Latest / Augstein & Blome / Ist die 'ausgestreckte Hand' der AfD eine Faust oder ein Mittelfinger?
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- 0:22Herzlich willkommen Blume zu einer neuen Ausgabe unseres kleinen Podcasts.
- 0:27Wahrscheinlich müsste ich jetzt die Stimme senken und ganz bedrückt klingen.
- 0:32Ich habe gestern Abend, während Sie gearbeitet haben und alle Leute dieses Wahldesaster
- 0:38oder dieses Wahltriumph, je nachdem in Sachsen-Anhalt mitverfolgt haben,
- 0:42habe ich etwas anderes gemacht.
- 0:42Ich habe nämlich den Film Endgame zum vierten oder sechsten Mal gesehen.
- 0:47Endgame, ja, die Infinity Wars, Captain America, Thanos, Doctor Strange und so weiter.
- 0:54Und das finde ich irgendwie so ganz passend, vielleicht als Motto.
- 0:57Endgame, sind wir jetzt im Endgame der Demokratie? Erstens, erste Frage.
- 1:02Zweite Frage, bei Endgame geht es darum, dass sie in die Vergangenheit zurückgehen
- 1:06und versuchen sozusagen das zu reparieren, was dann schief gegangen ist.
- 1:09Deshalb wäre dann meine zweite Frage an den Kollegen Blume heute,
- 1:13wohin in die Vergangenheit müssten wir eigentlich gehen, um das zu reparieren,
- 1:17was hier schief gegangen ist?
- 1:19Augstein, mit solchen Lustbarkeiten sich einen historischen Abend zu übertünchen
- 1:25spricht für ihr frivoles Selbstverständnis.
- 1:30Für ihre lässige Zurückgelehntheit beim Untergang der bekannten Welten.
- 1:37Und vielleicht sind wir dann bei Endgame. Ja, ich habe das jetzt ein bisschen ernster genommen.
- 1:41Die Frage, wohin müsste man zurückreisen in die Vergangenheit,
- 1:45um das zu richten, das ist interessant.
- 1:47Wahrscheinlich müsste man da ziemlich weit zurückreisen. Vor allen Dingen müsste
- 1:49man in die Köpfe von ganz vielen Leuten reisen, um da mal wieder was zu richten,
- 1:54was da schiefgelaufen ist, möglicherweise.
- 1:57Dies hier, lieber Kollege Augstein, ist ein Sonderpodcast aus Anlass dieser
- 2:02Sachsen-Anhalt-Wahl, die mit 44, Krümelprozent für die AfD ausgegangen ist.
- 2:08Das nennt man einen Erdrutschsieg.
- 2:11Und das hätte ich auch nicht gedacht. Ich hätte um die 40 eher knapp drunter getippt.
- 2:16Aber das ist wirklich ein Erdrutschlied. Und ich habe mich am Laufe des Abends
- 2:19gestern, den wir natürlich hier für RTL und NTV im Studio verbracht haben,
- 2:23bei Schalten, bei Talks, bei allem möglichen rund um diese Wahl,
- 2:27habe ich mich bei dem Gedanken ertappt, gesagt, komm, jetzt gib ihm noch anderthalb
- 2:31weitere Punkte, dann kann der eine absolute Mehrheit haben und dann gibt es
- 2:34kein Gemöhre mehr, dann muss er halt regieren.
- 2:36So ist es nicht gekommen. Es ist das denkbar komplizierteste Ergebnis rausgekommen.
- 2:40Blume, wenn wir noch in der alten Bundesrepublik leben würden,
- 2:43wäre das gar kein kompliziertes Ergebnis. Da hat eine Partei eine übergroße.
- 2:48Mehrheit bekommen, aber nicht so, dass sie alleine regieren kann.
- 2:51Sie müsste also eigentlich nur sich jetzt einen Koalitionspartner suchen.
- 2:56Normalerweise ist es so, dass praktisch der Wahlsieger lädt die Leute ein,
- 3:00führt Gespräche, guckt, wo sind die größten Schnittmengen und dann bildet man
- 3:03eine Koalition. Das dauert manchmal länger, manchmal geht es schneller,
- 3:06aber im Prinzip hat das ja eigentlich ganz gut funktioniert.
- 3:09Einerseits. Andererseits hat es aber auch dazu geführt, diese Art von Politik,
- 3:13dass die Leute von der Politik offensichtlich in der Art und Weise die Nase
- 3:17voll haben, dass sie eine im Prinzip unpolitische Partei gewählt haben, denn das ist die AfD.
- 3:22Das bedeutet, das was früher galt, als Regel, gilt heute eben nicht mehr.
- 3:27Ich würde übrigens sagen, dass wir alle daraus lernen sollten,
- 3:30dass die politischen Spielregeln in diesem Land mal auf die Probe gestellt werden
- 3:34sollten und man nicht versuchen sollte, jetzt auf Biegen und Brechen,
- 3:38einfach immer so weiterzumachen wie vorher.
- 3:40Und in der Karikatur ist es ja so, dass manche Leute ja schon sagen,
- 3:44warum, wenn Grüne, CDU, SPD, Linke und BSW zusammenarbeiten würden,
- 3:49könnten sie eine Regierung gegen die AfD bilden.
- 3:51Daran sehen sie schon, wie irre manchmal der Versuch ist, etwas zu konservieren,
- 3:55was bereits verschimmelt ist. Naja gut, das Mehrheitsprinzip,
- 4:00lieber Auxian, um das geht es ja jetzt hier. Also gewonnen hat die Wahl.
- 4:05In gar zu historischem Ausmaß die AfD. Punkt.
- 4:09Jetzt geht es darum, eine regierungsfähige Mehrheit zusammenzubauen.
- 4:13Möglichst stabil, bitte schön, denn offenkundig war den Leuten ja nach Stabilität,
- 4:16wenngleich einer ganz anderen Stabilität, aber okay.
- 4:20Nun müsste, und das haben sie gesagt in einem normalen Spiel,
- 4:23und diese Regel würde ich dann doch gerne beibehalten, dass die Mehrheit regiert.
- 4:28Dass es eine regierungsfähige Mehrheit gibt, das ist ja, wenn man so will,
- 4:31die grundlegende Spielregel. Also müsste die AfD losziehen und sich einen Koalitionspartner
- 4:35suchen. Das will sie aber gar nicht.
- 4:37Das kann sie womöglich auch nicht. Und die ausgestreckte Hand,
- 4:41die sie die ganze Zeit gestern Abend dann plötzlich postuliert haben,
- 4:46also die Hand der AfD ist ausgestreckt, das ist entweder eine Faust oder ein Mittelfinger.
- 4:50Zumindest war es das den ganzen Wahlkampf lang. Und auch danach noch,
- 4:54die Leute wollen alleine regieren. Sie wollen die ganze Macht.
- 4:58Fair enough, haben sie aber nicht bekommen. Und jetzt müssten sie über ihren
- 5:01eigenen Schatten springen und sagen, okay, jetzt machen wir Kompromissangebote
- 5:05an die anderen Parteien, an wen auch immer, an die CDU, an die Grünen, an das BSW
- 5:10und das wird zeigen, ob die AfD wirklich regieren will.
- 5:14Und meine kleine bescheidene These ist, in Wahrheit wollen die gar nicht so
- 5:18gerne regieren und darum lehnen sie jeden Kompromiss bislang zumindest ab.
- 5:23Weiß ich nicht. Ich habe das gestern auch gesehen. Wie gesagt,
- 5:26der Satz, als Demokrat bleibt meine Hand immer ausgestreckt.
- 5:29Er klang irgendwie bedrohlich. Ich fand das war gar nicht so.
- 5:32Man hatte gar nicht das Gefühl.
- 5:34Man hätte sich alles mögliche vorstellen können bei dieser Hand.
- 5:36Zwei Varianten haben Sie eben schon genannt.
- 5:38Mir fällt da noch eine dritte ein, aber egal. Aber Herr Siegmund hat eigentlich
- 5:43genau das gleiche gesagt, was alle Leute in seiner Position sagen würden.
- 5:46Nämlich, wie gesagt, ich bin Demokrat, meiner Hand ist ausgesagt,
- 5:49ich rede jetzt mit allen.
- 5:51Und wenn wir unsere Grundpositionen durchsetzen, O-Ton Siegmund,
- 5:54wenn wir unsere Grundpositionen durchsetzen, dann würde er das schon auch machen mit den Parteien.
- 5:59Er sagt dann bloß, er weiß ja schon, dass die CDU das nicht macht,
- 6:03weil die CDU hat nämlich schon gesagt, das Verrückte ist doch,
- 6:05die CDU hat gesagt, sie arbeitet nicht mit der AfD zusammen.
- 6:08Ich meine, was soll denn der arme Mann jetzt machen? Keine von den Parteien,
- 6:11die da ist, will mit ihm zusammen richtig arbeiten. Beim BSW weiß man immer nicht so ganz genau.
- 6:16Aber alle sagen, sie wollen nicht, was soll er denn tun? Das BSW hat sich angeboten,
- 6:20mehr als angeboten. Die ist gestern wirklich dem Kollegen fast,
- 6:24also ich möchte sagen, nahe gekommen.
- 6:27Frau Wittig vom BSW, vom Bündnis Sarah Wagenknecht.
- 6:31Frau Wagenknecht selber sagt die ganze Zeit, wir wollen regieren,
- 6:34wir wollen der neuen Mehrheit zum Regieren verhelfen.
- 6:40Aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen mit einem Rest von Verstand sagt Herr
- 6:43Sigmund, ja, nee, lass mal, ihr seid mir echt zu unsicher.
- 6:46Okay, es gibt Deckungsschnittmengen inhaltlicher Art, aber lass mal neben von
- 6:50euch abhängen, ich mache mich ganz bestimmt nicht.
- 6:53Nee, wir hatten gestern Abend Frau von Storch zu Gast in einer Talkrunde bei
- 6:58RTL und NTV, eben in dieser Wahl-Sondersendung.
- 7:01Und da habe ich sie gefragt, sagen Sie mal nur mal so fürs Gefühl,
- 7:04ein Beispiel, wo sie die AfD in Sachsen-Anhalt sagen könnte,
- 7:09diesen Kompromiss bieten wir euch an, damit ihr mit uns, meinetwegen den Ministerpräsidenten
- 7:14wählt oder dann irgendwann mal einen Haushalt macht.
- 7:15Also wo ist die AfD bewegungsfähig, kompromissfähig im Sinne von die Grundüberzeugung,
- 7:22die wir durchbringen, aber beim Rest sind wir auch ein bisschen flexibel. Und da kam nichts.
- 7:26Das konnte sie nicht beantworten. Man merkte ganz genau, das wollte sie auch
- 7:29nicht beantworten, weil sie als Bewegung, die die AfD ja immer auch ist,
- 7:35gerade in Sachsen-Anhalt, hat mit dieser irren Mobilisierung,
- 7:38kann sie keinen Abstrich von der Mission machen.
- 7:41Weiß ich nicht. Oder? Ich finde, Sigmund hat noch was gesagt.
- 7:45Er hat gesagt, wir möchten nicht so werden wie die CDU, die nach der Wahl genau
- 7:49das Gegenteil von dem macht, was sie gesagt hat.
- 7:52Ja, hier muss ich sagen, ehrlich gesagt, da hat er ja nun Recht,
- 7:55der gute Mann. Nein, nein, stopp, jetzt lass mal ausreden, das ist wichtig.
- 7:57Da hat er nämlich Recht, weil wir haben einen Bundeskanzler,
- 7:59der nach der Wahl aber 180 Grad praktisch diametral das Gegenteil von dem gemacht
- 8:05hat, was er vorher gesagt hat.
- 8:06Da waren selbst in seiner eigenen Partei die Leute echt überrascht.
- 8:09Und wenn jetzt sozusagen die Alternative für Deutschland hat ja auch deshalb
- 8:12so viel Erfolg bei den Leuten, weil die Leute diese Art von Politik so satt
- 8:17haben. Das ist natürlich auch ein echter Punkt, den der Mann da hat.
- 8:19Der hat doch gesagt, wir sind gewählt worden für diesen rechtsextremen Scheiß.
- 8:24Natürlich gehen wir jetzt nicht mit einer Partei zusammen, die den rechtsextremen
- 8:27Scheiß nicht mit uns machen will, denn dann wären wir ja wie die anderen Parteien.
- 8:30Da hat Herr Siegmund total Recht auf seine Art. Ja, auf seine Art weil er keinen
- 8:35Unterschied macht zwischen Kompromiss und Wortbruch.
- 8:38Auf die Füße gefallen ist Friedrich Merz. Nach nachvollziehbaren Gründen.
- 8:43Entschuldigung, das ist wirklich, das ist jetzt, also entweder,
- 8:46das ist so hochsubtil, dass selbst ich nicht mehr mitkomme oder es ist die komplette
- 8:50Verarschung, was Sie gerade sagen. Es ist doch ein Unterschied.
- 8:54Keine neuen Steuern, read my lips und dann nachher ganz hohe Steuern.
- 8:57Was ist das, ein Kompromiss oder Wortbruch? Nein, Wortbruch. Ah, okay, alles klar.
- 9:00Ich mache keine neuen Schulden und dann macht er eine Billion neue Schulden,
- 9:03Wortbruch. Ach, das ist schon Wortbruch. Alles klar, gut, nur nochmal.
- 9:06Aber was wäre jetzt, Präzision. Ich will eine große Steuersenkung haben und
- 9:11raus kommt eine mittelgroße. Wortbruch? Kompromiss.
- 9:15Aber Herr Siegmund will Remigration. Und wenn die anderen, das ist ja sein,
- 9:18deshalb, ich finde jetzt, wir sollen, ich nehme das jetzt mal ernst,
- 9:20weil wir haben es ja im Ende, es ist ja normale Politik, mit der wir es ja eben
- 9:23auch zu tun haben. Ist zwar eklig, aber trotzdem normal.
- 9:25Eklig ist übrigens das neue Normal. Herr Siegmund will Remigration.
- 9:29Er sucht jetzt eine Partei, die das mit ihm zusammen macht.
- 9:32Und weil das ist nämlich sein Kernanliegen, das ist sein Kernversprechen an
- 9:36seine Wähler. Ja, Remigration, wie auch immer das aussieht, keine Ahnung.
- 9:39Wenn er jetzt eine findet, die das mit ihm macht, wird er sicherlich mit denen das machen.
- 9:42Wenn er keine findet, dann eben nicht, aber das ist dann auch Politik.
- 9:44Ja, aber die Frage ist doch, kann er Abstriche von Remigration machen,
- 9:48ohne vor seinen Leuten wortbrüchig zu werden? Also kann er sagen,
- 9:52eigentlich wäre Remigration erst bei einer Million rausgeschmissen Sachsen-Anhaltinern.
- 9:57Richtig. Und das wäre dann die Hälfte der Bevölkerung, aber egal.
- 10:01Und kann er davon einen kleinen Schritt abgehen und sagen, ja okay,
- 10:04850.000 reichen mir auch.
- 10:06Oder hat er dann schon das Wort gebrochen, das er seinen Leuten gegeben hat.
- 10:10Das müssen Sie doch verstehen.
- 10:11Es ist doch ein Unterschied zwischen einer 180-Grad-Wende, Friedrich Merz,
- 10:15keine Schulden, volle Schulden, und einer Kurskorrektur um 20 Grad, sag ich mal.
- 10:24Blome, Sie ziehen mich jetzt wieder rein und ich habe mich reinziehen lassen
- 10:27in eine Debatte, so als hätten wir noch die alten politischen Verhältnisse.
- 10:31Meine Meinung, meine These ist, das ist nicht mehr so.
- 10:34Ich glaube, das hat jetzt in Sachsen-Anhalt, ist es sozusagen richtig deutlich
- 10:37geworden. In Wahrheit war es schon bei anderen Wahlen, so hatten wir ja schon
- 10:39besprochen. Brombeer-Koalition ist ja auch was völlig Unsinniges und so.
- 10:42Ich glaube, die Parteien oder insbesondere die AfD und aber auch die Wählerinnen
- 10:48selber sind gar nicht mehr so, dass sie nach diesem Kompromiss-Koalitionsprinzip
- 10:52funktionieren, stabile Mehrheiten mit Mehrheit regierter Ministerpräsident oder so weiter.
- 10:57Ich glaube, wir gehen in eine andere Richtung, die im Grunde Sarah Wagenknecht.
- 11:02Vorgezeichnet hat, nicht weil sie schon das weiß, sondern weil sie eine kluge
- 11:06Frau ist, die sich das überlegt hat, dass das für heute besser passt,
- 11:10nämlich Regierungen mit wechselnden Mehrheiten.
- 11:13Das passt viel, viel besser auch zu einer Partei wie der AfD.
- 11:16Ich glaube, es würde die Wählerinnen viel weniger vor den Kopf stoßen und enttäuschen
- 11:21und könnte auch eine Stabilität bringen im Sinne von, dass sozusagen Sachfragen abgearbeitet werden,
- 11:29je nachdem mit welchen Mehrheiten man sie eben durchsetzen kann.
- 11:33Und das, was Sie für einen großen Fortschritt oder für einen großen Vorteil unserer,
- 11:39repräsentativen Demokratie halten, nämlich diesen Kompromiss,
- 11:42und vielleicht war es, offensichtlich war es das auch viele Jahre lang,
- 11:45ich glaube, dieses Verfahren ist an ein Ende gekommen. Ich glaube,
- 11:48das funktioniert heute nicht mehr.
- 11:49Das glaube ich echt. Aber Sie haben was nicht verstanden. Entschuldigung.
- 11:56Sie haben jetzt versucht aufzubauen, dass wechselnde Mehrheiten was anderes
- 12:00sind als Kompromiss beziehungsweise gar keine Kompromisse brauchen.
- 12:06Das wird noch viel, viel schlimmer, weil sie bei jeder einzelnen Abstimmung nicht auf.
- 12:17Eine halbwegs festgefügte Koalitionsmehrheit zurückgreifen können,
- 12:20sondern sie müssen jedes Mal neue Koalitionsverhandlungen über eine einzige Entscheidung führen.
- 12:25Sie müssen jedes Mal in den Landtag gehen und sagen, heute möchte ich gerne
- 12:30alle Regenbogenfahnen weghaben, steht im Programm, von allen Schulen.
- 12:34Jetzt suche ich mir jemanden. Genau.
- 12:36Okay, vielleicht finde ich jemanden, aber der wird was dafür wollen.
- 12:38Der macht ja seine Stimme nicht umsonst für sowas.
- 12:42Ist ja umstritten, muss man ja sagen.
- 12:45Also wird er was wollen, dann muss die AfD was geben. Sonst kriegt sie die Stimme
- 12:49für die Regenbogenfahnen abhängen, nicht.
- 12:52Und das ist ein Kompromiss. Und nichts anderes ist es. Wechselnde Mehrheiten
- 12:55ist der Kompromiss hoch 10.
- 12:58Weil er nämlich perpetuiert ohne Rahmen eines Koalitionsvertrages immer neu
- 13:04durch die Landschaft tapern muss.
- 13:05Ich glaube, dass man bei wechselnden Mehrheiten aber den Vorteil hat,
- 13:07dass die Parteien ihre Identitäten behalten können und nicht sich bis zur völligen
- 13:11Unkenntlichkeit verbiegen müssen,
- 13:13entweder oder aber zu so vollkommen gesichtslosen Politproduzenten werden,
- 13:20wie die SPD das inzwischen ist.
- 13:21Ich meine, Sie müssen sich ja vorstellen, dass es Leute gab,
- 13:23die sich in der SPD über das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt gefreut haben,
- 13:27weil sie nicht aus dem Landtag geflogen ist.
- 13:32Menschlich kann ich das verstehen, vor Ort. Ich habe den Spitzenkandidaten da
- 13:37kennenlernen können, einmal getroffen für diese Runde.
- 13:41Das war schon ein ganz netter Kerl. Er hatte wirklich Angst,
- 13:43dass er aus dem Landtag fliegt. Dass er der erste SPD-Spitzenkandidat ist,
- 13:47der diese 150 Jahre alte traditionsreiche, ich finde jetzt auch langsam etwas
- 13:51abgewirtschaftete Partei, ins Aus führt.
- 13:53Gut, aber die sind längst im Aus. Ja, auf eine Art natürlich.
- 13:58Und trotzdem, von fünf kommt, hat er jetzt fast zehn gemacht.
- 14:01Kann ich verstehen, aus Bundessicht sich darüber zu freuen, als Parteichef,
- 14:04Parteichefin hier in Berlin, sich darüber zu freuen, ist natürlich grotesk.
- 14:08Das ist wirklich grotesk. Da haben sie ja recht.
- 14:11Aber noch einmal zurück zur AfD und der Frage, wie viele Kompromisse kann sie machen.
- 14:17Ich erzähle Ihnen noch eine kleine Geschichte. Sie merken, ich stehe unter dem
- 14:19starken Eindruck dieser Vorwahlrunde.
- 14:22Da haben wir auch Hörerfragen, das war ja mit dem Radio zusammen,
- 14:26Hörerfragen eingespielt, die dann an die Runde der Spitzenkandidaten gerichtet waren.
- 14:31Dann kam eine Frau und sagte, sehr nette, sympathische Frau,
- 14:36die eine Hörerfrage eben stellte, Hörerinnenfrage stellte.
- 14:40Wie es sein könne, dass Menschen, die 45 Jahre lang, ein ganzes Leben lang voll
- 14:45gearbeitet haben, eine bestimmte Rente bekommen und Leute, die so ungefähr gar
- 14:48nicht gearbeitet haben, immer auf Staatskosten gelebt hätten,
- 14:51eine annähernd gleich hohe Rente bekämen. Das sei doch ungerecht, Punkt und mhm.
- 14:56Und dann haben wir das Herrn Sigmund vorgelegt in der Runde.
- 15:00Also gesagt, was sagen Sie denn dazu? Und dann ist der voll abgegangen und hat
- 15:02gesagt, ja genau, die Frau hat recht und das ist es. Und das ist so ungerecht, das ist so gemein.
- 15:06Und dann hatte ich mir vorher halt die Zahlen rausgesucht.
- 15:09Gebe ich zu, war jetzt nicht vollkommen fair, aber habe ich halt gemacht.
- 15:12Und habe ihm halt die Zahlen vorgelesen, was man kriegt als Rente,
- 15:15auch im Osten, übrigens genauso viel wie im Westen, wenn man 45 Jahre lang so durcharbeitet.
- 15:20Und was man halt kriegt, wenn man überwiegend nicht durchgearbeitet hat,
- 15:23beziehungsweise gar nicht gearbeitet hat.
- 15:25Faktor 3, 4, 5 unterschiedlich. Also wirklich sehr, sehr unterschiedlich.
- 15:29Fakt ist, die Frau hatte sich geirrt.
- 15:33Ihre Unmut basierte auf einem Irrtum. Auf einer Fehleinschätzung,
- 15:37keine Ahnung. Sie hatte was falsch verstanden. Und dann war sie sauer.
- 15:41Und jetzt gab es zwei Möglichkeiten. Dem Affen Hemmungsroßzucker geben.
- 15:45Ulrich Siegmund, AfD. Oder aber zu sagen, liebe Leute, liebe Frau,
- 15:49es tut mir fürchterlich leid.
- 15:51Die haben da was falsch verstanden. Das stimmt so nicht. Sie sind zu Unrecht
- 15:54sauer, weil das, worüber sie sauer sind, existiert gar nicht.
- 16:00Und das war das, was die anderen versucht haben klar zu machen.
- 16:02Die haben sich dann gegen diese Frau stellen müssen, gegen den Wähler, die Wählerin.
- 16:08Und das hat offenkundig ausweislich dieses Ergebnisses überhaupt nicht funktioniert.
- 16:13Aber was machen sie mit dieser Erkenntnis? Ich finde es eine interessante Geschichte.
- 16:17Wir haben, Sie und ich, über diesen Aspekt sozusagen unserer gegenwärtigen politischen
- 16:23Landschaft ja schon ein paar Mal gesprochen, dass es um Fakten nicht mehr geht
- 16:28und dass offensichtlich viele Menschen denken,
- 16:33Politik habe etwas oder habe viel oder vor allen Dingen mit Fakten zu tun und
- 16:37man muss den Leuten nur richtig erklären und so weiter und so.
- 16:40Und offensichtlich funktioniert das bei diesen Wählern nicht mehr.
- 16:45Blum, Sie wissen, es gibt den Spruch, die Menschen wollen betrogen werden.
- 16:50Es ist ehrlich gesagt der Gipfel des Zynismus und auch das Ende der Politik.
- 16:54Und dann können wir hier auch alle einpacken und nach Hause gehen und so.
- 16:57Aber das ist ein bisschen der Eindruck, den das hier vermittelt.
- 17:01Das ist auch der Eindruck, den die Geschichte vermittelt, die Sie eben erzählt
- 17:04haben. Es kommt halt auf Fakten nicht an. Die AfD reitet auf dieser Welle.
- 17:09Also eins weiß ich auf jeden Fall, die anderen Parteien berühren diesen Nerv
- 17:14sozusagen, der da frei liegt offensichtlich oder kümmern sich um den überhaupt
- 17:18nicht, sondern machen einfach so weiter wie bisher.
- 17:20Ja, keine Emotionen, irgendwie keine Visionen, also all das,
- 17:24was sozusagen irrational ist, was sich nicht berechnen lassen kann,
- 17:29was man nicht richtig durchargumentieren kann, sondern was man erzählen muss,
- 17:33wofür man Begeisterung erzeugen muss, was auch auf Charisma beruht.
- 17:36Also sozusagen die gesamte theatralische, emotionale, libidonöse Seite der Politik
- 17:44liegt ja praktisch vollständig brach, vielleicht bei den Linken nicht.
- 17:48Ich glaube die Linken machen das, wenn überhaupt, das war ja der große Erfolg
- 17:51der Linken, ich erinnere daran nach der Bundestagswahl, kam auch,
- 17:55nicht nur natürlich, aber auch wegen einer wirklich emotionalen Rede von Frau
- 17:59Reichinek im Bundestag. die hat das reingehauen wie eine Granate, die Rede.
- 18:02Eine Rede, eine Frau, drei Minuten, das hat bestimmt ein paar tausend Wählerstimmen
- 18:06gebracht oder zehntausend oder hunderttausend, weil die Leute gesagt haben,
- 18:08ja fuck, echt, endlich sagt es mal einer. Also dieser Sound.
- 18:12Und ich meine, Friedrich Merz, ey, sorry, aber ich habe auch gar nichts gegen
- 18:17ihn, aber aus dem Sauerland, 71 Jahre und ich weiß nicht, wann der das letzte Mal emotional war.
- 18:21Vielleicht, wenn er in seiner Propellermaschine sitzt und auf Sylt anfliegt,
- 18:25das könnte ich mir einen relativ emotionalen Moment vorstellen. Aber sonst so?
- 18:29Aber was folgt denn daraus, Augstein? Zu März kommen wir gleich noch und ob
- 18:33der sich jetzt noch episch lange hält, also es noch Sinn hat,
- 18:35über ihn wirklich nachzudenken, klären wir auch gleich.
- 18:39Stay tuned, liebe Zuhörer.
- 18:42Aber dann raten Sie ja den anderen Parteien, mehr Irrationales zu wagen.
- 18:46Naja, klar. Mehr Emotionales zu wagen.
- 18:49Ja, aber sind die Zeiten dazu, möchten Sie jetzt irrationale Politiker haben,
- 18:53wenn es darum geht, auch auf Bundesebene, darüber nachzudenken,
- 18:56wie man auf Russland am besten reagiert oder auf Trump.
- 19:00Ich will jetzt gar nicht die beiden Debatten aufmachen.
- 19:03Bräuchte es nicht mehr vernünftige Leute? Offenbar nicht.
- 19:07Moment, Moment. Bräuchte es objektiv mehr vernünftige Leute?
- 19:12Ich sehe, dass die vernünftigen Leute in Sachsen-Anhalts es deutlich schwerer
- 19:16hatten. Vielleicht waren die auch gar nicht so vernünftig.
- 19:18Aber allemal vernünftiger als das, was die AfD sich in ihr Programm getintet hat.
- 19:25Gut, was heißt schon Vernunft? Also erleben wir, das wäre jetzt echt hart.
- 19:28Ja, aber was hast du denn schon Vernunft?
- 19:29Erleben wir jetzt das Ende der Vernunft in der Politik? Ach, ich weiß nicht.
- 19:34Ich glaube, dass die Vernunft, das was Sie für vernünftige Politik halten,
- 19:38hat uns ja in die Situation geführt, in der wir jetzt sind. Also ich meine,
- 19:41das verstehe ich jetzt nicht.
- 19:43Da kann vielleicht ein bisschen mehr Emotion gar nicht schaden.
- 19:45Ganz abgesehen davon ist es aber auch egal, weil was Sie richtig finden oder
- 19:49nicht, normative Debatten kann man immer führen.
- 19:51Aber wie gesagt, ich meine, erstmal muss man feststellen, dass die Leute offensichtlich
- 19:56für diese Art von Politik immer weniger, ich sage jetzt ja nicht gar nicht,
- 20:00das ist ja Quatsch, aber immer weniger zu begeistern sind.
- 20:05Die Leute wollen offensichtlich gerne betrogen werden. Sie fühlen sich offensichtlich
- 20:09wohl dabei, sich von Politikern Dinge erklären zu lassen, die vernünftig argumentiert
- 20:15vollkommen irre sind. Aber mir geht es um Folgendes.
- 20:20Müssen wir anhand dessen, was Sie sagen, was das Wahlergebnis lehrt,
- 20:25feststellen, das Produkt stimmt nicht mehr, also das Produkt vernünftige Politik,
- 20:31funktioniert nicht mehr, müssen wir aus dem Regal nehmen, wollen die Leute nicht
- 20:34mehr kaufen, dann ist es eben so.
- 20:37Oder liegt es nur an der Verkaufe des Produktes vernünftige Politik?
- 20:44Und das ist ein Unterschied. Kann man weiter vernünftige Politik machen und
- 20:48muss sie nur anders verkaufen, besser erklären, keine Ahnung was?
- 20:50Liegt es daran oder wollen die Leute das einfach gar nicht mehr haben?
- 20:53Wollen sie dieses Stück vernünftige Politik nicht mehr haben?
- 20:55Das lassen sie links liegen, beziehungsweise rechts.
- 21:00Deshalb ja nochmal, ich habe das am Anfang ja gar nicht nur als Witz gesagt
- 21:03mit Endgame, mit dem Marvel-Film, wo sie in die Vergangenheit gehen und um etwas
- 21:07gerade zu rücken, zu reparieren, eine andere Weiche zu nehmen in der Entwicklung.
- 21:14Als es sozusagen sie selber bereits erlebt haben.
- 21:17Wohin müssten wir zurückgehen, um zu verhindern, dass es sozusagen zu diesem Ergebnis kommt?
- 21:22Mir würden da ein paar Sachen einfallen. Ich glaube natürlich,
- 21:24dass das, was ich immer als neoliberale Ideologie gegeißelt habe,
- 21:28ein riesen Fundament gelegt hat für die totale Selbstentfremdung und Politikentfremdung.
- 21:35Die wir da im Osten erleben.
- 21:36Wir haben eine Gesellschaft gebaut, die funktioniert sehr, sehr gut für Leute,
- 21:39die Geld haben, die gebildet sind, die mobil sind, die reisen können und so
- 21:43weiter. Für diese Leute ist unsere Gesellschaft optimal.
- 21:46Sie ist optimiert für diese Art von Menschen, aber sie ist natürlich für andere
- 21:50Leute überhaupt nicht so optimal und nicht optimiert und zwar auf einer ganz
- 21:54breiten Front. Da geht es sozusagen ja nicht nur darum, dass der Bus nicht mehr
- 21:57fährt, sondern auch darum, dass sozusagen das Selbstwertgefühl im Arsch ist.
- 22:01Die Probleme sind also so vielfältig, weil sie, selbst wenn sie den Bus wieder
- 22:05fahren lassen würden, was man ja im Osten dann gemacht hat, meinetwegen,
- 22:08keine Ahnung, wenn du da irgendwelche Straßen hinbaust oder so,
- 22:10das ist ja im Prinzip metaphorisch die Reparatur an der Infrastruktur.
- 22:15Selbst dann, aber dann sozusagen funktioniert es halt mit dem Selbstwertgefühl nicht.
- 22:19Also wohin müsste man in der Vergangenheit zurückgehen, um diese vielfältigen
- 22:25Brüche und Risse, die da sozusagen durch die Individuen, aber eben auch durch
- 22:29die Gesellschaft gehen, zu kitten?
- 22:31Keine Ahnung, weiß ich nicht, worauf ich damit hinaus will, ist das ja kein Spiel.
- 22:35Ich glaube, das Problem ist so vielfältig, Sie kriegen das, das ist meine Antwort
- 22:39darauf, meine zusammenfassende Antwort, Sie kriegen das mit vernünftiger Politik
- 22:42nicht mehr zusammengefasst.
- 22:44Das ist so vielfältig aufgesplittert und aufgespleißt, das kriegen Sie mit vernünftiger
- 22:48Politik nicht mehr zusammengedreht.
- 22:51Ich glaube, die vernünftige Politik, die sich, wenn man so will,
- 22:56auf Fakten stützt und dann eine Richtungsentscheidung fällt,
- 22:59ob die nun links oder rechts ist oder liberal oder interventionistisch, sei mal dahingestellt.
- 23:05Aber eine, die sich auf Fakten und Vernunft und Augenmaß und Ratio stützt,
- 23:11ist durchaus noch die richtige, glaube ich auch, ein großer Teil der richtigen Antwort.
- 23:18Aber, und sie haben das schon toschiert, was ist mit dem Selbstwertgefühl der
- 23:23Leute, was ist mit ihren Verunsicherungen, was ist mit ihren Sorgen?
- 23:28Und offenkundig ist es der vernünftigen Politik nicht geglückt,
- 23:31das zu adressieren, beziehungsweise man hat es auch mit Absicht mit Füßen getreten.
- 23:36Wenn natürlich ganze ländlich geprägte Gegenden, Regionen 10,
- 23:4215 Jahre lang erzählt bekommen haben, ihr lebt das falsche Leben, ihr fahrt einen Diesel,
- 23:47Ihr esst Schweinefleisch, ihr heizt mit Öl.
- 23:54Dann macht das was auf Dauer mit den Leuten und ihrem Selbstwertgefühl und sie
- 23:59suchen sich jemanden, der sagt, nee, dein Leben ist okay, du bist Teil einer
- 24:04Gemeinschaft, du kannst so weiterleben und die anderen nicht spinnen alle.
- 24:08Also ich würde es nicht so sehr auf das Neoliberale zurückführen,
- 24:11vielleicht in Teilen auch, weil sie recht haben, optimiert für Leistungsträger,
- 24:15und nicht immer der ganze Blick für die anderen,
- 24:19aber ich würde ganz stark auch auf diese volkserziehende Politikhaltung von links der Mitte gehen.
- 24:27Von eben dem, was ich gerade erzählt habe, bis zu Gendern, was jetzt in der
- 24:30Realität natürlich nicht so großartig bedeutsam ist, aber im Gefühl und in der
- 24:34Ansprache des Publikums von großer, großer Bedeutung war. Also das funktioniert
- 24:39immer bei der AfD, wenn sie dagegen wettert.
- 24:41Das schafft Gemeinschaft und jetzt auch Mehrheiten. Aber ganz kurz,
- 24:45was Sie da gerade sagen, Sie haben doch vollkommen recht.
- 24:47Sie haben doch im Grunde eben den kulturpolitischen Aspekt oder den identitätspolitischen
- 24:53Aspekt dieser neoliberalen Großideologie erwähnt.
- 24:57Das hängt ja miteinander zusammen. Das sind zwei Seiten der gleichen Medaille.
- 25:01Das ist genau das Problem, dass diese urbanen Eliten den Deal gemacht haben
- 25:05mit dem Neoliberalismus. Es ist okay, wenn ihr praktisch diese Selbstoptimierung
- 25:09vorantreibt und die Leute in die Minijobs treibt und so weiter.
- 25:13Wenn ihr uns dafür aber quasi zugesteht, dass wir gegen das Nackensteg anreden
- 25:19und dass wir praktisch Dänderklos haben und jeder muss immer noch den Gottesschlag
- 25:23machen und Krankenschwestern und Krankenschwesterinnen praktisch sagen.
- 25:28Das war ja genau unser kultur- und wirtschaftspolitisches Projekt der letzten
- 25:3230 Jahre. Aber daran, nein, stopp.
- 25:35Nein, das ist meine feste Überzeugung, aber daran merken sie schon, wie groß das wird.
- 25:39Weil wenn sie erklären wollen, warum eine ganze Generation ihnen verloren geht
- 25:43politisch, müssen sie natürlich auch in generationellen Begriffen und Kategorien
- 25:48erklären, weil sonst kriegen sie es ja nicht hin.
- 25:49Deshalb ist auch die Vorstellung dieses Phänomen jetzt mit einer anderen Rentenpolitik.
- 25:57Wenn ich jetzt Herrn Klingbeil höre in seiner Reaktion auf Sachsen-Anhalt,
- 26:00da weiß ich ja gar nicht, ob ich weinen oder lachen oder einfach nur noch abschalten soll.
- 26:03Weil er sagt so, das ist natürlich auch eine Botschaft von den Wählern auch
- 26:08an uns, da können sie also auch sicher sein, dass wir das also auch hören werden.
- 26:12Das ist natürlich total unsinnig und völlig unangemessen.
- 26:16Andererseits kann er auch nichts anderes sagen. Da haben Sie ja recht,
- 26:20Augstein, die SPD ist in keinem guten Zustand. Und der Klingbeil,
- 26:23der eigentlich sympathisch ist, auch nicht gerade.
- 26:27Versuchen jetzt zu sagen, dass Neoliberale und dieses volkserziehende,
- 26:32ich sag jetzt mal Linksgrüne, seien dann weit dasselbe und zwei Seiten einer
- 26:36Medaille und genau das haben sie gesagt. Das ist auch so meine Meinung.
- 26:41Dann haben wir es quasi jetzt zu Damm gekocht auf den Satz, alle sind an allem schuld.
- 26:50Und das stimmt, da haben sie vollkommen recht. Alle sind an allem schuld.
- 26:54Es hat nur keine Aussage.
- 26:56Das ist doch Quatsch. Das ist doch eine definitorische Lösung der Frage,
- 27:00zu sagen, naja, alle, die schon schuld sein können, sind schuld.
- 27:04Und damit haben wir es dann erklärt. Das ist zu einfach. Sie werden sich entscheiden
- 27:07müssen, ob es das neoliberale, harte, wettbewerbliche und manche Leute am Wegesrand
- 27:13zurücklassende Modell,
- 27:15vermeintliche Modell des Neoliberalismus war... Das hat die Linken ruhig gestellt.
- 27:20Oder aber, ob es die...
- 27:24Wie auch immer begründete, sehr moralisch hochgradig aufgeladene,
- 27:28staatsinterventionistische, volkserziehende Haltung einer Politik links der Mitte war.
- 27:33Ich komme ja von der linken Seite. Deshalb interessiert mich das Versagen der
- 27:37Linken mehr als das Versagen der Rechten.
- 27:39Ich glaube, dass die Linken einen falschen Deal gemacht haben.
- 27:43Die Linken haben im Grunde den Deal gemacht.
- 27:45Wir übernehmen die kulturelle Hegemonie im urbanen Diskurs und sagen den Leuten
- 27:51irgendwie, ihr müsst Fahrrad fahren und ihr müsst irgendwie gendern und ich weiß nicht was alles.
- 27:56Und dafür kümmern wir uns nicht darum, dass ihr sozusagen als Industrie- und
- 28:00Wirtschaftspolitiker die Arbeits- und Lebensbedingungen von Leuten,
- 28:03die nicht unsere Wählergruppen und unsere Leserschichten sind,
- 28:06die nicht die Zeit und den Spiegel abonnieren, dass es denen immer schlechter geht.
- 28:09Ist uns scheißegal, weil Hauptsache sozusagen wir können unsere Welten sozusagen
- 28:14linksgrün irgendwie auspflastern.
- 28:17Das war der Deal, den die linksliberalen Eliten mit diesem Wirtschaftssystem
- 28:21in den letzten 25 Jahren geschlossen haben, lieber Blume. Und meiner Meinung
- 28:24nach ist das hauptverantwortlich für das, was wir jetzt gerade sehen.
- 28:28Ist meine Entschuldigung. Ich glaube, den Deal hat es nicht gegeben,
- 28:29weil das Antagonisten sind, diese beiden Lager.
- 28:34Waren Sie schon eine Redaktion der Zeit? Das sind keine Antagonisten,
- 28:36lieber Kollege Blome. Da muss ich sagen, Entschuldigung, nein.
- 28:39Diese Leute, das ist sozusagen, die sind aus einer Wolle gewirkt.
- 28:43Da wählt die Frau die Grünen und der Mann die CDU. Und das hat jahrelang sehr, sehr gut funktioniert.
- 28:48Oh, Augstein, das ist gut. Der Mann, der die CDU wählt und die Frau die Grünen
- 28:53wählt. Das erinnert mich an 2002.
- 28:57Und Sie werden doch gleich merken, wie ich es schaffe, den Kreis zu Friedrich Merz zu schließen.
- 29:032002 gewann ja die rot-grüne Regierung dann hauchfein doch nochmal die Wiederwahl.
- 29:10Also Kanzler Schröder blieb im Amt.
- 29:12Dann war ich abends oder zwei Tage später bei so einem Abendessen eingeladen
- 29:17in einem stark CDU-lastigen Berliner Vorort, um es mal so zu formulieren.
- 29:21Ein bisschen intransparent zu halten.
- 29:24Und dann standen da halt auch die Herren zusammen und ich kam da so dazu und
- 29:28dann wurde es gleich beschimpft, dass wir irgendwie, ich weiß auch nicht genau,
- 29:31also dass da nicht genau Leute CDU gewählt haben. Und ihre Frauen hätten alle grün gewählt.
- 29:35Und das hätte so einen Krach zu Hause gegeben. Ihre Frauen hätten alle grün gewählt.
- 29:40Und dann habe ich so die Frauen angeschaut und gedacht, oh Gott,
- 29:41oh Gott, sind die jetzt auch grün geschlagen worden?
- 29:43Das waren sie zum Glück nicht. Ausdrücklich möchte ich sagen,
- 29:45keine häusliche Gewalt, zumindest keine äußerlichen Kennzeichen von häuslicher Gewalt.
- 29:49Aber ich habe so gelacht, weil offenkundig die Frauen des stark CDU-lastigen
- 29:57Vorortes es gewesen sind, die Gerhard Schröder und Joschka Fischer diesen beiden Plinsen,
- 30:04über die Hürde geholfen hatten.
- 30:05So, und wer ist damals dann ausgestiegen aus dem Rennen um die Politik?
- 30:10Friedrich Merz, weil nämlich Angela Merkel in die Opposition ging,
- 30:14als Oppositionsführerin, nachdem Herr Stoiber die Wahl verloren hatte also,
- 30:19und dabei verdrängte sie Friedrich Merz.
- 30:20Und jetzt frage ich Sie, Glaskugel raus, Augstein, Diktat, Glaskugel raus,
- 30:26Diktat, was wird aus Friedrich Merz nach dieser Sachsen-Anhalt-Wahl?
- 30:31Ich würde sagen, er bleibt entweder im Amt oder er bleibt nicht im Amt.
- 30:34Aber das ist doch Unsinn. Das wissen Sie doch auch, dass er im Amt bleibt. Das ist doch Quatsch.
- 30:37Die Antwort ist doch ganz klar. Es passiert natürlich gar nichts,
- 30:40weil alle sich in totaler Panik an ihren Sitzen festhalten
- 30:44und versuchen nicht weggeschleudert zu werden und noch praktisch den Hosenträger
- 30:49von ihrem Nachbarn nehmen, um sich selber festzubinden.
- 30:53Und so nur ich will meine Stuhl behalten. Das ist doch logisch.
- 30:55Weil ich meine, was soll denn danach kommen? Was soll denn danach kommen? Wer soll denn kommen?
- 30:59Also meine Prognose ist die andere. Und wer will das? Wer würde das unter diesen
- 31:03Umständen überhaupt wollen? Das ist ja eine Horrorveranstaltung.
- 31:07Augstein, jetzt sind Sie überraschenderweise zurück ins rationale Fach gestiegen. Na klar.
- 31:12Ja gut, aber jetzt, okay, dann haben wir jetzt die Plätze getauscht.
- 31:15Jetzt gehe ich mal in das andere Fach und sage Ihnen, das ist keine Frage von.
- 31:22Rationaler Abwägung, Kosten, Nutzen mehr.
- 31:25Beziehungsweise es droht, zu dem Punkt zu kommen, wo das nicht mehr so abgewogen
- 31:30werden wird, ist es wirklich klug, mitten im Fluss den Kanzler zu wechseln,
- 31:35wenn man gar keinen Ersatz hat und bei einer Neuwahl komplett absaufen würde?
- 31:39Die Antwort lautet, nein, das wäre jetzt nicht so rasend klug und trotzdem kann es geschehen.
- 31:43Ja gut, da haben Sie recht. Und Sie haben diese Instabilitäten durch Irrationalität
- 31:48und durch, jetzt ist es auch scheißegal, jetzt machen wir es halt,
- 31:50haben Sie ja bei der Ampel gesehen, damals von oben.
- 31:54Die Ampel ist ja von oben zerbrochen, also unter den Parteichefs,
- 31:58unter den wirklichen Top-Protagonisten.
- 32:00Dieses Mal, glaube ich, könnte es bei der CDU wohlgemerkt von unten kommen.
- 32:05In einer, wenn man so will, nicht das Ende bedenkenden Wutwelle gegen die Führung,
- 32:12gegen Friedrich Merz. Die haben den Mann versteckt im Wahlkampf und sie wussten warum.
- 32:17Und sie haben mittlerweile alle das Gefühl, aus diesem Loch findet er nicht
- 32:21mehr heraus. Tragisch genug. Na gut, also pass auf.
- 32:26Sie haben recht, das stimmt. Es kann natürlich immer etwas passieren,
- 32:30was keiner der Beteiligten wollte und trotzdem arbeitet jeder der Beteiligten
- 32:34mit daran. Das kann schon sein.
- 32:35Also die einzige Hoffnung der CDU, um es jetzt mal kurz zu machen,
- 32:38wäre auch, um diese Probleme zu adressieren, die wir vorhin ja hatten,
- 32:42von wegen Gefühle, Identitäten und so weiter, einfach jemanden zu haben,
- 32:46der empathischer wäre als Friedrich Merz.
- 32:48Das ist jetzt gar nicht so schwer. Vermutlich wäre einfach praktisch auch der
- 32:53Feuerlöscher in der Parteizentrale empathischer.
- 32:56Aber da gibt es ja welche. Es gibt in Nordrhein-Westfalen und in Schleswig-Holstein,
- 33:01ja durchaus Ministerpräsidenten der CDU.
- 33:05Die anders umgehen mit den Leuten, die eine andere Vermittlung haben,
- 33:09die einfach eine andere Temperatur haben. Also um es jetzt mal ganz runterzunehmen
- 33:13von allem anderen, vielleicht würde das sogar schon reichen.
- 33:16Denn eine anständige Politik würden die bestimmt auch machen,
- 33:18die sind Regierungserfahren.
- 33:19Ehrlich gesagt sind die Leitplanken der deutschen Politik inzwischen so eng,
- 33:24dass ich glaube, da würde sowieso kaum einer ausbrechen können.
- 33:27Es kostet sehr, sehr viel Kraft, diese Leitplanken zu verlassen.
- 33:30Ich glaube, es würde eh jeder, auch wenn es ein SPD-Kanzler wäre,
- 33:33innerhalb dieser Leitplanken bleiben.
- 33:35Aber mit ein bisschen mehr Temperatur und ein bisschen mehr Freundlichkeit und,
- 33:39Anschlussfähigkeit und ein bisschen weniger Patzern im Reden,
- 33:42vielleicht würde das schon reichen, um die Leute wieder irgendwie so aufzuwärmen
- 33:47für diese klassische Parteien,
- 33:49und Repräsentationsdemokratie. Kann sein.
- 33:52Das ist schon eine Nummer zu groß gedacht, glaube ich, im Moment.
- 33:59Jetzt geht es ja mehr um die Frage, kriegen die das hin?
- 34:02Wollen die das wirklich? Kriegen die das kanalisiert, was sich da an bodelndem Wut,
- 34:08Zorn, Enttäuschung, Frust an der CDU-Basis wohlgemerkt, unabhängig von den restlichen
- 34:14Wählern, jetzt so langsam hochkochen lässt oder hochkocht?
- 34:20Und es müsste ja jemand dann irgendwann sagen, so das ist jetzt zu schlimm,
- 34:24das wird hier instabil, wir gehen hier baden, wir verlieren jede einzelne Wahl. wo soll das hinführen?
- 34:30Und dann zu Friedrich Merz gehen und sagen, Friedrich, kann es sein,
- 34:32dass du das Problem bist?
- 34:33Zumindest glauben wir, dass du im Sinne von Kollege Augstein das Problem bist,
- 34:38weil schon ein etwas empathischerer, zugewandterer Mensch könnte die Partei
- 34:43und diese Regierung vielleicht auch retten.
- 34:45Also wer wäre das dann? Da müsste ja Herr Wüster hingehen. Es gibt eben nicht
- 34:49mehr Wolfgang Schäuble.
- 34:50Wolfgang Schäuble wäre die Instanz gewesen,
- 34:55wenn er sich bereit gefunden hätte zu sagen, it's over, it's over,
- 35:00so wie er Markus Söder verhindert hat als Instanz damals, als Kanzlerkandidat
- 35:06und Herr Laschet wurde, das ging dann auch sauber vor den Baum,
- 35:09aber diese Instanz sehe ich bei der CDU nicht, das heißt, es müsste jemand anders kommen.
- 35:14Wenn es der Prätendent selber ist, sieht es aus wie Putsch und Mord und Verrat,
- 35:20das will auch keiner, also ich glaube, die CDU ist in einer ziemlich verfahrenen Situation.
- 35:26Und als Parteichef wäre Friedrich Merz, glaube ich, jetzt weg,
- 35:29wenn er nicht Kanzler wäre.
- 35:31Also am Ende des Tages wird er einfach weitermachen und wird seine Legislaturperiode
- 35:35zu Ende bringen und danach nicht nochmal antreten.
- 35:37Das wäre natürlich total spannend, wenn er jetzt rauskäme und mal,
- 35:41wenn Sie so wollen, in Ihrem Sinne und in meinem Sinne auch,
- 35:44out of the box denken und handeln würde und sagen würde, okay, ich habe verstanden.
- 35:50Ich bin hier für eine Legislatur gewählt, ich werde nicht wiedergewählt werden,
- 35:52ich will auch gar nicht wiedergewählt werden.
- 35:55Ich ziehe das jetzt mit der SPD durch, in der Hoffnung, dass die auch begreifen,
- 35:58dass wir die letzte Patrone sind. Und jetzt machen wir das, was wir für richtig halten.
- 36:01Und am Ende wird abgerechnet und bis dahin haltet ihr alle die Klappe.
- 36:05Ich denke, das wäre... Aber da müsste er sagen, ich trete ihn nicht wieder an.
- 36:10Das müsste er draus tun. Er ist jetzt 71, das ist auch voll okay,
- 36:13wenn er nicht nochmal antritt, warum soll er das machen?
- 36:16Ich bin auch der Meinung, ich habe das sogar schon mal geschrieben,
- 36:18dass das eigentlich die Lösung wäre, weil jetzt ist eh egal,
- 36:21wiedergewählt an der Urne wird der Mann, glaube ich, nicht mehr.
- 36:24Aber er darf das nicht sagen, dann ist lame duck, das wissen sie.
- 36:28Das funktioniert, nein, er muss diese Politik, die er machen will,
- 36:32was er für Reformen hält, was ich für keine Reformen halte, aber egal,
- 36:36muss er durchziehen, er kann das mit der SPD machen, weil die SPD macht sowieso
- 36:40alles mit, weil sie praktisch froh ist, dass man überhaupt noch über sie spricht
- 36:44und das muss er quasi durchziehen bis zu dem Punkt, wo es dann irgendwann darum
- 36:47geht, wer tritt eigentlich für die nächste Wahl an und dann sagt er,
- 36:50wann macht man das, ein Dreivierteljahr vorher, ein Jahr vorher irgendwie so,
- 36:53sagt er dann so, und ich trete übrigens nicht mehr an. An dem Zeitpunkt sind
- 36:56wir jetzt aber noch nicht.
- 36:5828 müsste er dann sagen, ich trete nicht nochmal an. Wenn das jetzt macht, ist es zu früh.
- 37:03Augstein, aber vorher machen wir noch ein paar Podcasts. Nach diesem Sonderpodcast
- 37:08gibt es den normalen Podcast. Und der ist noch klüger, noch breiter,
- 37:11noch besser. Auf Wiedersehen.