Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Sechstes Hauptstück - 356-366
Transcript
- 0:00Unterkapitel 356 der Parasit in diesem Unterkapitel beschreibt
- 0:07Nietzsche den Charaktertypus des Paradabis Parasiten.
- 0:10Ein Parasit ist in diesem Zusammenhang ein Mensch, der
- 0:13lieber abhängig von anderen lebt und sich aushalten lässt,
- 0:16anstatt selbst zu arbeiten. Solche Menschen leben auf Kosten
- 0:19anderer, oft verbunden mit einer heimlichen Wut auf diejenigen,
- 0:23von denen sie abhängig sind. Nietzsche urteilt, dass dies ein
- 0:27Zeichen für einen völligen Mangel an vornehmer Gesinnung
- 0:29ist. Es fehlt diesen Menschen an
- 0:31Stolz und Unabhängigkeit. Er fügt hinzu, dass diese
- 0:35Haltung historisch gesehen bei Frauen häufiger vorkam als bei
- 0:37Männern, aber er entschuldigt dies auch sofort.
- 0:41Bei Frauen sei dieses Verhalten aufgrund der geschichtlichen
- 0:44Umstände und ihrer Stellung in der Gesellschaft viel
- 0:46Verzeihlicher als bei Männern. Unterkapitel 357 auf dem Altar
- 0:53der Versöhnung. Nietzsche beschreibt hier eine
- 0:57psychologische Strategie, um Frieden mit einem Feind zu
- 1:00schließen. Es gibt Situationen, in denen
- 1:03wir etwas von einem anderen Menschen erreichen wollen,
- 1:06diesen aber vorher beleidigt oder zum Feind gemacht haben,
- 1:10das Gefühl, einen Feind zu haben, belastet uns.
- 1:13Um dieses Problem zu lösen, nutzen wir oft die erste
- 1:16Gelegenheit, bei der der andere eine mildere Stimmung zeigt, um
- 1:20die Versöhnung herbeizuführen, sind wir bereit, ein Opfer zu
- 1:22bringen. Nietzsche nennt das bildlich auf
- 1:26dem Altar der Versöhnung opfern. Das Opfer besteht darin, dass
- 1:30wir genau die Sache aufgeben, die uns früher so wichtig war,
- 1:33dass wir sie um keinen Preis hergeben wollten.
- 1:36Wir verzichten also auf etwas Wichtiges, nur um den Streit zu
- 1:39beenden und den anderen wieder für uns zu gewinnen.
- 1:43Unterkapitel 358 Mitleid fordern als Zeichen der Anmaßung.
- 1:50Hier analysiert Nietzsche das Verhalten von Menschen, die im
- 1:53Zorn andere beleidigen. Er beschreibt Menschen, die
- 1:56erstens erwarten, dass man ihnen ihre Wutausbrüche nicht übel
- 1:59nimmt, zweitens verlangen diese Menschen sogar noch Mitleid von
- 2:03ihren Opfern, sie argumentieren, dass sie Mitleid verdienen, weil
- 2:07sie ihren heftigen Gefühlen so hilflos ausgeliefert sind,
- 2:10Nietzsche nennt dies eine extreme Form der menschlichen
- 2:12Anmaßung, es ist arrogant, jemanden zu verletzen und dann
- 2:16von dieser verletzten Person auch noch zu verlangen, die
- 2:19Situation zu verstehen. Und den Täter zu bedauern,
- 2:22anstatt wütend zu sein. Unterkapitel 359 Köder Nietzsche
- 2:30greift das Sprichwort Jeder Mensch hat seinen Preis auf und
- 2:34wandelt es ab. Er sagt, jeder Mensch hat seinen
- 2:37Köder, das bedeutet, dass man jeden Menschen für eine Sache
- 2:41gewinnen kann, wenn man nur den richtigen Anreiz findet.
- 2:45Nietzsche unterscheidet dabei nicht zwischen guten und
- 2:47schlechten Menschen. Sondern nur in der Art des
- 2:50Köders, um manche Menschen für eine Sache zu gewinnen, muss man
- 2:54der Sache einen moralischen Glanz verleihen, man muss die
- 2:57Sache als menschenfreundlich, edel, mildtätig oder aufopfernd
- 3:02darstellen, das ist der Köder für die Seelen dieser Menschen,
- 3:06sie beißen an, weil es ihrer Eitelkeit schmeichelt, gut und
- 3:10edel zu erscheinen, das ist Sunnitsche, die Ernäscherei
- 3:14ihrer Seele, also die Süßigkeit, der sie nicht widerstehen
- 3:18können. Andere Menschen brauchen andere,
- 3:21vielleicht materiellere Köder, Unterkapitel, 360 Verhalten beim
- 3:27Lobe in diesem Abschnitt geht es um talentierte oder begabte
- 3:32Menschen und wie sie auf Lob reagieren, wenn gute Freunde
- 3:36einen begabten Menschen loben, zeigt dieser sich oft höflich
- 3:39und erfreut, er tut so, als würde ihm das Lob viel bedeuten.
- 3:43Nietzsche enthüllt jedoch, dass dies oft nur eine Maske ist.
- 3:47In Wahrheit ist dem Begabten das Lob ziemlich gleichgültig.
- 3:51Sein wahres Wesen ist träge gegenüber der Meinung anderer,
- 3:55er ruht in sich selbst wie jemand, der faul in der Sonne
- 3:58oder im Schatten liegt und sich nicht bewegen will.
- 4:01Dass er dennoch Freude zeigt, tut er nur den Freunden zuliebe,
- 4:05er weiß, dass die Freunde ihm mit dem Lob eine Freude machen
- 4:08wollten und er möchte sie nicht enttäuschen oder traurig machen,
- 4:12indem er zeigt, dass ihm ihr Lob eigentlich egal ist.
- 4:17Unterkapitel 361 die Erfahrung des Sokrates Nietzsche bezieht
- 4:24sich hier auf den antiken Philosophen Sokrates.
- 4:27Die Beobachtung ist folgende, wenn jemand in einer bestimmten
- 4:30Sache ein absoluter Meister oder Experte geworden ist, führt das
- 4:34oft dazu, dass er in den meisten anderen Dingen ein Stümper, also
- 4:37unfähig bleibt. Das Problem, das Nietzsche
- 4:40beschreibt, ist jedoch die Selbstwahrnehmung dieser
- 4:43Experten, sie urteilen oft genau umgekehrt.
- 4:47Weil sie in einem Bereich genial sind, glauben sie
- 4:49fälschlicherweise, sie hätten auch in allen anderen Bereichen
- 4:52Ahnung und könnten überall mitreden.
- 4:55Sokrates machte bereits die Erfahrung, dass der Umgang mit
- 4:58solchen Meistern sehr unangenehm ist, weil ihre
- 5:01Selbstüberschätzung in Bereichen, von denen sie nichts
- 5:03verstehen, nur schwer zu ertragen ist.
- 5:07Unterkapitel 362 Mittel der Vertierung.
- 5:13Hier spricht Nietzsche darüber, was passiert, wenn man gegen
- 5:16Dummheit oder primitive Menschen kämpfen muss.
- 5:19Er warnt davor, dass selbst die Sanftesten und friedlichsten
- 5:22Menschen brutal werden können, wenn sie sich lange mit der
- 5:25Dummheit auseinandersetzen müssen.
- 5:27Der Grund ist die Notwehr, wenn man gegen eine dumme Stirn
- 5:31argumentieren muss, helfen keine feinen Worte oder klugen
- 5:35Argumente. Das einzige Argument, das
- 5:37verstanden wird, ist die geballte Faust, also Gewalt oder
- 5:41Grobheit. Nietzsche nennt das den rechten
- 5:44Weg der Verteidigung in dieser Situation, aber er weist auf den
- 5:48Preis hin, da der sanfte Charakter diese Brutalität
- 5:51eigentlich nicht in sich hat, leidet er darunter, er muss sich
- 5:55selbst verleugnen und vertieren, also wie ein Tier werden, um in
- 5:59diesem Kampf zu bestehen. Das Leiden entsteht dadurch,
- 6:02dass er Mittel anwenden muss, die ihm eigentlich zuwider sind,
- 6:07Unterkapitel, 363, Neugierde. Nietzsche entlarvt in diesem
- 6:15Abschnitt die wahre Motivation hinter scheinbar guten Taten.
- 6:19Er behauptet, dass wir uns oft nur deshalb um das wohl anderer
- 6:22kümmern, weil wir neugierig sind, wenn wir keine Neugierde
- 6:26hätten, würden wir uns viel weniger um unsere Mitmenschen
- 6:28scheren. Die Neugierde tarnt sich jedoch
- 6:31geschickt, sie schleicht sich in das Haus des unglücklichen oder
- 6:35Bedürftigen unter den Deckmantel der Pflicht oder des Mitleids
- 6:38Chua Mitleids. Wir sagen also, wir helfen aus
- 6:41Pflichtgefühl, aber in Wahrheit treibt uns oft der Wunsch an,
- 6:44etwas neues, Aufregendes oder Intimes über das Leben anderer
- 6:48zu erfahren. Nietzsche geht sogar soweit zu
- 6:50vermuten, dass selbst in der Vielgepriesenen Mutterliebe ein
- 6:53großes Stück dieser Neugierde steckt.
- 6:57Unterkapitel 364, Verrechnung in der Gesellschaft dieser
- 7:04Abschnitt beschreibt ein gesellschaftliches
- 7:05Missverständnis, wenn verschiedene Menschen
- 7:08zusammenkommen. Hat jeder seine eigenen Wünsche
- 7:11und Erwartungen. Einer möchte durch seine Urteile
- 7:14interessant wirken, ein anderer möchte seine Vorlieben zeigen,
- 7:18ein dritter sucht Kontakte, ein Vierter Will seiner Einsamkeit
- 7:21entfliehen. Nietzsche sagt, dass sie sich
- 7:24alle verrechnen, das bedeutet, jeder ist so sehr mit sich
- 7:28selbst und seiner eigenen Rolle beschäftigt, dass er die anderen
- 7:32gar nicht richtig wahrnimmt. Besonders deutlich wird das bei
- 7:35jemandem, vor dem ein Schauspiel aufgeführt wird, also jemand,
- 7:39der beeindruckt werden soll. Dieser Mensch denkt nämlich
- 7:42nicht an die Darbietung des anderen, sondern hält sich
- 7:44selbst für die wichtigste Person und das eigentliche Wort
- 7:47Schauspiel. Jeder ist in der Gesellschaft
- 7:50auf sich selbst fixiert, was dazu führt, dass die
- 7:52gegenseitigen Absichten ins Leere laufen.
- 7:56Unterkapitel 365 Duell. Nietzsche spricht hier über das
- 8:03Duell, also den Zweikampf zur Ehrenrettung, der im 19.
- 8:06Jahrhundert noch verbreitet war. Er verteidigt das Duell mit
- 8:10einer interessanten Begründung, er sagt, Es gibt Menschen mit
- 8:14einem extrem reizbaren Ehrgefühl, für solche Menschen
- 8:17ist die Vorstellung, dass jemand schlecht über sie spricht oder
- 8:20denkt, so unerträglich, dass sie nicht mehr leben wollen.
- 8:24Für diese Menschen ist das Duell ein Recht, es gibt ihnen die
- 8:28Möglichkeit, die Sache auf Leben und Tod zu klären.
- 8:31Nietzsche sieht das Duell als eine Art Ventil oder Institution
- 8:35ohne das geregelte Duell würden solche extrem empfindlichen
- 8:38Menschen vielleicht zu heimlichen Mördern werden, um
- 8:40ihre Ehre wiederherzustellen. Das Duell macht aus einem
- 8:44möglichen Mord einen geregelten Kampf mit gleichen Waffen, zudem
- 8:49hat das Duell einen erzieherischen Effekt, da man
- 8:51weiß, dass eine Beleidigung tödliche Folgen haben kann,
- 8:54werden die Menschen vorsichtiger in ihren Äußerungen.
- 8:57Es zwingt die Menschen zur Höflichkeit und ermöglicht so
- 9:00erst den gesellschaftlichen Umgang miteinander.
- 9:03Nietzsche sieht darin einen Erbe vergangener Zeiten, in denen
- 9:06Größe oft mit Übertreibung einherging, Unterkapitel, 366,
- 9:13Vornehmheit und Dankbarkeit. Zum Schluss dieses Abschnitts
- 9:19unterscheidet Nietzsche zwischen vornehmen Seelen und niederen
- 9:22Seelen im Bezug auf Dankbarkeit. Eine vornehme, also edle Seele
- 9:27hat kein Problem damit, Dankbarkeit zu zeigen.
- 9:30Sie fühlt sich gerne verpflichtet, wenn sich eine
- 9:32Gelegenheit bietet, Danke zu sagen oder sich erkenntlich zu
- 9:36zeigen, tut sie das gelassen und ohne Angst.
- 9:39Eine niedere Seele hingegen sträubt sich gegen Dankbarkeit,
- 9:43sie empfindet es als unangenehm, jemandem etwas schuldig zu sein
- 9:47oder verpflichtet zu werden, wenn sie dann doch Dankbarkeit
- 9:50zeigen muss, übertreibt sie oft maßlos und wirkt dabei sehr
- 9:54beflissen. Also übereifrig.
- 9:57Nietzsche erklärt dies damit, dass Menschen von niederer
- 9:59Herkunft oder in gedrückter Stellung, die es nicht gewohnt
- 10:03sind, Gutes zu empfangen, eine erwiesene Gunst als etwas
- 10:06Ungeheuerliches, fast wie ein Wunder von Gnade empfinden, was
- 10:10sie völlig aus dem Gleichgewicht bringt.
- 10:12Die vornehme Seele hingegen sieht geben und nehmen als etwas
- 10:16Natürliches an.