an ihren Ämtern fest, aus guten oder schlechten Gründen.
- 3:08Und vieles perlt ja auch ab. Ich meine, viele Politiker machen absurde Sachen.
- 3:14Ich meine, wir haben einen Bundeskanzler, der sich sozusagen ins Amt gelogen hat.
- 3:17Ich glaube, das muss man so hart formulieren. Auch mit dem Risiko,
- 3:20dass es dann demnächst bei mir eine Hausdurchsuchung gibt.
- 3:22Man muss ja auch vorsichtig sein inzwischen mit solchen Sachen.
- 3:25Das ist jetzt die älteste Klammer. Sie wissen, Sie erinnern sich daran,
- 3:30dass irgendwie neulich einer Frau Schwese, ich glaube eine Märchentante genannt
- 3:33hat, da stand dann auch die Polizei. Ist jetzt aber egal, Seitenthema. Das Entscheidende ist.
- 3:39Ich hätte nicht damit gerechnet, dass Spahn tatsächlich deswegen zurücktreten muss.
- 3:43Und ich erinnere Sie daran, als wir hier in der vergangenen Woche unseren Podcast
- 3:47hatten und schon darüber geredet haben über die Causa Spahn,
- 3:50haben Sie auch gesagt, Sie glauben doch nicht, dass der deswegen zurücktreten
- 3:54muss. Und da habe ich gesagt, nee, glaube ich nicht.
- 3:56Und da lagen wir ja beide total falsch. Und das finde ich spannend.
- 4:00Denn wir lagen falsch, Merz, der Bundeskanzler lag falsch, weil er erstmal Spahn
- 4:05gratuliert hat und nicht sofort gemerkt hat, ey, sag mal, das geht überhaupt
- 4:08nicht, was du da gemacht hast.
- 4:10Und vor allen Dingen lag natürlich Spahn selber total falsch,
- 4:13weil er gedacht hat, er könnte so ein Thema in der Sommerpause irgendwie so
- 4:17unterbringen und dann tritt sich das irgendwie fest und es passiert nichts.
- 4:20Also offensichtlich ist es so, je dichter die Leute dran sind am Geschehen,
- 4:24ja Bundeskanzler Jens Spahn, Nikolaus Blome und dann ich, also in absteigender Entfernung.
- 4:31Desto weiter sind sie offensichtlich entfernt von dem, was die CDU-Basis,
- 4:36der normale CDU-Wähler, das normale CDU-Parteimitglied von solchen Fragen hält.
- 4:40Und das finde ich interessant.
- 4:42Also, als wir darüber sprachen, waren wir ja bei der Prognose,
- 4:48muss Jens Spahn, wird Jens Spahn, Blick in die Glaskugel, zurücktreten, ja, nein, weiß nicht.
- 4:53Eher so beim Stand, wir beide geblieben, weiß nicht. Also, als die Prognose
- 4:57war, unsicher, vielleicht hätte die Prognose besser sitzen müssen und man hätte
- 5:01schon damals sehen können,
- 5:03unmittelbar nach Bekanntwerden dieser Leihmutterschaft in den USA und damit
- 5:07also dem Fall von krasser Doppelmoral, dass das nicht gut gehen kann.
- 5:11Ja, war unsere Prognose nicht gut genug bei der Frage, darauf kommen wir sicherlich
- 5:17gleich noch ein bisschen ausführlicher, bei der Frage, musste er wirklich zurücktreten,
- 5:21ist der Rücktritt in jeder Hinsicht richtig,
- 5:25habe ich nach wie vor zumindest Zweifel und über die können wir gleich sprechen
- 5:29und die habe ich glaube ich letzte Woche auch schon mal so angetuscht und dann
- 5:32irgendwie nochmal weiter darüber nachgedacht, aber sie haben recht.
- 5:37Bundeskanzler, Jens Spahn zuvorderst,
- 5:39dann aber der Bundeskanzler und überhaupt die ganze obere Riege,
- 5:43haben nicht von Anfang an gesehen, dass die Woge der Wut von der Basis nach
- 5:51oben kommend durch die ganzen Etagen der Partei so groß ist,
- 5:55dass man sich schlichtweg nicht entgegenstellen kann.
- 5:58Das haben die falsch eingeschätzt und das kann jetzt an deren Blödheit liegen,
- 6:02ich glaube aber es liegt an was anderem.
- 6:04Ich glaube, das geht, diese Entzündbarkeit ist größer geworden als früher.
- 6:11Und die Geschwindigkeit, mit der sie sich ausbreiten kann, auch technisch,
- 6:15wenn man so will, die Vernetzung, die sich dann herstellt, die Bereitschaft, mal sofort,
- 6:19den Ortsvorsitzenden hochzumachen oder den Landesvorsitzenden oder ich weiß
- 6:23nicht was, den Fraktionschefin im Kreistag, also in die Hierarchie hineinzusenden.
- 6:28Diese Bereitschaft an der Basis der CDU ist geradezu revolutionär inzwischen.
- 6:33Das ist fast eine linke Partei, was ihre Mobilisierung angeht. Das ist schon krass.
- 6:37Und das war früher anders. Und möglicherweise sind die Herrn Merzens und Thorsten
- 6:44Frey und Jens Spahn als Vollblut-Profipolitiker in dieser Gegenwart ihrer eigenen
- 6:50Partei noch gar nicht angekommen.
- 6:56Also wenn ich jetzt ein Politzyniker wäre, dann würde ich sagen,
- 7:00bei diesen Spitzenpolitikern der Macht ist es ein derartiger Alltag,
- 7:06in Halbmoralzuständen zu leben, etwas heute zu sagen, woran man sich morgen
- 7:12nicht erinnert und übermorgen macht man das Gegenteil davon,
- 7:15dass sie vielleicht wirklich das Gefühl verloren haben für das,
- 7:18was so normale Menschen denken.
- 7:20Normale Menschen denken ja tatsächlich, glaube ich, heute immer noch.
- 7:23Man macht so im Wesentlichen das, was man denkt und man sagt im Wesentlichen
- 7:28das, was man tun wird und dann gibt es bei uns allen immer irgendwelche Abweichungen,
- 7:32aber die Abweichungen halten sich,
- 7:34in Grenzen und vor allen Dingen sind natürlich auch die Auswirkungen der Abweichungen
- 7:37nicht so groß wie bei jemand anderem.
- 7:39Der Bundeskanzler zum Beispiel war jemand, der bevor er gewählt wurde,
- 7:43sehr stark immer auf ausgeglichene Haushalte gesetzt hat und keine Schuldenaufnahme,
- 7:48gesunde Finanzen und in dem Augenblick, in dem er gewählt wurde,
- 7:51war von all dem keine Rede mehr.
- 7:53Manche Menschen sagen, er habe sich ins Amt gelogen.
- 7:56Andere Leute würden sagen, naja, so ist es eben in der Spitzenpolitik.
- 8:00Ich könnte mir nur vorstellen, dass sowas auch eine Folge hat,
- 8:02nämlich dass dann auch jemand wie Jens Spahn denkt, naja, klar, da stehe ich in krasser.
- 8:07Gegensatz zur Parteilinie, da stehe ich in krassem Gegensatz zu dem,
- 8:11was ich selber immer auch gesagt habe, von wegen ich bin ein katholischer Schwuler
- 8:17und habe große Probleme damit, mit der Leihmutterschaft und so solche Zitate gibt es ja von ihm.
- 8:21Der dann aber trotzdem gedacht hat, na gut, privat mache ich es und es ist irgendwie
- 8:24Sommerpause und es tritt sich fest und wenn es dann im Herbst wieder losgeht
- 8:28oder im September oder so, der Berliner Politbetrieb, dann haben die Leute das alle vergessen.
- 8:32Also, und das ist irgendwie, das ist interessant, wenn man es gut drehen will,
- 8:38könnte man sagen, das sind alles keine Populisten offensichtlich,
- 8:40denn der Populist hat ja ein ganz feines Gespür dafür, was das Volk denkt.
- 8:45So gesehen haben wir das Glück, dass wir gelenkt und regiert werden von Leuten,
- 8:49die überhaupt keine Populisten sind, denn sie haben offensichtlich überhaupt
- 8:52kein Gespür für das, was die normalen Menschen denken.
- 9:00Offenkundig hat die Partei Spitze, Jens Spahn zuvorderst,
- 9:06kein Gefühl dafür gehabt, wie identitätsstiftend und wichtig diese Frage von
- 9:12Lebensschutz, ungeborenem Leben, wie kommt ungeborenes Leben in die Welt.
- 9:18Unter welchen Bedingungen, welchen rechtlichen Rahmen setzen wir das,
- 9:21wie wichtig das den normalen Parteimitgliedern offenkundig ist.
- 9:28Und wie fallbeilartig bereit sie sind zu sagen, wer da über die Linie geht,
- 9:33den machen wir weg, den kritisieren wir aus dem Amt, dann machen wir eine richtige
- 9:38Welle und sorgen dafür, dass der Typ,
- 9:43die Frau, der Mann, der darüber geht, das überschreitet, dann sanktioniert wird,
- 9:48massiv sanktioniert wird.
- 9:49Also die Identität an dieser Stelle der CDU, CSU und ihrer Anhängerschaft scheint
- 9:56so wundgescheuert durch die Zeitläufte, durch die Modernität,
- 9:59durch Veränderung, wie auch immer.
- 10:02Das eben daran zu rühren eine irre Reaktion auslöst.
- 10:07Und das wurde nicht gesehen. Ich glaube schon, dass sich die Spitzenpolitik
- 10:09durchaus in der Lebenswirklichkeit ihrer Wähler in Maßen auskennt und durchaus
- 10:15weiß, was die Leute wollen, wo sie ihre Grenzen setzen.
- 10:19Aber dieses Thema scheint für die C-Partei CDU eben doch ganz schön wichtig
- 10:23zu sein, beziehungsweise für ihre Anhänger.
- 10:26Und das hätte man nicht gedacht. Ich hätte das ehrlich gesagt auch nicht gedacht,
- 10:29obwohl man hätte gewarnt sein können.
- 10:31Denn wenn wir jetzt mal ein Jahr zurückblättern, Beginn der letzten Sommerpause
- 10:36des vergangenen Jahres, da scheiterte die Wahl von Frau Brosius-Gersdorf ins
- 10:41Verfassungsgericht als Verfassungsrichterin.
- 10:44Eben wegen ihrer streitbaren, umstrittenen Positionen zum Lebensschutz und zu
- 10:50ungeborenem Leben, die aus Sicht der CDU-Basis, mindestens von Teilen der Basis,
- 10:54über diese besagte rollende Linie hinausging.
- 10:57Und es ist im Prinzip dasselbe Thema, nur anders gewandelt.
- 11:01Und dann kommt noch Doppelmoral obendrauf und dann war Schluss.
- 11:03Krass, wie brutal die Basis sein kann.
- 11:07Blum, ich verstehe Sie gar nicht. Sie sagen zwar, ja, das hätte man wissen können.
- 11:12Weil Sie auf den Fall Borosius Gerstorf ja verweisen, wo das schon mal schief
- 11:16gelaufen ist im ähnlichen Zusammenhang. Und dann sagen sie aber trotzdem,
- 11:18aber man konnte es irgendwie nicht wissen.
- 11:19Ich glaube, ich bleibe mal bei meiner These. Diese Spitzenpolitiker haben das
- 11:23Gefühl für ihre eigene Basis offensichtlich verloren.
- 11:27An dem Punkt offenkundig, ja.
- 11:29Und im Wiederholungsfall macht es bestimmt nicht weniger schlimm,
- 11:33sondern eher schlimmer. Also Zwischenstand, Kasse voll von Doppelmoral.
- 11:37Da müssen wir nicht drüber reden, da sind wir uns einig.
- 11:40Zweiter Punkt, der Rücktritt, so wie er sich abgespielt hat, war unausweichlich.
- 11:48Das konnte man nicht verhindern, so gesehen war er auch richtig,
- 11:51weil es gab keine Alternative.
- 11:53Insofern ist das, was übrig bleibt, ist dann halt eben irgendwie richtig.
- 11:56Da sind wir uns auch einig.
- 11:59Und trotzdem ist damit die Debatte ja nicht zu Ende.
- 12:03Das ist mir alles viel zu schnell. Das erzählt auch was über den Bundeskanzler,
- 12:06es erzählt was über das Verhältnis der beiden.
- 12:08Es erzählt aber auch etwas, dass man solche Art Rücktritte, solche Art Abläufe
- 12:13in einem anderen politischen Licht sehen kann, weil sich die politische Landschaft
- 12:17so sehr inzwischen verändert hat. Aber bleiben wir mal beim Bundeskanzler.
- 12:20Ich bin kürzlich gefragt worden in den letzten Tagen, ist der Bundeskanzler
- 12:23nicht eigentlich froh, dass er den Spahn los ist?
- 12:27War doch immer irgendwie so ein Stinkstiefel, der wollte ihn nicht,
- 12:30der ist gegen ihn angetreten, da gab es so eine unausgesprochene Konkurrenz
- 12:33und man musste immer fürchten, der Spahn in Wahrheit sägte an seinem Stühlchen,
- 12:37an dem Stühlchen des Bundeskanzlers.
- 12:39Ja gut, klar, das ist das, was ich jetzt auch immer gelesen habe.
- 12:41Dort endet offensichtlich eine lange Rivalität.
- 12:47Die waren in Rivalität um den Parteivorsitz, die waren in Rivalität letztlich
- 12:51jetzt um die Kanzlerschaft. Alle Leute haben gesagt, Spahn werde Merz folgen.
- 12:58Auch ich war ja immer der Überzeugung, Spahn ist sozusagen der designierte Nachfolger von Merz.
- 13:03Der macht seine Amtszeit zu Ende, dann tritt er nicht wieder an und Spahn öffnet
- 13:06dann den Weg zur AfD und so weiter. Ich hatte ja auch so meine komischen Fieberträume,
- 13:12für die Zukunft der CDU von Jens Spahn.
- 13:15Die kann ich jetzt auch alle in der Pfeife rauchen. So ist es eben.
- 13:18Aber ich glaube, sie täuschen sich. Ich glaube, sie täuschen sich wirklich. Wenn.
- 13:24Mein Eindruck hier aus der Hauptstadt hinter den Kulissen in der Glaskugel und wo auch immer stimmt,
- 13:30dann fürchtet Friedrich Merz vielmehr Hendrik Wüst, den NRW-Ministerpräsidenten
- 13:36und dortigen Landesschef der CDU, als Konkurrenten, als Nachfolger,
- 13:40der zu sehr drängelt, obwohl er immer sich so fein zurückhält.
- 13:43Und Jens Spahn lief in einer anderen Kategorie. Jens Spahn, glaube ich,
- 13:47wäre niemals Bundeskanzler geworden.
- 13:50Und so gesehen ist Merz, glaube ich, jetzt eher traurig, dass er weg ist,
- 13:54weil das ist einfach ein Problem mehr. Es ist ein großes Problem,
- 13:57was er jetzt an der Hacke hat, diesen Mann zu ersetzen. Der war wichtig und
- 14:00der hat auch gut funktioniert, zumindest jetzt in den letzten Monaten.
- 14:03Hat Schwierigkeiten im Anlauf gehabt, aber da hat er gelernt und jetzt ging es viel, viel besser.
- 14:08Das heißt, der hat ein richtiges Problem, der Merz, weil Jens Spahn ihm das
- 14:12Scharnier zwischen den beiden Koalitionspartnern nicht mehr stabilisieren kann.
- 14:16Ja, Blume, Sie sind eben der Politfuchs, der immer sozusagen in der Aktualität schwimmt und so weiter.
- 14:22Trotzdem, ich nochmal hier zurückgehen. Rivalität, Merz-Spahn,
- 14:25deren kompliziertes Verhältnis. Ich habe gelesen, 2010, Merz,
- 14:30zur Frage, wie er eigentlich Homosexualität findet.
- 14:33Seine Antwort über die Frage der sexuellen Orientierung, das geht die Öffentlichkeit
- 14:37nichts an, solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt und solange es nicht Kinder betrifft.
- 14:42An der Stelle ist für mich allerdings eine absolute Grenze erreicht,
- 14:45ist das kein Thema für die öffentliche Diskussion.
- 14:48So als sei Homosexualität automatisch ein Thema für Pädophilie.
- 14:52Und als man Spahn, der war damals Gesundheitsminister, danach gefragt hat,
- 14:56hat er gesagt, naja, wenn die erste Assoziation bei Homosexualität Gesetzesfragen
- 15:01oder Pädophilie ist, dann müssen sie eher Fragen an Friedrich Merz richten, würde ich sagen.
- 15:06Also das war schon krass damals und ich glaube, dass da so eine anti-homosexuelle
- 15:14Konnotation auch in diesem Konflikt jetzt ist, das lässt sich ja nun echt nicht leugnen.
- 15:18Ich meine, alle tun immer so, als wären sie so super liberal und entspannt und
- 15:22Jens Spahn ist verheiratet, ja und so.
- 15:25Aber in Wahrheit hat man doch auch jetzt an vielen Reaktionen gemerkt,
- 15:29dass es immer noch so eine homophobe Konnotation.
- 15:33So ein homophobes Residuum, es ist ja keine offene Homophobie,
- 15:37aber so homophobe Reste in diesem Diskurs und in dieser Beschäftigung mit der
- 15:41Figur Spahn natürlich auch noch gibt in diesem Land.
- 15:44Davon würde ich jetzt ohne einen Beweis dafür haben, auch erstmal als Prämisse
- 15:50ausgehen, dass da ein Rest-Ressentiment drin ist.
- 15:55Ich habe bei einem Gespräch dann den Satz gehört.
- 16:00Ist ja okay, dass die ein Paar sind und verheiratet sind, aber müssen die jetzt
- 16:03unbedingt auch noch ein leibliches Kind haben?
- 16:05Das können Sie schon noch hören, klar. Und das kann man dann,
- 16:08finde ich, nur ablehnen und zurückweisen. Aber das gibt es, ja.
- 16:11Das hat damit reingespielt. Und natürlich.
- 16:14Wenn Sie sehen, auf welcher Breit die Leute auf Jens Spahn draufgegangen sind
- 16:19und gesagt haben, so jetzt reicht es, das geht nicht und so,
- 16:21hat man schon das Gefühl, also ich werde zumindest das Gefühl nicht los,
- 16:24dass da eine Reihe von Leuten echt gewartet haben, dass sie mal einen wirklichen
- 16:28Ball auf den Elfer gelegt kriegen, den sie Jens Spahn ins Tor jagen können.
- 16:31Der hat ihn selber dahin gelegt, den Ball auf den Elfer, mit seiner Doppelmoral,
- 16:34damit wir uns richtig verstehen.
- 16:36Aber die Bereitwilligkeit, die Lust, ihm so richtig eins drüber zu ziehen und
- 16:42auch mit echt krassen Worten zum Teil, das war schon mehr.
- 16:47Da hat mehr angetrieben an dieser Kritik an Jens Spahn als nur dieser spezielle Fall.
- 16:52Und das hat ja der Bundeskanzler selber auch quasi ausgesprochen,
- 16:57als man ihn gefragt hat zu der ganzen Sache in diesem Sommerinterview im Fernsehen,
- 17:00hat er gesagt, es hatte wahrscheinlich auch was mit seiner Person zu tun.
- 17:04Also der Kanzler selbst lässt sich dann auch die Gelegenheit nicht entgehen,
- 17:08nochmal hinterherzutreten,
- 17:10und deutlich zu machen, dass Spahn auch ein bisschen selber schuld ist,
- 17:13weil er halt so ein kontroverser Typ ist und da muss er sich jetzt auch nicht
- 17:16wundern, wenn die Leute nochmal doppelt so auf ihn einschlagen.
- 17:20Insofern ist dieser Rücktritt schon auch ein besonderer, weil halt auch diese
- 17:24Figur Spahn irgendwie eine schillernde.
- 17:28Ungewöhnliche Figur ist als Gesundheitsminister in der Corona-Zeit mit der sogenannten
- 17:33Maskenaffäre, dann aber eben als
- 17:36wirklich offensichtlich ja sehr fähiger Politmanager in dieser Koalition.
- 17:40Solche Politiker gibt es ja offenbar auch ehrlich gesagt gar nicht so viele
- 17:44in diesem Land. Ja, Augstein, da haben Sie recht. Das Kanzlerinterview,
- 17:47Sommerinterview im ZDF.
- 17:50Irgendjemand schrieb auf Twitter, glaube ich, oh, ein Interview mal wieder wie
- 17:54ein Autounfall in Zeitlupe.
- 17:56Und das musste ich auch so ein bisschen denken. Denn erstens hat der Bundeskanzler,
- 18:00wie ich fand, echt unsouverän nachgetreten. Das musste nicht sein.
- 18:05Man hätte auch richtig danken können dafür, dass Jens Spahn zumindest mal in
- 18:11den letzten Monaten für das große Reformpaket echt nicht mehr.
- 18:15Eine gute Leistung hingelegt hat in der Stabilisierung dieser Koalition,
- 18:19in der Kompromissfindung, auch Zugeständnisse gemacht hat.
- 18:22Der wird sehr gelobt von der SPD-Seite als verlässlich, kantig von der anderen
- 18:26Seite, also vom anderen Lager, des politischen Lagers, aber eben ein verlässlicher
- 18:30Partner, mit dem man Absprachen inzwischen treffen konnte.
- 18:33Also hätte man auch Danke sagen können als Bundeskanzler, hat er nicht gemacht,
- 18:36fand ich nicht souverän.
- 18:38Und dann hat der Bundeskanzler es auch noch für weise befunden.
- 18:41Den Begriff Kabinettsumbildung in die Luft zu werfen.
- 18:44Seitdem brummt in der ganzen Stadt die Spekulationsmaschine auf Hochtouren,
- 18:48wer könnte denn einer Kabinettsumbildung wie zum Opfer fallen oder Profiteur derselben werden.
- 18:54Das heißt, alle CDU, CSU-Minister und Ministerinnen können sich jetzt irgendwie
- 19:00die Karten legen und überlegen, oh meinte der Chef mich.
- 19:04Beim Stichwort Kabinettsumbildung, muss ich mich, Frau Warken,
- 19:07die Gesundheitsministerin jetzt warm anziehen und demnächst woanders arbeiten
- 19:10gehen oder ein anderer Minister oder der Kanzleramtschef.
- 19:14Also Spahn reißt ein riesengroßes Loch, der Kanzler hat es noch ein bisschen
- 19:18größer gemacht, als es ohnehin schon ist.
- 19:21Und dann bin ich wieder bei der Frage des Rücktritts. Das sind jetzt die Kosten dieses Rücktrittes.
- 19:27Und wenn die Kosten zu groß werden, kann der Rücktritt nicht richtig gewesen sein, finde ich.
- 19:32Ja, aber was bedeutet richtig? Sie haben es ja eben schon gesagt.
- 19:34Was heißt schon richtig?
- 19:36Wenn etwas unvermeidlich ist, ist es halt unvermeidlich. Vielleicht egal,
- 19:39ob das richtig ist oder nicht.
- 19:40So funktioniert doch Politik nicht, oder? Ja, lieber Kollege,
- 19:43jetzt wird es philosophisch.
- 19:45Es gibt halt mehrere richtig. Richtig im Sinne von unausweichlich war das.
- 19:50Überhaupt keine Frage, sind wir uns komplett einig.
- 19:52Aber richtig im Sinne, das bringt jetzt was.
- 19:57Da ist der Nutzen größer als die Kosten dieser Veranstaltung namens Rücktritt von Jens Spahn.
- 20:04So gesehen ist der Rücktritt nicht richtig, denn die Kosten,
- 20:07die Probleme, die er aufwirft, sind größer, wie ich finde, als der Nutzen,
- 20:11nämlich die Befriedung der Basis, zumindest zeitweilig.
- 20:14Naja, aber der Bundeskanzler hat doch gesagt, Glaubwürdigkeit ist in der Politik das höchste Gut.
- 20:21Und deshalb würde der Bundeskanzler, wenn er jetzt hier wäre und seine Bundeskanzlermine
- 20:25aufsetzen würde, im Bundeskanzlerton sagen, alles was der Glaubwürdigkeit dient,
- 20:30ist auch richtig, weil es unausweichlich ist, weil es sozusagen,
- 20:35den Laden hier zusammenhält, weil es das Fundament ist, auf dem wir stehen.
- 20:39Die Frage, die Sie doch da aufwerfen, die Sie in Ihrem kleinen Hinterkopf haben
- 20:43und die Sie dann auch uns als Leserinnen in Ihrer Spiegel Online-Konline mitgeteilt
- 20:47haben, wenn ich darauf auch hinweisen darf, denn ich lese natürlich auch, was Sie schreiben.
- 20:52Das ist sehr, sehr gut. Da sind Sie sehr klug beraten, das zu tun. Ivy macht das auch.
- 20:58Oder Ivy? Na klar.
- 21:03Gut, Alvi, die Runde geht auf mich. Die Runde geht auf mich,
- 21:05Alvi. Das sollten wir jetzt,
- 21:09nicht abhören, ob das wirklich stimmt. Aber egal.
- 21:13Glaubwürdigkeit, jetzt nicht abkommen, Leute. Glaubwürdigkeit ist doch das Thema.
- 21:20Und Sie sagen doch, dass im Grunde, ich habe Sie nicht verstanden, was sagen Sie?
- 21:25Es gibt keine Glaubwürdigkeit oder der Preis ist zu hoch oder Glaubwürdigkeit spielt eh keine Rolle?
- 21:29Nein, ich gehe der Frage nach, Und unter welchen Aspekten man diesen Rücktritt,
- 21:36unterschiedlich begutachten kann.
- 21:37Also er ist unausweichlich gewesen, moralisch, wenn man so will,
- 21:40richtig die richtige, die unausweichliche Konsequenz für diesen krassen Fall von Doppelmoral.
- 21:45Aber wenn wir jetzt anfangen durchzugehen, welche Probleme das für die Bundeskanzler,
- 21:51für die Bundesregierung, vielleicht sogar für die Bundesrepublik aufwirft,
- 21:55dass Jens Spahn nicht mehr dabei ist,
- 21:57und diese zentrale stabilisierende Funktion der Koalition, dieser Regierung
- 22:02nicht mehr ausüben kann, übrigens auch nicht,
- 22:05seine Art des Kampfes gegen die AfD fortsetzen kann.
- 22:10Dann macht man ja so eine Rechnung auf. Also das hat es genutzt und das hat es gekostet.
- 22:18Und was machen wir eigentlich, wenn die Kosten klassisch, drastisch,
- 22:21sichtbar den Nutzen überwiegen? Ist dann dieser Rücktritt immer noch richtig? Das ist meine Frage.
- 22:27Ja, die Frage finde ich irgendwie rührend. Ich weiß nicht, das können Sie irgendwie
- 22:30im evangelischen Kirchenkreis circa irgendwie so besprechen.
- 22:33Aber das bringt Sie ja gerade mal nirgendwo hin. Dahinter liegt doch aber was
- 22:36anderes. Dahinter liegt doch Ihre Vermutung, wenn ich das Übel der AfD,
- 22:41ich spitze es jetzt mal zu, weil sonst checkt nämlich hier niemand,
- 22:44was Sie eigentlich sagen wollen, lieber Kollege Blume.
- 22:47Sie wollen doch sagen, wenn man das Übel der AfD abwehren will,
- 22:52muss man vielleicht auch das Übel des eigenen Glaubwürdigkeitsverlust in Kauf nehmen.
- 22:57Sie sagen doch, eine Partei, die ihren Wählern Doppelmoral von morgens bis abends
- 23:04zumutet, der kann man nicht mit der Moral begegnen. Im Grunde sagen sie,
- 23:08wenn ich mit einem dreckigen Gegner zu tun habe, brauche ich dreckige Mittel.
- 23:11Das heißt, sie sagen im Grunde, der Zweck heiligt die Mittel.
- 23:14Und ich bin der Meinung, dass dieses Denken eine totale Katastrophe ist.
- 23:19Ich glaube, dass dieses Denken, und damit ziehe ich jetzt den Bogen ganz weit
- 23:23hoch, wir erleben immer mehr dieses Denken, der Zweck heiligt die Mittel.
- 23:26Wir machen das immer zu, immer zu.
- 23:28Und es führt uns in die totale Irre.
- 23:31Und Sie haben in Ihrer Kolumne diesem Denken sozusagen ein bisschen auch die Tür geöffnet.
- 23:37Und darüber würde ich gerne mit Ihnen reden. Deshalb finde ich auch den Rücktritt
- 23:40und die Reaktionen auf Spahn so spannend, weil es bei Leuten solche Gedanken
- 23:45auslöst, wie jetzt da bei Ihnen ich gelesen habe in der Kolumne.
- 23:48Augstein, lieber Augstein, Sie machen mich diabolischer als ich bin.
- 23:52Wirklich. Als würden mir hier kleine Hörnchen wachsen und ich würde irgendwie
- 23:55so ganz leicht nach Schwefel riechen.
- 23:58Und wer jetzt der Teufel, der den arglosen, moralisch unanfechtbaren Politikern
- 24:06ins Ohr flüstert, sei doch auch mal eine Sau, wie die da drüben,
- 24:10dann kannst du auch im Kampf der Säue überleben.
- 24:13Das ist nicht mein Punkt. Oder bestenfalls ist das einer, der ganz am Ende der
- 24:17Kette zu diskutieren werde.
- 24:18Mir geht es zunächst einmal um etwas anderes. Und da würde ich mich interessieren,
- 24:22ob Sie meine Einschätzung, mein Befund, nicht Bewertung, aber Befund teilen.
- 24:30Glaubwürdigkeit war, immer mal wieder natürlich schwer angetitscht,
- 24:34aber war im Prinzip eine Währung, in der alle bezahlten und auch kassierten.
- 24:40Also wenn man Politiker verschiedenste Parteien vor 30 Jahren gefragt hätte,
- 24:45was ist Glaubwürdigkeit, dann hätten alle ungefähr gleich geantwortet und sich
- 24:49auch versucht im Rahmen ihrer Möglichkeiten halbwegs,
- 24:53entsprechend gleich zu verhalten.
- 24:55Jetzt nehmen wir zur Kenntnis, hier gibt es eine Partei namens AfD,
- 24:59die ist aus diesem Konsens, wenn Sie so wollen, oder aus diesem Coman, ausgeschert.
- 25:05Und zwar mit richtig großem Erfolg.
- 25:08Was macht das jetzt mit der Wirkmacht dieses Begriffes Glaubwürdigkeit,
- 25:11wenn ein nennenswerter, in Ostdeutschland sogar ziemlich, ziemlich großer Teil
- 25:15der politischen Landschaft, nach diesen Regeln gar nicht mehr spielt,
- 25:19auch gar nicht mehr spielen muss, Weil,
- 25:21da die Sanktionsmechanismen in der eigenen Anhängerschaft überhaupt nicht mehr greifen,
- 25:26können Sie mir soweit folgen zu sagen, ja, da hat sich was verändert und man
- 25:30müsste mal eine Antwort darauf finden, was das bedeutet?
- 25:33Ja, ja. Danke, Augstein, wirklich jetzt ohne Witz.
- 25:39Da sind wir jetzt gemeinsam einen Schritt weiter, denn das ist mir in der Debatte
- 25:43viel zu kurz gekommen, die so vollzogen wurde nach Regeln, die ich auch immer
- 25:49zu und noch heute richtig finde, von denen ich aber zur Kenntnis nehme,
- 25:54sie regeln nur noch ein Teil des Spiels, beziehungsweise Spielfeldes.
- 26:02Und irgendwas macht das mit einem. Sie haben recht. Das ist doch genau der Kern.
- 26:06Ja, aber das ist doch super. Deshalb finde ich das ja auch so spannend,
- 26:08darüber nachzudenken und zu sprechen.
- 26:10Wir haben im Grunde zwei parallele politische Systeme im Moment.
- 26:13Wir haben ein klassisches, diskursives System, wo Leute irgendwelche Sachen
- 26:18vorschlagen als Problemlösungen und um Einfluss ringen miteinander und nach
- 26:23Kompromissen suchen. Da wird auch ein bisschen gelogen und ein bisschen getrickst und so.
- 26:26Aber im Wesentlichen ist das sozusagen das klassische liberale demokratische
- 26:30System, was wir schon lange kennen.
- 26:32Und parallel dazu entsteht gerade oder ist bereits entstanden
- 26:37ein anderes System, was nach ganz anderen Regeln funktioniert,
- 26:39nämlich ein populistisches System, wo sozusagen vordergründig die krassesten
- 26:44Widersprüche, die schlimmsten Lügen, die absurdesten Unvereinbarkeiten geduldet werden.
- 26:48Ja, nochmal Verweis auf Alice Weidel, wie eigentlich deren Lebensentwurf ihr
- 26:54persönlicher zu der Partei steht, für die sie Vorsitzende ist.
- 26:58Also es ist ja vollkommen irre eigentlich.
- 27:00Interessiert aber niemanden, interessiert nicht mal die Parteivorsitzende selber.
- 27:04Also diese Parallelität von populistischem System auf der einen Seite und auf
- 27:08der anderen Seite dem diskursiv-liberaldemokratischen System.
- 27:12Mit dieser Parallelität kommen wir nicht so richtig zurecht im Moment.
- 27:18Das ist eine Beobachtung, ich glaube, an der kann gar kein Zweifel bestehen.
- 27:22Sie sind aber doch einen Schritt weitergegangen in Ihren Überlegungen.
- 27:26Sie sagen doch im Grunde, und das tun Sie doch auch hier in diesem Gespräch,
- 27:30was nützt denn eigentlich der Rücktritt von Spahn nach diesen alten Regeln,
- 27:34wenn dadurch das System, was diese alten Regeln aufrechterhalten soll, destabilisiert?
- 27:41Dann ist doch dieser Rücktritt eigentlich nicht richtig. Dann hätte man doch
- 27:44diesen Rücktritt aufhalten müssen, weil wir doch dieses System stabilisieren
- 27:48wollen, um es zu schützen vor diesem populistischen Parallelsystem,
- 27:52was droht, den ganzen Laden zu übernehmen.
- 27:55Und an dem Punkt würde ich nicht nur warnen, sondern auch laut aufschreien und
- 28:00sagen, dann haben sie bereits verloren.
- 28:03Augstein, Sie versuchen mich am Hemd zu übernehmen.
- 28:06Durch die Tür zu ziehen. Aber da will ich jetzt gar nicht durch.
- 28:11Ich will ja eine andere Frage stellen.
- 28:14Ich will nicht, noch einmal, nicht unbedingt die Frage stellen,
- 28:16müssen wir uns jetzt alle genauso schweinisch verhalten, wie die AfD das in
- 28:21der Regel tut, um zu verhindern, dass die AfD aus Deutschland einen Schweinestahl
- 28:25macht? Das ist nicht mein Punkt.
- 28:27Mein Punkt wäre gewesen, hätte die CDU stärker über die Funktionalität und die
- 28:35praktischen politischen Folgen des Rücktritts nachdenken müssen.
- 28:41Und eben diesen Rücktritt nicht als fallbeilartig moralisch zurechtfertigende,
- 28:46eindeutig zurechtfertigende Sanktionen für Doppelmoral
- 28:49nehmen müssen, wie das immer früher der Fall war, sondern eben darauf eingehen
- 28:53müssen, was sich am Kontext verändert hat, an der politischen Landschaft und
- 28:57dann darüber nachdenken müssen, ob es eine andere Sanktion gegeben hätte als diesen Rücktritt,
- 29:02der enorme Kosten aufwirft, in Anführungsstrichen politische Kosten,
- 29:06Handlungsfähigkeit, die er einschränkt,
- 29:10Erfolgsaussichten, die er einschränkt und dieser Gedanke ist gar nicht aufgekommen.
- 29:16Es ist so feilschnell gemacht worden, durchgezogen worden, dass offenkundig
- 29:22für diesen Gedanken gar keine Luft war. Und das finde ich schlecht.
- 29:24Aber dann verstehe ich die doch nicht.
- 29:26Nein, stopp, ich muss Sie jetzt leider unterbrechen, weil ich nicht genau,
- 29:29das ist doch, dann landen Sie doch trotzdem an dem Punkt, dass Sie sagen,
- 29:33ja, ja, der hat zwar die Moralregeln gebrochen, für die die CDU steht,
- 29:36aber er ist so wichtig für die CDU und für diese Regierung, dass wir das irgendwie übergehen müssen.
- 29:40Ich meine, das ist doch nur eine andere Formulierung für das,
- 29:42was ich eben gesagt habe.
- 29:43Augstein, mich erinnert es, auch schon ein bisschen her, an die Causa Guttenberg.
- 29:48Der Mann hatte in seiner Doktorarbeit getäuscht, betrogen, das war ziemlich schnell klar.
- 29:56Und dann wurde aber ganz lange darüber geredet, muss der jetzt dafür zurücktreten?
- 30:02Weil man eben dachte, das ist das größte politische Talent, dachte man zumindest
- 30:05damals, dass in Deutschland seit ganz, ganz langem auf der Lichtung erschienen
- 30:09ist, noch dazu rechts der Mitte, Mamma mia, der kann Populismus,
- 30:12der kann echte Politik, muss man den jetzt darüber wirklich stürzen lassen?
- 30:17Das wurde quasi streitig verhandelt und am Ende hat die Seite überwogen und
- 30:21gewonnen, in Anführungsstrichen. Die sagte, nee, der muss jetzt zurücktreten.
- 30:25Und dann ist es halt passiert.
- 30:27Also dieses Nachdenken über Sanktionen, andere diskutieren über andere Möglichkeiten
- 30:32der Sanktionen, das ist hier unterblieben und das finde ich einen Mangel, einen Fehler.
- 30:36Aber was wären denn jetzt in der Causa Spahn andere Sanktionen gewesen?
- 30:40Wie hätten sie denn anders damit umgehen können? Ja, gute Frage, Ivy.
- 30:44Völlig richtig. Ich habe auch keine echte
- 30:45Antwort drauf, weil ich auch die Binnendynamik... Weil es halt keine gibt.
- 30:51Nein, nur weil ich keine habe, heißt es noch nicht, dass es keine gibt,
- 30:54denn ich bin nicht allwissend. Ha! Augstein.
- 30:57Was soll das sein? Er geht in die, Jan Spahn muss jetzt nochmal drei Monate
- 31:02in die Ecke, aber dann darf er doch wieder als Fraktionsvorsitzender rauskommen.
- 31:06Das ist doch das Problem. Ich glaube, dass sie versuchen hier eine Trennlinie
- 31:09zu schaffen, die es so nicht gibt.
- 31:11Ich glaube, dass Sie, und jetzt mache ich das Tor ganz weit auf.
- 31:16Wenn unsere ukrainischen Freunde in Monaco einen.
- 31:19Anti-ukrainischen Geschäftsmann in die Luft sprengen und seiner Frau die Beine
- 31:22weg sprengen, dann denken die Ukrainer, dass sie das machen dürfen,
- 31:26weil das Teil ihres großen Kampfes um die Unabhängigkeit und die Freiheit ist.
- 31:30Es ist aber in Wahrheit ein bestialisches Verbrechen.
- 31:33Wenn die Israelis die Palästinenser aushungern, dann denken sie,
- 31:36sie dürfen das machen, weil es dem höheren Zweck dient, Israel zu schützen.
- 31:42Es ist in Wahrheit aber nur ein bestialisches Verbrechen. Ich zeige diese Extrembeispiele,
- 31:46um darauf deutlich hinzuweisen, dass dieses Denken, der Zweck heiligt die Mittel,
- 31:51ein gefährliches Denken ist.
- 31:52Und ich glaube, dass die CDU in diesem kleinen Karo jetzt hier Jens Spahn und
- 31:56Leihmutterschaft richtig liegt, wenn sie sagt, nein, das können wir nicht machen.
- 32:00Es geht gegen unsere Grundüberzeugungen.
- 32:03Wenn Sie Ihre Grundüberzeugungen nicht mehr wahrnehmen, dann lösen Sie sich
- 32:08auf, dann gibt es Sie nicht mehr. Und das ist übrigens auch der Unterschied zu Guttenberg.
- 32:11Der hatte geschummelt in seiner Doktorarbeit. Hier geht es aber um die Frage
- 32:14des werdenden Lebens. Das ist für die CDU sozusagen nicht verhandelbar.
- 32:18Und ich glaube, dass Sie, und das sage ich jetzt bei allem Respekt und auch
- 32:22aller Freundschaft zu Ihnen, Kollege Blome, ich glaube, Sie sind immer noch
- 32:26zu dicht dran an dem Geschehen und sehen es immer noch zu funktional im Funktionieren
- 32:31des Regierungssystems und nicht so,
- 32:34wie der normal fühlende und empfindende CDU-Wähler oder Parteimitglied,
- 32:39der sagt, das geht so einfach nicht.
- 32:42Das kann gut sein, lieber Kollege Augestein, dass...
- 32:47Ich das anders sehe, anders betrachte, aus einem anderen Winkel zumindest auch
- 32:51betrachte im Vergleich zu dem generellen Blickwinkel, den in Anführungszeichen
- 32:57ganz normale CDU-Anhänger, CDU-Wähler drauf nehmen.
- 33:01Noch dazu, wenn sie katholisch sind, könnte ich mir vorstellen,
- 33:03ist das nochmal was anderes. Das ist ja mein Punkt.
- 33:09Gehandelt wurde aber nur entlang dieser Sichtweise.
- 33:13Und auch das ist normal, wenn man so will. Ich frage mich nur, ob es,
- 33:18der aktuellen Lage angemessen ist, denn wir sagen doch die ganze Zeit,
- 33:23Himmel können die bitte jetzt mal mit einer gewissen Laufruhe regieren,
- 33:26weil sonst übernimmt die Wut die.
- 33:30In weiten Teilen mittlerweile auch der Mitte der Gesellschaft,
- 33:34am Ende hier das Kommando, weil das alte System in Anführungsstrichen nicht
- 33:39mehr in der Lage ist zu liefern oder zumindest in Anschein erweckt nicht mehr in der Lage zu sein,
- 33:44normales, klassisches, ordentliches Regierungshandwerk abzuliefern.
- 33:48Und dafür war Jens Spahn leider ziemlich bedeutsam.
- 33:50Also Sie sehen, ich ringe da ja selber. Ich habe keine abschließende Meinung.
- 33:53Ich fand nur, tut mir leid, das total eindimensional, wie das verhandelt wurde.
- 33:58Das ging in einer affenartenden Geschwindigkeit, Das macht mich aus Prinzip
- 34:01misstrauisch. Haben Sie schon gesagt.
- 34:04Ich würde Sie jetzt gerne noch mal was fragen. Und das meine ich jetzt ganz
- 34:08im Ernst, also ohne Sarkasmus und so. Weil vielleicht habe ich mich auch wirklich
- 34:11getäuscht in dieser Figur.
- 34:12Ich hatte Jens Spahn immer als CDU-Politiker verstanden, der der AfD gegenüber
- 34:18offen ist, der auch für AfD-Wähler eine irgendwie wählbare CDU-Figur ist.
- 34:24Also jemand, der sozusagen einen Brückenkopf auch bilden kann zu so einem deutschnationalen.
- 34:31AfD-Flügel, also nicht zu dem völkischen Nazi-Flügel, aber zu dem deutschnationalen,
- 34:36AfD-Flügel, der im Grunde so eine reaktionäre,
- 34:41Haltung hat, so wie die CDU ja früher in den 80er Jahren ja durchaus auch hatte,
- 34:45so Alfred Dregger-CDU und so, daran erinnere ich nur.
- 34:48Solche Leute gab es ja in der CDU vor 30, 40 Jahren auch noch.
- 34:52Und wenn der weg ist und jetzt sozusagen dann die Schwarz-Grünen übrig bleiben,
- 34:58dann ist das doch für die Perspektive der CDU für die Zukunft,
- 35:04vielleicht bin ich jetzt komplett auf dem Fehlgleis, das müssen Sie mir dann
- 35:09sagen, aber für die Perspektive der CDU für die Zukunft auch irgendwie total einengend.
- 35:15Ich meine, denen fehlt doch jetzt so ein rechter Flügelmann oder sehe ich das falsch?
- 35:19Nein, das sehen sie glaube ich richtig und das spricht ja meinen Text.
- 35:21Das ist ja Teil der Kostenbilanz aus Sicht der CDU, aus Sicht eines Bundeskanzlers
- 35:27und Parteichefs Friedrich Merz, dass er jemanden verliert, der...
- 35:33Entweder,
- 35:36qua seiner, wie soll man sagen, durchaus am rechten Rand der CDU angesiedelten
- 35:41politischen Positionen Leute, die dort in den Anhängern auch verortet sind,
- 35:46unter den Anhängern, binden kann, binden an die CDU kann.
- 35:51Oder aber auch attraktiv sein kann als Magnet für davongelaufene.
- 35:59Abspenstig gewordene ehemalige CDU-Wähler, die jetzt quasi bei der AfD sind,
- 36:04die aber noch rückholbar wären ins System, meinetwegen auch zur CDU.
- 36:10Diese beiden Funktionen fallen jetzt weg, die kann jetzt Spahn bis auf Weiteres
- 36:14natürlich nicht mehr ausüben, weil er nur noch in Anführungsstrichen Hinterbänkler ist.
- 36:18Also er ist lange nicht mehr so prominent, er verschwindet ja nicht vollständig
- 36:21aus dem politischen Leben, zumindest bislang ist davon nicht die Rede,
- 36:24sondern er wird einfach Hinterbänkler, wird auch lustig werden,
- 36:27wenn der anfängt die ersten Interviews zu geben, befreit von der Disziplin,
- 36:32die er ein Fraktionsvorsitzender üben muss.
- 36:34Blume, das würde mich jetzt zum Abschluss unseres kleinen Sonderpodcasts zum
- 36:37Jens Sparmrücktritt nochmal interessieren.
- 36:40Ist denn dieser Mann, der ja offensichtlich schon ein politisches Ausnahmetalent
- 36:44ist, er ist mir nicht sympathisch oder so, aber ich glaube, er ist wirklich
- 36:46ein Ausnahmetalent in der Politik.
- 36:48Ist der denn jetzt sozusagen am Ende? Ist ja noch relativ junger Mann.
- 36:53Ist das jetzt das Ende oder kommt der irgendwie noch wieder?
- 36:56Gute Frage, Augstein.
- 36:58Da werden hier in Berlin, ich bin ja schon wieder zurück und arbeite.
- 37:03Zwei Antworten gehandelt, die ich Ihnen jetzt in Richtung Chateau-Roséchen in
- 37:09den Süden Europas schicke.
- 37:12In ihre Ferien. Die eine lautet, Jens Spahn ist jetzt so potsauer über diesen Betrieb,
- 37:18zu Recht oder zu Unrecht, vollkommen egal, so verletzt von der Art,
- 37:22wie er vom Hof gejagt worden ist, dass er in die USA geht und Fantastrilliarden
- 37:26irgendwo bei Peter Thiel verdient oder sonst was macht.
- 37:28Denn die Drähte hat er ja auch und mitunter auch so gespannt,
- 37:33dass man ein bisschen misstrauisch werden durfte, was er eigentlich wirklich will.
- 37:37Also irgendwelche Tech-Bros werden ihm da schon helfen wollen vielleicht oder
- 37:43zumindest ihm eine auskömmliche Position verschaffen.
- 37:47So wird hier einerseits spekuliert und andererseits wird spekuliert,
- 37:50und das halte ich für die deutlich wahrscheinlichere Variante,
- 37:53dass Jens Spahn jetzt ein bisschen Babypause macht, ein bisschen lange Babypause,
- 37:57vielleicht zwei, drei Jahre, und dann kommt er zurück, weil die CDU auf einen,
- 38:01Mann wie Jens Spahn, glaube ich, nur ganz schwer verzichten kann,
- 38:05insbesondere auf dem Weg, den sie im Moment geht.
- 38:08Also diese Gratwanderung zwischen, nein, wir machen die Brandmauer,
- 38:12wir halten sie aufrecht oder wir fangen an, sie doch zu durchbrechen oder durchbrechen
- 38:16zu müssen, dafür ist Jens Spahn der richtige Mann.
- 38:19Das muss man einfach sehen, das ist seine Kernkompetenz, diese Gratwanderung
- 38:25hinzukriegen, ohne dass es die CDU zerreißt.
- 38:28Insofern glaube ich, Jens Spahn wird zurückkommen und zwar bevor sein Junge eingeschult wird.
- 38:36Der kleine Georg, ja, in der Bild-Zeitung stand, der kleine Georg kriegt von all dem gar nichts mit.
- 38:40Jedenfalls wünschen wir ihm auf seinem Lebensweg viel Spaß und viel Glück und
- 38:45Gesundheit und Erfolg und alles, was dir dazugehört, oder Blume? So ist es.
- 38:50Das mal auf alle Fälle.
- 38:53Dann bis übermorgen. Danke. Tschüss Ivy. Tschüss Blume. Ende des Sonderpodcasts.
- 38:57Ende des Sonderpodcasts. Tschüss. Oder Ivy?