Latest / Schwarze Akte - True Crime / #309 Gib Acht, auf wen du dich einlässt - Der frühe Tod der Rosemarie N.
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- Diese Episode enthält explizite Details über einen wahren Kriminalfall. Weitere Infos in der Folgenbeschreibung. Es dämmert bereits draußen vor dem Fenster, als sie das Licht in ihrem Wohnzimmer anknipst. Rosemarie stellt die Tasche mit ihren Einkäufen auf die Couch und legt ihren Hut daneben. Vorsichtig nimmt sie ein kleines Päckchen heraus. Das Papier knistert, als sie es langsam auspackt. Zum Vorschein kommt ein kleines, in Leder gebundenes Notizbuch. Das hat die junge Frau gerade in dem edlen Schreibwarenartikelladen Tinkel in der Frankfurter Kirchnerstraße gekauft. Behutsam streicht sie mit der Hand über das Cover. Das Leder fühlt sich schön weich unter ihren Händen an. Rosemarie schlägt die erste Seite auf und streicht sich eine ihrer blonden, schulterlangen Haarsträhnen hinter das Ohr. In einer leicht krakeligen Handschrift trägt sie mehrmals die Buchstaben A und B ein. Dahinter malt sie horizontale Striche. Dann klappt sie das Notizbuch zu und legt es beiseite. Die zierliche Frau steht auf, geht durch ein geschmackvoll eingerichtetes Wohnzimmer und zieht die Schublade einer Kommode auf. Darin liegen weitere Notizbücher. Rosemarie zieht eines heraus, blättert durch die eng beschriebenen Seiten, bis sie zu einer leeren Seite kommt. Abwesend blickt sie in die Luft und streicht Gedanken verloren über den Rock ihres pastellfarbenen Kostüms. Es wirkt, als würde sie intensiv nachdenken. Dann nimmt Rosemarie sich ihren schwarzen Stift und beginnt zu notieren. Über das, was ihr der eine Großindustrielle neulich über die Gespräche in der Aufsichtsratssitzung erzählt hat. Oder über das, was ein Politiker bei ihrem letzten Treffen beiläufig über seine Gegner und ihre Schwächen gesagt hat. Über den einen großen Deal, den ein Industriemagnat eingefädelt und der sich am Rande der Legalität bewegt. Dabei murmelt sie leise vor sich hin. Als sie fertig ist, klappt sie das Buch zu und lächelt zufrieden. Sie ist überzeugt, diese Notizen werden sie Stück für Stück ihrem Traum näher bringen, ein fester Bestandteil der feinen Frankfurter Gesellschaft zu werden. Denn das, was hier im schummrigen Licht der Wohnzimmerlampe notiert wird, ist pures Dynamit. Und Grundlage für nicht nur einen Skandal. Dieses kleine Buch, das Rosemarie gleich wieder sorgfältig in ihre Schublade legen wird, besitzt die Macht, einige der bedeutendsten Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft der aufstrebenden jungen Bundesrepublik bloßzustellen. Doch schon bald wird dieses Buch verschwunden sein und seine Autorin tot. Und damit ganz herzlich willkommen zu einer neuen Folge der schwarzen Akte mit mir gegenüber Patrick Strohbusch. Und mir gegenüber Anne Lugmann. Hello! Und der Fall, um den es heute geht, führt uns nach langer Zeit mal wieder nach Deutschland. Es ist einer der spektakulärsten Mordfälle der Adenauer-Ära. Dafür reisen wir zurück ins Deutschland der Nachkriegszeit. Genauer gesagt ins Jahr 1957. Werbung. Werbung Ende 1957 ist ein Schlüsseljahr des Kalten Krieges. Die USA und die Sowjetunion stehen sich unversöhnlich gegenüber. Die Angst vor einem Atomkrieg ist groß. Im Oktober schickt die Sowjetunion den ersten künstlichen Erdsatelliten Sputnik 1 ins All und eröffnet damit das sogenannte Space Race, das Rennen auf die Vormachtstellung im Weltall. In Deutschland wird Konrad Adenauer erneut zum Bundeskanzler gewählt. Das Wirtschaftswunder läuft auf Hochtouren. Konsum wird zu einem neuen Lebensgefühl. Die Deutschen träumen von Autos, von einem eigenen Fernseher und Reisen. In Sachen Stil gilt Ende der 50er vor allem ein Credo. Es muss geschniegelt sein. Man will Sauberkeit, Ordnung und Respektabilität vermitteln. Auch mit der Mode. Die Frauen tragen teilenbetonte Kleider und Petticoats, schmücken sich mit Handschuhen und Hüten. Männer sieht man meist in schmal geschnittenen Anzügen. Ein Hut gehört bei jedem, der etwas auf sich hält, unbedingt zum guten Ton dazu. Am Wochenende trifft sich die Jugend in Tanzlokalen und feiert zu deutschen Schlagern von Freddie Quinn und Katharina Valente. International entwickelt sich Rock'n'Roll zu einem Jugendphänomen, vor allem dank des charismatischen Elvis Presley, der ab 1956 auch in Deutschland ein Star ist. In der prüden deutschen Nachkriegsgesellschaft geht das Ideal der bürgerlichen Wohlanständigkeit. Das heißt, die Rollen sind klar verteilt. Der Mann gilt als verantwortlicher Ernährer und Chef der Familie, die Frau hat die Rolle der fürsorglichen Hausfrau und Mutter inne. Sex gegen Bezahlung, also Prostitution und gleichgeschlechtliche Liebe, werden zu dieser Zeit strafrechtlich verfolgt und sind tabu. Das sind Themen, die im heutigen Fall übrigens eine entscheidende Rolle spielen werden. Einer, die ganz anders ist, als das Rollenbild dieser Zeit propagiert, ist die 24-jährige Rosemarie. Man sieht sie regelmäßig vor dem Luxushotel Frankfurter Hof mit Männern sämtlicher Altersklassen flirten. Junge Teenager verstecken sich hinter Lütfersäulen, um einen Blick auf sie zu erhaschen. Denn Rosemarie versteht es durchaus, auf sich aufmerksam zu machen. Unter ihrem Topfhut schauen blonde, schulterlange Haare hervor. Sie ist elegant gekleidet, in einem schicken Kostüm. Um ihren Hals liegt eine teuer aussehende Nerzdola. Das ist quasi ein Schulterumhang aus echtem Pelz. Pelz ist zu der damaligen Zeit ein Zeichen für Wohlstand und gesellschaftlichem Status. Das hat sich heute glücklicherweise geändert. An einem ihrer Finger glitzert ein zweikaretiger Brillantring in der Sonne. Lächelnd sitzt sie auf dem Fahrersitz aus rotem Leder eines schwarzen Mercedes Cabrios. Sie winkt ein paar Männern zu, bevor sie dann davonfährt. Doch Rosemarie ist nicht etwa die Tochter aus vornehmen Hause. Nein, Rosemarie ist die bekannteste Sexarbeiterin Frankfurts. Rosalie Marie Auguste wird am 1. Februar 1933 in Ratingen bei Düsseldorf geboren. Später wird sie aber nur noch Rosemarie genannt. Ihre Mutter Maria arbeitet als Reinigungskraft und ist zu dieser Zeit gerade mal 18 Jahre alt. Ihren Vater, ein Bauarbeiter, lernt Rosemarie nie kennen. Sie ist das Ergebnis eines One-Night-Stands. Als Rosemarie gerade mal drei Jahre alt ist, erklärt das Düsseldorfer Jugendamt ihre Mutter für, Zitat, schwachsinnig. So werden im Dritten Reich nicht nur Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen genannt, sondern auch Personen, die nicht der Norm entsprechen. Also zum Beispiel sozial auffällig sind. Der Mutter wird das Genre gerecht für Rosemarie und ihre jüngere Halbschwester Irmgard entzogen. Die beiden werden wegen, so heißt es, drohender Verwahrlosung in ein Kinderheim in Eschweiler gesteckt. So beschreibt es das Online-Portal zur deutschen Geschichte. Nach einer weiteren Station in einem Erziehungsheim kommt Rosemarie im Frühjahr 1939, im Alter von sechs Jahren, zu einer Pflegefamilie in die Kleinstadt Niedermändig. Das liegt bei Main in der Eifel. Ihre Pflegeeltern kümmern sich gut um sie. Rosemarie lernt hier zum ersten Mal Geborgenheit kennen und findet Freunde. Sie gilt als fröhliches, aufgewecktes und lebhaftes Mädchen. Bis zu jenem Tag im Jahr 1944. Als Rosemarie gerade mal elf Jahre alt ist, wird sie von einem 18-jährigen Nachbarsjungen aus dem Ort vergewaltigt. Das berichten mehrere Quellen, wie die Süddeutsche Zeitung, der Spiegel und die Westdeutsche Allgemeine Zeitung übereinstimmt. Jeder in dem kleinen Eifeldorf weiß ganz genau, wer der Täter ist. Doch das Verbrechen wird nie angezeigt und der Täter nie zur Rechenschaft gezogen. Der Vorfall wird totgeschwiegen. Damals kein Einzelfall. Kurz darauf geht der Junge zur Wehrmacht. Rosemarie bleibt der Schule nur zwei Wochen fern und danach wird das Thema einfach abgehakt. Für alle, außer für das traumatisierte Mädchen selbst. Zwei Jahre nach der Vergewaltigung und ein Jahr nach Kriegsende lernt die 13-jährige Rosemarie durch zwei ältere Freundinnen das Rotlichtmilieu kennen. Sie beginnt sich selbst zu prostituieren. Ihre Freier sind amerikanische und französische Soldaten. Nur ein Jahr später wird Rosemarie mit 14 Jahren von einem Freier schwanger. Sie lässt daraufhin eine Abtreibung vornehmen und stirbt fast dabei. Denn damals ist die Abtreibung nicht nur illegal, sondern auch gefährlich, da sie meist unter nichtsterilen Bedingungen durchgeführt wird. In einem so kleinen Ort wie Niedermändig stellt Rosemaries Verhalten einen beispiellosen Skandal dar. Sie gilt als, in Anführungsstrichen, sittlich gefährdet. Die Pflegeeltern sind überfordert und der Pfarrer der Gemeinde wendet sich an das Jugendamt. Am 22. August 1947 ordnet das Amtsgericht Main Rosemaries Unterbringung in einem Fürsorgeheim an. Aber sie haut ab. Zuerst nach Koblenz, dann nach Frankfurt am Main. Sie schlägt sich als Kellnerin, Model und Gelegenheitssexarbeiterin durch, bis sie von der Polizei aufgegriffen wird. Das geht die nächsten Jahre so weiter. Mehrfach wird das junge Mädchen von der Polizei in Gewahrsam genommen. Die folgenden Jahre verbringt sie in Heimen und in Besserungsanstalten. Immer wieder gelingt es ihr aber zu flüchten und für einige Wochen unterzutauchen. Meistens in Frankfurt am Mai. Im Mai 1951 gerät die mittlerweile 18-jährige Rosemarie erneut in einen Konflikt mit der Polizei. Sie wird im August wegen Landstreicherei zu drei Wochen Haft in einer Jugendstrafanstalt verurteilt. Landstreicherei bezeichnet damals das Umherstreifen ohne festen Wohnsitz und ohne geregelte Arbeit. Ihre Polizeifotos könnt ihr euch mal in den Shownotes anschauen, wenn ihr wollt. Ein Jahr später, im April 1952, greift sie die Polizei erneut im Frankfurter Bahnhofsviertel auf. Mittlerweile ist kein Heim mehr bereit, die als schwer erziehbar geltende Jugendliche aufzunehmen. Dazu muss man wissen, dass man 1952 in Deutschland erst mit 21 Jahren als volljährig gilt. Rosemarie wird in der berüchtigten Arbeitsanstalt Brauweiler inhaftiert, einem ehemaligen Gefängnis der Gestapo. Dort klebt sie unter anderem Tüten und arbeitet in der Weberei. Nach ihrer Entlassung ein Jahr später flüchtet sie wieder aus dem Heim, in dem sie untergebracht wird. Selbst die Behörden haben nun genug von den Eskapaden der 20-Jährigen und greifen zu einem Trick. Am 14. August 1953 erklärt das Amtsgericht Main Rosemarie vorzeitig für volljährig und hebt damit die Anordnung über ihre Fürsorgeerziehung auf. Rosemarie zieht es sofort wieder in ihr geliebtes Frankfurt, wo sie sich fürs Erste ein bescheidenes Zimmer mit Bad mietet und beginnt, sich ihren Platz im Rotlichtmilieu zu erarbeiten. Schätzungen zufolge arbeiten Mitte der 1950er Jahre rund 1200 Sexarbeiterinnen in Frankfurt. Und Rosemarie ist jetzt eine davon. Prostitution findet in dieser Zeit vor allem im Verborgenen statt. Denn Ehebruch steht in den 1950er Jahren in der noch jungen Bundesrepublik offiziell unter Strafe und kann mit bis zu sechs Monaten Gefängnis bestraft werden. Als Sexarbeiterin verdient Rosemarie plötzlich viel Geld. Endlich kann sie sich Sachen leisten, von denen sie früher nur träumen konnte. Zum ersten Mal in ihrem Leben scheint es für sie bergauf zu gehen. Im Sommer 1954 lernt sie den 60-jährigen türkischen Unternehmer Moses kennen. Und sie erobert sein Herz. Er schenkt Rosemarie Geld für einen neuen Opel-Kapitän. Der Kaufpreis liegt damals bei 9.500 Mark. Das wären heute inflationsbereinigt knapp 30.500 Euro. Ziemlich großzügig also. Von diesem Auto stammt übrigens später einer ihrer Spitznamen, nämlich Lady Capitän. Der verheiratete Unternehmer schätzt die Gesellschaft von Rosemarie, nicht nur im Bett. Die beiden fahren sogar gemeinsam in den Urlaub. Doch dann passiert etwas, worauf keiner der beiden vorbereitet ist. Rosemarie und Moses sind im März 1955 zusammen in der italienischen Küstenstadt Sanremo, als Moses plötzlich einen Herzschlag erleidet und stirbt. Rosemarie ist traurig und tief enttäuscht. Der Tod ihres Gönners markiert einen Wendepunkt in ihrem Leben. Sie möchte den Lebensstil, den sie durch ihn kennengelernt hat, nicht mehr missen und beschließt fortan, als Luxus-Sexarbeiterin zu arbeiten. Den Grundstein dafür legt das großzügige Geschenk von Moses, der Opel-Kapitän. Mit ihm hat Rosemarie die Möglichkeit, von einer gewöhnlichen Sexarbeiterin zur bekanntesten von Frankfurt zu avancieren. Der Aufstieg gelingt ihr vor allem, weil sie als eine von wenigen jungen Frauen ein Auto besitzt. Damit muss Rosemarie nicht auf der Straße stehen wie viele andere Mädchen. Sie kann unabhängig auf Kundenfang gehen und sich ihre Freier selbst aussuchen. So erhält sie Zugang zu gesellschaftlich gehobenen Kreisen, zu denen Rechtsanwälte, Ärzte, Politiker und Unternehmer zählen. Doch eine wichtige Ressource fehlt Rosemarie, nämlich Bildung. Und jetzt bewegt sie sich in äußerst betuchten Kreisen. Das ist auch der mittlerweile 21-Jährigen bewusst. Rosemarie verbirgt ihre einfache Herkunft so gut sie kann. Sie belegt Benimmkurse, lernt Fremdsprachen wie Englisch und Französisch, trägt elegante Kleider, Pelze und einen Brillantring. Sie nennt sich ab jetzt auch Rebecca. Nichts an ihr wirkt billig oder ordinär. Höhepunkt dieser Inszenierung ist ihr legendärer Mercedes 190 SL, den sie sich im Mai 1956 kauft. Ein schwarzes Luxus-Cabriolet mit roten Ledersitzen und Weißwandreifen. Der kostet stolze 18.000 D-Mark. Für Normalbürger damals unerschwinglich. Inflationsbereinigt wären das heute etwa 55.500 Euro. Für den Betrag hätte sie sich zum Beispiel vier neue VW Käfer kaufen können. Der auffällige Mercedes wird ihr Markenzeichen. Mit ihm fährt Rosemarie zwischen der Frankfurter Hauptwache und dem Kaiserplatz herum und lädt reiche Freier ein, sie nach Hause oder ins Hotel zu begleiten. Dabei hat sie ihre ganz eigene Taktik. Sie fährt beispielsweise bei Nobelhotels wie dem Frankfurter Hof vor. Hier residiert die High Society. Sie spricht die Männer direkt an, stellt sich als Rebecca vor und verwickelt sie in einen kurzen Smalltalk. Und dann verschwindet sie plötzlich. Jetzt muss man wissen, dass Rosemarie sehr gute Kontakte zu den Angestellten der Nobelhotels pflegt. Denn die Männer erkundigen sich anschließend meist beim Portier über die elegante Dame in ihrem schicken Cabrio. Gegen ein kleines Trinkgeld erhalten sie dann ihre Telefonnummer. 26830. Im Telefonbuch steht sie übrigens als Mannequin, die damalige Bezeichnung für Models. So ist Rosemarie schon bald stadtbekannt in der Main-Metropole. Ganz ungeniert geht sie ihren Geschäften mitten in der Innenstadt nach und verdient damit ein Vermögen. 1954 sind es rund 14.700 Mark. Das ist siebenmal so viel wie das durchschnittliche bundesdeutsche Jahreseinkommen. Auch wenn ganz Frankfurt Bescheid weiß, womit Rosemarie ihr Geld verdient, nimmt niemand öffentlich Anstoß an ihre Art der freier Suche. Sie gilt ohnehin als unbezahlbar für den normalen Mann. Im März 1956 bezieht Rosemarie eine teure Neubauwohnung mit Parkett- und Fußbodenheizung in der Frankfurter Innenstadt. 75 Quadratmeter, zwei Zimmer, Küche, Bad. Dafür zahlt sie 150 Mark Miete und 4.960 Mark Baukostenzuschuss. Für uns mag das heute nach einem Schnäppchen klingen, für damalige Verhältnisse war das ganz schön viel Geld. Denn durchschnittlich verdient ein Arbeitnehmer im gleichen Jahr im Monat gerade mal 200 Mark brutto. Ende 1956 folgt die Krönung ihrer Selbstinszenierung. Rosemarie lässt sich einen weißen Pudel schenken, der sie von da an auf die Jagd nach Freiern begleitet. Wir haben euch ein Bild von Rosemarie vor ihrem Auto mit ihrem Pudel Joe in den Shownotes verlinkt. Im Oktober 1957 bestellt sie sich schon wieder ein neues Auto. Ein schwarzes Mercedes Coupé 300S mit dunkelgrünem Ledersitzen. Der Wagen kostet 34.500 Mark. Für diesen Betrag kann man 1957 ein Einfamilienhaus bauen. Heute würde das in etwa 100.000 Euro entsprechen. Doch dieses Auto wird Rosemarie niemals fahren. Dass der Lebensstil, den sie so sehr herbeigesehnt hat, ihr Schicksal besiegeln wird, ahnt sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Die letzten Tage im Oktober 1957 sind mild. Rosemarie regt ihr Gesicht in die letzten wärmenden Strahlen der Herbstsonne. Sie sitzt am offenen Fenster ihrer Wohnung. Gegenüber ihres Hauses befindet sich das Redaktionsgebäude der Frankfurter Rundschau. Von dort knipst ein Pressefotograf am 27. Oktober 1957 ein Bild von Rosemarie, wie sie sich am offenen Fenster sonnt. So natürlich sieht man sie selten. Die Reporter kennen selbstverständlich Rosemarie und ihr Geschäft und beobachten ganz genau, wer alles zu ihrem Kundenkreis zählt. Wir haben euch das Foto von Rosemarie am Fenster auch mal in die Shownotes gepackt. Es soll das letzte Foto von ihr werden, denn nur wenige Tage später wird sie tot sein. Der letzte Tag, an dem Rosemarie lebend gesehen wird, ist Dienstag, der 29. Oktober 1957. Gegen 13 Uhr bekommt die 24-Jährige Besuch von ihrem Freund Heinz. Die beiden lernen sich 1955 zufällig an einer Tankstelle kennen. Von da an werden der Handelsvertreter und die Sexarbeiterin öfter zusammengesehen. Er führt ihren Hund aus, kocht für sie, hilft ihr bei Erledigung und wartet in der Küche, wenn sie Angst vor einem Freier hat. Am besagten Dienstag ist Rosemarie gerade beim Aufräumen, als Heinz kommt. Er ist erkältet und schwitzt stark. Rosemarie bringt ihm insgesamt fünf Gläser Schnaps, die er im Wohnzimmer trinkt. Um 14 Uhr kommt Rosemaries Aufwartefrau Erna, so nennt man damals eine Reinigungskraft. Die 47-jährige Erna hilft Rosemarie seit einigen Monaten im Haushalt. Aber am heutigen Tag kommt es zu einem Streit zwischen den Frauen. Heinz kann den kurzen, aber heftigen Wortwechsel zwischen ihnen nur bruchstückhaft verstehen. Es geht um eine teure Vase, das Geschenk eines Freiers, die Erna vor kurzem kaputt gemacht hat. Rosemarie wirft sie nach diesem Streit aus der Wohnung. Um 14.45 Uhr erscheint dann Rosemaries letzter Kunde Siegfried. Wie eine ZDF-Doku beschreibt, versullt die 24-Jährige ihn im Schlafzimmer wunschgemäß mit einem Rohrstock. Währenddessen verlässt Heinz die Wohnung. Eine Dreiviertelstunde später sitzt Rosemarie gemeinsam mit ihrem Freier in der Küche und unterhält sich. Siegfried raucht eine Zigarette. Sie ist derweil ein Teller Reisbrei, den ihr Heinz vorher noch gekocht hat. Der Polizei gegenüber, erwähnt Siegfried bei der Vernehmung später, Rosemarie hätte auf ihn einen fahrigen Eindruck gemacht. Sie hätte ihm gegenüber erwähnt, dass sie ihren Wagen von der Reparatur abholen wolle und nebenbei fallen lassen, dass sie Angst habe. Gegen halb vier verlässt der Kunde die Wohnung. Gegen 16 Uhr läuft Rosemarie mit Pudeljo zur nahegelegenen Metzgerei. Dort kauft sie einen Pfund frische Kalbsleber für ihn. Eine gute Stunde später hat sie den Termin bei der Autowerkstatt, um ihren Wagen abzuholen. Doch dort wird sie niemals eintreffen. Drei Tage später, Freitag, der 1. November 1957. Es ist alle Heiligen. Rosemaries Reinigungskraft Erna steigt gedankenverloren die Treppen des Mehrfamilienhauses in den vierten Stock hoch. Vor der Haustür von Apartment 41 bleibt sie verdutzt stehen. Vor der Tür stapeln sich mittlerweile drei Brötchentüten. Rosemarie scheint seit längerem nicht zu Hause gewesen zu sein. Das ist seltsam, denn schließlich hat sie oft Besuch, wie Erna ja weiß. Und sie frühstückt regelmäßig gegen 11 Uhr. Jetzt ist es schon später Nachmittag. Erna ist sich unsicher, ob sie einfach klingeln soll. Der letzte Streit mit ihrer Arbeitgeberin ist noch ziemlich präsent. Sie will Rosemarie auf keinen Fall stören und erneut ihren Unmut auf sich ziehen. Hinter der Tür hört sie das verzweifelte Jaulen eines Hundes. Und erst jetzt fällt ihr dieser seltsame Geruch auf, der im Treppenhaus hängt. Leicht süßlich, fast schon etwas modrig. Ein ungutes Gefühl breitet sich in Erna aus. Erna hat allerdings keinen eigenen Schlüssel. Also klingelt sie mehrmals. Doch sie hört keine Schritte, die näher kommen. Nur das leicht dumpfe Jaulen des Pudels, das nicht verstummt. Erna informiert also die Nachbarn und diese verständigen die Polizei. Gegen 16.30 Uhr trifft eine Funkstreife ein. So bezeichnet man damals einen Streifenwagen. Die beiden Polizisten klopfen an Rosemarys Wohnungstür. Doch wie schon zuvor bei Erna, öffnet niemand. Auch den beiden Beamten ist die ganze Situation nicht ganz geheuer. Sie rufen also einen Schlüsseldienst. Da die Tür nicht abgesperrt ist, lässt die sich auch leicht öffnen. Vielen Dank. Als die Tür endlich aufschwingt, weichen die Polizisten unvermittelt zurück. In der Wohnung ist es trotz der milden Herbsttemperaturen ziemlich heiß, gute 30 Grad. Die Fußbodenheizung scheint auf vollen Touren zu laufen. Und noch dazu ist da dieser unerträgliche Geruch in der Luft. Extrem intensiv, beißend, süßlich, faulig wie überreifes Obst und leicht Ammoniak-Schwefelhaltig. Die Polizisten ringen nach Luft. Ein Würgereiz überkommt sie, als ihnen bewusst wird, was sie da riechen. Es ist Verwesung. In der Küche finden sie einen Topf mit einem Rest Reisbrei. Im Schlafzimmer eingesperrt Rosemaries Pudel Joe. Mit einer bösen Vorahnung gehen sie den langen, dunklen Flur entlang, bis zum Wohnzimmer. Nur ein Blick hinein reicht und ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigen sich. Rosemarie liegt auf dem Rücken, auf ihrem Perser-Teppich vor der Couch. Ihr linkes Bein befindet sich unter dem Sofa, das rechte auf dem Sitzpolster der Couch. Der Rock des anthrazitfarbenen Kostüms ist hochgerutscht. Darunter kommt ein hautfarbener Nylonstrumpf zum Vorschein, der an Strapsen befestigt ist. Ihr Blick geht ins Leere. Das Gesicht ist aufgedunsen. Die Verwesung hat bereits eingesetzt. Rosemarie hat sichtbare Würgemale am Hals und am Hinterkopf klafft eine tiefe Wunde. Unter ihrem Kopf sehen die Beamten ein rosa Frottee-Handtuch. Der beißende, faulig-süßliche Geruch liegt hier im Wohnzimmer noch schwerer in der Luft. Es fällt den Beamten schwer zu atmen. Einer der beiden reißt also das Fenster auf, um frische Luft ins Zimmer zu lassen. Ein folgenschwerer Fehler, wie sich noch herausstellen wird. Und es wird nicht der einzige Fehler bleiben. Denn kaum weht die frische Herbstluft in den Raum hinein, wenden sich die Polizisten wieder der Leiche zu. Erst jetzt wird ihnen das Chaos bewusst, das sie da sehen. Es scheint, als hätte hier ein wilder Kampf stattgefunden. Neben Rosemarie befindet sich ein elfenbeinfarbener Telefonhörer. Auf der Oberseite des Hörers können die Beamten eine verwischte Blutspur erkennen. Bedeutet das, dass Rosemarie noch versucht hat, Hilfe zu rufen? Couchkissen liegen verstreut auf dem Boden. Beidseitig ziehen Blutspritzer das unschuldige Blümchenmuster. Ebenso die Lehne der Couch. Von wem diese Blutspuren stammen, kann nie geklärt werden. Damals gibt es ja noch keine DNA-Analyse. Die kommt erstmals 1987 in Deutschland zum Einsatz. Der Teppichboden ist voller Glasscherben. Möglicherweise hat der Täter oder die Täterin verhindern wollen, dass Rosemarie telefoniert und sie mit einem stumpfen Gegenstand niedergeschlagen. Die Polizei vermutet später, dass die Scherben von einem zerbrochenen Aschenbecher stammen könnten. Das würde die fast 5 cm lange Wunde an Rosemaries Hinterkopf erklären. Die Wunde ist damit etwa so groß wie ein Kaugummistreifen. Die Obduktion beweist später, dass Rosemarie nach dem Schlag erdrosselt wurde. Die Gerichtsmedizin vermutet eine spontane Tat. Möglicherweise ja ein heftiger Streit. Der Täter oder die Täterin muss zugeschlagen haben, Rosemarie dabei auf dem Bauch gelandet und anschließend vom Mörder festgehalten worden sein. Dafür sprechen die sogenannten Widerlagerverletzungen an Schulter und Stirn. Das sind oberflächliche Schürfwunden, die entstehen, wenn ein Körper auf einer Unterlage fixiert wird und sich das Opfer wehrt, sich also bewegt. Rosemarie wurde von hinten erwürgt. Darauf deuten Würgemale am Hals sowie halbmondförmige Abdrücke von Fingernägeln und Hautdefekte über dem Kehlkopf. Doch wie kommt Rosemarie in diese seltsame Endposition, halb auf, unter und neben dem Sofa? Ist sie gefallen oder hat sie der Mörder so positioniert? Warum wurde ihr ein Handtuch unter den Kopf geschoben? Wollte jemand so die Blutung am Kopf stillen? Rosemarie vielleicht gar nicht umbringen, sondern ihr helfen? Warum war die Fußbodenheizung so stark aufgedreht? Wollte der Täter den Verwesungsprozess beschleunigen und mögliche Spuren verwischen? Ist das ein Grund, warum die Leiche auf dem Boden lag? Ähnlich lang wie die Liste der Fragen ist die Liste an Tatverdächtigen. War es ein Freier? Falsche Freunde? Eine Liebschaft? Wer könnte es gewesen sein? Am Tag ihrer Ermordung hat Rosemarie stolze 90.000 Mark auf dem Konto. Das sind inflationsbereinigt heute 270.000 Euro. Ein astronomisches Vermögen zu jener Zeit. Verschiedenen Quellen zufolge hat sie in den zwei Monaten vor ihrem Tod keine Einzahlung gemacht und war auch nicht an ihrem Bankschließfach. Ihr monatlicher Umsatz beläuft sich auf 8.000 bis 10.000 Mark. Demzufolge bewahrt sie in jenen Tagen etwa 20.000 Mark in der Wohnung in Bar auf. Dieses Bargeld ist jedoch verschwunden. Die Polizei findet bei der Durchsuchung lediglich 1.350 Mark. Deshalb gehen die Ermittler von einem Raubmord aus. Doch warum nimmt der Täter dann nicht das gesamte Geld an sich? Und warum fehlen weder Pelze, Uhren oder anderer teurer Schmuck? Man muss sagen, dass die Ermittlungen leider eine einzige Pannenserie sind. Am 29. Oktober wird Rosemarie das letzte Mal lebend gesehen. Ihre Leiche aber erst am 1. November entdeckt. Was ist in der Zwischenzeit geschehen? Und wie lange ist sie schon tot, bevor sie gefunden wird? Das lässt sich leider nicht mehr bestimmen. Denn nur, wenn man die Körpertemperatur der Leiche und die der Umgebungstemperatur misst, kann man den Todeszeitpunkt genau bestimmen. Und ihr erinnert euch vielleicht, dass die beiden Polizisten, die zuerst am Tatort sind, ja als allererstes die Fenster aufgerissen haben, um den bestialischen Geruch aus der Wohnung zu bekommen. Und die frische Herbstluft, die ins Zimmer strömt, verändert die ursprüngliche Raumtemperatur. Jetzt muss man fairerweise aber einmal sagen, dass die beiden Polizisten keine erfahrenen Ermittler der Mordkommission sind, sondern normale Streifenbeamte, die sich normalerweise um Ruhestörungen oder falsch geparkte Autos kümmern. Sie bekommen also nicht jeden Tag eine Leiche zu Gesicht, noch dazu in diesem Zustand. Dass sie die Fenster aufreißen, scheint vor diesem Hintergrund natürlich, doch das ist nicht der einzige Fehler, der an diesem Tag gemacht wird. Der Autor Christian Steiger dokumentiert in seinem Buch Rosemarie Nitribit Autopsie eines deutschen Skandals die Ermittlungspannen. Die Ermittler lassen zum Beispiel Rosemaries Reinigungskraft Erna an den Tatort. Sie verzehrt dort zum Beispiel dann einen Teil der Brötchen, die vor Rosemaries Tür lagen. Eigentlich sind das mögliche Beweisstücke. Und sie ist nicht die einzige, die an den Tatort darf. Gegenüber der Wohnung liegt ja das Verlagshaus der Frankfurter Rundschau. Die Reporter werden natürlich auf den Rummel auf der anderen Straßenseite aufmerksam und in kürzester Zeit ist die schick eingerichtete Zwei-Zimmer-Wohnung voller Menschen. Zeitweise sind es bis zu 27. Also das perfekte Spurenvernichtungsprogramm, wie es die Süddeutsche Zeitung 50 Jahre später in einem Artikel auf den Punkt bringt. Wegen des strengen Geruchs rauchen Polizisten und Journalisten in der Wohnung und werfen die Zigarettenstummel einfach aus dem Fenster. Später müssen sie dann mühsam ermitteln, wer welche Zigarettensorte raucht. Schließlich könnte ja auch der Mörder oder die Mörderin eine Zigarette aus dem Fenster geworfen haben. In Rosemaries Schlafzimmer entdeckt die Polizei ein Herrenhut. Er wird als der Hut des Mörders präsentiert. Tage später stellt sich dann aber heraus, dass er ausgerechnet dem Leiter der Mordkommission gehört. Er hat ihn hinter der Schlafzimmertür abgelegt, weil die Garderobe bereits mit den Mänteln und Hüten seiner Kollegen vollgehängt gewesen sei und ihn dann einfach am Tatort vergessen. Die größte Schwierigkeit aber ist, wie soll die Polizei einen Täter oder eine Täterin ermitteln, wenn sie keinen Tatzeitpunkt hat? Wie können sie Alibis überprüfen? Rosemarie wird am 29. Oktober gegen 16.30 Uhr angeblich das letzte Mal gesehen und drei Tage später tot aufgefunden. Das Zeitfenster für den Mord ist also ziemlich groß. Schließlich erklärt die Polizei den Abend des 29. Oktober zur möglichen Tatzeit. Ein Indiz dafür sind unter anderem die Anzahl der Kratzspuren des eingesperrten Pudels an der Schlafzimmertür, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet. Wie genau die Ermittler die Kratzspuren einem konkreten Zeitraum zuordnen können, das wird aber nicht klar. Es ist nur einer von vielen Fakten in diesen Ermittlungen, die irgendwie seltsam anmuten. In den 72 Stunden nach dem Fund von Rosemarys Leiche stellt die Kripo in ihrem Apartment unzählige Spuren sicher. Jeder von Rosemarys Besuchern kommt als potenzieller Täter, aber auch als Zeuge in Frage. Und noch etwas finden sie, als sie Rosemaries Wohnung durchsuchen, nämlich ihre Notizbücher. Von denen haben wir euch ja schon im Intro erzählt. Rosemarie hat sorgfältig Buch darüber geführt, wer bei ihr ein- und ausgeht und wer wie viel für ihre Dienste bezahlt. Bei ihr gibt es A- und B-Kunden. Diese bezahlen zwischen 50 und 100 Mark, manche sogar 200. Wie sie das dokumentiert hat, könnt ihr euch auch in den Schaunouts ansehen. 60 Männernamen sind darin notiert. Ein paar davon sind keine Unbekannten. Neben gewöhnlichen Freiern zählt auch das Who-is-who der deutschen industriellen Riege zu ihren Kunden. Die gesamte deutsche Klatschpresse spekuliert, mit wem Rosemarie sich getroffen hat. Konkrete Namen kommen aber erst Jahre später an die Öffentlichkeit. Von der Süddeutschen Zeitung, dem Fokus und vielen weiteren werden immer die gleichen einflussreichen Persönlichkeiten genannt. Zum Beispiel der Milliardär Harald, ein Großindustrieller aus Bad Homburg. Die millionenschweren Brüder Ernst und Gunther, Eigentümer der Schweinfurt der Kugellagewerke. Und Harald, der Zweite, wie ihn Rosemarie in ihren Büchern nennt, Spross der Krupp-Dynastie. Rosemarie hat sicher das ein oder andere mitbekommen, wenn sie sich mit diesen Männern trifft. Wusste sie vielleicht am Ende zu viel und musste deshalb sterben? Wollte jemand mit ihrem Tod etwas vertuschen? Oder hat Rosemarie alles auf eine Karte gesetzt und einen ihrer Prominenten Freie erpresst? Auch Außenstehenden wird relativ schnell klar, dass es sich hierbei um keinen gewöhnlichen Mord an einer Sexarbeiterin handelt. Die ehemalige Sekretärin des leitenden Kriminaldirektors Ilse, die erzählt in einer Doku, wie in dieser Zeit immer wieder das Telefon klingelt. Am anderen Ende der Leitung waren einflussreiche Menschen, die sich nur mit ihrem Vornamen gemeldet haben und direkt einen Termin mit dem Direktor wollten. Es gehe um die Rosi, hieß es dann immer. Den Termin wollen sie aber gerne außerhalb der üblichen Bürozeiten vereinbaren. Und so geschieht es auch. Die hochrangigen Industriemagnaten erscheinen diskret am Sonntag durch die Hintertür im Polizeipräsidium zur Aussage. Jahrzehnte später berichtet einer der millionenschweren Kunden in einer Zeitschrift von seinem Verhör. Nach 10 Minuten Routinefragen hätten sich die Herren mehr für die Direkteinspritzung seines 300SL-Flügeltürers interessiert als für Rosemarie. Der Chef der Mordkommission verteidigt das, indem er behauptet, dass Rosemaries Kunden seriöse und vermögende Leute gewesen seien, die nicht ein Mädchen umbringen brauchten, was ihnen Freude geschenkt hätte. Einer, der an einem Sonntag von der Polizei befragt wird, ist Harald Spross aus dem Hause Krupp. Die deutschen Boulevardmedien betiteln ihn damals gern als den reichsten Mann Deutschlands. Drei Tage nach dem Leichenfund, am 3. November 1957, erscheint er pünktlich zum Verhör. Dabei kommt heraus, dass Harald nicht nur ein Freier von Rosemarie ist, sondern auch ihr Geliebter, wie die Protokolle beweisen. Harald erzählt, wie ihn Rosemarie im März 1957 in der Nähe des Hotels Frankfurter Hof aus ihrem Cabrio heraus angesprochen hat. Das war gut acht Monate vor ihrem Tod. Nachdem sie einige Zeit durch die Stadt gefahren sind, seien sie gemeinsam zu einer nahegelegenen Pension gefahren. An der Rezeption habe er sich als ihr Gatte eintragen müssen und sie Rebecca genannt. 200 Mark zahlt er für den Sex mit ihr. Als sie sich verabschieden, gibt Rosemarie Harald ihre Anschrift und ihre Telefonnummer. Mit dem Hinweis, er könne sie sehr gerne in ihrer Wohnung besuchen. Und das macht er. Nicht nur einmal. Die Beziehung zwischen Harald und Rosemarie wird enger, wie die Westdeutsche Allgemeine Zeitung berichtet. Von Mai bis Oktober wäre er etwa zehnmal bei ihr in der Wohnung gewesen. Nicht immer seien sie dabei im Bett gelandet. Er gibt zu Protokoll, ich zitiere, Ich habe sie freundschaftlich auch als Kerl gemocht. Harald schenkt ihr Schmuck, Perlenohrringe, eine Pferdegruppe aus Porzellan, aber auch einen Werkzeugkasten und einen Tiroler Hut. Insgesamt 16 verschiedene Geschenke führen die Polizeiakten später auf. In der Küche steht Wein mit dem Etikett der Krupschen Hauskellerei. Harald schickt ihr ein Gedicht, das mit den Worten Deiner Brüste Liebeshügel sind des Hafis schönster Traum beginnt. Dazu kommen Liebesbriefe, die mit Mein Riechen oder Mein Fohlen beginnen. Die Inhalte sind banal bis fürsorglich. Er ermahnt sie, nicht falsch zu parken und nicht frech zu überholen. In einer Postkarte äußert er sich auch besorgt, Zitat, Riechen, werde versuchen, einen ganzen Nachmittag für dich zu haben. Du weißt, dass ich mir um dich Sorgen mache. In Liebe, Harald. Ist Harald vielleicht eifersüchtig auf Rosemaries andere Freier? Haben sich die beiden darüber gestritten? Die Kampfspuren in der Wohnung deuten zumindest darauf hin, dass es einen Streit gab. Aber Streit worüber? Die Protokolle dieser Vernehmung, die von weiteren prominenten Kunden und auch ein paar hundert Seiten an Ermittlungsakten sind übrigens auf mysteriöse Weise verschwunden. Erst Mitte des Jahres 2013 tauchen sie plötzlich wieder auf. Frankfurter Staatsanwälte wollen gegen einen Altpapierhändler wegen angeblich von ihm verhökerter Dokumente ermitteln. 22 Akten kommen dabei zum Vorschein. Samt Fotos, Wohnungsschlüssel und einem Schamhaar. Es sind polizeiliche Vernehmungsprotokolle und Beweisstücke der Mordsache Nummer 6833157. Dem Mord an Rosemarie. Woher der Altpapierhändler die Dokumente hat, das kann er nicht erklären. Seitdem lagern die Akten im hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden unter Verschluss. 1999 recherchieren Journalisten des hessischen Rundfunks für eine Doku und stellen fest, dass die Bände 3 bis 6 der Ermittlungsakte immer noch fehlen, ohne dass ein Vermerk darüber vorliegt, wer die Dokumente wann an wen abgegeben hat. Verschwunden sind zudem zwei Tonbänder, zwei Ordner mit Bildmaterial sowie ein Notizbuch von Rosemarie. Ob sie darin Sachen notiert hat, die niemals an die Öffentlichkeit kommen sollen? Und nein, nicht nur Akten kommen abhanden und nicht nur Kunden werden damals schlampig vernommen. Auch wichtige Beweisstücke verschwinden vom Tatort. Später kommt heraus, dass auf dem Musikschrank von Rosemarie ein Porträtfoto von Harald, also dem Krupp-Spross, steht. Der Leiter der Mordkommission lässt es diskret verschwinden. Ebenso wie die Liebesbriefe und Postkarten des Industriellen. Diese tauchen erst im Zusammenhang mit den Recherchen zu der Dokumentation wieder auf. Ein damals an den Ermittlungen beteiligter Kripo-Beamter übergibt einige der Postkarten von Rosemaries Liebhaber Harald an die Journalistin Helga. Er hatte sie bisher in seinem Keller aufbewahrt. Die Männer scheinen also von offizieller Seite geschützt zu werden, um einen Skandal zu verhindern. Kein Wunder, denn der Mord an Rosemarie beherrscht wochenlang die Titelseiten und sorgt für Rekordverkaufszahlen bei Illustrierten und Zeitungen. Mit ihrem Tod wird sie schlagartig berühmt. In der prüden Nachkriegsgesellschaft wird die junge Rosemarie zum Synonym für Luxus-, Laster- und Lotterleben. Der eigentliche Skandal ist für viele Deutsche aber nicht die Prostitution an sich, sondern die Tatsache, wie reich man damit werden kann. Derweil konzentrieren sich die Kripo-Kollegen in Frankfurt auf einen ganz anderen Hauptverdächtigen aus Rosemaries Umfeld, nämlich Heinz, der 36-jährige Handelsvertreter und Hausfreund von Rosemarie. Der, der ihre letzte Mahlzeit, den Reisbrei, gekocht hat. Wie wir euch schon erzählt haben, unterstützt er Rosemarie, indem er ihren Hund Joe ausführt, ihr bei Erledigung hilft und für sie kocht. Doch auch er hat einen Vorteil aus dieser Freundschaft. Heinz nutzt Rosemarie im Gegenzug für seine Dienste als Alibi-Frau. Denn er ist homosexuell und damals stellt der Paragraf 175 den Sex unter Männern unter Strafe. Wer homosexuell ist, ist ein permanentes Angriffsziel der Polizei und wird systematisch verfolgt. Nach außen hin kann Heinz sich mit Rosemarie also gut aus der Schusslinie ziehen. Die beiden gehen gemeinsam essen. Er hat jemanden zum Reden und kann sich mit ihr schmücken und sich trotzdem in der schwulen Szene ausleben. Und dort ist Heinz durchaus begehrt, gleichzeitig aber auch gefürchtet. Der 36-Jährige ist fast zwei Meter groß und ein sehr körperlich präsenter und brutaler Mensch. So beschreibt ihn ein Historiker in einer Doku. Auf der einen Seite wirkt er charmant und verführerisch. Er achtet auf seine Kleidung und wirkt dadurch immer elegant. Auf der anderen Seite nutzt er Leute für sich aus, wendet sich gegen Freunde und hat ein beträchtliches Vorstrafenregister. Und noch etwas fällt auf. Heinz lebt über seine Verhältnisse. Neue Kleidung, teure Autos und eine schicke Wohnung. Bekannte beschreiben ihn als eine schillernde Persönlichkeit mit einem Hang zum Größenwahn. Er gilt als Hochstapler, der sich sein Image nach außen hin selbst aufbaut. Als Heinz von Rosemaries Tod erfährt, meldet er sich am 2. November von sich aus bei der Polizei. Bei der Vernehmung gibt er zu, Rosemarie am 29. Oktober in ihrer Wohnung besucht zu haben. Er gibt an, dass er an diesem Tag einen blauen Anzug getragen habe. Doch sowohl Rosemaries Reinigungskraft Erna als auch eine Nachbarin, die Heinz am gleichen Nachmittag besucht hat, sagen aus, er habe einen mausgrauen Anzug getragen. Warum erzählt er, dass sein Anzug blau gewesen sei? Bei der Durchsuchung seiner Wohnung sucht die Polizei nach einer Hose, die Heinz noch am Tartag in eine Reinigung gebracht haben soll. Im Schrank entdecken sie die graue Anzughose. Ein Historiker beschreibt in einer ZDF-Doku, am linken Knie seien drei streifenförmige rostrote Flecken gewesen. Diese könnten entweder tatsächlich Rostflecken sein, von seinem Auto zum Beispiel, oder aber getrocknete Blutspuren. Die Hose kommt zu den Akten. Aufgrund der Reinigung lässt sich allerdings kein Blut mehr nachweisen. Zunächst müssen die Ermittler Heinz gehen lassen, behalten ihn jedoch im Blick. Nach dem Mord an Rosemarie verfolgt die Frankfurter Kriminalpolizei über 500 Spuren. In Rosemaries Wohnung hat der Erkennungsdienst jede Menge Spuren sichern können. Zahlreiche Spermareste, Notizbücher und Tonbänder. Und eine angebrochene Flasche Rotwein, ein Beaujolais aus Frankreich. Daran haften noch Finger- und Handabdrücker. Rosemarie war für ihre Ordnungsliebe bekannt. Sie hätte nach einem Herrenbesuch kaum eine Weinflasche offen stehen lassen. Das heißt, die Handabdrücke auf der Flasche könnten von ihrem letzten Besucher stammen und damit von Rosemaries Mörder. Gut drei Wochen nach dem Mord, am 22. November, liegt das vorläufige daktyloskopische Gutachten vor. Mithilfe der Daktyloskopie lassen sich die Finger-, Handflächen- oder Fußabdrücke eines Menschen eindeutig identifizieren. Zu Asservat Nummer 9 heißt es, dass die an der Rotweinflasche gesicherten Teilhandflächenspuren ohne jeden Zweifel vom oberen linken Teil einer linken Handfläche stammen. Und zwar von Haralds Handfläche, Rosemaries Liebhaber. Das gleiche gilt für die gesicherten Teilfingerspuren. Ein Foto des Gutachters findet ihr auch in den Shownotes. War Harald denn aber überhaupt zur Tatzeit in Frankfurt? Hat es in der Wohnung eine Auseinandersetzung um die gemeinsame Zukunft gegeben? Immerhin ist es kein Geheimnis gewesen, dass Rosemarie von einer Zukunft als reiche, gesellschaftlich angesehene Ehefrau geträumt hat. Für den in Frage kommenden Tatzeitraum hat Harald der Polizei ein überprüfbares Alibi vorgelegt. Doch für den Donnerstag vor Allerheiligen, den 31. Oktober, sind seine Angaben eher vage. Er behauptet, überwiegend zu Hause gewesen zu sein. Dazu muss man wissen, Harald lebt in Essen. Das liegt rund 250 Kilometer von Frankfurt am Main entfernt. Seine Mutter war kurz zuvor gestorben und er hätte Kondolenzschreiben beantworten müssen. Die Haushälterin untermauert seine Aussage gegenüber der Essener Kriminalpolizei. Sie sagt, nach dem Tod seiner Mutter fühle ich mich verantwortlich. Ich würde es spüren, wenn er längere Zeit abwesend wäre. Die Beamten fragen daraufhin nicht weiter nach. Harald gibt an, Rosemarie am 23. Oktober, also eine gute Woche vor ihrem Tod, das letzte Mal gesehen zu haben. Aber kann das stimmen? Hat Rosemarie die Weinflasche mit seinen Fingerabdrücken darauf wirklich so lange offen stehen lassen? Obwohl das Ergebnis mit den Handabdrücken erst nach seiner Vernehmung klar ist, findet keine zweite Vernehmung des 41-Jährigen statt. Die Ermittler lassen die Spur im Sand verlaufen. Ihre Begründung dafür ist, dass im Hause Krupp bekanntermaßen eine strenge und solide patriarchalische Lebensführung herrsche. Deshalb sei es kaum glaubhaft, dass Harald in den kritischen Nächten von Essen nach Frankfurt und zurückgefahren sei, ohne dass das bemerkt worden wäre. Ein weiteres Dokument aus den Akten macht eine Täterschaft Haralds jedoch eher unglaubwürdig. Der Krupp-Erbe schreibt dem Staatsanwalt einen Brief, in dem er darum bittet, dass in diesem Fall nichts vertuscht werden solle. Er stehe zu seiner Beziehung zu Rosemarie. Nachdem die Polizei also die Akte Harald schließt, beziehungsweise gar nicht erst wieder öffnet, widmet sie sich ihrem zweiten Hauptverdächtigen, Heinz. Wie die Ermittler herausfinden, ist der ehemalige Freund von Rosemarie immer in akuter Geldnot. Als Rosemarie ermordet wird, hat er enorme Schulden. Er hat eine Summe von 10.000 Mark bei seinem Arbeitgeber, der Firma Ritter GmbH und Co. unterschlagen. Das wären heute knapp 30.000 Euro. Der droht ihm jetzt mit einer Anzeige. Heinz steht noch unter Bewährung. Die Rückzahlung der unterschlagenen Summe ist für ihn daher die einzige Chance einer drohenden Haftstrafe zu entgehen. Das heißt, zum Zeitpunkt von Rosemaries Tod braucht er dringend Geld. Und nur wenige Tage nach Rosemaries Tod verfügt er bis dahin, Klammerhainz, plötzlich über hohe Summen an Bargeld. Am 31. Oktober kauft er in Frankfurt zum Beispiel einen Mercedes-Vorführwagen und bezahlt am 4. November die mehr als 10.000 Mark inklusive einem Jahr Steuer und Versicherung in bar. Einen Tag später wird er von seiner Firma gekündigt, tilgt aber in den kommenden Tagen einen Teil seiner nach ausstehenden Schulden. Die Polizei ermittelt, dass Heinz zwischen dem 1. Und dem 11. November fast 18.000 Mark in bar ausgegeben hat. Und das, obwohl er sich kurz zuvor noch Geld von einem Freund leihen musste, um Rechnung zu bezahlen. Da kommt natürlich schon stark der Verdacht auf, dass Heinz Rosemaries Geld gestohlen und ihr das Leben genommen hat. Heinz streitet aber alles ab. Er behauptet, das Geld stamme von einer vermögenden Tante und er würde seine Ersparnisse immer vor seinen Gläubigern geheim halten. Die Polizei glaubt ihm aber nicht. Als enger Freund von Rosemarie weiß er doch sicher von dem Bargeld in ihrer Wohnung. Noch dazu sind keine Schränke durchwühlt worden, wie das bei einem gewöhnlichen Diebstahl zu erwarten wäre. Der Täter scheint gewusst zu haben, wo Rosemarie ihr Geld versteckt. Doch der entscheidende Beweis, dass es wirklich Heinz gewesen ist, fehlt. Die Polizei nimmt sein Alibi daher noch einmal genauer unter die Lupe. Der genaue Todeszeitpunkt von Rosemarie kann ja nicht ermittelt werden, weil die Polizisten beim Betreten des Tatorts als erstes die Fenster aufreißen, ohne vorher die Raumtemperatur zu messen. Hinweise, wie lange Rosemarie da schon tot war, liefert jedoch ihr Mageninhalt. Ein Gutachten zeigt, dass der Reisbrei, den Heinz ihr gekocht hat, das letzte ist, was man in ihrem Magen findet. Der Reisbrei bleibt in etwa ein bis eineinhalb Stunden im Magen. Das würde bedeuten, Rosemarie muss am 29. Oktober zwischen 16.15 Uhr und 17 Uhr gestorben sein. Davon geht zumindest Guido Goller in einer Doku aus, der in seinem Buch Rosemarie Nittribit Recherchen und Theorien versucht, die Indizienlücken in diesem Fall zu schließen. Heinz sagt aus, er sei nach dem Treffen mit Rosemarie in seine Wohnung gefahren. Um 15 Uhr wäre er dort eingetroffen, hätte mit einer Nachbarin gesprochen und wäre dann in seine Wohnung gegangen, um ein Bad zu nehmen. Eine Stunde später habe er mit seinem Lebensgefährten telefoniert. Um 17.45 Uhr taucht er bei seinem Bekannten Eisenbach auf. Was er dazwischen gemacht hat, dafür gibt es keine Zeugen. Eisenbach und eine weitere anwesende Bekannte geben später beim Verhör an, Heinz hätte stark geschwitzt, als sie ihn gesehen haben. Heinz schob das auf die drohende Grippe. Eisenbach bemerkt eine blutige Verletzung an seinem Gesicht. Heinz behauptet, das wäre nur Lippenstift. Eine Nachbarin von ihm berichtet, am nächsten Tag eine schon leicht verheilte Wunde an seiner Oberlippe gesehen zu haben. Auf ihre Frage hin behauptet Heinz, er hätte sich beim Rasieren geschnitten. Die Ermittler berechnen als nächstes die Zeit, die er gebraucht hätte, um von seiner Wohnung zu Rosemarie zu fahren. Es würde nur um die 15 Minuten dauern. Heinz hätte also genug Zeit gehabt, um zurück zu Rosemaries Wohnung zu fahren und wieder nach Hause zu sich. Wie soll die Polizei nun mit den Informationen umgehen? Könnte es sein, dass sich Rosemarie mit ihrem Freund ums Geld gestritten hat? Heinz wird ja damals von Bekannten unter anderem als brutal beschrieben. War er also auch gegenüber Rosemarie aggressiv und hat die Kontrolle verloren? Freunde von ihm berichten, dass er nach dem Genuss von Alkohol schnell mehr cholerisch sein konnte und er hatte an dem Tag bereits einige Schnäpse intus. Hat er Rosemarie niedergeschlagen und gewürgt, dann aber das Handtuch unter die Wunde gelegt? Dachte Heinz, dass Rosemarie noch lebt, als er die Wohnung verlässt? Dazu muss man wissen, dass die letzte Reaktion, die ein Mensch zeigt, bevor er an Sauerstoffmangel stirbt, oftmals Schnappatmung ist. Das sind letzte, tiefe, röchelnde Atemzüge, die aber keine Bedeutung mehr haben. Hat Heinz diese Symptome möglicherweise falsch interpretiert? Könnte Geld wirklich ein Grund gewesen sein, auf Rosemarie loszugehen? Am 6. Februar 1958, gut drei Monate nach Rosemaries Tod, wird Heinz wegen dringenden Tatverdachts verhaftet. Fast ein Jahr sitzt er in Untersuchungshaft, bis das Landgericht Frankfurt ein Jahr später seine Freilassung anordnet. Es bestünde kein dringender Tatverdacht gegen ihn, begründen sie. Warum das so ist, erklärt das Gericht aber nicht. Heinz nutzt die Gunst der Stunde und schließt einen hochkarätigen Deal mit der illustrierten Quick. Er bekommt 18.000 Mark und plaudert dafür intime Details aus Rosemaries Leben aus. Nach vier Artikeln stellt Quick die reißerischen Enthüllungs-Stories ein. Nicht etwa wegen öffentlicher Kritik, sondern weil Heinz die Zusammenarbeit kündigt. Später kommt heraus, dass wiederum sein Schweigen gekauft wird. Ein Anwalt der Familie Krupp stellt ihm nämlich mehr Geld in Aussicht, als er von der Illustrierten bekommt. Es steht dabei die Summe von 250.000 Mark im Raum. Das wären heute inflationsbereinigt satte 730.000 Euro. Angeblich sei diese Summe aber nie ausgezahlt worden. Die meisten Quellen gehen von einer Zahlung von 50.000 Mark aus. Am 4. Juni 59 wird Heinz zu 16 Monaten Gefängnis verurteilt. Jedoch nicht im Zusammenhang mit der Ermordung von Rosemarie, sondern wegen Diebstahl und Unterschlagung bei seinem letzten Arbeitgeber, der Firma Ritter. In seiner Zelle der Justizvollzugsanstalt Bernau erreicht ihn dann aber doch die Mordanklage der Frankfurter Staatsanwaltschaft. Diese stützt sich auf Indizien, die persönliche Beziehung zwischen Rosemarie und ihm und insbesondere sein Verhalten nach ihrem Tod. Gut zweieinhalb Jahre nach dem Mord an Rosemarie, am 20. Juni 1960, steht Heinz dann erneut vor Gericht. Vor dem Schwurgericht, das Landgericht Frankfurt am Main, beginnt nun der Mordprozess gegen ihn. Vor Prozessbeginn ist die Spannung förmlich greifbar. Vor dem Gerichtsgebäude warten die Menschen auf Einlass. Es bilden sich lange Schlangen, die alle in den großen Saal wollen. Doch die erwartete Sensation bleibt aus. Keiner der prominenten Kunden von Rosemarie muss eine Aussage machen. Heinz beteuert weiterhin seine Unschuld. Sein Verteidiger und späterer bayerischer Innenminister zweifelt im Prozess immer wieder den Todeszeitpunkt an, von dem die Anklage ausgeht. Und genau damit hat er auch Erfolg. Da die Raumtemperatur nicht gemessen wurde und Zeugen Rosemarie noch lebend gesehen haben wollen, als sie laut Staatsanwaltschaft aber bereits tot war, kann niemand Heinz Schuld beweisen. Nach elf Verhandlungstagen verlesen die Richter am 12. Juli 1960 das Urteil vor laufenden Kameras. Heinz wird aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Dennoch schließt das Urteil mit der Feststellung, dass ein begründeter Tatverdacht gegen Heinz besteht. Denn bis zum Schluss kann nicht geklärt werden, wie er in den Besitz von rund 18.000 Mark gelangt ist, von denen das Gericht annimmt, er habe sie vor Rosemaries Tod nie besessen. Was am 29. Oktober 1957 wirklich in Rosemaries Wohnung passiert ist, bleibt höchstwahrscheinlich für immer einer der größten Mythen Frankfurts. Es gibt jede Menge Verschwörungserzählungen über einen Auftragsmord in der Wirtschaft. Schutzgelderpresser aus dem Rotlichtmilieu, ein Zuhälter, dem Rosemarie in die Quere gekommen ist oder tatsächlich nur ein einziger gieriger Kunde, der an ihr Geld will. Fest steht, Rosemarie hat jemanden in ihre Wohnung gelassen, den sie kennt oder bei dem sie zumindest keinen Verdacht geschöpft hat. Der Täter muss gewusst haben, wo ihr Geld versteckt ist. Vielleicht gibt es auch zwei Täter. Den Mörder und Heinz, der erst nach dem Tod zurückkommt und das Geld einfach mitnimmt. Im Oktober 1958, ein Jahr nach Rosemaries Tod, erscheint Das Mädchen Rosemarie von Rolf Thiele in den Kinos. Der Film mit Nadja Tiller in der Hauptrolle wird zum erfolgreichsten Kinofilm des Jahres. Es folgen weitere Filme über sie. Rosemarie wird zu einem Mythos, inspiriert Bücher und 2004 sogar ein Düsseldorfer Musical, ebenfalls unter dem Titel Das Mädchen Rosemarie. Am 11. November 1957 wird sie auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof im Beisein ihrer Mutter und ihrer Schwester beigesetzt. Auf dem Grabstein ist der 1. November 1957 als Todestag eingraviert. Rosemaries Schädel lagert übrigens aufgrund der Kopfwunde als Beweismittel bei der Polizei und wird später zu Lehrzwecken im Frankfurter Kriminalmuseum ausgestellt. Erst am 10. Februar 2008, mehr als 50 Jahre nach ihrem Tod, kommt er auch mit ins Grab. Rosemarys Liebhaber Harald heiratet drei Jahre nach dem Mord eine 18 Jahre jüngere Frau und stirbt im November 83 im Alter von 67 Jahren an einer Infektion. Die hat er sich bei einer Auslandsreise zugezogen. Der hauptverdächtige Heinz stirbt im September 1990 in München. Er soll bis zu seinem Tod finanziell gut abgesichert gelebt haben. Das Apartmenthaus, in dem Rosemarie ermordet wird, steht seit 2013 unter Denkmalschutz. Von den Verdächtigen und Ermittlern, die in den Fall involviert waren, lebt heute fast keiner mehr. Und so bleibt der Fall von Rosemarie einer der größten ungeklärten Mordfälle Deutschlands. Ich weiß nicht, ob du das jetzt rausschneiden wirst, was du gerade selbst gesagt hast, aber ich wiederhole es jetzt einfach mal. obwohl wir ja wirklich sehr viel jetzt hier von dem Fall erzählt haben, kann man eigentlich gar nicht so viel darüber diskutieren, right? Irgendwie schon, weil ja niemand zur Rechenschaft gezogen wurde und verurteilt wurde. Aber ehrlich gesagt, für mich ist es eigentlich relativ klar, wer Rosemarie ermordet hat, oder? Was würdest du sagen? Ja, ich finde, alles spricht für Heinz, für ihren Hausfreund. Weil wenn jemand ständig pleite ist, kein Geld hat und das von seinem Arbeitgeber sogar unterschlägt, und das war ja nicht wenig, das wäre ja eine Summe, die heute 30.000 Euro entspricht. Da hat keiner einfach nur ein Hunni aus der Kasse geklaut, sondern ja schon richtig viel Geld. und plötzlich hat er super viel Bargeld, was aus Rosemaries Wohnung gestohlen wurde. Das ist schon ein sehr merkwürdiger Zufall. Also würdest du sagen, weil wir hatten ja drüber geredet, dass Rosemarie mit Siegfried erst im Bett gewesen ist. Heinz hatte noch kurz in der Küche gewartet, hatte da das Essen gemacht, ist dann ja wohl gegangen. Vielleicht ist er auch gegangen, aber eben wieder zurückgekommen. Und ist dann wieder zurückgekommen, würdest du sagen, nachdem Siegfried halt dann auch weg war wahrscheinlich. Genau, also von der Zeit her würde das ja passen, dass Heinz zu seiner Wohnung fährt und wieder zurück. Das sind ja nur 15 Minuten, die er gebraucht hätte. Oder warum hat er zum Beispiel mit seiner Anzugsfarbe gelogen? Warum sagt man, ich hatte einen blauen Anzug an, wenn es doch ein grauer war? Das ist ja... Mir fällt gerade nicht das passende Wort dafür ein, aber warum sollte man da lügen bei der Farbe? Das ergibt für mich irgendwie so gar keinen Sinn. Plus, dass er ja eine Hose in die Reinigung gegeben hat, wo dann noch vermeintliche Blutflecken draufgefunden wurden. Also das passt für mich schon. Und ich meine, er ist ihr Hausfreund gewesen. Das heißt, sie hat ihm ja super vertraut. So hätte er easy Zugang zur Wohnung bekommen, hätte den Hund einsperren können. Also er ist nicht verurteilt. Klar, das müssen wir an der Stelle auf jeden Fall nochmal sagen. Aber ich finde, dass die Hinweise und die Indizien sehr stark in seine Richtung gehen. Ja, man muss ja schon sagen, also gut, dass du es gerade nochmal sagst, es ergibt aber trotzdem irgendwo ziemlich Sinn. Ich meine, was mir gerade noch so eingefallen ist, man erinnert sich jetzt auch nicht wirklich perfekt, was man, ich alleine könnte jetzt schon nicht sagen, was ich vor drei Tagen getragen habe, auch wenn ich meistens sowieso zu Hause chille und dieselben Sachen trage. Aber dann sagst du es vielleicht auf dem Polizeirevier nicht, wenn du nicht weißt, was du anhattest. Aber da gehen mir zumindest schon ziemlich schnell die Argumente aus, wenn ich mich für Heinz einsetzen würde. Wiederum muss man sagen, all das ist ja auch nur deswegen, aus meiner Sicht jedenfalls, ungeklärt, weil die Polizei wirklich so schlechte Ermittlungsarbeit damals geleistet hat. Was ich echt krass finde, wie viele Pannen sich da aneinandergereiht haben. Die Zigaretten, die überall lagen. Ja, das Fenster. Oder ein Punkt, den haben wir glaube ich gar nicht gesagt. Der Polizeipräsident oder der Chef der Ermittlung hat einfach seinen Hut in der Wohnung vergessen. Ja, doch, doch. Das hatten wir gesagt. Ja, genau. Der ja lange für den Hut des Täters gehalten wurde, wo man sich auch noch fragt, also Leute, wie kann das eigentlich passieren? Also es war halt nicht nur eine Sache, die da schief gegangen ist, sondern relativ viel. Ich hatte auch irgendwie so ein bisschen das Gefühl, darüber hatten wir auch gesprochen, dass das Thema Prostitution und jetzt war Heinz auch noch homosexuell, dass das alles so zusammengekommen ist, dass die Polizei vielleicht gar nicht mal so ein großes Interesse daran hatte, das aufzuklären. Dann hattest du natürlich auch noch eine Elite, die da... Vielleicht betroffen ist, wo man jetzt in Verschwörungserzählungen abdriften könnte. Aber ich habe so das Gefühl, dass die Polizei einfach auch nicht so intrinsisch motiviert war bei dem Thema, das aufzuklären. Ja, ich glaube, da kamen ein paar Themen zusammen, die die Motivation vielleicht mutmaßlich eher klein gehalten haben, in diesem Fall genauer zu ermitteln. Vielen Dank auf jeden Fall, Annemarie. Du hast uns diesen Fall nämlich vorgeschlagen und dir den in der schwarzen Akte gewünscht. Und ich durfte letztes Jahr ja den Podcast im Schatten der Macht machen und da haben wir auch schon über diesen Fall gesprochen. Deswegen war der mir sogar schon sehr vertraut, aber ja, so Details vergisst man dann ja irgendwie doch. Also es gab so ein paar Punkte, da war ich jetzt irgendwie wieder erneut schockiert, weil man dann doch einiges vergisst. Und wir haben die Umfrage, was jetzt den Namen unseres Übergangs betrifft, nicht vergessen. Aber ich würde sagen, wir geben dem Ganzen noch ein bisschen, um genau auswerten zu können. Deswegen gibt es jetzt noch keinen Namen für den Part, der jetzt kommt. Also frage ich dich ganz direkt, Patrick, was geht jetzt noch bei dir in dieser Woche? Was steht an? Also diese Woche ist ehrlich gesagt... Passiert nicht so viel, wo die Folge zumindest rauskommt. Ich bin wie immer einfach ständig am Streamen. Ich werde wahrscheinlich hoffentlich zum Sport gehen. Ich habe mir gerade die Challenge gemacht, 50 Liegestütze hintereinander wegzumachen. Und wie viel schaffst du aktuell? Also halbwegs mit guter Ausführung, wobei ich da auch schon von Leuten gehört habe, mach das mal richtig. 35 vielleicht so. Okay, wow. Scheint ja sehr nah dran zu sein. I'm on the way. Und wenn ich dann 50 schaffe, dann baue ich da auf jeden Fall nochmal auf, I guess. Dann 100. Und heute, wo wir aufnehmen tatsächlich, gehe ich auch ins Gericht. Vielleicht werde ich da auch mal Zeit nach vorne erzählen. Mal schauen. Aber nicht, weil du vor Gericht stehst. Das müssen wir nochmal dazu sagen. Ich gucke nur zu bei einem Prozess. Was steht bei dir an? Ich werde mal wieder on the road sein. Und zwar geht es für mich nach Amsterdam jetzt die Tage. Ich liebe Amsterdam. Ich auch. Ich finde, das ist so eine wunderschöne Stadt. Aus vielen, aus vielen Gründen liebe ich Amsterdam. Ah ja, okay. Aus dem Grund, den du jetzt, glaube ich, meinst, liebe ich die Stadt nicht so. Aber ich finde, das ist einfach, ja, vor allem so die, ich nenne es jetzt mal Innenstadt mit den ganzen Grachten und so, ist super, super schön. Und ich fahre nicht einfach nur so nach Amsterdam, sondern gehe da auch noch auf ein Konzert von Harry Styles. Das war der eigentliche Grund, warum meine Freundin und ich da jetzt so einen kleinen Trip hinmachen. Da freue ich mich richtig doll drauf. Geil, wird Amsterdam nicht auch irgendwie so, dass Venedig von, also Venedig von Europa würde ja gar keinen Sinn ergeben, weil Venedig ist ja in Europa, aber ich habe irgendwie sowas schon mal gehört, vielleicht Venedig des Nordens oder so, aber es war richtig, richtig schön, als ich da auch letztes Jahr war. Much fun. Danke. Ja, das wird cool. Ich zeige euch bestimmt Fotos auf Instagram. Am Freitag machen wir immer den Weekly Recap. Und ich würde sagen, es war eine sehr lange Folge heute. Die bringen wir jetzt mal zum Abschluss. Und wir freuen uns, wenn ihr, wenn ihr das noch nicht gemacht habt, eine kleine Podcast-Bewertung vielleicht gebt. Am liebsten natürlich fünf Sterne. Da würden wir uns sehr drüber freuen. Und wenn ihr dem Podcast noch nicht folgt, auf der Plattform, wo ihr sie hört, dann dürft ihr das natürlich auch sehr gerne tun, weil dann verpasst ihr auf keinen Fall die Dienstagsfolge, die nächste Woche kommt. Wir freuen uns auf euch. Wir sind eure Hosts Anne Lippmann und Patrick Strobusch, Redaktion Stefanie Eisenlauer und wir, Schnitt Anne Lippmann, Produktion Nadine Lenfer-Unterweger und Lea Backes, die Die schwarze Akte ist eine Produktion der Julep Studios. Besonderer Dank geht an Falco Schulte.