Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 3 - 113-119
Transcript
- 0:00Unterkapitel 113 zur Lehre von den Giften hier beschreibt
- 0:06Nietzsche, wie die verschiedenen Fähigkeiten, die für das
- 0:09wissenschaftliche Denken notwendig sind, entstanden sind.
- 0:13Er verwendet die Metapher des Giftes, alle Kräfte, die wir für
- 0:16die Wissenschaft brauchen, der Zweifelnde Trieb, der
- 0:20Verneinende trieb, der abwartende trieb, der Sammelnde
- 0:23trieb, der auflösende trieb mussten sich einzeln entwickeln.
- 0:28In dieser Vereinzelung, so sagt Nietzsche, haben sie aber oft
- 0:31wie Gifte gewirkt. Erst als sie später im
- 0:34wissenschaftlichen Denken zusammenkamen, begannen sie,
- 0:37sich gegenseitig zu beschränken und konstruktiv zu wirken,
- 0:41unzählige Menschen mussten geopfert werden, bevor diese
- 0:43Triebe lernten, in einem Menschen als eine organisierte
- 0:46Gewalt zusammenzuarbeiten. Nietzsche blickt dann in die
- 0:50Zukunft und stellt fest, dass wir noch weit davon entfernt
- 0:53sind, dass sich zum wissenschaftlichen Denken auch
- 0:56noch die künstlerischen Kräfte und die praktische
- 0:58Lebensweisheit hinzufügen. Es muss erst ein höheres
- 1:02organisches System entstehen im Vergleich zu diesem zukünftigen
- 1:06ganzheitlichen Menschen würden unsere heutigen gelehrten,
- 1:09Ärzte, Künstler und Gesetzgeber nur wie dürftige Altertümer
- 1:12aussehen, Unterkapitel 114. Umfang des Moralischen dieses
- 1:21sehr kurze Kapitel macht eine tiefgreifende Aussage darüber,
- 1:24wie wir die Welt wahrnehmen. Nietzsche behauptet, dass es für
- 1:28uns gar keine anderen als moralische Erlebnisse gibt,
- 1:31selbst im Bereich der reinen Sinneswahrnehmung, wenn wir ein
- 1:35neues Bild sehen, konstruieren wir es sofort mit Hilfe all
- 1:38unserer alten Erfahrungen, wie wir das tun, hängt davon ab, wie
- 1:42ehrlich und gerecht wir sind. Das bedeutet, dass unsere
- 1:45Wahrnehmung niemals neutral ist. Sie ist immer schon von unseren
- 1:49Werten und moralischen Urteilen geprägt.
- 1:52Wir sehen die Welt nicht, wie sie an sich ist, sondern immer
- 1:56schon durch die Brille unserer Moral.
- 1:59Unterkapitel 115 die 4 Irrtümer hier fasst Nietzsche die
- 2:06zentralen Irrtümer zusammen, durch die der Mensch erzogen
- 2:09wurde. Ohne diese Irrtümer, so seine
- 2:12provokante These, gäbe es das, was wir heute als Humanität und
- 2:16Menschenwürde bezeichnen, gar nicht.
- 2:19Die 4 großen Irrtümer sind der Mensch sah sich immer nur
- 2:23unvollständig, er verstand seine eigene Komplexität und seine
- 2:27Triebe nicht, er dachte sich erfundene Eigenschaften aus, die
- 2:30er angeblich besaß, zum Beispiel eine unsterbliche Seele oder
- 2:34einen freien Willen, er fühlte sich in einer falschen
- 2:38Rangordnung zur Tierwelt. Und zur Natur.
- 2:41Er sah sich als Krone der Schöpfung, als etwas fundamental
- 2:45anderes und höherwertiges, er erfand immer neue Wertetafeln,
- 2:50also neue Moralsysteme, und hielt diese für ewig und
- 2:53unbedingt gültig. Dadurch wurden abwechselnd
- 2:57verschiedene menschliche Triebe und Zustände an die erste Stelle
- 3:00gesetzt und veredelt, wenn man die Wirkung dieser 4 Irrtümer
- 3:04aus der Geschichte wegdenkt, so rechnet man damit auch die
- 3:07Menschlichkeit. Und die Menschenwürde weg.
- 3:10Diese Werte sind also nicht aus der Erkenntnis der Wahrheit
- 3:13entstanden, sondern aus einem jahrtausendelangen Prozess des
- 3:17Sichirrens Unterkapitel 116 der Herdeninstinkt in diesem Kapitel
- 3:26erklärt Nietzsche den Ursprung der Moral.
- 3:28Er führt sie auf den Herdeninstinkt zurück, wo immer
- 3:32wir eine Moral finden, so Nietzsche.
- 3:34Finden wir eine Bewertung und eine Rangordnung von
- 3:37menschlichen Trieben und Handlungen.
- 3:39Diese Bewertungen sind immer der Ausdruck der Bedürfnisse einer
- 3:42Gemeinschaft und einer Herde, das, was der Herde am meisten
- 3:46nützt, wird als oberster Maßstab für den Wert jedes Einzelnen
- 3:49angesehen. Durch die Moral wird der
- 3:52Einzelne dazu angeleitet, eine Funktion der Herde zu sein und
- 3:55sich nur als Funktion einen Wert zuzuschreiben.
- 3:59Weil die Bedingungen für das Überleben einer Gemeinschaft
- 4:02sich von denen einer anderen stark unterscheiden, gab es in
- 4:05der Geschichte auch sehr verschiedene Moralsysteme mit
- 4:08Blick auf die Zukunft prophezeit Nietzsche, dass es noch viele
- 4:11weitere sehr abweichende Moralen geben wird, da sich die
- 4:15Gemeinschaften und Staaten weiter verändern werden.
- 4:18Sein Fazit ist, Moralität ist Herdeninstinkt im Einzelnen, das
- 4:23bedeutet das, was wir als unser innerstes Gewissen und unsere
- 4:27Moral empfinden. Ist in Wahrheit der
- 4:29Verinnerlichte Überlebenswille der Gruppe, in der wir
- 4:32aufgewachsen sind, unter Kapitel 117 der Herden Gewissensbiss in
- 4:41diesem Abschnitt erklärt Nietzsche, dass unser heutiges
- 4:43Verständnis von Gewissen und persönlicher Verantwortung
- 4:46völlig anders ist als das, was die Menschen über Jahrtausende
- 4:49hinweg empfunden haben. Heute sind wir stolz darauf, für
- 4:53unsere eigenen Entscheidungen und Taten verantwortlich zu
- 4:56sein. Unser Rechtssystem basiert auf
- 4:59der Idee, dass jeder einzelne ein eigenständiges Individuum
- 5:02ist. Doch das war, so Nietzsche, die
- 5:06längste Zeit der Menschheitsgeschichte ganz
- 5:08anders. Früher war das Furchtbarste, was
- 5:11einem Menschen passieren konnte, allein zu sein, ein Individuum
- 5:17allein zu sein, eigene Gefühle zu haben, nicht zu gehorchen,
- 5:22aber auch nicht zu herrschen, galt nicht als erstrebenswert,
- 5:25sondern als eine Strafe. Wer als einzelner Hervorstach,
- 5:29wurde quasi verurteilt, ein Individuum zu sein.
- 5:33Freiheit im Denken war damals kein Ideal, sondern wurde als
- 5:37reines Unbehagen empfunden, während wir heute Gesetze und
- 5:41regeln oft als Einschränkung empfinden, war es früher der
- 5:44Egoismus, also das Handeln aus eigenem Antrieb, der als eine
- 5:48schreckliche Last und als Notsituation galt, sich selbst
- 5:52nach eigenen Maßstäben zu bewerten, widersprach dem
- 5:54Geschmack der damaligen Zeit. Eine solche Neigung wäre als
- 5:58Wahnsinn angesehen worden, denn Alleinsein war untrennbar mit
- 6:02Angst und Elend verbunden. Nietzsche führt hier den Begriff
- 6:06des freien Willens ein und sagt, dass dieser früher eng mit einem
- 6:10schlechten Gewissen verknüpft war.
- 6:12Je unfreier eine Handlung war, also je mehr sie dem Instinkt
- 6:15der Gruppe, dem Herdeninstinkt entsprach und nicht dem
- 6:19persönlichen Willen, desto moralischer wurde sie bewertet,
- 6:23ein schlechtes Gewissen hatte man damals.
- 6:25Wenn man der Gemeinschaft schadete, egal ob man es wollte
- 6:28oder nicht, dieses Gefühl betraf nicht nur den Einzelnen, sondern
- 6:33auch seine Nachbarn und die gesamte Herde.
- 6:36Nietzsches Fazit lautet, In diesem Punkt haben wir uns von
- 6:39Grund auf verändert, unser heutiges Verständnis von Moral
- 6:43und Gewissen ist das genaue Gegenteil von dem, was es die
- 6:46längste Zeit der Menschheit war. Unterkapitel 118 das Wohlwollen.
- 6:55Hier untersucht Nietzsche den Begriff Wohlwollen und teilt ihn
- 6:58in 2 unterschiedliche Triebe auf, die von der Position des
- 7:02stärkeren oder des Schwächeren abhängen.
- 7:05Er beginnt mit einer Analogie aus der Biologie ist es
- 7:08tugendhaft, wenn eine einfache Zelle sich in eine stärkere,
- 7:11komplexere Zelle verwandelt, sie muss es tun, um zu überleben,
- 7:15und ist es böse, wenn die stärkere Zelle die Schwächere
- 7:18aufnimmt und in sich integriert. Auch das muss sie tun, denn sie
- 7:23strebt nach Wachstum und Regeneration.
- 7:26Daraus leitet Nietzsche 2 Arten des Wohlwollens ab, der
- 7:30Aneignungstrieb dies ist das Wohlwollen des stärkeren, er
- 7:34empfindet Freude und den Wunsch, etwas oder jemanden in seine
- 7:37eigene Funktion zu integrieren und zu Formen der
- 7:41Unterwerfungstrieb dies ist das Wohlwollen des schwächeren, er
- 7:45empfindet die Freude und den Wunsch, selbst zu einer Funktion
- 7:48für jemand stärkeren zu werden. Und sich unterzuordnen.
- 7:52Nietzsche erklärt, dass Mitleid im Wesentlichen die erste Form
- 7:55ist, eine angenehme Regung des Aneignungstriebs beim Anblick
- 7:59eines schwächeren, man möchte dem Schwächeren helfen, ihn
- 8:03aufnehmen und ihm einen Platz im eigenen System geben.
- 8:06Wichtig ist ihm dabei der Hinweis, dass die Begriffe stark
- 8:10und schwach immer relativ sind, niemand ist absolut stark oder
- 8:14absolut schwach, es kommt immer auf die jeweilige Situation und
- 8:18den Vergleich an. Wohlwollen ist also kein reiner,
- 8:22selbstloser Akt, sondern entspringt immer einem dieser
- 8:25beiden grundlegenden Triebe. Unterkapitel 119 kein Altruismus
- 8:34in diesem kurzen, aber prägnanten Kapitel widerspricht
- 8:37Nietzsche der Idee des reinen, selbstlosen Handelns, des
- 8:40Altruismus. Er beobachtet, dass viele
- 8:43Menschen einen Überschuss an Kraft und den starken Inneren
- 8:46Drang haben, eine Funktion für etwas oder jemanden zu sein.
- 8:51Sie suchen förmlich nach Stellen, an denen sie nützlich
- 8:53sein und ihre Energie einsetzen können.
- 8:56Als Beispiel nennt er Frauen, die sich in die Funktion eines
- 8:59Mannes verwandeln, der vielleicht in bestimmten
- 9:01Lebensbereichen schwach ist. Sie werden dann zu seiner
- 9:04finanziellen Stütze, helfen ihm in der Politik oder organisieren
- 9:08sein soziales Leben. Sie übernehmen also eine Rolle,
- 9:12die der Mann selbst nicht ausfüllt.
- 9:14Solche Menschen Sunnitsche finden ihre Erfüllung und
- 9:17erhalten sich am besten, wenn sie sich in einen fremden
- 9:20Organismus einfügen und dort eine Funktion übernehmen.
- 9:24Wenn Ihnen das jedoch nicht gelingt, wenn sie keine solche
- 9:27Rolle finden, werden sie ärgerlich, gereizt und
- 9:31destruktiv, sie fangen dann an, sich selbst aufzufressen, weil
- 9:35ihre überschüssige Kraft keinen Kanal findet.
- 9:38Was also oft als selbstloser Dienst am nächsten als
- 9:41Altruismus erscheint, ist für Nietzsche in Wahrheit ein tiefes
- 9:45inneres Bedürfnis, eine Funktion zu sein.
- 9:49Es ist kein Selbstloses geben, sondern das Ausleben eines
- 9:52starken inneren Antriebs.