Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Ecce Homo - 3: Die Geburt der Tragödie 4
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- 0:00Axel Homo wie man wird, was man ist.
- 0:04Kapitel 3 warum ich so gute Bücher schreibe Unterkapitel die
- 0:09Geburt der Tragödie Abschnitt 4 in diesem vierten Abschnitt
- 0:16erklärt Nietzsche, dass aus seiner frühen Schrift über die
- 0:19Geburt der Tragödie eine gewaltige Hoffnung zu uns
- 0:22spricht. Er sagt, er hat überhaupt keinen
- 0:24Grund, seine Hoffnung auf eine dionysische Zukunft der Musik
- 0:27aufzugeben. Der Begriff Dionysisch stammt
- 0:31von dem antiken griechischen Gott Dionysos.
- 0:34Für Nietzsche bedeutet dieses Wort eine Lebenshaltung, bei der
- 0:37man das Leben mit all seinem Chaos, seiner Leidenschaft und
- 0:41selbst mit seinem tiefsten Schmerz feiert und vollkommen
- 0:44bejaht, anstatt vor der harten Welt in irgendwelche Traumwelten
- 0:48zu fliehen. Nietzsche bittet uns gedanklich
- 0:51ein ganzes Jahrhundert in die Zukunft zu schauen.
- 0:54Wir sollen uns vorstellen, dass sein geistiger Angriff auf eine
- 0:562000 Jahre andauernde Entwicklung erfolgreich ist.
- 1:00Diese Entwicklung nennt er Widernatürlich und eine
- 1:02Schändung des Menschen, womit er in erster Linie die christliche
- 1:05Moral meint, die seiner Ansicht nach das natürliche, starke
- 1:09Leben unterdrückt. Er glaubt, dass nach seinem
- 1:12geistigen Sieg eine neue Gruppe von Menschen entstehen wird, die
- 1:15er die Partei des Lebens nennt. Diese Gruppe wird sich die
- 1:19größte aller Aufgaben vornehmen. Die Menschheit geistig und
- 1:22kulturell auf eine höhere Stufe zu heben, dazu gehört für ihn
- 1:26auch, gnadenlos alles zu vernichten, was das Leben
- 1:29schwächt, was entartet ist oder wie ein Parasit an der
- 1:32Gesundheit der Menschheit saugt. Es ist sehr wichtig zu
- 1:35verstehen, dass Nietzsche hier nicht von leiblicher Ermordung
- 1:38oder rassistischer Biologie spricht, er meint damit die
- 1:42völlige geistige Zerstörung von Schwächenden moralischen Werten
- 1:45und lebensfeindlichen Ideen. Nur wenn diese Schwächen
- 1:49verschwinden, kann wieder eine ungeheure Fülle an starkem,
- 1:52kraftvollem Leben auf der Erde entstehen.
- 1:55Und aus genau diesem Überfluss an purer Lebenskraft soll dann
- 1:58der dionysische Zustand wieder neu wachsen.
- 2:01Er verspricht für diese Zukunft ein neues, tragisches Zeitalter.
- 2:05Tragisch meint bei Nietzsche nicht etwa etwas Trauriges oder
- 2:08Deprimierendes, im Gegenteil, es bedeutet für ihn die höchste
- 2:12Kunst zum Leben aus vollem Herzen ja zu sagen.
- 2:15Es ist die Haltung aus den alten griechischen Tragödien, in denen
- 2:18die Helden ihr schweres Schicksal mutig und stolz
- 2:21annahmen. Diese starke Einstellung wird
- 2:24neu geboren werden, sobald die Menschheit die schwersten, aber
- 2:27unbedingt notwendigen geistigen Kriege um diese neuen Werte
- 2:30hinter sich gebracht hat, ohne innerlich an diesen Kämpfen zu
- 2:33zerbrechen oder daran zu leiden. Nietzsche fügt als genauer
- 2:37psychologischer Beobachter seiner selbst hinzu, dass seine
- 2:40frühe Begeisterung für die Musik von Richard Wagner.
- 2:43In Wahrheit gar nichts mit dem echten Komponisten Wagner zu tun
- 2:46hatte, wenn er in seinen jungen Jahren diese Musik als
- 2:50Dionysisch beschrieb, dann beschrieb er in Wirklichkeit nur
- 2:53das, was er in seinem eigenen Inneren hörte.
- 2:56Er hatte unbewusst all seine eigenen neuen Ideen und den
- 2:59starken Geist, den er in sich selbst trug, in die Musik
- 3:02Wagners Hineingedeutet er hatte Wagners Werk also für sich
- 3:06selbst übersetzt und in etwas völlig Neues verwandelt.
- 3:10Den stärksten Beweis dafür sieht er in seinem eigenen frühen
- 3:13Aufsatz mit dem Titel Richard Wagner in Bayreuth.
- 3:17Er sagt ganz deutlich, dass an allen Stellen dieses Textes, an
- 3:20denen es um tiefere psychologische Einsichten geht,
- 3:22in Wahrheit nur von ihm selbst die Rede ist.
- 3:25Man könnte, so meint er, einfach rücksichtslos das Wort Wagner
- 3:29aus dem Text streichen und stattdessen seinen eigenen Namen
- 3:32oder den Namen seiner berühmtesten Kunstfigur
- 3:35Zarathustra einsetzen. Das Bild, das er in diesem Text
- 3:38von einem wilden, begeisterten und sogenannten dithyrambischen
- 3:42Künstler zeichnet, ist eigentlich schon ein heimliches
- 3:44Vorabbild von ihm selbst. Ein dithyrambischer Künstler ist
- 3:48ein Mensch, der in einem Zustand höchster, Rauschhafter und fast
- 3:52verrückter Begeisterung erschafft.
- 3:54Dieses Bild hatte Nietzsche mit tiefsten seelischen Abgründen
- 3:57gezeichnet, aber es berührte zu keinem einzigen Zeitpunkt die
- 4:00wahre Realität des echten Richard Wagner, sogar Wagner
- 4:04selbst, so schreibt Nietzsche. Habe das damals ein wenig
- 4:07gespürt und sich in Nietzsches Text gar nicht richtig
- 4:10wiedererkannt, genau wie er Wagners Person für seine eigenen
- 4:14Ideen genutzt hatte, so hatte Nietzsche auch die Idee der
- 4:16Festspiele von Bayreuth in etwas ganz anderes verwandelt, für
- 4:21Kenner seines späteren Buches Also sprach Zarathustra ist
- 4:24diese Verwandlung kein Rätsel aus den Festspielen in Bayreuth
- 4:28wurde bei ihm gedanklich die Vorstellung von einem großen
- 4:31Mittag. Der große Mittag ist ein ganz
- 4:34zentraler Begriff in Nietzsches Philosophie.
- 4:37Er beschreibt den perfekten Moment höchster Klarheit in der
- 4:39Mitte des Tages, an dem der Mensch keine Schatten mehr
- 4:42wirft. Es ist der Wendepunkt, an dem
- 4:45die Menschheit ihre alte Moral hinter sich lässt und sich für
- 4:47eine völlig neue, höhere Zukunft entscheidet.
- 4:51Nietzsche sagt, er habe in dem Fest in Bayreuth eigentlich eine
- 4:54Vision von einem solchen zukünftigen Ereignis gesehen,
- 4:57bei dem sich die ausgewählten Menschen dieser großen
- 5:00Lebensaufgabe widmen. Die Leidenschaft und der
- 5:03feierliche Klang auf den ersten Seiten dieser alten
- 5:05Wagnerschrift sind nach Nietzsches eigenen Worten von
- 5:08weltgeschichtlicher Bedeutung. Auch der dort beschriebene, in
- 5:12die Zukunft gerichtete Blick sei in Wirklichkeit schon der Blick
- 5:15seines Propheten Zarathustra gewesen, der echte Wagner, die
- 5:19echten Festspiele und die ganze von Nietzsche oft verspottete
- 5:22geistige Erbärmlichkeit der Deutschen Waren für ihn nur wie
- 5:26eine vorbeiziehende Wolke. In dieser Wolke spiegelte sich
- 5:29wie in einer Fata Morgana. Also wie in einer leuchtenden
- 5:33Luftspiegelung nur seine eigene unendliche Vision der Zukunft.
- 5:38Auch auf der Ebene der Psychologie habe er alle
- 5:41wichtigen und entscheidenden Eigenschaften seiner eigenen
- 5:44Natur einfach in die Figur Wagners hineingeschrieben.
- 5:47Dazu gehört das gleichzeitige Vorhandensein von hellsten
- 5:50Kräften und tiefsten, schicksalhaften Abgründen.
- 5:54Ebenso legte er Wagner den Willen zur Macht bei, der Wille
- 5:58zur Macht ist. Ein weiterer Grundbegriff bei
- 6:00Nietzsche. Er meint damit nicht etwa
- 6:02politische Unterdrückung oder Diktatur, sondern den innersten
- 6:05Antrieb alles lebendigen sich selbst zu steigern, zu wachsen,
- 6:09Hindernisse zu überwinden und stärker zu werden.
- 6:13Nietzsche war überzeugt, dass nie ein anderer Mensch diesen
- 6:15Willen zur Macht so besessen hat wie er selbst.
- 6:18Außerdem dichtete er Wagner in jenem Text eine rücksichtslose
- 6:21geistige Tapferkeit an und eine grenzenlose Kraft zu lernen,
- 6:25ohne dass dadurch der starke Wille zu großen Taten erdrückt
- 6:28werden würde. All das war laut Nietzsche aber
- 6:31die Beschreibung seiner selbst und nicht die von Wagner.
- 6:35In dieser Schrift über Wagner kündigt sich für Nietzsche
- 6:37bereits alles kommende an, zum Beispiel die nahende Rückkehr
- 6:41des antiken griechischen Geistes, er spricht von der
- 6:44Notwendigkeit von gegen Alexandern Alexander der Große
- 6:47hatte laut einer alten Sage den sehr komplizierten gordischen
- 6:50Knoten einfach mit dem Schwert durchschlagen, anstatt ihn
- 6:53mühevoll zu entwirren. Für Nietzsche bedeutet ein gegen
- 6:57Alexander eine starke Person. Die diesen komplexen Knoten der
- 7:00tiefen, widersprüchlichen griechischen Kultur wieder
- 7:03zusammenbindet, nachdem er jahrhundertelang gelöst und
- 7:06zerstört war. Er will damit die schwierige
- 7:09Tiefe und Tragik des Lebens wiederherstellen, man solle
- 7:12genau auf den gewaltigen Nachdruck achten, mit dem er in
- 7:15seinem alten Text den Begriff der tragischen Gesinnung
- 7:18einführt, die ganze Schrift sei voller solch weltbewegender
- 7:21Bedeutungen, er nennt dies die fremdartigste Art von
- 7:24Objektivität, die man sich überhaupt vorstellen kann.
- 7:28Seine eigene unerschütterliche innere Gewissheit darüber, wer
- 7:32er wirklich ist, warf er einfach wie ein Lichtbild auf die völlig
- 7:35zufällige Realität des Komponisten Wagner.
- 7:39Die Wahrheit über Nietzsche selbst sprach dort aus einer
- 7:41schauerlichen tiefen Quelle, Nietzsche erwähnt auch stolz,
- 7:45dass in seinem alten Text sogar schon der feierliche Schreibstil
- 7:49seines späteren Hauptwerkes Zarathustra mit scharfer
- 7:52Sicherheit vorweggenommen und beschrieben wird.
- 7:55Er schließt diesen Abschnitt mit der Behauptung, dass man niemals
- 7:58einen großartigeren Ausdruck für das spätere geistige Ereignis
- 8:01des Buches Zarathustra finden wird, als er auf einigen Seiten
- 8:05in dieser Wagnerschrift bereits zu finden ist.
- 8:08Dieses spätere Ereignis beschreibt er als einen Akt, bei
- 8:11dem die gesamte Menschheit auf eine ungeheure Weise innerlich
- 8:14gereinigt und für etwas Höheres geweiht wird.