Latest / Spirit Mind Energy – Dein Universum für moderne Spiritualität | Gespräche mit Petra Baum / 044 Tarot in der Literatur - Folge 14: Woyzeck | mit Tino Wiesinger
Transcript
- Petra Baum: Hallo zusammen. Heute widmen Tino und ich uns in unserem Tarot in der Literatur Talk, einem der radikalsten und zugleich modernsten Texte des 19. Jahrhunderts. Wojtek von Georg Büchner. Ein Werk, das erstaunlich kurz ist, fragmentarisch geblieben und dennoch bis heute als Meilenstein des modernen Dramas gilt. Georg Büchner wurde 1813 in Gödelau bei Darmstadt geboren. und starb bereits 1837 im Alter von nur 23 Jahren. Wojtek entstand 1836-37, also kurz vor seinem Tod und blieb unvollendet. Veröffentlicht und aufgeführt wurde es erst Jahrzehnte nach Büchners Tod. Ein kurzer Blick auf den Menschen Georg Büchner. Er war nicht nur Schriftsteller, sondern auch Mediziner, Naturwissenschaftlicher, Arbeiter und politischer Aktivist. Wegen seiner revolutionären Flugschrift, der hessische Landbote Friede den Hütten, Krieg den Palästen, wurde er steckbrieflich gesucht und musste ins Exil nach Straßburg und später bis nach Zürich fliehen. Seine Texte verbinden politische Radikalität mit wissenschaftlicher Präzision und einem außergewöhnlich modernen Menschenbild. Ein weniger bekannter Funfact Büchner war seinerzeit wissenschaftlich weit voraus. Seine zoologische Arbeit über das Nervensystem von Fischen wurde von Fachkollegen hoch geschätzt und hätte ihm vermutlich eine akademische Karriere eröffnet, hätte er länger gelebt. Zudem ist Wojtek eins der ersten literarischen Werke überhaupt, das Armut, psychische Erkrankung und soziale Determination so konsequent aus der Perspektive der Unterschicht erzählt. Zu Lebzeiten war er kaum bekannt. Sein literarischer Rang wurde erst im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert erkannt. Heute gilt er als Wegbereiter des Naturalismus, Expressionismus und des modernen sozialen Dramas. Und nach diesem kleinen Exkurs wenden wir uns nun Wojtek selbst zu. den Figuren, den Machtstrukturen zwischen Ober- und Unterschicht und den archätypischen Dynamiken, die sich in diesem Drama ganz besonders klar im Tarot widerspiegeln. Ab to you, Dino! Tino Wiesinger: Ja, also ich freue mich, dass wir heute über Wojtek sprechen können, wobei ich wirklich überlegt habe, ob denn Wojtek überhaupt zu Taro passt. wir haben hier keine wirkliche Heldenreise, wir haben auch keine Anti-Heldenreise. Wojtek ist alles andere als ein Held. Er ist eigentlich ein von der Gesellschaft Getriebener. ⁓ ausgenutzt wird, der unter den Machtverhältnissen leidet und grundsätzlich unter seinen Lebensverhältnissen, unter Armut und gesellschaftliche Ausgrenzung. Und die Frage ist, wie kann da Taro eine Rolle spielen? Aber wie wir feststellen werden, unheimlich gut. Und ja, wenn wir uns Wojtek vorstellen, Wojtek ist ein Soldat und zwar Kein Soldat besonderer Ranges, einfach ein einfacher Fußsoldat letztendlich, der eigentlich nur von der Kaserne immer hin und her pendelt nach Hause und dann wieder in die Kaserne ab und zu. Geht einmal zum Doktor und dann muss er wieder für den Hauptmann arbeiten. Und das Einzige, was er eigentlich versucht, ist, Geld zu verdienen, ⁓ seine kleine Familie über die Runden zu... zu bekommen und zwar Marie mit der nicht verheiratet ist. Petra Baum: Das sollte man erwähnen, weil es für diese Zeit überhaupt nicht standesgemäß war, nicht verheiratet zu sein. Tino Wiesinger: Richtig, da ist nämlich insbesondere der Hauptmann auch gar nicht gut drauf zu sprechen, dass Wojtek nicht verheiratet ist. Er sagt zwar immer, ist ein guter Mensch, er ist ein guter Mensch, aber er hat keine Moral. ja, davon geht er aus. Er ist nicht verheiratet und hat aber trotzdem ein uneheliches Kind. Das Ganze ist ja dann eben so. Die leben nicht nur in Bilder, ehe miteinander, sondern haben auch schon ein Kind. Und das ist absolut für den Hauptmann. antimoralisch, nichts, hat nichts mit Moral zu tun. und darunter leidet Wojtek letztendlich auch. ja, heute würde man wahrscheinlich sagen, er leidet unter Mobbing, er wird gemobbt von der Gesellschaft, würde man wahrscheinlich heute sagen, insbesondere wenn wir uns den Hauptmann und den Doktor angucken, wie die beiden mit Wojtek umgehen. ist nicht wirklich eine einzige Katastrophe. Petra Baum: Ja. Tino Wiesinger: In welcher Situation befindet Wolzeck sich eigentlich? Er ist gefangen in Armut und Abhängigkeit. Er ist eigentlich unbeweglich. Er kommt gar nicht aus seiner Situation wirklich raus. Er kann sich noch so anstrengen, er wird aus dieser Gefangenschaft, aus diesem Ausgeliefertsein nicht rauskommen. Und da denken wir natürlich relativ schnell an die Karte des Gehängten. der Gehängte, der eben nicht sehr glücklich ist in seiner Lage. Und ja, jetzt können wir wieder sagen, das was wir immer bei der Karte des Gehängten sagen, naja, stell doch mal das Materielle nach unten und das Spirituelle soll nach oben. Ja, das wäre schön, wenn Wojtek das könnte. Das kann er nicht, weil er dann nicht überleben kann. Petra Baum: Vielen Tino Wiesinger: Das ist dann immer schön gesagt, du musst mehr auf das Spirituelle achten und das Materielle spielt weniger eine Rolle. Er ist im Materialismus gefangen. Und das ist ja genau das, wogegen er kämpft. Diese Anforderungen der Gesellschaft, die sich unter Idealismus fassen lassen, diese idealistischen Anforderungen des Doktors und des Hauptmanns, er selber ist aber Materialist, er gehört dem Materialismus an. Er muss sich ums Überleben sorgen und das Geld ist Petra Baum: Der Zwangsmaterialismus, bleibt ihm ja, wie man auch immer wieder in dem Buch merkt, keine Wahl. Er lässt ja alles mit sich machen. Tino Wiesinger: Und deswegen kann er gar nicht aus seiner Lage entkommen. Er bleibt der Gehängte. Letztendlich kann man sich fragen, ob er dieser Lage dann auf andere Art Weise entkommt. Aber das ist natürlich dann keine sehr schöne Situation, die dann am Ende entsteht. Aber letztendlich ist er der Gehängte. Und er ist abhängig von der Gesellschaft. Und die Gesellschaft ist nicht etwa, also gerade für den Leser des Dramas oder auch den Zuschauer im Theater, die merken relativ schnell. Die Gesellschaft ist nicht sehr positiv dargestellt. Der Doktor denkt nur an letztendlich die Forschung und für ihn sind Menschen ja nichts. Also die spielen keine Rolle. Menschlichkeit spielt überhaupt keine Rolle. Hauptsache, er kann forschen und er kommt in seinen Ergebnissen, in seinen medizinischen Experimenten weiter. Der Hauptmann, dem Der leidet auch wirklich unter dem Leben, aber er eher so, jammert mehr oder weniger und sagt dann, er kann kein Müllrad mehr sehen, sonst wird er melancholisch, weil das Leben ja so an ihm vorbeizieht und er gar nicht wirklich, also er hat auch depressive Verstimmungen, also da ist auch nicht wirklich sehr viel Positives bei ihm zu sehen. Trotzdem ist er überheblich und glaubt, dass er sehr moralisch ist und so ein ganz toller Mensch ist. Und das lässt der Wojtek natürlich spüren. Und all das, was da auf ihn einschießt, diese Gesellschaft, das würde ich sagen, verbindet mir mit dem Teufel. Es ist nicht der Teufel, der irgendwie jetzt ja etwas zu tun hat mit Verführung. Man denkt ja oftmals beim Teufel auch, ja das ist der Verführer. Darum geht es nicht. Es geht ⁓ den Zwang. in dem Wojtek sich befindet. In dieser Zwangslage, wenn wir uns die Karte nämlich anschauen, dann sehen wir ja auch diese beiden Personen Adam und Eva in Ketten. Bei Wojtek müssen wir die Ketten noch ein bisschen mehr anziehen, denn Adam und Eva kommen eigentlich relativ leicht, könnten leicht aus diesen Ketten Aber das funktioniert bei Wojtek nicht. Auch wenn er wollte, glaube ich, könnte er nicht so einfach entkommen, weil er so sehr in dieser Abhängigkeit Petra Baum: Sie könnten, wenn Sie wollten, ja. Tino Wiesinger: vom Teufel, von der Gesellschaft steht, dass ein Entkommen also eigentlich gar nicht möglich ist. Petra Baum: Das ganze Buch ist eigentlich für mich übergeordnet. Der Teufel im Sinne von Macht und Ohnmacht, Manipulation und Ausnutzen und natürlich auch das Spiel Bedienen auf der anderen Seite. Ich glaube, das kann man wirklich so als Systemkarte ziehen. Tino Wiesinger: Ich meine, das Drama, das behandele ich natürlich auch sehr oft in der Schule. Und dann frage ich immer die Schüler, gibt es denn für Wojtek überhaupt einen Ausweg aus dieser Situation? Was könnte er machen? Und natürlich kommen dann solche Dinge aus dieser relativ naiven Perspektive unserer Jugendlichen, die dann denken, ja, wieso verlässt der denn Marie nicht einfach? Der soll ein eigenes Leben anfangen. Und es ist doch egal, was mit Marie ist. Sie betrügt ihn ja dann am Ende auch mit diesem Tavur-Major und soll er doch einfach gehen. Wenn das mal so einfach wäre. einfach gehen. Wie soll er denn dann über die Runden selber über die Runden kommen? ist abhängig auch vom Hauptmann, seinem Beruf und so weiter. Wie soll er denn da einfach weitermachen? Also das ist gar nicht so einfach. Petra Baum: stellt sich glaube ich auch gar nicht diese Frage. Also das geht nicht in diesem Gesellschaftskonstrukt. Tino Wiesinger: Genau, da sind Abhängigkeiten und das ist eindeutig der Teufel. So, und was passiert natürlich mit Wojtek in diesem Fall? Er kommt im Prinzip in eine psychische Ausnahmesituation, in eine psychische Krise. Er hat nicht nur Albträume, er hört schon auch Stimmen, er hat Halluzinationen. Und die einzige Person, die ihm scheinbar zuhört, ist Andres, sein Kamerad. Ich möchte nicht Freund sagen, vielleicht für Wojtek ist Andres ein Freund, weil er der Einzige ist, der ihm wirklich scheinbar noch zuhört. Aber Andres ist entweder zu naiv, vielleicht auch zu dumm oder auch zu ignorant, ⁓ Wojtek wirklich zu verstehen. Und was passiert mit Wojtek? Er gerät in die typische Lage der neuen Schwerter. Und zwar nicht nur in der Nacht, sondern eigentlich die ganze Zeit über. Es sind nicht nur Albträume oder negative Gedanken, die er nachts hat, wenn er wach liegt, sondern eigentlich den ganzen Tag über. Und weil er nicht weiß, wie soll er da rauskommen? Und wäre das nicht schon genug? Diese Situation mit dem Doktor und mit dem Hauptmann, dass er da ausgenutzt wird, er muss ja da beim Doktor diese Erbsendiet machen und kann wirklich nur Erbsen essen und dann muss er auch darauf achten, dass er seine körperlichen Bedürfnisse unter Kontrolle hat, weil er auch Urin abgeben muss beim Doktor und wenn das dann mal nicht unter Kontrolle hat, dann kriegt er wirklich eine Tirade vom Doktor zu hören. Also es ist wirklich nicht schön. Petra Baum: Er hat sich verkauft sozusagen. Tino Wiesinger: aus Geldgründen letztendlich. und durch diese Erbsen-Diät ist er natürlich auch so geschwächt teilweise und auch generell so überarbeitet mit allem, dass er sich auch nicht wirklich ⁓ seine Familie kümmern kann. Weder ⁓ Christian, seinen Sohn, kleinen Jungen, noch ⁓ Marie. Auch natürlich so ehrliche Pflichten. Was zum Beispiel auch Sexualität angeht, das kann er gar nicht mehr erfüllen. Er ist einfach viel zu fertig. Und was macht Marie? Das Problem natürlich, dass Marie trotzdem auch Sehnsucht hat und gesehen werden will. Und nicht nur das, will nicht nur gesehen werden. Es geht auch primitiv einfach ⁓ Sexualität. Einfach primitive Sexualität. Und deswegen ist dieser Tambour-Major Petra Baum: Und damit kommt das nächste Problem. Tino Wiesinger: der nicht die hellste Kerze auf der Torte ist, der ziemlich positiv ist, aber anscheinend ganz gut aussieht, kommt dann wie gerufen für Marie. Und erst streut sich Marie so ein bisschen und sagt, nein, ich bin nicht so eine. Aber der Tambour-Major sagt dann so was wie, lass uns eine Zucht von Tambour-Majors anlegen. Und dann sagt Marie, es ist alles egal, es ist alles eins. Und dann geht es zur Sache. Und Marie ist dann auch nicht so, dass sie da wirklich großartig Verstecken spielt. Also, Wolzell kommt dann irgendwann nach Hause und merkt dann irgendwas stimmt mit den Bettlaken nicht. Wir wissen nicht genau, was mit diesen Bettlaken los ist, aber man kann sich vielleicht denken und ja, stellt und fest, ja, da war doch, da war doch jemand bei dir. Und dann Kriegt er das auch unter die Nase gerieben, weil sich das offenbar in der Gesellschaft auch relativ schnell herumspricht vom Doktor und auch vom Hauptmann, die dann sowas zu ihm sagen wie, habt ihr schon mal ein Bata in eurer Suppe gefunden, vielleicht ein Bata eines Zambur-Majors und klar ist Wojtek da natürlich völlig am Ende, wird ein das Herz gebrochen im Prinzip. Petra Baum: Vor allem da war dann ja auch noch die Geschichte mit den Ohrringen. Nicht nur einen, den sie gefunden hatte, sondern interessanterweise zwei. Tino Wiesinger: Richtig, die Urin- Ja, hat so noch nie was gefunden, sagt Wojtek. So zwei Ohrringe auf einmal. Sie bekommt offensichtlich vom Tamburmajor für gewisse, ich will jetzt nicht sagen Dienstleistungen, aber man könnte es fast schon. Das ist vielleicht der bessere Begriff. Aber ja, Wojtek ist nicht blöd. Er kriegt das natürlich mit, auch wenn er, wenn Petra Baum: Fälligkeiten. Tino Wiesinger: Marie das nie wirklich zugibt. Aber er weiß es, dass da was läuft und dann sieht er den Tambour-Major auch noch mit Marie tanzen in der Wirtschaft, in der Gastwirtschaft und dann rastet er im Prinzip völlig aus. Also sind wir, wenn wir uns jetzt die nächste Karte nämlich angucken, die drei der Schwerter, dann können wir uns genau überlegen, was sind denn die drei Schwerter, die da in Wojtek. die Woyzeck's Herz brechen? Einerseits natürlich Marie, aber auch der Doktor, der Tambur-Major und auch der Hauptmann. und viele andere Dinge, die noch dazukommen. Also ich würde hier sagen, wir haben einmal die Erbsendiät, die das Herz brechen lassen, dann diese Gesellschaft, bestehend aus dem Hauptmann und dem Doktor und dann diese Affäre mit und dem Tampurmajor. Das sind diese drei Schwerter. oder ich würde in dem Fall eher sagen die drei Messer, die in sein Herz gerammt werden. Aufgrund der Geschichte, wir wissen ja, dass Wojtek dann nämlich nicht nur einfach irgendwelche Stimmen hört, sondern er hört Stimmen, die ihm immer wieder sagen, stich die Zickwölfin tot. Petra Baum: und ja. Tino Wiesinger: Die Zickwölfin Marie heißt Zickwolf mit Nachnamen. Und es ist klar, hat die Stimmen. Er muss dem Ganzen ein Ende setzen. Es geht gar nicht anders für ihn. Und das ist vielleicht die einzige Möglichkeit für ihn, dieser Lage des Gehängten rauszukommen. Weil jetzt kann er aktiv werden. Jetzt kann er irgendwas tun. Ohne dass wir das jetzt gut reden wollen. Das, was er tut, ist natürlich eine einzige Katastrophe, was er tut. Aber er ist nicht mehr er selbst. Dass er sich dann ein Messer kauft. Eine Pistole ist zu teuer, er kauft ein Messer. Und führt dann Marie hinaus aufs Feld. Und man kann es gar nicht anders sagen. Er sticht auf sie ein. Und das bringt alles, also lässt alles letztendlich zusammenbrechen. seine ganze Situation, die noch so halbwegs, ich würde nicht sagen stabil ist, aber sie hält noch gerade. Ich glaube nämlich, dass Marie sich nicht, also es geht ja auch nicht, sie kann sich aufgrund des Kindes schon gar nicht von Wolzek trennen und ihn alleine lassen. Und der Tambour Mayor als Ehepartner überhaupt nicht dafür geeignet. Der Tambour Mayor ist auch nur auf Körperlichkeit aus. Und deswegen Marie wäre nicht oder würde nicht gehen. Marie würde natürlich bei Wojtek bleiben und es würde einfach so weitergehen. Aber Wojtek hält es nicht aus und es kommt die typische Turmensituation. Es bricht alles letztendlich zusammen. Für Wojtek, für Marie sowieso, auch für Christian, den Sohn, denn die Mutter ist weg. Im Prinzip ist der Vater sowieso nie wirklich da, denn Wojtek hat andere Sorgen. Und auch die wirklich einzige Hoffnung, der hat Andrés, Stubenkamerad letztendlich, wenn Wojtek versucht, ihm über seine Sorgen zu berichten und auch das er Stimmen hört, sagt er, Andrés nur so was, er soll Schnaps trinken, er hat Fieber und wenn er jetzt Schnaps trinkt, dann wird das Fieber schon irgendwie weggehen und so ist es. Er hat überhaupt keinen Verständnis. Petra Baum: Es kann sich keiner in seine Lage versetzen. Das sind unterschiedliche Wellenlängen, ⁓ es mal neutral auszudrücken. Tino Wiesinger: Und deswegen kommt es natürlich dazu, dass dieser Turm zusammenbricht. Und auch deswegen, weil er einfach nie wirklich stabil gebaut gewesen ist. Und Wolczek hat es auch nicht hinbekommen, irgendwie auch nur ansatzweise Stabilität reinzubekommen. Und ja, wir haben jetzt über viele Figuren, die haben wir auch schon erwähnt, wir haben den Doktor erwähnt, haben den Hauptmann erwähnt. Wojtek, Marie und Christian. Wir haben Andrés erwähnt. Aber eine Figur, die eine ganz wesentliche Rolle spielt, die aber immer wieder vergessen wird, die haben wir bisher noch nicht thematisiert. Und das ist der Nah. Der Nah, tatsächlich auch so vor. wird an einer Stelle auch Idiot genannt von Wojtek. Nicht von Wojtek, sondern von Büchner. Aber das liegt wahrscheinlich daran, Es ist halt ein fragmentarisches Werk. Bühchner hat sich wahrscheinlich noch nicht entschieden, ob er diese Figur den Nahen nennt oder ob er ihn Idiot nennt. Ich finde Nahen natürlich gut, weil diese Figur ist kein Idiot. Die Figur tritt nämlich immer dann auf, wenn ein schlechtes Gewissen von Wojtek oder auch von Marie eine Rolle spielt. Marie hat nämlich im Laufe des Dramas auch irgendwann ein schlechtes Gewissen, liest dann in der Bibel und versucht da irgendwie da noch Buße zu tun und dann taucht irgendwann auch der Nahauf, der Andeutungen macht. Er zitiert dann aus dem Märchen Rumpelstilzchen, übermorgen hole ich der Königin ihr Kind. Und ja, da wird schon deutlich, er macht auch ein schlechtes Gewissen. Er ist nicht der typische Nahe, im Tarot, so wie wir ihn Tarot immer sehen, er ist nicht dieser abenteuerlustige, naive Nahe, sondern er ist hier in dem Fall, geht er bei Wojtek viel viel tiefer, weil er eben dieses Schuldbewusstsein auch hervorholt. Und dann taucht der Nahe ganz am Ende des Dramas nochmal auf. Da sitzt Christian auf dem Schoß von Wojtek. Und da taucht er nahe auf und schnappt sich Christian und rennt mit Christian, dem kleinen Sohn, fort. Wir wissen nicht genau, was passiert denn mit Christian, was macht denn der nahe oder ich glaube hier in dem Fall heißt er dann Idiot mit Christian. Rettet er dieses kleine Kind, damit dieses Kind eben nicht unter diesen schlechten Verhältnissen leiden muss. Eine Option, ich glaube nicht dran. Ich glaube, dass mit Christian auch irgendetwas passiert, was nicht direkt ausgesprochen wird. Denn es wird dann irgendwie der Nadel sagt dann so was wie, ist ins Wasser gefallen, der ist ins Wasser gefallen. Man könnte drüber nachdenken, ob er auch jetzt in diesem See liegt, dem Leutzeck das Messer untergehen lässt, damit man das Messer nicht findet, mit dem er Marie erstochen hat. Ja, das wäre eine Option. Aber wir sehen hier, der Nah ist schon ziemlich tiefgründig, auch wenn man das oft nicht denkt. Deswegen finde ich diesen Begriff Idiot hier völlig daneben. Ich bleibe bei dem Begriff Nah. Aber eben kein abenteuerlustiger, naiver Nah, sondern jemand, der auch zur Reflektion beitragen kann. Wie habe ich denn jetzt hier gehandelt? Warum habe ich so gehandelt? Und nicht umsonst hat ja der Nahe unserer Tarotkarte auch ein kleines Tierchen, ein Hund, an seiner Seite. Da steckt vielleicht auch das Animalische, der Instinkt, eben noch eine Rolle, spielt da noch eine Rolle. Denn Wojtek, wenn er Marie tötet, Er handelt nicht rational, er handelt aufgrund seines Instinkts, aufgrund seiner Natur. Und er kann im Prinzip nichts dafür, was er tut. Also das ist glaube ich auch das, was Büchner hier sagen will. Er hat gar keine andere Wahl, ⁓ da rauszukommen. Und da sind wir im Grunde schon bei der Aussage dieses ganzen Dramenfragments. Ja, es passt wirklich dazu, dass man gar nicht aus seinen gesellschaftlichen Verhältnissen wirklich ausbrechen kann. Man wird in gewisse Situationen hineingesteckt, hineingeboren und da wirklich rauszukommen ist fast unmöglich, aufgrund auch der Gesellschaft, in der Büchner da auch lebt. Petra Baum: Ich wollte sagen, das ist immer noch mal zu berücksichtigen. Heute haben wir zumindestens wir hier sehr viele Möglichkeiten und es ist manchmal schwer vorzustellen, dass jemand gar keine andere Wahl sieht. Dann kann man unterstützen. Aber zu der damaligen Zeit war wirklich die Frage, auf welcher Seite bist du geboren? Und es wird ja auch noch mal sehr schön mit den Namen in der Unterschicht und nur mit den Positionen in der Oberschicht dieses Macht. Verhältnis oder dieses Ungleichgewicht ausgedrückt. Wenn du unten geboren warst, dann bist du unten geblieben. Tino Wiesinger: Und es soll auch jetzt nicht wie so eine Art Ausrede klingen, weil wir wissen ja, dass oftmals, solche Taten auch in der heutigen Gesellschaft passieren, dann gucken wir oft auch auf den Täter und gucken, welchen Verhältnissen hat er eigentlich gelebt. Und es ist häufig dann der Fall, dass da fast schon so eine Art Entschuldigung passiert. Es musste ja so kommen letztendlich. Aber Da sind wir genau da. Wir haben ja auch wieder eine Karte gezogen. Die Karte, die ich hier gezogen habe, die passt da sehr gut. Ich habe nämlich die sieben Schwerter gezogen. Und das, was einem da sofort in den Sinn kommt, ist dieses Thema sich aus der Verantwortung stehlen. Petra Baum: Ja. Tino Wiesinger: zu denken, naja, eigentlich kann ich ja gar nichts tun. Es ist noch mal so eine Mahnung, dass natürlich trotz allem, was einem so der, ja, ja, widerfährt im Leben, dass wir trotzdem noch eine Verantwortung tragen, dass wir unsere Gedanken, wir sind bei den Schwertern, bei den sieben Schwertern, unsere Gedanken schon auch so steuern können, wir haben unsere Gedanken, wir sind nicht unsere Gedanken. Und das passt einerseits auf Wojtek, wenn er Stimmen hört, ich weiß nicht, ob er in der Lage gewesen wäre wirklich zu reflektieren, das passiert nur in deinem Inneren, das ist nicht Realität. Vielleicht, wenn man ihm wirklich zugehört hätte, wenn auch der Doktor und der Hauptmann ihn wirklich als Menschen gesehen hätten, wenn Andrés ihn verstehen würde und ihm sagen würde, ich habe Verständnis und ich sehe deine Probleme. Und dann hätte man ihm klar machen können, es sind deine Gedanken und es ist nicht die Realität, was du da hörst. Aber das ist nicht das, was Büchner mit Wolcek darstellen will. Er will ja gerade diese Radikalität, diese Negativität der Gesellschaft auch darstellen. Das ist genau deswegen. Natürlich stehlt sich der Doktor und der Hauptmann und in gewisser Weise auch Andrés aus der Verantwortung. Und auch Marie stehlt sich im Prinzip aus der Verantwortung. Klar hat sie Bedürfnisse, die sie erfüllt haben möchte, aber sie sieht doch auch, wie schlecht es Wolzeck geht. Petra Baum: Extrem, ja. Tino Wiesinger: Sie sieht, was er durchmacht. Und keiner kann mir sagen, dass Marie nicht merkt, dass Wojtek auch diese Erbsen-Diät macht. Ich glaube nicht, dass er das so heimlich hinkriegt. will auch mal merken, dass er da nicht mehr ordentlich isst und deswegen auch irgendwann mal wahnsinnig wird. Aber was macht Marie? Sie lässt sich trotzdem auf den Jahrmarkt ausführen. Petra Baum: Glaub ich auch nicht. Tino Wiesinger: Kriegt sie überhaupt nicht mit, dass man hinter dem Rücken auch über Wojtek oder so indirekt über Wojtek lästert. Das kriegt sie gar nicht mit. Sie lebt an ihrer eigenen Welt und hat da auch Selbstmitleid und sagt, ich bin doch nur eine arme Dönne und ich kann ja auch nichts dafür und mein armes Kind, ist ja auch, ich kann ja nichts ändern. Das ist schon ziemlich viel Selbstmitleid, was Marie da auch an den Tag legt. Und wenn sie da ein bisschen mehr mehr Rationalität an den Tag legen würde und ein bisschen mehr hingucken würde, glaube ich, wären mir nicht bei den sieben Schwertern. Petra Baum: Ich kann da gut drauf einsteigen, weil bei mir kamen auch Schwerter. Ich habe tatsächlich die drei Schwerter gezogen, die wir heute auch besprochen haben. Das war bei mir eigentlich noch mal der Impuls, dass vielleicht dieses, ja, der zentrale Angelpunkt noch mal war, warum dann alles komplett in die schiefe Bahn ist. Er war davor schon der Gefangene in seinem Job, ausgebeutet durch den Doktor. ⁓ unverstanden immer in den Zwängen alles richtig machen zu müssen. Aber es gab eben auch noch die Liebesbeziehung, der er auch gerecht werden wollte und es nicht konnte und nicht nur das. Nein, er ist dann ja sozusagen auch noch der Gehörnte gewesen und seine Lebensgefährtin hat sich sozusagen anders vergnügen. Das ist dann definitiv das letzte Schwert. was dann noch dazu kam und das Ganze ins Rollen gebracht hat oder hat eskalieren lassen, sagen wir es mal einfach so. Tino Wiesinger: nicht nur das eine Schwert, was Marie ihm dann ins Herz rammt, es sind eben auch die anderen Schwerte, die die Erbsen die Eht, das Mobbing durch den Hauptmann, Andrés, ihm nicht zuhört. Eigentlich, finde ich, müsste man da noch ein paar mehr Schwerter ins Herz rammen. Das ist noch fast zu harmlos, wenn es nur drei Schwerter sind, die da in seinem Herz stecken. Petra Baum: Ja. Vielen Dank. Tino Wiesinger: Das ist Kreuzweg und ich glaube, wir können auch. ⁓ Petra Baum: Das ist Freizeit, ja. Und wir sind schon wieder am Ende angekommen. hoffen, konnten euch, ja inspirieren ist mit dem Kontext so ein bisschen ein fast so leichtes Wort, aber tatsächlich hoffen wir, wir konnten euch die Geschichte im Kontext mit Taro nahebringen, neue Perspektiven aufzeigen. Wir sind neugierig. Vielleicht habt ihr noch ganz andere Karten, vielleicht habt ihr andere Sichtweisen. Wir wollen immer nur unsere Sichtweise darstellen. Wir freuen uns über Bestätigung, wir freuen uns über Anregungen. Schreibt uns in den Kommentaren, bucht unseren Kanal und wir freuen uns schon heute aufs nächste Mal mit euch. Tino Wiesinger: Bis dann, ich freue mich schon auf das nächste Mal. Petra Baum: Tschüss!