Latest / Anonym Suchthilfe – KI-gestützte Selbsthilfe / Recovery Tagebuch: 7 Tage Clean - Zwischen Teufeln und Engeln
Transcript
- 0:00Hallo und herzlich Willkommen hier bei uns.
- 0:02Ich freue mich riesig, dass du heute wieder da bist, um dir
- 0:04Zeit für dich und ja, wichtige Themen zu nehmen.
- 0:08Heute wird es sehr persönlich, wir schauen uns einen Recovery
- 0:11Tagebucheintrag von Gabriel Malz an, dem Gründer von Neelix
- 0:15Berlin, der Eintrag heißt Recovery Tagebuch, 7 Tage Clean
- 0:20zwischen Teufeln und Engeln, es geht um die allerersten echt
- 0:24wackeligen Tage nach einem schweren Rückfall.
- 0:27Wir wollen heute zusammen so ein bisschen beleuchten, was da
- 0:30abgeht. Die brutale Ehrlichkeit, die
- 0:32Kämpfe, die fallen wie Verhaltenssüchte und auch, was
- 0:36wirklich hilft, und das ist wichtig zu verstehen.
- 0:40Gabriel, der das geschrieben hat und nilix Berlin macht, ist
- 0:43selbst tief betroffen von sucht und psychischen Themen, er teilt
- 0:47das alles sehr offen auf seiner Webseite, ja, um eine echte
- 0:50Verbindung zu dir aufzubauen und zu zeigen, Hey, du bist mit so
- 0:54einem Scheiß nicht allein. Seine Offenheit ist die Basis
- 0:56für das, was wir jetzt besprechen.
- 0:58Also steigen wir mal ein Gabriel, schreibt er 7 Tage und
- 1:0211 Stunden clean, und er merkt, was es fühlt, sich anders in der
- 1:07Birne an, sagt er, mehr reguliert.
- 1:11Der Wunsch, Clean zu sein, ist diesmal irgendwie stärker.
- 1:14Mhm. Dieses Gefühl, dass es anders
- 1:16ist, so nach 3 bis 7 Tagen, das ist oft n ja n erstes gutes
- 1:23Zeichen. Biochemisch tut sich da was.
- 1:25Die Neurotransmitter im Gehirn, also Dopamin für Belohnung,
- 1:29Serotonin für die Stimmung, die fangen ganz langsam an, sich
- 1:32wieder einzupendeln, das Gehirn kommt so n bisschen aus dem
- 1:35akuten Krisenmodus raus. OK, das erklärt dieses Gefühl.
- 1:39Aber der Weg zu diesen 7 Tagen war echt hart.
- 1:41Davor war er fast 4 Monate clean, das war für ihn ein
- 1:45Rekord, aber er sagt rückblickend, er hat das mit
- 1:48exzessivem Programmieren kompensiert, also eine
- 1:51klassische Arbeitssucht quasi, ja.
- 1:54Suchtverlagerung das sehen wir extrem oft.
- 1:56Und dieser kleine Rückfall danach, der war dann der Anfang
- 1:59vom totalen Absturz, lang und schwer.
- 2:02Genau. Man schätzt, dass so 40 bis 60%
- 2:05der Menschen in der Genesung solche Kompensatorischen
- 2:09Verhaltenssüchte entwickeln. Das Belohnungssystem im Gehirn
- 2:14ist ja noch. Na ja, entweder auf Hochtouren
- 2:17oder auf Entzug geeicht. Es sucht halt nach Ersatz,
- 2:21Arbeit, Essen, Sport, zocken, irgendwas was Erleichterung oder
- 2:25n Kick gebt. Krass.
- 2:28Und dann hat er auch noch heftigste Warnsignale ignoriert,
- 2:32diagnostizierte Hirnschläge wegen dem Konsum.
- 2:35Man denkt ja spätestens dann. Ja, das ist medizinisch gesehen
- 2:39natürlich absolut dramatisch. Stimulanzien wie Koks oder
- 2:43Amphetamine, die erhöhen das Schlaganfallrisiko massiv, also
- 2:48um das 6 bis siebenfache. Dass der Konsum dann trotzdem
- 2:51weitergeht, das zeigt einfach, wie brutal die sucht
- 2:55grundlegende Überlebensinstinkte ausschalten kann, der Zwang ist
- 2:59stärker als die Angst vor dem Tod, echt heftig.
- 3:02Und dieser Zwang, der zeigt sich auch, als er mit einem guten
- 3:05Freund wieder rückfällig wird. Die hatten eigentlich klare
- 3:08Regeln, um sich gegenseitig zu schützen.
- 3:11Vorher anrufen, auflegen, wenn einer drauf ist.
- 3:14Wartezeit diesmal alles über Bord geworfen.
- 3:18Oh je. Täglicher Konsum, Kokain,
- 3:22Amphetamin, Pillen, Gras, Bier, alles durcheinander und das
- 3:27paradoxe, Sie haben dabei wohl reflektierte Gespräche geführt,
- 3:31wussten beide, wir wollen das eigentlich nicht, aber wir
- 3:34schaffen die Bremse nicht. Puh.
- 3:37Das ist der soziale Ansteckungseffekt in seiner, ja
- 3:40gefährlichsten Form. Das Risiko für einen Rückfall
- 3:43steigt halt enorm, wenn enge Freunde konsumieren, so n Buddy
- 3:47System, das funktioniert nur, wenn die Regeln knallhart
- 3:49eingehalten werden, wenn die Weg sind, dann kann diese
- 3:53gegenseitige Bestätigung im Konsum ja fatal sein.
- 3:57Und der Freund stellt Gabriel dann diese eine Frage, die
- 4:00wahrscheinlich viele Angehörige umtreibt.
- 4:03Du hast doch eigentlich alles Kinder, die du sehen willst.
- 4:07Dein Talent beim Programmieren, beim Helfen du hast jemanden,
- 4:10der dich liebt und unterstützen würde.
- 4:12Warum zum Teufel konsumierst du trotzdem?
- 4:16Gabriels Antwort darauf ist schonungslos, er sagt, es ist
- 4:20keine bewusste Wahl mehr, er beschreibt das als Kampf von 2
- 4:24Teufeln, die da aufeinander treffen, Teufel 1 das sind die
- 4:28emotionalen Angriffe von innen, also Trauer, Wut, Ärger,
- 4:32Enttäuschung. Und Teufel 2?
- 4:34Das sind externe Trigger oder einfach die Verfügbarkeit.
- 4:37Alte Kontakte melden sich, Stoff wird angeboten, das scheint dann
- 4:41die Lösung zu sein und diese Argumente, die fressen sich dann
- 4:45richtig ins Gehirn, sagt er mit dem Gedanken, ich muss das jetzt
- 4:49tun, um das hier auszuhalten, um nicht qualvoll zu sterben, ohne
- 4:54wenigstens noch einen letzten Rausch gehabt zu haben.
- 4:57Ja, diese Teufelmetapher, die beschreibt eigentlich sehr gut,
- 5:00was da neurobiologisch passiert. Emotionaler Schmerz also,
- 5:04Trauer, Wut, das aktiviert das limbische System unser
- 5:08Emotionszentrum sehr stark, und gleichzeitig kapern dann
- 5:12suchttrigger, also der Anblick von Drogen, bestimmte Leute,
- 5:16Orte, das Belohnungssystem und unter diesem Doppelstress da
- 5:21wird der präfrontale Cortex, der ist für Vernunft, Planung,
- 5:25Impulskontrolle zuständig, quasi lahmgelegt.
- 5:29Primitive Überlebensmechanismen übernehmen dann die Kontrolle.
- 5:32Das rationale Denken ist weg. Verstehe also dieser innere
- 5:36Schmerz plus der äußere Reiz, die verbünden sich quasi und
- 5:40überrennen die Vernunft das schon mal wichtig zu verstehen,
- 5:43glaube ich. Absolut.
- 5:44Und was dann oft noch dazu kommt und das Ganze verstärkt, ist die
- 5:48Isolation. Ja, genau das beschreibt Gabriel
- 5:50auch. Dieser Gedanke, die sind ohne
- 5:53mich eh besser dran. Er fühlt sich unzuverlässig.
- 5:56Als Versager, denkt er schafft es sowieso nicht, wird immer
- 5:59wieder rückfällig, will nicht, dass die anderen leiden.
- 6:02Ein klassischer Teufelskreis. Die Scham über die Sucht führt
- 6:06dazu, dass man sich zurückzieht, sich isoliert und genau diese
- 6:10Isolation, die ist wie Dünger für die sucht, soziale
- 6:13Verbindungen, Unterstützung, das sind die stärksten
- 6:16Schutzfaktoren, die wir kennen. Aber die Krankheit, die sucht,
- 6:19die redet einem genau das Gegenteil ein.
- 6:21Das ist bei ihm ja noch mal besonders schmerzhaft wegen
- 6:24seiner Familiengeschichte. Sein Vater hat sich im Konsum
- 6:28das Leben genommen, aus ähnlichen Gedanken heraus, weil
- 6:31er dachte, er würde Gabriel nie wiedersehen.
- 6:34Gabriel sagt heute, er wünscht sich, sein Vater hätte es nicht
- 6:37getan, hätte einfach nur da sein können, egal wie, aber dann,
- 6:42dann schlägt sein eigener Teufel wieder zu.
- 6:44Mit dieser Rationalisierung, ich bin erwachsen, meine Kinder sind
- 6:48jünger, bis die mal so weit sind, das zu verstehen, bin ich
- 6:51eh tot. Boah, das berührt natürlich
- 6:54dieses schwierige Feld der Intergenerationalen
- 6:56Traumaübertragung, also die Weitergabe von Belastungen über
- 7:00Generationen hinweg. Kinder aus suchtbelasteten
- 7:04Familien haben leider ein deutlich höheres Risiko, später
- 7:07selbstsuchtprobleme oder psychische Probleme zu
- 7:10entwickeln. Das hat genetische Gründe, aber
- 7:13eben auch viel mit erlernten Mustern und frühen Belastungen
- 7:16zu tun. Gabriels Dilemma zeigt diese
- 7:19Verstrickung sehr deutlich. Er macht aber einen Unterschied.
- 7:22Er sagt, als er länger clean war, also diese 34 Monate davor,
- 7:26da waren diese Teufel, diese Heitz, wie er sie nennt,
- 7:30kleiner, da hatte er mehr Kontrolle, war mehr er selbst.
- 7:34Er vermutet, dass er nach 4 Monaten die schlechten Seiten
- 7:36vom Konsum so erfolgreich verdrängt hatte, dass dann
- 7:39wieder die Lust auf Abwechslung oder so ein kurzes, gutes Gefühl
- 7:43durchkam. Das kennen wir als Euphoric
- 7:46Recall, also die selektive, oft auch verklärte Erinnerung an die
- 7:51positiven Effekte des Rausches. Gleichzeitig werden die ganzen
- 7:54negativen Konsequenzen aber ausgeblendet oder kleingeredet.
- 7:58Das ist ne typische Falle, gerade wenn man schon länger
- 8:01abstinent war. Das Gehirn fängt an, den Konsum
- 8:04zu romantisieren. Und dann diese Sache mit dem
- 8:07Potenzial. Die Frage vom Kumpel, du kannst
- 8:10doch so viel Programmieren helfen.
- 8:13Gabriel gibt zu, er dachte am Anfang wirklich, der Stoff
- 8:16steigert seine Leistung beim Programmieren, aber er sieht
- 8:19jetzt klar es war totales Chaos, hat Fehler produziert, sich in
- 8:24seiner eigenen KI Welt aus Codes verloren.
- 8:27Ja, dieser Mythos der Leistungssteigerung durch
- 8:29Stimulantien. Er beschreibt krasse
- 8:31Programmiermarathons tagelang wach, maximal 23 Stunden,
- 8:35Ruhephasen, Haartechno auf den Kopfhörern programmiert bis zur
- 8:39visuellen Störung. Er sagt, er hat am Ende nur noch
- 8:42kyrillisch gesehen, oha, und dann das Erwachen, danach,
- 8:46Kopfhörer ab, Stille, die Sonne schallt wie in einer fremden
- 8:50Welt, weil er alles ausgeblendet hatte, die Probleme, die
- 8:54körperlichen Beschwerden. Den Traumatisierenden kurz Knast
- 8:57Aufenthalt, Beziehungsprobleme, die extra nur auch rückfällig,
- 9:00er nennt es Rückfallsucht die Pleite der leere Kühlschrank,
- 9:04die Nachrichtenflut auf dem Handy, alles auf einmal da.
- 9:08Stimulantien können kurzfristig so nen Hyperfokus erzeugen, das
- 9:13stimmt, aber das kippt eben ganz schnell in kognitive
- 9:16Erschöpfung, Realitätsverlust, Selbstüberschätzung,
- 9:20Fehleranfälligkeit. Visuelle Störungen, wie er sie
- 9:24beschreibt, sind typische Symptome einer Überdosierung
- 9:27oder extremer Übermüdung. Und dieses Ausblenden, das ist
- 9:31ne Art dissoziative Bewältigung n Schutzmechanismus des Gehirns
- 9:35bei totaler Überforderung. Es schaltet quasi ab,
- 9:39kurzfristig schützt das vielleicht, aber langfristig
- 9:41wird alles nur schlimmer, weil die Realität einen ja doch einen
- 9:44holt und die Probleme werden größer.
- 9:46Das Ganze führte dann ja auch zum totalen Zusammenbruch,
- 9:49körperlich und mental am Ende. Todesangst bei jedem Gang zur
- 9:54Toilette, schreibt er. Und dann kam noch ne
- 9:56Lebensmittelvergiftung oben drauf.
- 9:58Nach Tagen ohne richtiges Essen hat er von nem besorgten Kumpel
- 10:01einen Pesto Salat bekommen, der roch schon komisch aber er
- 10:04dachte ach meine Nase ist eh kaputt vom Zeug, das bildest du
- 10:08dir ein, kannst gegessen heftiges Erbrechen, danach nur
- 10:12noch Magensäure, dann 2 Tage im Bett, Schweißausbrüche, Fieber,
- 10:16Magenschmerzen völlig fertig und jetzt kommt das wirklich
- 10:19erschütternde. Selbst in diesem Zustand war der
- 10:22Gedanke da, im Wohnzimmer liegt noch Stoff, sobald es dir nur
- 10:26ein kleines bisschen besser geht, kannst du dich damit
- 10:28erholen. Ins Krankenhaus wollte er nicht,
- 10:31er verweist da auf andere Berichte, wo er extrem negative
- 10:33Erfahrung gemacht hat. Ja, das das zeigt wirklich die
- 10:38ganze zerstörerische Macht der Sucht selbst eine
- 10:42lebensbedrohliche Situation wie eine schwere
- 10:44Lebensmittelvergiftung wird im Kopf umgedeutet.
- 10:47Wird zu einem weiteren Grund konsumieren zu wollen oder zu
- 10:50müssen. Das ist n klares Zeichen für
- 10:53eine schwere neurologische Dysregulation.
- 10:56Das Hirn funktioniert einfach nicht mehr normal und die Angst
- 10:59vor dem Krankenhaus, die du erwähnst.
- 11:01Das beleuchtet eben auch diese systembarrieren negative
- 11:04Erfahrungen im Hilfesystem, sei es durch Unverständnis,
- 11:09Stigmatisierung oder schlechte Behandlung.
- 11:12Die können Menschen davon abhalten, Hilfe zu suchen,
- 11:14selbst wenn sie sie absolut dringend bräuchten.
- 11:17Das ist ein echtes Problem. Wenn dann nach so einem Crash,
- 11:21nach so einem Aufwachen aus diesem ausblenden die ganze
- 11:23Realität mit voller Wucht zurückkommt, die Schulden, die
- 11:26Probleme, die Scham, dann ist das pure Überforderung.
- 11:31Und wenn dann noch Stoff da ist oder leicht verfügbar, dann
- 11:34greift man völlig automatisiert zu, sagt er.
- 11:37Das ist keine bewusste Entscheidung mehr.
- 11:40Die Rechtfertigung im Kopf, es fühlt sich an, als säße ein
- 11:44Sumoringer auf der Brust, der einem die Luft nimmt.
- 11:46Ein Zug und der Druck lässt scheinbar für einen Moment nach.
- 11:49Das ist das Prinzip der negativen Verstärkung.
- 11:52Das wird in späteren Suchtphasen oft zum Haupttreiber.
- 11:55Es geht gar nicht mehr primär um den Kick oder die Euphorie,
- 11:58sondern darum, dem Schmerz, dem Elend, der Überforderung zu
- 12:02entkommen. Das Gehirn lernt diesen fatalen
- 12:05Mechanismus, Probleme, Überforderung, konsumieren,
- 12:09schafft scheinbar und nur ganz kurz Abhilfe, dieser Lernprozess
- 12:14brennt sich tief ein, aber. Irgendwann, schreibt er,
- 12:17funktioniert selbst das nicht mehr.
- 12:19Die Probleme bleiben ja trotzdem, werden eher größer.
- 12:21Die Toleranz ist so hoch, dass der Stoff kaum noch eine Wirkung
- 12:24zeigt, dann kommt diese quälende Frage, warum ziehe ich das Zeug
- 12:28eigentlich noch, obwohl es mir gar nichts mehr bringt?
- 12:31Ja, er beschreibt, dass er in den letzten Tagen vor dem Stopp
- 12:35wieder in einem Zustand war, der einem vorherigen Blackout
- 12:38ähnelte. Hat sich stundenlang mit seinen
- 12:40KIS gestritten, mit den Codes diskutiert, völlig weggetreten.
- 12:44Das ist oft die Endstrecke, ja enorme Toleranzentwicklung.
- 12:49Der Körper gewöhnt sich dran und gleichzeitig an Hedonie, also
- 12:53die Unfähigkeit, überhaupt noch Freude oder positive Gefühle zu
- 12:57empfinden, selbst durch den Stoff nicht mehr.
- 13:01Der Konsum wird dann paradox, man macht es weiter, obwohl es
- 13:05keine positive Wirkung mehr hat. Rein aus neurochemischer
- 13:09Gewohnheit, aus Zwang und aus Angst vor dem Entzug oder der
- 13:13Nüchternheit mit all ihren Problemen.
- 13:16Ein furchtbarer Zustand. Was war dann der Wendepunkt für
- 13:19ihn? Diesmal?
- 13:21Er erzählt, dass er als quasi letzten Akt im Konsum seinem
- 13:25Kunkel geholfen hat, in die Klinik zur Entgiftung zu kommen.
- 13:28Und dieser Akt des Helfens, der hat bei ihm selbst den nötigen
- 13:32Abstand geschaffen, damit er dann alleine den Cut machen
- 13:35konnte. Das klingt erst mal total
- 13:37paradox, weil er hätte den Klinikplatz ja selbst dringend
- 13:40gebraucht. Das ist aber gar nicht so
- 13:42ungewöhnlich, man nennt das manchmal das Helperprinciple
- 13:45oder Helferprinzip in der Recovery, also anderen zu
- 13:49helfen, das kann ein unglaublich starker Motor für die eigene
- 13:53Genesung sein. Warum?
- 13:55Es gibt Sinn, es stellt das Gefühl von Selbstwirksamkeit
- 13:58wieder her, genau das Gegenteil von dieser Ohnmacht, die man in
- 14:02der Sucht ständig spürt. Und Studien zeigen tatsächlich,
- 14:05dass helfen mit stabilerer Abstinenz korreliert.
- 14:09Und das führt uns ja direkt zu seiner Arbeit an die Lix Berlin.
- 14:13Er sagt ganz klar, das ist für ihn nicht nur Arbeit, das ist
- 14:16Selbsthilfe, das ist Therapie, er erstellt die Inhalte, die
- 14:19KIS, die Artikel primär für sich selbst, für die Momente, wo er
- 14:23sie braucht oder auch, damit andere ihn vielleicht besser
- 14:26verstehen können, dass es dann auch vielen anderen hilft oder
- 14:30sie motiviert, sich professionelle Hilfe zu suchen.
- 14:33Das ist der positive Nebeneffekt und gleichzeitig sein Antrieb.
- 14:36Er sagt Nielix Berlin ist die Ressource, die er sich früher
- 14:40selbst gewünscht hätte, und wenn er damit etwas Gutes in der Welt
- 14:43hinterlassen kann, dann bekommt sein Leben trotz allem Mist
- 14:46einen positiven Sinn. Das ist ne unglaublich starke
- 14:49Kombination. Zum einen therapeutisches
- 14:53Schreiben, das ist ja n wissenschaftlich gut belegter
- 14:56Ansatz zur Verarbeitung von schwierigen Erfahrungen, zum
- 15:00anderen Sinnfindung. Viktor Frankl hat das mit seiner
- 15:04Logotherapie beschrieben. Der Mensch braucht Sinn im
- 15:07Leben, das ist ein starker Heilungsfaktor man spricht in
- 15:11dem Zusammenhang auch von posttraumatischem Wachstum, also
- 15:15die Fähigkeit, aus einem Trauma, aus einer tiefen Krise gestärkt
- 15:19hervorzugehen. Oft geschieht das genau dadurch,
- 15:22dass man die eigene schmerzhafte Erfahrung nutzt, um anderen zu
- 15:26helfen, das kann zu sehr stabiler Genesung führen.
- 15:30Die einzige kleine Gefahr dabei ist, dass man sich im Helfen
- 15:33verliert und die eigene Recovery die eigenen Bedürfnisse
- 15:37vernachlässigt, das sogenannte Rettermotiv.
- 15:39Da muss man eine gute Balance finden.
- 15:41Ja, das klingt logisch. Und er räumt ja auch ein, dass
- 15:45weitere Schritte nötig sind, also nicht nur digitale, aber er
- 15:49sagt, er ist noch nicht so weit. Zu viele negative Erfahrungen,
- 15:53zu viel Misstrauen gegenüber Institutionen.
- 15:56Er nennt als Beispiel eine gescheiterte Therapie.
- 16:00Da musste er wiederholt Unterlagen neu einreichen, reine
- 16:03Bürokratie und dann wurde eine Kaution von 200€ gefordert.
- 16:08Seine Sicht darauf, ein Volljunkie, der gerade versucht
- 16:12clean zu werden, der hat keine 200,00€ übrig oder wenn doch,
- 16:16würde er sie wahrscheinlich eher für Stoff ausgeben.
- 16:19So eine Anforderung untergräbt den Therapiewunsch total.
- 16:22Das ist ein Paradebeispiel für Systembarrieren, über die wir
- 16:26vorhin schon kurz gesprochen haben.
- 16:28Bürokratische Hürden, finanzielle Hürden, die können
- 16:32genau die Menschen abschrecken, die Hilfe am dringendsten
- 16:35brauchen und oft am wenigsten Ressourcen haben.
- 16:38Das ist leider ein bekanntes Problem im Suchthilfesystem.
- 16:41Umso wichtiger ist dann das, was ihm jetzt in diesen ersten 7
- 16:45Tagen geholfen hat, stabil zu bleiben.
- 16:48Er beschreibt das wie ein funktionierendes Support Dreieck
- 16:51Erstens Ute vom Lotsen Netzwerk, sie ist für ihn Freundin und
- 16:56Mitarbeiterin. Sie versteht beide Perspektiven,
- 16:59die des Süchtigen und die der Angehörigen.
- 17:02Sie kann ihn sanft reflektieren, ihn fördern, kleine Schritte zu
- 17:05gehen. Er sagt auch, sie war praktisch
- 17:08überlebenswichtig, Zitat ohne sie wäre ich verhungert.
- 17:12Wow. Und er betont, wie schwer es ihm
- 17:15fällt, bei anderen so offen zu sein.
- 17:17Aus Angst vor Unverständnis oder Verurteilung.
- 17:20Bei ihr geht das. Solche Unterstützer mit dieser
- 17:24doppelten Perspektive sind Gold wert.
- 17:27Sie bringen Empathie mit, aber auch ne gewisse professionelle
- 17:30Distanz, sie können Brücken bauen, wo sonst vielleicht
- 17:33Mauern wären. Diese Angst vor Verurteilung und
- 17:36die selektive Offenheit, das ist ein verständlicher
- 17:39Schutzmechanismus, aber er isoliert eben auch
- 17:42Vertrauenspersonen wie diese. Ute können das Aufbrechen, das
- 17:46ist enorm wichtig. Die zweite Säule in seinem
- 17:49Dreieck. Die Selbsthilfegruppe er
- 17:53beschreibt sie als einen sicheren Raum, wo er genau diese
- 17:57Offenheit leben kann. Dort bekommt er positive
- 18:00Reflexion, aber auch ehrliche Kritik von Menschen, die alles
- 18:05durchhaben und kennen, auch wenn die Kritik manchmal nicht
- 18:08schmeckt, wie er sagt. Hilft sie ihm sehr, weil sie aus
- 18:12tiefem Verständnis kommt? Absolut Peer Support, also die
- 18:16Unterstützung durch andere Betroffene, ist unglaublich
- 18:19wirksam. Die gemeinsame Erfahrung
- 18:21reduziert Scham und Isolation dramatisch.
- 18:23Man muss sich nicht ständig erklären, die anderen wissen
- 18:26genau, wovon man spricht, das fördert die Abstinenz
- 18:28nachweislich. Studien zeigen bei regelmäßiger
- 18:31Teilnahme an Selbsthilfegruppen Abstinenzraten von 60 bis 80%
- 18:35das ist enorm hoch. Und die dritte Säule, die er
- 18:39nennt? Die Mission Nelix Berlin, dieser
- 18:43unglaubliche Wille, es diesmal zu schaffen und andere vor
- 18:47diesem Zug in die Hölle, wie er es nennt, zu bewahren, diese
- 18:51Sinnstiftung durch das Projekt. Wenn man das Zusammennimmt,
- 18:55individuelle professionelle Unterstützung mit viel
- 18:58Verständnis, dazu der starke Peer Support aus der
- 19:02Selbsthilfegruppe und dann noch diese klare Sinnfindung durch
- 19:06das eigene Projekt. Dann ist das ein nahezu ideales
- 19:11Unterstützungsnetzwerk. Die Forschung zeigt ganz klar
- 19:14Menschen, die mindestens 2 solcher Säulen in ihrem Leben
- 19:18haben, haben signifikant niedrigere Rückfallraten oft
- 19:22liegen die unter 30%, verglichen mit 70 bis 90% Rückfallquote bei
- 19:27denen, die wenig oder kein Netzwerk haben.
- 19:31Das scheint hier wirklich der entscheidende Faktor für die
- 19:34Stabilität dieser ersten so kritischen Woche zu sein.
- 19:37Ja, das zeigt wirklich eindrücklich.
- 19:40Genesung ist selten ein Soloakt, man braucht Unterstützung.
- 19:45Dieses Netzwerk scheint Gabriels Engel zu sein, die ihm gegen die
- 19:49Teufel helfen, er will jetzt ja auch wieder täglich im Tagebuch
- 19:52berichten, weiterhin offen und ehrlich, auch wenn es vielleicht
- 19:55nicht jedem passt. Was wir also aus diesem brutal
- 19:58ehrlichen Bericht mitnehmen können, ist vielleicht.
- 20:01Die früher Recovery ist ein echtes Minenfeld.
- 20:05Innere Dämonen, äußerer Druck, alte Muster.
- 20:08Isolation ist dabei wie Brandbeschleuniger für den
- 20:10Rückfall, aber ein gutes mehrschichtiges Netz aus
- 20:14Verständnis, geteilter Erfahrung und einem persönlichen Sinn im
- 20:18Leben, das kann den entscheidenden Unterschied
- 20:20machen, das kann Stabilität geben und genau damit verbunden
- 20:24auch der Hinweis, wenn dir diese Analyse, hier dieser Einblick
- 20:27Denkanstöße gegeben hat. Und du die Arbeit von Neelix
- 20:31Berlin wertvoll findest, dann würde sich Gabriel riesig über
- 20:34deine Unterstützung freuen oder uns hier auf den Podcast
- 20:37Plattformen wie Spotify oder Apple Podcast bewertest und
- 20:40Likest das Projekt Neelix Berlin wird komplett allein von Gabriel
- 20:44finanziert und erstellt jede Form der Unterstützung hilft ihm
- 20:48mit diesem Projekt sich selbst und gleichzeitig anderen
- 20:50Betroffenen zu helfen. Sein persönliches Motto, das ihn
- 20:54antreibt, lautet, aus allem schlechten in seinem Leben etwas
- 20:57Gutes zu machen. Vielleicht eine Frage zum
- 21:00Nachdenken für dich. Wo siehst du in deinem Umfeld
- 21:03oder vielleicht auch bei dir selbst ähnliche Dynamiken?
- 21:06Dieses Ringen mit Charme, Isolation, der Suche nach Sinn,
- 21:10das gibt es ja auch jenseits von Sucht in vielen Lebensbereichen.
- 21:14Ja vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen und zugehört hast.
- 21:16Heute war wieder sehr intensiv, pass gut auf dich auf und noch
- 21:21der wichtige Hinweis. Wenn du oder jemand, den du
- 21:24kennst, Hilfe braucht, zögere nicht.
- 21:26Wichtige Anlaufstellen wie die Sucht und Drogenhotline oder die
- 21:30Telefonseelsorge, die findest du wie immer in den Shownotes
- 21:33verlinkt, im akuten Notfall natürlich immer die 112 wählen.
- 21:37Es gibt auch viele lokale Beratungsstellen von DRK,
- 21:41Caritas, Diakonie, Paritätischem und so weiter auch dazu links in
- 21:46den Shownotes. Gabriel baut ja auch gerade auf
- 21:49nilix Berlin einen Städtebereich auf, wo man dann lokale Hilfen
- 21:53wie Selbsthilfegruppen, Therapien, Kliniken finden soll.
- 21:56Schau da auch mal rein und wie immer gilt diese Besprechung
- 22:00hier dient der Information und dem Austausch, sie ersetzt keine
- 22:03professionelle Beratung oder Therapie, hol dir bitte Hilfe,
- 22:07wenn du sie brauchst. Es gibt Menschen, die dich
- 22:09unterstützen wollen, mach es gut und bis zum nächsten Mal.