Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 4. Theil - 10 - Mittags
Transcript
- 0:00Also sprach Zarathustra ein Buch für alle und keinen vierter Teil
- 0:04Unterkapitel 10 mittags Zarathustra läuft in diesem
- 0:10Abschnitt lange Zeit allein umher, er begegnet keinem
- 0:13anderen Menschen mehr, er genießt seine Einsamkeit in
- 0:16vollen Zügen und denkt stundenlang über gute Dinge
- 0:19nach, dann bricht die Stunde des Mittags an, die Sonne steht nun
- 0:24genau senkrecht über seinem Kopf.
- 0:26Des Mittag ist bei dem Philosophen Friedrich Nietzsche
- 0:29ein sehr wichtiges Symbol. Der Mittag steht für den Moment
- 0:33der größten Klarheit, es ist der Augenblick, in dem die Schatten
- 0:36am kürzesten sind, es gibt keine Täuschungen mehr, alles ist hell
- 0:41und deutlich, es ist der Moment, in dem große Erkenntnisse
- 0:44stattfinden, Zarathustra kommt an einem alten krummen Baum
- 0:48vorbei, dieser Baum wird von einem Weinstock umschlungen, an
- 0:52dem viele gelbe Trauben hängen. Der Baum steht für zarathustras
- 0:56harten, entbehrungsreichen Lebensweg.
- 1:00Der Weinstock mit den süßen Trauben steht für die Fülle, die
- 1:03Freude und die Leichtigkeit des Lebens.
- 1:06Zarathustra verspürt leichten Durst und möchte sich eine
- 1:09Traube abpflücken, doch genau in dem Moment, als er seinen Arm
- 1:12ausstreckt, spürt er ein noch viel größeres Verlangen, er
- 1:16möchte sich einfach neben den Baum auf die Erde legen und
- 1:19schlafen, er möchte die vollkommene Stunde des Mittags
- 1:23genießen. Er legt sich in das bunte Gras.
- 1:26Sogleich vergisst er seinen Durst und schläft.
- 1:29Ein Zarathustra erinnert sich an sein eigenes Sprichwort.
- 1:34Das eine ist notwendiger als das andere, in diesem Fall ist die
- 1:38innere Ruhe wichtiger als das Stillen des körperlichen
- 1:41Durstes. Interessanterweise bleiben seine
- 1:44Augen dabei aber offen, er kann sich gar nicht daran satt sehen,
- 1:47den Baum und die Liebe des Weinstocks zu bewundern.
- 1:51Während er in diesen Zustand hinübergleitet, spricht er zu
- 1:54seinem eigenen Herzen. Er bittet es, still zu sein, er
- 1:58stellt fest, dass die Welt in genau diesem Augenblick völlig
- 2:02vollkommen geworden ist. Er spürt eine tiefe, grenzenlose
- 2:05Harmonie mit der Welt, der Schlaf, der nun über ihn kommt,
- 2:09ist kein normaler tiefer Schlaf der Bewusstlosigkeit,
- 2:14Zarathustra beschreibt ihn wie einen zarten Wind, der sanft
- 2:17über das Meer tanzt. Dieser Schlaf schließt ihm nicht
- 2:21die Augen, sondern lässt seine Seele hellwach.
- 2:24Es ist eher eine tiefe Trance oder eine tiefe Meditation, der
- 2:28Schlaf überredet ihn von innen heraus, sodass seine Seele sich
- 2:31weit ausstreckt. Zarathustra wundert sich über
- 2:35seine eigene Seele, sie streckt sich immer weiter aus und wird
- 2:38ganz still, sie hat schon so viel gutes geschmeckt, dass sie
- 2:42nun von einer goldenen Traurigkeit erfüllt ist.
- 2:46Diese Traurigkeit ist nichts Negatives.
- 2:49Nietzsche meint damit das Gefühl, wenn man so
- 2:51überwältigend glücklich und erfüllt ist, dass es fast schon
- 2:54weh tut. Es ist eine friedliche, stille,
- 2:57Wehmut, weil der Moment so unbeschreiblich perfekt ist.
- 3:01Zarathustra vergleicht seine Seele nun mit einem Schiff,
- 3:04dieses Schiff ist müde von den langen Reisen auf dem unsicheren
- 3:07Meer, nun ist es in seine Stillste Bucht eingefahren und
- 3:12lehnt sich an die Erde. Zarathustra fragt, ob die Erde
- 3:15nicht viel treuer sei als das Meer.
- 3:18Das bedeutet, dass er hier eine Tiefe und feste Verbundenheit
- 3:21zur Natur und zur Erde spürt. Das Schiff liegt so friedlich am
- 3:25Land, dass es keine starken und dicken Seile braucht, um
- 3:27festgemacht zu werden. Es reicht aus, wenn eine kleine
- 3:31Spinne ihren feinen Faden vom Land zum Schiff webt, das zeigt,
- 3:35wie wenig es in diesem Moment der vollkommenen Ruhe braucht,
- 3:38um Halt zu finden. Aus Reiner Freude möchte
- 3:41zarathustras Seele nun anfangen zu singen, doch Zarathustra
- 3:45verbietet es ihr. Er mahnt sie zur Stille.
- 3:48Er sagt, dass der heiße Mittag nun auf den Wiesen schläft.
- 3:52Die Welt ist vollkommen und ein Lied würde diese Stille nur
- 3:55stören, singen wäre eine Handlung, aber in diesem
- 3:59perfekten Moment muss man gar nichts tun, man muss nur einfach
- 4:03sein. Der eralte Mittag trinkt, so
- 4:07beschreibt es Zarathustra bildlich, einen alten braunen
- 4:09Tropfen eines goldenen Weins, das steht für das pure Glück,
- 4:14die Natur lacht wie ein Gott. Vollkommen leise und in sich
- 4:18ruhend. Zarathustra erinnert sich daran,
- 4:21dass er früher einmal dachte, es bräuchte viel, um glücklich zu
- 4:24sein. Jetzt weiß er, dass das eine
- 4:27Lästerung war, nun erkennt er, es ist gerade das Wenigste, das
- 4:32leiseste und das leichteste, was das allerbeste Glück ausmacht,
- 4:37zum Beispiel das leise rascheln einer Eidechse, ein winziger
- 4:40Lufthauch oder ein kurzer lautloser Augenblick.
- 4:44Nietzsche sagt uns hier, dass das wahre Glück nicht in den
- 4:47lauten, großen und anstrengenden Ereignissen des Lebens liegt.
- 4:51Das tiefste Glück liegt in der absoluten Aufmerksamkeit für das
- 4:54hier und jetzt, für die allerkleinsten Wunder der Natur
- 4:58in diesem Zustand der absoluten Präsenz verliert Zarathustra das
- 5:01Gefühl für die Zeit, er fragt sich, ob die Zeit einfach davon
- 5:05geflogen ist. Er hat das Gefühl, tief zu
- 5:08fallen, er fragt, ob er in den Brunnen der Ewigkeit gefallen
- 5:12ist. Dieser Begriff ist zentral bei
- 5:14Nietzsche. Er berührt hier seine wichtigste
- 5:17philosophische Lehre, die ewige Wiederkehr, desgleichen in
- 5:21diesem perfekten Mittag empfindet Zarathustra den Moment
- 5:24nicht mehr als etwas, das schnell vergeht, er empfindet
- 5:27den Moment als ewig, es ist ein Augenblick, der so gut und
- 5:31vollkommen ist, dass er es wert ist, in alle Ewigkeit, immer und
- 5:36immer wiederkehren zu dürfen. Zarathustra spürt einen
- 5:40plötzlichen Stich im Herzen. Der fast schmerzhaft ist vor
- 5:43lauter Freude. Er sieht die Welt nun als etwas
- 5:46vollkommenes, Rundes und reifes an, er nennt sie einen goldenen,
- 5:51Runden Reif, der Reif, also ein Ring ist.
- 5:55Ein weiteres Symbol für die Ewigkeit und den Kreislauf des
- 5:58Lebens, der keinen Anfang und kein Ende hat, schließlich dehnt
- 6:03sich Zarathustra aus und spürt, dass er geschlafen hat, er
- 6:07spricht streng zu sich selbst und fordert, sich auf,
- 6:09aufzuwachen. Er sagt seinen alten Beinen,
- 6:12dass es Zeit ist aufzustehen, denn sie haben noch einen weiten
- 6:15Weg vor sich. Er glaubt, er habe eine halbe
- 6:18Ewigkeit geschlafen, doch kaum hat er sich ermahnt, schläft er
- 6:22schon wieder ein, seine Seele wehrt sich gegen das Aufwachen,
- 6:26sie bettelt darum, noch liegen bleiben zu dürfen, sie fragt
- 6:30erneut, ob die Welt nicht gerade eben vollkommen geworden sei,
- 6:34sie will diesen perfekten Zustand, den goldenen runden
- 6:37Ball nicht verlassen. Zarathustra nennt seine Seele
- 6:41scherzhaft eine kleine Diebin und einen Tagedieb, weil sie
- 6:44sich so sehr streckt und gähnt und nicht zurück in die Realität
- 6:48will. Dann fällt plötzlich ein
- 6:50Sonnenstrahl von oben auf sein Gesicht, Zarathustra blickt in
- 6:54den Himmel und spricht zu ihm, er fragt den Himmel, ob er ihm
- 6:57und seiner wunderlichen Seele zuhört, er fragt, wann der
- 7:01Himmel diesen Tautropfen, der auf die Erde gefallen ist,
- 7:04wieder trinken wird, er fragt, wann der Himmel seine Seele
- 7:08wieder in sich aufnehmen wird. Das ist ein Moment von tiefer,
- 7:12fast religiöser Sehnsucht. Zarathustra vergleicht seine
- 7:16eigene Seele mit einem kleinen Tropfen Tau, er wünscht sich
- 7:20sich völlig im großen, hellen Universum aufzulösen und 1 mit
- 7:23dem ewigen Licht zu werden, er nennt den Himmel einen heiteren
- 7:27und schauerlichen Abgrund nach diesen Worten erhebt sich
- 7:30Zarathustra endgültig von seinem Lager unter dem Baum, er steht
- 7:34auf, als wäre er betrunken von einer fremden Welt.
- 7:38Und nun kommt die große Pointe dieser Szene.
- 7:41Als er aufsteht, steht die Sonne immer noch genau senkrecht über
- 7:44seinem Kopf, obwohl Zarathustra das Gefühl hatte, Ewigkeiten in
- 7:48diesem tiefen Zustand verbracht zu haben, ist in der
- 7:51Wirklichkeit der Welt fast gar keine Zeit vergangen, man
- 7:55könnte, so sagt die Geschichte, mit vollem Recht annehmen, dass
- 7:58Zarathustra überhaupt nicht lange geschlafen hat.
- 8:01Nietzsche zeigt damit, dass die Erfahrung der Ewigkeit nicht an
- 8:04die Uhrzeit gebunden ist. Ein einziger winziger Augenblick
- 8:08der totalen Vollkommenheit kann sich innerlich wie eine ganze
- 8:11unendliche Ewigkeit anfühlen.