Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 2. Theil - 19 - Der Wahrsager
Transcript
- 0:00Unterkapitel 19 der Wahrsager in diesem Kapitel trifft
- 0:06Zarathustra auf eine sehr düstere Figur, die nur der
- 0:09Wahrsager genannt wird. Der Wahrsager bringt eine
- 0:13Botschaft tiefster Traurigkeit und Verzweiflung, er verkündet
- 0:17den Menschen, dass sie all ihrer Taten und Werke müde geworden
- 0:20sind, seine zentrale Lehre lautet alles ist leer, alles ist
- 0:24gleich, alles wahr. Damit drückt der Wahrsager das
- 0:28philosophische Konzept des sogenannten Nihilismus aus.
- 0:33Nihilismus ist die Überzeugung, dass das Leben absolut keinen
- 0:36Sinn, keinen Zweck und keinen echten Wert hat.
- 0:40Der Wahrsager behauptet, dass alle menschliche Arbeit völlig
- 0:43umsonst war, er benutzt dazu starke Bilder, er sagt, die
- 0:47Ernte sei verfault, die Brunnen seien ausgetrocknet und selbst
- 0:50das weite Meer habe sich zurückgezogen, die Menschen
- 0:53seien mittlerweile sogar zu müde, um zu sterben.
- 0:56Stattdessen existieren sie nur noch wie lebende Leichen in
- 0:59ihren Grabkammern. Viele Experten und Philosophen
- 1:03interpretieren diesen Wahrsager als ein Abbild des deutschen
- 1:06Philosophen Arthur Schopenhauer. Schopenhauer vertrat eine sehr
- 1:09pessimistische Weltsicht, die besagte, dass das Leben
- 1:13hauptsächlich aus Leiden besteht und es das Beste sei, sich von
- 1:16allen Wünschen und vom Leben selbst abzuwenden.
- 1:19Friedrich Nietzsche, der Autor dieses Buches, war in seiner
- 1:22Jugend stark von Schopenhauer beeinflusst.
- 1:24Kämpfte aber später in seinen eigenen Werken vehement gegen
- 1:27diese lebensverneinende Einstellung an.
- 1:30Als Zarathustra diese dunklen Worte des Wahrsagers hört,
- 1:33passiert etwas Unerwartetes, die Botschaft trifft ihn tief in
- 1:37seinem Inneren und verwandelt ihn, eine todesmüde Traurigkeit
- 1:42überfällt ihn. 3 Tage lang wandert er deprimiert umher, er
- 1:46isst nichts, er trinkt nichts und er verliert völlig die
- 1:49Sprache, schließlich fällt er in einen tiefen, todesähnlichen
- 1:53Schlaf. Seine Schüler wachen Tag und
- 1:56Nacht voller Sorge an seinem Bett.
- 1:58Diese Reaktion zeigt, dass selbst Zarathustra, der
- 2:01eigentlich ein starker und fröhlicher Lehrer sein will,
- 2:03nicht immun gegen den Nihilismus ist.
- 2:06Die Verführung aufzugeben und alles für sinnlos zu halten, ist
- 2:10eine gewaltige Gefahr, die er erst in sich selbst besiegen
- 2:13muss, als Zarathustra nach diesem langen Schlaf endlich
- 2:16aufwacht, wirkt er wie aus weiter Ferne zurückgekehrt.
- 2:20Er bittet seine Freunde, ihm zuzuhören und ihm zu helfen,
- 2:23einen furchtbaren Traum zu deuten, den er in seinem Schlaf
- 2:26hatte. Zarathustra erzählt seinen Traum
- 2:29sehr ausführlich, er träumte, er hätte dem Leben komplett
- 2:33abgeschworen, er war zu einem Wächter der Nacht und der Gräber
- 2:37geworden, hoch oben in einer einsamen Burg des Todes, dort
- 2:42bewachte er gläserne Särge, aus denen ihn das besiegte,
- 2:44vergangene Leben anblickte er atmete den schwülen, staubigen
- 2:49Geruch der Ewigkeit ein. Um ihn herum war nichts als die
- 2:52absolute tödliche Stille, der Mitternacht, die er als seine
- 2:55schlimmste Feindin beschreibt. In dem Traum trug er rostige
- 2:59Schlüssel bei sich, mit denen er die schwersten und lautesten
- 3:02Tore öffnen konnte. Eines Nachts geschah es, es
- 3:07klopfte dreimal ohrenbetäubend laut an das Burgtor wie ein
- 3:10Donnerschlag, Zarathustra ging zum Tor und rief in die
- 3:14Dunkelheit, alpa, Wer trägt seine Asche zu Berge, mit diesem
- 3:19Ruf, fragte er. Wer seine toten Überreste an
- 3:22diesen Ort des Todes bringt? Er drückte den Schlüssel in das
- 3:25Schloss und versuchte, das Tor zu öffnen, doch bevor er es
- 3:29aufbekam, riss ein wilder, brausender Wind die Torflügel
- 3:32auf, der pfeifende Wind warf Zarathustra einen schwarzen Sarg
- 3:36direkt vor die Füße, inmitten des lauten Sturms zerbrach der
- 3:41Sarg, aber anstatt toter Knochen oder Asche spuckte der Sarg ein
- 3:45tausendfaches Gelächter aus. Fratzen von Kindern, Engeln,
- 3:50Eulen, Narren und riesigen Schmetterlingen stiegen aus dem
- 3:53Sarg auf. Sie alle lachten, Höhnten und
- 3:57Brausten gegen Zarathustra. Dieses Erlebnis im Traum war so
- 4:01schrecklich für ihn, dass er vor grauen Aufschrie und zu Boden
- 4:04fiel. Sein eigener Schrei weckte ihn
- 4:07schließlich aus dem Schlaf auf, hier muss ein wichtiger Begriff
- 4:11aus Nietzsches denken erklärt werden, das Lachen.
- 4:15In diesem Buch ist das Lachen nicht einfach nur eine Reaktion
- 4:18auf einen Witz. Das Lachen ist bei Nietzsche die
- 4:21stärkste Waffe gegen die Schwere, die Traurigkeit und den
- 4:25Tod. Es steht für die absolute
- 4:27Bejahung des Lebens. Wer lacht, nimmt das Leben mit
- 4:31all seinem Schmerz an und verwandelt es in etwas leichtes
- 4:34und tänzerisches, im Traum wird Zarathustra, der in der Rolle
- 4:38des toten Wächters feststeckt, von genau diesem wilden, bunten
- 4:41und lebendigen Lachen angegriffen.
- 4:44Es ist das Leben selbst, das sich gegen die absolute
- 4:46Sinnlosigkeit auflehnt. Nachdem Zarathustra den Traum
- 4:49erzählt hat, ergreift sein Lieblingsschüler das Wort und
- 4:52versucht, den Traum zu deuten. Der Schüler sagt Dein Leben
- 4:57selber, deutet uns diesen Traum, Oh Zarathustra, der Schüler
- 5:01erklärt, dass Zarathustra keine Angst haben muss, er glaubt,
- 5:04dass Zarathustra selbst dieser wilde Wind ist, der die Tore des
- 5:07Todes aufreißt. Zarathustra selbst sei der Sarg
- 5:10voller bunter Fratzen und kindlichem Lachen.
- 5:14Der Schüler ist fest davon überzeugt, dass Zarathustra mit
- 5:16seinem Lachen und seiner Lebensfreude in die Kammern der
- 5:19Toten und der Müden einziehen wird, um sie zu besiegen.
- 5:23Der Schüler meint, der Traum zeige lediglich zarathustras
- 5:26Feinde, die Todesmüdigkeit, über die er aber am Ende siegreich
- 5:29triumphieren werde, als die anderen Schüler diese positive
- 5:33Deutung hören, freuen sie sich, drängen sich um Zarathustra und
- 5:37wollen ihn aufmuntern, sie bitten ihn, seine Traurigkeit
- 5:40endgültig abzulegen. Aber Zarathustra reagiert
- 5:44anders, als die Schüler erwarten.
- 5:46Er sitzt aufgerichtet in seinem Bett und blickt seine Freunde
- 5:49an, als würde er sie gar nicht erkennen.
- 5:52Sein Blick bleibt fremd. Erst als sie ihn auf die Füße
- 5:56stellen, verändert sich sein Ausdruck, er streicht sich über
- 5:59den Bart und scheint zu verstehen, was passiert ist.
- 6:02Er weist die schnelle und einfache Deutung des Schülers
- 6:04zurück, stattdessen ruft er nach einer guten und ausgiebigen
- 6:08Mahlzeit, um für den bösen Traum zu büßen.
- 6:11Er befiehlt, dass der Wahrsager, der die ganze Zeit über anwesend
- 6:15war, an seiner Seite essen und trinken soll.
- 6:18Zarathustra kündigt an, ich will ihm noch ein mehr zeigen, in dem
- 6:22er ertrinken kann. Mit diesem Mehr meint
- 6:25Zarathustra eine neue, gewaltige Fülle des Lebens und der
- 6:28Energie, die die ausgetrocknete, Nihilistische Welt des
- 6:31Wahrsagers Wegspülen soll, ganz am Ende des Unterkapitels blickt
- 6:36Zarathustra noch einmal auf den Schüler, der den Traum so
- 6:38hoffnungsvoll gedeutet hatte. Zarathustra blickt ihm lange ins
- 6:42Gesicht und schüttelt dabei den Kopf.
- 6:45Dieses Kopfschütteln ist entscheidend, es zeigt, dass der
- 6:48Schüler den Ernst der Lage nicht ganz verstanden hat, den
- 6:51Nihilismus und die totale Sinnlosigkeit zu überwinden, ist
- 6:55keine leichte Aufgabe, die man einfach mit einem Lachen
- 6:57beiseite wischen kann, die schwere Aufgabe, den
- 7:00pessimistischen Wahrsager und den inneren Tod wirklich zu
- 7:04besiegen, steht Zarathustra in Wahrheit noch bevor.
- 7:07Die Deutung des Schülers war zu optimistisch und zu flach für
- 7:10die wahre Tiefe von zarathustras Krise.