Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Ecce Homo - 3: Die Geburt der Tragödie 1
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- 0:00Exe, Homo wie man wird, was man ist.
- 0:03Kapitel 3 warum ich so gute Bücher schreibe unter Kapitel
- 0:08die Geburt der Tragödie, Abschnitt 1 Nietzsche beginnt
- 0:15diesen Textabschnitt damit, dass er auf sein allererstes Buch
- 0:19zurückblickt. Dieses Buch heißt die Geburt der
- 0:22Tragödie aus dem Geiste der Musik und erschien im Jahr 1872.
- 0:27Er sagt, um dieses frühe Buch heute gerecht beurteilen zu
- 0:30können, muss man bestimmte Dinge vergessen.
- 0:33Das Buch war damals nämlich sehr erfolgreich, aber aus den
- 0:36falschen Gründen, die Leser waren vor allem fasziniert von
- 0:40dem Teil, in dem Nietzsche seine philosophischen Ideen auf die
- 0:43Kunst des Komponisten Richard Wagner anwendet, er nennt diesen
- 0:47übertriebenen Hype um Wagner spöttisch wagnerei Nietzsche tat
- 0:51in dem Buch so, als wäre Wagners Kunst ein sogenanntes
- 0:55Aufgangssymptom. Also ein klares Zeichen für
- 0:58einen kulturellen Aufstieg und einen großartigen neuen Anfang
- 1:01der deutschen Kultur. Später sah Nietzsche das völlig
- 1:05anders und betrachtete Wagners Kunst als krankhaft und
- 1:08Rückschrittlich. Für Richard Wagner selbst war
- 1:11dieses Buch von Nietzsche jedoch ein riesiges Ereignis, es sorgte
- 1:14dafür, dass die Menschen plötzlich große Hoffnungen in
- 1:17Wagners Musik setzten. Nietzsche erzählt, dass er noch
- 1:20heute manchmal Vorwürfe bekommt, zum Beispiel, wenn Leute Wagners
- 1:24Oper Parsifal hören. Sie sagen ihm dann, er habe es
- 1:28auf dem Gewissen, dass Wagners Kulturbewegung überhaupt so
- 1:31berühmt und von den Menschen so hoch bewertet wurde.
- 1:34Nietzsche ärgert sich zudem darüber, dass die Menschen den
- 1:37Titel seines Buches oft falsch verstanden und zitiert haben,
- 1:40sie achteten nur auf die Bedeutung für Wagners Kunst und
- 1:43Überhörten dabei völlig, was das Buch eigentlich an echten Werten
- 1:46und tiefen Erkenntnissen enthielt.
- 1:49Deshalb erklärt Nietzsche, dass ein viel besserer und klarerer
- 1:52Titel für das Buch Griechentum und Pessimismus gewesen wäre.
- 1:57Das Wort Pessimismus beschreibt eine negative philosophische
- 2:00Weltanschauung, bei der man glaubt, dass das Leben
- 2:02hauptsächlich aus Leiden besteht und eigentlich keinen Sinn hat.
- 2:07Diese traurige Ansicht vertrat besonders der deutsche Philosoph
- 2:10Arthur Schopenhauer. Nietzsches Buch war in Wahrheit
- 2:13die erste große Aufklärung darüber, wie die alten Griechen
- 2:16mit diesem Pessimismus umgingen. Und wie sie ihn am Ende
- 2:19erfolgreich überwanden. Nietzsche stellt klar, dass die
- 2:23Tatsache, dass die Griechen die Kunstform der Tragödie erfunden
- 2:26haben, also das ernsthafte, oft leidvolle Theaterstück, gerade
- 2:30der stärkste Beweis dafür ist, dass sie keine Pessimisten
- 2:33waren. Sie schufen sich diese Kunst, um
- 2:35das Leiden zu bejahen und zu ertragen, weil sie innerlich
- 2:38stark waren hier betont Nietzsche ausdrücklich, dass der
- 2:42Philosoph Schopenhauer sich in diesem Punkt völlig geirrt hat.
- 2:45Genau wie er sich laut Nietzsche in fast allen anderen Dingen
- 2:48geirrt hat, wenn man das Buch heute ganz neutral betrachtet,
- 2:52so meint Nietzsche, wirkt es völlig aus der Zeit gefallen.
- 2:56Er schrieb es während des deutsch französischen Krieges in
- 2:59den Jahren 1870 und 1871, man würde beim Lesen niemals
- 3:04vermuten, dass es unter dem Lärm von Kanonen bei Schlachten wie
- 3:07der Schlacht bei Wörth oder in den nasskalten Septembernächten,
- 3:10bei der Belagerung von Metz entstanden ist Nietzsche
- 3:13arbeitete dort nämlich als freiwilliger Krankenpfleger und
- 3:16dachte, diese philosophischen Probleme während seines Dienstes
- 3:19durch. Stattdessen könnte man beim
- 3:21Lesen glauben, das Buch sei 50 Jahre früher geschrieben worden,
- 3:25es interessiert sich überhaupt nicht für die damalige Politik
- 3:27und ist in diesem Sinne undeutsch, wie Nietzsche
- 3:30anmerkt, er kritisiert seinen eigenen frühen Schreibstil und
- 3:34sagt, das Buch Rieche unangenehm nach den Ideen des Philosophen
- 3:37Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Hegel war bekannt dafür, die
- 3:41Geschichte als Entwicklung von Ideen in Gegensätzen zu
- 3:43beschreiben. Außerdem sagt Nietzsche, dass
- 3:46das Buch noch mit dem Leichenbitter Parfüm von
- 3:48Schopenhauer behaftet ist. Ein Leichenbitter war früher ein
- 3:52Mann, der Schwarz gekleidet die Verwandten zu einer Beerdigung
- 3:55einlud. Nietzsche meint damit bildhaft,
- 3:58dass sein frühes Buch noch zu sehr nach Schopenhauers
- 4:00Todessehnsüchtiger und lebensverneinender Philosophie
- 4:03riecht, der Kern des Buches ist jedoch eine bestimmte
- 4:06philosophische Idee. Nämlich der tiefe Gegensatz
- 4:10zwischen 2 Prinzipien, dem Apollinischen und dem
- 4:13Dionysischen. Das Apollinische ist nach dem
- 4:17griechischen Gott Apollon benannt, es steht für Ordnung,
- 4:20Vernunft, Klarheit, Form und den schönen ruhigen Schein.
- 4:26Das Dionysische ist nach dem griechischen Gott Dionysos
- 4:29benannt, es steht für das genaue Gegenteil, für den Rausch, das
- 4:33Chaos, die wilden Gefühle, das Aufbrechen von Grenzen.
- 4:37Und die Urweltliche ekstatische Einheit aller Dinge.
- 4:40Nietzsche hat diese beiden Begriffe in seinem Buch fast wie
- 4:43unsichtbare, metaphysische Kräfte beschrieben.
- 4:46Er erklärte, dass in der griechischen Tragödie auf der
- 4:48Bühne genau diese beiden Gegensätze aufeinander treffen
- 4:51und sich zu einer vollkommenen Einheit verbinden durch diese
- 4:55besondere Sichtweise konnte Nietzsche plötzlich Dinge
- 4:57miteinander vergleichen und erklären, die vorher noch nie
- 5:00jemand zusammengebracht hatte, wie zum Beispiel die
- 5:03musikalische Kunstform der Oper. Und die gesellschaftlichen
- 5:06Umwälzungen der französischen Revolution.
- 5:09Nietzsche hebt hervor, dass sein Buch 2 ganz entscheidende
- 5:12Neuerungen in die Philosophie gebracht hat.
- 5:15Die erste Neuerung ist das tiefere Verständnis des
- 5:17dionysischen Phänomens bei den alten Griechen, sein Buch
- 5:21liefert die allererste Psychologie hinter diesem
- 5:23rauschhaften Zustand und sieht in diesem wilden Trieb die
- 5:27einzige wahre Wurzel der gesamten griechischen Kunst.
- 5:30Die zweite große Neuerung ist seine völlig neue Beurteilung
- 5:33des berühmten griechischen Philosophen Sokrates.
- 5:37Normalerweise wird Sokrates als der Gründer der westlichen
- 5:40Philosophie sehr bewundert, aber Nietzsche erkennt in ihm zum
- 5:43ersten Mal ein Werkzeug, das die große griechische Kultur
- 5:46zersetzt und zerstört hat, Nietzsche nennt Sokrates einen
- 5:50typischen Décadent. Eine dekadente Person oder
- 5:53Kultur ist für Nietzsche eine, die sich im Verfall befindet,
- 5:56die krankhaft ist und bei der die gesunden, natürlichen und
- 6:00starken Instinkte verkümmern. Sokrates steht für den absoluten
- 6:03Sieg der bloßen Vernunft über den natürlichen Instinkt.
- 6:07Sokrates forderte Vernunft um jeden Preis, Nietzsche hingegen
- 6:12hält eine solche absolute Herrschaft der reinen Vernunft
- 6:14für eine gefährliche Gewalt, die das wahre, kraftvolle Leben
- 6:17untergräbt und schwächt Weiterhin geht Nietzsche auf
- 6:21seine Haltung zum Christentum in diesem Buch ein, er stellt fest,
- 6:25dass im gesamten Text ein tiefes, feindseliges Schweigen
- 6:28über das Christentum herrscht. Das Christentum passt für
- 6:31Nietzsche weder in das geordnete Apollinische noch in das wilde
- 6:35dionysische Weltbild, mehr noch, das Christentum lehnt alle
- 6:39ästhetischen Werte, also die Werte der Kunst und der
- 6:42Schönheit ab, und genau diese ästhetischen Werte sind die
- 6:46einzigen Werte, die Nietzsches Buch überhaupt als gültig
- 6:48anerkennt. Deshalb bezeichnet er das
- 6:51Christentum als im tiefsten Sinne nihilistisch.
- 6:54Nihilismus bedeutet normalerweise, dass man an
- 6:57nichts glaubt oder alle Werte ablehnt.
- 6:59Nietzsche meint hier ganz konkret, dass das Christentum
- 7:02das echte irdische und körperliche Leben abwertet und
- 7:05verneint, um sich auf ein erfundenes Leben nach dem Tod zu
- 7:08konzentrieren, das dionysische Symbol hingegen ist für
- 7:12Nietzsche das genaue Gegenteil von Nihilismus, es ist die
- 7:15äußerste Grenze der Bejahung des Lebens.
- 7:18Bejahung bedeutet für ihn, das Leben mit all seiner Energie,
- 7:22seiner Freude und vor allem auch mit all seinem Schmerz voll und
- 7:25ganz zu akzeptieren und zu lieben.
- 7:28Der einzige kleine, gut versteckte Hinweis auf
- 7:30christliche Priester in seinem ganzen Buch ist laut Nietzsche
- 7:33eine spöttische Anspielung, in der er sie als eine
- 7:36hinterlistige Art von Zwergen oder als bösartige Wesen aus der
- 7:39Unterwelt bezeichnet.