Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 3 - 108-112
Transcript
- 0:00Buch 3 Unterkapitel 108 neue Kämpfe in diesem sehr kurzen,
- 0:09aber berühmten Kapitel spricht Nietzsche über die
- 0:12weitreichenden Folgen des Gedankens, dass Gott tot ist.
- 0:16Er beginnt mit einer Metapher, nachdem Buddha gestorben war, so
- 0:19erzählt man, zeigten die Menschen noch für Jahrhunderte
- 0:22seinen riesigen, unheimlichen Schatten in einer Höhle, genauso
- 0:27ist es mit Gott Nietzsche sagt. Gott ist tot.
- 0:31Aber so wie die Menschen nun einmal sind, wird es vielleicht
- 0:34noch tausende von Jahren Höhlen geben, in denen sein Schatten
- 0:37gezeigt wird. Diese Höhlen sind die Köpfe der
- 0:40Menschen, ihre Kultur, ihre Gewohnheiten und ihre Moral.
- 0:46Der eigentliche Kampf ist also nicht mehr der Kampf gegen den
- 0:49Glauben an Gott selbst. Dieser Kampf ist für Nietzsche
- 0:52bereits entschieden, der neue und viel schwierigere Kampf ist
- 0:56der gegen den Schatten Gottes. Dieser Schatten ist alles, was
- 1:00vom Glauben an Gott übrig geblieben ist.
- 1:03Die christliche Moral, das Gefühl von Sünde und Schuld, die
- 1:07Idee, dass das Leben einen von außen gegebenen Sinn haben muss
- 1:11und die Art, in Gut und böse zu denken.
- 1:14Wir, so sagt Nietzsche, müssen auch noch diesen Schatten
- 1:17besiegen, wir müssen lernen, ohne die alten Sicherheiten und
- 1:22Wertvorstellungen zu leben, die uns der Glaube an Gott gegeben
- 1:25hat. Das ist der neue große Kampf,
- 1:28der vor uns liegt. Unter Kapitel 109 hüten wir uns
- 1:36in diesem Abschnitt, warnt Nietzsche uns davor, das
- 1:38Universum mit menschlichen Maßstäben zu messen oder es uns
- 1:42nach unserem eigenen Bild vorzustellen.
- 1:44Er fordert uns auf, verschiedene populäre Vorstellungen über die
- 1:47Welt abzulegen. Erstens, wir sollen uns davor
- 1:51hüten zu denken, die Welt sei ein lebendiges Wesen, ein
- 1:54riesiger Organismus. Denn ein Lebewesen braucht etwas
- 1:58außerhalb von sich, um zu wachsen und sich zu ernähren.
- 2:02Aber das Universum ist alles, was es gibt, es gibt kein außen,
- 2:06zweitens, wir sollen uns auch davor hüten, die Welt für eine
- 2:10Maschine zu halten, eine Maschine wird für einen
- 2:12bestimmten Zweck gebaut, der Welt aber einen Zweck
- 2:16zuzuschreiben, wäre ihr eine viel zu hohe Ehre zu erweisen,
- 2:19sie hat keinen Zweck, drittens. Wir sollen uns davor hüten,
- 2:23überall eine perfekte Ordnung anzunehmen, wie wir sie bei den
- 2:27Planetenbahnen sehen, wenn wir zur Milchstraße blicken, sehen
- 2:31wir, dass es dort auch viel chaotischere Bewegungen gibt,
- 2:35die Ordnung, die wir in unserem Sonnensystem erleben, ist eine
- 2:38Ausnahme und nur diese Ausnahme hat die Entstehung von Leben
- 2:42einer noch größeren Ausnahme, überhaupt erst möglich gemacht.
- 2:47Der wahre Charakter der Welt Sunnitsche ist für alle Ewigkeit
- 2:51das Chaos. Mit Chaos meint er aber nicht
- 2:54einfach nur Unordnung. Er meint damit, dass die Welt
- 2:57keine menschlichen Eigenschaften hat, sie hat keine Ordnung,
- 3:01keine Form, keine Schönheit, keine Weisheit und keine Moral.
- 3:06Alle diese Begriffe sind menschliche Erfindungen, wir
- 3:10dürfen die Welt nicht loben oder tadeln, wir dürfen nicht sagen,
- 3:14es gäbe Gesetze in der Natur, denn es gibt niemanden, der
- 3:18diese Gesetze befiehlt und niemanden, der ihnen gehorcht.
- 3:22Es gibt nur Notwendigkeiten auch der Begriff Zufall hat nur in
- 3:26einer Welt einen Sinn, in der es Zwecke gibt.
- 3:30Da die Welt aber keinen Zweck hat, gibt es auch keinen Zufall,
- 3:34selbst Leben und Tod sind keine Gegensätze, das Leben ist nur
- 3:39eine sehr seltene Form des Todes.
- 3:41Nietzsches Ziel ist es, die Natur komplett zu entgöttlichen
- 3:45wir müssen aufhören, menschliche oder göttliche Ideen auf sie zu
- 3:48projizieren. Erst wenn wir das geschafft
- 3:51haben, können wir anfangen, uns selbst als Teil dieser Reinen,
- 3:54neu entdeckten Natur zu verstehen.
- 3:58Unterkapitel 110 der Ursprung der Erkenntnis hier stellt
- 4:05Nietzsche die radikale Idee vor, dass das, was wir für Erkenntnis
- 4:08halten, auf grundlegenden Irrtümern aufgebaut ist, über
- 4:12unvorstellbar lange Zeiträume, so argumentiert er, hat unser
- 4:15Verstand nichts als Irrtümer hervorgebracht.
- 4:19Einige dieser Irrtümer haben sich aber als nützlich für das
- 4:22Überleben erwiesen. Wer an diese nützlichen Irrtümer
- 4:25glaubte, hatte im Kampf ums Dasein einen Vorteil.
- 4:29Diese überlebenswichtigen Irrtümer wurden über
- 4:31Generationen weiter vererbt und sind heute tief in uns
- 4:35verankert. Beispiele für solche
- 4:37fundamentalen Irrtümer sind der Glaube, dass es dauerhafte Dinge
- 4:41gibt, obwohl sich alles ständig verändert, der Glaube, dass es
- 4:46gleiche Dinge gibt. Obwohl keine 2 Dinge jemals
- 4:49vollkommen identisch sind. Der Glaube an Materie, an
- 4:53Körper, der Glaube, dass ein Ding das ist, als was es uns
- 4:57erscheint, der Glaube an einen freien Willen, der Glaube, dass
- 5:02etwas, das für mich gut ist, auch an sich und für alle gut
- 5:07sein muss, erst sehr spät in der menschlichen Entwicklung traten
- 5:11Menschen auf, die diese Sätze bezweifelten und erst sehr, sehr
- 5:15spät trat die Wahrheit auf. Für Nietzsche ist sie die
- 5:18schwächste und jüngste Form der Erkenntnis.
- 5:21Am Anfang schien es sogar, als könnte man mit der Wahrheit gar
- 5:24nicht leben, denn unser ganzer Organismus, unsere Wahrnehmung
- 5:28und unsere Gefühle sind auf den alten fundamentalen Irrtümern
- 5:33aufgebaut. Diese Irrtümer sind uns zur
- 5:36zweiten Natur geworden, die Stärke unseres Wissens liegt
- 5:39also nicht darin, wie wahr es ist, sondern darin, wie alt es
- 5:44ist. Und wie tief es in uns als
- 5:46lebensnotwendige Bedingung verankert ist, wo Leben und
- 5:49erkennen sich zu widersprechen schienen, wurde der Zweifel
- 5:52immer als Wahnsinn abgetan. Am Ende des Kapitels stellt
- 5:56Nietzsche die entscheidende Frage für die Zukunft, inwieweit
- 6:00verträgt der Mensch die Wahrheit, jetzt, wo der Trieb
- 6:03zur Wahrheit selbst zu einer lebenserhaltenden Macht geworden
- 6:06ist, kämpft er gegen die alten lebenserhaltenden Irrtümer.
- 6:11Diesen Kampf nennt Nietzsche das Experiment.
- 6:15Unterkapitel 101 die Herkunft des logischen dieses Kapitel
- 6:22führt den Gedanken aus dem vorherigen weiter und fragt,
- 6:25woher die Logik in unseren Köpfen eigentlich kommt.
- 6:28Nietzsches Antwort ist provokant, die Logik stammt aus
- 6:32der Unlogik, das Reich des Unlogischen muss ursprünglich
- 6:35riesig gewesen sein, unzählige Lebewesen, die anders schlossen
- 6:39als wir heute, sind untergegangen.
- 6:42Ihre Art zu denken war vielleicht sogar wahrer, aber
- 6:45sie hat ihnen nicht beim Überleben geholfen.
- 6:48Nietzsche gibt ein Beispiel, wer nicht schnell genug in der Lage
- 6:52war, ähnliches sofort als gleich zu behandeln, zum Beispiel bei
- 6:56der Nahrung oder bei der Erkennung von Feinden, hatte
- 6:59eine geringere Überlebenschance, der Hang ähnliches sofort als
- 7:03gleich anzusehen, ist aber eigentlich unlogisch, denn in
- 7:07der Realität gibt es nichts, was vollkommen gleich ist.
- 7:11Genau dieser unlogische Hang hat aber die Grundlage für die Logik
- 7:14geschaffen. Genauso verhält es sich mit dem
- 7:16Begriff der Substanz, der für die Logik grundlegend ist.
- 7:20Damit dieser Begriff entstehen konnte, durften die Menschen
- 7:23lange Zeit die ständige Veränderung der Dinge nicht
- 7:26wahrnehmen. Diejenigen, die alles im Flusse
- 7:29sahen, hatten einen Nachteil gegenüber denen, die von
- 7:32stabilen, unveränderlichen Dingen ausgingen, die.
- 7:35Jede Form von vorsichtigem Skeptischem schließen war
- 7:38anfangs eine große Gefahr für das Leben.
- 7:41Um zu überleben, musste der entgegengesetzte Hang viel
- 7:44stärker werden, der Hang lieber schnell zu bejahen als
- 7:48abzuwarten, lieber zu irren und zu dichten, als auf Gewissheit
- 7:51zu warten. Der Prozess des logischen
- 7:54Denkens in unserem heutigen Gehirn ist also das Ergebnis
- 7:58eines uralten Kampfes zwischen Trieben, die für sich genommen
- 8:01alle unlogisch und ungerecht sind.
- 8:04Wir erfahren heute nur noch das Ergebnis dieses Kampfes.
- 8:07Dieser Mechanismus läuft so schnell und versteckt in uns ab,
- 8:11dass wir ihn nicht mehr bemerken.
- 8:15Unterkapitel 112 Ursache und Wirkung in diesem Abschnitt
- 8:21hinterfragt Nietzsche unser alltägliches Verständnis von
- 8:24Ursache und Wirkung. Er sagt, was wir heute Erklärung
- 8:28nennen, ist eigentlich nur eine bessere und genauere
- 8:31Beschreibung als die, die frühere Kulturen hatten.
- 8:35Früher sahen die Menschen nur 2 Dinge, eine Ursache und eine
- 8:39Wirkung. Wir sehen heute eine viel
- 8:42längere Kette von Ereignissen und schließen daraus, dass das
- 8:45eine passieren muss, damit das andere folgt, aber wirklich
- 8:49begriffen, was da passiert, haben wir damit noch immer
- 8:52nichts, jede chemische Veränderung oder jede Bewegung
- 8:56bleibt im Grunde ein Wunder, niemand hat den Stoß, also die
- 9:01Übertragung von Energie, wirklich erklärt.
- 9:04Wie könnten wir auch? Wir arbeiten immer mit Dingen,
- 9:07die es in der Realität gar nicht gibt, perfekte Linien, Flächen,
- 9:12Körper, Atome, teilbare Zeiten und Räume, wir machen uns die
- 9:17Welt erst zu einem Bild, unserem Bild und versuchen dann, dieses
- 9:21Bild zu erklären. Die Wahrheit ist sonitsche, dass
- 9:25es eine solche Zweiheit von Ursache und Wirkung
- 9:27wahrscheinlich gar nicht gibt. In Wirklichkeit steht ein
- 9:31Ununterbrochenes fließen vor uns.
- 9:33Ein Kontinuum. Wir Menschen isolieren daraus
- 9:36nur einzelne Stücke, um es verstehen zu können.
- 9:40Wir nehmen eine Bewegung nur als eine Reihe von einzelnen Punkten
- 9:43wahr, wir sehen sie also eigentlich nicht, sondern wir
- 9:46erschließen sie uns die Plötzlichkeit, mit der viele
- 9:50Wirkungen eintreten, führt uns in die irre, aber es ist nur
- 9:55eine Plötzlichkeit für uns, in dieser einen Sekunde passieren
- 9:59unendlich viele Vorgänge, die uns entgehen.
- 10:02Ein Verstand, der dieses Kontinuum sehen könnte, der den
- 10:05Fluss des Geschehens wahrnehmen könnte, würde den Begriff von
- 10:08Ursache und Wirkung komplett verwerfen.